In diesem Aufsatz soll das konzeptionelle Potential des Habituskonzepts für die Kriminologie erörtert werden. Hierfür wird der Habitus einführend als Ungleichheitsmechanismus vorgestellt. Anschließend werden die drei zuvor genannten Beiträge in ihren wichtigsten Kernpunkten und Unterschieden erläutert. Auf dieser Grundlage werden die Chancen und Grenzen des Habitus für die Erklärung von Kriminalität erarbeitet. Im Fazit folgt eine kritische Einordnung der Ergebnisse.
Während Bourdieus Habitus längst zu einem ‚Klassiker‘ der Ungleichheitsforschung avanciert ist, bleibt seine Anwendung in vielen anderen (wenn auch verwandten) Fachgebieten der Sozialwissenschaften aus. Die Anzahl nennenswerter Zeitschriften- bzw. Sammelbandbeiträge, die den Versuch vornehmen, eine kriminologische Adaption der Habitustheorie voranzutreiben, beläuft sich auf drei Stück: Alan France (2015) zeigt anhand eigener Felderfahrungen exemplarisch auf, inwiefern die Habitustheorie das kriminelle Verhalten Jugendlicher erklären kann. Shammas und Sandberg (2016) arbeiten eine bourdieusche Kriminalitätstheorie heraus, in welcher der Habitus einen wichtigen konzeptionellen Baustein darstellt. In einem ähnlichen Vorhaben betont zuletzt Prieur (2018) aus kulturtheoretischer Sicht die mediatorische Rolle von Emotionen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Bourdieus Habitus
3 Habitus und Kriminalität
3.1 Konzeptionelle Anwendungen und Erweiterungen in der Kriminologie
3.1.1 Kriminologie der politischen Ökologie
3.1.2 Street Field und Street Habitus
3.1.3 Emotionen in der kulturellen Kriminologie
3.2 Grenzen und Chancen des Habituskonzepts für die Kriminologie
3.2.1 Determinismuskritik
3.2.2 Konzeptionelle Unschärfe
3.2.3 Methodologische Anwendbarkeit
3.2.4 Konzeptionelle Einbettung
3.2.5 Integratives Potential
4 Reflexion und Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Potenzial von Pierre Bourdieus Habitustheorie als Erklärungsansatz für kriminelles Verhalten innerhalb der Kriminologie. Das primäre Ziel besteht darin, konzeptionelle Adaptionen des Habituskonzepts kritisch zu analysieren, um dessen Tauglichkeit zur Überbrückung der Kluft zwischen Struktur und Agency zu bewerten und dabei gleichzeitig theoretische sowie methodische Grenzen aufzuzeigen.
- Habitus als Ungleichheitsmechanismus und dessen Übertragung auf Kriminologie
- Analyse aktueller Ansätze: Kriminologie der politischen Ökologie, Street Field/Habitus und Emotionsforschung
- Kritische Auseinandersetzung mit Determinismusvorwürfen und konzeptioneller Unschärfe
- Methodologische Herausforderungen bei der Operationalisierung des Habitus
- Integratives Potenzial durch Verbindung mit anderen Theorietraditionen
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Street Field und Street Habitus
Ein Jahr später kommen Shammas und Sandberg (2016) dieser Aufforderung unwissentlich nach und integrieren dabei Bourdieus Habitus-, Feld- und Kapitaltheorie. Der Zeitschriftenbeitrag „Habitus, Capital, and Conflict: Bringing Bourdieusian Field Theory To Criminology“ erscheint wohlgemerkt ohne Referenz Frances Beitrag. Aufgrund des ähnlichen Publikationszeitraums wussten die Autoren vermutlich nicht von ihren ähnlichen Vorhaben.
