Uniformierte Jugend - Ein Vergleich der Jugendorganisationen des Dritten Reiches und der DDR


Magisterarbeit, 2009
109 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung
1. Problembeschreibung Diktaturvergleich
2. Methode und Forschungsstand
3. Aufbau der Arbeit - Fragestellungen - Literatur

B. Analytischer Teil
1 Weltanschauung und Ideologie
1.1 Zur Rolle der Staatsjugend: Systemerhalt und Symbolik
1.2 Menschenbild, Gesellschaftsbild, Weltbild, Feindbild
1.3 Ideologisch-programmatische Vorstellungen zur Erziehung der Jugend im Dritten Reich
1.3.1 Zielsituation .soldatischer Mann’
1.3.2 Zielsituation .kommende Mutter’
1.4 Ideologisch-programmatische Vorstellungen zur Erziehung der Jugend in der DDR
1.5 Zwischenfazit
2. Machtetablierung und,Verrechtlichung’der Jugend
2.1 Eroberung der Macht und die Auswirkungen auf den Konstituierungsprozess der Kinder- und Jugendorganisationen
2.2 Entwicklung zu Massenorganisationen
2.3 Organisationsstrukturen- und grad
2.4 Zwischenfazit
3. Zusammenarbeit Oder Konkurrenz: Das unterschiedliche Verhaltnis zur Schule
3.1 Zwischenfazit
4. Militarische Inhalte in den Jugendorganisationen: Jugend zwischen Angriff und Verteidigung
4.1 Ausbildung zum politischen Soldaten
4.2 Ausbildung zum Verteidiger des Sozialismus
4.3 Zwischenfazit
5. Die Bekampfung der Konkurrenz: Kirchliche Kinder- und Jugendarbeit im Dritten Reich und der DDR
5.1 Zielsetzungen der NS- und SED Kirchenpolitik
5.2 Geplante und durchgefuhrte Ma&nahmen
5.3 Ergebnisse der Politik
5.4 Zwischenfazit

C. Abschlie&ende Reflexionen

Abbildungsverzeichnis

1 BDM-Madel mit HitlergruG bei Massenkundgebung[1]

2 „lch verspreche ein guter Jungpionier zu sein“[2]

3 Demonstration der Freien Deutschen Jugend mit GroBportrat von Walter Ulbricht anlasslich der Kundgebungen zum 20. Jahrestag der Grundung der DDR am

7. Oktober 1969[3]

4 Adolf Hitler nimmt auf dem Reichsparteitag der Arbeit in Nurnberg den Vorbeimarsch der Bannfahnen der HJ ab[4]

5 Flugblatt gegen die Einfuhrung des Wehrdienstgesetzes 1982 (Kapitel 5) 64

6 Lehrlinge mit einschrankungsloser Verteidigungsbereitschaft zwischen 1975 und 1989 (Angaben in%) 65

Tabellenverzeichnis

2-1: Fluchtlingszahlenl 953 - 1955. 38

4-1: Anzahl der wochentlichen Unterrichtsstunden im Fach Sport nach Schuljahren gestaffelt 55

4- 2: Veranderung in der Auspragung der Verteidigungsbereitschaft Jugendlicher (1983-1989) 65

5- 1: Mitgliederfluktuation von HJ und kath. Kirchengemeinden in Essen (Gesamtergebnis aus 53 Pfarreien) 75

5-2: Kirchlich gebundene Bevolkerung in Ostdeutschland gemessen an der Gesamtbevolkerung 84

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A. Einleitung

1. Problembeschreibung Diktaturvergleich

Die Bilder ahneln sich. Die Darstellungen im Gleichschritt marschierender, fahnenschwenkender, ihrer Fuhrung zujubelnder Kinder und Jugendlicher scheinen austauschbar. Auch der Gestus, mit der die Gefolgschaft eingefordert wird, scheint Ahnlichkeiten zu assoziieren. Eine solche Analogie darf jedoch nicht im Bildhaften und Au&erlichen stecken bleiben. Vielmehr ist zu fragen, ob diese wahrnehmbaren ahnlichen Erscheinungsformen „formierter Jugend"[5] auf grundlegende Gemein- samkeiten schlie&en lassen.

Der Blick richtet sich somit auf die Kinder- und Jugendorganisationen der beiden deutschen Diktaturen[6], auf die Hitlerjugend (HJ) und den Bund Deutscher Madel (BDM), sowie auf die Freie Deutsche Jugend (FDJ) und die Pionierorganisation (PO), die in vergleichender Analyse gegen- ubergestellt werden sollen.

Typologisch gesehen stellt der Vergleich der NS- mit der SED-Diktatur eine spezielle Variante des klassischen Diktaturvergleichs zwischen Kommunismus und Faschismus bzw. Nationalsozialismus dar, der seit nunmehr einem dreiviertel Jahrhundert praktiziert wird. Mit Beginn der 1990er Jahre wurde dieser Ansatz popular, markierte doch der Zusammenbruch der kommunistischen Regimes im europaischen Osten nicht nur eine global- politische Wende, sondern auch eine wissen- schaftliche. Seitdem sind vergleichende Analysen totalitarer Regime rechter und linker Pragung auf einer ahnlich breiten dokumentarischen Basis moglich. Aber jeder historische Vergleich ist umstritten Oder zumindest fragwurdig. Dies gilt in besonderer Weise fur den Vergleich der NS- mit der SED- Diktatur.

„Der bloBe Vergleich des Dritten Reiches mit der DDR ist eine schreckliche Verharmlosung. Das Dritte Reich hinterlieB Berge von Leichen. Die DDR hinterlieB Berge von Karteikarten." - so die Berliner Professorin fur Philosophie Margherita von Brentano.[7]

Der Verweis auf den morderischen Charakter des NS- Regimes transportiert die Befurchtung, dass durch einen Vergleich mit dem SED- Regime die nationalsozialistischen Verbrechen relativiert werden konnten. Neben weiteren politisch-historischen Grunden stellt er haufig das Haupt- argument fur die Ablehnung eines solchen Vergleichs dar.[8] Und tatsachlich setzt die Singularity der NS- Verbrechen einem Vergleich naturliche Grenzen. Jedoch ist dieses Argument nicht dazu geeignet diesen zwischen beiden Systemen von vornherein auszuschlie&en. Denn „[w]eder durfen die beispiellosen Verbrechen des .Dritten Reiches’ durch den Hinweis auf die Untaten des SED- Staates relativiert, noch letztere mit Blick aufdie NS- Verbrechen bagatellisiert werden."[9]

Dass gerade dieser Vergleich fur die deutsche Zeitgeschichte von grower Bedeutung ist, lasst sich nicht von der Hand weisen. Verkorpern doch Drittes Reich und DDR integrale Bestandteile der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ihre nahezu unmittelbar zeitliche Aufeinanderfolge wirft zwangslaufig die Frage nach moglichen Kontinuitaten und Diskontinuitaten auf. Ebenfalls herrscht in der Forschung weitgehend Einigkeit daruber, dass die Vergleichsgegenstande Ahnlichkeiten aufweisen, die eine komparative Analyse nahe legen; denn ein ausreichendes MaB an vergleichbarer Kompatibilitat ist unabdingbare Vorraussetzung fur jeden Vergleich.[10] Gerade im Bereich der Jugend und Jugendpolitik weisen beide Systeme erkennbare Ubereinstimmungen auf: Die Heranwachsenden wurden als .Staatsjugend’ betrachtet, aufdie mit totalitaren Anspruchen der jeweiligen Partei zugegriffen wurde. Dieser Zugriff erfolgte uber die Freizeit. Die Kinder- und Jugendorganisationen beider Systeme waren Grundungen ,ihrer’ jeweiligen Partei. Es handelte sich keineswegs urn eigenstandige Schopfungen einer unabhangigen Kinder- und Jugend- bewegung. Die Erlangung ihrer Machtposition war von der jeweiligen Partei initiiert und unterstutzt, ihr Schicksal untrennbar mit dem der herrschenden Parteien verbunden.

Neben einer ausreichend gro&en Schnittmenge gibt es aber auch Unterschiede, die diesen Vergleich erschweren. Die nationalsozialistische Organisation erfasste die Heranwachsenden erst ab dem 10. Lebensjahr. Bestrebungen einer fruhzeitigeren Organisierung konnten nicht mehr realisiert werden. Der Verband der Jungen Pioniere band die Kinder der DDR jedoch bereits ab dem sechsten Lebensjahr in feste Strukturen ein. Dadurch wurden andere inhaltliche Schwerpunkte gesetzt. In der NS- Diktatur waren die Kinder daruber hinaus nach dem Geschlecht getrennt organisiert, wodurch eine der Weltanschauung entsprechende geschlechtsspezifische Sozialisierung bewusst gefordert werden sollte. Hinzu kommen grundsatzliche strukturelle Unterschiede beider Systeme. Hier sind mit Blick auf den konkreten Untersuchungsgegenstand auszugsweise zu nennen: Die unterschiedlich lange zeitliche Existenz der Regime und damit verbunden ihre unterschiedlichen Entfaltungsmoglichkeiten, die ungleichen au&en- und innen- politischen Grundungsbedingungen (die DDR war ein von der Sowjetunion oktroyiertes System, ihre gesamte Existenz beruhte auf dem Willen der Besatzungsmacht), das ambivalente Verhaltnis zum zweiten deutschen Staat, der sowohl Antriebskraft als auch Konkurrent war. Und in besonderem MaR>e das Fehlen eines Aggressionskrieges globalen Ausma&es in der DDR.[11] Daruber hinaus sollte man sich vergegenwartigen, dass die zweite deutsche Diktatur nicht ohne die erste gedacht werden kann - dies impliziert die Frage nach moglichen Anknupfungspunkten und Lernprozessen.

Bezieht man all diese Uberlegungen in die Analyse ein, so konnen am Ende Aussagen daruber getroffen werden, wie die untersuchten Gegenstande einzuordnen sind. Das Herausarbeiten der Gemeinsamkeiten und Unterschiede ermoglicht es, die Spezifik der Gegenstande und ihre jeweiligen Trennlinien besser zu erfassen. Waren die Systeme wahrend ihrer gesamten Dauer totalitar? Oder gab es auch Liberalisierungstendenzen? War tatsachlich jeder Bereich gleichma&ig totalitar durchdrungen, Oder gab es auch Auflosungserscheinungen? Hat man die jeweiligen Besonderheiten herausgearbeitet, so konnen, in einem zweiten Schritt, die Ergebnisse gleichsam auf eine Abstraktionsebene gehoben und Verallgemeinerungen vorgenommen werden, urn somit eine Schablone fur eventuell folgende Untersuchungen totalitarer Systeme zu erstellen.

