Das Italienische Kino - Michelangelo Antonionis "Blow up"

Eine Filmanalyse unter Berücksichtigung der philosophischen Motive


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

59 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Dramaturgie und Spannungskurve
1.1 Dramaturgieerklärung

2 Mise en Scéne
2.1 Set Design
2.2 Bildkomposition
2.3 Einstellungsgrößen
2.4 Brennweiten
2.5 Schärfe und Unschärfe
2.6 Perspektive
2.7 Kamerabewegungen
2.8 Licht und Schatten
2.9 Farbe

3 Montage

4 Symbolik

5 Ton und Musik

6 PKS Modell nach Peter Wuss

7 Synopse 1. Exemplarische Stelle

8 Synopse 2. Exemplarische Stelle

9 Philosophische Hintergründe

10 Literatur

Das Wunder des Photos, dieses sogenannt Uobjektiven” Bildes, besteht darin, daß sich die Welt durch es als vollkommen nicht-objektiv erweist. Paradoxerweise zeigt gerade das Objektiv die Nicht-Objektivität der Welt auf jenes Etwas, das weder durch Analyse noch durch Ähnlichkeit aufgelöst werden wird. Und es ist die Technik, die uns inmitten des Trompe-Lòeil[1] ) der Realität- über die Ähnlichkeit hinausgeht. Durch all das irrealistische Spiel mit der Technik sowie durch seinen Schnitt, seine Unbeweglichkeit, sein Schweigen, seine phänomenologische Reduktion der Bewegung drängt sich das Photo als das reinste und künstlichste Bild auf.

Jean Baudrillard

1 Dramaturgie und Spannungskurve

1 EXPOSITION 0:00:00 Kredits auf einer grünen Wiese. In den Kredits Schriften steckt eine zweite sekundäre UBild Ebene”. Der Titel UBlow up“ wird aufgezo- gen, so dass man erkennt, was sich in den Worten UBlow up“ Uversteckt“ hat; Ein Model, dass sich auf einer Bühne im Freien bewegt. Sie wird vom Publikum unterhalb der Bühne beobachtet. Es ist eine von unten fotografierte Perspektive. Als Hintergrund-Teppich oder als primäres Bild dient dagegen eine grüne Wiese aus der Vogelperspektive heraus fotografiert. So findet sich schon in den Kredits eine Anspielung auf visuelle Täuschungen.

2 0:01:23 In Parallel-Montage werden zwei Handlungen gegenübergestellt; auf der einen Seite die junge Pantomimengruppe, in einem Jeep sit- zend, die laut und schreiend erscheint und auf der andere Seite die älteren Herren, die ein Obdach- losenasyl ohne viel Worte verlassen. Die ruhige Atomsphäre des Obdachlosenheims wird von einem Zug, der im Hintergrund vorbeifährt, akus- tisch gezerrt. Die junge, bunte, laute und die alte, uniformierte, konservative Welt werden durch Parallel-Montage miteinander konfrontiert. Die Pantomimen laufen auf die Straße und auf die Autos zu und verlangen lautschreiend Geld von den Autofahrern, während sich auf der anderen Seite die Obdachlosen in einer Art Gleichgültigkeit auflösen und aus dem Bild verschwinden. Doch zwischen den alten Obdachlosen ist auch ein jüngerer, den die Kamera mitverfolgt.

3 EREIGNIS 0:02:48 Symbolisch, unter einer Brücke, trennt er sich von den älteren Obdachlosen, die ihn un freundlich verabschieden: „Mit uns machst du das nicht, Jungchen! Das lass dir gesagt sein! Also merk dir das!“. Er schaut sich kurz um und geht dann schleichend in andere Richtung. In der nächsten Szene sitzt er in einem Rolls Roys Cabrio. Er wird von der Pantomimengruppe an der nächsten Kreuzung angehalten und um eine Geld spende gebeten. Erst nachdem er etwas Geld gespendet hat, kann er seine Reise fortsetzen. Im Hintergrund sieht man einen älteren Obdachlosen, der eine Last auf dem Rücken trägt. Es wirkt wie eine Art imaginative Grenze zwischen der alten und der neuen Welt.

