Japan und seine verlorene Dekade

Die Wirtschaftskrise Japans im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert


Seminararbeit, 2009
33 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Kurzcharakteristik: Der Japanische Staat
1.1. Wichtige Geschichtliche Hintergründe
1.2. Das moderne Japan und Wurzeln der Krise
1.2.1. Das politische System bis zur Krise
1.2.2. Wirtschaftspoltische Entwicklungen vor der Krise

2. Die Wirtschaftskrise Japans im ausgehenden
2.1. Ablauf der Krise
2.1.1. Vorbedingungen und Spekulationsblase
2.1.2. Platzen der „bubble economy“ und anhaltende Krise
2.2. Ursachen von „bubble“ und Krise
2.2.1. Geschichtlich-gesellschaftliche Faktoren
2.2.2. Politische Faktoren
2.2.3. Wirtschaftswissenschaftliche Analysen
2.2.1. Ende der Krise

3. Aktuelle Bezüge und Diskussion
3.1. Zusammenfassung
3.2. Aktuelle Bezüge
3.3. Diskussion

4. Literatur

5. Datenquellen

Einleitung

Die Welt erlebt seit Ende des letzten Jahres die größte Wirtschaftskrise seit mindestens 50 Jahren. Dies ist Grund und Anlass, sich mit den vergangenen Wirtschaftskrisen auseinanderzusetzen. Die Japanische Wirtschaftskrise der 1990er-Jahre war eine der einschneidendsten Ereignisse für die Wirtschaft Japans seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie war in ihrem Ausmaß so weitreichend, dass diese Jahre auch als das „verlorene Jahrzehnt“ Japans gelten. Tatsächlich hatte die Japanische Wirtschaftskrise nachhaltige Folgen für die Gesellschaft, die auch heute noch spürbar sind.

Die wirtschaftswissenschaftliche Forschung hat zur Aufarbeitung dieser Krise einiges geleistet. In dieser Seminararbeit soll zunächst eine Kurzcharakteristik Japans in seiner Geschichte erfolgen, damit der Leser die Ausgangspunkte und tiefere Ursachen besser verstehen kann. Darauf folgt die Darstellung der Krise, ihrer Ursachen und unmittelbaren Auswirkungen. Jedoch soll auch auf die nachhaltigen Veränderungen eingegangen werden, sowie anhand jüngerer Beispiele auch die heutige Rezeption beispielhaft illustriert werden.

1. Kurzcharakteristik: Der Japanische Staat

1.1. Wichtige Geschichtliche Hintergründe

Die Geschichte Japans ist stark von seiner Insellage und seiner Randlage am asiatischen Kontinent geprägt. Dies führte im Laufe der Geschichte zu einem selektiven kulturellen Austausch, vor allem mit der chinesischen Hochkultur, aber auch Phasen starker Isolation, sodass sich die japanische Gesellschaft zeitweise ohne äußere Einflüsse entwickelte. Dies spiegelt sich auch heute noch in der weitgehend homogenen Bevölkerung wider: Der Ausländeranteil beträgt nur 1,6 Prozent, davon ist der Großteil ebenfalls asiatischer Herkunft (OECD 2009; Daten für 2006). Umgekehrt ist die Entwicklung des modernen Japan maßgeblich durch die Öffnung gegenüber den westlichen Staaten geprägt gewesen und das Land hat viele von deren Charakteristika übernommen.[1]