2. Methode und Forschungsstand

Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts werden seit den 1930er Jahren systematisch verglichen. Dabei versuchte man uber den sogenannten. .ganzheitlichen, integralen Makrovergleich’[12], den sowjetischen Kommunismus, den italienischen Faschismus und den deutschen National- sozialismus - als die drei gro&en, unterschiedlich ausgerichteten .weltanschaulichen’ Diktaturen der ersten Jahrhunderthalfte - zueinander in Beziehung zu setzen. Hannah Arendt, Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski gehoren zu den meistrezipierten Theoretikern auf diesem Gebiet. Mit dem Makrovergleich waren sie in der Lage, Aussagen uber die innere Logik und Funktionsweise totalitarer Systeme zu treffen, deren Hauptmerkmale, ubergreifende Gemeinsam­keiten sowie spezifische Unterschiede in ihrer Gesamtheit zu erfassen und diese gegenuber anderen autokratischen Systemen abzugrenzen. Daruber hinaus konnten totalitare Systeme im Hinblick auf ihre Herrschaftsstrukturen definiert und analysiert werden. Jedoch zeigte der Makro­vergleich spezifische Entwicklungen totalitarer Systeme eher generalisierend auf, temporare Oder auch regionale Besonderheiten blieben ausgespart. Damit bewegte er sich auf einer stark abstrahierenden Ebene, auch weil er mit sogenannten .weichen’ Vergleichskriterien operierte.[13]

Gunther HEYDEMANN spricht in diesem Zusammenhang davon, dass es sich deshalb lediglich um eine vergleichende Gegenuberstellung denn um einen tatsachlichen Vergleich handelt.[14]

Der Vergleich von NS- und SED- Herrschaft spiegelt diese methodologischen Probleme in einem weitaus enger begrenzten Rahmen wider. Uberlegungen zur Anpassung und Verfeinerung der Methodik wurden notwendig, besonders auch vor dem Hintergrund vergleichender Analysen, welche die Spezifik der ostdeutschen Geschichte anhand der westdeutschen Entwicklung (sogenannter .interstruktureller Vergleich’) Oder anhand der kommunistischen Systeme der ostlichen Nachbarn (sogenannter .intrastruktureller Vergleich’) herausarbeiten.

Eine Weiterentwicklung der Methodik gelang vor allem Gunther Heydemann, Christopher Beckmann und Detlef Schmiechen-Ackermann, die seit den 1990er Jahren in diesem Bereich Grundlagenforschung betreiben. Als geeignet erscheint ihnen der sogenannte .sektorale Oder partielle Mikrovergleich’, der einzelne Segmente aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bzw. ganz bestimmte Strukturen und Mechanismen beider Systeme einer komparatistischen Analyse unterzieht. Dieser Ansatz ist wesentlich konkreter, da er mit sogenannten ,harten’, deutlich praziseren Kriterien arbeitet. Damit gelingt dem Mikrovergleich, was der Makrovergleich nicht leisten kann: Die Grenzen der Diktatur aufzeigen und empirisch fundierte Antworten auf die Frage geben „in welch konkretem AusmaB es der NS- wie der SED- Diktatur realiter gelang, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu durchherrscheri‘.[15]

Mit der Beantwortung dieser Fragen versucht die Geistes- und Sozialwissenschaft auf die Kritik zu reagieren, den Begriff .totalitar’ in der Vergangenheit .etikettierend’ verwendet zu haben. Die intendierte totalitare HerrschaftsaAs/c/7/und die durch vielfaltige Grenzen der Diktatur beeinflusste Herrscbafts wirk/ichkeit musse intensiv zueinander in Beziehung gesetzt werden, um zu einer mehrdimensionalen Analyse und Aussage von .modernen Diktaturen’[16] zu kommen - so die Forderung der Wissenschaftler.[17] Daraus resultierend eroffnet sich ein weiterer Fragehorizont: Welches System war totalitarer? - Auch diese Frage beschaftigt die sozialwissenschaftliche Forschung nunmehr verstarkt.

Trotzt der aktuellen „Konjunktur“[18], die der Vergleich der NS- und der SED- Diktatur seit den 1990er Jahren erfahren hat, liegen bis heute nur wenig publizierte Ergebnisse vor. Im Kontext der .Aufarbeitung’ von Diktaturerfahrungen erscheinen ansatzweise erforscht der Themenkomplex Opposition/Widerstand sowie die Rolle der Kirchen in beiden Diktaturen.15

Noch in den Kinderschuhen steckt dagegen die vergleichende Analyse der Massenorganisationen; einen ersten Anfang markiert das Forschungsprojekt zum Vergleich von Hitlerjugend und Freier Deutscher Jugend der Au&enstelle Berlin des Instituts fur Zeitgeschichte in Munchen - deren Ergebnisse bis dato unveroffentlicht sind. Leonore ANSORG widmet in ihrem Buch .Kinder im Klassenkampf dem Vergleich von Hitlerjugend und Pionierorganisation ein drei&ig Seiten um- fassendes Kapitel.[19] Ihre Vergleichskriterien umfassen den Konstituierungsprozess der Kinder- und Jugendorganisationen (JO) und die Durchsetzung der Monopolstellung. Daruber hinaus untersucht sie das Verhaltnis der JO zur klassischen Erziehungsinstanz Schule. Kapitel zwei und drei der vorliegenden Arbeit schlie&en sich in der Auswahl der Vergleichskriterien den Vorschlagen von Ansorg an.

Einen weiteren Beitrag stellt die Arbeit von Friederike NIEDERDALHOFF dar, die im Rahmen ihrer Dissertation die Madchenarbeit im BDM mit jener in der FDJ vergleicht.[20] Daruber hinaus liegt am erziehungswissenschaftlichen Seminar der Universitat Heidelberg eine Abschlussarbeit mit dem vielversprechenden Titel .Instrumentalisierung von Kindheit am Beispiel der Kinder- und Jugend­organisationen der beiden deutschen Diktaturen’ vor, deren Erkenntniswert aber aus Grunden mangelnder Methodik auBerst gering bleibt.[21] Im englischsprachigen Raum fallen vor allem die Veroffentlichungen von Mary FULBROOK ins Auge, die in ihren vergleichenden Gesamt- darstellungen die grundsatzlichen Entwicklungslinien der Heranwachsenden in beiden Diktaturen skizziert.[22]

Die genannten Arbeiten haben in Anbetracht der Forschungslage den Charakter von ..Pionier- studien", urn es mit den Worten von Detlef Schmiechen-Ackermann zu sagen.[23] Auch die vorliegende Arbeit, in der ein sektoraler Vergleich im Bereich der Staatsjugendorganisationen generiert werden soil, versteht sich als solche. Sie stellt einen kleinen Beitrag zu einem bislang luckenhaften Forschungsstand dar.

3. Aufbau der Arbeit - Fragestellungen - Literatur

Diese Arbeit beschaftigt sich mit der Sozialisierung von Jugendlichen in den beiden deutschen Diktaturen. Sie vergleicht die Jugendorganisationen des Dritten Reiches (HJ und BDM) mit den Jugendorganisationen der DDR (FDJ und PO) bis zu deren Zusammenbruch im Jahre 1989/ 90. Dabei wird auf eine zeitliche Begrenzung im Falle der DDR verzichtet, urn den durch wichtige Zasuren bedingten Prozesscharakter in der Entwicklung der Jugendorganisationen deutlich zu machen. Eine Beschrankung des Untersuchungsgegenstandes auf jeweils eine Jugend- organisation unterbleibt, da HJ/ BDM und FDJ/ PO jeweils analoge Organisationsstrukturen aufweisen, sowie weitestgehend inhaltlich identisch sind. Die programmatischen Unterschiede ergeben sich im Dritten Reich aus der Geschlechtertrennung, die in der DDR nicht gegeben war; sowie aus den unterschiedlichen inhaltlichen Auspragungen, welche die Altersabstufungen der Organisationen widerspiegeln. Diese konnen relativ problemlos aufgezeigt werden.

Es soil ein inharenter Vergleich durchgefuhrt werden, der in funf Vergleichsaspekten die Kinder- und Jugendorganisationen kontinuierlich zueinander in Beziehung zu setzen versucht. Die Vergleichsaspekte folgen einer gewissen Systematik und sollen ein moglichst umfassendes Bild der Jugendorganisationen in den beiden deutschen Diktaturen vermitteln. Rainer Lepsius sagte einmal: „Die Funktionszusammenhange diktatorischer Regime zu analysieren, erfordert moglichst klare und analytisch reflektierte Fragen Deswegen werden neben den bereits erwahnten ubergeordneten Fragen an jeden Analysekomplex zusatzlich untergeordnete Fragen gestellt.

Im ersten Kapitel interessieren zunachst die ideologischen Grundlagen der Erziehung. Hierbei stellt sich naturlich die Frage, was genau der Begriff .Staatsjugend’ meint, den es in dieser Form in demokratisch verfassten Systemen nicht gibt. Was versprach sich die Partei beziehungs- weise der Staat von .seiner’ Jugend? Ware die Vorstellungen daruber von Veranderungen beeinflusst? Wenn ja, wie sind diese Veranderungen zu erklaren? Der zweite Vergleichsaspekt ist mit Machtetablierung und .Verrechtlichung’ uberschrieben. Hier soil die Herausbildung der Staats- jugendorganisationen und ihre erfolgreiche Etablierung als Massenorganisationen in den jeweiligen Systemen dargestellt werden. Es ist zu erwarten, dass die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der NS- und der DDR- Diktatur hierbei eine besonders wichtige Rolle spielten. Welche inneren Strukturen und Funktionsweisen bildeten die Verbande jeweils heraus? Inwieweit unterlagen die Organisationen gesetzlichen Bestimmungen? Uber welche Mechanismen gelang die Ausweitung zu Massenorganisationen? Diesen Fragen soil im Punkt 2.2 und 2.3 nachgegangen werden. Die Rolle der klassischen Erziehungsinstanz Schule findet im dritten Vergleichsaspekt besondere Berucksichtigung. Wie wurde sie instrumentalisiert, urn eine auf die Herrschaftsinteressen ausgerichtete Sozialisation und Erziehung zu gewahrleisten? In welchem Umfang gelang diese Indienstnahme? Kapitel 4 unter der Uberschrift .Militarische Inhalte in den Jugendorganisationen’ widmet sich der militarischen Schulung der Heranwachsenden, die in beiden Systemen inharenter Bestandteil der Erziehung war. Wie gelang die Mobilisierung der Jugend? Gelang sie uberhaupt?[24]

Wie sah dieser Bestandteil der Erziehung in der Praxis aus? Zu den politisch-strukturellen Ahnlichkeiten zwischen beiden Diktaturen gehort der Versuch der erziehungspolitischen Erfassung der konfessionellen Jugendarbeit. Die bloBe Existenz eines konkurrierenden Angebots sabotierte sowohl im Dritten Reich als auch in der DDR die intendierte weltanschauliche Einheitlichkeit sowie den Alleinvertretungsanspruch der Organisationen. Diesem Spannungsfeld soil im Kapitel 5 nachgegangen werden. Hierbei interessiert besonders, wie der Versuch der Ausschaltung der kirchlichen Konkurrenz begrundet worden ist - beide Systeme bedienten sich dabei ahnlicher Argumente, die unter Punkt 6.2 herausgearbeitet werden sollen. Zunachst aber soil im Sinne der historischen Grundlagenforschung das Thema .Jugend als Symbol’ in seinen historischen Kontext eingeordnet werden. Daherwird mit Punkt 1.1 ein theoretischer Teil der Analyse vorangestellt. Die Ergebnisse der Analyse sollen in den entsprechenden Zwischenfazits abschlie&end zusammen- gefasst werden.