4 KLÄRUNG 0:04:23 Er (sein Name wird im Film nicht erwähnt, doch im Drehbuch heißt er Thomas, der Vereinfachung wegen werde ich ihn auch Thomas nennen) ist ein Fotograf, der wahrscheinlich in einer Londoner Arbeiterwohngegend ein Foto studio besitzt. Er scheint sehr erfolgreich zu sein.

5 0:05:28 Die Fotosession mit dem Topmodel Veruschka wird zum leideschaflichen Lustspiel. Thomas scheint in seinem Element zu sein, er kniet über sie und es sieht so aus, als seien die bei- den in einem Liebesspiel verwickelt. Doch die Leidenschaft war nur ein Täuschungsmanöver, um die Bilder, die er haben möchte, zu bekommen. Nachdem er seine Fotos bekommen hat, steht er wieder auf und setzt sich auf das Sofa, erschöpft wie sexuell befriedigt.

Das Topmodel Veruschka hat für ihn danach keinerlei Bedeutung mehr.

6 0:11:25 Die zweite Fotosession mit den UModepuppen” verläuft nicht so intim wie mit Veruschka. Die Modelle werden in einer Reihe (wie in einer Serie) leblos angeordnet. Thomas verlässt genervt den Raum, sie sollen die Augen schließen und auf ihn warten. Viel Spaß oder Interesse hat er hierbei nicht. Anscheinend reizt ihn diese künstliche Inszenierung wie auch die mit Veruschka nicht. Bei ihr bekommt er zwar seine Bilder, mit viel Mühe, während bei den anderen die Session abgebrochen wird. Es ist klar, dass das, was Thomas am meisten interessiert und bewegt, nicht das künstliche sondern das Reale ist, das mit Leben erfüllte. Deswegen begibt er sich in die vorherige Maskierung als einen Obdachlosen um in die wahre existenzielle Atomsphäre einzu- tauchen.

7 0:15:25 Thomas bei seinen Nachbarn - einem Malerpaar. Er steht vor einem seiner abstrakten Gemälde. Er will es sofort kaufen, doch der Maler Bob will es nicht verkaufen : UWährend ich sie male, bedeuten sie mir nichts. Nur Chaos. Erst später finde ich was Fesselndes zum Beispiel ich mag dieses Bein da. Dann ergibt sich alles von allein. Wie wenn man in einem Krimi ein Indiz fin- det”

Bob kann seine Bilder nicht verkaufen, denn er spürt, dass dies ein Teil seines unentdeckten Selbst ist, die Bilder haben für ihn noch eine versteckte persönliche Bedeutung.

8 0:18:32 Thomas zurück im Studio. Er wird von zwei Teenager aufgesucht, die wissen wollen, ob er Zeit hat, sie zu fotografieren. Doch Thomas hat nicht einmal Zeit, wie er antwortet, für seine UBlinddarm Operation”. Er lehnt sich zurück, macht Radio an und während er auf seinem Stuhl ungerührt schaukelt, spielt er mit einem Geldstück in den Fingern, so als wolle er suggerieren: UZeit ist Geld“, doch es scheint, als habe er alle Zeit der Welt, nur nicht das Interesse daran, die beiden zu fotografieren. Weitere Fragen der Teenager igno- riert er.

9 0:20:06 Thomas verlässt das Haus, steigt in sein Auto und genießt die Fahrt bei moderner UTake it Easy” Radiomusik. Er kommt in einen Vorort, der noch von Baustellen geprägt ist und hält an einer Straßenecke vor einem Antiquitäten Laden. Er geht rein.

10 0:21:43 Ein alter Herr in dem Antiquitäten Laden ist nicht bereit mit ihm irgendwelche Geschäfte zu machen.

- Sind sie der Besitzer?
- Nein, der ist weg.
- Kommt er bald wieder?

Der alte Mann ignoriert seine Frage und Thomas geht raus um außen herum zu fotografieren.

