Der Religionsbegriff bei Moses Mendelssohn und Gotthold Ephraim Lessing


Seminararbeit, 2010

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Gotthold Ephraim Lessing
2.1. Kurzbiographie
2.2. Die Erziehung des Menschengeschlechts

3. Moses Mendelssohn
3.1. Kurzbiographie
3.2. Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum

4. Die Freundschaft zwischen Mendelssohn und Lessing

5. Schlussteil

6. Quellen
Primärquellen:
Sekundärquellen:

1. Einleitung

Die Zeit der Aufklärung, also das 18. Jahrhundert, ist die Zeit der Loslösung des Denkens von den festen Dogmen der Theologie. Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts“ und Moses Mendelssohns „Jerusalem…“ untermauern den Wunsch der Aufklärer die Philosophie und das geschichtliche Denken mehr von den theologischen Einflüssen zu befreien und damit den Weg zur rationalen Weltanschauung zu öffnen. Allein die Vernunft sollte Lotse der Erkenntnis sein und nicht mehr die hohlen Phrasen der theologischen Dogmen. Beide Männer stehen für die Forderung nach religiöser Toleranz und der Trennung von Kirche und Staat. Nach Lessings Auffassung passe Gott, wie ein guter Lehrmeister, seine Offenbarungen dem menschlichen Verstand an, so dass ein jeder sie verstehen kann aber ein „verständigerer Mensch“ auch durch diese nicht am höheren Erkennen gehindert werde. Dabei unterscheidet er die Religion der Kirche und die Theologie von der Religion Christi, welche für den Menschen sei. Mendelssohn, der obsavant lebende Jude, begreift dagegen die Religion als einen privaten Lebensbereich, welcher nichts mit Wertigkeit eines Bürgers und dessen Rechten zu tun habe dürfe. Vielmehr wohne einem jeden Menschen die Anlage zum „vernünftigen Erkennen“ allgemeingültiger Glaubenswahrheiten inne, welche ihm erlaube sich weiter zu entwickeln und die Tradition mit dem modernen Wissen zu verbinden. Mendelssohn hielt immer an dem Glauben an einen personalen Gott, an der Unsterblichkeit der Seele und an der Hoffnung auf einen gerechten Ausgleich im Jenseits fest.

Die beiden Schriften unterscheiden sich in ihrer erkenntnistheoretischen Position, denn wo Mendelssohn in „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“ seine Gewissheit über ewige Vernunftwahrheiten vertritt, postuliert Lessing den Gedanken an eine „Humanitätsreligion“ mit dem Endzweck der absoluten Toleranz seinen Mitmenschen gegenüber. Dieser Blickwinkel auf eine Entwicklungsgeschichte der geistigen Reifung ist es, welche „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ auch noch im 21. Jahrhundert bedeutend macht.

Beide Autoren richten ihre Werke an das aufgeklärte Bürgertum. Einem Leserkreis von dem sie hofften, dass er der Idee von dem Vernunftglauben folgen würde und welcher diesen Glauben von der institutionellen Religion unterscheiden könne.

2. Gotthold Ephraim Lessing

2.1. Kurzbiographie

Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22. Januar 1729 als Sohn eines Pfarrers in Kamenz geboren und studierte Theologie, Philosophie und Medizin in Leipzig und Wittenberg. Während seines Lebens wohnte und arbeitete er auch in Breslau, Hamburg, Berlin und Wolfenbüttel. Als Dramatiker und Kritiker war er einer der führenden Vertreter der Aufklärung innerhalb der deutschen Literatur, verbürgerlichte die deutsche Aufklärung, begründete die deutsche Nationalliteratur und war der erste freie Schriftsteller. Im November 1752 trifft er in Berlin unter anderen auf Moses Mendelssohn. Die Freundschaft beider bindet ihn an Berlin, wohin er immer wieder zurückkehrt. Ab 1759 veröffentlichte er zusammen mit Moses Mendelssohn und Christoph Friedrich Nicolai die Zeitschrift: „Briefe, die neueste Litteratur betreffend“.1[1] In der sie gemeinsam mit Thomas Abbt 337 Briefe verfassten. Diese zeichneten sich durch ihre polemische Schärfe aus. Darum mussten die vier Männer mehrfach zum Verhör vor die staatliche Zensurbehörde. Lessing starb am 15.02.1781 in Braunschweig.

