Die historische Rede stellt in vielerlei Hinsicht eine wissenschaftliche Besonderheit dar. In der allgemeinen Didaktik werden Reden zwar grundsätzlich als schriftliche Quellen tituliert und doch ist man sich einig, dass die stringente, fast monotone Abhandlung der Quellenkritik im Geschichtsunterricht nicht so einfach möglich ist, wie bei anderen, der Rede verwandten Quellenarten. Obgleich die Rede im klassischen Sinne ihren Ursprung in der griechischen Antike findet und damit wesentlich älter ist als andere Textarten, ist man sich in der modernen Fachliteratur sehr unsicher über deren korrekten Umgang. Dies gilt zugleich auch als Erklärung für den relativ spärlich angesiedelten Forschungsstand...
Ziel im ersten Teil der Arbeit soll es sein, die Formen von „historischen Reden“ und Besonderheiten der Quellengattung herauszuarbeiten, sowie deren didaktische Bewandtnis zu thematisieren. Der zweite Teil besteht aus einem konkreten Anwendungsbeispiel für den Geschichtsunterricht. Dem voraus gehen eine eingehende Quellenkritik der verwendeten Beispielrede, sowie deren Einbettung in den Lehrplan für die Regelschule in Thüringen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG: „DIE HISTORISCHE REDE. NUR EINE SCHRIFTLICHE QUELLE?“
2. REDEN – VON DEN ANTIKEN ANFÄNGEN BIS ZUR MODERNE. EINE EINTEILUNG IN REDEGATTUNGEN
3. DIE BESONDERE BEDEUTUNG DES VORTRAGENS EINER REDE
3.1. NONVERBALE FAKTOREN DER REDE
3.2. RHETORISCHE MITTEL
4. DIE DIDAKTISCHE BEWANDTNIS DER HISTORISCHEN REDE IM UNTERRICHT – EINE ARGUMENTATION ÜBER DAS FÜR UND WIDER EINES EINSATZES IM GESCHICHTSUNTERRICHT
5. DER PRAKTISCHE UMGANG MIT DER HISTORISCHEN REDE IM UNTERRICHT
5.1. MÖGLICHKEITEN, DIE HISTORISCHE REDE IN DEN GESCHICHTSUNTERRICHT EINZUGLIEDERN
5.2. „IHR VÖLKER DER WELT […] SCHAUT AUF DIESE STADT!“ – EINE VORINTERPRETATION DER REDE ERNST REUTERS ZUR BLOCKADE WESTBERLINS AM 09.09.1948
5.3. DIE VERWENDUNG DER REDE IM UNTERRICHT – METHODISCHE VORSCHLÄGE
6. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die didaktische Einsetzbarkeit historischer Reden im Geschichtsunterricht und analysiert, wie diese Quellengattung über den reinen Text hinaus zur historischen Erkenntnisgewinnung und Motivationssteigerung beitragen kann.
- Systematische Einordnung von Redegattungen von der Antike bis zur Moderne.
- Analyse der Bedeutung nonverbaler Faktoren und rhetorischer Mittel für die Quelleninterpretation.
- Diskussion der didaktischen Vor- und Nachteile beim Einsatz authentischer Reden im Unterricht.
- Methodische Konzeption der Unterrichtsgestaltung am Fallbeispiel der Rede Ernst Reuters zur Berlin-Blockade.
Auszug aus dem Buch
3.1. Nonverbale Faktoren der Rede
Anders als bei den typischen schriftlichen Quellengattungen, die ihre Inhalte lediglich über das schriftlich Fixierte transferieren können, kommt es bei der historischen Rede auch entscheidend auf die Art und Weise der Übermittlung der Redeinhalte an. Diese Übermittlung hängt ganz wesentlich von unabdingbaren Faktoren ab.
Enorme Wirksamkeit wird der sogenannten körperlichen Ausstattung beigemessen. Zu dieser gehören jene Eigenschaften, die natürlich bedingt und nicht veränderbar sind, wie zum Beispiel der Klang der Stimme des Redners. Zu einem gelungenen Vortrag gehört jedoch auch eine gute Körpersprache. Diese dient in unterstützender Art und Weise, als nonverbales rhetorisches Mittel, zu einer Untermalung des Gesagten und steigert dessen Bedeutungswert enorm. Pandel unterteilt diese Expressionsmöglichkeiten in vier verschiedene Typen.
Den wohl wichtigsten Part nehmen hierbei die Illustratoren, welche das Gesagte mit Hilfe von Mimik und Gestik unterstreichen. Beispielhaft hierfür sollen spezielle Posen und Bewegungen des Redners während seines Vortrags stehen, die im Grunde jeder gute Redner mehrfach in seinem Vortrag anwendet.
