Vom „Ökostrom“ zum „Kahlschlagdiesel“

Eine kritische Betrachtung von Biomasse als Energiequelle am Beispiel indonesischen Palmöls


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1. Daten und Fakten
1.1 Die vermeintliche „Öko"-Energiequelle: Indonesisches Palmöl als Regenwaldzerstörer
1.2 Die Verantwortung Deutschlands: Der deutsche Palmölverbrauch

2. Das Geschäft mit dem Klimaschutz - Gesetzeslücken und politische Unzulänglichkeiten
2.1 Das Erneuerbare-Energien-Gesetz - Im Namen des Klimaschutzes: Pflanzenöl- BHKW in Deutschland
2.2 Der „Runde Tisch" für nachhaltiges Palmöl - Freiwillige Vereinbarung als Alibi

3. Fazit und Lösungsstrategien
3.1 Fazit: Palmöl ist ein Klimasünder
3.2 Lösungsstrategien: Ökostrom und Biodiesel sind nur ein Bestandteil der Lösung

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Globale jährliche Durchschnittserträge der bedeutendsten Ölpflanzen

Abb. 2: Ausmaß der Entwaldung auf Borneo 1950-2005 und Projektion bis 2020

Abb. 3: Entwicklungen im Bereich pflanzenölbetriebener BHKW S

Abb. 4: Entwicklung des Brennstoffverbrauches in Pflanzenöl-BHKW nach Pflanzenöl-Arten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Die aktuelle Debatte über den Einsatz von Biokraftstoffen und Bioenergie, welche sowohl in Deutschland im Rahmen des Integrierten Klima- und Energiepakets[1] als auch auf Ebene der Europäischen Union (EU) geführt wird, verfängt sich immer mehr in Widersprüchen und Unklarheiten über die tatsächliche Klimabilanz von Bioenergie in Form von Biomasse. So betonte Bundesumweltminister Gabriel in seiner Rede zur Einbringung des ersten Teils des Klimaschutzpakets in den Bundestag die Gefahr von Scheinbilanzen: „Natürlich müssen wir darauf achten, dass wir uns nicht selbst täuschen und eine Scheinbilanz für die Senkung von CO2 vorlegen. Weder darf der Einsatz von Biokraftstoffen in Deutschland und Europa das Abholzen von Regenwäldern beschleunigen noch dürfen wir die CO2-Emissionen wissentlich übersehen, die bei der Herstellung von Biokraftstoffen ausgelöst werden können." (Bundestagsrede vom 21.02.2008) Ziel des Gesetzpakets ist der weitere Ausbau erneuerbarer Energien. Bis zum Jahr 2020 soll ihr Anteil am Energieverbrauch 18 Prozent betragen.

Der Vorteil der energetischen Nutzung von Biomasse, sei es als Kraftstoff, zur Wärmeerzeugung oder zur Stromproduktion, liegt zunächst klar auf der Hand. Mit ihrem Einsatz kann sowohl ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet als auch eine sichere Energieversorgung im Hinblick auf das sich verknappende Rohölangebot gewährleistet werden. Im Idealfall bietet die energetische Verwendung von Biomasse Potentiale zur Verknüpfung von ökonomischen, ökologischen und sozialen Vorteilen (vgl. Dufey 2006: 37 f.).

Doch wie nachhaltig ist die Nutzung von Biomasse tatsächlich und welche ökologischen Auswirkungen sind mit einem gesteigerten Einsatz verbunden?[2] Diese Fragen sollen im Verlauf der Arbeit am Beispiel von importiertem Palmöl aus Indonesien untersucht werden. Ziel ist es, herauszuarbeiten, dass der Einsatz von Biomasse als Energiequelle unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit durchaus kritisch zu betrachten ist und nur dann einen sinnvollen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann, wenn er in eine breit angelegte Nachhaltigkeitsstrategie eingebettet wird, welche sich nicht nur auf die Energieversorgung konzentriert.

Zu diesem Zweck ist die Arbeit in drei Abschnitte gegliedert. Der erste Teil bildet mit den skizzierten Daten und Fakten zu indonesischem Palmöl die Grundlage des Aufsatzes. Im zweiten Teil werden konkrete politische Unzulänglichkeiten und Probleme, die sich daraus ergeben, analysiert. Hierbei beschränke ich mich im Wesentlichen auf die deutsche Gesetzgebung, welche jedoch zum Teil stark von europäischen Richtlinien gesteuert beziehungsweise beeinflusst wird. Im abschließenden Teil werden die Klimabilanz von Palmöl auf Grundlage der vorangegangenen Untersuchung zusammenfassend dargestellt und Lösungsstrategien formuliert.

1. Daten und Fakten

1.1 Die vermeintliche „Öko“-Energiequelle: Indonesisches Palmöl als Regenwaldzerstörer

Palmöl kann in tropischen Ländern wie Indonesien wesentlich billiger angebaut werden als alle anderen Pflanzenöle, wodurch es für den Import und für die energetische Nutzung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Die europäischen Zielsetzungen bezüglich des Anteils erneuerbarer Energien in Form von Biomasse im Rahmen des Energie- und Klimapakets[3] und der daraus resultierenden Engpässe auf dem europäischen Energiepflanzenmarkt, werden diese Entwicklung weiter begünstigen. Beschleunigt wird der Prozess durch die steigenden Rapsölpreise als Folge der wachsenden Nachfrage (vgl. Pastowski et al. 2007: 2).

