Die Ethnisierung und europäische Kolonialherrschaft in Rwanda/Burundi


Seminararbeit, 2006
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Ethnisierung in Rwanda/Burundi

III. Europäische Kolonialherrschaft in Rwanda/Burundi
III. 1. Deutsche Kolonialherrschaft (1885 - 1916)
III. 2. Belgische Kolonialherrschaft (1916 - 1959)

IV. Fazit

V. Verwendete Literatur

I. Einleitung

Afrika wird vielfach als der „vergessene Kontinent“ bezeichnet. Die 13 % der Weltbevölkerung, die in Afrika leben, sind von den globalen Waren-, Informations- und Geldströmen weitgehend abgeschnitten. Im östlichen Teil des Kontinentes befindet sich zwar eins der kleinsten Länder, doch wird spätestens seit 1994 Rwanda, das Land der „tausend Hügel“,1 nicht mehr schnell in Vergessenheit geraten. Das Ausmaß des Genozids von circa 800.000 Toten war innerhalb eines Zeitraumes von nur zwei Monaten für die ganze Welt zu tiefst erschreckend. Dabei stellt so manch einer sich doch die Frage, wie der Völkermord begangen werden konnte, während der Rest der Welt davor die Augen verschloss. Um den Konflikt-ursachen angemessen auf den Grund gehen zu können, muss man mit der Geschichte des Landes und dessen Bewohner beginnen.

Die vorliegende Arbeit behandelt die Ethnisierung Rwandas/Burundis und die Kolonial- herrschaft unter den Deutschen und Belgiern. Ihr Ziel besteht vor allem darin, der begrifflichen Prägung von „Hutu“ und „Tutsi“ auf den Grund zu gehen (auch wenn eine ethymologische Deutung dabei außen vorbleiben muss), sowie die Auswirkungen der Kolonialzeit auf die Entwicklung des Landes und das Bewusstsein seiner Bewohner darzulegen. Zur Quellenlage lässt sich anmerken, dass innerhalb der Geschichtsschreibung ein grund- legendes Problem besteht: Da in Rwanda keine indigne Schriftkultur vorhanden war, gibt es auch kein versschriftliches Material. Stattdessen muss man sich mit dünnen archäologischen Ausgrabungen und mündlichen Überlieferungen zufrieden geben. Die Mutmaßungen der Europäer gingen dabei mit den genealogischen Erzählungen von beispielsweise Tutsi - Historikern, welche die Vorstellung ihrer Überlegenheit begrüßten, Hand in Hand. Dadurch entstanden vielfach verzerrte Geschichtsbilder.2 Dies zeigt sich vor allem bei der Rekonstruktion der Ethnisierung Rwandas.

II. Ethnisierung in Rwanda/Burundi

Die Besiedlung der Region der Großen Seen in Ostafrika durch die Vorfahren der Menschen, welche man bis heute als „Hutu“, „Tutsi“ und „Twa“3 kennt, fand - insofern dies den Quellen zu entnehmen ist - über einen Zeitraum von 2000 Jahren statt.4 Demnach stellen die Twa, ein Pygmäenvolk von Jägern und Sammlern, die Ureinwohner des heutigen Rwandas und Burundis dar.5

Zwischen 400 und 300 v. Chr. ließen sich dort auch eingewanderte Bantu - Stämme nieder, welche die Stammväter der Hutu waren. Sie beherrschten neben ihrer Haupttätigkeit im Ackerbau, auch die Züchtung von Großvieh und die Verarbeitung von Eisen. Vor allem aber gelten sie als Träger der eigentlichen Sprache Rwandas, des Kinyarwandas.6 Über ihre genaue Herkunft herrschen allerdings Unklarheiten,7 wobei Heeger8 und Scholl - Latour9 weitgehend in der Annahme übereinstimmen, dass die Hutu aus dem Westen, vermutlich aus Kamerun, nach Zentral- und Südafrika eingewandert waren.

Eine zweite Immigrationswelle anderer Bantu soll dann zwischen 1000 und 1100 n.Chr. statt- gefunden haben. Durch ihre Niederlassung kam es schließlich zu einer weitgehenden Ver- drängung der Twa in die abgelegenen Wald- und Bergregionen, was sich spätestens in einer Volkszählung von 1933/34 prozentual manifestierte. Dabei hielten die belgischen Kolonialherren als bürokratische Maßnahme die Identität der rwandischen Bevölkerung dauerhaft einem Pass fest. Entscheidend dabei war vorwiegend die Gruppenzugehörigkeit des Vaters, aber auch der Viehbestand. Die Registrierung in Rwanda ergab folgende Zahlen: 85% Hutu, 14% Tutsi und nur 1% Twa.10 Auch wenn ein Wechsel von einer Gruppe zu anderen nicht absolut unmöglich war, so wurde er dennoch erheblich erschwert. Die Konsequenzen dieses Vorgangs zeigten sich spätestens 1994.