Eine zweite Darstellungsmöglichkeit bilden die sogenannten Regulatoren, welche das Verhältnis zwischen Redner und Hörer beschreiben. Hierzu gehört sowohl das Blickverhältnis zwischen Beiden, sowie das, speziell seiner Klientel angepasste äußere Erscheinungsbild des Redners. Eine dritte Form der illustrativen Untermalung des Gesagten, bilden die sogenannten Embleme. Sie werden sehr verhalten eingesetzt, erzielen jedoch eine enorme Wirkung beim Publikum. Embleme können wohl als einzige der Illustratoren auch ohne Sprache ansatzweise korrekt gedeutet werden. Beispielhaft hierfür sollen die geballte Faust oder das Tippen des Zeigefingers auf die Stirn dienen. Die von Pandel als emotionale Expressionen bezeichneten Illustratoren stellen besondere und emotionale Redemomente in den Vordergrund. Hierzu gehören besondere Respektsbekundungen gleichermaßen, wie extreme Wutausbrüche des Vortragenden. Die nonverbalen rhetorischen Möglichkeiten bieten einen methodisch vielfältigen Anwendungsbereich für die Redner, um das Gesagte zu unterlegen, finden in ihrer Wirkung jedoch klare Grenzen. Inhaltlich und strukturell schwache Reden und Vorträge können durch nonverbale rhetorische Mittel zwar etwas ausgeschmückt werden, wirken aber bei falscher Dosierung des Verhältnisses zu den verbalen rhetorischen Figuren jedoch grotesk und belanglos.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: „DIE HISTORISCHE REDE. NUR EINE SCHRIFTLICHE QUELLE?“: Diese Einleitung thematisiert die wissenschaftliche Besonderheit von Reden als historische Quellen und betont die Notwendigkeit einer multiperspektivischen Betrachtung.
2. REDEN – VON DEN ANTIKEN ANFÄNGEN BIS ZUR MODERNE. EINE EINTEILUNG IN REDEGATTUNGEN: Das Kapitel bietet einen historischen Abriss der Redegattungen, von der antiken Gerichts- und Beratungsrede bis hin zur modernen Parlaments- und Festrede.
3. DIE BESONDERE BEDEUTUNG DES VORTRAGENS EINER REDE: Hier werden die nonverbalen Aspekte wie Körpersprache und rhetorische Stilmittel analysiert, die maßgeblich zur Wirkung einer Rede beitragen.
4. DIE DIDAKTISCHE BEWANDTNIS DER HISTORISCHEN REDE IM UNTERRICHT – EINE ARGUMENTATION ÜBER DAS FÜR UND WIDER EINES EINSATZES IM GESCHICHTSUNTERRICHT: Es wird erörtert, inwiefern historische Reden das geschichtliche Urteilsvermögen der Schüler stärken und welche methodischen Grenzen bei ihrem Einsatz beachtet werden müssen.
5. DER PRAKTISCHE UMGANG MIT DER HISTORISCHEN REDE IM UNTERRICHT: Dieses Kapitel liefert konkrete methodische Vorschläge für die Unterrichtsplanung und illustriert diese anhand des Falls der Rede Ernst Reuters zur Berlin-Blockade.
6. FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass historische Reden bei korrekter didaktischer Einbettung einen wesentlichen Beitrag zu einem motivierenden und erkenntnisreichen Geschichtsunterricht leisten können.
Schlüsselwörter
Historische Rede, Geschichtsunterricht, Quellenkritik, Rhetorik, Nonverbale Kommunikation, Didaktik, Ernst Reuter, Berlin-Blockade, Methodenkompetenz, Quelleninterpretation, Redegattungen, Politikgeschichte, Bildungsauftrag, Multiperspektivität, Zeitgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Nutzung historischer Reden als spezifische Quellengattung im Geschichtsunterricht und untersucht deren didaktischen Mehrwert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen die historische Einordnung von Redetypen, die Bedeutung rhetorischer und nonverbaler Elemente sowie die praktische methodische Umsetzung im schulischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, didaktische Strategien aufzuzeigen, um historische Reden effektiv und methodisch korrekt in den Geschichtsunterricht zu integrieren, ohne dabei den historischen Kontext oder die Authentizität zu verzerren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse fachdidaktischer Literatur und wendet diese theoretischen Erkenntnisse exemplarisch auf das Fallbeispiel der Rede von Ernst Reuter an.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über Redegattungen und rhetorische Mittel sowie eine praktische Anleitung zur Unterrichtsgestaltung anhand der Berlin-Blockade.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Inhalt?
Wichtige Begriffe sind historische Rede, Geschichtsdidaktik, Quellenarbeit, rhetorische Mittel, Berlin-Blockade und Methodenkompetenz.
Warum ist die Unterscheidung zwischen schriftlicher Quelle und Vortrag für den Unterricht so wichtig?
Der Autor argumentiert, dass eine rein textuelle Analyse zu kurz greift, da Mimik, Gestik und der situative Kontext der Rede entscheidende Bedeutung für die Wirkung und historische Aussagekraft haben.
Welche Rolle spielt die Rede von Ernst Reuter im dokumentierten Unterrichtsbeispiel?
Sie dient als konkretes Anwendungsbeispiel, an dem Schüler sowohl historische Hintergründe zur Berlin-Blockade erarbeiten als auch Kompetenzen in der Quellenkritik und Interpretation entwickeln sollen.
Welche Gefahr sieht der Autor bei der Verwendung von Reden im Unterricht?
Es besteht die Gefahr, dass Reden als alleinige historische Wahrheit missverstanden werden oder der Lehrer versucht, die Quellen zu stark für den Unterricht zu vereinfachen, wodurch deren ursprüngliche Aussage verloren gehen könnte.
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- Erik Schulze (Author), 2009, Die historische Rede im Geschichtsunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152168