Merkmale und Eigenarten Gesprochener Sprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1. Wasist Sprache?
2.1. Wasist gesprochene Sprache?

3. Allgemeine Merkmale gesprochener Sprache

4. Weitere Merkmale gesprochener Sprache
4.1. Aspekte der Phonetik
4.2. Prosodie
4.3. Syntax
4.4. Lexik
4.5. Nonverbale Kommunikation

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Gesprächsanalyse“ sollten die elementaren Grundlagen der Analyse von Gesprächen vermittelt werden. Die inhaltlichen Schwerpunkte wurden dabei durch einzelne Seminarteilnehmer per Referat vorbereitet und im Idealfall auch anschließend im Seminar präsentiert. Behandelt wurden die theoretischen Grundlagen der Gesprächsanalyse, die Mikro- und Makrostruktur von Gesprächen, die Rolle der Gesprächssituation, Reparaturen in Gesprächen und Aspekte nonverbaler Kommunikation.

Der „Rohstoff“ für jede Gesprächsanalyse ist die gesprochene Sprache. Unter dem Gesichtspunkt „Merkmale und Eigenarten gesprochener Sprache“ wurde das Thema in einem Referat am 29.10.2003 vorgestellt. An dieser Stelle erfolgt nun die „schriftsprachliche Aufbereitung“ der „gesprochensprachlich“ vorgestellten Merkmale und Eigenarten gesprochener Sprache. Berücksichtigung findet jedoch nur eine Auswahl bestimmter Merkmale und Eigenarten, denn eine vollständige und abschließende Behandlung kann mit dem Umfang dieser Arbeit nicht geleistet werden. Im folgenden Punkt wird zunächst versucht, den Sprachbegriff näher zu bestimmen und eine mögliche Definition für gesprochene Sprache zu finden. Daran anschließend werden ganz allgemeine Besonderheiten gesprochener Sprache in Abgrenzung zu geschriebener Sprache vorgestellt. Die Gegenüberstellung von gesprochener und geschriebener Sprache erfolgt zum Teil auch in den weiteren Punkten, wobei zwar indirekt eine „Charakterisierung“ der geschriebenen Sprache vorgenommen wird, jedoch keine „Parallelbehandlung“ geschriebener Sprache stattfinden soll.

Im vierten Punkt werden weitere Besonderheiten gesprochener Sprache vorgestellt. Zuerst werden die phonetischen Aspekte gesprochener Sprache betrachtet, danach die Besonderheiten der Prosodie, der Syntax und der Lexik. Anschließend erfolgt ein Überblick über die nonverbale Kommunikation als Bestandteil gesprochener Sprache. Den Schlussteil bildet eine Zusammenfassung der behandelten Aspekte.

2. Definitionen

2.1. Was ist Sprache?

Bevor weiter über Sprache gesprochen wird, soll geklärt werden, was eigentlich unter Sprache zu verstehen ist, denn der Sprachbegriff ist vieldeutig und lässt sich in verschiedene Bedeutungsvarianten unterscheiden. Zum einen versteht man unter Sprache die „dem Menschen angeborene Fähigkeit, eine Sprache auszubilden“[1]. In diesem Sinne ist Sprache dann die gesprochene oder geschriebene Rede des Menschen, welche verschiedenen soziokulturellen und dialektalen Einflüssen unterliegt.[2] Zum anderen bezeichnet man mit Sprache das Sprachsystem der nationalen Einzelsprachen wie beispielsweise Deutsch, Englisch oder Chinesisch.[3]

Sprache im engeren Sinne ist also immer ein Mittel zur verbalen Kommunikation des Menschen. Im erweiterten Sinne ist Sprache in der Semiotik und Informationslehre ein „zu Kommunikationszwecken verwendetes Zeichensystem“[4]. Die Zeichensprache der Taubstummen, das Morsealphabet, Programmiersprachen und Tiersprachen können demnach ebenfalls als Sprache bezeichnet werden.

Als Definition für die natürliche menschliche Sprache könnte gelten: „Sprache ist ein historisch überliefertes System konventioneller Lautzeichen als Mittel zwischen­menschlicher Verständigung sowie der Speicherung von Erfahrung und Wissen“[5]. Sprache ist also historisch, weil sie im Laufe der Geschichte vielfachen Veränderungen und damit einer eigenen Entwicklung unterlag. Am Beispiel der deutschen Sprache ist dies nachvollziehbar an der Entwicklung vom Germanischen zum Neuhochdeutschen. Sprache ist weiterhin ein System konventioneller Lautzeichen, denn die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft verwenden überwiegend die gleichen, allgemein anerkannten Sprachzeichen. Als Mittel der menschlichen Kommunikation „konserviert“ Sprache als „Speichermedium“ auch Erfahrung und Wissen früherer Generationen.

