Der Tagebuchroman „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun wird speziell in die Bewegung der „Neuen Sachlichkeit“ eingeordnet. Diese Literaturrichtung kam im beginnenden 20. Jahrhundert in Deutschland auf und herrschte in den 1920er und 1930er Jahren vor, in der Zeit der Weimarer Republik nach dem Ersten Weltkrieg.
Gegenstand meiner Hausarbeit ist das kunstseidene Mädchen Doris, die Protagonistin des gleichnamigen Werkes. Der Lebensweg dieses sehr jungen Mädchens und deren Charakter machen es zu einer solch interessanten Figur, welche mich seit der ersten Zeile neugierig machte, die Person und deren Lebensumstände hintergründiger zu
betrachten. 1932, als „Das kunstseidene Mädchen“ veröffentlicht wird, steht die Machtübernahme durch Hitler bald bevor. Beschrieben wird im Roman „die innere Zeitgeschichte“ in der „Endphase der Weimarer Republik“, die durch die nationalsozialistische Herrschaft abgelöst wird.
Zunächst gebe ich einen kleinen Einblick in die als typisch geltenden Merkmale des Stils der Neuen Sachlichkeit, die Irmgard Keun in „Das kustseidene Mädchen“ verwendet. Im Folgenden werde ich versuchen, die Person Doris anhand ihrer Tagebuchaufzeichnung
zu charakterisieren und ihr Leben in der Zeit, die das Tagebuch umfasst, nachzuzeichnen. Dabei will ich ihre Lebenseinstellung zum Ausdruck bringen und damit verknüpft ihr Denken über die Rollenverteilung von Männern und Frauen anführen, gerade in Anbetracht der politischen und sozialen Umstände in der untergehenden
Weimarer Republik. Warum das Werk Irmgard Keuns von den Nationalsozialisten verboten wurde, möchte ich abschließend aufzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Welche typisch modernen / neusachlichen Elemente weist der Roman auf?
3. Doris
4. Die Bedeutung von „Mann“ und „Frau“ für Doris
4.1 Die „Neue Frau“
4.2 Das Verhältnis zwischen Doris und den verschiedenen Männern
5. Die Verbannung des „kunstseidenen Mädchens“
6. Fazit
7. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert den Roman „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun unter besonderer Berücksichtigung der Protagonistin Doris, ihrer Lebenseinstellungen sowie der gesellschaftlichen Rollenbilder von Mann und Frau in der Endphase der Weimarer Republik. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, inwiefern Doris den Anforderungen der „Neuen Frau“ gerecht wird und wie sie ihre soziale Identität im Spannungsfeld zwischen ökonomischer Not und dem Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg definiert.
- Merkmale der „Neuen Sachlichkeit“ im literarischen Stil des Romans
- Die Charakterisierung der Protagonistin Doris als ambivalente Figur
- Soziologische Analyse der Geschlechterrollen und Machtdynamiken
- Die ökonomische Abhängigkeit der Frau und die Rolle der Ehe
- Politische Hintergründe und das Verbot des Werkes durch die Nationalsozialisten
Auszug aus dem Buch
3. Doris
Die achtzehnjährige Doris aus dem Schoße einer „mittleren Stadt“ in Deutschland, Tochter eines arbeitslosen Vaters und einer Garderobenmitarbeiterin - vorlaut, kindlich, entschlossen, kunstseiden. Große Träume hat sie, will „ein Glanz werden“. Sie besteht auf einer Ähnlichkeit zu Colleen Moore, einem schauspielerischen Idol der 1920er Jahre. Überhaupt empfindet Doris ihr Leben als Film, sieht es in Bildern. Mit ihrem schwarzen dauergewellten Haar und ihrem „niedlichen Gesicht“ fällt sie vor allem älteren Männern auf, was sie sich gern zu nutzen macht.. Selbst ihrem Chef im Büro macht die Schreibkraft schöne Augen – natürlich mit der Aussicht auf einen baldigen Feierabend. Wirklich geliebt hat sie nur Hubert, ihren ersten Freund, ein Mann Ende Zwanzig, der sie für ein „anständiges“, gebildetes Mädchen verlassen hat – aus Gründen der Vernunft.
