Um die Wirkungsmacht auszuweiten, zeichnen sich in der darstellenden Kunst Bestrebungen ab, das Publikum nicht nur von außen teilhaben zu lassen, sondern direkt in das Geschehen miteinzubeziehen. Gerade die Performance-Kunst wendet sich von der traditionellen Vorstellung der distanzierten ZuschauerIn im abgetrennten Raum ab und strebt hin zu einer Öffnung von Raum und Handlung. Ein Tabubruch kann hier zum Zündstoff werden. Damit sich dieser nicht nur auf den Kunstraum beschränkt, wird in der Performance-Kunst oft der geschützte Rahmen eines Museums oder Theaters verlassen und stattdessen der öffentliche Raum zur Plattform gemacht. Auf diese Weise kann einerseits mehr, zum Teil nicht kunstaffines, Publikum erreicht werden, andererseits kann hier ein Tabubruch anders wirken.
Ein Beispiel hierfür ist die Performance "Ceci n`est pas…" des niederländischen Performance-Künstlers Dries Verhoeven, die erstmals 2013 in Utrecht gezeigt wurde und seitdem in verschiedenen europäischen Städten zu sehen ist. Im Stadtzentrum wird ein Glaskasten aufgebaut, in dem an zehn Tagen jeweils ein oder zwei Personen für einige Stunden gezeigt werden. Mit Rollläden, Heizung, Klimaanalage, Toilette sowie Essen und Trinken ausgestattet, bietet der schalldichte Glaskasten genug Komfort, um den PerformerInnen einen mehrstündigen Aufenthalt darin zu ermöglichen. Bei diesen handelt es sich größtenteils um LaiInnen aus der jeweiligen Stadt, die Dries Verhoeven beispielsweise über Facebook findet. Sie stehen jeweils symbolhaft für ein tabubelastetes Thema in der Gesellschaft. So sind beispielsweise ein schwangeres Mädchen im Teenageralter, eine nackte ältere Dame, eine transsexuelle Person, ein angeketteter dunkelhäutiger Mann und ein betender Muslim zu sehen. Da es in dieser Arbeit hauptsächlich um die Seite der RezipientInnen geht, wird die Tatsache, dass mit LaiInnen gearbeitet wird, nur am Rande Erwähnung finden. Jeder Tag hat einen Übertitel, wie Ceci n’est pas la nature oder Ceci n’est pas une mère, womit einerseits auf das behandelte Thema angespielt, andererseits die Assoziation mit der berühmten Bildunterschrift Ceci n’est pas une pipe des surrealistischen Malers René Magritte herausgefordert wird. An der Seite des Glaskastens befindet sich ein kurzer Text, der das jeweilige Thema des gezeigten Bildes‘ aufgreift und damit einen Kontext bietet.
Inhaltsverzeichnis
1. Tabus und Tabubrüche in Gesellschaft und Kunst
2. Eingriff der Performance-Kunst in den öffentlichen Raum
2.1 Nutzung des öffentlichen Raums
2.2 Störung im öffentlichen Raum in Ceci n`est pas…
3. Darstellung von tabuisierten Inhalten in Ceci n’est pas…
4. Tabubrüche als Partizipationsanstoß in Ceci n’est pas…
4.1 Interaktion mit den PerformerInnen durch den Blick
4.2 Diskussion als Teilnahme am öffentlichen Diskurs
5. Tabus als Zündstoff
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial von Performance-Kunst im öffentlichen Raum, gesellschaftliche Tabus zu brechen und als Auslöser für politischen und sozialen Diskurs zu fungieren. Im Zentrum steht dabei die Analyse der Performance Ceci n’est pas… des Künstlers Dries Verhoeven, welche die Grenze zwischen Beobachtenden und Teilnehmenden aufbricht und Passanten zur direkten Auseinandersetzung mit kontroversen Themen zwingt.
- Die Funktion von Tabus und Tabubrüchen in der Gesellschaft.
- Die Wechselwirkung zwischen Performance-Kunst und öffentlichem Raum.
- Die Rolle des Blicks als Interaktionsform zwischen Performer und Betrachter.
- Bedeutung der aktiven Teilhabe für demokratische Diskursbildung.
- Kritik an der Kommerzialisierung des öffentlichen Raums durch künstlerische Interventionen.
Auszug aus dem Buch
2.2 Störung im öffentlichen Raum in Ceci n`est pas…
Auch Dries Verhoeven nutzt in seiner Performance Ceci n’est pas… die Möglichkeiten des öffentlichen Stadtraums. In diesem wird die Vielfalt und Verschiedenheit der Bevölkerung wahrnehmbar und eine Begegnung eben jener unterschiedlichen, einander fremden Menschen möglich.35 Der Glaskasten bildet den Mittelpunkt der Performance, um ihn herum treffen sich die PassantInnen. Dries Verhoeven selbst vergleicht den Glaskasten mit einem Baum auf einem mittelalterlichen Marktplatz, an dem sich alle Bevölkerungsschichten treffen.36 Der Ort, den Verhoeven jeweils für seine Performance auswählt, ist für die gesamte Bevölkerung zugänglich und erreicht nicht nur kunstaffines Publikum, das oftmals aus einem elitären Kreis stammt.