Die Hauptkomponenten der Sprache sind das Lexikon, also der gesamte Zeichenbestand einer Sprache, die Grammatik, welche die Konstruktions- und Kombinationsregeln für die Sprache liefert und die Pragmatik, die den situativen Gebrauch der Sprache regelt.[6] 2.1. Was ist gesprochene Sprache?

Die menschliche Sprache kann auf drei verschiedenen Wegen realisiert werden. Sie wird in der Gebärdensprache gestisch produziert, als geschriebene Sprache schriftlich, also graphisch fixiert, oder als gesprochene Sprache phonetisch durch Laute hervorgebracht.[7] [8]

Erste Aufmerksamkeit durch die wissenschaftliche Forschung erhielt die gesprochene Sprache zwar schon 1899 durch Otto Behaghel, doch wirklich angekommen im „Wissenschaftskanon der Germanistik“ ist sie erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Diese, relativ späte, Berücksichtigung durch die Wissenschaft resultierte zum größten Teil aus dem Mangel an geeigneten Tonaufnahmegeräten, mit denen sich gesprochene Sprache eingehend analysieren und studieren ließ.[9]

Gesprochene Sprache gilt als die „primäre Kommunikationsform“[10] des Menschen und wird definiert als:

„[...] frei formuliertes, spontanes Sprechen aus nicht gestellten, natürlichen Kommunikationssituationen, Sprache also im Sinne von Sprachverwendung, nicht von Sprachsystem.“[11]

Wesentliches Kriterium für gesprochene Sprache ist demnach die freie Formulierung und die Spontaneität der Sprechsituation, denn eine schriftlich vorbereitete Rede, die frei vorgetragen oder auch nur abgelesen wird, ist zwar medial, jedoch nicht konzeptionell der gesprochenen Sprache zuzuordnen.

Weiterhin verläuft gesprochene Sprache typischerweise zwischen zwei oder mehreren Beteiligten in deren „alltäglicher Lebenswelt“[12] in Form eines Gespräches mit einem ständigen Wechsel von „Sprecher- und Hörerrolle“[13]. Die Kommunikationssituation ist damit also auch „spontan und natürlich“.

Die Festlegung auf gesprochene Sprache im Sinne von Sprachverwendung meint, dass der geschriebenen und gesprochenen Sprache eben nicht zwei unterschiedliche Sprachsysteme zugrunde liegen, sondern dass gesprochene Sprache nur eine andere Verwendungsform von Sprache an sich ist.[14] Eine korrekte Bezeichnung für gesprochene Sprache wäre dann konsequenterweise: gesprochene Sprachverwendung.

3. Allgemeine Merkmale gesprochener Sprache

Offensichtlich ist, dass die gesprochene Sprache, im Gegensatz zur geschriebenen Sprache, frei von Interpunktion, Groß- und Kleinschreibung und Getrennt- und Zusammenschreibung ist. Hauptcharakteristikum der gesprochenen Sprache ist jedoch die phonetische, also akustisch wahrnehmbare, Produktion von Lauten. Durch den „phonatorischen Akt“[15] wird Luft im Sprechapparat des Menschen zum „Träger eines Lautes oder Geräusches“[16]. Die Modifikation des Luftstromes, Artikulation genannt, bewirkt eine Veränderung des durch Phonation produzierten Geräuschs, so dass verschiedene Laute entstehen können.[17] [18] Diese mediale Differenzierung grenzt phonisch realisierte, gesprochene Sprache und graphisch realisierte, geschriebene Sprache eindeutig voneinander ab.

Gesprochene Sprache ist überwiegend dialogisch und setzt durch den „face-to-face“ Charakter der Kommunikationssituation logischerweise auch eine „raum-zeitliche Kopräsenz“ der Dialogteilnehmer voraus. Der Adressat der gesprochenen Sprache ist zudem meist bekannt.[19] Im Gegensatz dazu hat geschriebene Sprache größtenteils monologischen Charakter und der Adressat ist oft unbekannt. Des Weiteren sind bei geschriebener Sprache Produzent und Rezipient meist zeitlich und räumlich voneinander getrennt.[20] Der Sprecher der gesprochenen Sprache unterliegt einem großen Zeitdruck, denn die gedankliche Vorausplanung der Sprechsequenzen in einem Dialog ist zeitlich sehr begrenzt. Dadurch kommt es häufig zu unkorrekten Formulierungen, die dann wieder repariert werden müssen. Die Reparaturen hinterlassen außerdem Spuren und werden vom Gesprächspartner zumeist bemerkt. Gesprochenes wird in der Regel nur einmal gehört und ist durch seine „Flüchtigkeit“ gedanklich schwer zu rekonstruieren, es sei denn, ein Gespräch wird zum Zwecke der Gesprächsanalyse auf einem Datenträger aufgezeichnet. Trotzdem ermöglicht gesprochene Sprache in einem Gespräch die Bearbeitung eines verhältnismäßig großen Kontextes durch „implizite, situationsverweisende Mitteilungen“ im Dialog zwischen Sprechern mit gleichem „Insider-Wissen“.[21]

