Sind Ciceros 'orator perfectus' und der vollkommene Staatsmann aus "De re publica" ein und dieselbe Person?


Seminararbeit, 2010

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1 Der orator perfectus
1.1 Eigenschaften
1.1.1 Grundlegende Voraussetzungen
1.1.2 Umfangreiche Universalbildung und rhetorische Ausbildung
1.1.3 Wesentliche Charakterzüge
1.2 Aufgaben

2 Der vollkommene Staatsmann
2.1 Eigenschaften
2.1.1 Grundlegende Voraussetzungen
2.1.2 Ein vir paene divinus
2.1.3 Wesentliche Charakterzüge
2.2 Aufgaben
2.2.1 Das glückliche Leben der Bürger
2.2.2 Sonstige Pflichten

3 Der orator perfectus und der rector civitatis im Vergleich

4 Verkörpert Cicero die Ideale vom Redner und Staatsmann?

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis:

Einleitung

Wer die Sprache beherrscht, der beherrscht die Menschen.

Es gibt nicht viele Grundsätze, die für einen Politiker solch große Bedeutung haben wie dieser, denn die Rhetorik ist nun einmal das wichtigste Werkzeug eines Staatsmannes. Doch trifft dies nicht nur in der heutigen Zeit zu, sondern war schon im Altertum, der Zeit der Demosthenes‘, Aristoteles‘ und Ciceros ein wichtiger Grundsatz. Und so ist es nicht verwunderlich, dass letzterer die Beredsamkeit zum zentralen Punkt seines Bildungsideals werden lässt, indem er ihr gleich mehrere Schriften widmet, deren bedeutsamste De oratore darstellt. In diesem Werk arbeitet Cicero den orator perfectus, den vollkommenen Redner heraus, der in seiner Konzeption auffallend stark an das Ideal des besten Staatsmannes aus De re publica erinnert.

Aufgabe dieser Schrift soll es deshalb sein zu untersuchen, inwiefern sich diese Ideale überschneiden oder unterscheiden, ob sie möglicherweise sogar eine und dieselbe Person sind und welchen Sinn eine Verbindung der beiden Ideale hätte.

1 Der orator perfectus

In der als Dialog konzipierten Schrift De oratore, welche uns als Hauptquelle für den orator perfectus dient, lässt Cicero seine Gesprächsteilnehmer zunächst zwei unterschiedliche Ideale vertreten. Während M. Antonius Orator den idealen Redner nur zu punktueller Bildung verpflichtet, die für seine Haupttätigkeiten, wie beispielsweise Gerichtsverhandlungen nötig ist, zeichnet L. Licinius Crassus einen Mann, der auf nahezu allen Gebieten tiefgehende Bildung besitzt und vor allem in Recht und Staatswesen verschlagen ist.

Dass sich Cicero selbst schließlich Crassus‘ Meinung ‚anschließt‘, wie er im Proömium des ersten Buches schreibt („ quod ego eruditissimorum hominum artibus eloquentiam contineri[1] ), bedeutet jedoch keinesfalls, dass die Darstellung des Antonius gänzlich verworfen werden muss, wie sich im Laufe dieser Arbeit noch zeigen wird.

1.1 Eigenschaften

Das Bild des vollkommenen Redners ist ein sehr komplexes. Zusammengesetzt aus gewissen Voraussetzungen (natura), die ein Redner sozusagen von Natur aus mitbringen muss, intensiver rhetorischer Ausbildung (ars) und vielen Sprachübungen (exercitatio), ist schon der Weg zum guten Redner nicht einfach. Unter Hinzunahme einer großen Universalbildung sowie einigen wichtigen Charakterzügen, stellt es letztendlich höchste Anforderungen an alle, die nach dem Ideal der Rhetorik streben.