Dementsprechend werden auch die Diskussionen geöffnet und beschränken sich nicht auf jenen elitären Kreis, der durch seine Kunsterfahrung und seinen Status vermutlich andere Schlüsse aus der Performance zieht als ein Publikum, dem das Genre nicht vertraut ist. Dadurch, dass alle PassantInnen mit in die Performance eingeschlossen werden und ihre Meinung äußern können, befruchten sich die oft gegensätzlichen Ansichten und Interpretationen und führen zu einem umfassenderen Diskurs.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Tabus und Tabubrüche in Gesellschaft und Kunst: Dieses Kapitel erläutert die soziologische Begriffsbestimmung von Tabus als Meidungsgebot und untersucht deren Funktion zur Identitätsstiftung sowie als notwendiges Element für gesellschaftliche Veränderung.
2. Eingriff der Performance-Kunst in den öffentlichen Raum: Der Fokus liegt hier auf der räumlichen Dimension, wobei der öffentliche Raum als sozial konstruierter Ort begriffen wird, den Verhoeven durch seine Interventionen bewusst als Plattform für gesellschaftliche Auseinandersetzungen nutzt.
3. Darstellung von tabuisierten Inhalten in Ceci n’est pas…: Hier wird analysiert, wie die Installation mittels provozierender, oft voyeuristisch wirkender Bilder (z.B. alternde Körper, Minderheiten) Sehgewohnheiten bricht und den Betrachter zur kritischen Reflexion über vorgefasste Meinungen anregt.
4. Tabubrüche als Partizipationsanstoß in Ceci n’est pas…: Dieses Kapitel untersucht, wie durch den Blickkontakt und die daraus resultierenden Diskussionen zwischen Passanten eine neue Form der Partizipation entsteht, die über ein passives Zuschauen hinausgeht.
5. Tabus als Zündstoff: Das Fazit fasst zusammen, dass Verhoevens Performance durch ihre verharrende Position und ihre Unmittelbarkeit im Stadtraum erfolgreich Tabus als Zündstoff für den öffentlichen Dialog nutzt.
Schlüsselwörter
Performance-Kunst, Dries Verhoeven, Ceci n’est pas…, öffentlicher Raum, Tabu, Tabubruch, Partizipation, soziale Identität, Diskurs, Voyeurismus, gesellschaftliche Normen, Stadtraum, Interaktion, Aktionskunst.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Performance-Installation "Ceci n’est pas…" von Dries Verhoeven im Hinblick auf ihre Fähigkeit, gesellschaftliche Tabus im öffentlichen Raum aufzugreifen und demokratische Diskussionsprozesse auszulösen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Themen umfassen die Soziologie des Tabus, Raumtheorien (insbesondere im Kontext von öffentlichem Raum), die Einbindung des Publikums in die Performance sowie die Funktion von Kunst als Instrument der gesellschaftlichen Provokation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, zu untersuchen, auf welche Weise durch die Performance Tabubrüche provoziert werden und diese eine aktive Partizipation und kritische Auseinandersetzung der Passanten bewirken können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse von Fachliteratur aus den Bereichen Theaterwissenschaft und Soziologie. Ergänzend werden Zeitungsberichte, Interviews und Videomaterial als Quellen für die Publikumsreaktionen ausgewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung von Tabubrüchen, die räumliche Analyse des Wirkungsortes der Installation, die inhaltliche Untersuchung der gezeigten Bilder sowie die Analyse der Interaktionsprozesse (Blickwechsel, Diskussionen) der Zuschauer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Performance-Kunst, öffentlicher Raum, Tabu, Partizipation, Diskurs und Voyeurismus.
Wie unterscheidet sich die im Buch beschriebene Performance von klassischem Theater?
Im Gegensatz zum abgetrennten Theaterraum bricht Verhoeven durch die Platzierung einer geschlossenen Installation im öffentlichen Raum die Distanz zum Publikum auf und integriert zufällige Passanten in das Geschehen.
Warum spielt der Blickkontakt laut der Autorin eine so wichtige Rolle?
Der Blickkontakt fungiert als "Motor der Intersubjektivität". Er hebt die Distanz zwischen Performer und Beobachter auf, entlarvt voyeuristische Konstellationen und zwingt die Beteiligten in einen unmittelbaren, sozialen Austausch.
Welche Rolle spielt die räumliche Einbettung im Stadtzentrum?
Der öffentliche Raum im Stadtzentrum macht die Performance unumgänglich für Passanten, stört deren Alltag und ermöglicht eine Begegnung mit Themen und Menschen, die sonst in den "hinteren Regionen" der Gesellschaft ausgeblendet werden.
- Citar trabajo
- Hanna Liertz (Autor), 2019, Tabus als Zündstoff. Partizipation durch Provokation im öffentlichen Raum in der Performance "Ceci n’est pas…" von Dries Verhoeven, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1569380