Bei der Analyse werden ,harte’ Vergleichskriterien angelegt, die im Bereich Machtetablierung und .Verrechtlichung’ der Jugend mithilfe der Ausfuhrungen von Ansorg gewahlt wurden und ansonsten der NS- und DDR- Forschung entnommen sind.

Die Arbeit stutzt sich hauptsachlich auf quellengesattigte Sekundarliteratur neueren Datums, da ein dezidiertes Studium der einzelnen Quellen den Rahmen der Arbeit sprengen wurde. Nur vereinzelt - vor allem im Bereich Ideologie und .Verrechtlichung’ - werden Quellen herangezogen, die fur das Dritte Reich teilweise als Editionen, furdie DDR im Originalzustand vorliegen.

Der Vergleich von NS- und SED- Herrschaft gilt als Sonderfall des Diktaturenvergleichs. Er weist Besonderheiten auf, aus denen spezielle methodologische Probleme erwachsen. Hier sind vor allem die diachrone (zeitversetzte) Vergleichsperspektive und derselbe nationale Kontext zu nennen. Dementsprechend muss ,,[...] die wirkungsmachtige Beziehungsgeschichte zwischen den beiden deutschen Diktaturen in besonderem MaR>e [,..]“[25] Berucksichtigung finden. Schmiechen- Ackermann verweist damit auf zwei grundlegende Fragen: Konnen mit Blick auf die DDR Anknupfungspunkte an die vorangegangene Diktatur indiziert werden? Oder sind eher Lernprozesse zu verzeichnen?

Die DDR verstand sich als antifaschistischer Staat, der sich vehement vom Dritten Reich distanzierte - anzunehmen ist deshalb, dass deutliche Lernprozesse zu beobachten sind. Bei naherer Betrachtung werfen beide Fragen grundsatzliche Probleme auf: Setzen Anknupfungs­punkte und Lernprozesse nicht eine bewusste Entscheidung voraus? Wenn ja, kann es dann uberhaupt Anknupfungspunkte geben, wenn die DDR sich derart von der vorangegangenen Diktatur distanzierte? Und inwieweit kann mit Blick auf das politische System, das nach der Systematik von FRIEDRICH/ BRZEZINSKI der Kategorie der totalitaren Regime zugeordnet werden muss, noch von Lernprozessen die Rede sein? Diese Uberlegungen schneiden einen weiteren Fragekomplex an. Ziel dieser Arbeit ist es vor allem Gemeinsamkeiten, Ahnlichkeiten und Unterschiede im Bereich der Staatsjugendorganisationen herauszuarbeiten. Daruber hinaus soil versucht werden, die Unterschiede zu erklaren. Mit Blick auf die Gemeinsamkeiten stellt sich die

Frage, inwieweit diese immanenter Bestandteil der Systemlogik sind. Anders ausgedruckt: Sind die Gemeinsamkeiten letztendlich nicht blower Ausdruck des gleichen Systemtypus? All diese Fragenstellungen verdeutlichen die Problematik des Vergleichs, der versucht nicht nur Gemeinsamkeiten, Ahnlichkeiten und Unterschiede der Staatsjugendorganisationen im Dritten Reich und der DDR zu indizieren, sondern daruber hinaus auch Antworten auf weitere Fragen geben mochte. Wie zum Beispiel die nach den Grenzen der Diktatur, welche vergleichsma&ig unproblematisch erscheint. Hierbei interessiert vor allem, wo genau sich die Grenzen indizieren lassen, und ob beide Systeme an ahnliche Grenzen stie&en. Zum Abschluss wird diese Arbeit in Punkt C eine Antwort darauf geben, welches System das totalitarere in seinem Umgang mit der Jugend war.

B. H au pt te i I

1. Weltanschauung und Ideologie

1.1 Zur Rolle der Staatsjugend: Systemerhalt und Symbolik

Die Jugend[26] spielt in jedem politischen System eine gewichtige Rolle, denn sie ist fur das Weiterbestehen der politischen Ordnung von existenzieller Bedeutung. Daher ist es erforderlich, sie im Sinne der bestehenden Ordnung zu erziehen. Dies wird auch in demokratisch verfassten Staaten getan, in Form von politischer Bildung und Partizipation. Aber warum spricht man in Demokratien von der .Jugend’, in Diktaturen aber von der .Staatsjugend’? Der Unterschied liegt in der totalen Vereinnahmung der Staatsjugend im Sinne des jeweiligen Systems - so wie es im Dritten Reich und der DDR geschah. Der jungen Generation kam die zentrale Rolle als Trager, Mitgestalter und Garant einer Zukunft auf Grundlage des Nationalsozialismus bzw. des Marxismus- Leninismus zu. Diese zentrale Rolle war im Nationalsozialismus sogar fixiert. Die Hitlerjugend (HJ) erhielt eine gesetzlich festgeschriebene Staatsfunktion, die sie mit staatsautoritaren Vollmachten ausstattete. Sie verkorperte demzufolge eine staatliche Instanz. Dagegen war die Freie Deutsche Jugend (FDJ) juristisch gesehen keine legitimierte Staatsautoritat - allerdings erlauben es die tatsachlichen Verhaltnisse auch hier von einer Staatsjugend zu reden. Doch wie kommt eine totale Vereinnahmung zustande? Diese kann nur gewahrleistet werden, wenn jeder Bereich, so auch der private jenseits der Schule gelegene Bereich, kontrolliert wird. ANSORG spricht von einem .Zugriff uber die Freizeit’.[27] Dieser erfolgte durch die Schaffung einheitlicher Jugendorganisationen, die eine systemkonform gestaltete Freizeit gewahrleisten sollten.

Im Weiteren stellt sich die Frage warum die Jugend in beiden totalitaren Systemen derma&en stark in den Mittelpunkt ruckte? Hierzu ergeben sich drei Erklarungsansatze. Zum einen weil sie, wie bereits gezeigt, zum Trager des intendierten politischen Systems werden sollte. Zum anderen spielt die Symbolik eine wesentliche Rolle. .Jugend’ steht im landlaufigen Sinne fur Aufbruch, Frische, rebellischer Geist, Unangepasstheit, Erneuerung - Attribute, die perfekt zum Selbstbild beider Systeme passten, die sich jeweils als .junge’ und ,neue’ Bewegung, als .revolutionare’ Bewegung verstanden.[28]

Arno KLONNE formulierte in diesem Zusammenhang folgenderma&en: „Es ist verstandlich, dass [...] Jugend als Generation oft genug den Raum fur Hoffnung auf gesellschaftliche Erneuerung abgibt [...], und andererseits die Jugend als Generation ihren Protest gegen bestimmte gesellschaftliche Tatbestande mit dem Protest gegen die ,alte Generation’ an sich identifiziert."[29] Bedienten sich die Nationalsozialisten dieser Metapher indem sie forderten .Macht Platz ihr Alten!’, so hatte genauso gut die Gefahr eines erneuten Auflehnens der Jugend gegenuber dem nationalsozialistischen System Oder spater gegenuber dem realsozialistischen System bestehen konnen. Urn diese nicht systemkonformen Krafte zu binden, war es notwendig sie vollstandig zu vereinnahmen.

Jugend als Symbol: Der Begriff der Jugend ist in einem hohem Ma&e symbolisch aufgeladen. Dies ist nicht nur eine mitteleuropaische Erscheinung, sondern ein transnationales Phanomen.[30] Als Sinnbild des Neuen, Vitalen, auf Veranderung Drangenden steht er nicht nur fur die Auseinandersetzung zwischen den Generationen, sondern auch fur die Deutung des Verhaltnisses von Vergangenheit und Zukunft. Im Verstandnis von Jugend spiegelt sich einerseits der Zukunftsentwurf einer Gesellschaft als auch ihr Bild von der Vergangenheit wider. Mit Blick auf diese Sichtweise ist Jugend, so Winfried SPEITKAMP, „keine biologisch vorgegebene Lebensphase, die der Vorbereitung auf die Welt der Erwachsenen dient, sondern ein soziales und kulturelles Konstrukt, ein Produkt bestandiger Aushandlung zwischen gesellschaftlichen Gruppen".[31] - Dies war aber nicht immer so. Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein verstand man .Jugend’ rein biologisch. Erst an der Schwelle zum 19. Jahrhundert erfuhr der Jugendbegriff eine symbolische Aufladung. Der Symbolgehalt unterlag seitdem Veranderungen, die den Geist seiner Zeit widerspiegelten. Im Folgenden soil die Transformation des Begriffes .Jugend’ bis hin zu seiner Radikalisierung und Entleerung skizziert werden. Fur den mitteleuropaischen Raum lassen sich drei Phasen unterscheiden.[32]

1. Jugend als ein Bestandteil der Ordnung der Generationen - Die vormoderne europaische Gesellschaft ging dabei von einer biologisch gegebenen, aber sozial zu deutenden und politisch zu regulierenden Abfolge von Lebensaltern aus. Jugend beschrieb in diesem Zusammenhang ein Lebensalter zwischen Kindheit und Adoleszenz, eine Phase der Unmundigkeit, deren Korrektiv politische und soziale Regeln waren. Im spateren 18. Jahrhundert wurde die Jugendphase zusatzlich soziologisch gedeutet. Jugend begriff man vor allem im Burgertum als Phase der Reifung, der Auspragung eigener Identitat und Personlichkeit.

2. Jugend ais alternative Zukunft - Zeiten beschleunigter Veranderung und Krisen fuhren in der Regel zu Generationskonflikten und einer neuen Deutung der Jugendphase. Das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts und die erste Halfte des 19. Jahrhunderts waren eine solche Zeit. Signum der Reformbewegungen, wie dem .Sturm und Drang’, der Turngesellschaften und Burschenschaften seit 1810/1815 sowie des .Jungen Deutschland’ der 1830er und 1840er Jahre war die Erweiterung des Jugendbegriffs urn eine zweite Dimension. Jugend wurde nicht langer nur verstanden als Moratorium und Entwicklungsphase, sondern war nun auch ideell gedacht. Das zeigte sich vor allem an der ersten politischen Jugendbewegung der deutschen Geschichte - den Turnern und Burschenschaften. Sowohl das Turnen, d.h. die Ertuchtigung, Erprobung und Disziplinierung des Korpers, als auch die burschenschaftlichen Aufrufe zur sittlichen Reinigung und Erneuerung des Studentenlebens, fuhrten eine neue Ordnung praktisch-bildhaft vor. Folgerichtig wurde das Turnen in der Restaurationszeit untersagt. Eine politische Konnotation bekam der Jugendbegriff durch das Motto der Jenaer Urburschenschaft - ,Ehre, Freiheit, Vaterland’ - welches auf die Wiederherstellung des vermeintlich Verlorenen zielte. Als Teil der deutschen Freiheitsbewegung gegen die napoleonische Herrschaft propagierten die Burschen die Wiedergeburt eines einheitlichen Deutschlands und die Erneuerung des christlichen Geistes. Mit dem Verweis auf eine legitimierende Vergangenheit warben sie fur ihre Zukunftsvorstellungen. Dem Bekenntnis zur Revolution in deutscher Abwandlung, der Forderung zur Befreiung und Gleichberechtigung des dritten Standes wurde mit Symbolen Ausdruck verliehen - die Farben Schwarz-Rot-Gold wurden nicht allein auf die Uniformen des Lutzowschen Freikorps von 1813 zuruckgefuhrt, sondern als alte deutsche Reichsfarben gedeutet.

