Frauenbilder aus vorbiblischer und biblischer Zeit

Eva, Lilith, Maria - zwischen Realität, Mythos und geschaffener Realität


Hausarbeit, 2004

61 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Quellen und Zitierweisen

Ältere Schöpfungsgeschichten

Die Entstehung des Pentateuchs

Die Genesis

Die Schöpfung des Menschen: Eva kommt auf die Welt

Der „Sündenfall"

Die Erfindung der Erbsünde
Zwischenfazit

Lilith - die erste Eva?
Zwischenfazit

Exkurs: Frauenleben zur Zeit der Geburt Jesu

Maria - von der Frau zur Ikone
Wirkungsgeschichte
Zwischenfazit

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Vorwort

Die vorliegende Veröffentlichung basiert auf einer Hausarbeit, die ich 2004 im Seminar „Die Bibel“ an der Universität Bremen zur Beurteilung vorlegte. Die Arbeit wurde vom hoch geschätzten, inzwischen emeritierten Prof. Dr. Dieter Richter für „sehr gut“ befunden. Seinerzeit schrieb er mir in die Beurteilung: „Vieles kommt zusammen, fließt ineinander…: Philologie, Mythengeschichte, Theologie in klassischer und feministischer Spielart, gar noch Wirkungsgeschichte. Als Thema stellt sich für mich dar: die Bedeutung der Bibel, positiv wie negativ, für Grundkonstellationen unserer Geschlechterbeziehungen zu bestimmen. Ich bin dabei auch inhaltlich in vielem Ihrer Auffassung.“

Gleichwohl war Prof.Dr. Richter nicht in allem meiner Auffassung. Wir hatten im Anschluss an die Beurteilung eine angeregte und anregende Diskussion und auch in seinen Kommentar zur Arbeit flossen viele sinnvolle Hinweise und Denkanstöße ein. Dafür möchte ich mich mit dieser Veröffentlichung noch einmal bedanken, denn mit dem Abstand der Jahre erscheint es mir angemessen, die vielen angeregten Detailverbesserungen auch in die hier vorliegende Veröffentlichung einfließen zu lassen.

Auch möchte ich mich auf diesem Wege bei meiner Ehefrau Birgit Locnikar bedanken, die mich nicht nur über die Jahre meines Studiums mit Rat und Tat unterstützt hat, sondern die auch in ihrer beruflichen Funktion als Pastorin und hervorragende Bibel-Kennerin einen erheblichen Anteil am Gelingen dieser Arbeit hatte. Sicherlich ist es auch ihr zu verdanken, dass Prof. Dr. Richter seine Beurteilung mit folgenden Sätzen schloss:

„Sie argumentieren gut und haben sich tief in die Literatur eingegraben. Sie schreiben sehr gut und man spürt, dass Sie lesend auf der Suche nach etwas sind: ein fast schon religiös-philologisches Verlangen. Große Anerkennung.“

Bremen, im August 2010

Einleitung

Die Bibel gilt gemeinhin als eines der wichtigsten Bücher, vielleicht sogar als das wichtigste überhaupt in unserer westlichen Welt, und das obwohl wir in einer weitestgehend säkularisierten Gesellschaft leben, in der zumindest die christliche Religion im Alltag nur noch einen marginalen Stellenwert zu haben scheint.

Aber der Eindruck täuscht: Der Wertekanon unserer westlichen, christlich geprägten Gesellschaft leitet sich aus der Bibel ab, mal sehr, mal weniger direkt.

Das trifft auch auf die Rolle der Frau in der christlichen Gesellschaft zu. Diese hat sich zwar über die Jahrhunderte durchaus verändert und verfügt über einen gewissen, gesellschaftlich und allgemein anthropologisch bedingten Facettenreichtum, aber in der Grundstruktur des Geschlechterverhältnisses und der Frauenrollen scheinen immer noch die biblischen Wurzeln durch.

Für mich persönlich immer wieder erstaunlich ist, dass gerade die biblische Geschichte über die Schöpfung des Menschen und über den so genannten „Sündenfall“ so große Auswirkungen auf das gesellschaftliche Selbstverständnis der Frau und auch auf das Verständnis der Männer bezüglich der Frauen haben konnte und immer noch hat, obwohl gerade die Genesis ein Schöpfungsmythos ist, mit dem die Menschen offensichtlich versuchten, die Welt zu erklären, die sie sich seinerzeit naturwissenschaftlich nicht erklären konnten.