In der geschriebenen Sprache dagegen hat der Schreiber mehr Zeit für die Planung seiner Formulierungen. Eventuelle Fehler lassen sich bei Bedarf mehrmals korrigieren und werden vom Leser meist nicht bemerkt. Geschriebenes wird im Gegensatz zu den kurzlebigen Schallwellen gesprochener Sprache dauerhaft auf Papier oder zum Beispiel in Form eines Word-Dokuments „materialisiert“.[22]

Inhalt und Bedeutung eines Gespräches bauen sich langsam durch das Wechselspiel der einzelnen Sprecherbeiträge auf. Alle Gesprächsteilnehmer sind in gewisser Weise aktiv und passiv zugleich, denn auch der vermeintlich passive Hörer gestaltet das Gespräch aktiv durch sein Verhalten mit. Durch Nachfragen, Kommentare, Parallelerzählungen und Mimik kann dem Gespräch jederzeit eine neue Wendung gegeben werden.[23] Die geschriebene Sprache dagegen ist als Text in eine feste Form gegossen und kann vom Leser nur „reproduziert“[24], also nicht verändert werden.

[...]


[1] Homberger, D.: Sachwörterbuchzur Sprachwissenschaft. Stuttgart: Reclam, 2000. S. 489

[2] ebd. S. 490

[3] ebd. S. 489

[4] Bußmann, H.: Lexikon der Sprachwissenschaft. 2. Aufl. - Stuttgart: Kröner, 1999. S. 700

[5] Ulrich, W.: Wörterbuch linguistische Grundbegriffe. 5. Aufl.- Berlin; Stuttgart: Gebr. Borntraeger Verl., 2002. S. 267

[6] Ulrich 2002, S. 267

[7] Schwitalla, J.: Gesprochenes Deutsch. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt, 1997. S. 15-16

[8] Scherer, H. (Hrsg): Sprache in Situation. Eine Zwischenbilanz. Bonn: RomanistischerVerlag, 1989. S. 10-11

[9] Schwitalla 1997, S.14

[10] Bußmann 1999, S. 280

[11] Schank, G. u. Schoenthal, G.: Gesprochene Sprache. Eine Einführung in Forschungsansätze und Analysemethoden. 2. Aufl. - Tübingen: Niemeyer, 1983. S. 7

[12] Schwitalla, J.: Gesprochene Sprache - dialogisch gesehen. in: Fritz, G. u. Hundsnurscher, F. (Hrsg.): HandbuchderDialoganalyse. Tübingen: Niemeyer, 1994. S. 18

[13] Henne, H. u. Rehbock, H.: Einführung in die Gesprächsanalyse. 3. Aufl. - Berlin; New York: de Gruyter, 1995. S. 14

[14] Schwitalla 1997, S. 15

[15] Linda, M.: Elemente einer Semiologie des Hörens und Sprechens. Zum kommunikationstheoretischen Ansatz Ferdinand de Saussures. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 2001. S. 68-69

[16] Willi, U.: Phonetik und Phonologie. in: Linke, A.; Nussbaumer, M. u. Portmann, P. R.: Studienbuch Linguistik. 4. Aufl. - Tübingen: Niemeyer, 2001. S. 407-408

[17] ebd. S. 408

[18] Schwitalla 1997, S. 15

[19] Schwitalla 1994, S. 18

[20] ebd.

[21] ebd. S. 19

[22] ebd.

[23] Rath, R.: Gesprächsschrittund Höreraktivitäten. in: Textund Gesprächslinguistik: Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. hrsg. von Klaus Brinker ...- Berlin; New York: de Gruyter (Handbuch zur Sprach und Kommunikationswissenschaft; Bd. 16) Halbbd. 2 - 2001. S. 1217

[24] ebd. S. 19 u. 34

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Merkmale und Eigenarten Gesprochener Sprache
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Gesprächsanalyse
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V152547
ISBN (eBook)
9783640643462
ISBN (Buch)
9783640643196
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesprochen, Sprache, mündlich, Sprachforschung, Sprachwissenschaft, Phonetik, Prosodie, Syntax, Lexik, nonverbal, Kommunikation
Arbeit zitieren
Ron Klug (Autor), 2004, Merkmale und Eigenarten Gesprochener Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152547

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