Feministische Theorien der Gender-Sozialisation


Seminararbeit, 2009
12 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
2 Feministische Kritik an der Freudschen Psychoanalyse

3 Feministische Theorien der Gender-Sozialisation
3.1 Sozialisationstheorie nach Dinnerstein
3.2 Sozialisationstheorie nach Hagemann-White
3.3 Sozialisationstheorie nach Chodorow
3.4 Sozialisationstheorie nach Gilligan
3.4.1 Vorstellung der Sozialisationstheorie
3.4.2 Kritik an Gilligans Theorie zur weiblichen Moral

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Auch in der heutigen Zeit scheint die seit Jahrzehnten geführte Koedukationsdebatte kein Ende zu nehmen. Die Koedukation, zunächst als soziale Errungenschaft gefeiert, wurde in diversen Aspekten stark kritisiert, wobei je nach eigenem Standpunkt die Gleichheit oder Differenz der Geschlechter angestrebt wurde. Die Benachteiligung der Mädchen war zunächst vorrangigstes Ziel der Kritik. Im Laufe der Zeit ebbten die Benachteiligungen gegenüber den Mädchen soweit ab, dass sich diese nun frei entwickeln können einhergehend mit der Konsequenz das die Jungen Schritt für Schritt zu den Benachteiligten der Koedukation werden, da Mädchen faktisch mehr Leistung bringen und zusehends auch Berufe besetzen, die zuvor ausschließlich von Männern ausgeführt worden sind. Studien belegen, dass Mädchen numerisch stärker in Gymnasien vertreten sind, häufiger die Hochschulreife erreichen und in ihrer Anzahl ebenso bei den Hochschulanfängern überwiegen. Der Aufstieg der Mädchen geht dabei einher mit dem Abstieg der Jungen, die zu Verlierern in unserer nach Leistung strukturierten Gesellschaft werden. Die hier vorliegende Hausarbeit thematisiert nun den Kern dieser Koedukationsdebatte, also das Geschlecht an sich. Es wird der Versuch unternommen, eine Erklärung zu finden, wie Menschen unserer Gesellschaft ihr soziales Geschlecht erlangen und wie die damit verbundenen geschlechtsspezifischen Unterschiede entstehen. In diesem Zusammenhang werden vier verschiedene Sozialisationstheorien vorgestellt, welche die geschlechtspezifische Sozialisation thematisieren. Im Einzelnen handelt es sich hierbei um die Sozialisationstheorie von Dorothy Dinnerstein, Carol Hagemann-White Nancy Chodorow und Carol Gilligan. Alle vier Feministinnen haben gemeinsam, dass sie sich unabhängig voneinander im Vorfeld mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud beschäftigten, diese kritisierten und auf der Basis dieser Kritik ihre Sozialisationstheorien entwickelten. Aufgrund dieser Tatsache soll Freuds Psychoanalyse in ihren Grundzügen ebenfalls in dieser Hausarbeit aufgeführt werden. Über die Erklärung der geschlechtsspezifischen Sozialisation hinaus werden in diesen vorzustellenden Ansätzen auch verschiedene Lösungsvorschläge für eine mögliche Überwindung der geschlechtspezifischen Unterschiede aufgeführt. Carol Gilligans Thesen zur weiblichen Moral werden im weiteren Verlauf intensiver behandelt, ehe im abschließenden Fazit die neuen Erkenntnisse in Beziehung zur Koedukationsdebatte gesetzt werden.

2 Feministische Kritik an der Freudschen Psychoanalyse

Vor dem Aufkommen der Frauenforschung gab es zunächst keine ausgeprägte Theorie über die geschlechtsspezifische Sozialisation. Andere Themen, hier vor allem die Vermittlung von Werten und Normen an die nächste Generation, standen im Vordergrund der Betrachtungen. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede, natürlich in allen Sozialisationsinstanzen deutlich sichtbar, wurden zwar behandelt, aber letztendlich als naturgegeben hingenommen. Die Frage nach einer möglichen Überwindung dieser Unterschiede wurde nicht näher erläutert, da allgemein die vom Christentum geprägte Ansicht vertreten war, dass die Komplementarität der Geschlechterrollen gut und notwendig sei (vgl. Krüll, 1992, S. 74). Erst durch die Forschungen Margaret Meads änderten sich die Ansichten in Bezug auf das Geschlechterrollenverständnis. Mead fand bereits in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gänzlich andersartige Geschlechterrollen bei Südsee-Völkern vor und lieferte somit den Beweis, dass die Geschlechterrollen unserer Gesellschaft nicht naturgegeben sein können, sondern historisch-soziokulturell konstruiert worden sind und somit auch verändert werden können. Von Meads Forschungen inspiriert, befassten sich nun eine Vielzahl von Frauenforscherinnen mit einer möglichen Überwindung der geschlechtsspezifischen Unterschiede.