Und dennoch gibt es auch heute noch Menschen, die davon überzeugt sind, dass die Bibel von Gott geschrieben wurde, den Propheten sozusagen in den Geist diktiert[1], und dass somit an dieser Wahrheit nicht zu rütteln ist, Darwin hin oder her.

Diese Arbeit will zunächst den Versuch unternehmen, der Entstehungsgeschichte der Genesis und damit der Schöpfungsgeschichte des Menschen näher zu kommen, um so einen besseren Einblick in die Umstände zu gewinnen, in denen der oder die Urheber des Mythos lebten. Die literaturhistorische Betrachtung muss sich dabei auf verfügbare deutschsprachige Quellen resp. Übersetzungen beschränken.

Ein eher noch schwierigeres Unterfangen stellt die wirkungsgeschichtliche Betrachtung dar, zumal diese im Rahmen dieser Arbeit unmöglich vollständig sein kann, nicht einmal für einen derart eingeschränkten Betrachtungsbereich. Insofern wird sich diese Arbeit diesbezüglich mit Beispielen oder Betrachtungsausschnitten begnügen müssen.

Weiterhin wird sich das Augenmerk dieser Arbeit auf zwei weitere Frauen richten, auf Lilith und Maria.

Lilith ist keine biblische Figur, sondern stammt aus vorbiblischen Zeiten. Manche Forscher sehen in ihr eine „Ur-Eva", die später zugunsten der „offiziellen“ Eva Platz machen musste, weil sie für eine patriarchale Gesellschaftsordnung zu unangepasst war. In der Gegenwart gewinnt die Lilith-Forschung im Zeichen der Gleichberechtigung, des Feminismus und nicht zuletzt der New Age-Bewegung wieder mehr Boden. Lilith wird als Vorbild für die moderne Frau aufgebaut.

Auch Maria, die Mutter Jesu, hat eine lange Geschichte als Vorbild der Frauen (oder von Männern für Frauen) hinter sich, die in manchen Teilen der Welt und sicher auch in unserer Gesellschaft noch nicht einmal als vollendete Vergangenheit betrachtet werden kann.

Im Rahmen einer Gegenüberstellung dieser drei Frauengestalten soll der Versuch unternommen werden, ihre Bedeutungen und ihre Wirkungsgeschichte herauszuarbeiten.

Quellen und Zitierweisen

Für die Arbeit habe ich mich überwiegend der Revidierten Elberfelder Studienausgabe der Bibel bedient (in Klammern das im nachfolgenden Text verwendete Kürzel bei Stellenangaben):

Elberfelder Studienbibel in der revidierten Fassung von 1985/1992, Brockhaus Verlag (Rev. Elberfelder)

Sofern im Text oder in den Fußnoten Bibelstellen zitiert werden, sind die Quellen verweise in der allgemein üblichen Systematik abgekürzt und mit einem Hinweis auf die verwendete Bibelfassung versehen. Reine versionsübergreifende Stellenverweise ohne wörtliche Zitate sind in der üblichen Systematik abgekürzt angegeben.

Verwendete Sekundärliteratur wird grundsätzlich in den Fußnoten mit einem Verweis auf das anhängende Literaturverzeichnis spezifiziert.

Die hebräischen Bezeichnungen sind den „Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen“" von Roland Gradwohl entnommen.

Einige wenige Stellen zum Neuen Testament sind der kommentierten Bibel-Ausgabe von Hubertus Halbfas entnommen, die sich an der Übersetzung von Fridolin Stier orientiert. Die Stellen sind mit „Halbfas" markiert.

Ältere Schöpfungsgeschichten

Die Urschriften der Bibel stehen in einem Abstammungskontext zu den ältesten Religionen der Menschheit, denen des Alten Orients. Die uns bekannten ältesten Schöpfungsgeschichten stammen aus Sumer, der ersten Hochkultur der Welt. Der Ursprung des sumerischen Volkes ist bis heute unbekannt. Sicher ist nur, dass diese am Persischen Golf angesiedelte, in Stadtstaaten organisierte Kultur nicht semitisch war, anders als alle anderen Völker, die später in diese Region kommen sollten. Auch weisen die sumerische Sprache und die Keilschrift keine Ähnlichkeiten mit denen der anderen Kulturen auf. Die bedeutendsten Städte der Sumerer waren Uruk, Eridu, Lagasch und Ur. Aus letzterer soll der Stammvater der Israeliten, Abraham, gekommen sein.