1.1.1 Grundlegende Voraussetzungen

So kann schon grundsätzlich nur derjenige die Vollkommenheit erreichen, der von Natur aus gewisse Fähigkeiten mitbringt. Hierzu zählt als erstes das „ ingenium “, das Cicero als so wichtig erachtet, dass es „ ad dicendum vim adferre maximam[2]. Diese Veranlagung beinhaltet zunächst einen beweglichen und schnell arbeitenden Geist, der einen gewissen Scharfsinn („ acuti[3] ) und ein zuverlässiges und dauerhaftes Gedächtnis („ memoriam firmi atque diuturni[4] ) mit sich bringt. Dass dieses gute Gedächtnis für das Halten einer Rede unerlässlich ist, führt auch Antonius aus: „ soli qui memoria vigent, sciunt quid et quatenus et quo modo dicturi sint, quid responderint, quid supersit“[5]. Die Ideale des Crassus und des Antonius überschneiden sich an dieser Stelle, was wiederum zeigt, wie wichtig ein intakter Geist für den Redner ist.

Doch werden von beiden freilich noch weitere erforderliche Voraussetzungen aufgezählt, wie etwa die stimmlichen Voraussetzungen. Werden sie im ersten Buch in Form von „ vocis sonus[6] beziehungsweise „ voce[7] nur kurz erwähnt, so verwendet Cicero im dritten Buch einen gesamten Paragraphen[8] auf Lage, Technik und Kräftigung der Stimme.

Für den angehenden Redner sind außerdem wichtig: Lockere Zunge (linguae solutio), eine gut ausgebildete Lunge (latera), körperliche Kraft (vires) sowie eine gewisse Form und Gestaltung des Gesichtes und Körpers (conformatio quaedam et figura totius oris et corporis).

Um den Inhalt der Rede möglichst interessant darstellen zu können, braucht es natürlich auch einen gewissen Humor, den der Redner ebenfalls von Natur aus mitbringen sollte: „ multum facetias in dicendo prodesse saepe et eas arte nullo modo posse tradi[9].

Dies trifft auf alle genannten Eigenschaften zu, sie können laut Cicero also nicht durch Üben erreicht werden. Freilich kann – und muss – man sich stets durch körperliche und geistige Übungen ‚in Form‘ halten, doch geeignet für die Tätigkeit des Redners ist letzlich nur, wer über die genannte körperliche und geistige Grundausstattung verfügt. Und so gibt es schließlich einige, die „ ita in eisdem rebus habiles, ita naturae mulieribus ornati “ sind, dass sie als „ non nati, sed ab aliquo deo ficti[10] erscheinen – eine bessere Voraussetzung kann es schließlich nicht geben.

1.1.2 Umfangreiche Universalbildung und rhetorische Ausbildung

Aufbauend auf den nötigen Voraussetzungen des obigen Kapitels, fordert Cicero eine äußerst umfassende Allgemeinbildung. Hierzu zählen etwa die Kunst und Lehre der Staatslenkung, das Lesen von Schriften über die edlen Künste sowie das Studium der Philosophie und der Dialektik, der alten Geschichte, der Natur des Menschen und des Rechts. Letzteres spielt in den Anforderungen, die Cicero an die Bildung des Redners stellt, eine besondere Rolle, und dies aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist die Kenntnis des bürgerlichen Rechts – die obendrein nicht schwer zu erwerben ist – für Verhandlungen auf dem Forum, Debatten im Senat oder Ansprachen bei Volksversammlungen natürlich von größter Wichtigkeit und stellt somit die theoretische Grundlage des Rednerberufs dar. Zum anderen ist sie eng mit diversen Wissenschaften verbunden, sie gewährt einen Einblick in die „ maiorum consuetudinem vitamque[11] und schließlich zeigt das Rechtswesen die gesamte Weisheit, die im römischen Staat steckt („ sapientia (…) in iure constituendo[12] ). Eng mit dem bürgerlichen Recht verbunden ist außerdem das öffentliche Recht, das der Redner, zusammen mit „monumenta rerum gestarum et vetustatis exempla[13] gut studiert haben muss.

Dieses Schema der tiefgehenden Allgemeinbildung begegnet uns schon im Orator, worin Cicero als Ziel des idealen Redners nennt, „ ut probet, ut delectet, ut flectat[14]. Dies geschieht allerdings nur, sofern der Redner sich an den zu behandelnden Gegenstand sowie an das Publikum anpasst, was wiederum das Beherrschen aller drei Arten der Rede („ tenuis orator[15], „ modicum et temperatum“[16], „ornatum copiosumque[17] ) voraussetzt. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Cicero „eine Art von enzyklopädischem Wissen“[18] fordert, das allein ihn befähigt, über alle Gegenstände zu sprechen, und ihn gleichzeitig als wahren Redner auszeichnet. Denn nur „ rerum enim copia verborum copiam gignit[19].