2.2. Die Erziehung des Menschengeschlechts

Das religionsphilosophische Werk: „Die Erziehung des Menschengeschlechts", wird von der Lessingforschung als das religionsphilosophische Legat Lessings angesehen. Gotthold Ephraim Lessing setzte sich darin mit dem Konflikt zwischen Kirchendogma und religiösen Gefühlen seiner Zeit auseinander.

Der Kerngedanke der „Erziehung des Menschengeschlechts" ist, dass sich die Vernunft und die göttliche Offenbarung keineswegs ausschließen, sondern sich vielmehr ergänzen. Das Gott seine Offenbarung als Erziehungsmittel vorausschickt bis die menschliche Vernunft reift und den Wahrheitsgehalt der Offenbarung überholt hat und dann von Gott erneuert geoffenbart wird bis die Vollkommenheit der Menschen erreicht wird – „das Ewige Evangelium“-.

Lessing beginnt mit einem Zitat von Augustinus: „Haec omnia inde esse in quibusdam vera, unde in quibusdam falsa sunt“ – All dies ist aus denselben Gründen in gewisser Hinsicht wahr, aus denen es in gewisser Hinsicht falsch ist. Welches den Grundgedanken der gesamten Schrift widerspiegelt. Diesem folgt der „Vorbericht des Verfassers“, denn Lessing tritt zum Selbstschutz in seiner Schrift „Die Erziehung des Menschengeschlechts" nur als Herausgeber auf, nicht aber als Verfasser. Darin gibt Lessing an, dass er Teile der Schrift schon früher, ab 1776, in seinen Beiträgen veröffentlicht hätte und er nun in der Lage sei die Schrift komplett zu veröffentlichen.

Lessing vergleicht in „Die Erziehung…“ die Entwicklung der menschlichen Vernunft mit der Entwicklung der Vernunft beim einzelnen Menschen, wobei Gott als eine Art Erzieher der Menschheit erscheint. Diese "Erziehung" erfolgt in drei aufeinanderfolgenden Stufen, welche, so Helbig (auf S.48ff), die Lessingforschung einheitlich als drei Entwicklungsstufen erkannt hätte

- 1. Die jüdische Geschichte, welche als Zeichen der niedrigsten Entwicklungsstufe, durch ummittelbar spürbare Strafen und Belohnungen gekennzeichnet sei(§51-75).
- 2. Die Geschichte des Christentums (ebenfalls in § 51-75), in der Lohn und Bestrafung durch die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele ins Jenseits verlagert wird.
- 3. Die Vision eines Ewigen Evangeliums (§76- 100), in dem die menschliche Vernunft soweit entwickelt ist, dass die Menschen das Gute tun, weil es das Gute ist, so dass es zur Erziehung keine Belohnungen und Strafen mehr zu geben braucht. Also die Menschen die innere Freiheit haben sich selbst zu erziehen.

Lessings Prosawerk besteht aus einem Vorbericht und 100 einzelnen Paragraphen, welche aufeinander aufbauend, einen religionsgeschichtlichen Reifungsprozess der Menschheit beschreiben.

Die Paragraphen 1-5 erklären den Sinn der Erziehung. Lessing setzt dort die Erziehung des Einzelnen mit der Offenbarung gleich, welche dieselbe Aufgabe bei der Menschheit erfülle. Dies geschehe von Anbeginn der Menschheitsgeschichte und wird auch weiter geschehen (§2). Dieser Blickwinkel könnte in der Theologie viele Irrtümer beheben, so Lessing in §3. In dem sie die anderen und früheren Religionen auch als offenbart anerkennt. Und die Theologen die ethischmoralischen Diskrepanzen zwischen hebräischer und christlicher Bibel nicht zu stark bewehrten müssten, sondern diese, als damals notwendige begreifen könnten.