Wichtige Weichenstellungen für den japanischen Staat erfolgten nach der Übernahme des Buddhismus als Staatsreligion im 6. Jahrhundert n. Chr.. Nachdem japanische Streitkräfte im vierten Jahrhundert zuvor Teile der koreanischen Halbinsel besetzt hatten, kam es zum Kontakt mit den ebenfalls dort aktiven Chinesen. Der herrschende Soga-Clan führte einen Hofstaat nach Vorbild des chinesischen Kaisereichs ein. Die Taika- und Taiho-Erlässe in den Jahren 646 bzw 701 formten aus Japan einen zentralistischen Staat um den Kaiser als wesentlichem Machthaber. Eine Zeitlang führte diese Staatsform zur kulturellen Blüte und Frieden. Jedoch erstarkten in dieser Zeit auch die vom Hof entfernten Fürsten, eine Entwicklung, die über die nächsten Jahrhunderte das politische Geschick Japans bestimmen sollte, in denen Kaiser und Fürsten um die Macht rangen. Im neunten bis elften Jahrhundert erschöpfte sich die Zentralmacht des Kaisers in Konflikten mit dem Clan der Fujiwara. Diese konnten zwar weitgehend entmachtet werden. In der Folge stiegen jedoch zwei andere Clans auf, die Taira und die Minamoto. Der Streit zwischen diesen Familien prägte nicht nur die Kamakura-Zeit (1185 bis 1333), sondern ist auch ein beliebtes Motiv in Literatur und Kunst. Nachdem zunächst die Taira die Oberhand erlangt hatten, wurden sie letztlich von den Minamoto vernichtend geschlagen. Dies hatte weitreichende Folgen für die politische Struktur des Landes. Minamoto no Yoritomo (1147–1199) wurde vom Kaiser zum Shogun ernannt, dem militärischen Führer Japans, dessen Amt erblich war. Die Heimatstadt der Minamoto, Kamakura, wurde zum eigentlichen Machtzentrum, und auch heute kann man ihre Bedeutung an den zahlreichen Klostergründungen ermessen. Mit der Hegemonie des Shogun wurde Japan gleichzeitig einer militärisch-straffen Reorganisation unterzogen, und die Kriegerkaste der Samurai gewann enorme Bedeutung.

Auch die Macht der Shogune wurde aber nach Yoritomos Tod ausgehöhlt, indem das Amt des Regenten des Shogun, des Shikken, seine Machtbefugnisse ausweiten konnte. Eine weitere Schwächung erfuhr das Shogunat durch die Invasionsversuche der Mongolen gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts. Zwar konnten diese abgewehrt werden; die Lehensleute des Shogun konnten aber aufgrund des Abwehrcharakters nicht wie üblich mit Landgewinnen für ihre treuen Dienste belohnt werden. Diese Situation nützte der Kaiser aus, um mithilfe des Ashikaga-Clans das Shogunat zu zerschlagen. Diese zogen es jedoch vor, selbst die Position des Shogun zu besetzen und noch einmal die alten Strukturen erstarken zu lassen. Mit einem Streit um die Nachfolge innerhalb des Ashikaga-Clans, dem Onin-Krieg 1467 bis 1477, wurde nicht nur die Kaiserstadt Kyoto verwüstet, sondern es ging überhaupt die Herrschaft einer Zentralmacht in Japan zu Ende. In der rund hundert Jahre dauernden „Zeit der streitenden Reiche“ regierten einzelne Fürsten ihre Territorien de facto ohne einen gemeinsamen Lehensherrn. Im Versuch, die eigene Macht zu erweitern, führten sie eine Reihe von Kriegen gegeneinander. Aus diesen Konflikten ging in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Oda Nobunaga als Sieger hervor. Er brachte Zentraljapan unter seine Kontrolle. Die Einigung Japans vollendete Toyotomi Hideyoshi. Eine maßgebliche Rolle dabei spielte die Ankunft der Portugiesen (ab 1542) in Japan, durch welche neben dem Christentum Feuerwaffen ins Land gelangten und einen entscheidenden taktischen Vorteil darstellten. Eine endgültige Befriedung erreichte schließlich Tokugawa Ieyasu, ein General Hideyoshis, der die Macht an sich riss und 1603 zum Shogun ernannt wurde. Tokugawa Ieyasu ist in Nikko ein prächtiger Schrein gewidmet, in dem er apotheotisch verehrt wird. Auf seiner Legende, die maßgeblich durch seinen Enkel Iemitsu gefördert wurde, konnte dieser dynastischen Anspruch auf das Shogunat festigen. Die Familie Tokugawa beherrschte Japan denn auch bis zur Meiji-Renovation und brachte eine lange Friedenszeit. Diese hatte aber auch ihre Schattenseiten. Die Tokugawa regierten als Shogune einen strengen Feudalstaat von ihrer Hauptstadt Edo aus. Sie waren die Herren über die Daimyo, die lokalen Fürsten, welche dem Shogun alle zwei Jahre in Edo Bericht erstatten mussten und zu diesem Zweck Residenzen in Edo samt Familienmitgliedern unterhalten mussten, sodass der Shogun immer Geiseln hatte. Der Kaiser in Kyoto war weitgehend machtlos. Die straffe und weitreichende Administration und die Ausrichtung auf Recht und Ordnung prägten nicht nur die Tradition auch späterer japanischer Regierungen sondern auch die Gesellschaft an sich. Während sich gesellschaftlich ebenfalls starke hierarchische Strukturen verfestigten, welche eine konfuzianisch geprägte Ständeordnung beinhalteten mit dem Kriegerstand der Samurai als Führer und bisweilen Unterdrücker, isolierten die Tokugawa Japan von äußeren Einflüssen, sodass es wirtschaftlich nicht aufholen konnte. Der Kontakt mit Europa war auf eine niederländische Handelsniederlassung bei Nagasaki beschränkt.