11 0:25:36 In einem Park fotografiert er heimlich ein ungleiches Paar. Eine junge Frau und ihr deut- lich älterer Freund suchen anscheinend eine intime Umgebung, der Mann wird von der Frau nach oben zu einen still liegenden Ort geführt. Der Park liegt an einem Berghügel über dem Antiquitäten- laden. Es gibt viele Treppen, um nach oben zu kommen. Eine ältere Dame sammelt unten vor der Treppe Papierreste und Müll auf. Thomas schleicht sich wie ein Jäger an seine Opfer heran und foto- grafiert diese heimlich. Der Wind und das Blätter- rauschen verhelfen ihm, unsichtbar zu sein und an seine UTrophäe“ leicht heranzukommen. Als ihn die Frau sieht, läuft sie panisch auf ihn zu und ver- langt die Bilder, doch Thomas denkt nicht daran:

-„Ich mache nur meine Arbeit. Einige sind Stierkämpfer oder Politiker. Ich bin Fotograf.”
-„Das ist ein öffentlicher Ort. Jeder hat das Recht auf eine friedliche Privatsphäre”
-„Ist nicht meine Schuld, wenn es keinen Frieden gibt.”

Die Frau versucht verzweifelt die Kamera aus Thomas Hand zu reißen, doch er lässt es nicht zu. Er spielt den Überlegenden und Stärkeren, die Macht der Entscheidung liegt alleine bei ihm. Die Frau dagegen, gedemütigt und deutlich beunruhigt, läuft wieder zurück und aus dem Bild. Mit diesem Dialog-Ereignis öffnet sich eine zweite Ebene und die Geschichte bekommt eine neue Qualität, ein philosophisches Krimidrama beginnt.

12 HÖHEPUNKT DER HAUPTFIGUR 0:30:47

Thomas wieder im Antiquitäten Laden. Er möchte wissen, warum die Besitzerin den Laden verkaufen will.

- „Ich will mal was Neues ausprobieren. Woanders hin. Ich habe die Antiquitäten satt.”
- „Wohin wollen sie denn?”
- „Nach Neapel!”
- „Neapel ist voller Antiquitäten.”
- „Ach ja? Dann vielleicht besser Marokko.”

Thomas will einen Propeller sofort kaufen und mitnehmen. - „Ich kann ohne ihn nicht leben”

13 0:33:28 Thomas im Auto, er telefoniert mit seinem Agenten und will, dass er den Antiquitätenladen sofort kauft:

- „Was ist mit den vielen neuen Gebäuden über- all? Jetzt gibts in der Gegend schon Schwule und Pudel. Ich habe in der kurzen Zeit ein paar gese hen. Das wird prima laufen.”

14 Motor des Films: 0:35:13 Thomas trifft sich mit Ron in einem Restaurant. Er stellt ihm sein Portfolio über London, mit Fotos aus dem Obdachlosenheim, vor. Es sind vorwiegend ausgemagerte und verzweifelte Gesichter zu sehen:

- „Gefallen sie Ihnen nicht?“
- „Die sind toll!“
- „Wir nehmen 3 oder 4.”
- „Im Buch verteilt?”
- „Nein, alle zusammen”
- „Welches als letztes?”
- “Keins von denen. Ich habe was Schickes für den Schluss. Aus dem Park. Von heute Morgen. Kriegen sie später. Ganz friedlich, sehr ruhig. Der Rest vom Buch wird ziemlich hart, da passt das am besten am Schluss.”
- „Das ist am besten.”
- „Ist ehrlicher.”

Eine Frau, die sich wie am Draht bewegt, geht vorbei und Thomas schimpft:

- „Ich habe die blöden Schnepfen satt. Wenn ich doch Geld wie Heu hätte. Dann wäre ich frei.”

Auf die Bemerkung reagiert Ron mit:

- „Und würdest was tun? So frei wie der da?“

In nächsten Bild sehen wir ein Foto von einem Obdachlosen aus dem Portfolio von Thomas. Ron bemerkt, dass die beiden durchs Fenster von jemanden beobachtet werden. Thomas geht nach draußen und sieht, wie sich dieser von seinem Wagen entfernt. Das Essen mit Ron wird verges- sen und/oder nicht weiterverfolgt.

