Anselm von Canterbury legte im 2. und 3. Kapitel seines Werkes "Proslogion" (abgekürzt P), das vermutlich in den Jahren 1077/78 verfasst wurde, einen Beweis für die Existenz Gottes vor.
Anselm sprach in seinem Namen und in dem seiner benediktinischen Glaubensbrüder Gott als dasjenige an, von dem nichts Größeres gedacht werden kann.
Während er im PII die Existenz-in-Wirklichkeit von demjenigen, von dem nichts Größeres gedacht werden kann nachweist, zielt sein Beweis aus PIII darauf ab zu zeigen, dass es nicht einmal denkbar ist, dass dasjenige von dem nichts Größeres gedacht werden kann nicht in Wirklichkeit existiert. Beide Beweise gelten jeweils als ontologischer Gottesbeweis - Der Beweis aus Proslogion III wird zudem als modaler Gottesbeweis angesprochen.
Anselms frühester Kritiker war der Mönch Gaunilo von Marmoutiers.
Dieser unterzog in seiner Schrift "Quid ad haec respondeat quidam pro insipiente" (=Was jemand anstelle des Toren hierauf erwidern könnte; abgekürzt LPI) die Beweise aus PII und PIII einer eingehenden Untersuchung. Sein Ziel war es nicht, die Gottesbeweise Anselms zu entkräften, wohlmöglich sogar, um die Nicht-Existenz Gottes zu postulieren, sondern es ging Gaunilo um die Formulierung einer konstruktiven Kritik, auf dessen Basis eine stärkere Begründung der ontologischen Gottesbeweise möglich wäre.
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Kritik Gaunilos am modalisierten Gottesbeweis Anselms auseinander.
Das Hauptziel ist es, ein fundiertes Verständnis seiner Kritik zu gewinnen. Handelt es sich hierbei um
eine destruktive oder um eine konstruktive Kritik? Zweifelt er die Undenkbarkeit der Nicht-Existenz
Gottes an oder (lediglich) die Beweisführung Anselms? Legen Gaunilo und Anselm hinsichtlich der
Begriffe „Undenkbarkeit“ und „Unverstehbarkeit“ dieselben Bedeutungen zugrunde oder nicht – sprich:
reden sie im schlimmsten Fall aneinander vorbei?
Zur Klärung dieser Fragen ist es unerlässlich die kritischen Überlegungen Gaunilos hinsichtlich PIII
richtig erfassen zu können. Zu diesem Zweck wird eine Rekonstruktion der argumentativen Passagen
aus LPI [7] erstellt.
Darüber hinaus soll eine Antwort auf die Frage gegeben werden, warum Gaunilo in LPI [7] einen
sogenannten Sprecherwechsel vollzieht. Dieser hat u. a. J. SCHERB dazu veranlasst, von der
Standarteinteilung des LPI durch F. S. SCHMIDT abzuweichen und den siebenten Abschnitt in zwei
eigenständige Kapitel zu unterteilen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Anselm-Gaunilo-Kontroverse
2. Zielsetzung und Aufbau dieser Arbeit – Die Interpretationsfragen
3. Interpretation des Liber pro insipiente [7]
3.1 Präliminarien
3.2 Die Textgrundlage
3.3 Die Kritik des Toren am modalisierten Existenzbeweis
3.4 Rekonstruktion der Gaunilo-Kritik am modalisierten Existenzbeweis
3.5 Zusammenfassung der Ergebnisse der Rekonstruktion
3.6 Anselms Erwiderung auf die Kritik Gaunilos in Responsio [4]
4. Beantwortung der Interpretationsfragen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der Argumentation Gaunilos von Marmoutiers gegen den modalisierten Gottesbeweis Anselms von Canterbury im Liber pro insipiente auseinander. Das primäre Ziel ist es, ein fundiertes Verständnis der Kritik Gaunilos zu erlangen, ihre argumentative Struktur durch Rekonstruktion offenzulegen und die Gegenargumente Anselms in der Responsio zu analysieren, um zu klären, ob es sich um eine destruktive oder konstruktive Kritik handelt.
- Analyse der Anselm-Gaunilo-Kontroverse
- Rekonstruktion der Kritik des "Toren" am modalisierten Gottesbeweis
- Vergleich der Begriffe "Undenkbarkeit" und "Unverstehbarkeit"
- Untersuchung des Sprecherwechsels im Liber pro insipiente
- Evaluation der Antwort Anselms in der Responsio
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Kritik des Toren am modalisierten Existenzbeweis
In diesem Abschnitt wird eine Satz-für-Satz-Interpretation der ersten Textrate durchgeführt. Ziel ist es, die Funktion der TR (1) im Gesamtzusammenhang des LPI [7] angeben zu können. Es wird geklärt, in welchem Verhältnis die beiden Textraten des LPI [7] zueinander stehen.
(S1) So weit, was jener Tor einstweilen auf die Einwände erwidern wird.
Durch diesen Satz wird der Übergang von der PII-Kritik zu einem thematisch neuen Abschnitt des LPI signalisiert. Gaunilo betont nochmals, dass alle von LPI [1]-[6] angestellten Überlegungen, Überlegungen waren, die der von Anselm in P erwähnte Tor auf den einfachen Existenzbeweis des famosen Objekts vorbringen könnte. Es mag zunächst irritieren, dass in (S1) davon die Rede ist, dass der Tor auf Einwände erwidert. Dem Kontext(gefühl) nach war es (gerade) der Tor der Einwände vorgebrachte – nämlich an PII. Ein Blick in die Übersetzung SCHERBs kann diese plausiblere Lesart bestätigen.
(S1)´ Dies hätte jener Tor vorerst auf jenes Vorgetragene geantwortet.