Die feministische Philosophin Heide Göttner-Abendroth weist daraufhin, dass die Sumerer eine Göttin mit dem Namen Iahu verehrten. Der Name steht für „Erhabene Taube“ und Iahu zog als Mond am Himmel entlang.[2]

Das sumerische Reich wurde zu Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christus vom babylonischen Reich abgelöst.[3]

Aus dieser altbabylonischen Zeit stammt der Weltschöpfungsmythos Enuma Elisch, entstanden etwa um 1300 v.Chr.. Der Titel lautet übersetzt „Als droben“ und stellt die ersten Worte des Textes dar. Der Mythos besteht aus etwa 1000 Versen.[4] Nachfolgend seien die ersten Zeilen wiedergegeben:

Als droben der Himmel noch nicht benannt war,

unten die Erde noch keinen Namen hatte,

als der Ozean, der Uranfängliche,

der Erzeuger der Götter, Apsu und Tiamat,

noch in eins vermischte,

als noch kein Schiff gebildet, kein Fels zu sehen war,

da von den Göttern kein einziger entstanden,

ihre Namen noch unbekannt, ihr Geschick noch unbestimmt war,

da wurden die Götter aus dem Schoß von Apsu und Tiamat geboren...[5]

Das religiöse Weltbild des alten Babylons sah die kosmische Ordnung den Göttern unterstellt. Die Gesetze des Kosmos gaben den Willen der Götter wieder, denen sich der Mensch zu unterwerfen hatte. Aber auch die Babylonier wussten schon, dass nicht immer alles nach der göttlichen Idealvorstellung funktioniert: Die Ordnung sahen sie von der „Großen Schlange“ bedroht, die gewissermaßen Chaos und Zufall symbolisierte, außerdem von menschlichen Verbrechen und Fehlern, die mit Sühnehandlungen auszugleichen waren. Schon die Sumerer feierten außerdem ein religiös motiviertes Neujahrsfest, bei dem sich die Welt regeneriert und erneuert. Hier finden sich erste Zeichen der Gesetzmäßigkeit der ewigen Wiederkehr, wie sie in allen späteren archaischen Religionen zu finden ist.

Beim Bau ihrer Tempel wiederholten die Sumerer und Babylonier symbolisch die Schöpfung der Welt. Der Tempel symbolisiert eben die gesamte Welt und wurde somit zu Recht „das Haus“ der Götter genannt. Auch die Städte der Sumerer entsprachen in der Anlage einer größeren himmlischen Ordnung.[6]

Die Religion der semitischen Völker dieser Region fußte auf der sumerischen Religion. Der Hauptgott von Babylon wurde Marduk genannt. Die Menschen suchten in Gebeten und Riten um den Segen der Götter nach, aber vor allem fühlten sie sich in den ewigen Kreislauf der Natur eingebunden und verstanden die Zeit dementsprechend als zyklisch, als eine ständige Wiederkehr.

Sicher erstaunlich ist, dass nach Ansicht etlicher religionswissenschaftlicher Forscher die kanaanäische Religion, die als Vorläufer des israelitischen Jahwismus in Frage kommt, für Impulse aus Nachbarregionen und Nachbarreligionen recht offen gewesen ist; sie stellte kein geschlossenes dogmatisches System dar.[7]

Im Unterschied zu den Religionen in den Flusslandschaften um Euphrat, Tigris und Nil verehrten die Kanaaniter aber nicht die Himmelsgestirne, sondern die Natur in Form von Erde und Regen, den Lebensspendern. Entsprechend verehrten die Kanaaniter weibliche Gottheiten als Verkörperung der Fruchtbarkeit. Zwar gab es auch den männlichen Gott, aber er war funktional immer der Göttin untergeordnet.