In Paragraph vier behauptet Lessing, dass die Erziehung dem Menschen nichts anderes gebe, als dass was er auch aus sich selbst heraus haben könnte, eben nur schneller und leichter. Daraus schließt er, dass die menschliche Vernunft auch ohne Gott später auf den Inhalt der Offenbarung gekommen wäre, denn der Mensch ist ja nach Gottesabbild erschaffen wurden, folglich wohnt ihm auch die göttliche Wahrheit von Anfang an inne. So wie Erziehung nicht alles auf einmal beibringen kann musste auch Gott bei Offenbarung ein gewisses Maß halten und konnte nicht alles auf einmal verkündigen (§5). Im 6. Paragraph schreibt Lessing: „Wenn auch der erste Mensch mit einem Begriffe von einem einigen Gotte sofort ausgestattet wurde, so konnte doch dieser mitgeteilte und nicht erworbene Begriff unmöglich lange in seiner Lautbarkeit bestehen. Sobald ihn die sich selbst überlassene Vernunft zu bearbeiten anfing, zerlegte sie den einzigen Unermesslichen in mehrere Ermessliche und gab jedem dieser Teile ein Merkzeichen.“ Da die unreife Geisteskraft des Menschen sich weder das Nichts noch die Vollkommenheit vorstellen kann, muss sie Begriffe greifbar machen um sie zu BEGREIFEN. So entstand, nach Lessing, die Vielgötterei bis Gott als die Zeit reif dafür war einen neuen Anstoß gab (§7). Da die Menschheit wuchs konnte sich Gott nicht mehr jedem Menschen selbst offenbaren, daher nahm er ein einzelnes Volk, dass ungeschliffenste und verwildertste zur Erziehung. Es musste dieses sein, da es noch am unreifsten war und Gott es noch am besten erziehen konnte. Da es noch zu keinen Aushöhlungen des Gottesnamen gekommen sein kann. Denn auch beim Menschen heißt es: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ (§8). Dies Volk waren damals die Israeliten, wobei unbekannt es uns und damals auch Lessing vollkommen unklar ist was diese für Gottesdienste in Ägypten hatten, da die hebräische Bibel nichts dazu aussagt. Vielleicht untersagten die Ägypter ihnen alle Götter um ihre Sklaven besser unterdrücken zu können, wie

es, so Lessing, auch die Christen mit den Sklaven aus den Überseegebieten täten (§10).

Gott stellte sich den Israeliten als Gott ihrer Väter vor, damit sie sich mit Gedanken des Rechtes auf einen eigenen Gott vertraut machen und sich mit ihm identifizieren konnten. Gott bewies seine Allmacht mit Exodus, in dem er sich als der, den ägyptischen Göttern Überlegene, darstellte. Für Lessing war daraus die logische Schlussfolgerung, dass das Volk Israels, gewöhnt an Gottes mächtige Wunder, die Wahrheit der Natur Gottes erkannten und monotheistisch wurden (§§11-13). In Paragraph vierzehn stellt Lessing dann die Frage, wie weit der Geist der israelitischen Menschen damals schon gereift war und die Begriffe einiger Gott und der Einige schon identisch waren. Und schließt im nächsten Paragraphen, dass sie nicht identisch gewesen sein können, da der Mangel im Erkennen des einen Gottes immer wieder dazu führte, dass das Volk Israel zum Götzendienst kam und das Gott sie dafür immer wieder strafte. Denn das Volk war noch in der Kindheit und brauchte zur Reifung noch stete Bestrafung und Belohnung als moralische Erziehung. In seiner Unreife erkannten die Israeliten die Transzendenz der Welt nach Lessings Meinung noch nicht, sondern für sie existierte nur das irdische Leben von Glück und Unglück, daher hielt Gott seine Offenbarung noch zurück (§§15-17). Eben wegen dieser Unreife hielt Lessing das Volk der Israeliten für prädestiniert um als Bundesvolk auserwählt zu werden um später selbst zum Erzieher der Menschen zu werden.

Im Paragraph neunzehn stellt Lessing die These auf, dass Gott durch den ständigen Ungehorsam seines Bundesvolkes zu einem drastischem Mittel griff um ihm zu beweisen wie gut sie es im Gelobten Land bei Gott hatten. Er lies sie in das babylonische Exil führen. Dort in der erneuten Knechtschaft erkannten sie, wie gut es Gott mit ihnen gemeint hat und blieben ihm danach treu.

