Die vorliegende Master-Thesis widmet sich der Untersuchung der psychosozialen Bedürfnisse von trans und nicht-binären Jugendlichen in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung. Ziel war es, auf Basis qualitativer Daten praxisrelevante Erkenntnisse zur Verbesserung der klinischen Versorgung abzuleiten. Im Rahmen einer empirischen Studie wurden narrative Interviews mit acht trans und nicht-binären Jugendlichen mit (teilweise) klinischer Erfahrung geführt und mittels Narrationsanalyse ausgewertet. Die Ergebnisse verdeutlichen vielfältige Belastungsfaktoren wie Diskriminierung, mangelnde Akzeptanz und institutionelle Barrieren, gleichzeitig aber auch resiliente Bewältigungsstrategien und konkrete Versorgungsbedarfe. Die Arbeit zeigt, dass affirmatives Handeln, geschultes Fachpersonal und eine strukturelle Öffnung der Einrichtungen zentrale Faktoren für eine bedarfsgerechte Betreuung sind. Die Ergebnisse werden mit bestehenden theoretischen Modellen – insbesondere dem Minderheitenstressmodell und dem Geschlechtsidentitätsmodell – in Verbindung gesetzt. Auf dieser Grundlage werden praxisnahe Handlungsempfehlungen formuliert und Ansätze für zukünftige Forschung aufgezeigt.
2.1 Transidentität und Nicht-Binarität
2.2.1 Geschlechtsidentität und geschlechtliche Vielfalt
2.2.2 Historische Entwicklung und gesellschaftlicher Kontext
2.2.3 Entwicklung der Geschlechtsidentität in Kindheit und Jugend
2.2 Psychosoziale Aspekte und Bedürfnisse junger trans Menschen
2.2.1 Psychosoziale Entwicklung und Herausforderungen
2.2.2 Spezifische Bedürfnisse in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
2.3 Aktueller Forschungsstand zur Versorgungssituation
2.3.1 Kinder- und jugendpsychiatrische Begleitung trans Jugendlicher
2.3.2 Therapeutische Ansätze und Interventionen
2.3.3 Versorgungslücken und Entwicklungsaufgaben
2.4 Verdichtung der theoretischen Grundlagen und empirischen Ergebnisse
3. Qualitative Gesundheitsforschung
3.2 Forschungsdesign und -methode
3.2 Stichprobe und Rekrutierungsstrategie
3.3 Datenerhebung: Narrative Interviews
3.4 Datenauswertung: Narrationsanalyse
3.5 Exkurs: Ethik und Datenschutz
4. Ergebnisse
4.1 Deskriptive Darstellung der Interviewergebnisse
4.2 Zentrale Bedürfnisse und Herausforderungen
4.3 Spezifische Versorgungsbedarfe und -lücken
4.4 Vergleich mit dem aktuellen Forschungsstand
5. Diskussion
5.1 Interpretation der Ergebnisse
5.2 Praxisnahe Handlungsempfehlungen
5.3 Kritische Reflexion
6. Fazit und Ausblick
Literaturverzeichnis
Anlage 1: Datenschutzkonzept
Anlage 2: Datenschutz- und Einwilligungserklärung
Anlage 3: Unstrukturierter Interviewleitfaden
Anlage 4: Transkriptionsregeln
Anlage 5: Transkribiertes Interview 1
Anlage 6: Transkribiertes Interview 2
Abstract
Diese Masterarbeit untersucht die spezifischen Bedürfnisse trans und nicht-binärer Jugendlicher in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung und leitet praxisnahe Handlungsempfehlungen für Kliniken ab. Ziel ist es, psychosoziale Herausforderungen und Versorgungslücken dieser Zielgruppe zu identifizieren, um die klinische Praxis zu verbessern. Basierend auf narrativen Interviews mit acht Jugendlichen wurden mittels Narrationsanalyse zentrale Themen wie Minderheitenstress, Diskriminierung und unzureichende psychosoziale Unterstützung erfasst. Die Ergebnisse zeigen den Bedarf an sensibler, affirmativer Begleitung und decken Defizite wie fehlende Fachkenntnisse und Ressourcen auf. Es wird auf institutionelle Reformen hingewiesen, um diskriminierungsfreie und bedarfsgerechte Versorgung sicherzustellen. Abschließend bietet die Arbeit Handlungsempfehlungen für die Praxis, erweitert bestehende Theorien und gibt Impulse für zukünftige Forschung.
Schlagwörter:
Trans und nicht-binäre Jugendliche, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Narrative Interviews, Psychosoziale Bedürfnisse, Affirmative Therapie, Klinische Praxis
Abkürzungsverzeichnis
AWMF Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
bagkjpp Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärztinnen und -ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V.
bkj Bundesverband für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie e.V.
BVT* Bundesverband Trans* e.V.
CSH Cross-Sex-Hormon
DGfS Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung
DGKJP Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie Psychosomatik und Psychotherapie
DGSMTW Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft
dgti Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit e.V.
DSGVO Datenschutz-Grundverordnung
GD Geschlechtsdysphorie
GI Geschlechtsinkongruenz
IC Informed Consent/ Informierte Einwilligung
IQ Intelligenzquotient
KI Künstliche Intelligenz
KVT Kognitive Verhaltenstherapie
PB Pubertätsblocker
PED Pflege- und Erziehungsdienst
SBGG Selbstbestimmungsgesetz
SoC Standards of Care for the Health of Transgender and Gender Diverse People
SOC Sense of Coherence/ Kohärenzsinn
TSG Transsexuellengesetz
WHO World Health Organization/ Weltgesundheitsorganisation
WPATH World Professional Association of Transgender Health
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Minderheitenstressmodell nach Meyer (2003)
Abbildung 2: Zunahme der Transgenderidentitäten zwischen 2009 und 2016
Abbildung 3: Schematische Darstellung des qualitativen Forschungsprozesses
Abbildung 4: Convenience Sampling
Abbildung 5: Theoretisches Modell: Ein genderinklusiver Versorgungsansatz
„Die Menschen sind, wenn überhaupt etwas, dann von Geburt an ungleich.“
– Magnus Hirschfeld, 1868-1935
1. Einleitung
Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Geschlechtsidentität hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Während traditionelle Vorstellungen von Geschlecht oft binär und starr definiert waren, wird heute immer deutlicher, dass Geschlechtsidentität ein vielschichtiges und individuell geprägtes Konzept ist. Insbesondere Transidentität und Nicht-Binarität, d.h. Geschlechtsidentitäten, die von der bei Geburt zugewiesenen Geschlechtsrolle abweichen oder sich jenseits der klassischen Geschlechtskategorien bewegen, rücken dabei zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher und öffentlicher Diskussionen (Pauli, 2024, S. 11-13; Strittmatter & Holtmann, 2020).
Das obige Zitat des bekannten Sexualwissenschaftlers Hirschfeld, das auf die inhärente Vielfalt menschlicher Identitäten hinweist, unterstreicht die Notwendigkeit, individuelle Unterschiede in der Geschlechtsidentität nicht nur anzuerkennen, sondern in einer Gesellschaft, die sich zunehmend der geschlechtlichen Vielfalt bewusst wird, auch in der medizinischen und psychologischen Gesundheitsversorgung angemessen zu berücksichtigen (Günther, Teren & Wolf, 2021, S. 63-65). Diese Erkenntnis legt den Grundstein für das Verständnis von Geschlechtsidentität als komplexes Konzept und ist besonders relevant, wenn es um das Verständnis und die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen geht, die sich als transgender bzw. trans und/oder nicht-binär identifizieren (Günther, Teren, Bos, Müller-Rehberg & Reiner, 2023, S. 99-108).
In den letzten Jahren ist ein deutlicher Anstieg der Zahl von Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen, die sich mit einem anderen Geschlecht identifizieren als dem ihnen bei Geburt zugewiesenen. Dies stellt medizinisches und therapeutisches Fachpersonal vor die Herausforderung, ein ethisch und rechtlich angemessenes Vorgehen zu definieren (Brokmeier, Mucha, Romer & Föcker, 2022). Die Ursachen dieses Phänomens werden unterschiedlich interpretiert, wenngleich der gesellschaftliche Wandel hin zu größerer Akzeptanz von geschlechtlicher Vielfalt und besserer Verfügbarkeit von Informationen über Behandlungsmöglichkeiten eine wichtige Rolle spielen (Günther et al., 2023, S. 33-35, 2021, S. 65; Lemma, 2024, S. 13 ; Rauchfleisch, 2023; Wiesemann, 2020).
Die Entwicklung von Jugendlichen, die sich als trans oder nicht-binär identifizieren, ist komplex und mit erheblichen Herausforderungen verbunden: Neben den allgemeinen Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz müssen sie ihre Geschlechtsidentität ergründen und oft gegen gesellschaftliche Diskriminierung und Stigmatisierung ankämpfen. Eine EU-Umfrage verdeutlicht, dass Transpersonen in Deutschland Gewalt und Belästigung erfahren und sie ihre Identität in der Schule häufig verbergen mussten (European Union Agency for Fundamental Rights, 2024). Diese belastende Situation erfordert spezifische therapeutische Ansätze und eine Anpassung der Versorgung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie – nachfolgend Kinder- und Jugendpsychiatrie benannt (Günther, Teren & Wolf, 2021, S. 69-76). Trans Jugendliche benötigen spezifische Unterstützung, die sowohl ihre psychischen als auch sozialen Bedürfnisse berücksichtigt (Pauli, 2024, S. 210). Dabei kommt Kliniken und Praxen der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine zentrale Rolle zu, da sie oft eine der ersten Anlaufstellen für betroffene Jugendliche und ihre Familien darstellen, wenn es um Fragen der psychischen Gesundheit und geschlechtlichen Identität geht (Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung [DGfS], 2018; Fuchs, 2021; Pauli, 2024, S. 181-182; Romer & Lempp, 2022; Strittmatter & Holtmann, 2020; Wiech et al., 2020, Wiesemann, 2020).
Trotz des wachsenden Bewusstseins für die besonderen Belange von trans und nicht-binären Jugendlichen und einer steigenden Zahl von Fachpublikationen und Leitlinien bleibt die Umsetzung in der klinischen Praxis oft hinter den Anforderungen zurück und die Versorgungssituation vielerorts unzureichend (Strittmatter & Holtmann, 2020). Es fehlt an spezialisierten Angeboten und an einem tiefen Verständnis der einzigartigen Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind, was nicht selten zu einer kargen Versorgung oder sogar retraumatisierenden Erfahrungen führen kann (Holtmann, 2023).
Zunehmende Sichtbarkeit, wachsendes gesellschaftliches Bewusstsein für geschlechtliche Vielfalt sowie die steigende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die sich als trans oder nicht-binär identifizieren, machen das Thema der Transidentität und Nicht-Binarität in Kliniken der Kinder- und Jugendpsychiatrie besonders relevant. Diese stehen vor der Herausforderung, trans und nicht-binären Jugendlichen eine adäquate Unterstützung zu bieten, die sowohl ihre psychischen als auch ihre sozialen Bedürfnisse berücksichtigt. Studien (Kaufman, Baams & Dubas, 2017; Sterzing, Ratliff, Gartner, McGeough & Johnson, 2017) belegen, dass sie oft unter erheblichen psychischen Belastungen leiden, die durch gesellschaftliche Stigmatisierung und Diskriminierung oder Ablehnung ihrer Geschlechtsidentität hervorgerufen werden und sich häufig in Form von Angststörungen, Depressionen und einem erhöhten Suizidrisiko manifestieren (Burandt, 2024; Rauchfleisch, 2023). Angesichts dieser Herausforderungen wird die Frage, wie diese Jugendlichen in Kliniken adäquat unterstützt werden können, immer dringlicher.
Die Motivation für diese Arbeit entspringt aus der Erkenntnis, dass die bestehenden Versorgungssysteme in der Kinder- und Jugendpsychiatrie häufig nicht ausreichend auf die spezifischen Bedürfnisse von trans und nicht-binären Jugendlichen ausgerichtet sind. Ein weiteres Motiv für diese Arbeit birgt die berufliche Erfahrung der Autorin, die aktuell einen Arbeitskreis zur Implementierung von Gender Leitlinien als Mitarbeiterin in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik leitet. Diese Perspektive betont die Relevanz des Themas und bietet wertvolle Einblicke in die aktuellen Herausforderungen der klinischen Praxis.
Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, konkrete Maßnahmen und Ansätze zu identifizieren, die die Versorgung und Unterstützung von trans und nicht-binären Jugendlichen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie verbessern können. Trotz Neuausrichtung diagnostischer Grundlagen „werden die spezifischen Entwicklungsbedürfnisse von Jugendlichen sowie die häufig mit Geschlechtsinkongruenz gemeinsam auftretenden psychopathologischen Belastungen in dieser Altersgruppe nicht berücksichtigt.“ (Leonhardt, Fuchs & Sevecke, 2024, S. 748-749). Im Fokus steht daher die Analyse der spezifischen psychosozialen Bedürfnisse anhand von acht geführten narrativen Interviews mit trans und nicht-binären Jugendlichen, um bestehende Versorgungslücken aufzudecken und praxisorientierte Empfehlungen zu formulieren. Diese sollen nicht nur zur Verbesserung der klinischen Praxis beitragen, sondern auch der Sensibilisierung und Weiterbildung von Fachkräften dienen.
Die Arbeit wurde mithilfe einer umfassenden Literaturrecherche in einschlägigen Datenbanken wie z.B. PubMed erstellt. Grundlage für die wissenschaftliche Methodik bildete der Studienbrief Wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben der SRH Fernhochschule, Titel Nr. 1133-05, nach Klein (2021), während zur Organisation von wissenschaftlichen Quellen das Literaturverwaltungsprogramm Mendeley verwendet wurde. Zudem wurde auf Unterstützung durch Künstliche Intelligenz (KI) – ChatGBT – zurückgegriffen, um spezifische inhaltliche und strukturelle Aspekte zu erarbeiten und zu verfeinern.
