In der vorliegenden Arbeit wird auf Differenzen zwischen der nôt- und der liet-Fassung des Nibelungenliedes eingegangen anhand der „geradezu tendenziös“ unterschiedlichen Bewertung der beiden Figuren Kriemhild und Hagen. In der vorliegenden Arbeit wird auf Differenzen zwischen der nôt- und der liet-Fassung des
Nibelungenliedes eingegangen anhand der „geradezu tendenziös“ unterschiedlichen
Bewertung der beiden Figuren Kriemhild und Hagen.
Das Nibelungenlied ist eine aus vormittelalterlichen Sagenkreisen miteinander verwobene,
mittelalterliche Dichtung, die aus 39 (C 38) Aventiuren besteht und zwischen der 19. und 20.
Aventiure in zwei Hauptteile untergliedert werden kann. Obgleich im ersten Teil Siegfried
und im zweiten Teil Hagen handlungstragend sind, stellt Kriemhild das verbindende Element
zwischen den beiden Hauptteilen des Nibelungenliedes dar. Sie ist die erste Protagonistin,
die genannt und vorgestellt wird (B2, C2) und die letzte die am Ende erschlagen wird und
stirbt (B 2377,1f., C 2437,1f.). Kriemhilds Rachewille aufgrund der Ermordung ihres
geliebten Mannes Siegfried durch Hagen führt letztlich zum Untergang der Nibelungen.
Was in mittelalterlichen Texten außerhalb des Nibelungenliedes über den Sagenstoff gesagt
wird, verbreitet ganz überwiegend das Bild von einer skrupellosen, männer-mordenden,
verräterischen Frau. Bei Wilhelm Grimm findet sich der Beleg für das mittelalterliche
Sprichwort „ze Kriemhild hochzit laden“ mit der Bedeutung: eine hinterlistige Tat ausführen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Form und Hintergründe
II.1. Historische Wurzeln des Nibelungenliedes
II.2. Zur Entstehung des Nibelungenliedes
II.3. Strophenform und Metrik
III. Textüberlieferung
III.1. A, B oder C – der Handschriftenstreit
III.2. Nôt oder Liet - Die Fassung *C
IV. Hagen und Kriemhild
IV.1. Hagens untriuwe
IV.2. Kriemhild
IV.2.1. Kriemhilds Rache
IV.2.2. Kriemhilds triuwe
IV.2.3. Der Königinnenstreit
IV.2.4. Kriemhild, die vâlandinne
V. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die signifikanten Unterschiede in der Bewertung der beiden zentralen Figuren Kriemhild und Hagen zwischen der nôt-Fassung (Handschrift B) und der liet-Fassung (Handschrift C) des Nibelungenliedes und analysiert, wie der C-Redaktor durch bewusste Bearbeitungen Kriemhild moralisch entlastet und Hagen stärker als treulosen Gegenspieler charakterisiert.
- Vergleich der Überlieferungsgeschichte der nôt- und liet-Fassungen.
- Analyse der moralischen Aufwertung Kriemhilds in der liet-Fassung.
- Untersuchung der gezielten Abwertung Hagens und dessen Darstellung als Treuebrecher.
- Interpretation der Rolle des Teufels als entlastendes Element für Kriemhilds Handeln.
- Betrachtung der Bedeutung von Triuwe (Treue) als rechtliches und moralisches Fundament.
Auszug aus dem Buch
IV.1. Hagens untriuwe
Dô sprach von Tronege Hagene: „ûf daz sîn gewant naet ir ein kleinez zeichen“ B 903,1 (Da sprach Hagen von Tronje: „Auf sein Gewand näht ihr ein kleines Zeichen“) Do sprach der ungetriwe: „uf daz sin gewant naet ir ein kleinez zeichen“ C 910,1 (Da sprach der Treulose: „auf sein Gewand ... ) done kunde im niht entrinnen des künic Guntheres man B 984,4 (doch konnte ihm König Gunthers Mann nicht entrinnen) done chunde im niht entrinnen der vil ungetriwe man C 993,4 (doch konnte ihm der sehr treulose Mann nicht entrinnen) Dô sprach von Tronege Hagene: „ich bring'in in daz lant. B 1001,1 (Da sprach Hagen von Tronje: „Ich bringe ihn in das Land.) Do sprach der ungetriwe: „Ich füeren in daz lant. C 1012,1 (Da sprach der Treulose: „Ich bringe ihn in das Land.)