Erst nach dem Babylonischen Exil wandelte sich die Religion zu einem Monotheismus. Es ist anzunehmen, dass es eine Art „Kanonisierung“ und Umwandlung der vorherigen Religionen gab, damit daraus der Jahwe-Monotheismus entstehen konnte.[8] Die kanaanäische Religion musste nun als negative Abgrenzung zur neuen Religion herhalten. Ebenfalls in Abgrenzung dazu wurde das zyklische Zeitmodell von einer linearen Geschichtsvorstellung abgelöst.

Heide Göttner-Abendroth geht davon aus, dass die schon erwähnte sumerische Göttin Iahu von den eindringenden patriarchalen semitischen Stämmen usurpiert und in den männlichen Gott Jahwe umgewandelt wurde, einschließlich der Taubengestalt, die sich vom Ur-Symbol des matriarchalen Eros in den asketischen Heiligen Geist der patriarchalen jüdischen Religion verwandelte.[9]

Jahwe machte in dieser Übergangszeit viele Wandlungen durch und adaptierte zwischenzeitlich Eigenschaften der anderen Götter, um mit ihnen konkurrieren zu können. Ähnlich den vor-semitischen Heroen bekämpfte Jahwe auch ein Seeungeheuer mit dem Namen Rahab (Hiob 26,12, Ps 89,11, Jes 51,9) oder erschien wie der Atmosphäregott des Alten Orients in Gewittern, sintflutartigen Regenrallen und Feuersäulen. Die Tempel der Göttin Anat (= Iahu) sollen in dieser Zeit in Jerusalem und Mizpeh friedliche neben denen Jahwes gestanden haben.[10]

Erst in der nachexilischen Zeit verdammten die Propheten diese „Sodomiterei“ und begannen, die matriarchalen Kulte scharf zu bekämpfen. Im Zuge dieses Kampfes wurde Jahwe zu einem abstrakten Gott „gereinigt“, während die Frau an sich „unrein“ wurde. Zwar berichtet die Bibel im Alten Testament durchaus von diesen Ereignissen, aber die Redakteure haben die Geschehnisse in ihrem Sinne verarbeitet und sich nicht um eine neutrale Darstellung bemüht.[11]

Die Entstehung des Pentateuchs

Um die Genesis und damit die biblische Schöpfungsgeschichte des Menschen vor ihrem relevanten historischen Hintergrund betrachten zu können, bedarf es eines Blickes auf die Entstehung des Pentateuchs, also der fünf Bücher Mose, die das Kernstück des Alten Testaments bilden. Hier ist natürlich insbesondere das erste Buch Mose relevant - die Genesis.

Die religionswissenschaftliche Forschung ist sich über die Urheberschaft des Pentateuchs uneins. Nach überwiegender Meinung[12] wurden die meisten Teile des Alten Testaments zunächst mündlich tradiert und erst später von verschiedenen Autoren aufgeschrieben. Diese Auffassung ist allerdings nicht unumstritten. Selbst eine Urheberschaft von Mose selbst -ergänzt um einen Appendix zu seinem Tod - wird für möglich gehalten, besonders von eher fundamentalistischen Christen[13], die mit hohem Aufwand versuchen zu beweisen, dass selbst die archäologischen Funde, also mithin die Wissenschaft selbst, ihre Ansicht stützen und beweisen.

Nach vorherrschender wissenschaftlicher Meinung[14] bekam die Urschrift des Pentateuchs etwa im 5. oder spätestens im 4. Jahrhundert vor Christus seine heute bekannte Form. Dafür lassen sich historische Hinweise finden, die jedoch eine weitaus frühere Entstehung zumindest der zuvor mündlich tradierten Texte nicht ausschließen und auch nicht näher datieren können.[15] Sprachwissenschaftliche Forschungen weisen auf einen Entstehungszeitraum um 1000 v.Chr. oder gar bis zu 2000 v.Chr. hin, da ist man sich uneinig - auch weil von dieser Datierung abhinge, ob man den Pentateuch im Ursprung tatsächlich Mose zurechnen könnte. Nicht unwahrscheinlich klingt die sprachwissenschaftlich gestützte Vermutung, dass die biblische Religion in Form mündlicher Tradierung und anschließender schriftlicher Redaktion aus den vorher in der Entstehungsregion bekannten Religionen hervorgegangen ist. Dass es eine so einschneidende Veränderung hin zum Monotheismus gab. schreibt die Forschung vor allem den prägenden Ereignissen jener Zeit zu, nämlich dem babylonischen Exil, das die Wertigkeiten veränderte.[16] Auch die späteren Redaktionen werden solch einschneidenden Ereignissen zugeschrieben.[17]