Mehrere Faktoren führten zu einer Destabilisierung des Tokugawa-Shogunats. Dessen harte Hand und erstarrte feudale Strukturen führten zu innerem Unmut und wachsender Opposition. In wissenschaftlichen und diplomatischen Kreisen stieg das Interesse an der „Welt draußen“, und umgekehrt gab es wiederholt Bemühungen z.B. holländischer, französischer und amerikanischer Gesandter, eine Öffnung Japans für Handel, christliche Mission und als Stützpunkt (Reparaturen, Treibstoff) zu erwirken. Bereits im Rahmen des Opiumkriegs (1839-1842) waren nämlich wiederholt Schiffe der westlichen kriegführenden Nationen mit Japan in Kontakt gekommen und waren Schiffbrüchige vermehrt angelandet. Vor allem die USA strebten nach mehr Einfluss in Asien und entsandten 1853 eine Flottille von vier Kriegsschiffen unter Commodore Matthew Perry nach Edo. Dieser sollte ein Schreiben des US-Präsidenten überbringen und erzwang unter Androhung von Waffengewalt seine Einschiffung. Nach Überbringung des Schreibens zog er ab und kündigte seine Rückkehr für die Entgegennahme der Antwort an. Die Bedrohung durch die Amerikaner führte zur Verunsicherung der Bevölkerung und verstärkte wirtschaftliche Probleme. Tatsächliche tauchte er wie vereinbart, diesmal mit acht Schiffen, wieder in Edo auf und erhielt eine hinhaltende Antwort. Commodore Perry aber zwang den Shogun unter Androhung von Gewalt zu sofortigen Verhandlungen über eine Öffnung Japans. Der Shogun musste nachgeben und einen imperialistisch geprägten „Freundschafts- und Handelsvertrag“ akzeptieren, was innenpolitisch als Schwäche ausgelegt wurde. Zudem führte die Öffnung zu tiefgreifenden wirtschaftlichen Veränderungen. Die japanischen Märkte wurden für ausländische Waren geöffnet, die zum Teil mit viel moderneren Produktionsprozessen und damit billiger hergestellt werden konnten. Der Abfluss von Gold zwang die Münze, den Goldgehalt der Währung immer mehr zu senken und führte damit zur Inflation. Unterdessen war ein schon mit 14 Jahren inthronierter Kaiser den Einflüssen von Hof und Tokugawa-feindlichen Familien ausgesetzt. Ein Jahr später, 1868, erklärte dieser Kaiser Mutsuhito der Ära Meiji, die Regierungsgewalt über Japan wieder selbst ausüben zu wollen und animierte Tokugawa-kritische Daimyo zum Putsch, der in der Beendigung des Shogunats resultierte. Der Kaiser führte daraufhin sehr tiefgreifende Reformen durch, die die moderne japanische Gesellschaft nachhaltig prägen. Der Feudalstaat wurde aufgehoben und Japan in einen Staat nach europäischem Vorbild mit Beamten als Provinzverwaltern umgestaltet. Auch die Stände wurden aufgehoben und die Samurai gingen ihrer Vorrechte verlustig. Der Hof wurde in das ehemalige Edo, nun Tokio, verlegt, das noch heute Hauptstadt ist. Der Kaiser erkannte auch die Wichtigkeit aufholender Entwicklung: Die Schulpflicht wurde eingeführt und große Bemühungen unternommen, aus aller Welt technisches aber auch gesellschaftliches Wissen zu erlangen. Noch heute ist der kulturelle Einfluss Europas und Amerikas beispielsweise in der Sprache spürbar. So sind viele Wörter im Japanischen, die sich auf modernere Errungenschaften beziehen, lautmalerischer Nachahmungen der Begriffe im Englischen[2]. Mit diesem kulturellen Einfluss entstand auch eine Demokratiebewegung, die in der Niederschrift einer Verfassung 1889 und der Konstituierung eines Parlaments im Jahr darauf resultierte. Japan wurde eine konstitutionelle Monarchie. Gleichzeitig behielt aber eine Oberschicht um den Kaiser wesentliche Machtpositionen.