Hier wird ersichtlich, dass Anselm keine Erwiderungen vorbrachte, sondern etwas vortrug. ‘Jenes Vorgetragene’ meint hier die Argumentation aus PII.
Es geht weiter mit dem zweiten Satz:
(S2) Wenn ihm daraufhin versichert wird, jenes >größer< sei so, dass es nicht einmal dem Denken nach nicht sein könne, und dies wiederum genau dadurch bewiesen wird, dass es andernfalls nicht größer wäre als alles, so könnte er darauf dieselbe Antwort geben und fragen:
Dieser Satz weist die Form einer Subjunktion auf. Den vorderen Teil bildet das Antezedens, die Bedingung, unter der auf das im Sukzedens Enthaltene gefolgert werden darf. (S2) gibt den Inhalt des Antezedens, (S3) den des Sukzedens wieder.
Die Bedingung die Gaunilo hier anführt, ist bereits mit den Ausführungen des PIII erfüllt. Dies ist das eindeutige Anzeichen, dass sich LPI [7] auf den Existenzbeweis in PIII bezieht. An jener Stelle wird mit einer Art der Beweisführung, die auch beim einfachen Existenzbeweis zu Einsatz kam, (durch Anselm) aufgezeigt, dass die Modalität der bereits in PII bewiesenen Existenz des famosen Objektes derart ist, dass sie, die Existenz, undenkbar nicht gegeben sein kann. Kurz: Die Nicht-Existenz des famosen Objekts kann nicht gedacht werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Anselm-Gaunilo-Kontroverse: Einführung in den historischen Kontext der Proslogion-Argumente und der grundlegenden Kritik Gaunilos.
2. Zielsetzung und Aufbau dieser Arbeit – Die Interpretationsfragen: Darlegung der Forschungsfragen und der methodischen Herangehensweise an den Text.
3. Interpretation des Liber pro insipiente [7]: Zentrale Interpretation und logische Rekonstruktion der kritischen Passagen des Textes.
3.1 Präliminarien: Erläuterung der methodischen Vorannahmen und verwendeten Übersetzungsgrundlagen.
3.2 Die Textgrundlage: Synoptische Darstellung der Textgrundlagen zur Vorbereitung der detaillierten Analyse.
3.3 Die Kritik des Toren am modalisierten Existenzbeweis: Detaillierte Untersuchung der ersten Abschnitte der Gaunilo-Kritik hinsichtlich ihrer Argumentationsstruktur.
3.4 Rekonstruktion der Gaunilo-Kritik am modalisierten Existenzbeweis: Formale Rekonstruktion der Argumente unter Anwendung moderner logischer Operatoren.
3.5 Zusammenfassung der Ergebnisse der Rekonstruktion: Synthese der aus der logischen Analyse gewonnenen Erkenntnisse und Beantwortung kritischer Rückfragen.
3.6 Anselms Erwiderung auf die Kritik Gaunilos in Responsio [4]: Analyse der Verteidigungsstrategie Anselms gegen die Einwände Gaunilos.
4. Beantwortung der Interpretationsfragen: Abschließende Beantwortung der in Kapitel 2 aufgeworfenen Fragestellungen basierend auf den vorangegangenen Analysen.
Schlüsselwörter
Anselm von Canterbury, Gaunilo von Marmoutiers, Proslogion, Liber pro insipiente, Responsio, modalisierter Gottesbeweis, Existenzbeweis, Undenkbarkeit, Unverstehbarkeit, logische Rekonstruktion, Ontologischer Gottesbeweis, scholastische Philosophie, Argumentationstheorie, Tertium-non-datur, Sprecherwechsel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die philosophische Kontroverse zwischen Anselm von Canterbury und Gaunilo von Marmoutiers bezüglich der Gültigkeit des modalisierten Gottesbeweises im Proslogion.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die logische Struktur der Kritik des "Toren" (Gaunilo) an Anselms Beweisführung sowie die Frage, wie Anselm in seiner Antwort (Responsio) auf diese Kritik reagiert.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, durch eine präzise Rekonstruktion der Argumente festzustellen, ob Gaunilo eine destruktive Kritik übt oder ob er mit seinen Ausführungen Anselm konstruktiv bei der Präzisierung seines Gottesbeweises unterstützen möchte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische Interpretation in Kombination mit einer formal-logischen Rekonstruktion der Argumentationsschritte mittels einer definierten Rekonstruktionssprache.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Interpretation des Liber pro insipiente, die formale Rekonstruktion der Argumente des Toren sowie die abschließende Analyse der Antwort Anselms in der Responsio.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit dreht sich maßgeblich um die Begriffe "Undenkbarkeit" und "Unverstehbarkeit" im Kontext der Nicht-Existenz eines famosen Objektes.
Welche Rolle spielt der sogenannte "Sprecherwechsel" im Liber pro insipiente?
Der Sprecherwechsel ist ein wesentlicher Anhaltspunkt, der zeigt, dass Gaunilo ab einem gewissen Punkt nicht mehr nur als "Tor" argumentiert, sondern eine eigene, konstruktive Position bezieht.
Warum ist die Unterscheidung zwischen "Denken" und "Verstehen" bei Anselm so wichtig?
Anselm führt diese Unterscheidung ein, um zu zeigen, dass die Undenkbarkeit der Nicht-Existenz Gottes kein logischer Widerspruch ist, sondern auf einer spezifischen Differenzierung der Bedeutungen des Ausdrucks 'denken' beruht.
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- Hermann Sievers (Author), 2009, Die Gaunilo-Anselm-Kontroverse - Gaunilos Kritik am modalen Existenzbeweis Gottes aus Proslogion III, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153374