Drag Kings. Über das subversive Potenzial einer kulturellen Praktik


Hausarbeit, 2010

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition Drag Kings
2.1. Abgrenzung von Drag Kings und Transsexualität/Transvestismus

3. Kinging als subversive Praktik
3.1 Bedeutung von Inszenierung und Distanz
3.2. Bedeutung des sozialen Kontext

4. Kritik

5. Zusammenfassung

6. Literatur

Denn wer sich mit zwei Geschlechtern zu früh zufrieden gibt, ist selber schuld.“

(Kingz of Berlin)

1. Einleitung

Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich aus der US-amerikanischen subkulturellen Lesben­Szene heraus das Phänomen der Drag Kings entwickelt, das sich vorwiegend in einer im weitesten Sinne queeren Theater- und Clubkultur verorten lässt. Mit dem Begriff Drag King beschreiben sich Menschen, die bewusst Männlichkeit inszenieren und damit darstelle­risch sowohl die herrschende heteronormative Grundordnung als auch die Zweige­schlechtlichkeit unserer Gesellschaft in Frage stellen können, indem sie die Künstlichkeit des Männlichen herausarbeiten und sichtbar machen.

Die Kulturtheoretikerin Judith „Jack“ Halberstam bezeichnete den zeitgenössischen Drag King als unerwarteten „[...] Nachzögling in der die Geschlechterrollen durcheinanderwir­belnden Drag-Szene“[1], zu der sie die biologisch männlichen Drag Queens mit ihren „karikaturalen Imitationen berühmter Diven“[2] ebenso zählt wie die durch Theater und in­zwischen auch in vielen Filmen - dort häufig verzerrt - dargestellten Transvestiten.

Die Szene rekrutiert sich aus überwiegend queeren Zusammenhängen und ist mannig­faltig zusammensetzt. Während sich manche Drag Kings als „Vorboten einer Transgender- Vision, [...] in der das Geschlecht Menschen nicht mehr auf eine Rolle festlegt und alles möglich ist“[3], verstehen, betrachten sich andere lediglich als Schauspieler und Performer. Die Schwierigkeit, diese Menschen mit pathologischen oder selbstbezeichnenden Be­griffen wie Transsexualität, Transvestismus, Transmann oder Transgender angemessen benennen zu können, ist in der Vielfalt und mitunter in der Dynamik der unterschiedlichen Identitätsentwürfe begründet. Diese begriffliche Mannigfaltigkeit macht auch eine klare Ab­grenzung gegenüberden Drag Kings schwierig.

In der vorliegenden Arbeit werde ich den Begriff Drag King definieren und in Anknüpfung an Judith Butlers Arbeit Gender Trouble (dt.= Das Unbehagen der Geschlechter) untersuchen, ob und in welchem Maß Drag Kings subversiv sein können.

2. Definition Drag Kings

Drag, heutzutage häufig interpretiert als dressed as a girl/guy, bezeichnet die kulturelle Praxis der gegengeschlechtlichen Verkleidung in homosexuellen Subkultu­ren des Camp“[4], also eines Stils[5], der sich durch Humor, Kitsch, Verspieltheit und exzessive Theatralik auszeichnet und 1964 von Susan Sontag in ihrem Essay Notes on camp in Verbindung mit Homosexualität gebracht wurde.

Das gegengeschlechtliche Moment dieser Definition ist allerdings keine notwendige Bedingung. Beim Kinging[6] - also der zumeist temporär und lokal begrenzten Identität als Drag King - ist die Absicht, einen Mann darzustellen beziehungsweise Männlichkeit als solche zu thematisieren, wichtiger als das biologische Geschlecht der Akteure: „Yes, there can be male Drag Kings!“[7]. Ein Drag King kann also - wie auch die Drag Queen - sowohl von Frauen als auch von Männern dargestelltwerden.