Sie strebt ein Leben an, das ihre Eltern ihr nicht vorleben, sie schämt sich gar für den Dialekt der Mutter und des Vaters, sie schämt sich auch für ihre alte gelbe Ledertasche, sie schämt sich sogar, das Wort „Schenkel“ niederzuschreiben, da es „unanständig klinge“. Modebewusst ist Doris. Die Garderobe sei wichtig für ein Mädchen, „das weit will und Ehrgeiz hat“. Ihre starke Betonung von Äußerlichkeiten scheint eine Art Rebellion gegen ihr Elternhaus, gegen ihre soziale Herkunft. Wie man sich im Leben über Wasser hält, das weiß sie. Und sie weiß es nicht. Selbstständig Geld verdienen ist kein Leichtes für Doris, nachdem ihr Chef ihr auf Grund der sexuellen Abweisung gekündigt hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird der thematische Rahmen der Hausarbeit gesteckt, der das Werk Irmgard Keuns in die Epoche der Neuen Sachlichkeit einordnet und die Zielsetzung der Charakteranalyse von Doris erläutert.
2. Welche typisch modernen / neusachlichen Elemente weist der Roman auf?: Dieses Kapitel untersucht die erzähltechnischen Neuerungen wie Montagetechnik und Stream-of-Consciousness, die das filmische Erzählen im Roman prägen.
3. Doris: Eine detaillierte Charakterisierung der Protagonistin, die ihre Träume, ihre soziale Herkunft und ihren Überlebenskampf in einer prekären Lebenssituation beleuchtet.
4. Die Bedeutung von „Mann“ und „Frau“ für Doris: Das Kapitel analysiert die komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen der Hauptfigur und kontrastiert ihre moderne Lebensweise mit traditionellen Werten.
4.1 Die „Neue Frau“: Untersuchung des Emanzipationsbegriffs der 1920er Jahre im Vergleich zum tatsächlichen Lebensentwurf der Doris.
4.2 Das Verhältnis zwischen Doris und den verschiedenen Männern: Eine Betrachtung der männlichen Bezugspersonen, angefangen beim Vater bis hin zu ihren wechselnden Liebhabern.
5. Die Verbannung des „kunstseidenen Mädchens“: Ein Abriss der literaturpolitischen Situation nach 1933 und der Gründe für die nationalsozialistische Zensur des Romans.
6. Fazit: Eine Zusammenfassung der Analyseergebnisse, die Doris’ Entwicklung reflektiert und die Offenheit des Romanendes hervorhebt.
7. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen, Neue Sachlichkeit, Weimarer Republik, Doris, Neue Frau, Geschlechterrollen, Emanzipation, Großstadt, soziale Herkunft, Tagebuchroman, Literaturwissenschaft, Moderne, Prostitution, Identitätssuche
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Roman „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun und untersucht schwerpunktmäßig die Protagonistin Doris sowie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der späten Weimarer Republik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die literarische Einordnung in die Neue Sachlichkeit, die Rollenfindung der „Neuen Frau“, die wirtschaftliche Abhängigkeit von Männern und der historische Kontext des NS-Regimes.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es, Doris' Persönlichkeit anhand ihrer Tagebuchaufzeichnungen zu charakterisieren, ihre Lebenseinstellung zu analysieren und aufzuzeigen, wie sie sich in der damaligen sozialen Hierarchie positioniert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine werkbiografische und literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des Romans durch Sekundärliteratur zur historischen und soziologischen Einordnung ergänzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung ästhetischer Stilmittel (Filmtechnik), eine Charakterstudie von Doris, die Analyse der Geschlechterverhältnisse sowie die Auseinandersetzung mit den politischen Hintergründen des Verbots.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Neue Sachlichkeit, die „Neue Frau“, soziale Mobilität, Emanzipation und der historisch-politische Umbruch in den 1930er Jahren.
Wie bewertet die Autorin die moralische Haltung von Doris?
Die Autorin stellt Doris als ambivalente Persönlichkeit dar, die einerseits moderne, emanzipierte Züge zeigt, andererseits aber stark in traditionellen Vorstellungen von Aufstieg durch Männer verhaftet bleibt.
Welche Bedeutung kommt dem Pelzmantel („der Feh“) zu?
Der Pelzmantel fungiert als zentrales Symbol für den Wunsch der Protagonistin nach gesellschaftlichem Aufstieg und materiellem Wohlstand, er ist für sie eine „Eintrittskarte“ in eine bessere Welt.
- Arbeit zitieren
- Annika Berressem (Autor:in), 2009, Doris - "Das kunstseidene Mädchen": Eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159303