Im folgenden zweiten Kapitel werden zunächst die relevanten theoretischen Grundlagen erarbeitet, gefolgt von der methodischen Herleitung der Untersuchung (Kapitel 3). Die Ergebnisse der narrativen Interviews werden in Kapitel 4 präsentiert und mit dem aktuellen Forschungsstand verglichen. In der Diskussion (Kapitel 5) erfolgt eine kritische Reflexion der Ergebnisse sowie die Ableitung praxisnaher Handlungsempfehlungen und Vorschläge für zukünftige Forschung. Die Arbeit schließt mit einem Fazit, das die wesentlichen Erkenntnisse zusammenfasst und einen Ausblick auf mögliche Weiterentwicklungen gibt.
2. Theoretische Rahmung
Die theoretische Rahmung dieser Arbeit bietet eine umfassende Einführung in zentrale Konzepte und Modelle, die für das Verständnis der psychosozialen und medizinischen Versorgung von trans und nicht-binären Jugendlichen relevant sind. Zunächst wird eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Transidentität und der Nicht-Binarität vorgenommen. Dabei werden zentrale Definitionen geklärt, die historische Entwicklung dieser Identitätsformen betrachtet und die Entstehung der Geschlechtsidentität in Kindheit und Jugend thematisiert. Im Anschluss daran werden die psychosozialen Aspekte und Bedürfnisse junger trans – im Kontext dieser Arbeit sind stets nicht-binäre Identitäten inkludiert – Menschen erörtert. Hierbei liegt der Fokus auf der psychosozialen Entwicklung und den spezifischen Herausforderungen, mit denen diese Gruppe im Jugendalter konfrontiert ist. Darüber hinaus wird die Rolle der Kinder- und Jugendpsychiatrie bei der Unterstützung und Begleitung dieser jungen Menschen betrachtet. Das Kapitel 2.3 stellt eine Analyse des aktuellen Forschungsstands zur Versorgungssituation von trans Jugendlichen dar. Zentrale Punkte sind die kinder- und jugendpsychiatrische Begleitung, therapeutische Ansätze und Interventionen sowie die bestehenden Versorgungslücken und Herausforderungen in der Praxis. Den Abschluss bildet die Verdichtung der theoretischen Grundlagen und empirischen Ergebnisse, indem theoretische Überlegungen mit den empirischen Befunden zusammengeführt werden, um die Problemstellung weiter zu präzisieren und die Fragestellung der vorliegenden Arbeit zu konkretisieren.
2.1 Transidentität und Nicht-Binarität
In der Auseinandersetzung mit den Begriffen Transidentität und Nicht-Binarität geht es um grundlegende Konzepte, die sowohl gesellschaftlich als auch medizinisch in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen haben. Transidentität beschreibt Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, während Nicht-Binarität als Überbegriff für Personen fungiert, die sich weder ausschließlich als männlich noch als weiblich definieren (Rauchfleisch, 2023). Diese Identitätsformen fordern das binäre Geschlechtermodell heraus und eröffnen neue Perspektiven auf die Vielfalt geschlechtlicher Ausdrucksformen (Pauli, 2024, S. 20-23).
Die Begriffe Transidentität und Nicht-Binarität werden oft im Zusammenhang mit medizinischen, psychologischen und rechtlichen Fragestellungen diskutiert. Besonders in der Fachliteratur (DGfS, 2018; Strittmatter & Holtmann, 2020) wird akzentuiert, dass diese Identitäten von tiefgreifenden psychosozialen Aspekten begleitet werden, die sowohl das individuelle Wohlbefinden als auch die gesellschaftliche Akzeptanz betreffen. Gerade in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben diese Identitätsformen eine hohe Relevanz, da der Prozess der Geschlechtsidentitätsfindung für junge Menschen oft von großen emotionalen und sozialen Herausforderungen geprägt ist.
Im weiteren Verlauf dieses Kapitels wird auf die verschiedenen Begriffsdefinitionen im Kontext von geschlechtlicher Identität, Transidentität und Nicht-Binarität eingegangen, wobei die in dieser Arbeit verwendeten transspezifischen Begriffe und Definitionen keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und dauerhaften Bestand erheben. Darauf folgt die historische Einordnung, die verdeutlicht, wie sich die gesellschaftliche Wahrnehmung und Anerkennung dieser Identitäten entwickelt hat. Zudem wird die Geschlechtsidentitätsentwicklung in Kindheit und Jugend vorgestellt und diskutiert, wobei sowohl biologische als auch psychosoziale Einflussfaktoren berücksichtigt werden.
Durch diese theoretische Rahmung wird eine fundierte Grundlage geschaffen, um die psychosozialen und gesundheitlichen Bedürfnisse junger trans und nicht-binärer Menschen besser zu verstehen. Die Verknüpfung dieser Erkenntnisse mit den aktuellen Versorgungslücken und den Herausforderungen in der klinischen Praxis bildet die Brücke zur weiteren Analyse in den folgenden Kapiteln dieser Arbeit.
2.2.1 Geschlechtsidentität und geschlechtliche Vielfalt
Das Geschlecht eines Menschen lässt sich in drei Ebenen unterteilen: Das biologische Geschlecht determiniert die Geschlechtsentwicklung mit der Befruchtung der Eizelle durch das Spermium (chromosomales Geschlecht), der Entwicklung der geschlechtsspezifischen Keimdrüsen (gonadales Geschlecht), der hormonabhängigen und hormonunabhängigen Entwicklung der äußeren und inneren Genitalien (genitales und endokrines Geschlecht) bis zur geschlechtsspezifischen Hirnentwicklung (cerebrales Geschlecht). Das soziale Geschlecht, bekannt als Zuweisungsgeschlecht, bildet die Grundlage für die Geschlechtsidentität und auch der Geschlechtsinkongruenz. Das subjektive Geschlecht bezieht sich auf das Bewusstsein über das Geschlecht (Rautenberg, 2022, S. 16-21) und steht im Fokus des weiteren Verlaufs dieser Arbeit.
Die Geschlechtsidentität bezeichnet das persönliche Empfinden und das individuelle Bewusstsein einer Person in Bezug auf ihr Geschlecht, d.h. die eigene Zuordnung als Frau, Mann, jenseits, in keine oder mehrere dieser Kategorien. Beides ist nicht objektiv messbar. Es handelt sich dabei um das tief empfundene innere Wissen, das eine Person über ihr eigenes Geschlecht hat, welches sich möglicherweise nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht deckt, d.h. nicht mit dem biologischen Geschlecht kongruent bzw. inkongruent ist (Günther et al., 2021, S. 21; Rautenberg, 2022, S. 20; Strittmatter & Holtmann, 2020). Geschlechtsidentität gilt als ein zentraler Bestandteil des Selbstverständnisses und der persönlichen Ich-Identität (Pauli, 2024, S. 12-15).
Transidentität beschreibt eine Geschlechtsidentität, die nicht oder nicht vollständig mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt (Pauli, 2024, S. 88). Trans Menschen können eine Transition in das Geschlecht anstreben, mit dem sie sich identifizieren, was sowohl soziale als auch medizinische Schritte umfassen kann. Der Begriff trans – im englischen und teilweise im deutschen Sprachraum inklusiv verwendet – oder auch trans* wird dabei als Oberbegriff für unterschiedliche Identitätskonzepte verwendet (Pauli, 2024, S. 88). In der vorliegenden Arbeit dient der Begriff trans – als Adjektiv und ohne Asterisk (*) verwendet – als Kurzform für diverse Beschreibungen der individuellen Geschlechtlichkeit. Trans (lateinisch: jenseits) schließt alle Selbstbeschreibungen ein und verdeutlicht die Vielfalt transgeschlechtlicher Selbstdefinitionen wie transgender, transident, transsexuell, sowohl binär als auch nicht-binär, agender, pangender, genderfluid, queer oder genderqueer (Bundesverband Trans* e.V. [BVT*], 2024; Pauli, 2024, S. 88; Szücs et al., 2021). Im Kontext ihrer selbstgewählten geschlechtlichen Zuordnung werden trans Personen als trans Frau oder trans Mann – bzw. als trans Mädchen oder trans Junge – oder als trans feminine, trans weibliche, trans maskuline, trans männliche oder als nicht-binäre Person angesprochen und beschrieben (Günther et al., 2023, S. 24, 2021, S. 20-21, Rauchfleisch, 2023, Rautenberg, 2022, S. 9-14).
Nicht-Binarität bezeichnet eine Geschlechtsidentität, die sich außerhalb des binären Systems von männlich und weiblich verortet. Nicht-binäre Menschen identifizieren sich weder ausschließlich als männlich noch als weiblich, möglicherweise als eine Kombination von beidem oder lehnen diese Kategorien komplett ab. Nicht-binäre Identitäten sind vielfältig und können fluid sein, was bedeutet, dass die Geschlechtsidentität sich im Laufe der Zeit verändern kann. Auch können sich trans Personen in ihrer Transidentität als nicht-binär definieren (Bos et al., 2022). Nicht-binäre Menschen erleben Pronomina wie sie oder er häufig als für sie unpassend, weshalb bevorzugt teilweise keine oder geschlechtsneutrale Pronomina wie aus dem Englischen they/them/their, ganz eigene oder die Ansprache mit dem Wunschnamen gewählt werden (Günther et al., 2023, S. 24, 2021, S. 20-21; Pauli, 2024, S. 87, Rautenberg, 2022, S. 9-16).
Cisgeschlechtlichkeit, kurz cis (lateinisch: diesseits) bezeichnet die Geschlechtsidentität von Menschen, bei denen das bei der Geburt zugewiesene biologische Geschlecht mit ihrer empfundenen Geschlechtsidentität größtenteils übereinstimmt. Eine Person ist cisgeschlechtlich, wenn sie sich mit dem Geschlecht identifiziert, das ihr bei der Geburt aufgrund körperlicher Merkmale zugewiesen wurde. Bspw. wird eine Person, die bei der Geburt als weiblich gelesen wurde und sich ihr ganzes Leben lang als Frau fühlt und identifiziert, als cisgeschlechtlich bezeichnet. Der Begriff steht im Gegensatz zu trans, ist wertfrei zu deuten und beschreibt alle Menschen, die nicht trans sind (Günther et al., 2023, S. 24, 2021, S. 22; Lemma, 2024, S. 11; Pauli, 2024, S. 19, S. 252).
Queere oder genderqueere Personen sind Menschen, die sich nicht vollständig mit den traditionellen, binären Vorstellungen von Geschlecht und/oder sexueller Orientierung identifizieren. Der Begriff queer (engl.: seltsam) wird oft als Sammelbegriff verwendet, der eine Vielzahl von Identitäten und Orientierungen umfasst, die von gesellschaftlichen Normen bezüglich Geschlecht und Sexualität abweichen. Dazu gehören Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, non-binär, genderfluid oder asexuell definieren sowie andere, die sich außerhalb der gängigen Kategorien verorten. Speziell genderqueer bezieht sich auf Personen, die sich nicht eindeutig als männlich oder weiblich identifizieren oder sich zwischen diesen Kategorien bewegen. Sie können sich als eine Mischung beider Geschlechter (pangender) empfinden, sich keinem Geschlecht (agender) zugehörig fühlen oder ihre Geschlechtsidentität auf eine andere Weise als fließend oder flexibel (fluide) verstehen (Günther et al., 2021, S. 21). Der Begriff queer war historisch betrachtet ein eher abwertender Ausdruck, wurde von der LGBTQIA+-Community positiv zurückerobert und mittlerweile als Ausdruck von Stolz, Vielfalt und Selbstbestimmung verwendet. LGBTQIA+ setzt sich aus Abkürzungen der Wörter aus dem englischen Sprachgebrauch Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual/Transgender, Queer, Intersexual und Asexual zusammen. Das „+“ steht für alle anderen sexuellen Orientierungen. Allerdings identifizieren sich nicht alle Menschen dieser Community mit dem Begriff queer, da seine Verwendung immer noch unterschiedlich wahrgenommen wird (Gössl, 2024; Jewell & Petty, 2024; Zach, 2024; Zobel, 2018).
Die Begrifflichkeiten rund um Geschlechtsidentität, Transidentität und Nicht-Binarität sind komplex und schwer eindeutig abzugrenzen, da sie stark von Selbstzuschreibungen und individuellen Erfahrungen abhängen (Günther et al., 2023, S. 29-33; Rautenberg, 2022, S. 9-10). Damit wird verdeutlicht, dass wissenschaftliche Definitionen in diesem Bereich der subjektiven Wahrnehmung der Menschen untergeordnet sind und immer in Abhängigkeit zur persönlichen Selbstdefinition stehen. Entscheidend und maßgeblich bleibt für den flexiblen Sprachgebrauch im Kontakt mit trans und nicht-binären Personen die jeweilige Selbstzuschreibung (Baltes-Löhr, 2024; Günther et al., 2021, S. 19).
2.2.2 Historische Entwicklung und gesellschaftlicher Kontext
Die Geschichte von geschlechtlicher Vielfalt reicht weit zurück und zeigt, dass Transidentität und Nicht-Binarität keine modernen Phänomene sind. Bereits in der Antike gab es in vielen Kulturen Geschlechterkategorien jenseits von Mann und Frau (Rautenberg, 2022, S. 12). In Gesellschaften wie denen in Indien, Mesopotamien sowie im antiken Griechenland und Rom wurden alternative Geschlechtsidentitäten anerkannt (Ruprecht & Meister, 2023). Ein bekanntes Beispiel sind die Hijras in Indien, eine Gruppe von Menschen, die als dritte Geschlechtskategorie eine lange Tradition haben, jedoch an den Rand der Gesellschaft verdrängt, diskriminiert und abgewertet wurden und werden, sodass in 2015 ein Gesetz zu ihrem Schutz verabschiedet wurde (Pauli, 2024, S. 169). Diese und andere Beispiele zeigen, dass der Umgang mit Geschlechtsidentität stark von den jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Normen geprägt war und nicht auf binäre Modelle beschränkt ist. Geschlechtliche Vielfalt wurde in diesen Kulturen häufig als natürlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens verstanden (Pauli, 2024, S. 175).
Die Begriffe Transidentität und Nicht-Binarität haben sich im Laufe der Zeit erheblich gewandelt und präsentieren sowohl gesellschaftliche als auch medizinische Fortschritte. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde Geschlechtsidentität nahezu ausschließlich durch ein binäres Modell von Männlichkeit und Weiblichkeit definiert. Personen, deren Geschlechtsidentität nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entsprach, galten oftmals als pathologisch oder abweichend von der Norm (Rautenberg, 2022, S. 17). Diese binäre Perspektive war stark von kulturellen, religiösen und rechtlichen Normen geprägt, die Diversität in der Geschlechtsidentität unterdrückten (Pauli, 2024, S. 33).