15 Die ewige Suche nach der Wahrheit 0:38:15 Thomas in seinem Wagen und auf dem Weg nach Hause. Er wird von einer Friedens demo angehalten, nimmt ein Transparent mit der Aufschrift UGo away” mit und fährt weiter. Das Transparent fällt aber bald runter auf die Straße. 16 0:41:12 Vor der Haustür kommt die Frau aus dem Park auf ihn zugerannt. Sie will die Fotos, die Thomas von ihr gemacht hat. Es beginnt ein ver- bales Versteckspiel zwischen den beiden.Thomas tauscht die Filme aus und gibt ihr einen falschen Film. Eine kleine Liebesromanze zwischen den beiden wird von der Türklingel gestört. Der Propeller ist angekommen: - „Wofür ist der?“ „Für garnichts. Er ist schön.“

17 0:55:46 Thomas entwickelt die Fotos und schaut sich die Vergrösserungen an, er sieht nichts Ungewöhnliches, doch die Dame auf dem Foto sieht beunruhigt aus. Er macht sich Gedanken über mögliche Hintergründe und/oder Verwick- lungen. Er legt eine neue Musikplatte auf und schaut sich die Fotos nochmal an. Es scheint, als sei ihm eine Idee in den Kopf gekommen, doch er sieht immer noch nichts Ungewöhnliches. Erst als er die Lupe nimmt, entdeckt er ein neues Bild, dass allerdings so abstrakt wirkt, dass man damit gleichzeitig alles und nichts interpretieren kann. Er vergrößert noch einige Details und bringt die Bilder in eine andere Reihenfolge. Die Bilder der Vergrößerung suggerieren, dass es sich um eine Mordgeschichte handelt. Windgeräusche, die man über die Ton Ebene immer wieder hört, suggerie- ren eine unnatürliche, mystisch-metaphysische Ebene, so als wäre alles nur eine Einbildung von Thomas. Doch Thomas ist überzeugt, er hat einen Mord verhindert und meldet es Ron weiter:

-„Ron, es ist etwas Phantastisches passiert. Diese Fotos aus dem Park, fantastisch. Da wollte jemand einen Menschen umbringen. Ich habe ihm das Leben gerettet ...“ doch Ron scheint wenig daran interessiert zu sein, das Gespräch wird durch die Türklingel beendet.

18 1:06:38 Die zwei Mädchen vom Vormittag kommen zu Thomas. Es entwickelt sich ein albernes Körper-Lust-Spiel zwischen Thomas und den zwei Mädchen. Er vergisst seine Entdeckung und die Fotos für eine Weile.

19 WENDE 1:06:38 Das Lust-Spiel ist zu Ende, Thomas liegt am Boden und die zwei Mädchen kleiden ihn an. Im Liegen kommt er wieder auf die Fotos zurück. Er nimmt wieder eine Lupe und glaubt auf einem Foto zu sehen, das der ältere Mann doch tot am Boden liegt. Er schickt die Mädchen weg und macht die nächsten Vergrößerungen. Auf der Ver- größerung ist nur noch eine Filmkorn Silhouette zu sehen.

20 1:17:03 Es ist Nacht. Thomas fährt in den Park und will sich vergewissern, ob es sich tatsächlich um einen Mord handelt. Er nähert sich dem Tatort und die Windgeräusche werden lauter. Thomas steht vor der Leiche. Aus dem Hintergrund hört er ein Geräusch und aus Angst flieht er weg.

21 TIEFPUNKT DER HAUPTFIGUR 1:19:58 Thomas nachdenklich in seinem Atelier, dann geht er zu seinen Nachbarn, dem Malerpaar. Er beobachtet deren Geschlechtsakt. Er geht wieder zurück und sieht, dass die Vergrö ßerungen sowie die Negative der Bilder aus dem Park gestohlen wurden. Einziges übriggebliebenes Bild ist das Vergrößerungsbild der Leiche. Die Frau des Malers kommt vorbei. Thomas er- zählt ihr die Geschichte und zeigt ihr das übrigge bliebene Foto, doch auf dem Foto ist nur noch eine grobe Kornstruktur zu erkennen: -„Sieht aus, als ob Bob es gemalt hätte!“. Sie denkt, dass er vielleicht die Geschichte nur erfindet, um ihr zu imponieren: „Willst du mir helfen?“ Er findet den möglichen Themenwechsel unpassend und ant- wortet mit einer Gegenfrage: „Ja, was ist denn?“ Sie bemerkt es und wechselt wieder auf das alte Thema „Ich wollte wissen, warum man ihn erschossen hat?“-„Ich habe ihn nicht gefragt!“.