Die Genesis

Die Menschwerdung im Alten Testament ist Bestandteil der Schöpfungsgeschichte, der Genesis. Die biblische Schöpfungsgeschichte weist viele Parallelen zu anderen, auch älteren Schöpfungsgeschichten auf. Hierin ist jedoch weder ein Hinweis darauf zu sehen, dass die Schöpfungsgeschichte der „Wahrheit" entsprechen muss, noch dass die Urheber der biblischen Schöpfungsgeschichte in ihrer schriftlichen Form bloß irgendwo „abgekupfert" haben. Vielmehr darf man den Autoren die gute Absicht unterstellen, „in ihren Konzeptionen der Urgeschichte Menschheitstraditionen aufzugreifen, die älter als Israel sind. Sie wollten, dass diese Traditionen in der Jahwegemeinde gehört und bedacht werden. (...) Ebenso soll zu Wort kommen, was die Traditionen der Völker überliefern: Erfahrungen und Einsichten, die alle Menschen miteinander machten und immer noch machen. Die Erzählungen der Urgeschichte sind also nicht primär Kunde über Ereignisse der Vergangenheit, sondern ein Wort, das die Gegenwart der Adressaten meint. Die Namen der Menschen, von denen die Urgeschichte erzählt, kennzeichnen auch keine historischen, sondern kollektive Gestalten, deren Strebungen und Schwächen allen Menschen gemeinsam sind. ,Urzeit’ meint nicht ‚vergangene Vergangenheit‘, sondern jenen Zeitengrund, der in aller geschichtlichen Zeit weiterwirkt.“[18]

Sicher bemerkenswert ist, dass der biblische Schöpfungsmythos den überwiegenden Teil des mythologischen Bombasts abgestreift hat, der den älteren Mythen noch zu eigen war. Es gibt keine Meerungeheuer mehr, die von den Göttern besiegt werden, damit sich aus ihrem Leib Himmel und Erde formen.[19]

Die biblische Schöpfung verfügt über eine erstaunliche Geradlinigkeit und eine ganz klare Aussage: Es gibt nur einen Schöpfer, 'elohím, den Ungeborenen, Unsterblichen, Allmächtigen.[20] Neben ihm gibt es keine anderen Götter. Auch die Gestirne sind keine Götter, sie sind nur Materie. Sie sind auch nicht die Ergebnisse eines Götterkampfes, sondern schlicht Ergebnisse des schöpferischen Willens des einen Gottes.

Die Schöpfung des Menschen: Eva kommt auf die Welt

Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnliche!

Sie sollen herrschen über die Vögel des Himmels und über das Vieh

Und über die ganze Erde und über alle kriechenden Tiere, die auf der Erde kriechen!

Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild,

nach dem Bild Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie.

Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen:

Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde und macht sie <euch> Untertan;

Und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels

Und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!

(1. Mose 1, 26-28, Rev. Elberfelder)

Als „Krone“ seiner Schöpfung kreiert Gott schließlich den Menschen. Dem biblischen Text zufolge schafft er ihn nach seinem Bild.[21] In den Mythen der Kulturen des babylonischen Raums gibt es für diese Formulierung keine Entsprechung, wohl aber in der Kultur Ägyptens, in welcher der Pharao als das lebende, auf Erden wandelnde Abbild des Gottes Re galt.[22]

Was aber in Ägypten nur für den Pharao galt, soll nach der Bibel für alle Menschen gelten – eine radikale Demokratisierung der Schöpfung. Hier wird deutlich, dass die alttestamentarische Religion eine „Religion von unten“ ist. eine Religion des Volkes, eine Religion der Machtlosen, nicht der Mächtigen. Die Entstehung der Religion in Situationen der Unterdrückung, die einen großen Zusammenhalt erfordern und keine trennende Hierarchisierung, scheint hier deutlich durch.