Ein Meilenstein in der modernen Erforschung und Anerkennung von Transidentität war die Arbeit Hirschfelds im frühen 20. Jahrhundert. Magnus Hirschfeld, ein deutscher Arzt, Sexualwissenschaftler, Sozialist, Jude, homosexuell, Mitbegründer der weltweit ersten Homosexuellen-Bewegung, gründete 1919 das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin und war einer der ersten, der den Begriff Transvestitismus prägte. Hirschfeld vertrat die Auffassung, dass Geschlechtsidentität vielfältiger sei als es das binäre Geschlechtersystem zulasse und trug wesentlich zur medizinischen und sozialen Anerkennung von Transidentität bei. Er betonte, dass Geschlechtsidentität unabhängig von biologischen Merkmalen ist und setzte sich für die Rechte von trans Menschen ein – dafür, dass Menschen in ihrem gefühlten Geschlecht anerkannt und respektiert werden (Hill, 1997, S. 6; Rauchfleisch, 2023). Trotz dieser Erkenntnisse und bedeutenden wissenschaftlichen Beiträge wurde sein Institut von den Nationalsozialisten zerstört und deshalb die frühe Forschung stark behindert (Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, 2024).
In den 1950er Jahren kam es mit der Veröffentlichung des Konzepts der Transsexualität durch den Sexualwissenschaftler Harry Benjamin zu einer ersten wissenschaftlichen Anerkennung der Thematik. Benjamin definierte Transsexualität als medizinische Diagnose für Personen, die einen tiefen Wunsch nach einem körperlichen Übergang zum anderen Geschlecht verspüren. Dies legte den Grundstein für die medizinische Betrachtung von Transidentität, die jedoch stark pathologisierend war und Menschen dazu zwang, sich in rigiden Geschlechtskategorien zu bewegen (Baltes-Löhr, 2018, S. 28; Hill, 1997, S. 18; Lehners, 2018, S. 45-46; Pauli, 2024, S. 177; Rautenberg, 2022, S. 14).
Einen weiteren Wendepunkt in der modernen Geschichte der trans und nicht-binären Bewegungen markierten die Stonewall-Aufstände 1969 in New York, mit ihrem Ursprung in der Bar namens Stonewall Inn in der Christopher Street. Diese Aufstände, angeführt von Mitgliedern der LGBTQIA+-Gemeinschaft, darunter auch trans Frauen wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, gelten als Auslöser der modernen Bürgerrechtsbewegung für LGBTQIA+-Personen. Sie schufen erstmals eine breite öffentliche Aufmerksamkeit für die Anliegen von trans und nicht-binären Menschen und förderten die Entstehung von Organisationen, die sich für ihre Rechte und die gesellschaftliche Akzeptanz einsetzen (Gössl, 2024, S. 16; Stryker, 2017).
In den 1970er Jahren begannen deutsche Sexualwissenschaftler*innen, die akzeptierende subjektive Geschlechtsidentität in Behandlungsansätze zu integrieren, wobei der Fokus nicht auf Korrektur oder Heilung lag, sondern auf der Begleitung von Betroffenen auf ihrem Weg zur Angleichung (Rautenberg, 2022, S. 14).
In Deutschland brachte das 1981 verabschiedete Transsexuellengesetz (TSG) – Gesetz über die Änderung der Vornamen und Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen – die ersten rechtlichen Regelungen für trans Personen. Es ermöglichte ihnen, ihren Vornamen und Geschlechtseintrag unter bestimmten Voraussetzungen ändern zu lassen (Rautenberg, 2022, S. 24). Diese Bedingungen waren jedoch restriktiv und beinhalteten psychologische Gutachten sowie oft irreversible medizinische Eingriffe (Pauli, 2024, S. 177-178). Das TSG geriet in den folgenden Jahrzehnten zunehmend in die Kritik, da es nicht den heutigen Standards von Selbstbestimmung und Menschenrechten entsprach (Rautenberg, 2022, S. 24-26; Vanagas & Vanagas, 2023, S. 174-188). Als Reaktion darauf wurde das TSG reformiert. Am 01.08.2024 trat endlich das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) mit Wirkung zum 01.11.2024 in Kraft. Dieses Gesetz vereinfacht die Änderung des Geschlechtseintrags erheblich, da nun keine psychologischen Gutachten oder medizinischen Maßnahmen mehr erforderlich sind. Personen können nun durch einfache Erklärung vor dem Standesamt ihren Geschlechtseintrag ändern lassen, was einen großen Fortschritt in der Anerkennung von Geschlechtsidentität bedeutet (BVT*, 2024; Korte & Tschuschke, 2023).
Ab den 1990er Jahren entwickelte sich im Zuge der Queer-Theorie (Jagose, 1996) ein stärkeres Bewusstsein für die Pluralität von Geschlechtsidentitäten. Die Queer-Theorie, mitbeeinflusst von der Philosophin Judith Butler, stellt das binäre Geschlechtersystem in Frage und argumentiert, dass Geschlecht eine soziale Konstruktion sei, die abhängig ist von kulturellen und historischen Kontexten (Butler, 1990). Diese theoretische Verschiebung arrangierte, nicht-binäre und geschlechtsfluide Identitäten anzuerkennen und erweiterte das Verständnis von Geschlecht über die traditionelle Dualität hinaus (Pauli, 2024, S. 177-180, S. 232-233; Rautenberg, 2022, S. 15; Stryker, 2017, S. 155-162).
Seit 2018 existiert die medizinische Leitlinie Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit, welche diagnostische und therapeutische Standards festlegt (DGfS, 2018). Ein weiterer Meilenstein war die Einführung der ICD-11, die 11. Version der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Geschlechtsinkongruenz (GI) als Teil der sexuellen Gesundheit einstuft und nicht länger als psychische Störung (Leonhardt, Fuchs & Sevecke, 2024; Rautenberg, 2022, S. 14).
Der medizinische Diskurs zu Transidentität hat sich in den letzten Jahren zunehmend auch auf die frühzeitige und sensible Begleitung trans und nicht-binärer Jugendlicher konzentriert. Eine noch unveröffentlichte S2k-Leitlinie zur Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter, unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP), zielt darauf ab, eine evidenzbasierte Grundlage für die psychologische und medizinische Betreuung junger trans Menschen zu schaffen. Diese hebt die Bedeutung einer individualisierten, ressourcenorientierten Behandlung hervor, um psychosoziale Bedürfnisse der Betroffenen zu adressieren (AWMF, 2023). Die bisherige Leitlinie, die auf obsoleten Begriffen wie Geschlechtsidentitätsstörung und Transsexualismus fußt, ist abgelaufen und bedarf einer Aktualisierung gemäß internationaler medizinischer Standards wie die ICD-11 und das DSM-5®, die 5. Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Falkai et al., 2018). Diese Klassifikationen haben einen Paradigmenwechsel hin zur Entstigmatisierung von trans Personen bewirkt, indem GI nicht mehr per se als psychische Erkrankung, sondern lediglich die damit verbundene Geschlechtsdysphorie (GD) als subjektives Leiden an einer GI als krankheitswertig gilt (Fuchs, 2021; Günther et al., 2023, S. 26; Pauli, 2024, S. 89). Aufgrund der besonderen Entwicklungsprozesse bei Kindern und Jugendlichen erfordert die Leitlinie einen separat geführten Diskurs, der sowohl die Erkenntnisse aus der Erwachsenenmedizin als auch die Besonderheiten der biologischen und psychologischen Reifung im Jugendalter bedenkt. Das interdisziplinäre Einverständnis zwischen den beteiligten Fachverbänden ist dabei essenziell (AWMF, 2023; Rautenberg, 2022, S. 14; Romer & Lempp, 2022).
2.2.3 Entwicklung der Geschlechtsidentität in Kindheit und Jugend
Die Entwicklung der Geschlechtsidentität in Kindheit und Jugend ist ein dynamischer und multidimensionaler Prozess, der sowohl von biologischen, psychologischen als auch sozialen und kulturellen Faktoren beeinflusst wird (Bos et al., 2022). Die Geschlechtsidentität beschreibt das innere Empfinden eines Individuums, einem bestimmten Geschlecht zuzugehören, und entwickelt sich im Laufe der individuellen Reifung bzw. im Laufe des Lebens. Dieser Prozess ist nicht starr und kann durch verschiedene dynamische Einflüsse variieren (Günther et al., 2021, S. 27). Bereits in den ersten Lebensjahren beginnt ein Bewusstsein für Geschlechterrollen, das in der Pubertät eine besonders prägende Phase durchläuft, wobei das subjektive Empfinden des eigenen Geschlechts oft mit dem biologisch zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, jedoch nicht zwingend (Haid-Stecher, Fuchs, Ortner & Sevecke, 2020). Besonders relevant wird dieser Prozess im Kontext von Transidentität, wenn die Geschlechtsidentität nicht mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. In der wissenschaftlichen Konfrontation werden die Entwicklung der Geschlechtsidentität und die Entstehung von Transidentität aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven beleuchtet (Günther et al., 2021, S. 29-41) – hier besonders medizinische sowie psychoanalytische Ansätze.
In der Medizin wird die Geschlechtsidentität primär als Ergebnis eines Zusammenspiels von genetischen, hormonellen und neurobiologischen Faktoren betrachtet – auch durch soziale und umweltbedingte Einflüsse moduliert. Bereits im pränatalen Entwicklungsstadium beeinflussen Hormone wie Testosteron und Östrogen die Gehirnstruktur, was nach medizinischen Annahmen später zur Genese der Geschlechtsidentität beitragen kann (Coleman et al., 2022; Nieder, 2012, S. 32-33, Rautenberg, 2023, S. 17-19).
In der frühkindlichen Entwicklung beginnt die geschlechtliche Selbstwahrnehmung im Alter von etwa zwei bis drei Jahren. Kinder fangen an, sich selbst einem bestimmten Geschlecht zuzuordnen und – erlernte – geschlechtsspezifische Verhaltensweisen zu zeigen. Diese Phase wird als prägend für das frühe Bewusstsein von Geschlechterrollen betrachtet, welche durch familiäre, kulturelle und soziale Interaktionen vermittelt werden, insbesondere durch Eltern, die durch Sprache und Verhalten gesellschaftlich etablierte Geschlechterrollen vermitteln (Bos et al., 2022). Mit Eintritt in die Pubertät intensivieren hormonelle Veränderungen – u.a. durch Anstieg von Testosteron und Östrogen – die körperliche Differenzierung in männliche und weibliche Merkmale und das Bewusstsein für die eigene Geschlechtsidentität. Dies führt zu einer stärkeren Auseinandersetzung und einem Abgleich zwischen biologischem Geschlecht und subjektivem Geschlechtserleben (Haid-Stecher et al., 2020; Pauli, 2024, S. 72-83, Rautenberg, S. 16-21).
Im Kontext von Transidentität zeigen medizinische Untersuchungen, dass Jugendliche, die eine GI – die Divergenz zwischen der selbstbestimmten Geschlechtsidentität und den körperlichen Geschlechtsmerkmalen – erfahren, oft schon in der frühen Kindheit ein starkes Bewusstsein für ihre geschlechtliche Differenz entwickeln. In den vergangenen Jahren hat sich seit Einführung der ICD-11 und DSM-5® das medizinische Verständnis dahingehend gewandelt, dass GI an sich nicht als psychische Störung betrachtet wird, sondern als ein Zustand, der erst dann als problematisch und behandlungsbedürftig betrachtet wird, wenn GD – das subjektive Leiden an dieser Diskrepanz – vorliegt (Romer & Lempp, 2022; Thompson, Sarovic, Wilson, Sämfjord & Gillberg, 2022).
Die psychoanalytische Perspektive betrachtet die Entwicklung der Geschlechtsidentität als Ergebnis komplexer psychodynamischer Prozesse, die tief in der frühen Kindheit verwurzelt sind. Die klassische Psychoanalyse, insbesondere die Werke von Freud, Lacan, Laplanche, Butler und Quindeau, bietet wichtige theoretische Ansätze, um die Entwicklung der Geschlechtsidentität und auch die Entstehung von Transidentität zu verstehen, die nachfolgend – stellvertretend – vorgestellt werden (Ermann, 2023).
Freud (Freud & Giampieri-Deutsch, 2020) stellte in seiner Theorie der psychosexuellen Entwicklung den Zusammenhang zwischen Geschlechtsidentität und den frühkindlichen Entwicklungsphasen in den Vordergrund. Hauptsächlich in der phallischen Phase, die etwa im Alter von drei bis sechs Jahren stattfindet, entwickelt das Kind ein Bewusstsein für Geschlecht und beginnt, sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil zu identifizieren. Diese Identifikation bildet den Kern der Geschlechtsidentität. Freuds Ödipuskomplex, bei dem das Kind eine emotionale Bindung an den gegengeschlechtlichen Elternteil und gleichzeitig eine Rivalität zum gleichgeschlechtlichen Elternteil entwickelt, beschreibt, wie die Auflösung dieses Komplexes durch die Internalisierung der elterlichen Geschlechtsrollen die spätere Geschlechtsidentität prägt. Er ging davon aus, dass Geschlechtsidentität eng mit der unbewussten Dynamik der Geschlechtsorgane und der damit verbundenen sexuellen Triebe zusammenhängt (Gödde, 2010; Stakelbeck, 2023).
Lacan (1986) erweiterte Freuds Konzept durch die Einführung des Spiegelstadiums, in dem das Kind – ca. im Alter von sechs Monaten bis zwei Jahren – beginnt, sich als eigenständiges Subjekt wahrzunehmen. Laut Lacan tritt das Kind durch diese Spiegelung in die symbolische Ordnung der Sprache und der gesellschaftlichen Normen ein. Geschlecht wird in diesem Prozess nicht nur durch biologische oder familiäre Gegebenheiten bestimmt, sondern auch durch sprachliche Konventionen und symbolische Strukturen, die das Kind internalisiert. Das Subjekt wird somit durch die gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlecht geprägt, was zur Herausbildung einer Geschlechtsidentität führt, die mit der symbolischen Ordnung übereinstimmen kann – oder in manchen Fällen, wie bei Transidentität, nicht (Heenen-Wolff, 2023; Stakelbeck, 2023).