Die beiden lächeln sich an Uauf eine dumme Frage kommt eine dumme Antwort“. Sie verlässt das Atelier. Das übriggebliebene Foto hat ohne die anderen Bilder keine Bedeutung mehr.

22 1:28:27 Thomas auf dem Weg zu Ron. Aus dem Wagen heraus sieht er die Frau aus dem Park, er steigt aus und geht ihr nach, doch die ist aufein- mal verschwunden.

Er kommt durch die Hintertür in einen Konzertsaal, wo laute Rock Musik gespielt wird. Er geht durch die Mengen und schaut nach der Frau. Die Leute stehen wie paralysiert vor der Bühne bis zu dem Punkt, wo Jeff Beck der Musikgruppe UYardbirds“ den Hals seiner soeben zerstörten Gitarre in das Publikum wirft. Es kommt zu einem Gerangel und zu einem Kampf um den Gitarrenhals.Thomas reißt ihn an sich und läuft damit nach draußen. Auf der Strasse angekommen, lässt er ihn fallen und geht weiter. Ein Passant hebt ihn wieder auf, schaut ihn sich an und lässt ihn auch wieder fal- len, wie einen wertlosen Gegenstand ohne jede Bedeutung. So wie Thomas übriggebliebenes Foto ist der Gitarrenhals nur ein Detail. Ohne Kontext zum Ganzen ist es ohne Bedeutung und Sinn.

23 1:33:35 Thomas auf einer Drogenparty. Er trifft Ron und das Model Veruschka, die eigentlich in Paris sein sollte: „Du hast mir erzählt du fliegst nach Paris?“ „Na ja, ich bin in Paris!“ Auch Ron ist berauscht von den Drogen und seine Realitäts- wahrnehmung ist ganz anders als normal. Thomas gibt auf, ihn anzusprechen.

24 1:37:50 Thomas wird in einem Zimmer wach. Es ist morgens früh.

25 NEUTRALISIERUNG DER GEGEN SÄTZE 1:33:35 Thomas geht in den Park zu dem Tatort. Die Leiche ist weg.

26 1:41:43 Die laute Pantomimengruppe vom Anfang des Films kommt zu einem Tennisplatz angefahren.

Thomas beobachtet deren Tennisspiel mit einem imaginären Ball. Ein UBall“ fliegt über das Netz und landet vor Thomas. Er tut so, als ob er den UBall“ sieht und spielt ihn zurück. Am Ende ver- schwindet er von der grünen Wiese. Das erste und das letzte Bild des Films sind identisch, wir sind am Ende und gleich am Anfang. Der Kreis ist damit geschlossen.

1.1 Dramaturgieerklärung

Es gibt viele Thesen und Interpretationen von UBlow Up“.

Doch ich bin der Meinung, ohne Einblick in Antonioni selbst und in seine Weltanschauung sowie ohne Verbindungen zu seinen früheren und späteren Werken, kann die Analyse von UBlow Up“ nur oberflächlich stattfinden. Hierbei denke ich an seine früheren Filme wie UL’ Aventura“, UL’eclisse“ ULa Notte“ UDeserto Rosso“ aber vor allem an zwei spätere Werke UZabriskie Point“ und UProfessione Reporter“. Die letzten zwei genannten haben mit UBlow Up“ thematisch viel gemeinsam, so dass man von einer Trilogie UBlow Up Q Zabriskie Point Q Professione Reporter“ sprechen kann.