Aus diesen Textstellen ist ersichtlich, dass Hagen wiederholt als treuloser Mann bezeichnet wird. Auch als Hagen beim Übersetzen über die Donau, den Kaplan ins Wasser stößt, wird er in einer Zusatzstrophe in C als morder ungetriuwer (C 1621,3) als treuloser Mörder titutliert. Und in einer anderen Zusatzstrophe wird Siegfrieds Vollkommenheit der untriuwe und Falschheit seiner Mörder gegenübergestellt (C 973).
Außerdem wird Hagen als treulos bezeichnet an einer Stelle, die vom C-Redaktor deutlich bearbeitet wurde. Es geht um die Versöhnung Kriemhilds mit ihren Brüdern nach dem Mord Hagens an Siegfried. Sie geht nicht mit ihrem Schwiegervater Siegmund zurück nach Xanten, sondern bleibt bei ihrer Familie in Worms. Dort trauert sie gut drei Jahre ohne ein Wort mit Gunther zu sprechen, und ohne Hagen überhaupt zu sehen. Hagen schlägt Gunther vor, sich mit Kriemhild wieder zu versöhnen, damit der mittlerweile in Kriemhilds Besitz übergegangene Hort nach Worms geholt werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Arbeit führt in die Differenzen der zwei Fassungen ein und stellt die Forschungsfrage nach der unterschiedlichen Bewertung von Kriemhild und Hagen.
II. Form und Hintergründe: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Kern des Epos, die Entstehungsbedingungen des buoches meister sowie die metrische Struktur der Nibelungenstrophe.
III. Textüberlieferung: Hier wird der wissenschaftliche Handschriftenstreit zwischen der A-, B- und C-Fassung sowie der Status des Archetypus erläutert.
IV. Hagen und Kriemhild: Das Hauptkapitel analysiert die gezielte Umdeutung der Charaktereigenschaften von Hagen und Kriemhild durch den C-Redaktor anhand konkreter Textbeispiele.
V. Resümee: Das Fazit fasst zusammen, dass die C-Fassung durch die Aufwertung Kriemhilds und die Abwertung Hagens eine tendenzielle Vereindeutigung von Gut und Böse vornimmt.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, nôt-Fassung, liet-Fassung, Handschrift C, Hagen von Tronje, Kriemhild, Triuwe, Untriuwe, Verrat, Rache, Handschriftenstreit, Mittelalterliche Literatur, Siegfried, buoches meister, Epos.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Unterschiede in der Darstellung und moralischen Bewertung der Figuren Hagen und Kriemhild zwischen der nôt-Fassung und der liet-Fassung des Nibelungenliedes.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten zählen die Textüberlieferung, der Handschriftenstreit, die literarische Charakterzeichnung sowie die Konzepte von Treue (Triuwe) und Verrat im mittelalterlichen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie der Bearbeiter der C-Fassung (liet-Fassung) Kriemhild als leidende, treue Ehefrau entlastet und Hagen konsequent als treulosen Verräter darstellt, um eine moralisch eindeutigere Weltordnung zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine komparative Textanalyse durchgeführt, bei der Stellen der Handschrift B (nôt-Fassung) und der Handschrift C (liet-Fassung) direkt gegenübergestellt und hinsichtlich ihrer intendierten Wirkung untersucht werden.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert spezifische Episoden wie den Königinnenstreit, die Versöhnungsszene und die Einladung ins Hunnenland, um die unterschiedlichen moralischen Zuschreibungen durch die Redaktoren zu belegen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Begriffe wie Nibelungenlied, Handschriftenstreit, Triuwe, liet-Fassung, nôt-Fassung und moralische Charakterisierung fassen den Inhalt prägnant zusammen.
Warum wird Kriemhild in der liet-Fassung als weniger schuldig dargestellt als in der nôt-Fassung?
Der C-Redaktor nutzt Zusatzstrophen und inhaltliche Umdeutungen, um Kriemhilds Rache als gerechtfertigte Reaktion aus Treue zu ihrem ermordeten Mann Siegfried zu legitimieren und die Schuld am anschließenden Morden auf den Teufel oder Hagens Treuebruch zu verschieben.
Welche Rolle spielt Hagen von Tronje in der C-Fassung?
Hagen wird in der liet-Fassung deutlich negativer als in der nôt-Fassung gezeichnet; er wird wiederholt als „treuloser Mann“ oder Verräter bezeichnet, besonders um den Kontrast zu Kriemhilds motivierter Treue zu schärfen.
- Quote paper
- Marion Lichti (Author), 2008, Dô der strît niht anders kunde sîn erhaben, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153393