Laplanche (Laplanche, Hock & Sauvant, 2017) legte den Fokus auf die Bedeutung des ursprünglichen Anderen in der Entwicklung der Geschlechtsidentität. In seiner Theorie der allgemeinen Verführung postuliert er, dass das Kind in den ersten Lebensjahren unbewusst von den sexuellen und geschlechtlichen Botschaften der erwachsenen Welt beeinflusst wird. Die Interaktionen zwischen Kind und Bezugspersonen sind daher für die Ausbildung der Geschlechtsidentität zentral. Die Erwachsenenwelt vermittelt dem Kind nicht nur explizite, sondern auch implizite Botschaften über Geschlecht, die es verarbeitet und in sein Selbstkonzept integriert. Diese Theorie eröffnet einen Raum für das Verständnis, wie die unbewussten Erwartungen der Eltern und der Gesellschaft zur Geschlechtsidentitätsentwicklung beitragen können (Lahl, 2024; Rugenstein, 2021, S. 24).
Butler (1990), eine zentrale Figur der Queer-Theorie, revolutionierte das Verständnis von Geschlechtsidentität durch ihr Konzept der Performativität. Sie kritisierte die Idee, dass es eine natürliche Geschlechtsidentität gibt, und betont, dass Geschlecht durch kulturelle und soziale Praktiken konstruiert wird und dass Geschlecht nicht eine feste Identität ist, sondern durch wiederholte soziale Handlungen hergestellt wird. In ihrer Theorie ist Geschlecht ein performativer Akt, der durch gesellschaftliche Normen und Erwartungen reguliert wird. Butlers Ansatz ermöglicht ein Verständnis von Geschlecht, das die Möglichkeit offen lässt, dass Geschlechtsidentitäten durch gesellschaftliche Strukturen zwar geformt, aber auch durch individuelle Handlungen und sozialer Performanzen transformiert werden können. Geschlecht ist somit keine innere Eigenschaft, wird durch performative Akte hervorgebracht, fortlaufend reproduziert und durch gesellschaftliche Normen stabilisiert. Dieser performative Ansatz ist besonders bedeutsam im Kontext von Transidentität, da er zeigt, wie geschlechtliche Identitäten durch das Überschreiten traditioneller Geschlechtergrenzen neu geschaffen werden können (Baltes-Löhr, 2018; Hill, 1997; O’Donnokoé & Langer, 2024; Richter, 2022, S. 79-83; Stryker, 2017).
Quindeau (2023) setzte sich kritisch mit traditionellen psychoanalytischen Konzepten auseinander und geht in ihrer feministischen Lesart der Psychoanalyse davon aus, dass Geschlecht nicht biologisch determiniert, sondern verhandelbar ist. Sie betont die Fluidität von Geschlechtsidentitäten und argumentiert, dass Geschlecht im Laufe des Lebens in verschiedenen sozialen und psychischen Kontexten immer wieder neu verhandelt wird (Ermann, 2023). In ihrer Sichtweise wird Geschlechtsidentität nicht als unveränderliche Essenz betrachtet, sondern als ein dynamischer Prozess, der durch kulturelle Diskurse und soziale Interaktionen geprägt wird. Diese Sichtweise bietet besonders im Hinblick auf Transidentität ein Verständnis dafür, wie sich Geschlechtsidentitäten in Kindheit und Jugend verändern und entwickeln können (Möller, Güldenring, Wiesemann & Romer, 2018; Nieder, 2012; Quindeau, 2023).
Die Entstehung von Transidentität in Kindheit und Jugend wird heute in der Forschung zunehmend untersucht, wobei nicht nur die biologischen, sondern auch psychosozialen Faktoren berücksichtigt werden. Studien (Becker, Gjergji-Lama, Romer & Möller, 2014; Stoller, 1968) zeigen, dass Kinder bereits in einem sehr frühen Alter, oft im Vorschulalter, ein Gefühl der GI verspüren. In diesen Fällen entwickelt sich die Geschlechtsidentität in einer Weise, die nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen biologischen Geschlecht übereinstimmt (Pauli, 2024; Rautenberg, 2023, S. 16-22; Stakelbeck, 2023).
Medizinische Forschung unterstreicht die Bedeutung einer frühzeitigen psychosozialen und medizinischen Begleitung von trans und nicht-binären Jugendlichen, um psychosoziale Belastungen zu mindern, die oft mit Transidentität einhergehen. Die S2k-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter betont die Notwendigkeit einer individuellen und ressourcenorientierten Behandlung, die den Bedürfnissen der Betroffenen gerecht wird (AWMF, 2023; Bos et al., 2022; Möller et al., 2018; Pierce, Mazziotta & Möller-Kallista, 2022).
Die psychoanalytische Perspektive bietet zusätzlich ein Verständnis dafür, wie unbewusste Prozesse, familiäre Dynamiken und kulturelle Einflüsse die Entwicklung von Transidentität beeinflussen können (Schröder, 2024). Diese Sichtweisen ermöglichen eine tiefere Einsicht in die inneren Konflikte und die psychische Dynamik, die mit der Herausbildung einer Transidentität einhergehen, und betonen die Notwendigkeit einer einfühlsamen und umfassenden psychotherapeutischen Begleitung in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen (Lemma, 2024, S. 25-41; Rauchfleisch, 2023).
Die Entwicklung der Geschlechtsidentität und Entstehung der Transidentität in Kindheit und Jugend sind vielschichtige, nie vollendete Prozesse, die durch biologische, soziale, kulturelle, inter- und intrapsychologische Faktoren geprägt werden (Korte & Tschuschke, 2023; Schigl, 2018, S. 34). Medizinische und psychoanalytische Theorien bieten unterschiedliche, jedoch komplementäre Ansätze, um diese Entwicklung zu verstehen. Während die Medizin die biologischen und neurobiologischen Grundlagen betont (Coleman et al., 2022), bieten psychoanalytische Theorien tiefe Einblicke in die psychodynamischen und symbolischen Prozesse, die die Herausbildung der Geschlechtsidentität prägen (Lemma, 2024, S. 26-32). Diese Perspektiven sind unerlässlich, um die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten zu verstehen und angemessene Unterstützungsangebote für Kinder und Jugendliche zu entwickeln, deren Geschlechtsidentität nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht. Im folgenden Kapitel wird daher der Fokus auf die psychosozialen Aspekte und spezifischen Bedürfnisse junger trans und nicht-binärer Menschen, die Herausforderungen der psychosozialen Entwicklung sowie spezifischen Anforderungen an die Betreuung und Unterstützung explizit in Kliniken der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie gelegt.
2.2 Psychosoziale Aspekte und Bedürfnisse junger trans Menschen
Wie einleitend beschrieben, ist die psychosoziale Entwicklung junger trans Menschen geprägt von Herausforderungen (Burandt, 2024), die sowohl die persönliche Identitätsfindung als auch den Umgang mit gesellschaftlichen Erwartungen, Vorurteilen und potenziellen Diskriminierungen betreffen (Heenen-Wolff, 2023, S. 26). Neben der inneren Konfliktbewältigung sind junge trans Menschen oftmals mit Unsicherheiten in ihrem sozialen Umfeld konfrontiert, sei es innerhalb der Familie, in der Schule oder im Freundeskreis. Hierbei spielen Akzeptanz und Zugehörigkeit im sozialen Umfeld eine zentrale Rolle (Büchler & Schmucki, 2015; Pauli, 2024, S. 181-187). Die psychosozialen Bedürfnisse dieser jungen Menschen sind vielfältig und reichen von emotionaler Unterstützung über die Förderung von Selbstbewusstsein bis hin zu spezifischen Betreuungsansätzen. In diesem Kapitel werden daher die psychosozialen Entwicklungsprozesse junger trans Menschen beleuchtet, um die vielfältigen Herausforderungen besser zu verstehen. Zudem wird auf die spezifischen Bedürfnisse eingegangen, die im Rahmen eines klinischen kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlungssettings besondere Berücksichtigung finden müssen, um eine ganzheitliche und unterstützende Versorgung sicherzustellen.
2.2.1 Psychosoziale Entwicklung und Herausforderungen
Die Forschung zeigt, dass trans und nichts-binäre Jugendliche häufiger Mobbing, Gewalt und Missbrauch im Vergleich zu cisgender Gleichaltrigen erleben (Friedman et al., 2011) und aufgrund von Minderheitenstress vermehrt psychische Gesundheitsprobleme haben (Pellicane & Ciesla, 2022). Eine Studie mit 94.804 Jugendlichen, darunter 0,7 % trans, ergab, dass trans Jugendliche höhere Raten an Angst, Depression, sozialem Rückzug, Suizid- und Selbstverletzungsrisiken aufwiesen als cis Jugendliche, dies jedoch nicht auf die Transgeschlechtlichkeit, sondern auf die Diskriminierungserfahrung zurückzuführen sei. Zudem berichteten sie häufiger von emotionalem Missbrauch und einer geringeren familiären Unterstützung (Burandt, 2024; Stewart, Van Dyke & Poss, 2023). Eine Metaanalyse zeigte auf, dass nicht-binäre Jugendliche eine deutlich schlechtere allgemeine psychische Gesundheit aufweisen als Transgender (d = 0,24, 95 % KI, 0,05–0,43, p = 0,013) und cisgeschlechtliche Jugendliche (d = 0,48, 95 % KI, 0,35–0,61, p < 0,001) (Klinger et al., 2024).
Ein prominentes Modell, das als Erklärung für diese Herausforderungen dient, ist das Minderheitenstressmodell, entwickelt von Meyer (2003), wie in Abbildung 1 illustriert.

Abbildung 1: Minderheitenstressmodell nach Meyer (2003)
Quelle: Eigene Darstellung
Das Modell – auch Minoritätenstressmodell – beschreibt die erhöhten Stressfaktoren, denen Minderheitengruppen ausgesetzt sind. Chronischer Stress kann zu einem erhöhten Risiko für psychische Belastungen wie Angststörungen oder Depressionen führen. Dies wird als distaler Stress beschrieben, Stress, der von äußeren Umständen herrührt. Hinzu kommt der proximale Stress, welcher durch individuelle Verarbeitung und innere Konflikte entsteht, wie z.B. die ständige Sorge um Ablehnung oder die Anpassung an gesellschaftliche Normen (Meyer, 2003). Das Modell bietet einen theoretischen Rahmen, um die psychosozialen Belastungen zu analysieren, mit denen trans Jugendliche konfrontiert sind. Es erlaubt die systematische Untersuchung von Diskriminierungserfahrungen, interner Stigmatisierung und sozialer Isolation, die als zentrale Faktoren für die Bedürfnisse dieser Zielgruppe identifiziert wurden (Läufer, 2024).
Das Geschlechtsidentitätsmodell nach Stoller (1968) ergänzt diese Perspektive, indem es die Bedeutung affirmativer therapeutischer Ansätze und die Berücksichtigung individueller geschlechtlicher Identitäten für die klinische Praxis hervorhebt. Die Anwendung dieses Modells unterstützt die Ableitung spezifischer Anforderungen, die an Kliniken gestellt werden müssen, um eine bedarfsgerechte Versorgung zu gewährleisten. Es unterscheidet zwischen sozialer Geschlechtsidentität (gender identity) und biologischem Geschlecht (sex), argumentiert, dass Geschlechtsidentität – das innere Empfinden, einem Geschlecht anzugehören – durch eine Kombination biologischer und psychosozialer Faktoren in der frühen Kindheit geprägt wird und danach weitgehend stabil bleibt.
Das Geschlechtsidentitätsmodell von Stoller bietet einen wichtigen Bezugspunkt für das Verständnis der psychosozialen Herausforderungen, denen trans Jugendliche heute gegenüberstehen. In der modernen Forschung wird deutlich, dass die frühe Prägung der Geschlechtsidentität, wie sie Stoller beschreibt, entscheidend für das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit von Jugendlichen ist. Trans Jugendliche erleben häufig eine Diskrepanz zwischen ihrer Geschlechtsidentität und den Erwartungen ihrer sozialen Umwelt, was zu erheblichen psychosozialen Belastungen führen kann (Ermann, 2023; Quindeau, 2023). Diese Jugendlichen sehen sich oft mit gesellschaftlicher Ablehnung, Diskriminierung und Mobbing konfrontiert, was ihre psychische Entwicklung negativ beeinflussen kann (Friedman et al., 2011). Studien zeigen, dass trans Jugendliche ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen und Suizidalität aufweisen, wenn sie keine unterstützende Umgebung erfahren (Pellicane & Ciesla, 2022). Stollers Modell, das die Bedeutung der psychosozialen Einflüsse auf die Geschlechtsidentität betont, verdeutlicht, wie wichtig es ist, trans Jugendliche in ihrem Umfeld zu unterstützen, um ihnen zu ermöglichen, ihre Geschlechtsidentität frei zu entwickeln (Stoller, 1968).
Neuere Geschlechtsidentitätsmodelle, die die Entwicklung der Geschlechtsidentität als einen dynamischen Prozess beschreiben, der von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren beeinflusst wird, konzentrieren sich auf die individuelle Entwicklung der Geschlechtsidentität. Dabei geht es um den Prozess, in dem trans Personen ihre innere Geschlechtswahrnehmung in Einklang mit ihrer sozialen Rolle bringen. In der Kindheit und Jugend ist dieser Prozess besonders herausfordernd, da der Druck, den gesellschaftlichen Geschlechtererwartungen zu entsprechen, in diesen Phasen besonders stark ist (Schigl, 2018, S. 33-34). Für trans Jugendliche stellt dies eine besondere Belastung dar, da sie häufig mit Ablehnung durch Gleichaltrige oder sogar durch die Familie konfrontiert sind. Diese Modelle helfen, die inneren und äußeren Konflikte zu verstehen, die junge trans Menschen durchleben, und bieten Ansätze zur Unterstützung, wie die Schaffung sicherer sozialer Räume und Förderung von Akzeptanz durch Bildung und Aufklärung (Butler, 1990; Hill, 1997; Money, 1994; Stoller, 1968).