Da Antonioni nicht zwingend die Geschichte (oder Handlung) verfolgt, sondern eher den USchatten der Idee“ [2], ist es schwierig von der klassischem Syd Field’s UPlot Point“ Dramaturgie Methode zu sprechen. Nach Syd Field ist der Plot Point die Szene im Park, doch die kommt erst in der 25. Minute, was für ein Ereignis zu spät ist. Daher muss das Ereignis noch vor der Krimigeschichte passieren. Die Krimigeschichte dient hier eigentlich nur als Fassade einer viel komplexeren Deutung, die wiederum unterschiedlich interpretiert werden kann.

In der Exposition sehe ich in erster Linie einen Generationenkonflikt, direkt am Anfang die laute Pantomimengruppe als Ankunft einer Generation mit neuer/neuem Lebensart/Lebensstil, neuen Ideen und neuer Philosophie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Blow Up Abb. 2 ©1966/2004, DVD Turner Entertainment/ Warner Home

Es ist die Zeit des Kalten Krieges. Wenn man die Kuba Krise betrach- tet sowie den Vietnam Krieg (die offene Intervention der USA beginnt mit der Bombardierung

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Blow Up Abb. 3 ©1966/2004, DVD Turner Entertainment/ Warner Home

Nord Vietnams vom 2.2.1965.

Am 8.3.1965 landen die ersten regulären US Kampftruppen in Vietnam) ist das eine Zeit politischer Instabilität und ungewisser Zukunft. Unter diesen Aspekten ist die Hippy Kultur eine kulturelle Jugendprotest Revo - lution und ein Versuch zu menschlich-universellen Werten zurückzukehren. Es ist unter anderem auch ein Zeitporträt der s.g. USwinging London“, wobei sich hier die Frage stellt, warum ausgerechnet London? Antonioni selbst meint, er habe UBlow Up“ ebenso in New York oder Paris drehen können, doch er wählt London, weil es am besten die Uneue Mentalität” repräsentiert. London ist in den 60ern das Epizentrum der Musik Revolution, das sich über die ganze Welt verbreitet: The Beatles, The Yardbirds, The Who und später Jimmy Hendrix, Rollings Stones, Pink Floyd u.s.w. Von daher ist es nicht nur ein Portrait der USwinging London“ sondern ein Portrait der 60er Generation, also eine Generation, die die Welt radikal verändern möchte.[3] Der nächste Antonioni Film UZabriskie Point“ untermalt diese Tendenzen.

Das Ereignis in UBlow Up“ passiert schon bei der Vorstellung des Hauptprotagonisten, wenn Thomas in seinem Rolls Roys Cabrio von

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Blow Up Abb. 4 ©1966/2004, DVD Turner Entertainment/ Warner Home

der Pantomimengruppe angehalten wird. Vorher sehen wir ihn als einen Obdachlosen und jetzt sitzt er gemütlich in einem Rolls Roys Cabrio. Das ist der erste

Gegensatz, der uns die Frage stellt:

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Blow Up Abb. 5 ©1966/2004, DVD Turner Entertainment/ Warner Home

Wer ist eigentlich Thomas und warum macht er so etwas?

Die Antwort auf diese Frage wird in der nächsten Szenen geklärt. Thomas ist ein Star Fotograf, der

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Blow Up Abb. 6 ©1966/2004, DVD Turner Entertainment/ Warner Home

satt und frustriert von der insze nierten Mode-/Werbe-Fotografie ist. In der Shooting Szene mit Veruschka oder noch deutlicher später mit den Modellen zeigt er

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Blow Up Abb. 7 ©1966/2004, DVD Turner Entertainment/ Warner Home

