"Holokaust" von G. Knopp und "Shoah" von C. Lanzmann - ein Vergleich

Die Rolle der Zeitzeugen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Zeitzeugen

Zeitzeugen in Holocaust-Dokumentationen vor „Shoah“

Claude Lanzmanns „Shoah“

Guido Knopps „Holokaust“

Symbole, Musik und Originalaufnahmen: Die Stilmittel

Zeitzeugen in „Shoah“ und „Holokaust“

Fazit: Die Quote ist wichtiger als die Qualität

Literaturverzeichnis

Einleitung

Kaum ein Deutscher hat Claude Lanzmanns „Shoah“ ganz gesehen. Über neun Stunden Interviews, in erster Linie mit Überlebenden, aber auch mit Zeugen und Tätern der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten, scheint für viele Zuschauer ein zu langatmiges und vielleicht auch ein zu tiefgehendes Unterfangen zu sein. Größeren Erfolg beim Publikum haben „schnellere“ Dokumentationen, so etwa Guido Knopps Sechsteiler „Holokaust“. Hier ist die Machart eine ganz andere: schnelle Schnitte, Musik, Tempo, ein ständiger Wechsel von Originalaufnahmen, einige nachgestellten Szenen und eben auch Zeitzeugen. Letztere haben zeitlich einen sehr großen Anteil in „Holokaust“. Doch werden sie ganz anders dargestellt als bei Lanzmann und haben eine andere Funktion.

Daher möchte ich im Folgenden „Shoah“ und „Holokaust“ vergleichen und dabei meinen Schwerpunkt auf die Rolle der Zeitzeugen legen.

Zuerst möchte ich darauf eingehen, was es zu beachten gilt, wenn man Zeitzeugen befragt oder ihnen zuhört. Denn auch, wenn hier Geschichte „hautnah“ vermittelt wird, heißt es noch lange nicht, dass man dabei die „reine geschichtliche Wahrheit“ zu hören bekommt. Die gibt es nicht: Geschichte ist immer multiperspektiv. Aber gerade bei Zeitzeugen spielen eben noch andere Faktoren eine Rolle. Erinnerung wird beeinträchtigt durch spätere Erlebnisse und Entwicklungen und manchmal will oder kann der Zeitzeuge auch nicht erzählen, woran er sich erinnert. Im Anschluss möchte ich kurz zwei Dokumentationen aus dem Deutschen Fernsehen vorstellen, in denen schon vor Lanzmann und Knopp Zeitzeugen auftraten: „Das Dritte Reich“ von 1961 und „Mendel Schainfelds zweite Reise nach Deutschland“ von 1972. Nach einer Vorstellung der Dokumentationen „Shoah“ und „Holokaust“ werde ich dann zunächst einmal die Unterschiede in jenen Teilen der beiden Dokumentationen beleuchten, in denen die Zeitzeugen nicht vorkommen: Symbole, Musik, Landschafts- bzw. Originalaufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Danach folgt im Hauptteil meine Beschäftigung mit der Darstellung der Zeitzeugen in den beiden Dokumentationen. Es geht hierbei nicht nur darum, was sie sagen, es geht ebenfalls darum, wie viel Zeit ihnen dazu gegeben wird, etwas zu sagen – oder auch nichts zu sagen –, wie in der Darstellung zwischen Opfern, Zeugen und Tätern unterschieden wird oder auch nicht. In meinem Fazit begebe ich mich auf die Suche nach den Ursachen, warum „Holokaust“ und „Shoah“ so unterschiedlich sind und die Zeitzeugen so unterschiedlich dargestellt werden.