Auch tritt deutlich heraus, dass Mann und Frau gleichzeitig und als gleichwertig erschaffen wurden. Nur gemeinsam ergeben sie die „Schöpfung Mensch“.[23] Der griechische Philosoph Platon schreibt, früher einmal hätten Mann und Frau gemeinsam eine runde Gestalt gehabt, um ihrem göttlichen Schöpfer zu gleichen.[24] Das ist im Grunde ein sehr schönes Bild, denn in der Tat können Mann und Frau nur gemeinsam selbst so etwas wie eine Schöpfung vollbringen, nämlich sich vermehren und weitere Menschen schaffen.

Die jüdische Bibelexegese stellt bei der Betrachtung des hebräischen Bibeltextes fest, dass 'adám kollektiv für die Menschheit steht, es also verallgemeinernd heißen muss „Lasst uns Menschen machen“, wie in der revidierten Elberfelder Übersetzung. Der einzelne Mensch heißt hebräisch ben 'adam. Erst im darauf folgenden Vers wird ein verallgemeinernder Singular („Gott schuf den Menschen“) verwendet, hebräisch ha 'adam. Dagegen stehen im hebräischen Text sachár für männlich bzw. Mann und n 'qewá für weiblich bzw. Frau.[25]

Auch aus textanalytischer Sicht nimmt die Schaffung des Menschen in der Genesis eine besondere Stellung ein. Während die bisherige Schöpfung sehr linear nach den Muster „Gott spricht - und es geschieht“[26] ablief, hält Gott nun plötzlich inne in seinem wortschöpferischen Aktivismus und kündigt den nächsten Schritt explizit an: Lasst uns Menschen machen!

Die jüdischen Exegeten gehen überwiegend davon aus, dass mit „Lasst uns machen“ (hebr. na'asé) ein Pluralis majestatis gemeint ist, wie ihn auch später Könige und der jeweilige Papst verwendeten.[27]

Nun also erschafft Gott den Menschen, ha 'adam. Er wird als Mann und Frau geschaffen. Ließe man nur den Schöpfungsbericht aus 1. Mose 1, 26ff gelten, dann wären Mann und Frau gemeinsam als Menschen am sechsten Tag der Schöpfung gemacht worden, ohne Unterschied in der Zeit oder der Rangfolge.[28] Aber in 1. Mose 2, 21 taucht die leidige Geschichte mit der Rippe[29] auf, aus der die Frau schließlich, als der Mann schlief, geformt worden sein soll. Hier kommt es zu einer Abweichung des Schöpfungsberichts aus 1. Mose 1, denn die Frau wird später als der Mann erschaffen, noch dazu nicht wie der Mann aus der Erde, sondern aus einem vormaligen Bestandteil des Mannes. Da erscheint es kaum zufällig, dass sogleich in 1. Mose 2, 23 die Ehe als die einzige denkbare Daseinsform für Mann und Frau institutionalisiert wird. Anfänglich ist der Name der Frau „Männin“ (hebr. ischa), denn „vom Manne (hebr. isch) ist sie genommen“ (1. Mose 2, 23).

Überhaupt lässt die jahwistische Erzählung aus dem zweiten Kapitel des Ersten Buchs Mose erkennen, dass die Intention eine andere war als in der jüngeren Weltschöpfungserzählung des ersten Kapitels. Während im ersten Kapitel eine präzise, in sich geschlossene und klare Darstellung der gesamten Schöpfung im Vordergrund stand, will die Erzählung im zweiten Kapitel ins Detail der Menschwerdung gehen: Wie wurde der Mensch erschaffen? Wann bekam der Mann die Frau dazu und warum? Nicht weiter hinterfragt wird hier, ob der erste Mensch tatsächlich ein Mann war - das wird in einer patriarchal geprägten Gesellschaft vorausgesetzt:

[...]


[1] Vgl. 2 Tim 3,16: Alle Schrift ist von Gott eingegeben (...). Wörtlich übersetzt heißt das im Ursprung griechische und hier mit „von Gott eingegeben" übersetzte theopneustos „gottgehaucht“ (Rev. Elberfelder) Demnach ist jedes Wort der Heiligen Schrift inspiriert oder „von Gott gehaucht“. Ohne die Intelligenz, die Individualität, den literarischen Stil oder die persönlichen Gefühle der menschlichen Verfasser zu beeinträchtigen, leitete Gott demnach in übernatürlicher Weise das Niederschreiben der heiligen Schriften, so dass sie in vollkommener Genauigkeit seine Offenbarung an den Menschen wiedergeben.