Für Lessing ist auch klar, dass auch viele anderen Völker roh waren und auch blieben und das andere Völker die Juden in ihrer Entwicklung überholten, wie zum Beispiel die Griechen und Römer, aber Gott hielt immer zu seinem „Kind“, wie Eltern es eben tun. Er schreibt: „Wie aber diese glücklichern nichts gegen den Nutzen und die Notwendigkeit der Erziehung beweisen: so beweisen die wenigen heidnischen Völker, die selbst in der Erkenntnis Gottes vor dem erwähltem Volke noch bis itzt einen Vorsprung zu haben scheinen, nicht gegen die Offenbarung. Das Kind der Erziehung fängt mit langsamen aber sicheren Schritten an, es holt manches glücklicher organisierte Kind der Natur spät ein, aber es holt es doch ein, und ist alsdann nie wieder von ihm einzuholen.“ (§21).

Paragraph zweiundzwanzig beinhaltet eine Theologiekritik, in der Lessing der gängigen Theologie vorwirft, dass sie die hebräische Bibel herabsetzt und die Juden als „Verfälscher“ der Gottesbotschaft ansehen. Er schreibt: „Auf gleiche Weise. Daß, - die Lehre von der Einheit Gottes beiseite gesetzt, welche in den Büchern des Alten Testaments sich findet, - dass, sage ich, wenigstens die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, und die damit verbundene Lehre von Strafe und Belohnung in einem künftigen Leben, darin völlig fremd sind: beweiset ebenso wenig wider den göttlichen Ursprung dieser Bücher…. Stünde es darum Gott minder frei,…, sich der zeitlichen Schicksale irgendeines Volkes, …, unmittelbar anzunehmen?...“. Vielmehr schreibt er darin, dass die hebräische Bibel eben ein Spiegel der damaligen kindlichen Welt war und deswegen nicht minder wahr sei, denn sie erzählt auch von Gott und ist auch ohne jenseitige Lebensvorstellungen von Gott gesandt. Zur Deutlichmachung dieses Faktes schreibt er in Paragraph sechsundzwanzig: „… Ein Elementarbuch für Kinder darf gar wohl dieses oder jenes wichtige Stück,…, übergehen, von dem der Pädagoge ausgeht, dass es die Fähigkeit

der Kinder,…, übersteigt. Aber er darf schlechterdings nichts enthalten, was den Kindern den Weg zu den zurückgehaltenen,…, verlege. Vielmehr müssen ihnen alle Zugänge,…, offengehalten werden…., sonnst würde es aus dem Unvollständigem Elementarbuch ein,…, ein Fehler werden.“ . Er will mit diesem Beispiel verdeutlichen, dass nicht alles sofort vermittelt werden kann, da es sonst den Menschen im Lernen überfordert. Da aber die Offenbarung Gottes nicht fehlerhaft sein kann, sind die vollen Anlagen der Wahrheit auch schon in der Hebräischen Bibel gesät aber noch verborgen. Es folgen in den nächsten Paragraphen weitere Ausbreitungen dieser These und gipfeln in Paragraph 29 im Beweis der Diesseitsbezogenheit der hebräischen Bibel mit dem Beispiel Hiobs. Der von Gott und Satan auf Echtheit seiner Frömmigkeit getestet und dabei mit Verlust, Armut, Schmerz und Krankheit gepeinigt wird. Dabei wird Hiob von seinem Umfeld als Sünder defamiert, denn einem Frommen bestraft Gott nicht so. Hiob besteht die Prüfung und wird zigfach belohnt. Diese Erzählungen beweisen für Lessing, dass die Menschen damals an ummittelbar spürbare Strafen und Belohnungen Gottes glaubten und nicht an ein Leben nach dem Tode und ein jüngstes Gericht, in dem Gott strafe und belohne.

[...]


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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Religionsbegriff bei Moses Mendelssohn und Gotthold Ephraim Lessing
Hochschule
Universität Potsdam  (Religionswissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V158779
ISBN (eBook)
9783640717897
ISBN (Buch)
9783640717934
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Religionsphilosophie
Schlagworte
Mendelssohn, Lessing, Jerusalem, Erziehung des Menschengeschlecht, Religionsphilosophie, Aufklärung
Arbeit zitieren
Yvonne Büchner (Autor), 2010, Der Religionsbegriff bei Moses Mendelssohn und Gotthold Ephraim Lessing, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158779

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