Zeitzeugen

„Gerade durch die Betroffenheit, die sie beim Zuhören auszulösen vermag, bietet die mündliche Geschichte oft eine Gelegenheit, tragische Ereignisse anschaulich zu vermitteln, die sonst leicht dem vorherrschenden Hang, zu vergessen und zu verdrängen, zum Opfer fallen.“[1]

Zeitzeugen sind heutzutage aus Geschichtsdokumentationen nicht mehr wegzudenken. In Guido Knopps Produktionen nehmen sie einen sehr großen Raum ein und Claude Lanzmanns „Shoah“ zeigt – neben einigen Aufnahmen der Vernichtungslager und ihrer Umgebung zur Entstehungszeit des Films – ausschließlich Zeitzeugen. Doch wie andere Quellen auch, müssen in der Geschichtswissenschaft auch die Aussagen von Zeitzeugen kritisch geprüft werden.

Es gilt zu berücksichtigen, dass Zeitzeugen über unterschiedlich gute Reflexionsfähigkeit verfügen und auch über unterschiedlich gute Artikulationsfähigkeit.[2] Die reine Erinnerung gibt es nicht, spätere Erfahrungen und Einsichten mischen sich interpretierend ein.

Auch Gefühle durchsetzen die Aussagen. Speziell bei Zeitzeugen im Kontext Holocaust, die der „Täterseite“ zuzurechnen sind, sollte man auch bedenken, dass einige Zeitzeugen mehr verbergen als erzählen wollen.[3]

Wie verlässlich ist die Erinnerung des Menschen, speziell wenn es um Erlebnisse geht, die Jahrzehnte zurückliegen?

Waltraud Wende bezieht sich hierbei auf den Philosophen Hans Blumenberg: „Das Gedächtnis ist nicht in der Lage, Vergangenheit als solche zu bewahren. Das Gedächtnis arbeitet (re-)kontruktiv, Teilmengen der Vergangenheit werden betont und andere außer acht [sic] gelassen...“[4]

Ulrike Jureit beschreibt die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden als „Erfahrungssynthesen“, denen ein langwieriger Interpretationsprozess vorangegangen ist und die von zahlreichen Überlagerungen geprägt sind.[5]

Gerade wenn es um die Erinnerungen an ein so dramatischen Ereignis wie den Holocaust geht, ist besondere Vorsicht geboten. Opfer haben durch ihre schrecklichen Erlebnisse häufig Traumata erlitten, auch Täter oder Zeugen werden teilweise verdrängen wollen, was sie gesehen oder getan haben. Der Psychoanalytiker Dori Laub spricht beim Holocaust daher von einem „Ereignis ohne Zeugen.“[6] Ein schweres Trauma schließt eine Bewusstwerdung aus. Die menschlichen Aufzeichnungsmechanismen sind fehlerhaft oder außer Kraft gesetzt. Wenn man also kritisch an Zeitzeugenaussagen herangeht, können sie sehr wertvolle Ergänzungen zu anderen geschichtlichen Quellen sein und gerade über ein so erschütterndes Verbrechen wie den Holocaust kann man nicht nur mit „trockenen Fakten“ aufklären. Hans Dieter Grabe und Claude Lanzmann haben die Methode der „Oral History“ gewählt, um den Zuschauer mit den Grausamkeiten des Holocausts zu konfrontieren.

„Oral History ist eine geschichtswissenschaftliche Methode, mündliche Erinnerungsinterviews mit Beteiligten und Betroffenen historischer Prozesse durchzuführen...[,] um auf diese Weise retrospektive Informationen über mündliche Überlieferungen, vergangene Tatsachen, Ereignisse, Meinungen, Einstellungen, Werthaltungen oder Erfahrungen zu sammeln und auszuwerten.“[7]