Jugend begriff man in diesem Zusammenhang als Einstellungzum Leben. Jugend - das waren die .Krafte der Bewegung’, die sich den .Kraften der Beharrung’ entgegenstellten und den Geist der Zukunft transportierten. Die Unbedingtheit dieser Einstellung fuhrte schnell zu einer Radikalisierung vor allem der burschenschaftlichen Bewegung. Einzelne Flugel nahmen Formen an, die den Regierungen als revolutionar erscheinen mussten. Die Burschenschaften wurden verboten und 1819 aufgelost, begannen sich aber sofort als Geheimverbindung neu zu bilden. Urn als Anhanger der nun verbotenen Bewegung identifiziert zu werden, auf deren Mitgliedschaft lebenslange Festungshaft und sogar die Todesstrafe stehen konnten, wurden Symbole de facto uberlebenswichtig.

Nach 1849, im Zeitalter von Realpolitik und Reichsgrundung, erlahmte der jugendfrische Zukunftsoptimismus; erst im spaten 19. Jahrhundert lebte, wiederum im Kontext von Krisenerfahrung und enttauschten Erwartungen, der lebensreformerische Gehalt der burschenschaftlichen Jugendbewegung erneut auf, nun aber vor dem Hintergrund zunehmender „Modernisierungsskepsis und im Rahmen zivilisationskritischer und agrarromantischer Stromungen".[33] Zeittypische Ideen mit einem neuen Bild von Jugend verband der in Steglitz bei Berlin 1896 gegrundete .Wandervogel’. Angeregt durch die Ideale der Romantik verschrieb sich diese vornehmlich von Gymnasiasten getragene Bewegung der Pflege des Wanderns und einer naturlichen Lebensweise, ohne aber politische Schlussfolgerungen zu ziehen. Unter Anleitung von Studenten Oder Lehrern zogen sie mit leichtem Gepack und Gitarre hinaus in die Natur. Fernab der zugig wachsenden Gro&stadte wollten sie einen eigenen, jugendspezifischen Lebensstil entwickeln und die einfache, bauerliche Dorfkultur als Gegensatz zur Industriegesellschaft wieder entdecken. Mehr denn je war fur diese Jugendbewegung charakteristisch die Verknupfung von imaginaren Traditionen, symbolisch ausgedruckt in Volksliedern, Volkstanzen Oder Sonnenwendfeiern, mit Symbolen von Aufbruch und Gemeinschaft. Kluft, Fahnen, Wimpel, GruBformeln wie ,Heil’ und Treffpunkte genannt ,Nest’ identifizierten die Mitglieder als Trager einer Bewegung, die sich vom damals vorherrschenden autoritaren Druck der Gesellschaft distanzierten. Gleichzeitig symbolisierten die Zeichen Auserwahltheit aber auch Absonderung. Wandern, Gesang und Feiern festigten die Gemeinschaft; materielle Bescheidenheit und Abstinenz von Alkohol und Nikotin standen fur die Kritik an althergebrachten Werten und der Doppelmoral der burgerlichen Gesellschaft wie an den Versuchungen der gro&stadtischen Zivilisation. Die Wander- vogelbewegung gilt als Anfangspunkt der deutschen Jugendbewegung.

3. Radikalisierung und Entleerung des Jugendbegriffs - War das Merkmal der zweiten Phase das Hinzukommen einer politisch-ideellen Dimension, die lediglich neben die biologische tritt, so kann man in der dritten Phase von einer vollstandigen Entkopplung des Jugendbegriffes vom biologischen Alter sprechen. Urn die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelten sich Vor- stellungen von Jugend, die getragen wurden von einer kulturell und gesellschaftlich mythen- empfanglichen und mythenreichen Zeit, wie etwa die .Historische Mythologie der Deutschen 1798­1918’ zeigt.[34] Jugend wurde auch weiterhin politisch-ideell verstanden. Neu jedoch war die mythische Komponente, die besonders stark nach 1918 - im Kontext der Mythisierung des Krieges - hinzutrat. Ein regelrechter Kult entstand zum Beispiel urn die verlustreichen Infanterieangriffe auf das belgische Langemarck.

Jugend war jetzt eine Entscheidung, ein „Entschluss“ wie Arthur Moeller van den Bruck es im Jahre 1918 formulierte.[35] Jugendlichkeit wurde zwar, wie in der zweiten Phase, in engem Zusammenhang mit Angriffen gegen Traditionen, verfestigte und verkrustete gesellschaftliche Strukturen verwendet - doch neu war die .Etikettierung’ konkreter Politik mit dem Signum .Jugend’. Wusste man in der zweiten Phase noch, dass die .Krafte der Bewegung’ von Jugendlichen, vor allem jungen Studenten, getragen wurde, so wurde in der Weimarer Republik Politik, die sich gegen das .Provisorium’ der ungeliebten Republik, gegen die .Ubergangszeit’ der .Wirren’ richtete, als .jugendlich’ angesehen, unabhangig vom tatsachlichen Alter.[36]

Schlagworte wie .Verjugendlichung der Politik’ und .Politisierung der Jugend’ gehorten in der Endphase der Weimarer Republik zum parteiubergreifenden propagandistischen Repertoire. Funktionalisiert und zugespitzt erschien Jugend in der nationalsozialistischen Forderung: ,,Macht Platz ihr Alten!"[37] Jugend erschien in dieser Phase reduziert auf ein politisches Schlagwort, dass nicht allein ein Phanomen des rechten Parteienspektrums war, sondern auch in den jungen Parteien der extremen Linken zum Selbstverstandnis gehorte. So bezeichneten sich die Kommunisten gleich den Nationalsozialisten als „Junge Front". Die Auseinandersetzung, die quer durch alle politischen Stromungen ging oszillierte zwischen den Polen Jugendlichkeit, Dynamik und Zukunftsorientiertheit einerseits und Alter, Dekadenz und Zerfall andererseits. Barbara STAMBOLIS spricht sogar davon, dass ,,in der Endphase der Republik die Vorsilbe ,Jung’ zur magischen Zauberformel geworden sei, ohne die sich eine Bewegung in der Offentlichkeit nicht mehr habe zeigen durfen."35

Die massive politische Aufladung des Jugendbegriffs ging einher mit einer Radikalisierung der Gesellschaft. Signum dafur waren die zahlreichen paramilitarischen Verbande und bundischen Organisationen, in denen der kollektive Geist beschworen und Ideale wie Kameradschaft, soldatische Mannlichkeit und freiwillige Unterordnung propagiert wurden. Fast alle politischen Parteien schufen sich solche Nebenorganisationen: die Kommunisten etwa den ,Roten Front- kampferbund’ (1924), die Sozialdemokraten das .Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold’ (1924), die Katholiken die .Windhorstbunde’ (1920), die DDP den .Jungdeutschen Orden’ (1920), die DNVP ihren .Stahlhelm’ (1918) - und die NSDAP warb mit der Parole .Jugend fuhrt Jugend’ fur ihre Sturmabteilung SA (1921). Die Symbolik wurde urn militarische Elemente erganzt - die Kluft wandelte sich zur Uniform, das Wandern wurde zum Marschieren. Diese Entwicklung lasst sich nur im Zusammenhang mit der Kriegserfahrung, der allgemeinen Unsicherheit, der Orientierungs- losigkeit und der Zukunftsangst der nach 1900 geborenen Alterskohorten verstehen. Politisch gelang es vor allem der NSDAP und der KPD, aus dem Elend und dem durch Wirtschaftskrise, Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit begrundeten Impuls nach radikaler Erneuerung Profit zu schlagen. Sie verstanden es besonders gut Jugend und Jugendlichkeit zu mythisieren und fur ihre Interessen zu funktionalisieren. Der Mythos hatte dabei eine stabilisierende Funktion wie Manfred FRANK herausgearbeitet hat: ,,Der Mythos ist eine ,feste Burg’ [...], in dessen symbolischer Gewissheit [...] die Auflosung der menschlichen Begebenheiten und Verhaltnisse erst ertraglich wird.“[38] Die Jugend in der Weimarer Republik war eine Generation, deren gemeinsame Erfahrung der Erste Weltkrieg war.

War die Jugend in der Weimarer Republik eine Generation, deren gemeinsame Erfahrung der Erste Weltkrieg war, so gait ahnliches fur die Jugend Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre. Mit der Zerschlagung des Nationalsozialismus sah man sich akuten gesellschaftlichen und politischen Problemsituationen gegenuber. So konnte man die Feststellung von Karl-Christoph LINGELMANN - „,Jungsein’ wird zu einem ethischen und politisch-revolutionaren Wert erhoben. Die lebendige Ausgestaltung der neuen , Volksgemeinschaft wird der .jungen Generation’ als der Vorhut des nationalsozialistischen Staates uberwiesen."[39] - auch auf das Bildnis von Jugend, das die Funktionseliten der Sowjetischen Militaradministration (SMAD) und spater der DDR hatten, ubertragen, indem man die kursiv geschriebenen Begriffe durch .sozialistische Gesellschaft’ und .sozialistisch’ ersetzt. Beiden Bewegungen war gemein, dass sie in ihren Anfangsphasen an ein Generations- und Oppositionsbewusstsein der Jugend pladierten, urn ihre jeweils anti- demokratischen bzw. antifaschistischen Bestrebungen durchzusetzen. Im Unterschied zur Jugend in den 1920er und 1930er Jahren gab es jedoch keine derartige Radikalisierung der Jugend bzw.

der gesamten Gesellschaft, wie es fur die Heranwachsenden der vorigen Generation kenn- zeichnend war.

Zusammenfassend lasst sich festhalten, dass die Aufladung des Begriffes .Jugend’ mit politischen und ideellen Inhalten ein transnationales Phanomen ist,[40] das im Verlauf der Geschichte zahlreichen Wandlungen unterlag - doch wurde der Jugendbegriff nirgends so radikal ver- absolutiert, politisiert und funktionalisiert wie dies in Mitteleuropa und insbesondere in Deutschland der Fall gewesen ist.