[2] Vgl. Göttner-Abendroth, S. 82

[3] Vgl. Halbfas, S. 23ff

[4] Vgl. Halbfas, S. 44; Gradwohl, Bd. 2, S. 23

[5] Auffällig ist der unterschiedliche Sprachduktus des Enuma Elisch im Vergleich zur biblischen
Schöpfungsgeschichte. Auch wird in dem altbabylonischen Mythos die Schöpfung als ein Kampf dargestellt,
während der biblische Mythos die Schöpfung als Entstehung aus dem Wort und aus dem Handeln Gottes
begreift, das in einer sehr klaren, knappen und prägnanten Sprache dargestellt wird. Dagegen wirkt der Text des Enuma Elisch eher chaotisch, verschachtelt und chronologisch inkohärent.

[6] Vgl. Halbfas, S. 29f

[7] Vgl. Halbfas, S. 30

[8] Vgl. Halbfas, S. 31

[9] Vgl. Göttner-Abendroth, S. 82

[10] Vgl. Göttner-Abendroth, S. 83

[11] Vgl. Göttner-Abendroth, S. 83

[12] Vgl. z.B. Schmidt (2), S. 2f

[13] Nur als anschauliches Beispiel sei hier einmal ein Text von einer Internetseite
(http://homepages.compuserve.de/derkonkretemk/seite34.htm) zitiert: „Zusammen mit Tausenden
Naturwissenschaftlern und Theologen der ganzen Welt sind wir überzeugte Gegner dieses Anti-
Supranaturalismus (Ablehnung alles Übernatürlichen) und der Evolutionstheorie, und wir haben nicht das
geringste Bedürfnis, die traditionelle, auf die Bibel gestützte Schau über Genesis (1. Buch Mose) und den Rest
des Pentateuchs preiszugeben! (...)“

[14] Vgl. z.B. Schmidt (2), S. 5f

[15] Die Pentateuch-Forschung kann sich hier leider nur mit Hypothesen und Theorien behelfen, für die es jeweils Indizien in hinreichender Zahl gibt. Es gibt drei Basishypothesen: Die Grundschriftenhypothese (einigen
elementaren Grundschriften wurden später einzelne Teile zugefügt), die Quellenhypothese nach Zenger (es gibt mehrere urkundliche, also schriftliche Quellen des Gesamttextes, die später aus einer Not heraus redaktionell zusammengefasst wurden, in drei Stufen: 722 v.Chr., um 586 v.Chr. und eine Neukonstituierung gegen 450 v.Chr.) und die Erzählkranzhypothese, nach der einzelne Ursprungstexte mit eigenen Themen und
Hauptgestalten mündlich weitergegeben wurden, um schließlich in exilischer oder nachexilischer Zeit
redaktionell zusammengefasst zu werden.

Nach der Grundschriftenhypothese entstehen die 4-Quellen-Theorie nach J. Astruc (1753) und später J.G. Eichhorn (1779) und C.D. Ilgen (1798), später schließlich das Wellhausen-Modell (1876), das eine Quelle Q, eine Priesterschrift als verlorene älteste Schriftquelle vermutet. Vgl. die ausführlichen Zeittafeln bei Schmidt (2), S. 6ff.

[16] Vgl. Halbfas, S. 34ff

[17] Hubertus Halbfas schreibt dazu: „Erst nachdem das Königtum zusammengebrochen und der Tempel zerstört war, führte die im Babylonischen Exil lebende Volksgruppe die erfahrene Katastrophe auf die praktizierten
Götterkulte zurück und begann nun, die bisherige Geschichte unter diesem Gesichtspunkt neu zu deuten. Die
alten Traditionen Israels wurden unter die Beleuchtung und Beurteilung des sich nunmehr voll etablierenden
Monotheismus gerückt. Das führte auch zur Aufwertung der Bücher. Die Schriften bekamen eine tragende
Bedeutung für den Gottesdienst. Und damit begann eine neue Zeit in der Religionsgeschichte Israels“ (S. 36).

