Hauptgegenstand der vorliegenden Arbeit sind die im Folgenden kurz umrissenen Szenen, welche die Verkleidung Leonores als Mann zum Thema haben: Im vierten Auftritt des ersten Aufzugs singt Marzelline mit dem Erklingen von geteilten Bratschen und Violoncelli im Quartett mit Leonore, Rocco und Jaquino zu sich selber: „Mir ist so wunderbar! Es engt das Herz mir ein, er liebt mich, es ist klar; ich werde glücklich sein!“ und Leonore ebenfalls für sich: „Wie gross ist die Gefahr! Wie schwach der Hoffnung Schein! Sie liebt mich es ist klar! O namenlose Pein!“
Im dritten Auftritt des zweiten Aufzugs wiederum in einem Quartett, diesmal mit Pizzaro, Florestan und Rocco, stellt Leonore sich vor ihren Mann, als Pizzaro im Begriff ist, diesen zu töten, und singt: „Töt‘ erst sein Weib“, und weiter zu den ungläubigen anderen: „Ich bin sein Weib, geschworen hab‘ ich ihm Trost, Verderben dir!“.
In dieser Arbeit soll nun einerseits die Frage beleuchtet werden, wieso Marzelline die durchaus weibliche Leonore nicht als Frau wahrnimmt, sondern als männlichen Fidelio; andererseits sollen, ausgehend von diesen beiden Szenen, Parallelen zu Frauen in der europäischen Militärgeschichte aufgezeigt werden, die als Männer verkleidet zur Waffe griffen, um gegen politische Tyrannei zu kämpfen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ursprung: von Bouillys Text bis Fidelio
3. Im Krieg kämpfende Frauen getarnt als Männer: Eleonore Prochaska (1785-1813)
4. Von Prochaska zu Leonore
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv der Frauenfigur, die sich als Mann verkleidet, um für ihre Ideale oder geliebte Personen zu kämpfen. Dabei steht insbesondere die Oper „Fidelio“ von Ludwig van Beethoven im Zentrum der Analyse, wobei durch einen Vergleich mit der historischen Figur der Eleonore Prochaska die Glaubwürdigkeit und die gesellschaftspolitische Motivation hinter diesem Cross-Dressing-Motiv beleuchtet werden.
- Analyse der Schlüsselszenen des Cross-Dressings in Beethovens „Fidelio“
- Historischer Kontext der Frauenverkleidung in der europäischen Militärgeschichte
- Biografische Untersuchung von Eleonore Prochaska als reales Pendant zur Bühnenfigur
- Untersuchung der psychologischen und performativen Glaubwürdigkeit der Verkleidung
- Politische Interpretation von Beethovens Oper als Ausdruck republikanischer Ideale
Auszug aus dem Buch
Die genaue Kenntnis der Enthüllung ihres wahren Geschlechts
Die genaue Kenntnis der Enthüllung ihres wahren Geschlechtes, die an die Kerkerszene im Fidelio erinnert, ist dem Augenzeugenbericht des Oberjägers Friedrich Christoph Förster zu verdanken. Als die tödliche Ladung in die Reihen der preussischen Infanteristen traf, bemerkte Förster: „Unser tapferer Trommelschläger stürzte neben mir, krampfhaft hielt er den Zipfel meines Überrocks fest und rief mit jammernder Stimme: ‚Herr Lieutenant, ich bin ein Mädchen!’ Ohne darauf zu achten, riss ich mich los; nur noch wenige Schritte und wir standen auf der Schanze. Dieses letzte und entscheidende Wagnis gelang.“ Auf jenen legendären Ausruf reagierte Förster nicht. Erst später bei der Jubelfeier kommt ihm der Ausruf von Renz wieder ins Gedächtnis.
Unmittelbar eilt Förster zurück an die Stelle, wo er Renz zurückgelassen hat, und berichtete: „Um Renz fand ich einen unserer Ärzte beschäftigt, eine Kartätschenkugel hatte ihm den Schenkel zerschmettert, der Waffenrock war offen: der schneeweise Busen verriet in pochenden Schlägen das jungfräuliche Herz. Kein Laut der Klage kam über ihre Lippen, um die noch sterbend ein beseligtes Lächeln schwebte.“
Erstaunlich ist nicht nur, dass Förster nachträglich zugibt, im Schlachtgetümmel Prochaskas Ausruf nicht recht verstanden zu haben, sondern auch, dass er, bis er Prochaska mit nacktem Oberkörper sah, trotz ihrer hohen Frauenstimme die Männlichkeit seines Trommlers nicht im Geringsten bezweifelte. Entscheidend ist also die Glaubwürdigkeit der Haltung der Verkleideten und nicht der Widerspruch, der sich zwischen Stimme und Aussehen ergibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Entstehungsgeschichte von Beethovens Oper ein und skizziert die Fragestellung bezüglich der Wahrnehmung der verkleideten Leonore.
2. Ursprung: von Bouillys Text bis Fidelio: Das Kapitel befasst sich mit den literarischen Vorlagen des Librettos und dem realen historischen Ereignis, das dem Cross-Dressing-Motiv zugrunde liegt.
3. Im Krieg kämpfende Frauen getarnt als Männer: Eleonore Prochaska (1785-1813): Hier wird das historische Phänomen der als Männer kämpfenden Frau anhand der Biografie von Eleonore Prochaska aufgearbeitet.
4. Von Prochaska zu Leonore: Dieses Kapitel stellt die Parallelen zwischen der historischen Figur Prochaska und der opernhaften Figur der Leonore heraus, insbesondere im Hinblick auf ihre Enthüllung.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und verweist auf die kulturelle Relevanz des Motivs in Kunst und Film.
Schlüsselwörter
Fidelio, Ludwig van Beethoven, Leonore, Eleonore Prochaska, Cross-Dressing, Oper, Musiktheater, Befreiungskriege, Identität, Geschlechterrollen, Maskerade, Militärgeschichte, Marzelline, Frauenbild, Rebellion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Motiv der als Mann verkleideten Frau in Beethovens Oper "Fidelio" und setzt dieses in Beziehung zu historischen Frauenschicksalen wie dem von Eleonore Prochaska.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Musiktheaterwissenschaft, der Militärgeschichtsschreibung, Gender-Studien im Kontext des 19. Jahrhunderts und der biografischen Analyse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu ergründen, warum das Cross-Dressing in der Oper als glaubwürdig wahrgenommen wird und inwiefern Beethoven damit politische Kritik übte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und quellenbasierte Analyse, die Libretto-Studien mit historischen Augenzeugenberichten und musikwissenschaftlicher Quellenkritik vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die spezifischen Schlüsselszenen der Oper und vergleicht diese mit den historischen Fakten zum Leben und Sterben der Eleonore Prochaska.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Fidelio, Cross-Dressing, Geschlechterrollen, Befreiungskriege und Identität.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Männlichkeit im Fidelio von der Realität bei Prochaska?
Die Analyse zeigt, dass in beiden Fällen die Haltung und Glaubwürdigkeit des Auftretens die Wahrnehmung des Gegenüber mehr beeinflusst als physische oder stimmliche Indizien.
Welche Verbindung zieht der Autor zu moderneren Medien?
Im Fazit wird aufgezeigt, wie das Motiv der opferbereiten Frau in Männerkleidung auch in späteren Filmen, etwa bei Stanley Kubrick oder mit Marlene Dietrich, als Symbol der Widerständigkeit fortlebt.
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- Markus Stricker (Author), Leonore im Fidelio. Als Mann verkleidet um zu kämpfen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1574317