Die Ölpalme ist aufgrund ihrer Eigenschaften der effektivste Pflanzenöllieferant und übertrifft das in Deutschland und Europa zumeist verwendete Rapsöl um ein Vielfaches. Die Früchte der Ölpalmen können ganzjährig geerntet werden. Der jährliche Palmölertrag schwankt zwischen 3,5 und 7 Tonnen pro Hektar (vgl. Pastowski et al. 2007: 14). Dies liegt deutlich über dem Hektarertrag aller anderen Ölpflanzen (siehe Abb. 1 im Anhang). Durch den höheren Ölertrag erscheint der Import von Palmöl sowohl aus ökonomischer als auch aus ökologischer Sicht sinnvoll.

Palmöl wird als Energiequelle in Deutschland derzeit vor allem zur Stromerzeugung in Blockheizkraftwerken (BHKW) verwendet. Diese Form der Energiegewinnung erweckt zunächst den Eindruck der Klimaneutralität, da die Ölpalme während des Wachstums Kohlendioxid (CO2) aus der Atmosphäre bindet und das Palmöl aufgrund der Kraft­Wärme-Kopplung besonders effektiv genutzt wird.

Doch dieser Eindruck täuscht, denn bei der Herstellung beziehungsweise Produktion von Palmöl wird ein Vielfaches des eingesparten CO2 freigesetzt. Die Anbaufläche hat sich nach Angaben der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) seit 1990 weltweit auf 12 Millionen Hektar verdoppelt. Indonesien produziert gemeinsam mit Malaysia 80 Prozent der Weltproduktion von 33 Millionen Tonnen Palmöl (vgl. FAO 2005) und büßt schneller als alle anderen Ländern mit größeren Waldgebieten an Waldfläche ein.[4]

Der Anbau von Ölpalmen erfolgt hauptsächlich auf einstigen Regenwaldflächen, da mit dem Erlös des Holzeinschlags die Investitionen finanziert werden (vgl. Nellemann et al. 2007). So belegte das indonesische Umweltnetzwerk Walhi, dass etwa 80 Prozent aller Waldbrände von Plantagenunternehmen gelegt werden. Dies sei eine häufig angewendete Methode, um „degradiertes Land" zu schaffen, auf dem Plantagen angelegt werden dürfen (zum Ausmaß der Entwaldung siehe Abb. 2 im Anhang). Die Palmölplantagen stellen dann die günstigste Variante der „Wiederaufforstung" dar und bringen den Firmen zusätzlich Gelder aus dem staatlichen Wiederaufforstungsfond ein (vgl. Odenwald 2008: 3).

Im Jahr 2006 gab es nach Angaben von Walhi allein in Kalimantan mehr als 5000 Waldbrände, durch die fast eine Million Hektar Wald zerstört wurden (vgl. Odenwald 2008: 3). Durch die Brandrodung wird 400 Mal so viel Kohlendioxid freigesetzt, wie mit dem Einsatz von Palmöl auf derselben Fläche jährlich eingespart werden kann (vgl. Fargione, Science 2008)[5]. Durch die immer stärker zunehmende Regenwaldabholzung ist Indonesien nach China und den USA der drittgrößte Treibhausgasemittent (vgl. Weltbank 2007)[6].

Die Abholzung des Regenwaldes zugunsten von Anbauflächen für Palmölplantagen bedeutet neben dem Verlust wichtiger Ökosysteme, welche den größten Artenreichtum in Flora und Fauna aufweisen, die Zerstörung wertvoller CO2-Senken, wodurch der Nutzen der energetischen Verwertung von Biomasse in Form von Palmöl mehr als relativiert wird und in keinem angemessenen Verhältnis zu den ökologischen Schäden steht.

1.2 Die Verantwortung Deutschlands: Der deutsche Palmölverbrauch

Deutschland importiert jährlich 800 000 Tonnen Palmöl und ist damit der fünftgrößte Palmölimporteur weltweit (vgl. Weltalmanach 2008: 719). Im Jahr 2006 wurden 340 000 Tonnen Palmöl in Blockheizkraftwerken verbrannt (vgl. Odenwald 2008: 4). Da die Bezugspreise[7] für Palmöl pro Tonne deutlich unter denen des überwiegend aus europäischer Produktion stammenden Rapsöls liegen, wechseln immer mehr Ökostrom-Produzenten zu Palmöl.

Hinzu kommt, dass der Anteil an Biokraftstoffen EU-weit bis zum Jahr 2010 auf 5,75 Prozent ansteigen soll[8], wodurch Palmöl-Importe aus Indonesien eine immer größere Rolle spielen werden. Bereits im Jahr 2006 erzeugten europäische Raffinerien 270 000 Tonnen Biodiesel aus indonesischem Palmöl (vgl. ebd.).

