Ethnologische Sammlungen, Naturkundemuseen, Kunst- und Heimatmuseen und universitäre Sammlungen – sie alle lagern hierzulande Millionen getrocknete Pflanzen, tote Tiere und Ethnografica aus dem außereuropäischen Raum, welche zum größten Teil um 1900 hier her verbracht wurden und um welche derzeit eine wiederkehrende Debatte aufgeflammt ist. Unter dem Schlagwort der Restitutionsdebatte werden vor allem Fragen laut, unter welchen, meist fragwürdigen, Umständen die Artefakte nach Europa kamen, wie die Verbringung im historischen Kontext des Kolonialismus zu bewerten ist und vor allem, wie man heute mit ihnen umgehen kann und muss. Denn zum Einen handelt es sich bei den Relikten oftmals um Dinge, welche das Publikum als Zeugnisse vergangener Unrechtskontexte mit der eigenen Geschichte auf unangenehme Weise konfrontieren, so sind sie in vielen Fällen die Überbleibsel längst ausgestorbener Kulturen, und zum Anderen ist ihre Zurschaustellung in europäischen Museen oftmals an Fragen nach dem legitimen Besitz verknüpft, welche ihre Verbringung mit sich brachte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sensible Dinge
3. Transkontinentale Perspektive der Restitution
3.1 Verantwortung
3.2 Rechtliche Grundlagen der Restitution international und national
3.3 Cultural heritage, cultural property und shared heritage
3.4 Das Stigma der Restitution
4. Restitution am Beispiel Luf-Boot
4.1 Begründung der Auswahl
4.2 Herkunft und Vorgeschichte des Luf-Bootes
4.3 Koloniales Wirken der Deutschen auf Luf
4.4 Wohin gehört das Luf-Boot?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik der Restitution von Objekten aus kolonialen Kontexten, die in ethnologischen Sammlungen und Museen aufbewahrt werden, und analysiert dabei anhand des Beispiels des Luf-Bootes die komplexen juristischen, moralischen und politischen Herausforderungen, die mit der Rückgabe sensibler Kulturgüter verbunden sind.
- Restitutionsdebatte im transkontinentalen Kontext
- Rechtliche versus moralische Ansprüche bei der Rückforderung von Kulturgut
- Die Kategorie der sensiblen Dinge und deren Bedeutung für die Aufarbeitung
- Shared Heritage versus Eigentumsrechte und Provenienzforschung
Auszug aus dem Buch
3.3 Cultural heritage, cultural property und shared heritage
Wie die Professorin für Ethnologie der Universität Göttingen, Brigitta Hauser-Schäüblin, in ihrem Beitrag „Provenienzforschung zwischen politisierter Wahrheitsfindung und systemischen Ablenkungsmanöver“ richtiggehend feststellt, verwenden die WissenschaftlerInnen, welche sich in die Restitutionsdebatte einbringen, in ihren Texten und Konzepten meist Begriffe aus der AktivistInnensprache und der politischen Diskussion. Diese unterscheiden sich zu den Begriffen der Rechtsprechung, indem sie die Dimensionen der Ethik und Moral einschließen. Beispielsweise sprechen Felwine Sarr und Bénédicte Savoy nicht analog zur UNESCO von „Kulturgut“ (biens culturel/ cultural property), sondern „afrikanischen kulturellen Erbe“ (patrimoine culturel africain/ cultural heritage). Dahinter stehen, wie bereits erarbeitet, juristische Überlegungen. Dem Völkerrecht folgend befasst sich der Begriff cultural property vor allem mit den Rechten des Eigentümers und klammert aus, wie dieser Eigentümer in den Besitz des Kulturgutes gelangt ist. Cultural property ist dabei wie folgt definiert:
„Cultural property‘ means property which, on religious or secular grounds, is specifically designated by each State as being of importance for archaeology, prehistory, history, literature, art or science [ . . ].“
Im Gegensatz zum rechtlichen Konzept des cultural property ist der Begriff cultural heritage ein policy-Begriff, welcher nicht die Herkunft und Gegenwart sondern die zukünftigen NutzerInnen und ErbInnen des Gegenstandes einfasst und seinen Schutz für nachfolgende Generationen gewährleisten soll: „Im Prinzip ist dies die Weltöffentlichkeit, also jedermann und jedefrau.“ Das Verständnis von (Welt-)Kultur(Erbe) schränkt die Rechte des Eigentümers im Vergleich zum Verständnis des cultural property ein, da auch andere Personenkreise Zugang zum Erbe erhalten. Cultural heritage unterliegt dabei dem normativen Verständnis, dass dem Erbe ein Erblasser voraus gesetzt ist. Dieses Common-sense-Verständnis von Erbe ist an die Biologie angelehnt: Die ProtagonistInnen, welche sich für eine umfassende Restitution von Kulturgütern aussprechen, verstehen cultural heritage analog zum biologischen Erbe von Genen, welche über Generationen weitergegeben werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die aktuelle Restitutionsdebatte ein und erläutert die Relevanz der Untersuchung von als "sensibel" eingestuften Objekten aus kolonialen Kontexten.