Die beiden Spielarten des Drag unterscheiden sich nicht nur in der gewählten Ge­schlechtsidentität, sondern auch in den verschiedenen Herausforderungen ihrer Imitation (being und doing gender). Im Folgenden soll der Fokus auf dem Kinging liegen, während das Queening weitestgehend ausgeklammert wird.

In den Drag Shows spielen die Kings mit den Vorstellungen von Männlichkeit und bedie­nen sich für ihre Performances allgegenwärtiger Stereotypen von Machos, Gentlemen und Gigolos bis zur choreographischen Reinszenierung von Boygroups.

Eines der berühmtesten deutschen Drag Ensembles sind die Kingz of Berlin, die mit Fronck de Säster auch prominent besetzt sind. In ihrer Selbstbeschreibung wird man des Facettenreichtums von Drag Shows gewahr:

In unserem queeren und vertranstem [...] Programm beugen wir als schwule Frisöre, harte Lederkerle, lesbische Tunten, smarte Herzensbrecher, deutsche Ballermann-Männer, als charmante Gentlemen, sexy Rockstars, als Boy-/Girl-Group oder Hafenjungs jedes Gender- & Musikgenre. Dargebracht als Gruppenchoreographien und Theatersketche, live oder Playback, als Solos, Duos oder flotte Dreier - wir wissen immer wieder neu zu überraschen.[8]

Eine konkrete Bestimmung der Menschen, die sich in Drag Kings verwandeln, fällt aufgrund der Vielfältigkeit, mit der der Begriff inzwischen verwendet wird, schwer und ist zwangsläufig sehr ungenau. Andrea Rick vereint in ihrer Bestimmung von Drag Kings sowohl Bühnen- als auch Alltagsdrags:

Der Begriff[...] kann sowohl einen ausschließlich theatralischen Geschlechtswechsel bezeich­nen, d. h. eine Verkleidung und ausdrücklich gespielte Rolle, als auch - neben Begriffen wie Butch[9], Transgender oder Transmann - eine alltägliche Identifikation mit Maskulinität/Männlich- keit benennen.[10]

Ähnlich unscharf fällt auch eine Zuordnung nach der Art des Begehrens (desire) und der Alltagsgeschlechtsidentität aus. Drag Kings sind - auch wenn es oft Berührungspunkte mit dieser Szene gibt - nicht per se lesbische Frauen[11] ; sie können genauso ,,[...] Schwule, Heteros, Transsexuelle und Transgenders mit Schnurrbärten, Koteletten oder Vollbärten, in Anzügen, Leder oder Blaumännern“[12] sein.

Diese Szene setzt sich also sehr vielfältig zusammen und ist nur in der Ablehnung des bi­nären Geschlechtersystems, das unsere Gesellschaft dominiert, homogen. Im Folgenden möchte ich Kinging von Transsexualität und Transvestismus abgrenzen.

2.1. Abgrenzung von Drag Kings und Transsexualität/Transvestismus

Bei transsexuellen Menschen stehen Anatomie und Geschlechtsidentität in widersprüch­lichem Verhältnis. Sie sind daher bestrebt, ,,[...] ihren 'falschen' Körper durch chirurgische Eingriffe an ihre 'wahre' Geschlechtsidentität anzupassen“[13], weswegen häufig zwischen prä- und postoperationaler Transsexualität unterschieden wird. An der Lebenswirklichkeit von Transsexuellen wird das Fehlen eines kausalen Zusammenhangs zwischen biologi­schem Geschlecht (sex) und sozial konstruiertem Geschlecht (gender) deutlich und der Widerspruch zum dominierenden Geschlechterdiskurs, der den Körper als Fundament der Geschlechtsidentität begreift, offenbar.[14]

Diese Ambivalenz zwischen identitärem Fühlen und äußerer Erscheinung ist auch kenn­zeichnend für den Transvestismus, wenngleich hierbei nicht der Wunsch nach operationalen Eingriffen besteht, sondern über geänderte Namen, Aufmachungen und Kleidung (cross dressing) versucht wird, sich seiner Geschlechtsidentität anzunähern. Dabei ist unter cross dressing nicht nur das oberflächliche Tauschen von Kleidungs­stücken zu verstehen, sondern eine entsprechende Ausrichtung der ganzen Persönlichkeit auf ein anderes Geschlecht.[15]

Menschen, bei denen sex und gender in einem sichtbar ambivalenten Verhältnis stehen, werden auch Transgender genannt. Diese Bezeichnung fungiert nicht als Identitätsbegriff, sondern kann ,,[...] ein Kontinuum an gendertransgressivem Verhalten in Zwischenstufen umfassen [...]‘‘[16].