Shammas und Sandberg ergänzen Bourdieus Feldtheorie um das Feld der Straße. Der Begriff „Street Field“ ist dabei nicht ausschließlich metaphorisch zu deuten. Das Feld der Straße kann nämlich nicht physisch beschränkt werden (Shammas und Sandberg 2016, S. 207). Es ist eher zu verstehen als sozialer Raum, in dem kriminelle Praxis systematisch stattfindet und (ko-)konstituiert wird:
„Action [in the Street Field] revolves around the prizes, in the broadest sense of the term (including economic remunerations, social honor, and ontological security), available to those willing to engage in the social game of criminal deviance. Not everyone is able or predisposed to engage in this game, but there are certain rewards and penalties available to those who are.” (Shammas und Sandberg 2016, S. 201)
Es wird deutlich, dass die Autoren der kontextuellen Gebundenheit von menschlicher Agency in einem breiten sozialstrukturellen Kontext (den France politische Ökologie nennt) ebenfalls einen außerordentliche konzeptuell-analytischen Stellenwert einräumen. Durch die feldtheoretische Einbettung krimineller Handlungen weisen sie zusätzlich explizit auf die konfliktäre Beschaffenheit sozialer Räume, in denen Akteure um Ressourcen und Machtpositionen kämpfen, hin (Shammas und Sandberg 2016, S. 200–201). Als Ressourcen in einem solchen Machtspiel dient das „Social Street Capital“ (soziale Netzwerke) einerseits und das „Street Capital“ andererseits. Letzteres fungiert als kulturelles Kapital der metaphorischen ‚Straße‘ und bezeichnet diejenigen Fähigkeiten, Werten und Normen, die für das erfolgreiche Bestreiten des Alltages erforderlich sind (Shammas und Sandberg 2016, S. 205–207).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung spezifiziert die Forschungsfrage nach dem Potenzial bourdieuscher Konzepte für die Kriminologie und führt den Habitus als theoretisches Bindeglied zwischen Struktur und Agency ein.
2 Bourdieus Habitus: Dieses Kapitel erläutert das Kernkonzept des Habitus als System dauerhafter Dispositionen und seine Funktion als Ungleichheitsmechanismus im Rahmen einer praxeologischen Gesellschaftstheorie.
3 Habitus und Kriminalität: Hier werden spezifische kriminologische Adaptionen analysiert, deren konzeptionelle Grenzen aufgezeigt und Möglichkeiten für eine theoretische Integration diskutiert.
4 Reflexion und Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Habitustheorie zwar erkenntnisreich ist, sich aber aufgrund konzeptioneller Schwächen und methodischer Hürden nur schwer als universeller Erklärungsansatz für Kriminalität etablieren kann.
Schlüsselwörter
Habitus, Kriminologie, Bourdieus Gesellschaftstheorie, Struktur-Agency-Problem, Kriminalitätsursachen, Street Habitus, Kapitaltheorie, Feldtheorie, Sozialisation, Kriminalitätsvererbung, symbolisches Kapital, Reflexivität, Determinismuskritik, Street Field, Habitushermeneutik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Eignung von Pierre Bourdieus Theorie der Habitusformation, um kriminelles Verhalten wissenschaftlich zu erklären und dabei die Wechselwirkung zwischen individueller Handlung und sozialen Strukturen zu erfassen.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Studie?
Gegenstand sind die Übertragung von Ungleichheitsforschung auf die Kriminologie, die Analyse spezifischer Fachbeiträge zur Habitus-Adaption sowie die methodologische und konzeptionelle Problematisierung dieses Vorhabens.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach dem konzeptionellen Potenzial des Habituskonzepts für die Kriminologie, insbesondere in Bezug auf die Erklärung von Kriminalität und die Überwindung des Struktur-Agency-Problems.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretisch-kritische Analyse, die bestehende wissenschaftliche Literatur und kriminologische Adaptionen von Bourdieu sichtet, vergleicht und einer systematischen Reflexion unterzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung dreier maßgeblicher kriminologischer Ansätze (Politische Ökologie, Street Field-Theorie, kulturkriminelle Emotionsforschung) sowie eine kritische Bewertung hinsichtlich Determinismus, methodischer Messbarkeit und konzeptioneller Einbettung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind der Habitus selbst, Kriminalitätstheorie, Kapitalformen (Street Capital), soziale Felder sowie die Auseinandersetzung mit Determinismus und Agency.
Welche Bedeutung kommt dem "Street Habitus" innerhalb der Arbeit zu?
Das Konzept des Street Habitus dient laut Shammas und Sandberg dazu, die feldinternen Regeln und Logiken der "Straße" als stabilen Verhaltensrepertoire zu erklären, was Resozialisierungsprozesse erschweren kann.
Warum konnte sich Bourdieus Theorie laut der Autorin nicht als Standard in der Kriminologie durchsetzen?
Als Gründe nennt die Autorin weniger den Anwendungsbereich selbst, sondern vielmehr die inhärenten Unschärfen und konzeptionellen Schwächen der Ursprungstheorie, insbesondere bei der Beschreibung der Habitusgenese.
Wird im Dokument eine Lösung für das "Struktur-Agency-Problem" angeboten?
Die Autorin stellt fest, dass der Habitus als analytische Brücke dienen könnte. Sie zeigt jedoch auf, dass auch diese Theorie an ihre Grenzen stößt und das Problem bisher nicht abschließend für die kriminologische Forschung gelöst hat.
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- Anonym (Author), 2024, Bourdieus Habitus als Erklärungsansatz für Kriminalität. Kriminologische Adaptionsversuche, ihre Chancen und Schwächen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1513263