Zu Beginn der Siebziger Jahre machten Feministinnen es sich zur Aufgabe, die Psychoanalyse Sigmund Freuds zu kritisieren, da die dort vertretende Ansicht der Frau ihrer Meinung nach inakzeptabel war. Freuds so genannte Ödipus-Theorie über die psychosexuelle Entwicklung von Jungen geht bekanntlich davon aus, dass der Junge in seiner phallischen Phase, also im Alter von drei bis fünf Jahren, seine sexuellen Wünsche auf die Mutter richtet und den Vater dabei als Rivalen erlebt. Im Laufe dieses Konfliktes erkennt der Junge jedoch, dass die Mutter für ihn unerreichbar ist. Der Junge überwindet den Konflikt, in dem er die Autorität des Vaters anerkennt, da er fürchtet vom Vater kastriert zu werden. Der Junge versucht dem Vater nun nachzueifern, um später, wenn er groß ist eine Frau zu finden, die der Mutter ähnlich ist (vgl. Bourne & Ekstrand, 2005, S. 371) Die psychosexuelle Entwicklung des Mädchens bleibt Freud allerdings lange ein Rätsel. Erst im hohen Alter veröffentlicht Freud mit seiner Penisneid-Theorie seine Gedanken zur weiblichen Sexualentwicklung, die wesentlich weniger spezifiziert ist. Freud geht hier davon aus, dass dem Mädchen, ebenfalls in der phallischen Phase, der anatomische Geschlechtsunterschied zwischen Mann und Frau bewusst wird. Aufgrund ihres fehlenden Gliedes fühlt sich das Mädchen nun, laut Freud, unvollkommen, wobei sie die Schuld für ihre Unvollkommenheit bei der Mutter sucht. Das Mädchen fühlt sich nun stärker zum Vater hingezogen, da sie diesen um seinen Penis beneidet. Im weiteren Verlauf beginnt das Mädchen allerdings damit ihre inzestuösen Gefühle zu unterdrücken und sich mit der Mutter zu identifizieren (vgl. ebd). Freuds Theorien zur psychosexuellen Entwicklung von Mädchen und Jungen wurden, wie bereits erwähnt, von Feministinnen in vielen verschiedenen Aspekten stark kritisiert. Die allgemeine Höherbewertung des Männlichen und damit einhergehend die Sicht der Frau als kastriertes Mängelwesen sind nur einige wenige Aspekte der Kritik an Freuds Psychoanalyse. Auf der Basis dieser Kritik wurden letztendlich diverse feministische Theorien weiblicher Sozialisation entwickelt.

3 Feministische Theorien der Gender-Sozialisation

3.1 Sozialisationstheorie nach Dinnerstein

Die amerikanische Soziologin Dorothy Dinerstein setzte sich zunächst kritisch mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds auseinander, ehe sie ihre Gedanken zur geschlechtsspezifischen Sozialisation 1976 veröffentlichte. Sie befasste sich vor allem mit der Bedeutung der Mutter für die Sozialisationsprozesse von Mädchen und Jungen. Dinnerstein unterteilt die Rolle der Mutter in patriarchalen Gesellschaften in zwei Bereiche. Sie ist zum einen die „gute"; Mutter, von der man geboren und versorgt wird zum anderen aber auch die „böse"; Mutter, die Verbote ausspricht und sanktioniert (vgl. Dinnerstein zit. nach Krüll, 1992, S.77). Dinnerstein ist der Meinung, dass diese Verbote, die sie selbst Versagungen nennt, vom Kind aus am Geschlecht der Mutter festgemacht werden (vgl. Dinnerstein zit. nach Krüll, 1992, S.77). Das Kind sucht daraufhin Schutz beim Vater vor der „bösen"; Mutter. Dieses Bild der „bösen"; Mutter verfolgt das Kind bis ins Erwachsenenalter, wo es dann Schutz in patriarchalen Institutionen sucht. Der geschlechtsspezifische Unterschied besteht nun darin, dass dem Mädchen klar ist, dass sie mit der Mutter „in einem Boot"; (vgl. ebd.) sitzt, da sie auch eine Frau werden wird und somit später die gleiche gesellschaftliche Rolle wie die Mutter zu erfüllen hat. Dinnerstein zufolge hat das Mädchen später die Möglichkeit, sich dem männlichen Schutz zu unterwerfen, der aber auch eine Bedrohung darstellt, da sie in Abhängigkeit zum Mann geraten kann.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Feministische Theorien der Gender-Sozialisation
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie)
Veranstaltung
Koedukation unter soziologischem Blick
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
12
Katalognummer
V156184
ISBN (eBook)
9783640689644
ISBN (Buch)
9783640689385
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Arbeit zitieren
Stefan Kruse (Autor), 2009, Feministische Theorien der Gender-Sozialisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156184

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