Resilienz, die psychische Widerstandsfähigkeit (Bengel & Lyssenko, 2012, S. 24), spielt eine zentrale Rolle in der Bewältigung der genannten Herausforderungen. Sie fußt auf dem biopsychosozialen Modell von Engel, das seither das pathogene biomedizinische Modell durch die salutogene Definition von Gesundheit abzulösen versucht (Lippke & Renneberg, 2006, S. 9), die nach WHO (1946) als Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens mit dem Akzent auf die subjektive Perspektive erklärt wird (Rogge, 2020, S. 47-49). „Mit Resilienz bezeichnen wir die Fähigkeiten einer Person, in der Auseinandersetzung mit Belastungen persönlich zu wachsen und daraus gestärkt hervorzugehen.“ (Günther et al., 2021, S. 116).
Die Salutogenese, theoretisches Konzept zur Erklärung von Gesundheit, legt den Fokus auf Ressourcen und Bewältigung statt auf Krankheitsrisiken (Antonovsky, 1997). Es gilt für die Entwicklung von Resilienz – u.a. für trans Personen existentiell – als essenziell (Günther et al., 2021, S. 116-118). Es betrachtet Gesundheit als dynamischen Prozess auf einem Kontinuum zwischen Gesundheit und Krankheit, wobei eine Bewegung in Richtung der Gesundheit angestrebt wird. Dieser Prozess wird durch Stressbewältigung beeinflusst, wobei das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence, SOC) eine zentrale Rolle spielt. Der SOC beschreibt das Vertrauen, das Leben als verstehbar, handhabbar und bedeutsam wahrzunehmen, und bestimmt, wie gut die Menschen ihre Ressourcen zur Bewältigung von Stressoren, z.B. durch Coping, mobilisieren. Studien zeigen, dass der SOC langfristig eine starke Vorhersagekraft für psychische und physische Gesundheit hat, insbesondere für die psychische Gesundheit (Faltermaier, 2023, S. 171-197).
Modelle zur psychologischen Resilienz bieten Erklärungen dafür, wie trans Menschen trotz der negativen psychosozialen Faktoren erfolgreich mit Stress umgehen können. Solche Modelle betonen den Wert von unterstützenden Netzwerken, die positive Bewältigungsstrategien fördern, wie etwa das Aufbauen von starken zwischenmenschlichen Beziehungen und das Entwickeln eines stabilen Selbstwertgefühls. Die Resilienzforschung zeigt, dass ein höheres Maß an Akzeptanz in der Familie und im sozialen Umfeld die mentale Gesundheit von trans Jugendlichen signifikant verbessert und ihr Risiko für psychische Probleme reduziert, wie im Ergebnisteil dieser Arbeit noch deutlich wird (Garmezy, 1985; Garmezy & Masten, 1986; Masten & Barnes, 2018; Opp, Fingerle & Suess, 2024; Rutter, 1993; Werner, 2024; Werner & Smith, 1982).
2.2.2 Spezifische Bedürfnisse in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
Die Behandlung junger trans Menschen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfordert eine spezifische und individuelle Herangehensweise, die sowohl ihre psychische als auch ihre psychosoziale Entwicklung berücksichtigt. Indiz dafür, „dass es wahrscheinlich unterschiedliche Entwicklungen und/oder biologische Vorgänge gibt, die zu einer Transgender-Identifikation führen.“ (Lemma, 2024, S. 91). Trans Jugendliche stehen vor einzigartigen Herausforderungen, die oft mit der Diskrepanz zwischen ihrer empfundenen Geschlechtsidentität und den gesellschaftlichen Normen einhergehen. Diese Diskrepanz kann psychosoziale Belastungen verursachen (Pauli, 2024, S. 29), die eine differenzierte diagnostische und therapeutische Begleitung erfordern (Coleman et al., 2022).
Ein zentraler Aspekt in der psychiatrischen Versorgung junger trans Menschen ist die psychosoziale Unterstützung. Eine Vielzahl von ihnen erleben Diskriminierung, soziale Ausgrenzung und familiäre Ablehnung, was das Risiko für psychische Störungen wie Depressionen, Angststörungen und Suizidalität erhöht (Pauli, 2024, S. 100-101, S. 181). In der psychiatrischen Praxis müssen psychosoziale Belastungen systematisch erfasst und durch geeignete Interventionen gemildert werden (Günther et al., 2023, S. 135-136). Dabei spielen das familiäre Umfeld und soziale Netzwerke eine entscheidende Rolle, da sie entweder als Schutzfaktoren fungieren oder das Risiko für psychische Belastungen, s.g. Stressoren, erhöhen können (Günther et al., 2023, S. 123-130, 2021, S. 219-220).
Ein weiteres zentrales Thema ist der Umgang mit GD, die als das subjektive Leiden verstanden wird, das durch die Diskrepanz zwischen der empfundenen Geschlechtsidentität und dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht entsteht (Falkai et al., 2018). Für trans Jugendliche kann dieses Leidensgefühl schwerwiegende psychische und emotionale Folgen haben, insbesondere in einer Entwicklungsphase, die durch körperliche Veränderungen wie die Pubertät gekennzeichnet ist (Lemma, 2024, S. 92-95; Pauli, 2024, S. 181). Eine individuell abgestimmte Behandlung kann daher von der bloßen psychotherapeutischen Begleitung bis hin zu körperlichen Interventionen wie pubertätsblockierenden Maßnahmen und späteren geschlechtsangleichenden Eingriffen reichen (Coleman et al., 2022). Diese medizinischen Interventionen sollten in enger Abstimmung mit psychotherapeutischer Betreuung erfolgen, um sicherzustellen, dass der Prozess der Geschlechtsangleichung umfassend begleitet wird (Günther et al., 2023, S. 106-107, 2021, S. 222-229, S. 250-260; Korte & Tschunke, 2023; Lemma, 2024, S. 95-105; Pauli, 2024, S. 104-105, Rautenberg, 2022, S. 57-60).
Für eine erfolgreiche psychotherapeutische Behandlung ist die Einbindung der Familie ein entscheidender Faktor (Korte & Tschuschke, 2023). Studien zeigen, dass die Akzeptanz und Unterstützung durch das familiäre Umfeld signifikant zum Wohlbefinden und zur psychischen Gesundheit von trans Jugendlichen beiträgt (Durwood, McLaughlin & Olson, 2017; Pauli, 2024, S. 100-101). Bspw. zeigen sozial transitionierte Transgender-Kinder – d.h. nach ihrem Coming-Out im Außen (Günther et al., 2021, S. 89-93) –, die in ihrer Geschlechtsidentität unterstützt werden, keine erhöhten Depressionswerte und nur geringfügig höhere Angstsymptome (Olson, Durwood, DeMeules & McLaughlin, 2016). Hier ist ein familienzentrierter Therapieansatz sinnvoll, um Spannungen und Missverständnisse innerhalb der Familie zu bearbeiten und das Verständnis für die Bedürfnisse des trans Jugendlichen zu fördern (Günther et al., 2023, S. 111-116, S. 130). Auch die Integration in soziale Unterstützungsnetzwerke – wie Peergroups – oder transspezifische Beratungsstellen kann einen positiven Einfluss auf die psychische Stabilität haben und das Selbstwertgefühl stärken (Bos et al., 2022; Günther et al., 2023, S. 127-129).
Die Diagnostik und Therapie junger trans Menschen in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung erfordert eine besondere Sensibilität und Fachkompetenz (Pauli, 2024, S. 125-132). Die bisherigen diagnostischen Kriterien zur Feststellung von GD in der DSM-5® und der ICD-11 sind auf Erwachsene ausgerichtet und müssen in Bezug auf Kinder und Jugendliche entsprechend angepasst und interpretiert werden (Coleman et al., 2022; Rautenberg, 2022, S. 57-60). Ein besonderer Fokus sollte auf der psychosozialen Entwicklung und den individuellen Entwicklungsverläufen der Jugendlichen liegen, da diese in vielen Fällen noch nicht abgeschlossen sind und flexiblere Behandlungsansätze erfordern (Pauli, 2024, S. 124). Wichtig ist dabei, dass der Fokus auf einer ressourcenorientierten (Willutzki & Teismann, 2013) und affirmativen Therapie liegt, die nicht nur das „Heilen“ von GD zum Ziel hat, sondern den jungen Menschen darin unterstützt, seine Geschlechtsidentität, unabhängig von biologischen Merkmalen, zu entwickeln und zu leben (AWMF, 2023; Pauli, 2024, S. 123-125). Im Gegensatz zu pathologisierenden Ansätzen, die auf die Korrektur von Abweichungen abzielen – s.g. Konversationsversuche –, hat der affirmative Ansatz das Ziel, das Selbstwertgefühl und die Resilienz der Jugendlichen zu stärken, indem er ihre Identität validiert und anerkennt (Coleman et al., 2022; Günther et al., 2021, S. 81-82; Strittmatter & Holtmann, 2020).
Eine effektive Behandlung junger trans Menschen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfordert die enge Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen. Neben Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen sind häufig auch Endokrinolog*innen, Pädiater*innen und Fachleute aus der Sozialarbeit involviert. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit stellt sicher, dass die psychosozialen und medizinischen Bedürfnisse der Jugendlichen ganzheitlich berücksichtigt werden (Möller et al., 2018). Zudem ist es entscheidend, dass die spezifischen Empfehlungen aus Leitlinien wie der AWMF-S3-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit (DGfS, 2018) beachtet werden, die evidenzbasierte Richtlinien für die Behandlung von trans Personen, insbesondere in der Adoleszenz, bereitstellen (Rautenberg, 2022, S. 57-58).
In gendersensibler Sprache drückt sich zudem der Respekt gegenüber den Wünschen, dem Anderssein, der Einzigartigkeit ihrer Geschlechtlichkeit und Identität junger trans Menschen aus. Dies geschieht in der Verwendung selbst gewählter Pronomen und von für sie angemessenen Begriffen, um einerseits Verletzungen zu vermeiden und andererseits Offenheit und Interesse zu signalisieren (Pauli, 2024, S. 84-87).
Nach Darstellung der grundlegenden Prinzipien und Ansätze, die erforderlich sind, um den psychosozialen und emotionalen Bedürfnissen dieser Klientel gerecht zu werden, liegt der Fokus im Folgenden auf der aktuellen Versorgung junger trans Menschen, um Soll und Ist – Wunsch und Wirklichkeit – gegenüberzustellen und zu eruieren, was Klinik braucht, um langfristig die psychische Gesundheit dieser jungen Menschen zu sichern.
2.3 Aktueller Forschungsstand zur Versorgungssituation
Der aktuelle Forschungsstand zur strukturellen Versorgungssituation und zu kinder- und jugendpsychiatrischen Interventionen trans und nicht-binärer Kinder und Jugendlicher weist auf erhebliche Herausforderungen und Versorgungslücken hin, die sowohl in der ambulanten Versorgung als auch im klinischen Bereich bestehen (Brunner, Koops, Nieder, Reed & Briken, 2017). Trotz erzielter Fortschritte und wachsender Akzeptanz für die Bedürfnisse dieser Gruppe sowie zunehmender Verfügbarkeit spezifischer Leitlinien, wie den Standards of Care for the Health of Transgender and Gender Diverse People (SoC) der World Professional Association for Transgender Health (WPATH) (Coleman et al., 2022), bleibt die flächendeckende und qualitativ hochwertige Versorgung von trans Jugendlichen in vielen Ländern, darunter auch Deutschland, unzureichend. Dies stellt für betroffene Jugendliche als auch für Fachkräfte bedeutende Herausforderungen dar (Brokmeier et al., 2022; Burandt, 2024; Coleman et al., 2022; Guethlein et al., 2021; Haid-Stecher et al., 2020; Wiech et al., 2020).
2.3.1 Kinder- und jugendpsychiatrische Begleitung trans Jugendlicher
Kaum ein medizinischer Bereich verzeichnete innerhalb der letzten Dekade einen so hohen Prävalenzanstieg wie der der geschlechtlichen Identität (Lenzen-Schulte, 2022). Expert*innen vermuten, dass hierfür die gesellschaftliche und mediale Präsenz der Thematik in Verbindung mit den besseren Informationsmöglichkeiten durch das Internet und die steigende Akzeptanz verantwortlich sind. Je früher Kinder und Jugendliche mit dem Begriff der Transidentität vertraut werden, desto früher können sie sich outen (Pauli, 2024, S. 193-202). Dennoch sind deutlich weniger Menschen betroffen als angenommen. Die dgti (Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit e.V., 2021) vermutet eine Prävalenz von etwa 0,6 % in der deutschen Bevölkerung. In klinischen Sprechstunden stellen sich zurzeit mehr transmaskuline Personen als transweibliche vor, etwa ein Drittel der Betroffenen identifiziert sich als nicht-binär. Für die vorgestellten Kinder gilt beim Übergang ins Jugendalter eine Persistenz, d.h. das Fortbestehen der Symptomatik, zwischen 12 - 55 % , der Rest outet sich häufig als homo- oder bisexuell. Im Hinblick auf transidente Jugendliche steigt die Persistenz tendenziell an (Brokmeier et al., 2022; Pauli, 2024, S. 191-210; Rautenberg, 2022, S. 36-37; Romer & Lempp, 2022; Sonnenmoser, 2020; Strittmatter & Holtmann, 2020).
Die Prävalenz von GI bei Mädchen – Personen mit biologisch weiblichem Geschlecht – hat in den letzten Jahren sowohl in Deutschland als auch international zugenommen, was zu intensiver Forschung und Debatten geführt hat. Studien und Expert*innen untersuchen sowohl die Häufigkeit als auch die möglichen Ursachen dieses Phänomens (Lenzen-Schulte, 2022).