Zeitzeugen in Holocaust-Dokumentationen vor „Shoah“

Zeitzeugen kamen in einer Dokumentation über den Nationalsozialismus im bundesdeutschen Fernsehen bereits im Jahr 1961 zu Wort. In der ARD-Produktion „Das Dritte Reich“ hatten diese jedoch noch eine andere Funktion: „Es oblag den (Zeit-)Zeugen in den frühen Fernsehsendungen, ähnlich wie den Zeugen vor Gericht, vor allem die präsentierten Fakten zu bestätigen.“[8] Der zeitliche Anteil der Zeitzeugen an den Sendungen war deutlich geringer, die Zeugen hier wurden in ihrer privaten Umgebung gefilmt, ihre Aussagen waren vorformuliert, teils lasen sie diese sogar ab. Sie antworteten auf Fragen des Interviewers Gerd Ruge. Die Möglichkeit, abzuschweifen oder Dinge zu erzählen, die nicht exakt die Fragestellung betrafen, bestand nicht. Der Interviewer war (wie in „Shoah“) öfters im Bild, bei der Fragestellung oder manchmal auch bei der Antwort des Interviewpartners. Die Täter wurden deutlich als solche gekennzeichnet. Jeder wurde vorgestellt, z.B. mit „Josef Klehr, verurteilt wegen Mordes in 475 Fällen“. Zehn Jahre später wurden die Zeitzeugen bei Hans Dieter Grabe ganz anders präsentiert.

Lanzmanns „Shoah“ ähnelt in vielerlei Hinsicht der 43-minütigen Dokumentation „Mendel Schainfelds zweite Reise nach Deutschland“, die Grabe 1972, zwei Jahre bevor Lanzmann seine Arbeit für „Shoah“ begann, für das ZDF drehte.

Mendel Schainfeld war ein polnischer Jude, der zwei Jahre im KZ Plaszow gefangen gehalten wurde, bis ihm die Flucht gelang. Nach zwei Jahren in einem deutschen Flüchtlingslager emigrierte er nach Norwegen. Da er durch die KZ-Haft schwere gesundheitliche Schäden erlitten hatte, reiste er im Jahr 1972 für eine ärztliche Untersuchung mit dem Zug von Norwegen nach Deutschland, um mit einem Attest eine höhere Rente beantragen zu können. Auf dieser Zugreise entstanden die Aufnahmen für Grabes Dokumentation. Der Großteil besteht aus der Erzählung Schainfelds über seine Zeit im Konzentrationslager. Es gibt relativ wenige Schnitte. Oft sieht und hört man Schainfeld, der sehr gut Deutsch spricht, minutenlang am Stück erzählen.

Manchmal hört man Grabe Fragen stellen. Gelegentlich sieht man Landschaftsaufnahmen – nicht wie in „Shoah“ die ehemaligen Konzentrationslager, sondern die vorbeiziehende, durch das Zugfenster aufgenommene Landschaft. Schainfeld ist sehr emotional. Wie später auch einige Holocaust-Überlebende in „Shoah“ durchlebt er alte Qualen durch die Erzählung erneut. Er beginnt zu weinen, da er sich schuldig fühlt, im KZ das Brot eines toten Mithäftlings gegessen zu haben. Das Zug-Motiv, dass aufgrund der Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager in „Shoah“, ebenso in „Holokaust“ und in vielen anderen Dokumentationen zum Symbol für die Massenvernichtung geworden ist, ist in „Mendel Schainfelds zweiter Reise nach Deutschland“ natürlich allgegenwärtig. Dass der ehemalige KZ-Häftling im Zug reist, schafft eine düstere Atmosphäre. So wie später auch bei Lanzmann gibt es in Grabes Dokumentation keine Musik. Man hört nur Schainfelds Stimme, manchmal die Fragen Grabes und die Zuggeräusche.

Die Dokumentation erzielte hohe Einschaltquoten und gute Kritiken.[9]

Claude Lanzmanns „Shoah“

Der Filmtitel stammt aus dem Hebräischen: Der Begriff „Shoah“ lässt sich mit den Worten Abgrund, Vernichtung, Katastrophe bzw. Untergang übersetzen.

Claude Lanzmann wurde am 27. November 1925 als Sohn jüdischer Eltern in Paris geboren. Als Mitglied der „Resistance“ kämpfte er gegen die Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten. Für sein bekanntestes Werk „Shoah“ reiste Lanzmann elf Jahre um die Welt, um Opfer, Zeugen und Täter des Holocausts zu befragen.