1.2 Menschenbild, Gesellschaftsbild, Weltbild, Feindbild

In der Forschung ist umstritten, ob es sich beim Nationalsozialismus um eine Ideologie handelt. Karl Dietrich BRACHER verneint dies, da man es „nicht mit einem geschlossenen System zu tun hat, sondern mit einer Reihe von Zielvorstellungen."[41] Dagegen ist Wolfgang ALTGELD der Auffassung, dass der Begriff .Ideologie’ schon deshalb anwendbar ist, weil sich der Nationalismus als totalitare Doktrin verstand.[42] Die Nationalsozialisten selbst sprachen nicht von Ideologie sondern von Weltanschauung, wenn sie das eigene Ideengebaude meinten. Damit sollte der Anspruch auf wahrhaftige Erkenntnis des Lebens ausgedruckt werden. Den Begriff Ideologie schoben sie ihren Gegnern zu, indem sie ihn im Sinne von bewusster Verschleierung von ,volks- und rassenschadlichen’ Interessen verwandten.[43] Obwohl die Basis der NS-ldeologie, Hitlers Buch ,Mein Kampf, keine logisch aufgebaute, systematisch-theoretische Schrift darstellt, so werden die politische Ziele und gesellschaftlichen Ansichten Hitlers doch deutlich ausgedruckt; angesichts ihrer konsequenten Umsetzung lasst sich von einer nationalsozialistischen Ideologie sprechen. Im Vergleich dazu griff die DDR auf eine fertige, umfassend ausgearbeitete Theorie zuruck, den Marxismus-Leninismus, den sie in der Sowjetunion scheinbar bereits umgesetzt vorfand. Dieser anderen Grundlage entsprechend benutzte die DDR auch einen anderen Ideologiebegriff als die Nationalsozialisten. Sie leitete ihn von Lenin ab, der die marxistische Theorie als Ideologie des Klassenkampfes zur sozialistischen Machterhaltung bezeichnet hatte.[44]

Beim Vergleich Drittes Reich und DDR muss beachtet werden, dass es sich beim National­sozialismus um eine partikulare Ideologie handelt, die an ein bestimmtes Volk gerichtet war, in der DDR dagegen um eine universale, allerdings klassenbegrenzte Ideologie, die sich an die .Proletarier’ der ganzen Welt richtete („Proletarier aller Lander vereinigt euch!“)[45], jedoch dem Machterhalt im eigenen Land diente.

Beiden Ideologien gemeinsam war der revolutionare Anspruch auf Formung eines ,neuen Menschen’. Der ,neue Mensch’ als Typus war in beiden Systemen absolut innerweltlich gedacht, denn nationalsozialistische und kommunistische Weltanschauung lehnten eine religios-kirchliche Erziehung prinzipiell ab. Der Sinn des individuellen Lebens orientierte sich ausschlie&lich an sozialen Werten: Der Volksgemeinschaft im Dritten Reich, dem realsozialistischen Kollektiv in der DDR. Dabei operierte die nationalsozialistische Padagogik gemaB ihrer biologischen Grund- auffassung mit den Kategorien der Assimilation, der Typenzucht und der Auslese, der kommunistische Kollektivbegriff orientierte sich dagegen vornehmlich am Vorbild des Arbeits- kollektivs in der vergesellschafteten Produktion. Beiden Kollektivbegriffen gemeinsam war die bewusste Leugnung einer eigenstandigen personalen Erziehung, die als individualistisch gebrandmarkt wurde.

Daruber hinaus wurden Kampf und Einsatz fur die neue Gesellschaftsordnung erwartet - der Wert jedes Einzelnen wurde daran gemessen, inwieweit er bereit war, sich der .Sache’ zur Verfugung zu stellen und wie stark er in der .Gemeinschaft’ aufging. Die Anerkennung der staatlichen ideologischen Maxime war verbunden mit einer Ablehnung und Verurteilung anderer Wert- vorstellungen, was zu ausgepragt dichotomisch gepragten Denk- und Handlungsmustern fuhrte. Konstituierende Elemente beider Ideologien waren die Darstellung eines unuberbruckbaren Freund-Feind-Gegensatzes und die radikale Zweiteilung der Welt in ,Gut’ und ,Bose’. Die Feindbilder des Nationalsozialismus waren der Liberalismus und die Demokratie, der Marxismus, das Weltjudentum sowie der Christentum.[46] In der DDR waren es der Faschismus, der Kapitalismus und der Imperialismus, sowie ebenfalls der Christentum.

Neben diesen Gemeinsamkeiten weist das Menschenbild, sowie die daraus resultierende Bildungs- und Erziehungspraxis des SED-Staates deutliche Gegensatze zum Nationalsozialismus auf. Im Unterschied zum Irrationalismus und Nationalismus des NS-Menschenbildes war der ,neue Mensch’ in der DDR antirassistisch und als Internationalist - wenn auch im Klassensinne - gedacht. Zudem fand die biologistische Dimension des nazistischen Menschenbildes keine Entsprechung in der DDR. Anders als im Nationalsozialismus sollte der ,neue Mensch’ in der DDR nicht primar Produkt von korperlicher und charakterlicher Erziehung, sonder von geistiger - allerdings ideologisierter - Bildung sein. Folglich hatte Bildung in der DDR, so konstatiert ANSORG, einen „realen gesellschaftlichen und individuellen Wert".[47] Dem entsprachen auch die Auswirkungen auf die klassischen Erziehungsinstanzen Familie und Schule, die in beiden Systemen einen unterschiedlichen Stellenwert hatten. Im Nationalsozialismus kam der Familienerziehung eine groBere Bedeutung zu als in der DDR, wohingegen der SED-Staat deutlich mehr auf die ihm unterstehenden Instanzen wie Schule und Jugendorganisationen (Pionierverband/FDJ) setzte. Folglich lasst sich eine Verschiebung in der Rangfolge innerhalb der Erziehungstrager (Elternhaus-Schule-Freizeitorganisatiori) zugunsten der staatlichen Erziehungs- instanzen konstatieren. Pionierorganisation/FDJ und Schule waren in der DDR mindestens gleichbedeutende Institutionen, wohingegen im Nationalsozialismus die Schule der politischen Jugendorganisation deutlich untergeordnet war (Elternhaus- Schule- Freizeit-organisatiori).A&

Festzuhalten ist, dass eine .unpolitische Bildung’ in beiden Systemen undenkbar war. Erziehung war instrumentalisiert und stand im Dienste der politisch ideologischen Menschenformung. Sie diente vorrangig dazu, im Staat den hochsten Wert zu sehen. Daraus resultierten zwangslaufig Einschrankungen, die im Falle der DDR auf der verlangten .Gesellschaftsbezogenheit’ der Bildung beruhten, im Nationalsozialismus hingegen eine radikale Verengung des Bildungsgehaltes auf .volkische Werte und Aufgaben’ erforderte, wie sie der Erziehungsideologe Ernst Krieck schon 1930 gefordert hatte: „Bildung ist auf die politischen und wirtschaftlichen Ziele, auf die Bedurfnisse der Nationalist abzustellen und danach einzuschranken."[48] [49] Beiden Diktaturen gemeinsam waren die Standardisierungsbestrebungen im Bereich Erziehung, an deren Ende der ,neue Mensch’ stehen sollte. Die Auspragung eines vereinheitlichten, normierten und somit leicht zu fuhrenden Massentypus versuchte die jeweilige Staatsfuhrung uber einen im gesamten Staat einheitlich gestalteten .Dienst’ zu erreichen.

1.3 Ideologisch-programmatische Vorstellungen zur Erziehung der Jugend im Dritten Reich

Millionen von Madeln und Jungen sollen, es ist nicht einfacher zu sagen, zu National- sozialisten erzogen werden.[50]

Was machte einen guten Nationalsozialisten aus? Hitlers ausfuhrlichste Aussage zur Jugenderziehung findet sich auf den Seiten 451-482 von ,Mein Kampf. Darin hei&t es unter anderem: „Der volkische Staat hat [...] seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloBen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzuchten kerngesunder Korper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fahigkeiten. Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders die Forderung der Willens- und Entschlusskraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit, und erst als Letztes die wissenschaftliche Schulung."[51]

Ein herausragendes Merkmal der nationalsozialistischen Erziehungsvorstellungen war die Umkehrung der alten Rangordnung von Geist-Seele-Leib, die dem Antiintellektualismus Hitlers entsprach. Wahrend die Nationalsozialisten der geistigen Bildung nurwenig Wert beima&en, stand

die Erziehung zum Aktivismus, die ihre Zielsituation vor allem bei der mannlichen Hitlerjugend im Krieg fand, an oberster Stelle. Der jugendliche Betatigungsdrang sollte befordert, zugleich aber auch gezahmt und kanalisiert werden. Der Aktivismus fand seinen Ausdruck in den permanent stattfindenden Sammlungen und Wettbewerben, in den Wanderungen und Fahrten - die vom Jugendfuhrer Baldur von Schirach ausdrucklich zu Arbeitsinhalten der HJ postuliert wurden. Innerhalb dieses Prinzips gab es naturgemaB geschlechtsspezifische Auspragungen. So stand zum Beispiel der bei den Jungen gepflegte Aktivismus in engem Zusammenhang mit den Moglichkeiten derTechnik und Motorisierung (ausfuhrlich in Abschnitt 1.3.1 und 1.3.2).

Eng damit verbunden war die sozialdarwinistische Indoktrination. Sie war ein Grundpfeiler der nationalsozialistischen Doktrin. Es gait das Leistungs- und Ausleseprinzip. Die „totale Leistungs- fahigkeit der jungen Generation" war ausdrucklich ein Erziehungsziel der Nationalsozialisten. Durch die so genannte korperliche Ertuchtigung - vor allem Boxen bei den Jungen, Turnen und Leichtathletik bei den Madchen - sollte der „Tatmensch“ geformt werden.[52] Die Erziehung zu Mut, Tapferkeit, Disziplin und Harte mithilfe von .Wettkampf und .Kampferziehung’ kann naturlich nicht ohne die militarische Komponente gedachtwerden.

Der Erziehung zur „Wehrhaftigkeit“ kam die Schlusselrolle in der nationalsozialistischen Ideologie zu: Innerhalb des HJ-Dienstes nahm sie den quantitativ groBten Raum ein. Hier gab es die groBten geschlechtsspezifischen Unterschiede. Der Anspruch, es soil „die Militardienstzeit als Abschluss der normalen Erziehung des durchschnittlichen Deutschen gelten"[53] gait vornehmlich fur die mannlichen Jugendlichen. Allerdings sollten auch Madchen auf den Kriegsfall vorbereitet werden, indem sie in den Bereichen Lazarett-, Luftschutz- und Landhelferinnendienst ausgebildet wurden. Zuletzt wurden aber auch sie zum aktiven .Kampfeinsatz’ herangezogen (vgl. Kapitel 4).