Im Gegensatz zu Transsexualität und Transvestismus schlüpfen die meisten Drag Kings nur temporär und spielerisch-lustvoll in ihre Rollen. Bei ihnen stehen Show und Inszenie­rung im Vordergrund und sie verkleiden sich oft nur für den Auftritt, während Transsexuelle und Transvestiten häufig darauf abzielen, im angestrebten Geschlecht unerkannt durchzu­gehen (passing).

Wo es auf der einen Seite um die Entnaturisierung von Geschlecht geht, geht es auf der anderen Seite darum, einer „natürlichen“ Darstellung von Geschlecht möglichst nahe zu kommen. So avanciert die Bühne scheinbar zum Ort der Dramatisierung alternativer Geschlechterentwürfe, während die Niederungen des Alltags jene Orte bleiben, an denen es darum geht, lebbare - und das heißt zumeist traditionelle - Geschlechterrollen zu inszenieren.[17]

Hier zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Sphären Bühne und Alltag, denn die Drag Kings ernten für ihre Auftritte eher Beifall und werden weniger als Abweichler und bedrohliche Perversion, der im schlimmsten Fall mit phobischer Gewalt begegnet wird, wahrgenommen. Während die einen versuchen, Männlichkeit in Szene zu setzen, versu­chen die anderen, Männlichkeit zu leben.[18]

Diese Diskontinuitäten zwischen Bühne und Alltag überführt Steffen Kitty Hermann in das Begriffspaar Theatralisierung und Verkörperung, wobei er für letztere vier verschiedene Praktiken klassifiziert.

[...]


[1] Halberstam, 1999a.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd.

[4] Kroll, 2002: 73ff.

[5] Camp ist stärker mit schwuler als mit lesbischer Kultur verbunden und benennt einen „diskursiven Modus, der [...] bis in die 1970er Jahre dazu diente, sich durch effeminierte Stimmlage, Gestik, Redeweise und Kleidung als Schwuler anderen Schwulen gegenüber zu erkennen zu geben“ (Kroll, 2002: 46).

[6] „[.. .]a performer who makes masculinity into his or her act.“ (Halberstam, 1999b: 36)

[7] Halberstam, 1999b: 36.

[8] Kingz of Berlin, 2010.

[9] Die Butch übernimmt in der lesbischen Paarkonstellation eine maskuline Rolle (vgl. Kroll, 2002: 43).

[10] Rick, 2007: 193

[11] Vgl. Thilmann, 2007:185.

[12] Halberstam, 1999a.

[13] Kroll, 2002: 392.

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. Kroll, 2002: 392.

[16] Ebd.: 391.

[17] Hermann, 2007: 115.

[18] Vgl. Kroll, 2002: 124.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Drag Kings. Über das subversive Potenzial einer kulturellen Praktik
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Interdisziplinäres Zentrum für Frauen- und Geschlechterstudien)
Veranstaltung
Einführung in die Gender Studies
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
12
Katalognummer
V155007
ISBN (eBook)
9783640688807
ISBN (Buch)
9783640688784
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judith Butler, Butler, Drags, Drag Kings, Drag Kingz, Schwule, Homosexualität, Lesben, Transgender, Subversion, Subversivität, Subkultur, Drag, Gender, Gender Studies
Arbeit zitieren
Joachim Schmidt (Autor), 2010, Drag Kings. Über das subversive Potenzial einer kulturellen Praktik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155007

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