2. Sensible Dinge: Dieses Kapitel definiert den Begriff "sensible Dinge" als komplexe Kategorie, die unter anderem human remains und sakrale Objekte umfasst, und verdeutlicht, warum diese Objekte einen besonderen Umgang erfordern.
3. Transkontinentale Perspektive der Restitution: Das dritte Kapitel analysiert die politische Debatte, rechtliche Rahmenbedingungen sowie die begrifflichen Differenzierungen zwischen Kulturgut und kulturellem Erbe im Kontext der Restitution.
4. Restitution am Beispiel Luf-Boot: Dieses Kapitel prüft an dem spezifischen Fall des "Luf-Bootes" die koloniale Erwerbsgeschichte, das deutsche Handeln und die daraus resultierenden Implikationen für eine mögliche Rückgabe.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und betont, dass die Restitutionsdebatte trotz erster Fortschritte eine andauernde und komplexe Herausforderung bleibt, bei der moralische Aspekte oft mit rechtlichen Unklarheiten kollidieren.
Schlüsselwörter
Restitution, Kolonialismus, Sensible Dinge, Provenienzforschung, Luf-Boot, Cultural Heritage, Cultural Property, Shared Heritage, Museen, Koloniale Raubkunst, Human Remains, Eigentumsrecht, Recht und Moral, Deutschland, Ethnologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Restitutionsdebatte, also der Frage nach der Rückgabe von Kulturgütern und menschlichen Überresten, die während der Kolonialzeit aus ihren Herkunftsregionen in europäische Museen verbracht wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition "sensibler Objekte", den rechtlichen und ethischen Spannungsfeldern der Restitution, Konzepten wie "Shared Heritage" sowie der kritischen Aufarbeitung der kolonialen Erwerbspraktiken am Beispiel eines konkreten Artefakts.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel besteht darin, die Komplexität und die verschiedenen Perspektiven der Restitutionsdebatte zu durchleuchten und zu analysieren, warum der Umgang mit sensiblen Beständen in öffentlichen Sammlungen weiterhin so schwierig und kontrovers bleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse aktueller Debatten, rechtlicher Grundlagen und Fallbeispiele, um die Argumentationslinien verschiedener Akteure (von Museen bis hin zu Aktivisten) kritisch gegenüberzustellen und einzuordnen.
Was wird primär im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst theoretisch erläutert, was "sensible Dinge" auszeichnet, bevor das Luf-Boot als zentrale Fallstudie dient, um die Diskrepanz zwischen kolonialer Geschichte und dem aktuellen Umgang der Institutionen mit diesen Objekten aufzuzeigen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Charakterisierende Begriffe sind unter anderem Restitution, Provenienzforschung, kolonialer Kontext, Shared Heritage, kulturelles Eigentum (cultural property) und die kritische Auseinandersetzung mit historischer Gewalt.
Warum wird das Luf-Boot als ein zentrales Fallbeispiel gewählt?
Es dient als Paradestück des Humboldt Forums, dessen umstrittene Provenienz und die koloniale Gewalttätigkeit, die mit seiner Aneignung verknüpft ist, die allgemeine Problematik der Musealisierung von Raubkunst besonders greifbar machen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor in Bezug auf die Zukunft der Restitution?
Der Autor schlussfolgert, dass die Aufarbeitung durch die Museen oft schleppend verläuft und von einem Wunsch nach Erhalt der Bestände geprägt ist, wobei eine unabhängige Provenienzforschung und ein Einbezug der Herkunftsgesellschaften unabdingbar für einen transparenten Prozess sind.
- Citation du texte
- Oliver Kölbel (Auteur), 2022, Transnationale Perspektiven auf Restitution. Zum Umgang mit sensiblen Dingen aus kolonialem Kontext, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1512164