Mutsuhito führte auch eine Militärreform durch, wogegen einige Samurai erfolglos rebellierten und dadurch ihren ehemaligen Stand endgültig zur Bedeutungslosigkeit verurteilten. Das erstarkende Nationalgefühl und die großen technischen Fortschritte ließen aber auch den Expansionsgedanken aufkommen und mündeten zunehmend in einer Vorstellung eines geeinten Ostasien unter japanischer Führung, welche notfalls auch militärisch erreicht werden sollte. 1874 wurde Taiwan besetzt, 1876 Korea zur Öffnung seiner Häfen gezwungen. 1895 und 1905 führte Japan erfolgreich Krieg gegen China bzw. Russland und erhielt Territorien auf dem asiatischen Festland, darunter Korea, das 1910 annektiert wurde. Russland musste auch die Mandschurei räumen und de facto japanischer Vorherrschaft und Ausbeutung überlassen.

Japan setzte diese Expansionspolitik in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts weiter fort. Es nutzte die Ablenkung der Europäer im ersten Weltkrieg, verleibte sich ehemalige deutsche Kolonien nach Kriegserklärung ein und setzte China politisch unter Druck. Es kam, begünstigt durch Weltwirtschaftskrise und ein verheerendes Erdbeben 1923 zu einer Destabilisierung der Demokratie und zunehmender Radikalisierung. Denn das Erdbeben hatte eine Bankenkrise zur Folge, da uneinbringliche Forderungen aus diesen Regionen die Bilanzen belasteten. Die Namen der betroffenen Banken wurden bekannt und von den Gläubigern gestürmt. Die Bank von Taiwan und ihr wichtigster Schuldner, der Suzuki-Konzern, brachten einander ebenfalls wechselseitig in Schwierigkeiten und schließlich musste Suzuki Konkurs anmelden. Im Zuge dessen stürzte auch die amtierende Regierung. Darauf traf schließlich auch noch die Weltwirtschaftskrise 1929. Es kam zu Massenentlassungen und Arbeiterprotesten. 1931/32 kam die Mandschurei-Krise hinzu: Japanische Militärs installierten nach einem wohl inszenierten Sprengstoffanschlag einen Marionettenstaat namens Mandschuko unter der Führung des ehemaligen chinesischen Kaisers Pu Yi.

In Japan selbst kam es nach all dieser Destabilisierung 1932 zum Militärputsch. Admiral Saito Makoto übernahm die Macht, und Militärregierungen bildeten bis 1945 die Führung des Landes. Als Reaktion auf Kritik aus dem Westen an seiner expansiven Politik trat das Land schließlich 1933 aus dem Völkerbund aus. 1937 begann die Invasion Chinas mitten in die dortigen Streitigkeiten zwischen Kommunisten und Nationalisten. Auf den Dreimächtepakt mit Hitler und Mussolini 1940 folgte schließlich 1941 die aggressive Expansion im Pazifik mit dem Angriff auf Pearl Harbour sowie eine weitere Ausdehnung in China und Südostasien.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die japanischen Streitkräfte durch US-Truppen zwar zurückgedrängt, aber das Regime leistete erbitterten Widerstand. Erst die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki zwangen es zur Kapitulation. Die Verheerungen in beiden Städten haben auch die weitere Entwicklung der japanischen Gesellschaft nachhaltig geprägt, insbesondere ihren pazifistischen Charakter.

