Die Darstellung des Risorgimento in Luchino Viscontis "Il gattopardo"


Hausarbeit, 2008
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der tote Soldat im Garten

2. Der Fürst

3. Tancredi

4. Calogero Sedara

5. Das Plebiszit

6. Garibaldi und die Rothemden

7. Zusammenfassung: Darstellung des Risorgimento

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Film Il gattopardo von Luchino Visconti wurde 1963 gedreht und basiert auf der gleichnami­gen Romanvorlage von Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Das zentrale Thema die­ses Films ist das Risorgimento. Es wird aus der Perspektive des Fürsten Fabrizio erzählt, der das Oberhaupt der Fürstenfamilie von Salina ist. Angesichts der Veränderungen, die das Risorgi­mento mit sich bringt, realisiert er den Untergang seiner Klasse. Der Film spielt in der Zeit von Mai 1860 bis November 1862.

In dieser Hausarbeit soll untersucht werden, wie das Risorgimento in Il gattopardo dargestellt wird. Diese Untersuchung soll so erfolgen, dass die wichtigsten Charaktere analysiert und damit ihre spezifischen Perspektiven auf das Risorgimento erfasst werden. Außerdem werden einzelne wichtige Szenen aus dem Film herausgenommen und auf ihren Risorgimento-Bezug hin untersucht. Die zentrale Fragestellung ist, ob sich in Sizilien etwas an der sozialen, wirtschaftli­chen oder politischen Lage verbessert hat, oder nicht. Worauf in der Hausarbeit nicht eingegangen wird, ist die Lage der Kirche und der Klöster in der Zeit des Risorgimento.

Die in der Arbeit wiedergegebenen Filmzitate stammen entweder aus „Der Leopard“ von Luchino Visconti (er­schienen bei Süddeutsche Zeitung Cinemathek, München 2005) oder aus dem in „Il film ‘Il gatto­pardo’ e la regia di Luchino Visconti“ enthaltenen Drehbuch (a cura di Suso Cecchi d’Amico, Rocca San Casciano: Cappelli, 1963). Es bestehen teilweise Unterschiede zwischen dem Drehbuchtext und dem im Film gesprochen Text. Wann immer es die Sprechgeschwindigkeit zuließ, habe ich wörtlich aus dem Film zitiert, andernfalls aus dem Drehbuch.

1. Der tote Soldat im Garten

Der Film beginnt damit, dass die Fürstenfamilie bei ihrem Rosenkranzgebet gestört wird, weil von draußen Lärm zu hören ist. Der Grund für diesen Lärm ist: Im Garten des Anwe­sens der Corberas ist ein toter bourbonischer Soldat gefunden worden. Kurz danach bringt ein Diener dem Fürsten einen Brief von seinem Schwager. Diesem liegt ein Zeitungsartikel bei, der meldet, dass am 11.05.1860 die Truppen Garibaldis in Marsala gelandet seien.

Der Tote im Garten stellt bildhaft das Eindringen der politischen Umbrüche in das Privatleben der Fürstenfamilie dar. Besonders eindringlich wird die Störung des Familienlebens dadurch, da sie bei etwas so Intimen wie dem gemeinsamen Gebet unterbrochen wird. Den Aufruhr, der nun im Haus entsteht und der durch den hysterischen Anfall der Fürstin noch verstärkt wird, kann man als einen Vorboten für die nun bald folgenden Veränderungen verstehen. Unterstri­chen wird dies durch die Aussage Pater Pirrones: „È la rivoluzione“ (Kap. 2).

2. Der Fürst

Fabrizio Corbera di Salina, der gattopardo als den er sich selbst begreift, ist eine Autoritätsper­son. Er liebt seinen Neffen Tancredi sehr. Dies wird deutlich wenn Pater Pirrone auf der Fahrt nach Palermo zum Fürsten sagt, Tancredi müsse vorsichtig sein, mit wem er sich treffe und mit wem er befreundet sei. Der Fürst erwidert daraufhin ärgerlich: “La colpa, padre, non è affatto di don Tancredi, ma solamente dei tempi. Oggi un giovane di buona famiglia non è libero nemmeno di fare una partita a carte senza inciampare in amicizie compromettenti e pericolose.” (Kap. 3)

Auch die Art, in der er im vierten Filmkapitel mit Tancredi spricht, macht deut­lich, dass er ihn sehr mag und seine Vorhaben unterstützt. Zunächst reagiert er wütend und empört darauf, dass Tancredi sich den Garibaldinern anschließen will, doch dann erkennt er Tancredis Argumentation an und gibt ihm sogar Geld, bevor Tancredi sich verabschie­det, um an den Kämpfen teilzunehmen.

Was der Fürst über die revolutionären Ereignisse denkt, lässt sich folgendermaßen zusammenfas­sen: Er hofft, dass alles so bleibt, wie es ist. Er möchte nicht, dass die Dinge sich än­dern, aber gleichzeitig weiß er, dass mit der Revolution die Aristokratie untergehen wird.