Deutschland hat die Zielwerte der EU als nationale Ziele übernommen. Bisher wird der herkömmliche Dieselkraftstoff überwiegend durch Rapsöl ersetzt, dessen Anbaupotential im Vergleich zur Nachfrage jedoch stark begrenzt ist. Aus dem Strategiepapier „Biokraftstoffe des Bundeslandwirtschaftsministeriums" (BMELV) geht hervor, dass das Rapsölpotential gerade ausreiche, um die aktuelle deutsche Biodiesel-Produktionskapazität von 1,1 Millionen Tonnen jährlich (t/a) und der im Bau beziehungsweise in Planung befindlichen Anlagen mit einer Gesamtkapazität von 0,6 t/a zu versorgen.[9]

Der Pflanzenölverbrauch für die Strom- und Wärmeerzeugung in Blockheizkraftwerken ist von 2003 bis 2007 um etwa 400 000 Tonnen pro Jahr gestiegen (vgl. Pastowski et al. 2007: 31).[10] Der Verbrauch des im Vergleich zu deutschen Rapsöls wesentlich kostengünstigeren indonesischen Palmöls ist in der gleichen Zeit fast gleichstark gestiegen (siehe Abb. 4 im Anhang).

Der Marktanteil von Palmöl wird aufgrund der Planungen im Großanlagenbereich[11] sowie der Preisvorteile, gegenüber anderer Pflanzenöle, welche selbst unter Berücksichtigung der Transportkosten gelten, weiter steigen und „künftig den Verbrauch an flüssigen biogenen Brennstoffen im stationären Sektor [gemeint sind BHKW] dominieren" (vgl. Pastowski et al. 2007: 32). Die weitere Marktentwicklung bezüglich der Pflanzenöl-BHKW wird daher in Zukunft einen wesentlichen Einfluss auf die Importmenge von Palmöl nach Deutschland haben.

[...]


[1] Kern des Programms ist nach Angaben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) die weitere Förderung der umweltfreundlichen Energieerzeugung in Anlagen, die zugleich Strom und Wärme bereitstellen. Diese sogenannte Kraft-Wärme-Kopplung soll mit 500 Millionen Euro pro Jahr gefördert werden (vgl. BMU: „Das Erneuerbare-Energien- Wärmegesetz im Überblick", Januar 2008, S.4).

[2] Der Nachhaltigkeitsaspekt wird in dieser Arbeit nur auf ökologische Gesichtspunkte bezogen. Eine sozio-ökonomische Betrachtung würde den Rahmen des Aufsatzes sprengen.

[3] Konkrete Zielsetzungen werden im „Aktionsplan Biomasse" der EU benannt. Danach soll insbesondere „mindestens eine Verdopplung der energetischen Biomassenutzung in Europa" in den nächsten Jahren erreicht werden sowie der „Grundstein für eine weitere Steigerung der energetischen Biomassenutzung ab 2020" gelegt werden (vgl. Biomass Action Plan vom 7.12.2005).

Pro Tag werden etwa 51 Quadratkilometer Wald zerstört, was einer Fläche von ca. 300 Fußballfeldern pro Stunde entspricht (vgl. FAO 2007).

[5] Zitiert aus KlimaAktiv: „Studien: Biosprit heizt Klimawandel an", 08.02.2008, unter: www.klima- aktiv.com/article134 5603.html (Zugriff am 27.02.2008).

[6] "Indonesia and Climate Change" (2007), Bericht, veröffentlicht von der Weltbank und der britischen Regierung, Juni 2007.

[7] Die Bezugspreise für Palmöl liegen ca. 120 N pro Tonne unter denen für Rapsöl (vgl. Weltalmanach 2008: S. 719).

[8] Siehe „Richtlinie zur Förderung der Verwendung von Biokraftstoffen oder anderen erneuerbaren Kraftstoffen im Verkehrssektor" (CEC 2003a).

[9] Zitiert aus: „Öko-Sprit - nein, danke?", in: Hamburger Abendblatt, 14.08.2006.

[10] Zur Entwicklungen im Bereich pflanzenölbetriebener BHKW siehe Abb. 3 im Anhang.

[11] Große BHKW mit Palmöl als Brennstoff werden z.B. in Schwäbisch Hall, Treffurt und Uelzen betrieben. Weitere 30 Pflanzenöl-BHKW sind in Emden in Planung (vgl. Pastowski et al. 2007: S. 18).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Vom „Ökostrom“ zum „Kahlschlagdiesel“
Untertitel
Eine kritische Betrachtung von Biomasse als Energiequelle am Beispiel indonesischen Palmöls
Hochschule
Universität Potsdam  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Klimaschutzpolitik
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V155105
ISBN (eBook)
9783640676637
ISBN (Buch)
9783640676828
Dateigröße
797 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Betrachtung, Biomasse, Energiequelle, Beispiel, Palmöls
Arbeit zitieren
Jana Schwenzien (Autor), 2008, Vom „Ökostrom“ zum „Kahlschlagdiesel“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155105

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