Japan blieb bis 1951 besetzt und verlor alle eroberten Territorien. 1947 trat eine erneuerte Verfassung mit pazifistischem Charakter in Kraft. Dem Kaiser kommt seither nur mehr zeremonielle Bedeutung zu.

In den folgenden Jahrzehnten normalisierten sich die diplomatischen Beziehungen zu den Nachbarn. Eine gewisse Rückbesinnung und eine Absage an militärische Expansion führten zu großen nationalen Anstrengungen, die Wirtschaft Japans wieder aufzubauen und konkurrenzfähig zu machen.

1.2. Das moderne Japan und Wurzeln der Krise

Es lohnt sich, die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg etwas detaillierter zu betrachten. Die lange Wirtschaftskrise Japans im ausgehenden 20. Jahrhundert lässt sich so besser verstehen.

1.2.1. Das politische System bis zur Krise

Mit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg, der nachfolgenden Besetzung und strengen Auflagen bezüglich der zukünftigen Truppenstärke war das Militär weitgehend entmachtet, welches über 20 Jahre Japan beherrscht hatte (Zöllner 2009: 360ff). Ebenfalls einen Machtverlust hinnehmen mussten die Zaibatsu. Die Zaibatsu waren in der ersten Industrialisierungsphase in Folge der Meiji-Renovation zunehmend oligopolistische, wenigen Familien gehörende Großkonzerne, die zeitweise große Teile der Politik beeinflussten (Zöllner 2009: 333ff). Die drei größten waren Mitsui, Misubishi und Sumitomo gewesen. Die Besatzungsmächte unter General MacArthur verabschiedeten sehr bald nach der Übernahme der Kontrolle über die (formal weiter japanischen) Regierungsgeschäfte Dekonzentrationsgesetze (ibidem: 388), die auch bestimmten Familien für zehn Jahre von Unternehmensleitungen ausschloss. Auch der Ruf Kaiser Hirohitos war, als Befürworter der aggressiven Expansionspolitik Japans, beschädigt. Die Besatzungsmächte, vorwiegend in republikanischer Tradition stehend, befürworteten dennoch nicht die Abschaffung des Kaisertums. MacArthur veranlasste, dass der Kaiser in der neuen Verfassung von 1946 als einigendes Symbol bezeichnet wurde, das unter der Souveränität des Volkes steht (ibidem: 390). Hinfort würde das ehemals göttliche japanische Kaisertum nur mehr repräsentative Aufgaben übernehmen, und diese Stellung gilt bis heute. Diese dauerhafte Schwächung stärkte hingegen das Parlament und die Regierung. In Vorbereitung auf freie Wahlen gründeten sich Parteien (neu). Die wichtigsten waren die konservative Progressive Partei Japans und die Liberale Partei Japans, die Sozialisten und Kommunisten. Da in vielen Parteien jedoch ehemalige Anhänger der Militärregierung gewesen waren, wurde einer ganzen Reihe von Politikern das passive Wahlrecht abgesprochen (ibidem: 389f). Die erste freie Wahl nach dem Krieg im Jahre 1947 brachte keine eindeutigen Sieger hervor. Die Liberalen gewannen knapp vor den Progressiven und den Sozialisten in Stimmen, die Sozialisten errangen aber die meisten Mandate (ibidem: 394). Es folgten jedoch turbulente Zeiten. Schon im selben Jahr kam es zur Abspaltung der Demokratischen Partei durch Abgeordnete von Liberalen und Progressiven, welche kurzzeitig eine Regierung mit den Sozialisten bildeten. Es folgten Minderheitsregierungen und Neuwahlen schon 1949. Auch die Folgejahre waren von Instabilität im politischen System geprägt, es gab Skandale und mehrere Neuwahlen in kurzer Abfolge. Als Schlüsseljahr gilt das Jahr 1955. Die Demokraten und Liberale fusionierten zur Liberaldemokratischen Partei Japans, und diese regierte ununterbrochen bis zum Jahr 1993, mit den Sozialisten als einzige bedeutsame Opposition, weshalb das politische System Japans von Beobachtern auch als „Eineinhalbparteiensystem“ bezeichnet wurde (ibidem: 400f).