Um jene copia verborum allerdings gut ausdrücken zu können, ist natürlich eine exzellente rhetorische Ausbildung vonnöten. Cicero empfiehlt hierzu, neben dem Besuch von Rhetorikschulen in jungen Jahren, die Schriften bekannter Redner zu lesen, übersetzen und paraphrasieren. Für die Verbesserung der Motorik soll man Schauspieler studieren und nachzuahmen, bevor man seine ersten Gehversuche auf dem Forum unternimmt. Diese ersten Schritte in der Öffentlichkeit nehmen eine wichtige Funktion ein, denn durch sie macht man die ersten praktischen Erfahrungen, die durch keine Ausbildung ersetzt werden können. Eine wichtige Voraussetzung für die Gestaltung einer guten Rede ist außerdem das Ordnen der Gedanken („ partis expressisque sententiis[20] ), denn Gedanken und Worte sind Cicero zufolge untrennbar miteinander verbunden. Das Ziel eines guten Redners sollte schließlich sein, die rechten Worte zu finden, sowie präzise, deutlich und schmuckvoll zu reden. Denn nur durch den Schmuck der Rede können dem Publikum gegenüber Gedanken vergrößert werden, was die „summa (…) laus eloquentiae[21] darstellt.

Um allerdings die Zuneigung der Hörer zu gewinnen, sollte man, wie Antonius ausführt, „facilitatis, liberalitatis, mansuetudinis, pietatis (…) signa“[22] an den Tag legen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Redner diese Eigenschaften zwingend besitzen muss, es genügt hier der Eindruck von positiven Eigenschaften[23]. Für den Erfolg der Rede trifft dies mit Sicherheit zu, doch Cicero sieht hier eine Gefahr, wie er durch Crassus ausdrückt. Denn besitzt ein Mensch die Kraft der Beredsamkeit, jedoch keine Rechtschaffenheit und Klugheit, dann ist das, als gäbe man Wahnsinnigen gleichsam eine Waffe in die Hand[24]. Und nicht nur Cicero fürchtet dieses Bild wie kaum ein anderes, da es eine große Gefahr für die res publica darstellt. Damit sind wir bei einem weiteren wichtigen Aspekt des orator perfectus angelangt: den charakterlichen Anforderungen.

[...]


[1] CIC., de orat. I, 5.

[2] CIC., de orat. I, 113.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] CIC., de orat. II, 355.

[6] S. Anm. 2.

[7] CIC., de orat. I, 213.

[8] Vgl. CIC., de orat. III, 227.

[9] CIC., de orat. II, 227.

[10] CIC., de orat. I, 115.

[11] CIC., de orat. I, 193.

[12] CIC., de orat. I, 196.

[13] CIC., de orat. I, 201.

[14] CIC., orat. 69.

[15] CIC., orat. 81.

[16] CIC., orat. 98.

[17] CIC., orat. 91.

[18] Plasberg, O. (1926), 111.

[19] CIC., de orat. III, 125.

[20] CIC., de orat. III, 24.

[21] CIC., de orat. III, 104.

[22] CIC., de orat. II, 182.

[23] Vgl. Classen, C. J. (1993), 157.

[24] Vgl. CIC., de orat. III, 55.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Sind Ciceros 'orator perfectus' und der vollkommene Staatsmann aus "De re publica" ein und dieselbe Person?
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Klassische Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Literarische Gattungen als Medium politischer Reflexion – Ciceros Werk der 50er Jahre
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V157869
ISBN (eBook)
9783640713578
ISBN (Buch)
9783640713752
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sind, Ciceros, Staatsmann, Person
Arbeit zitieren
Michael Schmitt (Autor), 2010, Sind Ciceros 'orator perfectus' und der vollkommene Staatsmann aus "De re publica" ein und dieselbe Person?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157869

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