Die Produktionskosten für den Film betrugen 8,5 Millionen D-Mark. Das französische Kultusministerium sowie das französische Fernsehen und der WDR waren durch Vorabkäufe an der Finanzierung beteiligt.[10]

In 550 Minuten kommen 40 Personen zu Wort. Den größten Teil, nämlich 19 Personen, stellen die Opfer, Überlebende der Arbeits- und Sonderkommandos in den Konzentrations-und Vernichtungslagern und Überlebende des Warschauer Ghettos.

Der Gruppe der Zeugen gehören 13 Personen an. Hierbei handelt es sich in erster Linie um Dorfbewohner, die in Polen in der unmittelbaren Nähe der Vernichtungslager Treblinka, Chelmno und Sobibor lebten oder die Deportationen der jüdischen Bewohner in ihren Dörfern beobachtet haben.

Fünf Täter werden befragt, unter anderem Franz Suchomel, SS-Unterscharführer in Treblinka, und Franz Schalling, Mitglied der Schutzpolizei, abgestellt zur Bewachung der „Arbeitsjuden“ in Chelmno. Weitere Personen im Film, die nicht in die drei Kategorien passen, sind Alfred Spiess, Oberstaatsanwalt und Vertreter der Anklage in beiden Treblinka-Prozessen, Hanna Zaidl, die Tochter des Holocaust-Opfers Motke Zaidl, und Jan Karski, der der Welt von den Zuständen im Warschauer Ghetto berichtete.

Die Berichte der Personen machen den absoluten Großteil des Films aus, wobei der Hauptfokus auf den Aussagen der Opfer liegt. Zwischen den Erzählungen und Befragungen sind Bilder der Vernichtungslager und ihrer Umgebung zur Zeit der Entstehung des Films zu sehen. Die Personen werden meistens an ihren Wohnorten, teils in ihrer Wohnung, teils in der Stadt, befragt. Simon Srebnik fuhr für die Befragung durch Claude Lanzmann an den Ort seiner Gefangenschaft, das ehemalige Lager Chelmno, zurück. Die Zeitzeugen sprechen Englisch, Französisch, Polnisch, Jiddisch, Hebräisch und Deutsch. Lanzmanns Fragen sind zu hören.

Bei einigen Befragungen ist eine Übersetzerin dabei. In diesen Fällen hört man zuerst Lanzmann die Frage auf Französisch stellen und anschließend übersetzt die Dolmetscherin die Frage auf Hebräisch oder Polnisch. Der Befragte antwortet in seiner Muttersprache und sie übersetzt die Antwort wieder ins Französische. Hieran ist bereits zu sehen, dass sich der Film sehr viel Zeit nimmt.

[...]


[1] Pollak, 1988, S.18

[2] vgl. Ruttmann, 1988, S.54

[3] vgl. Grabe, 1988, S.223

[4] Blumenberg, zitiert nach Wende, 2002, S.112

[5] vgl. Keilbach, 2008, S.195

[6] vgl. Keilbach, 2008, S.155

[7] Geppert, 1994, S.313

[8] Keilbach, 2008, S.148

[9] vgl. Grabe, 1988, S.227

[10] vgl. Thiele, 2001, S.380

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"Holokaust" von G. Knopp und "Shoah" von C. Lanzmann - ein Vergleich
Untertitel
Die Rolle der Zeitzeugen
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Geschichte)
Veranstaltung
Die Medialisierung der Erinnerung
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V157858
ISBN (eBook)
9783640714414
ISBN (Buch)
9783640714520
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Holokaust, Knopp, Shoah, Lanzmann, Vergleich, Rolle, Zeitzeugen
Arbeit zitieren
Hajo Kiel (Autor), 2010, "Holokaust" von G. Knopp und "Shoah" von C. Lanzmann - ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157858

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