Als neue Machtträger entfalteten sich somit Parteipolitiker, und unter ihnen insbesondere jene der Liberaldemokratischen Partei. Diese Entwicklung hatte positive und negative Folgen. Zum einen stabilisierte sich die politische Landschaft und inhaltliche Kontinuität konnte Platz greifen, was sicher einer der Gründe für die gewaltige wirtschaftliche Entwicklung Japans war. Zum anderen aber bildeten sich Seilschaften und mächtige Familien, die sich in die Macht teilten. Zöllner (2009: 406) führt hier eine Reihe von Familien mit ihren über Generationen „vererbten“ Parlamentssitzen und Premierministerposten auf.

Das „System“ der Liberaldemokratischen Partei kam Ende der 1980er Jahre jedoch von vielen Seiten unter Druck (Zöllner 2009: 419f). Zum einen stolperten eine Reihe von Premierministern in rascher Folge über Skandale. Auch außenpolitisch entzündete sich Streit: Die pazifistische Verfassung Japans stand in Konflikt mit dem Bestreben, einen Beitrag zum ersten Irakkrieg zu leisten. Gleichzeitig versuchte die Liberaldemokratische Partei, ihre Macht durch Wahlrechtsreformen zu sichern. Auch innerhalb der Seilschaften kam es zu Machtkämpfen, und vier der fünf großen Seilschaften waren in Bestechungsskandale verwickelt, für die sich der 1992 regierende Premierminister Miyazawa mehrmals öffentlich entschuldigen musste, sodass das Ansehen der Partei an einem Tiefpunkt angelangt war. Schließlich kam es 1993 zu einer Art Selbstzerstörung der Liberaldemokraten, indem sich mehrere Parteien von ihr abspalteten, nachdem etliche Abgeordnete einen Misstrauensantrag gegen Miyazawa unterstützt hatten, der zur Auflösung des Unterhauses führte. Es folgte eine Siebenparteienregierung, die nicht lange Bestand hatte, und weitere politische Instabilität, welche sicher dazu beitrug, dass die Finanzkrise nicht rasch bewältigt werden konnte.

[...]


[1] Das Kapitel ist eine komprimierte Zusammenfassung nach Pohl (2008) und Zöllner (2009). Im Zuge des Abschnitts wird daher der Einfachheit halber auf genaue Zitate verzichtet.

[2] Beispiele: „hotto-kohi“ bedeutet „heißer Kaffee“ („hot coffee“), Mineralwasser wird „mineraru uota“ genannt („mineral water“), Motorrad „otobai“ (motor-bike)

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Japan und seine verlorene Dekade
Untertitel
Die Wirtschaftskrise Japans im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert
Hochschule
Wirtschaftsuniversität Wien  (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Veranstaltung
Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
33
Katalognummer
V155354
ISBN (eBook)
9783640690367
ISBN (Buch)
9783640690893
Dateigröße
894 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Japan, Dekade, Wirtschaftskrise, Japans, Jahrhundert, Wirtschaft, bubble, lost decade, bubble economy, Inflation, Deflation, Asien, verlorene Dekade, Yen, Finanzkrise, Immobilienblase, Plaza, Bank of Japan, Nullzinspolitik, Wirtschaftsgeschichte, Währungskrise, asset inflation, Koizumi, zaibatsu, keiretsu, Asienkrise, Nikkei, Wirtschaftspolitik, Währungspolitik
Arbeit zitieren
Thomas Czypionka (Autor), 2009, Japan und seine verlorene Dekade, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155354

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