Äußerst ungewiss sind die Behauptungen bezüglich des territorialen Ursprungs und der zeitlichen Ansiedlung der Tutsigruppe in Rwanda und Burundi.11 Fest steht nur, dass es auch hier wieder mehrere Einwanderungsschübe gab und sie vorwiegend in der Viehzucht beschäftigt waren.12 Laut Heeger liegen die Daten ihrer zeitlichen Ankunft irgendwann zwischen dem 11. und dem 16. Jahrhundert.13 Bei der Aufschlüsselung ihrer Herkunft ist besondere Skepsis gefragt. Ein Ansatz besagt, dass diese Hirtenvölker ursprünglich aus dem Kaukasus stammten und über das Rote Meer nach Ägypten und Äthiopien nach Zentralafrika eingewandert waren.14 Die Tutsi sind dem nach vom Kreis der Hutu zu separieren, worauf auch ihre unterschiedlichen physiognomischen Merkmale hinweisen sollen. So sagte man einem Tutsi eine hellere Haut, eine Körpergröße von oft zwei Metern, kantig geschnittene Profile und eine schmale Nase nach. Einem Hutu schrieb man dagegen die Attribute einer dunkleren Haut, einer geringeren Körpergröße und einer breiteren Nase zu.15

Retrospektiv dazu besagt die Hamiten - Hypothese, dass die Gruppe der Tutsi einen Evolutionsprozess durchlaufen haben muss, welcher als Resultat eine zunehmend dunklere Hautfarbe mit sich brachte. Demnach gehören sie: „(...) einer ursprünglich weißen, dann jedoch „degenerierten“ Rasse zunehmend dunklerer Hautfarbe an und schränkte den Namen ›Hamiten‹ auf diese Rasse ein, die dank ihrer genetischen Herkunft, trotz ihrer Hautfarbe, von schwarzen Wilden und Barbaren unterscheidbar sein sollte.“.16

Gemäß Coquio, die über diese Theorie von Joseph - Arthur de Gobineau schrieb, „erlaubt“ sie eine eigentümliche Doppelung: „Unter den Schwarzen, die das Andere der Weißen sind, gibt es solche, die nur an der Oberfläche Schwarze sind, die also - wie immer auch „degeneriert“ - an der einen, europäisch - zentralasiatischen Kultur teilhaben.“.17

Peter Scholl - Latours „Afrikanische Totenklage“ gibt Aufschluss darüber, dass sowohl der zitierte belgische Richter Anatole, sowie Scholl - Latour selbst zu einer der letzten Verfechter dieser Hypothese gehört: „Ich weiß“, ereifert sich Anatole, „es gibt da ein paar Klugscheißer, die behaupten, der rassische Unterschied zwischen Bantu einerseits, Niloten, Äthiopiern, Kuschiten, Hamiten, oder wie man sie immer nennen will, andererseits, sei eine bösartige Erfindung der Kolonialisten. Aber fragen sie doch die Schwarzen selbst. Die haben einen sicheren Instinkt für die uralten ethnischen Strukturen, die in der präkolonialen Zeit über Herrschaft und Versklavung entschieden.“.18

Ob man bei den Begriffen „Hutu“ beziehungsweise „Tutsi“ allerdings von ursprünglich unter- schiedlichen ethnischen Zugehörigkeiten oder gar „Rassen“19 sprechen kann, ist aufgrund des mangelnden Beweismaterials als eine voreilige Schlussfolgerung dahingestellt. Weniger Zweifel besteht dagegen daran, dass diese Begriffe einen Bedeutungswandel durchliefen: Anfangs handelte es sich um die Zugehörigkeit zu einem sozialen Kreis, welcher sich durch die Tätigkeit,20 die Lineage,21 die Region und den Clan unterschied und in den folgenden Jahren mit der Expansion des Königreiches zu einer politischen Zuschreibung wurde und das Kriterium vielmehr Machtausübung war.22 Demnach wurde Rwanda von Viehzüchtern (Tutsi) beherrscht, aus welchen der Sultan von Rwanda (der Mwami), die Königin Mutter und auch die Krieger der Armee hervorgingen. Die meisten Distrikt- und Hügelchefs waren jedoch Hutu und Twa.23 Neben den Ehen innerhalb der Tutsi- oder Hutugruppe24 gab es auch interethnische Heiraten, wodurch es auch zu einer Vermischung von Hutu und Tutsi kam.25 Die Praxis für die Ämtervergabe war aber gänzlich abhängig vom Mwami und variierte damit auch beliebig zwischen Hutu, Tutsi und Twa. Somit entwickelte sich die Gesellschaft auf der Grundlage einer Symbiose der Viehzucht mit dem Hirseanbau der Hutu, deren gesellschaftliche Arbeitsteilung zugleich auch die Grundlage der Herrschaftsverhältnisse wurde.