sein begrenztes Interesse. Er ist zwar vollkommen auf seinen Job und Erfolg fixiert, doch die fiktive Monotonie der Werbebranche treibt ihn auf die Suche nach Abenteuer und das findet er im Natürlichen und Real-Authentischen. Deswegen kleidet er sich als Obdachloser und verbringt die Nacht im Obdachlosen- heim. Auf diese Weise versucht er seine künstlerische Ego-Frustration zu kompensieren. Er will dieses wahre, reale Leben mit seiner Kamera ein- fangen. Hier findet er eine Art innere Befriedigung/Satisfaction. Da Thomas ständig auf der Suche nach dem Realen ist, ist das auch der Motor/rote Faden des Films. Antonionis Protagonisten sind ständig auf der USuche“, doch anders als bei seinem Zeitgenossen Pasolini, wo die Protagonisten nach dem UHeiligen Gral“ suchen, (Accatone, Mamma Roma, Großer Vogel-Kleiner Vogel, Teorema) sind bei Antonioni die Protagonisten meistens auf der Suche, ohne zu wissen, was sie suchen. Es ist die Suche nach Selbstverwirklichung. Auch Thomas ist einer von denen. Er lebt in einer künstlichen Welt, umgeben von schönen Frauen (Modellen), seine Wahrnehmung ist mehr von der Ästhetik, als von der Deutung der Dinge beeinflusst. Das ist auch einer der Gründe für seine Entfremdung, welches ein weiteres wichtiges Thema in Antonionis Filmen. Die Entfremdung in vielerlei Variationen: Entfremdung von der Natur in einer urbanen, von Maschinen überfüllten, Umgebung, Entfremdung von Menschen in einer kommunikationslos materialisti- schen Welt und letztendlich Entfremdung von sich selbst durch alltägli- chen/beruflichen Konformismus und Opportunismus.

[...]


[1] Visuelle Illusion Jean Baudrillard UDer unmögliche Tausch”, Merve Velag Berlin 2000

[2] USchatten der Idee“Q Anders als im klassischen Kino werden bei Antonioni (erst deutlich ab dem Film UL´Aventura“ 1960) narrative Strukturen des Films nur noch zweitrangig, d.h. die Idee sowie die Sprache der Bilder hat die oberste Priorität. Die ganze Filmgeschichte samt Personen mit ihrer Handlung wird an die Idee angepasst. Die narrative Linie wird ständig gebrochen und manchmal gar nicht weiter verfolgt (Annas Verschwinden in UL´Aventura“ oder der Kauf des Antiquitätenladen in UBlow Up“) damit wird selbst die tragende Idee in eine Art Chiffre/Code verdeckt. Diesen Code oder diese Sprache bestimmt Antonioni selber, was letztendlich zu einer eigenen Art der Filmsprache führt, die sich wie ein Uroter Faden“ oder eine Art UAntonionis Trademark“ über sein Gesamtwerk zieht. Im Falle von UBlow up“, zusammen mit seinen zwei späteren Filmen UZabriskie Point“ und UProfessione Reporter“ kann man von einer thematischen Triologie sprechen. Das heißt, dass der Code zur Entschlüsselung von Blow Up auch bei UZabriskie Point“ sowie bei UProfessione Reporter“ zu suchen ist.

[3] Zitat aus einem Song von Jim Morrison, der Sänger von der Gruppe UThe Doors“: UWe want the World and we want it now“ Diese Generation predigt eine Anti Kriegs Philosophie. Sie will die Welt radikal verändern. Die 60er Generation/Kultur war geprägt von rebellischer, antiautoritärer Philosphie und lauter Rock Musik, einer buntenUMake Love not War“ Weltanschaung sowie spiritueller, antimaterialistischer Ideologie aus dem Osten, die mit Hilfe von Meditation und Drogen aller Art praktiziert wurde.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Das Italienische Kino - Michelangelo Antonionis "Blow up"
Untertitel
Eine Filmanalyse unter Berücksichtigung der philosophischen Motive
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
59
Katalognummer
V154755
ISBN (eBook)
9783640686032
ISBN (Buch)
9783640685912
Dateigröße
5070 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es gibt viele Thesen und Interpretationen von "Blow Up". Doch ohne Einblick in Antonioni selbst und in seine Weltanschaung sowie ohne Verbindungen zu seinen früheren und späteren Werken, kann die Analyse von "Blow Up" nur oberflächlich stattfinden. Der Schwerpunkt dieser Analyse liegt natürlich auf audiovisueller Ästhetik und der Gestaltungpolitik von Antonioni aber unter Berücksichtigung der philosophischen Motive.
Schlagworte
Antonioni, Blow up, Viktor Gasic, Pasolini
Arbeit zitieren
Viktor Gasic (Autor), 2009, Das Italienische Kino - Michelangelo Antonionis "Blow up", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154755

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