GI, die sich in der Jugend manifestiert, war früher eine seltenere Diagnose, wobei männliche Jugendliche – mit biologisch männlichem Geschlecht – häufiger betroffen waren als weibliche (Korte & Tschuschke, 2023). Ca. 2 - 3 % der Kinder und Jugendlichen sind transident, wobei die Prävalenz vermutlich höher liegt, denn seit Jahren zeigt sich ein Anstieg der Inanspruchnahme von s.g. Spezialambulanzen (Sonnenmoser, 2020). Neue Studien zeigen eine Zunahme bei Mädchen, die sich in ihrer Geschlechtsidentität als nicht ihrem biologischen Geschlecht entsprechend empfinden. Die Schätzungen zur Prävalenz schwanken, aber Berichte aus Deutschland und anderen westlichen Ländern deuten darauf hin, dass derweil mehr Mädchen als Jungen mit GI diagnostiziert werden (Meyenburg, Renter-Schmidt & Schmidt, 2021; Pauli, 2024, S. 202-206; Strittmatter & Holtmann, 2020). Korte & Tschunke sprechen von „Inversion der Sex-Ratio“ (2023), die in Abbildung 2 illustriert wird.

Abbildung 2: Zunahme der Transgenderidentitäten zwischen 2009 und 2016
Quelle: Eigene Darstellung, modifiziert nach Lenzen-Schulte, 2022
Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig und Gegenstand kontroverser Diskussionen (Korte & Tschuschke, 2023; Meyenburg et al., 2021). Mehrere Faktoren könnten zu dieser Zunahme beitragen:
Einfluss sozialer Medien: Die Rolle sozialer Medien wird intensiv diskutiert, da Plattformen wie TikTok und Instagram Geschlechtervielfalt sichtbarer machen. Einige Forschende vermuten, soziale Medien könnten durch die Vernetzung von Jugendlichen mit ähnlichen Erfahrungen die Identifikation mit Gender-Themen verstärken (Korte & Tschuschke, 2023; Pauli, 2024, S. 198-202).
Sozialer und kultureller Wandel: Die gesellschaftliche Akzeptanz und Sensibilisierung für geschlechtliche Vielfalt hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. In Deutschland werden Themen wie Gender-Identität offener diskutiert, was es für Jugendliche möglicherweise einfacher macht, ihre Gefühle und Identitätsfragen zu äußern (Pauli, 2024, S. 12-13).
Psychosoziale Faktoren: Studien zeigen, dass eine höhere Prävalenz von Depressionen und Angststörungen bei Mädchen mit GI auftritt. Genaue Ursachen sind jedoch noch nicht geklärt, und es bleibt offen, ob diese Belastungen eine Ursache oder eine Begleiterscheinung sind (Meyenburg et al., 2021).
Peer-Einfluss und Identitätsbildung: Der Einfluss von Freundeskreisen und gleichaltrigen Gruppen könnte eine Rolle spielen, insbesondere in einer Phase der Selbstfindung. Einige Theorien gehen davon aus, dass Mädchen möglicherweise durch die intensive Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und Identität durch Freunde und Bekannte stärker beeinflusst werden (Korte & Tschuschke, 2023).
Biologische und neurobiologische Faktoren: Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass es biologische Einflüsse geben könnte. Geschlechtshormonelle Unterschiede, die genetische Prädisposition oder neuronale Besonderheiten könnten ebenfalls eine Rolle bei der Entwicklung der Geschlechtsidentität spielen, jedoch sind diese Bereiche noch nicht ausreichend erforscht (Burandt, 2024; Zepf et al., 2024).
Pauli (2024, S. 204-205) statuiert, dass das Trans-Phänomen zu verschiedenen Zeitpunkten entdeckt wird und daher in verschiedenen Altersgruppen in unterschiedlicher Häufigkeit auftritt. So sind es im Kindesalter vermehrt transweibliche, im Jugendalter dagegen in deutlicher Mehrheit transmännliche Personen, die sich outen (Zhang et al., 2021). Im Erwachsenenalter herrscht eine Überanzahl an Outings von Transfrauen. Die Gründe sind als vielfältig anzusehen und es bedarf weiterer Forschungsbemühungen.
Die kinder- und jugendpsychiatrische Begleitung trans Jugendlicher konzentriert sich auf die psychische Stabilisierung und Unterstützung im Umgang mit GD sowie Bewältigung psychosozialer Belastungen (Günther et al., 2021, S. 53; Rautenberg, 2022, S. 57-60). Studien zeigen, dass trans Jugendliche ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen wie Stress, Depressionen, Angststörungen und Suizidalität aufweisen, die mit gesellschaftlicher Ablehnung und Diskriminierung ihrer Geschlechtsidentität verbunden sind (Rafferty et al., 2018). Der Bedarf an spezialisierter kinder- und jugendpsychiatrischer Unterstützung ist daher groß, um diesen psychischen Belastungen wirksam begegnen zu können. Doch obwohl das Bewusstsein für diese spezifischen Bedürfnisse wächst, stehen nur begrenzte Ressourcen und Fachkräfte zur Verfügung, die in der Arbeit mit trans Jugendlichen ausgebildet sind. Viele Einrichtungen verfügen nicht über ausreichend Wissen über affirmative Therapieansätze und spezifische psychosoziale Unterstützungsmaßnahmen, die für eine erfolgreiche Begleitung und das Wohlbefinden der Jugendlichen notwendig sind. Eine adäquate psychiatrische Begleitung umfasst sowohl die Behandlung psychischer Erkrankungen als auch Förderung einer positiven psychosexuellen und Identitätsentwicklung, um Kontinuität und Kohärenz im Kontext sozialer Beziehungen entwickeln zu können (Brokmeier et al., 2022; Strittmatter & Holtmann, 2020). Ein Überblick über wesentliche Ansätze der psychotherapeutischen Begleitung werden im folgenden Abschnitt dargestellt. Es handelt sich strenggenommen dabei nicht um die Behandlung einer psychischen Erkrankung – „Heilung“ vom Trans-Sein –, sondern um Unterstützung im Transitionsprozess (Rautenberg, 2022, S. 54).
2.3.2 Therapeutische Ansätze und Interventionen
Ein zentraler Ansatz in der kinder- und jugendpsychiatrischen Begleitung ist die individuelle und ressourcenorientierte Therapie (Rautenberg, 2022, S. 57-60), die auf die spezifischen Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten ist. Diese umfasst neben psychotherapeutischen Interventionen auch Beratungen zur medizinischen Geschlechtsangleichung, die in enger Zusammenarbeit mit Endokrinolog*innen und anderen Fachdisziplinen erfolgt. Der Zugang zu pubertätsblockierenden Medikamenten sowie hormonellen Behandlungen, die in der frühen Adoleszenz begonnen werden können, stellt eine bedeutende Unterstützung dar, um das Leidensdruckpotenzial zu minimieren und die psychische Gesundheit zu stabilisieren (Brokmeier et al., 2022; Coleman et al., 2022; DGfS, 2018).
In der psychotherapeutischen Praxis stehen die individuelle Auseinandersetzung mit der Geschlechtsidentität sowie die Unterstützung bei der Bewältigung psychosozialer Herausforderungen im Vordergrund. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hat sich in diesem Zusammenhang als hilfreich erwiesen, um den Umgang mit negativen Emotionen und internalisierten Normen zu verbessern und die Selbstakzeptanz zu fördern (Günther, 2015; Günther et al., 2023, S. 61-66).
Ein weiterer bedeutender therapeutischer Ansatz ist die Familientherapie, die darauf abzielt, das Verständnis und die Unterstützung innerhalb der Familie zu stärken. Studien zeigen, dass familiäre Akzeptanz ein Schlüsselfaktor für die psychische Gesundheit trans Jugendlicher ist (Olson et al., 2016). Familienzentrierte Ansätze zielen darauf ab, Spannungen und Unsicherheiten im familiären Umfeld zu reduzieren und das Wissen über trans Identitäten zu erweitern (Günther et al., 2023, S. 114-116).
Die Nichtübereinstimmung zwischen körperlichen, psychischen und/oder sozialen Merkmalen führt häufig zu GD und zwingt die betreffenden Personen soziale und/oder medizinische Transitionsschritte zu ergreifen (Günther et al., 2023, S. 121). Die medizinische Transition beinhaltet Interventionen, die hauptsächlich auf eine Veränderung des Erscheinungsbilds, insbesondere im Bereich der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale, zielen (Günther et al., 2023, 155-168; Rautenberg, 2022, S. 72-78). Folgende Tabelle 1 zeigt mögliche soziale, juristische und medizinische Interventionen:

Tabelle 1: Überblick über mögliche Transitionsschritte
Quelle: Eigene Darstellung, modifiziert nach Rudolph et al., 2023
In der medizinischen Versorgung bieten Pubertätsblocker (PB) und die Gabe von Cross-Sex-Hormonen (CSH) wichtige Unterstützungsmöglichkeiten. Diese Interventionen können den Leidensdruck trans Jugendlicher erheblich verringern, indem sie eine Geschlechtsangleichung in Übereinstimmung mit der empfundenen Identität ermöglichen. Diese Maßnahmen erfordern jedoch eine engmaschige psychiatrische und endokrinologische Überwachung, um sowohl die psychische als auch die physische Entwicklung angemessen zu begleiten (DGfS, 2018; Kupferschmid et al., 2024). Die Fähigkeit trans Jugendlicher, eine informierte Einwilligung (Informed Consent, IC) zu geben, ist wichtige Voraussetzung für die Gabe von PB (Günther et al., 2023, S. 142-144), jedoch bestehen in der Gesellschaft darüber Zweifel (Lenzen-Schulte, 2023; Leonhardt et al., 2024). Eine Studie (Vrouenraets, de Vries, de Vries, van der Miesen & Hein, 2021) ergab, dass ca. 90 % der Jugendlichen als einwilligungsfähig eingestuft wurden. Ebenso gibt es hierzulande eine kontroverse Debatte zur Transitionstherapie hinsichtlich eines Risikos von Re-Transitionen (Günther et al., 2023, S. 95-98; Lemma, 2024, S. 91-127; Lenzen-Schulte, 2023; Pauli, 2024, S. 211-218).
Die häufige Überzeugung, alle Menschen mit Transidentität wollten sich geschlechtsangleichenden Operationen unterziehen, stellt nach Pauli (2024, S. 186) einen Irrtum dar. Insbesondere vor dem 18. Geburtstag drängen die wenigsten trans Personen auf eine Operation. Der Gedanke an die Einnahme von PB oder Hormonen ist bei den Jugendlichen deutlich beliebter, wird jedoch ebenso selten in die Realität umgesetzt.
Eine Arbeit von Zepf et al. (2024) bietet eine umfassende Übersicht zur Evidenzlage der PB und der Gabe von CSH bei Minderjährigen mit GD. In dieser Untersuchung werden unter anderem die Ergebnisse der NICE-Berichte kritisch bewertet. Die Analysen des NICE (National Institute for Clinical Excellence) identifizierten dabei weder für PB noch für CSH klare positive Effekte in Bezug auf wesentliche psychische Zielvariablen wie GD, psychische Gesundheit, Lebensqualität oder Körperbild. Die Evidenzqualität wurde als sehr gering eingestuft (Korte & Tschuschke, 2023).
Seit der NICE-Veröffentlichung wurden wenige neue Studien identifiziert, die zur CSH-Gabe einige kleinere Effekte auf psychische Variablen nahelegen, jedoch weisen diese Arbeiten methodische Schwächen auf und umfassen kleine Stichproben. Die systematische Analyse von Zepf et al. hebt hervor, dass es weiterhin an validen Langzeitstudien fehlt und sowohl für PB als auch CSH nur eine eingeschränkte Evidenz für signifikante Verbesserungen der GD-Symptomatik vorliegt. Aktuell wird daher empfohlen, Entscheidungen zur Hormontherapie in enger, individualisierter Absprache und vorzugsweise im Rahmen von Forschungsprojekten zu treffen, die durch psychotherapeutische Unterstützung ergänzt werden sollten (Kupferschmid et al., 2024; Zepf et al., 2024).
Therapeutische Ansätze für trans Jugendliche haben in den letzten Jahren zunehmend an Differenzierung gewonnen, wobei affirmative und ressourcenorientierte Ansätze im Vordergrund stehen. Affirmative Therapieansätze zielen darauf ab, die Geschlechtsidentität der Jugendlichen zu unterstützen und eine positive Selbstakzeptanz zu fördern. Dazu gehören auch Maßnahmen zur Erleichterung sozialer und medizinischer Transitionen, wie die Gabe von PB und Hormontherapien, sofern dies dem Wunsch und der psychischen Stabilität der Jugendlichen entspricht. Verschiedene Studien belegen, dass diese affirmativen Ansätze positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Selbstwertgefühl von trans Jugendlichen haben können (Turban, King, Kobe, Reisner & Keuroghlian, 2022). Allerdings sind diese Ansätze in der Praxis noch nicht überall anerkannt und stoßen in einigen Versorgungseinrichtungen auf Widerstand, was auf den Mangel an flächendeckenden Schulungen und die Unsicherheit gegenüber den relativ neuen Interventionsmöglichkeiten zurückzuführen ist (Gabriel, 2024; Rudolph et al., 2023).
2.3.3 Versorgungslücken und Entwicklungsaufgaben
Die aktuelle Versorgungssituation für trans Kinder und Jugendliche in der Kinder- und Jugendpsychiatrie steht vor verschiedenen Entwicklungsaufgaben und Herausforderungen, die sowohl strukturelle als auch personelle Defizite betreffen:
Trotz der wachsenden Akzeptanz und der steigenden Zahl an spezialisierten Angeboten zur Unterstützung trans Jugendlicher bestehen weiter bedeutende Versorgungslücken. Ein zentrales Problem stellen der eingeschränkte Zugang zu spezialisierten Behandlungszentren und die unzureichende Anzahl an Fachkräften, die für die Behandlung von trans Jugendlichen qualifiziert sind, dar. Lange Wartezeiten auf Therapieplätze und begrenzte Zugänge zu medizinischen Maßnahmen erschweren die rechtzeitige Unterstützung. Viele trans Jugendliche haben Schwierigkeiten, eine schnell verfügbare und spezialisierte Behandlung zu finden, was ihre psychischen Belastungen verstärken kann. Besonders in ländlichen Gebieten ist die Versorgungssituation oft unzureichend, was dazu führt, dass trans Jugendliche und ihre Familien lange Wartezeiten und weite Anfahrtswege in Kauf nehmen müssen. Viele Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen haben Ängste und nur begrenzte Kenntnisse über die speziellen Bedürfnisse trans Jugendlicher, was zu Fehldiagnosen oder inadäquaten Behandlungsansätzen führen kann (Guethlein et al., 2021; Rautenberg, 2022, S. 57-58; Strittmatter & Holtmann, 2020).