Daruber hinaus spielte der Uberlegenheitsanspruch eine gewichtige Rolle. Die gesamte Erziehung und Ausbildung des jungen arischen Volksgenossen „mu& darauf angelegt werden, ihm die Uberzeugung zu geben, anderen unbedingt uberlegen zu sein.“[54] Damit eng verknupft sollte eine bestimmte Art von Selbstbewusstsein anerzogen werden, dass aus dem Wissen urn die Zugehorigkeit zur deutschen Volksgemeinschaft gespeist wurde. Dieses ,Wir-Gefuhl‘ wurde permanent in kultisch-mystischen Inszenierungen beschworen.

Der zentrale Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie war die antijudisch-rassistische Komponente. Sie war einerseits ein eigenstandiges Element der weltanschaulichen Indoktrination, andererseits gleichzeitig durchgangiger Grundzug aller anderen ideologisch determinierten Bestandteile der weltanschaulichen Schulungsarbeit der HJ und sollte deren Wirkungen potenzieren: ,,Die gesamte Bildungs- und Erziehungsarbeit des volkischen Staates muR> ihre Kronung darin finden, daft sie den Rassensinn und das Rassegefuhl instinkt- und verstandesma&ig in Herz und Gehirn der ihr anvertrauten Jugend hineinbrennt. Es soil kein Knabe und kein

Madchen die Schule verlassen, ohne zur letzten Erkenntnis uber die Notwendigkeit und das Wesen der Blutreinheit gefuhrt worden zu sein.“[55]

Der totale Anspruch, mit dem das Dritte Reich auf die Jugend zugriff wurde auf dem Nurnberger Reichsparteitag des Jahres 1935 und in der .Reichenberger Rede’ vom 2. Dezember 1938 formuliert: „[...] und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben, und sie sind glucklich dabei.“[56] Eine besondere Bedeutung fur das Herausbilden des jugendlichen Selbstbewusstseins hatte das Prinzip der Selbstfuhrung. Die Vorstellung, dass .Jugend von Jugend’ gefuhrt und erzogen wird, war nicht neu. Schon die Wandervogelbewegung hatte es fur sich beansprucht und praktiziert. Und auch dort, wo es sich um Jugendverbande von Erwachsenenorganisationen (politische Parteien) handelte, kam es - allerdings in begrenztem Umfang - zur Geltung. Im Nationalsozialismus erreichte dieses Prinzip seinen Hohepunkt indem die Einsatz- und Verantwortungsmoglichkeiten der Jugendlichen und somit ihr Bewusstsein innerhalb der Organisation deutlich gesteigert wurden. Das Prinzip der Selbstfuhrung fand seine naturliche Grenze im .Fuhrerprinzip’. Adolf Hitler war nicht nur im militarischen, sondern auch in alien politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Bereichen die oberste Entscheidungsinstanz. Die Jugend auf die Person Hitlers zu verpflichten war neben dem Prinzip der Selbstfuhrung eines der funf Ziele, die der Reichsjugendfuhrer Baldur von Schirach seit 1933 verfolgte.[57] Hitler gait als unantastbare Integrationsfigur des deutschen Volkes; die Verpflichtung der Jugend auf Hitler war deshalb identisch mit ihrer Verpflichtung auf das deutsche Volk uberhaupt.

Diese der Erziehung zugrunde liegenden Prinzipien galten fur arische Madchen und Jungen gleicherma&en in der ansonsten geschlechtsspezifischen Ausbildung. Eine durchdachte Erziehungstheorie Oder ein homogenes padagogisches System gab es im Dritten Reich jedoch nicht. Die Grundlage alien padagogischen Denkens und Handelns war die .Nationalsozialistische Bibel’, Hitlers ,Mein Kampf’, sowie seine Reden. Erziehungsideologen wie Ernst Krieck, Alfred Baeumler und Gerhardt Giese, bzw. die mit der Erziehung beauftragte Funktionare wie Baldur von Schirach, Rudolf Benze, Trude Mohr Oder Jutta Rudiger fungierten lediglich als Sprachrohr Hitlers und wiederholten monoton das Konglomerat von nicht weiter begrundeten Prinzipien und Wertvorstellungen. Dieses der Hitlerjugend verordnete nationalsozialistische Erziehungsleitbild bedeutete eine vollstandige Abkehr von den seit der Aufklarung auch in Deutschland wirksamen freiheitlichen Traditionsstrangen, die unter anderem in den reformpadagogischen Ansatzen der Weimarer Republik noch vielfaltig zur Entfaltung gekommen waren.

1.3.1 Zielsituation .soldatischer Mann’

Militarische Erziehung, Kriegsbereitschaft und schlie&lich Kriegsteilnahme hatten in der HJ einen zentralen Stellenwert. Sie sind identifizierbar in der Glorifizierung des Kampfes, der Idealisierung des Mannerkorpers, den Organisationsformen und Strukturen, in Uniformierung, Sprache, Schulung, Aktivitaten und Praxis. Diese totale Ausrichtung der mannlichen Jugend auf ein Ziel korrespondierte mit dem Selbstbild der NSDAP. Als .revolutionare Bewegung’, befand sie sich in einem bestandigen Kampf, der eines bestimmten Typus bedurfte, der sowohl korperlich als auch charakterlich besondere Merkmale aufzuweisen hatte:

„ln unseren Augen, da mu& der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink, zah wie Leder und hart wie Kruppstahl."[58] Daneben galten Charaktereigenschaften wie Treue, Opferwilligkeit, Verschwiegenheit zu den herausragenden Merkmalen eines wahren Nationalsozialisten, die entsprechend propagiertwurden (vgl. Kapitel 4).

Vorbilder spielten eine entsprechend groR>e Rolle, vor allem die Helden des Krieges: Es waren bekannte Nazigro&en, dargestellt in ihren Uniformen, wie Hermann Goring, Rudolf Hess, Baldur von Schirach und Wilhlem Gustloff. Nach Kriegsbeginn begeisterte man sich fur erfolgreiche Offiziere der Wehrmacht (vgl. Kapitel 4). Gegenbilder fand man in den Jugendbewegungen vor 1933, die sich einerseits durch eine „romantische Haltung" andererseits durch einen „diskutierende[n], zersetzende[n] Intellektualismus" auszeichneten.[59]

Da der Krieg ein „Kampf- und Gemeinschaftserlebnis" war, dem eine „wesenswandelnde und wesensformende Kraft"[60] zugeschrieben wurde, war ein zentrales Erziehungsziel die Kameradschaft, die uber die gemeinsame Ausbildung, uber Lager und Aufmarsche verinnerlicht werden sollte. Uberhaupt waren es die emotionalen Elemente anstelle der politischen Verstandesschulung, die diese Tugenden vermitteln konnten: Kultartige Aktivitaten auf eigens dafur gebauten Feierstatten, rituelle Handlungen im Rahmen der Feierlichkeiten zur Sonnenwende, gigantische Masseninszenierungen anlasslich der Reichsparteitage vermittelten das Gefuhl, als kleines Individuum einer groBeren Gemeinschaft anzugehoren, die von einem starken, allwissenden Fuhrer einer glorreichen Zukunft entgegengebracht wird. Unter Ausnutzung des jugendlichen Betatigungsgeistes wurde gewandert und gezeltet, wurden Gelandespiele und Mutproben durchgefuhrt. All dies diente einem Ziel: Die mannliche Jugend sowohl korperlich als auch charakterlich zum „politischen Soldaten" umzuformen.[61]

1.3.2 Zielsituation .kommende Mutter’

Dass im Dritten Reich die Frau eine dem Mann untergeordnete Stellung einnahm, ist an der Anzahl der Aussagen der offentlichen Schriften erkennbar. Das Parteiprogramm der NSDAP von 1920 erwahnt Frauen nur an einer Stelle und da in ihrer Funktion als Mutter. Unter Punkt 21 heiR>t es: „Der Staat hat fur die Hebung der Volksgesundheit zu sorgen durch den Schutz der Mutter und des Kindes [,..].“[62] Auch in ,Mein Kampf widmet Hitler der Madchenerziehung lediglich drei Satze:

Analog der Erziehung des Knaben kann der volkische Staat auch die Erziehung des Madchens von den gleichen Gesichtspunkten aus leiten. Auch dort ist das Hauptgewicht vor allem auf die korperliche Ausbildung zu legen, erst dann auf die Forderung der seelischen und zuletzt der geistigen Werte. Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverruckbar die kommende Mutter zu sein.[63]

Sollten die Manner im NS-Staat fur Politik, Wirtschaft und Militar zustandig sein, so hatten die Frauen lediglich den Erziehungsauftrag des .volkischen Staates’ zu erfullen, der im .Heranzuchten kerngesunder Korper’ bestand. Auf dem Nurnberger Parteitag des Jahres 1934 auBerte sich Hitler zum Verhaltnis der Geschlechter:

Wenn man sagt, die Welt des Mannes ist der Staat, die Welt des Mannes ist sein Ringen, die Einsatzbereitschaft fur die Gemeinschaft, so konnte man vielleicht sagen, daft die Welt der Frau eine kleine sei. Denn ihre Welt ist der Mann, ihre Familie, ihre Kinder und ihr Haus. Wo aberware die groBere Welt, wenn niemand die kleine Welt betreuen wollte?[64] In der nationalsozialistischen Ideologie ergab sich die Wichtigkeit der Frau aus ihrer Funktion als Ehefrau und Mutter. Die Familie bildete die .Keimzelle der Volksgemeinschaft’, in der die Frau in zweifacher Hinsicht - biologisch als auch geistig - fur den Fortbestand der arischen Rasse verantwortlich war. Der NS-Staat propagierte eine stark mythologisierte Frauen- und Mutterrolle. Die ideale Frau war arischer Abstammung und zeichnete sich durch Charaktereigenschaften wie Treue, Pflichterfullung, Opferbereitschaft, Leistungsfahigkeit und Selbstlosigkeit aus. Diese Eigenschaften gait es weiterzugeben. Urn das Aufwachsen eines politisch zuverlassigen Nachwuchses zu gewahrleisten, musste die Frau in ihrer Funktion als Erzieherin an die nationalsozialistische Lebensauffassung herangefuhrt werden. Eine Mitgliedschaft in der NS- Frauenschaft (NSF) Oder im Deutschen Frauenwerk (DFW) bzw. im Bund Deutscher Madel - wo diese Werte vermittelt wurden -wardeshalb erwunscht, ab gar 1936 obligatorisch.