[...]


1 Scholl - Latour, S. 55.

2 Vgl. Des Forges, S. 61.

3 Nach Stockhammer, S. 83 dient das Präfix ba- beziehungsweise mu- zur Unterscheidung zwischen den Menschen in der Mehrzahl vom Menschen als einzelne Person.

4 Vgl. Des Forges, S. 55.

5 Vgl. ebd., S. 58.

6 Vgl. ebd., S. 55.

7 Vgl. ebd., S. 14: „Es gibt jedoch keine Anzeichen dafür, daß eine dieser Gruppen von anderswoher nach Ruanda eingewandert ist.“.

8 Vgl. Heeger, in: Harding, S. 13.

9 Vgl. Scholl - Latour, S. 57f.

10 Stockhammer, S. 18; Des Forges, S. 63 und Scholl - Latour, S. 57f.

11 Vgl. Heeger, S. 14.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. ebd.

14 Siehe Anhang 1, S. 16.

15 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Tutsi: „Die Tutsi sind eine in den ostafrikanischen Staaten Ruanda und Burundi sowie im östlichen Grenzgebiet der Demokratischen Republik Kongo lebende Volksgruppe. [...] Als die geschichtlich spätesten Ankömmlinge, wurden die Tusti von den Kolonialherren in Rwanda bei ihrer Herr- schaftsausübung unterstützt. Die Unterscheidung zwischen Hutu und Tutsi begann unter den Belgiern. Sie trennten die Bevölkerungsgruppen nach rassistischen Motiven auf. Leute mit schmäleren Nasen und hellerer Haut wurden Tutsi, solche mit breiteren Nasen und dunklerer Haut Hutu. Die Hutu gehörten mehr zur Arbeits-klasse, obwohl sie die Mehrheit darstellten.“. Abbildungen zu Twa, Hutu und Tutsi finden sich in Anhang 2, S. 17.

16 Coquio, Catherine: Rwanda 1894 - 1994: un exotisme colonial aux sources d’une idéologie génocidaire : le mythe hamitique. In: Guy Ducrey/Jean-Marc Moura (Hg.): Crise fin-de-siècle et tentation de l’exotisme, Lille (Ceges) 2002, S. 208. Nach Stockhammer, S. 15.

17 Ebd. Nach ebd.

18 Scholl - Latour, S. 44.

19 Ebd., S. 59.

20 Vgl. Des Forges, S. 57.

21 Gemeint ist an dieser Stelle die Abstammungsgruppe. Vgl. Heeger, S. 14.

22 Vgl. ebd., Kapitel: Die Begriffe Hutu und Tutsi in der vorkolonialen Zeit, S. 18 - 20.

23 Vgl. ebd., S. 19.

24 Alison Des Forges nennt diesen Aspekt als Ursache für die physischen Übereinstimmungen innerhalb der einzelnen Gruppe auf Seite 57.

25 Vgl. ebd., S. 58.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Ethnisierung und europäische Kolonialherrschaft in Rwanda/Burundi
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Heart of Darkness?
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V151031
ISBN (eBook)
9783640626670
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Anhang wird hier nicht mitgeliefert.
Schlagworte
Ethnisierung Rwanda/Burundis, Deutsche Kolonialherrschaft, Belgische Kolonialherrschaft, Hutu, Tutsi, Twa, Genozid in Rwanda/Burundi, Kolonialpolitik in Afrika, König Yuhi V. Musinga, Mutara III., Rudahigwa, Huturevolution, Gouverneur Gustav Adolf Graf von Götzen, Völkermord in Ruanda
Arbeit zitieren
Diana Ingeborg Klein (Autor), 2006, Die Ethnisierung und europäische Kolonialherrschaft in Rwanda/Burundi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151031

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