Nach der Volksabstimmung legt der Fürst Don Ciccio seine Meinung wie folgt dar und erklärt, wa­rum er für die Angliederung an Italien gestimmt hat und dies auch jenen, die ihn um Rat gefragt haben, empfohlen hat: „…l’unico e urgente rimedio all’anarchia era questo plebiscito. Credetemi, per tutti noi è questo il male minore… […] Qualche piccola cosa doveva pure cambiare … perché tutto restasse com’era.” (S. 88 f.)

Für den Fürsten ist also vor allem eine „Schadensbegrenzung“ wichtig. Nun stellt sich die Frage, ob er es denn nicht unterstützen würde, dass die Armut und das Elend in Sizilien ein Ende haben. Doch bezüglich Veränderungen in Sizilien hat Don Fabrizio eine ganz eigene Theorie. Diese erklärt er Chevalley, einem Vertreter der neuen Regierung, der aus Turin gekom­men ist, um dem Fürsten einen Senatorensitz im Parlament des geeinten Italiens anzubie­ten: Don Fabrizio schlägt dieses Angebot mit folgenden Worten aus: „Sono un rappresentante della vecchia classe, e appartengo ad una generazione disgraziata, a cavallo fra i vecchi tempi e i nuovi che si trova a disagio in tutti e due.” (S. 121 f.) Stattdessen schlägt er Chevalley Calo­gero Sedara als Senatoren vor. Chevalley antwortet, wenn Leute ohne Skrupel wie Se­dara an die Macht kämen, würde sich nie etwas ändern in Sizilien. Es würde sich sowieso nie etwas zum Besseren verändern in Sizilien, entgegnet der Fürst und erklärt dies mit dem We­sen Siziliens und der Sizilianer: Seit 2500 Jahren seien verschiedene Kulturen von außen gekom­men, nie hätten die Sizilianer selbst den Ton angeben können und nun seien sie müde und leer. Weiter sagt der Fürst, dass die Sizilianer schlafen wollten und dass sie jeden hassen würden, der sie weckte, selbst wenn er die schönsten Geschenke brächte. (Kap. 22) Zudem zweifle er an, „che il nuovo regno abbia molti regali per noi nel bagaglio.” (Ebd.)

Chevalley versucht alle Argumente auszuschlagen und meint, die Sizilianer wollten doch, dass die Verhältnisse sich verbesserten. Doch der Fürst erwidert: „Voi avete ragione in tutto, tranne quando dite i siciliani certo vorranno migliorare. Non vorranno mai migliorare perché si considerano perfetti“ (ebd.).

Bei der Abreise Chevalleys verleiht der Fürst dieser Aussage noch einmal Nachdruck: „Noi fummo i Gattopardi, i Leoni; chi ci sostituirà saranno gli sciacalli e le pecore; e tutti quanti, gattopardi, leoni, sciacalli e pecore continueranno a credersi il sale della terra.“ (Kap. 24.) Damit meint der Fürst, dass das, was alle Sizilianer miteinander verbinde, der Gedanke sei, sich für volkommen zu halten und auf Grund dieser Eitelkeit würde es keine Veränderung geben. Chevalley hingegen bleibt optimistisch.

Mit diesen Theorien versucht der Fürst vor den anderen und vor sich selbst zu rechtfertigen, warum er möchte, dass alles so bleibt, wie es ist und warum er keine Veränderung wagen will. Of­fensichtlich resigniert der Fürst und gibt sich seinem Schicksal hin.

Das Todesmotiv, das den Film durchzieht, soll nicht eingehend untersucht, sondern nur erwähnt werden: Es steht zum einen für den Tod des Fürsten, der sich mit fortschreitendem Alter mit diesem Thema konfrontiert sieht, zum anderen steht es aber auch für den „Tod“ der Aristokratie, für den Untergang einer sozialen Klasse.

Bei dem kurz nach der Ankunft in Donnafugata stattfindenden Gottesdienst (Kap. 9) wird die Fürstenfamilie in einer Kamerafahrt wie leblose, von Staub bedeckte Puppen gezeigt, als wür­den sie schon seit Ewigkeiten in dem Chorgestühl sitzen und seien schon längst gestorben. Diese kurze Sequenz kann man als eine Antizipation des Untergangs der Aristokratie verste­hen.

Auf dem Ball rückt der eigene Tod für den Fürsten in das Zentrum seiner Aufmerksamkeit, beispielsweise durch das Nachsinnen über das Bild „Tod des Gerechten“ von Greuze in der Bibliothek des Gastgebers (Kap. 29). Den Höhepunkt dieser Bewusstwerdung seines herannahenden To­des bildet das Ende des Filmes: Der Fürst begegnet einem Priester, der für die letzte Ölung zum Haus eines Sterbenden läuft. In seiner Frage an einen Stern: “Quando ti deciderai a darmi un appuntamento meno effimero, lontano da tutto, nella tua regione di perenne certezza?” (Kap. 35), schwingt Todessehnsucht mit, die höchste Steigerungsform der Resignation

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Risorgimento in Luchino Viscontis "Il gattopardo"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Das Risorgimento im italienischen Film
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V151596
ISBN (eBook)
9783640632428
ISBN (Buch)
9783640632893
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Risorgimento, Luchino Visconti, Il gattopardo, Der Leopard
Arbeit zitieren
Ute Drechsler (Autor), 2008, Die Darstellung des Risorgimento in Luchino Viscontis "Il gattopardo", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151596

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