[18] Vgl. Halbfas, S. 41

[19] Im bereits zitierten Enuma Elisch besiegt der Gott Marduk das Meeresungeheuer Tiamat, um aus seinem Leib Himmel und Erde zu formen (vgl. Gradwohl, Bd. 2, S. 23). Wohl aber leitet sich das hebräische Wort t'hom, das in der Genesis den Meereswasserozean, das „Urmeer“ beschreibt, vom Meeresungeheuer Tiamat her, hat aber in der Bibel nur noch eine rein physikalische Bedeutungsebene (vgl. Gradwohl, Bd. 2, S. 24).

[20] 'elohim ist ein Plural, nämlich des Wortes 'el, „Macht, Kraft“ (vgl. Gradwohl, Bd. 2, S. 27).

[21] Das hebräische b'zalménu wird übersetzt mit „in unserem Bilde“, „in unserer Form“, alternativ „in unserem Ebenbilde“ oder – etwas freier – „in einer uns würdigen Hülle“ (vgl. Gradwohl, Bd. 2, S. 26). Weil aber Gott an
sich gestaltlos ist, bedeutet auch „in unserem Bilde“ nur eine geistige Ebenbildlichkeit.

[22] Vgl. Halbfas, S. 46

[23] Die feministische Theologin Gerda Weiler vertritt hier allerdings eine grundlegend andere Auffassung. Sie
sieht in dem ersten Schöpfungsbericht, den sie ohnehin für nicht zwingend älter als den zweiten hält, trotz allem einen patriarchal geprägten Text, denn die Menschen werden von einem männlichen Gott nicht aus der (sexuell motivierten) Schöpfungskraft der Liebe heraus geschaffen, sondern aus Erde gemacht. Die Darstellung, die Frau sei wie der Mann ein Geschöpf dieses männlichen Gottes, hält sie für einen unwesentlichen Fortschritt gegenüber der „Geburt aus der Rippe“. In beiden Fällen handele es sich um eine Verkehrung der matriarchalen Ursprünge der Schöpfungsgeschichte (vgl. Weiler, S. 144ff).

[24] Vgl. Halbfas, S. 47

[25] Vgl. Gradwohl, Bd. 2, S. 25f

[26] Der hebräische Text verwendet das Wort wajó`mer. Der jüdische Exeget Ibn Esra hält dieses Wort für die
Beschreibung einer Tätigkeit, die mit keiner Anstrengung verbunden ist. Gott spricht niemanden direkt an; das
ist lediglich eine Ausdrucksweise, um dem Rezipienten des Textes die Manifestation des göttlichen Willens zu
verdeutlichen (vgl. Gradwohl, Bd. 2, S. 28).

[27] Es gibt allerdings noch eine Fülle weiterer Interpretationen, etwa dass sich Gott mit der Erde selbst zur
Schöpfung des Menschen verabredet habe (R. Mose ben Nachman) oder dass er sich zuvor mit den Engeln,
seinen die Schöpfung ausführenden Helfern, ausführlich beraten habe (vgl. Gradwohl, Bd. 2, S. 33f).

[28] Genau genommen macht die Bibel nicht einmal eine Unterscheidung in Individuen: Der Mensch wird als ein
Wesen beiden Geschlechts geschaffen. Erst später unterscheidet sie Gott in Mann und Frau (vgl. Gradwohl, Bd.
2, S. 35).

[29] Für Rippe wird auch öfter Seite übersetzt. Das hebräische Wort zéla' lässt beide Möglichkeiten offen (vgl.Gradwohl, Bd. 2, S. 35).

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Frauenbilder aus vorbiblischer und biblischer Zeit
Untertitel
Eva, Lilith, Maria - zwischen Realität, Mythos und geschaffener Realität
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
61
Katalognummer
V157752
ISBN (eBook)
9783640706891
ISBN (Buch)
9783640707058
Dateigröße
730 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bibel, Eva, Lilith, Maria, Jesus, Gott, Genesis, Schöpfung, Mythos, Schöpfungsmythen, Pentateuch, Frauen, Rollenbilder, Exegese, Evangelium, Theologie, Religionswissenschaft, Religion
Arbeit zitieren
Holger Pinnow-Locnikar (Autor), 2004, Frauenbilder aus vorbiblischer und biblischer Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157752

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