Zahlreiche Ma&nahmen sollten die Wichtigkeit der Frau fur die Volksgemeinschaft unterstreichen: Es wurden Auszeichnungen geschaffen wie das .Ehrenkreuz der deutschen Mutter’, NS- ParteigroBen wurden zur Ubernahme von Patenschaften ab einer bestimmten Kinderzahl verpflichtet, der Muttertag wurde auf GroBveranstaltungen feierlich begangen. Aufgewertet wurde die Tatigkeit der Frau in Ehe und Familie dadurch, dass die Arbeit fur die Familie zur .politischen

Tatigkeit’ erklart wurde. Die Propaganda betonte stets die Bedeutung der Frau fur das Volksganze; Frauen mit intaktem Familienleben und vielen Kindern, wie Magda Goebbels, hatten Vorbildfunktion. Eine Abwertung erfuhren unverheiratete, berufstatige, kinderlose Frauen. - Wenn Frauen schon arbeiten mussten, dann sollte die Arbeit dem ,Wesen der Frau’ entsprechen, d.h. es sollten Tatigkeiten im sozialen, schulischen Oder Dienstleistungssektor ergriffen werden: „Alles ist im Nationalsozialismus Frauenberuf und Frauenberufung, was mit Fraulichkeit und Muttersein zusammenhangt."[65]

Der BDM reagierte auf diese eng biologistisch gedachte Definition der Rolle der Frau, indem er den Typ des sportlichen, sauberen und gesunden, hauswirtschaftlich fahigen und stets fur Fuhrer und Vaterland einsatzbereiten deutschen Madels mit Gemeinschaftssinn propagierte. Die sportliche Komponente nahm analog zur HJ innerhalb der BDM-Arbeit den groBten Stellenwert ein. Allerdings sollten die jungen Frauen weniger fur den kommenden Krieg gestahlt werde. Der Sport diente in erster Linie zur Gesunderhaltung des Korpers im Hinblick auf das Gebaren gesunden, wunschenswert mannlichen Nachwuchses. Im Gegensatz zur Erziehung der Jungen wurde in der Madchenorganisation verstarkt Wert auf die .Erziehung der Madchen zu kultureller Haltung’ gelegt. Die Frau gait gemaB der NS-ldeologie als Tragerin des deutschen Kulturgutes, sie war wesentlich enger mit dem Deutschtum und dessen Traditionen verbunden.

Gegenbilder des BDM-Madels gab es viele. Es waren die .junge Dame’, das ,Sport-Girl’ und das .Wandervogel-Madel’[66], der .intellektuelle Blaustrumpf’, die .hoheren Tochter’, das .politisierende Damchen’, die .intriganten Frauenzimmer des Parlaments’ und die .kommunistische Dime’.[67] Mit einer Kombination von sportlichen, kulturell-musischen und hauswirtschaftlichen Elementen war der BDM ganz auf die Formung dieses propagierten Typs ausgerichtet. Auch wenn das Ziel der deutschen Mutter nicht angezweifelt wurde, so warb der BDM dennoch fur die Wichtigkeit einer soliden Berufsausbildung, die sich allerdings auf frauenspezifische Berufe beschranken sollte.

Das von Hitler propagierte Zuruckdrangen der Frau in die .kleine’, in die hausliche Welt wird der Realitat im Nationalsozialismus damit nicht ganz gerecht. Das Frauenbild im Dritten Reich war nicht so statisch, wie es den Anschein hat. Innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie gab es unterschiedliche, teilweise sich widersprechende Ansichten zum Wesen der Frau und ihrer Aufgaben im Staat. Christine WITTROCK charakterisiert die Haltung des faschistischen Staates als die eines „eklektischen Pragmatikers"[68], der die Aussagen zur Frauenfrage den Bedurfnissen der Tagespolitik anpasst. Besonders deutlich wird dies ab dem Jahr 1936, als sich im Zuge der beginnenden Kriegsrustung die Notwendigkeit ergab, Frauen verstarkt in den Arbeitsprozess einzubinden - spatestens in der Kriegszeit war die weibliche Arbeitskraft dann unentbehrlich. Obwohl die Nationalsozialisten das aktive und passive Wahlrecht fur Frauen ablehnten, erkannte man vor der Machtergreifung die Relevanz weiblicher Wahlerstimmen fur die Parlamentswahlen.

[...]


[1] MILLER-KIPP, Gisela. „Auch du gehorst dem Fuhrer". Die Geschichte des Bundes Deutscher Madel (BDM) in Quellen und Dokumenten (Materialien zur Historischen Jugendforschung), hg. von Ulrich Herrmann, 2., durchgesehene Auflage, Weinheim 2002, 202.

[2] www.planet-wissen.de (Stand: 15. Januar 2009).

[3] Bildarchiv PreuBischer Kulturbesitz, http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/ 1487/blauhemden_fuer_den_sozialismus.html (Stand: 17.Januar 2009).

[4] Deutsches Historisches Museum, Berlin; 96/1406.

[5] ANSORG, Leonore. Kinder im Klassenkampf. Die Geschichte der Pionierorganisation von 1948 bis Ende der funfziger Jahre, (Zeithistorische Studien, Bd. 8), Berlin 1997, 21.

[6] Fur Richard J. Evans und Wolfgang Schuller ist das angemessene Vergleichsobjekt zur eigenstandigen NS- Diktatur nicht die DDR sondern die Sowjetunion, da die dDr ein von der Sowjetunion aufgezwungenes System darstellte. Kann man deshalb von einer zweiten ,deutschen' Diktatur sprechen? - so lautet ihre Frage. Vgl. Richard J. EVANS. Zwei deutsche Diktaturen im 20. Jahrhundert? ApuZ 1-2/ 2005, 3-9; SCHULLER, Wolfgang. Deutscher Diktaturenvergleich, in: Die DDR - Analysen eines aufgegebenen Staates, hg. von Heiner Timmermann, Berlin 2001, 849-857. Wie aus dem Thema der vorliegenden Arbeit hervorgeht, schlieRt sich der Autor dieserAuffassung nicht an.

[7] DIE ZEIT, ,,So bescheiden", 34 (1991).

[8] Es wird argumentiert, dass beide Regime sehr unterschiedliche Herrschaftssysteme verkorperten, die deshalb nicht miteinander verglichen werden konnen. Ein weiterer Einwand leitet sich aus der Grunduberzeugung ab, dass alle historischen Phanomene prinzipiell einmalig seien und sich somit jedem Vergleich entzogen. Sehr ausfuhrlich zu den Argumenten der ,Vergleichsgegner': HEYDEMANN, Gunther/ BECKMANN, Christopher. Zwei Diktaturen in Deutschland. Moglichkeiten und Grenzen des historischen Diktaturenvergleichs, in: Deutschlandarchiv 1/30 (1997), 12-40.

[9] Ebd., 15. In Anlehnung an FAULENBACH, Bernd. Probleme des Umgangs mit der Vergangenheit im vereinten Deutschland: Zur Gegenwartsbedeutung der jungsten Geschichte, in: Eine Nation - doppelte Geschichte. Materialien zum deutschen Selbstverstandnis, hg. von Werner Weidenfeld, Koln 1993,190.

[10] Nach der Typologie politischer Systeme handelt es sich beim Dritten Reich und der DDR aufgrund ihres politisch-ideologischen Selbstverstandnisses als auch ihrer Herrschaftspraxis um Diktaturen totalitarer Auspragung: Beide kannten weder Gewaltenteilung noch Rechtsstaat, verletzten Menschen- und Burgerrechte systematisch und waren nicht durch freie Wahlen legitimiert. Beide Systeme waren im Kern antidemokratisch, antipluralistisch und freiheitsraubend. Siehe dazu den sechs Punkte umfassenden Kriterienkatalog totalitarer Regime von Friedrich/ Brzezinski: FRIEDRICH, Carl Joachim/ BRZEZINSKI, Zbigniew. Totalitarian Dictatorship and Autocracy, Cambridge/ Mass. 1966. Ebenso LINZ, Juan. Totalitare und autoritare Regime, Berlin 2000. Zu den Gemeinsamkeiten beider Diktaturen auf deutschen Boden ausfuhrlich: HEYDEMANN, Gunther/SCHMIECHEN-ACKERMANN, Detlef. Zur Theorie und Methodologie vergleichender Diktaturforschung, in: Diktaturen in Deutschland - Vergleichsaspekte. Strukturen, Institutionen und Verhaltensweisen (Schriftenreihe der Bundeszentrale fur politische Bildung, Bd. 398), hg. von ders./ OBERREUTER, Heinrich, Bonn 2003,33/ 34.

[11] Vollstandiger Kriterienkatalog in: HEYDEMANN/ SCHMIECHEN-ACKERMANN, Zur Theorie und Methodologie vergleichender Diktaturforschung, 33.

[12] Alle Begrifflichkeiten die Methodik des Vergleichs betreffend in den Ausfuhrungen von Heydemann, der zahlreiche Arbeiten zur Methodologie der empirischen Diktaturforschung veroffentlicht hat, vgl. dazu: HEYDEMANN/ BECKMANN, Zwei Diktaturen in Deutschland; sehr ubersichtlich in: HEYDEMANN, Gunther. Integraler und sektoraler Vergleich - Zur Methodologie der empirischen Diktaturforschung, in: Diktaturvergleich als Herausforderung. Theorie und Praxis (Schriftenreihe der Gesellschaft fur Deutschlandforschung, Bd. 65), hg. von ders./ JESSE, Eckhard, Berlin 1998; sehr ausfuhrlich in: HEYDEMANN/ SCHMIECHEN- ACKERMANN, Zur Theorie und Methodologie, 9 - 55.

[13],Weiche' Vergleichskriterien sind: 1. Zeitliche Dauer, 2. Entstehungs- und Ausgangslage, 3. Grundstrukturen der Herrschaftssysteme, 4. Innen- und auRenpolitische Handlungsmoglichkeiten, 5. Ideologie/ weltanschauliches Fundament, 6. Eliten und ihre Rekrutierung, 7. Gesellschaftliche Akzeptanz und Mobilisierung, 8. Verfassung, Recht und Justiz, 9. Wirtschaft, Eigentum und Produktionsverhaltnisse, 10. Bevolkerungskontrolle und -domestizierung durch Terror und Repression, 11. Konkurrenzsituation zur BRD und nationale Frage, 12. Art und Bedingung des Zusammenbruchs und Untergang, vgl. HEYDEMANN, Integraler und sektoraler Vergleich, 231/232.

[14] HEYDEMANN/ BECKMANN, Zwei Diktaturen in Deutschland, 231.

[15] HEYDEMANN/SCHMIECHEN-ACKERMANN, 11.

[16] Der Begriff ,moderne Diktatur', auch ,moderne totalitare Diktatur' (HEYDEMANN/ SCHMIECHEN-ACKERMANN, 17) bezeichnet Diktaturen, die im ,Zeitalter der Extreme' (20. Jahrhundert) entstanden sind (italienischer Faschismus, sowjetischer Kommunismus, deutscher Nationalsozialismus, realer Sozialismus in der DDR). Der Begriff ,moderne totalitare Diktatur' wurde in Abgrenzung zu den alteren/ bzw. antiken ,totalitaren Diktaturen' (zum Beispiel. Frankreich unter Napoleon Bonaparte oder die Herrschaftssysteme unter Sulla und Casar) gewahlt. ,Moderne totalitare Diktaturen' sind durch einige zentrale Momente gekennzeichnet: die Umwandlung des Rechtsstaates in einen Polizeistaat, eine instrumentalisierte - die ganze Gesellschaft kontrollierende Staatspartei, die Isolierung des Einzelnen, die Uberfuhrung von Kultur in Propaganda, Terror als permanente Bedrohung und effektives Herrschaftsinstrument. Die vollstandige Durchdringung der Gesellschaft durch die politische Macht gilt als Hauptmerkmal. Vgl. dazu: HEYDEMANN/ SCHMIECHEN-ACKERMANN, 17; SCHMIECHEN-ACKERMANN, Detlef. Diktaturen im Vergleich(Kontroversen um die Geschichte), hg. von BAUERKAMPER, Arnd/ STEINBACH, Peter/ WOLFRUM, Edgar, 2. Auflage, Darmstadt 2006,16. Sowie FORD, Guy Stanton (Hg). Dictatorship in the Modern World, London 1939 und SPEARMAN, Diana. Modern Dictatorship, New York 1939.