Eine zentrale Herausforderung ist daher der Ausbau von wohnortnahen, qualifizierten Versorgungsangeboten, was insbesondere spezialisierte Fort- und Weiterbildungsprogramme zur Geschlechtsidentitätsentwicklung und Transgeschlechtlichkeit erfordert. Seit 2019 gibt es erste akkreditierte Fortbildungsangebote, wie den Kurs in Hamburg zur „Geschlechtsdysphorie, Geschlechtsinkongruenz, Trans- und Intergeschlechtlichkeit“, die den Ausbau spezialisierter Versorgungseinrichtungen ermöglicht haben. Die meisten psychotherapeutischen und psychiatrischen Ausbildungen enthalten nach wie vor wenig bis gar keine spezifische Schulung zur Behandlung von trans Personen, was zu Unsicherheiten und Missverständnissen in der Praxis führt. Eine bessere Aus- und Weiterbildung von Fachkräften sowie eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit sind daher dringend erforderlich (Guethlein et al., 2021; Strittmatter & Holtmann, 2020).
Interdisziplinäre Ansätze zwischen Natur-, Geistes- und Kulturwissenschaften sind nötig, um das Verständnis der Geschlechtsidentität umfassend zu fördern und die Grenzen der medizinischen Rolle klarer zu definieren. Durch gesellschaftliche Veränderungen, die Entpathologisierung und den Diskurs zur geschlechtlichen Selbstbestimmung wurden bereits wichtige Fortschritte erzielt. Die anhaltenden ethischen Kontroversen und die zunehmende Diversität der geschlechtlichen Selbstbeschreibungen verdeutlichen jedoch, dass die Akzeptanz und Freiheit in Bezug auf Geschlechterrollen und Identitäten weiteren Diskurs und Forschung erfordern (Bos et al., 2022; Pauli, 2024, S. 243-247).
Darüber hinaus bestehen häufig finanzielle und rechtliche Barrieren, die den Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen erschweren. Ein Hindernis stellt die Finanzierung von medizinischen Interventionen wie Hormontherapien und chirurgischen Maßnahmen dar, die oft langwierige Genehmigungsprozesse durchlaufen und nicht immer von Krankenversicherungen übernommen werden. In vielen Ländern sind pubertätsblockierende Medikamente und hormonelle Behandlungen für Minderjährige rechtlich umstritten oder nur unter strengen Auflagen zugänglich. Dies führt dazu, dass viele Jugendliche bis zur Volljährigkeit auf notwendige medizinische Interventionen warten müssen, was ihre psychische Gesundheit erheblich beeinträchtigen kann, und ein Dilemma darstellt (Leonhardt et al., 2024). Sie stehen vor der Herausforderung, „gemeinsam mit ihren Eltern Entscheidungen zu aus ihrer Sicht nötigen körperlichen Veränderungen [zu] treffen.“ (Günther et al., 2021, S. 47). Medizinethisch müssen Nutzen (Benefizienz) und Nichtschaden (Non-Malefizienz) sorgsam abgewogen werden. Adäquate Gesundheitsversorgung verfolgt das Ziel, das Empowerment von minderjährigen trans Personen und Eltern in gesundheitsrelevanten Entscheidungsprozessen durch eine professionelle Beziehungsgestaltung, gesundheitsbezogene Informationsvermittlung und fachgerechte medizinische Versorgung zu stärken (Günther et al., 2023, S. 60, 2021, S. 46).
In der psychotherapeutischen Begleitung wird die körperliche Selbstwahrnehmung transgeschlechtlicher Kinder und Jugendlicher oft vernachlässigt. Da Transgeschlechtlichkeit häufig mit einem dysphorischen Erleben der Körperlichkeit einhergeht, sind transsensible körpertherapeutische Ansätze notwendig. Auch systemische, familienorientierte Interventionen sind von Bedeutung, da die Akzeptanz und Unterstützung durch das familiäre und soziale Umfeld eine zentrale Rolle für das Wohlbefinden der Betroffenen spielt. Erste vielversprechende multifamilientherapeutische Ansätze wurden in Deutschland entwickelt, die weitere Evaluation und Verbreitung erfordern (Gabriel, 2024; Strittmatter & Holtmann, 2020).
Zusätzlich sind Angebote zur Selbsthilfe, Peerberatung und Projekte zur Förderung des Selbstwertgefühls und der gesellschaftlichen Teilhabe hilfreich. Die Arbeit mit transgeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen stellt dabei hohe ethische und therapeutische Anforderungen an Fachkräfte, die daher Supervision, interdisziplinären Austausch und Zweitmeinungen benötigen (Korte & Tschuschke, 2023; Strittmatter & Holtmann, 2020).
In der Literatur wird darauf hingewiesen, dass die psychosoziale Unterstützung von trans Jugendlichen häufig nicht ausreichend individualisiert ist und die spezifischen Lebensrealitäten der Betroffenen nicht ausreichend berücksichtigt werden (Rautenberg, 2022). Dieser Mangel an individualisierter Versorgung spiegelt sich auch in den begrenzten Möglichkeiten zur Einbindung der Familie wider, obwohl familiäre Unterstützung als wesentlicher Faktor für die psychische Stabilität der Kinder und Jugendlichen gilt (Korte & Tschuschke, 2023; Nieder & Strauß, 2019; Zepf et al., 2024).
Eine zentrale Forschungsaufgabe besteht darin, prospektive Studien durchzuführen, um die spezifischen Bedarfe verschiedener Subgruppen – eines der Ziele der vorliegenden Studie – und deren Behandlungserfolge besser verstehen und vorhersagen zu können. Hierbei wird auf das Verständnis von Desistenz- und Persistenzraten, die Parameter für Therapieindikation und die Angemessenheit von Therapieansätzen verwiesen. Fallberichte, die auch nicht erfolgreiche Verläufe und Re-Transitionen umfassen, sowie die Vernetzung zwischen spezialisierten Zentren und eine deutschlandweite Basiserhebung wären wünschenswert, um die wissenschaftliche Basis für die Behandlung zu stärken (Holtmann, 2023).
Die S3-Leitlinie betont die Notwendigkeit einer multidisziplinären Herangehensweise, die medizinische, psychologische und soziale Aspekte integriert. Sie unterstreicht auch die Bedeutung von Individualität und Einfühlungsvermögen in der Behandlung. Jedoch mangelt es in vielen Einrichtungen an spezifischen Protokollen und geschultem Personal, was zu unzureichender Versorgung und negativen Behandlungsergebnissen führen kann (DGfS, 2018, 2021; Nieder & Strauß, 2019).
Evidenzbasierte Versorgungsempfehlungen wie die SoC der WPATH (Coleman et al., 2022, S. 48), die bisherige S3-Leitlinie (DGfS, 2018), die neue S2k-Leitlinie (AWMF, 2023) sowie die Ad-hoc-Empfehlung des Deutschen Ethikrates (2020) flossen in eine Handreichung zum Umgang mit Transgender-Patient:innen im voll- und teilstationären Setting (Englert & Haas, 2023) der Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärztinnen und -ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (bagkjpp) ein, um Fachkräften in Kliniken der Kinder- und Jugendpsychiatrie mehr Handlungssicherheit zu gewähren (Strittmatter & Holtmann, 2020). Die Implementierung von Gender Leitlinien soll als Zusammenfassung dieser Empfehlungen ebenfalls mehr Handlungssicherheit für Fachkräfte bieten und individuelle Bedürfnisse der trans Kinder und Jugendlichen stärker berücksichtigen.
In einer Stellungnahme des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie e.V. (bkj) (2024) zur bis dato unveröffentlichten AWMF-Leitlinie werden ebenfalls wichtige zukünftige Entwicklungsaufgaben hervorgehoben: Der bkj regt an, zukünftig auf den Begriff gender-nonkonform zu verzichten, um die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten besser zu berücksichtigen sowie spezifische ICD-11-Codierungen für die Begleitung des Selbstfindungsprozesses bei geschlechtsinkongruenten Jugendlichen einzubeziehen. Diese könnten den therapeutischen Umgang mit Begleiterscheinungen wie Depression, Körperdysmorphie oder Anpassungsstörungen unterstützen, ohne die GI als Störung zu pathologisieren. Der bkj schlägt zudem vor, Sozialpädagog*innen für die Begleitung von Jugendlichen ohne assoziierte psychische Symptomatik zu berücksichtigen, um die Versorgungslücke zu schließen und zu spezialisieren (bkj, 2024).
Folgende Entwicklungsaufgaben lassen sich aus einem Artikel von Holtmann (2023) ex-trahieren: Innerhalb der Fachwelt und in der Öffentlichkeit sollte ein respektvoller und differenzierter Diskurs gefördert werden. Essenziell ist, ideologische Polarisierungen zu vermeiden und den Dialog auf wissenschaftliche Grundlagen und klinische Erfahrungen zu stützen. Die Diagnostik und Therapie bei GD im Jugendalter sollten präzisiert werden, insbesondere hinsichtlich PB und deren potenziellen Langzeitfolgen. Leitlinien und konkrete Empfehlungen, wie sie von Englert & Haas (2023) vorgeschlagen wurden, könnten dabei hilfreich sein. Angesichts steigender Belastung durch die gesellschaftliche Debatte sollten Unterstützungsmechanismen geschaffen werden, um die psychische Stabilität der Fachkräfte zu stärken. Weitere Forschung soll darauf abzielen, Subgruppen von Jugendlichen mit GD besser zu verstehen und maßgeschneiderte Behandlungen zu entwickeln. Die Forschung sollte die Rolle sozialer und digitaler Medien sowie kultureller Einflüsse auf die Geschlechtsidentität stärker beleuchten (Korte & Tschuschke, 2023), um ein besseres Verständnis der Ursachen und Mechanismen von GD zu gewinnen (Holtmann, 2023).
2.4 Verdichtung der theoretischen Grundlagen und empirischen Ergebnisse
Transidentität und Nicht-Binarität bezeichnen Geschlechtsidentitäten, die vom traditionellen binären Geschlechtsmodell abweichen. Transidentität beschreibt Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Nicht-Binarität umfasst Personen, die sich weder ausschließlich als männlich noch als weiblich definieren und teils fluiden Identitäten folgen können (Rauchfleisch, 2023). Diese Begriffe sind in medizinischen und gesellschaftlichen Diskursen zentral und eng mit psychosozialen Fragen verbunden, da sie das Wohlbefinden und die Akzeptanz der Betroffenen beeinflussen (Strittmatter & Holtmann, 2020). Wissenschaftliche Definitionen müssen die persönliche Selbstzuschreibung respektieren, da sich Geschlechtsidentitäten stark individuell gestalten (Günther et al., 2021).
Die historische Entwicklung zeigt, dass Transidentität und Nicht-Binarität keine modernen Phänomene sind. Schon in antiken Kulturen existierten Geschlechter jenseits des binären Modells. Hirschfeld prägte im frühen 20. Jahrhundert den Begriff Transvestitismus und setzte sich für trans Rechte ein (Rauchfleisch, 2023), während in den 1950er Jahren das Konzept der Transsexualität von Benjamin zur medizinischen Diagnose wurde (Rautenberg, 2022). Die Stonewall-Aufstände von 1969 markierten einen Wendepunkt für LGBTQIA+-Rechte, einschließlich trans und nicht-binärer Identitäten (Gössl, 2024). In Deutschland führte das TSG von 1981 zu ersten rechtlichen Regelungen, das 2024 durch das SBGG ersetzt wurde, welches die Geschlechtsänderung erheblich vereinfacht (BVT*, 2024; Vanagas & Vanagas, 2023). Seit den 1990er Jahren hinterfragt die Queer-Theorie das binäre Geschlechtermodell (Stryker, 2017). Aktuelle Leitlinien betonen eine einfühlsame, auf Jugendliche zugeschnittene Unterstützung (AWMF, 2023).
Die Entwicklung der Geschlechtsidentität in Kindheit und Jugend ist ein komplexer Prozess, der durch biologische, psychologische, soziale und kulturelle Faktoren beeinflusst wird (Bos et al., 2022). Bereits in frühen Jahren beginnen Kinder, Geschlechterrollen zu erkennen, und diese Wahrnehmung intensiviert sich in der Pubertät (Haid-Stecher et al., 2020). Medizinische Ansätze betonen genetische und neurobiologische Einflüsse, während psychoanalytische Ansätze wie die Theorien von Freud, Lacan und Butler die Rolle unbewusster und sozialer Prozesse hervorheben (Günther et al., 2021). Die Forschung zeigt, dass Kinder mit Transidentität oft bereits im Vorschulalter eine abweichende Geschlechtsidentität empfinden, was zu psychosozialen Herausforderungen führen kann (Pauli, 2024). Daher ist eine frühzeitige psychosoziale Unterstützung wichtig, um diesen Belastungen entgegenzuwirken (Lemma, 2024; Rauchfleisch, 2023).
Trans und nicht-binäre Jugendliche sind aufgrund von Mobbing, Gewalt und Diskriminierung stärker von psychischen Gesundheitsproblemen betroffen, wie Angst, Depression und Suizidrisiken (Burandt, 2024). Ein wichtiges Konzept zur Erklärung dieser Belastungen ist das Minderheitenstressmodell (Meyer, 2003), das betont, dass Transphobie und Stigmatisierung zu erhöhtem Stress und psychischen Erkrankungen führen können. Insbesondere trans Jugendliche erleben oft eine Diskrepanz zwischen ihrer Geschlechtsidentität und gesellschaftlichen Erwartungen, was zu weiteren psychischen Belastungen führt (Klinger et al., 2024). Das Geschlechtsidentitätsmodell nach Stoller (1968) unterscheidet zwischen sozialer Geschlechtsidentität und biologischem Geschlecht und betont die Bedeutung psychosozialer Faktoren bei der Entwicklung der Geschlechtsidentität. Neuere Modelle zeigen, wie gesellschaftliche Geschlechtererwartungen speziell in Kindheit und Jugend zu Konflikten führen können (Ermann, 2023). Studien zur Resilienz verdeutlichen, dass ein unterstützendes soziales Umfeld und ein starkes Kohärenzgefühl helfen, mit Stress umzugehen und das Risiko für psychische Probleme zu verringern (Faltermaier, 2023). Die theoretischen Modelle dienen als konzeptionelle Basis, um die Forschungsfrage in den narrativen Interviews zu operationalisieren. Z.B. wurden die im Minderheitenstressmodell beschriebenen Belastungen und affirmativen Ansätze des Geschlechtsidentitätsmodells bei der Auswertung der narrativen Daten systematisch berücksichtigt, um praxisnahe Handlungsempfehlungen abzuleiten (siehe Kapitel 5).