[17] HEYDEMANN/SCHMIECHEN-ACKERMANN, ZurTheorie und Methodologie, 23.

[18] SCHMIECHEN-ACKERMANN, Diktaturen im Vergleich, 15.

[19] Zu Opposition/ Widerstand vgl. ECKERT, Rainer. Vorlaufer der parlamentarischen Demokratie? Widerstand und Opposition im Dritten Reich und in der DDR, in: Diktaturvergleich als Herausforderung, hg. von Heydemann/ Jesse, 166-168; NEUBERT, Erhart. Widerstandigkeit im NS- Staat und im SED- Staat, in: Kirchliche Zeitgeschichte 9 (1996), 43-69. Zur Rolle der Kirchen vgl.: HEYDEMANN, Gunther/ KETTENACKER, Lothar (Hg.). Kirchen in der Diktatur. Drittes Reich und SED- Staat, Gottingen 1993; KARP, Hans-Jurgen/ KOHLER, Joachim (Hg.). Katholische Kirche unter nationalsozialistischer und kommunistischer Diktatur. Deutschland und Polen 1939 - 1989, Koln 2001. ANSORG, 176 ff.

[20] NIEDERDALHOFF, Friederike. ,,lm Sinne des Systems einsatzbereit...": Madchenarbeit im ‘Bund Deutscher Madel' (BDM) und in der ,Freien Deutschen Jugend' (FDJ) - Ein Vergleich (Reihe Praxis und Forschung, Bd. 16), Munster1997.

[21] SCHLEUSENER, Daniela. Instrumentalisierung von Kindheit am Beispiel der Kinder- und Jugendorganisationen der beiden deutschen Diktaturen, Heidelberg 2002.

[22] Vor allem FULBROOK, Mary. The People's State. East German Society from Hitler to Honecker, New Haven 2006; ders. The two Germanies, 1946-1990 - Problems of Interpretation (Studies in European History), London 1992; ders. The Divided Nation. A History ofGermany 1918-1990, New York 1992.

[23] SCHMIECHEN-ACKERMANN, 102.

[24] M. Rainer LEPSIUS. Sozialhistorische Probleme der Diktaturforschung (Kommentar), in: Die DDR als Geschichte. Fragen - Hypothesen - Perspektiven, hg. von Jurgen KOCKA/ Martin SABROW, Berlin 1994,98.

[25] SCHMIECHEN-ACKERMANN, Diktaturen im Vergleich, 83.

[26],Jugend' bezeichnet eine Lebensaltersstufe, deren Definition und altersmaRige Bestimmung in der Regel die Zeit zwischen dem 12. und 25. Lebensjahr umfasst. Quelle: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus, 2003.

[27] ANSORG, Leonore/ HADER, Sonja. Auf dem Wege zum „neuen Menschen". Schule und Junge Pioniere in der SBZ/ DDR bis Anfang der funfziger Jahre, in:. Die DDR als Geschichte. Fragen - Hypothesen - Perspektiven (Zeithistorische Studien, Bd. 2), hg. von Jurgen Kocka/ Martin Sabrow, Berlin 1994, 95.

[28] Zur Transformation des Begriffes ,Jugend' siehe den folgenden Abschnitt Jugend als Symbol'. Begrifflichkeiten in: NIEDERDALHOFF, 33.

[29] KLONNE, Arno. Jugend im Dritten Reich. Die Hitlerjugend und ihre Gegner, Koln 2003, S. 13.

[30] SPEITKAMP, Winfried. Jugend als Symbol, in: ApuZ 20/2006,15.

[31] Ebd.

[32] Inhaltlich stutzt sich der folgende Abschnitt im Wesentlichen auf die Ausfuhrungen von SPEITKAMP. Jugend als Symbol, in: ApuZ 20/2006,15-21.

[33] Ebd., 18.

[34] WULFING, Wulf/ BRUNS, Karin/ PARR, Ralf. Historische Mythologie der Deutschen, 1798-1918, Munchen 1991.

[35] Zitiert nach: TROMMLER, Frank. Mission ohne Ziel. Uber den Kult der Jugend im modernen Deutschland, in: ,Mit uns zieht die neue Zeit'. DerMythosJugend, hg. von Thomas Koebner/Rolf- Peter Janz/ ders., Frankfurt 1985, 21.

[36] Adolf Hitler (1889-1945) war 43 Jahre alt am Tag der Machtergreifung (30. Januar 1933).

[37] KATER, Michael H. Hitler-Jugend, Darmstadt 2005,7.

[38] STAMBOLIS, Barbara. Mythos Jugend. Leitbild und Krisensymptom. Ein Aspekt der politischen Kultur im 20. Jahrhundert, Schwalbach/Ts. 2003,13. FRANK, Manfred. Die Dichtung als ,Neue Mythologie', in: Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion , hg. von Karl Heinz Bohrer, Frankfurt 1993.

[39] LINGELMANN, Karl- Christoph. Erziehung und Erziehungstheorien im Nationalsozialistischen Deutschland, Weinheim 1970,107.

[40] Vgl. SPEITKAMP, der dies fur den afrikanischen Kontinent zeigt.

[41] BRACHER, Karl Dietrich. Der Nationalismus in Deutschland. Probleme der Interpretation, in: Faschismus und Nationalsozialismus, hg. von ders./ Leo Valiani, Berlin 1991,31.

[42] ALTGELD, Wolfgang. Die Ideologie des Nationalsozialismus und ihre Vorlaufer, in: Faschismus und Nationalsozialismus, hg. von Karl Dietrich Bracher./LeoValiani, Berlin 1991,108.

[43] Ebd., 107.

[44] Vgl. GRUNENBERG, Antonia. Sinnverlust oder Funktionalisierung? Chancen und Grenzen ideologischen Wandels am Beispiel der Bewusstseinsdebatte, in: Ideologie und gesellschaftliche Entwicklung in der DDR. 18. Tagung zum Stand der DDR- Forschung in der Bundesrepublik Deutschland vom 28.-31.5.1985, hg.von Ilse Splittmann-Ruhle/ Gisela Helwig, Koln 1985,4.

[45] So der Slogan derTageszeitung ,Neues Deutschland'.

[46] Vgl. VALENTIN, Veit. Geschichte der Deutschen. Von den Anfangen bis 1945, Koln 1991,597 ff.

[47] ANSORG, Leonore und HADER, Sonja. ANSORG, Leonore/ HADER, Sonja. Schule und Junge Pioniere in der SBZ/ DDR bis Anfang derfunfziger Jahre, in: Die DDR als Geschichte. Fragen - Hypothesen - Perspektiven, hg. von Jurgen Kocka/ Martin Sabrow (Zeithistorische Studien, Bd. 2), Berlin 1994,93.

[48] Vgl. Kapitel 3.

[49] KRIECK, Ernst. Volkischer Gesamtstaat und nationale Erziehung. Heidelberg 1931,37.

[50] BA, NS 26/ 358 (Kriegsgeschichte der HJ, 1944), zitiert nach: BUDDRUS, Michael. Totale Erziehung fur den totalen Krieg. Hitlerjugend und nationalsozialistische Jugendpolitik. Texte und Materialien zur Zeitgeschichte, Bd. 13/1 und 13/2, hg. vom Institut fur Zeitgeschichte, Munchen 2003, Bd. 13/1,60.

[51] HITLER, Adolf. ,Mein Kampf', Jubilaumsausgabe, Zentralverlag der NSDAP, Munchen 1939,400.

[52] MULLER, Albert. Sozialpolitische Erziehung. - Das Junge Deutschland 31 (1937) S. 193-202 und KLINGE, Erich. Die Erziehung zur Tat, zu Mut und Tapferkeit, Dortmund 1936, beides zitiert nach SCHRECKENBErG, S. 27 und S. 26

[53] 61 HITLER, 421.

[54] Ebd., 404.

[55] Ebd., 420.

[56] Zitiert nach SCHRECKENBERG, 19/20.

[57] Vgl. GIESECKE, Hermann. Hitlers Padagogen. Theorie und Praxis nationalsozialistischer Erziehung, Weinheim 1993,172.

[58] VON SCHIRACH, Baldur. Die Hitler- Jugend. Idee und Gestalt, Leipzig 1936, S. 224, zitiert nach. SCHRECKENBERG, 26.

[59] KLONNE, 77.

[60] HAFENEGER, Benno/ FRITZ, Michael. Sie starben fur Fuhrer, Volk und Vaterland. Ein Lesebuch zur Kriegsbegeisterung junger Manner, Band 3: Hitlerjugend (wissen & praxis 41), 1. Auflage, Frankfurt/ Main 1993,22.

[61] SCHRECKENBERG, 26.

[62],,Die 25 Punkte des Programms der NSDAP", zitiert nach: HOFER, Walther. Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945, Frankfurt/ Main 1988,30.

[63] HITLER, 407.

[64] Hitler auf dem Nurnberger Parteitag vom 8. September 1934, zitiert nach: THALMANN, Rita. Frausein im Dritten Reich, Munchen 1984, 76.

[65] LUCK, Margret. Die Frau im Mannerstaat. Die gesellschaftliche Stellung der Frau im Nationalsozialismus. Eine Analyse aus padagogischerSicht, Frankfurt/Main 1979,123.

[66] Vgl. KLONNE, 85.

[67] Vgl. JURGENS, Birgit. ZurGeschichte des BDM (Bund DeutscherMadel) von 1923 bis 1939, Frankfurt/Main 1994.

[68] WITTROCK, Christine. Das Frauenbild in faschistischen Texten und seine Vorlaufer in der burgerlichen Frauenbewegung der zwanzigerJahre. Dissertation, Frankfurt/Main 1981,322.

Ende der Leseprobe aus 109 Seiten

Details

Titel
Uniformierte Jugend - Ein Vergleich der Jugendorganisationen des Dritten Reiches und der DDR
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Seminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
109
Katalognummer
V152120
ISBN (eBook)
9783640639915
ISBN (Buch)
9783640640119
Dateigröße
2221 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Arbeit zu einem bis dato nahezu unerforschten Gebiet.
Schlagworte
Diktatur, Drittes Reich, DDR, Jugend, Vergleich, Jugendorganisationen, Hitlerjugend, BDM, Junge Pioniere
Arbeit zitieren
M.A. Kathleen Bärs (Autor), 2009, Uniformierte Jugend - Ein Vergleich der Jugendorganisationen des Dritten Reiches und der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152120

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