Die Behandlung junger trans Menschen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfordert aufgrund der häufig erlebten Diskriminierung und Diskrepanz zwischen Geschlechtsidentität und gesellschaftlichen Normen eine individuelle Herangehensweise, die ihre psychische und psychosoziale Entwicklung berücksichtigt. Eine wesentliche Rolle spielt die psychosoziale Unterstützung, besonders durch Familie und soziale Netzwerke (Günther et al., 2023). Die Behandlung sollte affirmativ sein, die Identität des Jugendlichen validieren und sowohl psychotherapeutische als auch medizinische Interventionen umfassen (Günther et al., 2021). Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie gendersensible Sprache sind entscheidend, um die psychische Gesundheit langfristig zu fördern (Pauli, 2024). Die kinder- und jugendpsychiatrische Begleitung trans Jugendlicher fokussiert sich auf die Unterstützung im Umgang mit GD und psychosozialen Belastungen (Möller et al., 2018). Der Anstieg der Transidentitäten, besonders bei Mädchen und nicht-binären Personen, wird durch gesellschaftliche Veränderungen und den Einfluss sozialer Medien begünstigt. Trans Jugendliche sind besonders gefährdet für psychische Erkrankungen, bedingt durch Diskriminierung und Ablehnung. Obwohl die Nachfrage nach spezialisierter Unterstützung wächst, gibt es nur begrenzte Ressourcen und Fachkräfte. Ziel der Begleitung ist nicht die Heilung, sondern die Unterstützung im Transitionsprozess und Förderung einer gesunden Identitätsentwicklung (Pauli, 2024).
Therapeutische Ansätze für trans Jugendliche umfassen ressourcenorientierte Therapie, die psychotherapeutische Interventionen und medizinische Beratung einschließt (AWMF, 2023; Coleman et al., 2022; DGfS, 2018). KVT unterstützt den Umgang mit negativen Emotionen, während Familientherapie die Akzeptanz innerhalb der Familie fördert (Günther et al., 2021; Olson et al., 2016). Medizinische Interventionen wie die Gabe von PB und CSH können den Leidensdruck erheblich verringern, erfordern jedoch enge psychiatrische und endokrinologische Überwachung (Günther et al., 2023). Trotz begrenzter wissenschaftlicher Evidenz zur Wirksamkeit dieser Maßnahmen, insbesondere hinsichtlich langfristiger psychischer Verbesserungen, zeigen affirmative Ansätze positive Effekte auf die Selbstakzeptanz und das Wohlbefinden der Jugendlichen (Rautenberg, 2022). In der Praxis gibt es jedoch Widerstand gegen diese Ansätze, vor allem aufgrund mangelnder Schulungen und Unsicherheit der Behandler*innen gegenüber den neuen Interventionsmethoden (Zepf et al., 2024).
Die Versorgung trans Jugendlicher in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist durch den Fachkräftemangel, unzureichende spezialisierte Angebote und lange Wartezeiten gekennzeichnet. Besonders in ländlichen Gebieten ist der Zugang zu spezialisierten Behandlungszentren eingeschränkt. Es fehlt teils an spezieller Schulung für Fachkräfte, was zu Fehldiagnosen und unangemessenen Behandlungsmethoden führen kann. Medizinische Interventionen wie Hormonbehandlungen sind oft finanziell und rechtlich schwer zugänglich, was die psychische Gesundheit beeinträchtigt. Psychotherapeutische Ansätze müssen transsensible Körperwahrnehmung und familiäre Unterstützung stärker einbeziehen. Zukünftige Forschung sollte die Bedürfnisse verschiedener Subgruppen besser verstehen und maßgeschneiderte Behandlungen entwickeln (Günther et al., 2021; Holtmann, 2023; Strittmatter & Holtmann, 2020).
Die beschriebenen theoretischen und praktischen Herausforderungen verdeutlichen die Notwendigkeit, die spezifischen Anforderungen an die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgungslandschaft und speziell an Kliniken der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie zu erkennen und zu verstehen, wie diese Einrichtungen besser auf die Bedürfnisse von trans und nicht-binären Jugendlichen ausgerichtet werden können.
Ziel der vorliegenden qualitativen Studie ist es, die individuellen Bedürfnisse von trans und nicht-binären Jugendlichen in der kinder- und jugendpsychiatrischen Gesundheitsversorgung zu erfassen und die Anforderungen an die klinische Praxis zu identifizieren. Im Zentrum steht dabei die Frage: „Was braucht Klinik?“, um eine bedarfsgerechte und respektvolle Versorgung dieser Jugendlichen sicherzustellen. Die Fragestellungen, die in der Studie (mit-)beantwortet werden sollen, umfassen:
1. Welche speziellen psychosozialen Bedürfnisse müssen bei der Behandlung und Betreuung von trans Jugendlichen berücksichtigt werden?
2. Welche strukturellen und fachlichen Mängel bestehen in der aktuellen Versorgung von trans Jugendlichen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?
3. Inwiefern sind Kliniken und Fachkräfte[1] auf die Herausforderungen vorbereitet, die mit der Unterstützung von trans Jugendlichen verbunden sind?
4. Wie können Fachkräfte besser aus- und fortgebildet werden, um eine transsensible Versorgung sicherzustellen?
5. Welche interdisziplinären Ansätze sind notwendig, um die Versorgungssituation für trans Jugendliche zu verbessern?
6. Welche klinischen Interventionen und therapeutischen Ansätze sind aus Sicht der Jugendlichen selbst und ihrer Familien hilfreich und zielführend?
3. Qualitative Gesundheitsforschung
Um die individuellen Bedürfnisse von trans und nicht-binären Jugendlichen in der kinder- und jugendpsychiatrischen Gesundheitsversorgung zu verstehen und Anforderungen für die Praxis abzuleiten, bedient sich die vorliegende Arbeit einer qualitativen Forschungsstrategie aus dem Themenbereich der Gesundheitsforschung. Diese Methode ist eine interdisziplinäre Forschung aus dem Bereich der Gesundheitsforschung, die sich mit den Phänomenen von Gesundheit und Krankheit, worunter auch Veränderungen für das Gesundheits- und Versorgungssystem fallen, beschäftigt. Dabei wird die salutogene Perspektive verfolgt, die die Frage beantworten möchte, was den Menschen gesund hält. Mit ihrer dialogisch-kommunikativen und prozessorientierten Methodologie und ihren sinnverstehenden Deutungsmustern ist sie enorm geeignet, diese Phänomene unter dem Einbezug der Lebenswelt der Betroffenen zu untersuchen und besser zu verstehen (Ohlbrecht & Meyer, 2020, S. 416-417). Das qualitative Paradigma „zielt primär auf eine verstehend-interpretative Rekonstruktion sozialer Phänomene in ihrem sozialen Kontext ab, wobei es vor allem auf die Sichtweisen und Sinngebungen der Beteiligten ankommt, also darauf, was ihnen wichtig ist, welche Lebenserfahrungen sie mitbringen und welche Ziele sie verfolgen etc.“ (Döring, 2023, S. 63).
Damit ist das qualitative Forschungsdesign nach vorangegangener Auseinandersetzung mit einer methodologischen Positionierung und dem – im Folgenden beschriebenen – Erkenntnisinteresse, dessen Übersetzung in eine Fragestellung, der Bestimmung des Forschungsfeldes, des Zugangs und Samplings, der Wahl des Erhebungs- und Auswertungsverfahrens, der Möglichkeit von Generalisierbarkeit und einer grundlagentheoretischen Einbettung entworfen (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014, S. 1-10, 2019, S. 106).
3.2 Forschungsdesign und -methode
Das Forschungsdesign dieser Arbeit orientiert sich an den Prinzipien der qualitativen empirischen Sozialforschung. Dazu zählen die ganzheitliche und rekonstruktive Untersuchung lebensweltlicher Phänomene, die reflektierte theoretische Offenheit zwecks Bildung neuer Theorien, die Zirkularität und Flexibilität des Forschungsprozesses zwecks Annäherung an den Gegenstand, die Kommunikation und Kooperation zwischen Forschenden und Beforschten und die Selbstreflexion der Subjektivität und Perspektivität der Forschenden (Breuer, 2020, S. 31-35; Döring, 2023, S. 64-71). Inwiefern wissenschaftstheoretische Grundprinzipien des qualitativen Paradigmas in dieser Forschung Anwendung finden, wird im Verlauf der Arbeit erläutert. Es handelt sich um eine empirische Studie, denn es werden mit erstmalig erhobenem Datenmaterial inhaltliche Forschungsfragen bearbeitet. Sie wird der angewandten Forschung zugeschrieben, da das Erkenntnisziel auf die Lösung praktischer Probleme bzw. die Verbesserung der Versorgung gerichtet ist. Diese Arbeit wird keine spezifischen Hypothesen testen, sondern dient eher der Bildung neuer Theorien (Döring, 2023, S. 185-193), wenngleich die Prüfung bereits bestehender Theorien als Nebenprodukt unvermeidbar ist. Es wird ein exploratives, deskriptives und rekonstruktives Forschungsdesign gewählt, um wissenschaftliche Forschungsfragen und Theorien zu entwickeln (Döring, 2023, S. 193; Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014, S. 12-13) und ein tiefgehendes Verständnis der Erfahrungen und Bedürfnisse von jungen transidenten Menschen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie zu gewinnen. Qualitative Methoden sind besonders geeignet, um subjektive Sichtweisen und Lebenswelten der Betroffenen zu erfassen und zu interpretieren (Baur & Blasius, 2019; Breuer, Muckel & Dieris, 2019a; Döring, 2023, S. 181-193; Kleemann, Krähnke & Matuschek, 2013, S. 14-20; Mayring, 2020; Ohlbrecht & Meyer, 2020, S. 420-426; Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2019, S. 105-111; Reichertz, 2019).
Das Erkenntnisinteresse, das dem qualitativen Forschungsstil zugrunde liegt und sich auf natürliche Phänomene richtet, erschließt sich aus der Arbeit der Autorin, die sich unmittelbar im klinischen Forschungsfeld befindet und deren Interesse darauf zielt, in diesem Feld „alltags- bzw. lebensweltliche Probleme und Prozesse, sowie deren Ausdruck in den Sichtweisen, Aus-/Handlungs- und Präsentationsformen der involvierten Akteure.“ (Breuer, 2020, S. 31) zu analysieren, subjektive, kollektive Deutungsmuster, Strukturen, Regeln und Sinnzusammenhänge zu rekonstruieren (Ohlbrecht & Meyer, 2020, S. 417) und zu vergleichen. Hinzu kommt eine persönliche Affinität zu qualitativer Forschung aufgrund positiver Vorerfahrungen und die erhöhte mediale Aufmerksamkeit, die dem Thema Transidentität aktuell zuteil wird. Hinsichtlich eines Verständnisses des Subjekts als Konstrukteur seiner eigenen Wirklichkeit (Schulze, 2020; Schütze, 1983) lautet die präzisierte Forschungsfrage: „Welche spezifischen Bedürfnisse müssen bei der Behandlung und Betreuung von trans und nicht-binären Jugendlichen in der kinder- und jugendpsychiatrischen Gesundheitsversorgung berücksichtigt werden und welche Anforderungen an die klinische Praxis können identifiziert werden?“. Somit wurde eine Fragestellung bestimmt, die es erlaubt, rekonstruktiv zu forschen und mit der gewählten methodologisch qualitativen Vorgehensweise und ihren zirkulären Elementen angemessen und sinnvoll – auf Grundlage der Rekonstruktion von sozialem Sinn – auch bearbeitet werden kann (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014, S. 4, 2019, S. 106-110) und dem Prinzip reflektierter theoretischer Offenheit folgt.
Das Forschungsfeld wurde aus Pragmatismus und der Überlegung, wo das geeignetste (Daten-)Material aufzufinden ist (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014, S. 7), in erster Linie auf trans Jugendliche mit Erfahrungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eingegrenzt, die als Expert*innen in eigener Sache, als Konstrukteure ihrer subjektiven Wirklichkeit, am ehesten Belege dazu liefern können, wie sie die Versorgung im Kontext Klinik erlebt haben, welche Bedürfnisse erfüllt wurden und/oder unerfüllt blieben, und ihren Beitrag dazu leisten können, die Kernfrage „Was braucht Klinik“ zu beantworten.
Ist das Forschungsfeld abgesteckt, gilt es zu klären, welche Form der Erhebung das aufschlussreichste Material zutage fördert und mit welchem Auswertungsverfahren deren Ergebnisse bestens erbracht werden können. Die Wahl der Erhebungsform korreliert eng mit dem Erkenntnisinteresse, dem Forschungsfeld und dem Auswertungsverfahren (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014, S. 7-10). Diese Frage rückt in den nachfolgenden Kapiteln detaillierter in den Fokus. Die Idee ist, die formulierte Forschungsfrage mithilfe narrativer Interviews mit trans und nicht-binären Jugendlichen zu beantworten, um praxisorientierte und bedarfsgerechte Handlungsempfehlungen ableiten zu können, die zur Verbesserung der gesundheitlichen Versorgungssituation dieser Jugendlichen in den Kliniken der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie beitragen.
Um das in qualitativen Studien idealtypische Prinzip der Zirkularität und Flexibilität des Forschungsprozesses zwecks Annäherung an den Untersuchungsgegenstand besser verständlich zu machen, dient Abbildung 3 einer Standortbestimmung und Visualisierung des zirkulären Vorgehens in dieser Forschungsarbeit.

Abbildung 3: Schematische Darstellung des qualitativen Forschungsprozesses
Quelle: Eigene Darstellung, modifiziert nach Döring, 2023, S. 27
- Arbeit zitieren
- Sandra Warnken (Autor:in), 2025, Transgender in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eine qualitative Studie mit dem Fokus auf "Was braucht Klinik?", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1599950