Wie die Umwelt Kinder und Jugendlichen Sexualität "lehrt" und wie es in der Schule "richtig" geht


Examensarbeit, 2010

62 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begründung der Themenwahl

3. Theoretische Vorüberlegungen
3.1 Definition Sexualerziehung
3.2 Verantwortliche Instanzen

4. Umwelt als Einflussfaktor im Zusammenhang mit Sexualerziehung
4.1 Definition ÄUmwelt“
4.2 Familie
4.3 Peers/ Freunde
4.4 Bildschirmmedien
4.4.1 Fernsehen
4.4.2 Internet
4.5 Zeitschriften/ Magazine

5. Wirken von Massenmedien im Schulalltag
5.1 Auswirkungen
5.2 Verbesserungen

6. Voraussetzungen
6.1 Rahmenplan Sexualerziehung
6.2 Institutionelle Ausgangsbedingungen
6.3 Häusliche Situation

7. Didaktische Überlegungen
7.1 Bedeutung für die Schüler
7.2 Bedeutung für das Fach
7.3 Bedeutung für die Gesellschaft

8. Didaktisch-methodische Überlegungen
8.1 Herangehensweise
8.2 Zusammenarbeit mit dem Elternhaus
8.3 Zusammenarbeit mit weiteren Institutionen
8.4 Exemplarisches Material

9. Lern- und Leitziele der Sexualerziehung

10. Schlussbetrachtung und Ausblick

11. Literatur- und Medienverzeichnis

12. Anhang

1. Einleitung

‚Der Lehrer hat den Kindern in der Schule als Aufsatzthema gegeben: ÄDie Herkunft meiner Familie“. Zu Hause fragt Lissy ihren Vater: ÄPapa, wo bin ich hergekommen?“ Der Vater überlegt nicht lange: ÄDich hat der Storch gebracht, das weißt du doch.“ ÄUnd wo bist du hergekommen?“ ÄNa, mich hat auch der Storch gebracht.“ ÄUnd Oma?“ ÄAlso, die hat natürlich auch der Storch gebracht!“ Ein paar Tage später liest der Lehrer der Klasse den Aufsatz von Lissy vor: ÄSeit Generationen hat es in unserer Familie keine normale Geburt mehr gegeben."‘

Auch wenn das soeben zitierte Geschehen auf einem Witz basiert, zeigt es jedoch deutlich, dass Eltern ihren Kindern eher eine falsche Erklärung geben, anstatt sich einem noch immer unangenehmen Thema zu stellen. Geht man auch heutzutage von einer gesellschaftlich toleranteren Einstellung zur Sexualität aus, so heißt dies nicht, dass diese frei von Wertung ist. Oftmals bekommen Kinder in diesem Zusammenhang das Gefühl ÄDarüber spricht man nicht!“1. Sexualerziehung ist seit der Kultusministerkonferenz (KMK) vom 03.10.19682Teil des Lehrplans einer jeden Grund- und weiterführenden Schule. Auch wenn Sexualerziehung unterrichtet wird, so haben Studien gezeigt, dass das wirkliche Wissen die Sexualität betreffend gerade bei Jugendlichen doch eher gering ist.3Da das Einsetzen der Pubertät gegenwärtig immer früher beginnt, bei Mädchen bereits im Alter zwischen acht und 14 Jahren4, ist es ratsam bereits im Grundschulalter mit dem Sexualunterricht zu beginnen. Allerdings trifft diese Ansicht nicht bei jedem auf Zustimmung. Zu groß ist die Angst, dass Kinder durch Aufklärung in der Grundschule auf die Idee kommen könnten noch früher sexuelle Erfahrungen sammeln zu wollen. Jedoch zeigt sich, dass eine Partnerschaft und die dazu gehörenden Gefühle immer noch maßgeblich an Sexualität beteiligt sind.5Des Weiteren liegen die Ursachen für das Sammeln von

sexuellen Erfahrungen nicht an der angeblich zu frühen Aufklärung, sondern an äußeren Einflüssen wie das Geschlecht, Bildung, Familie, das nähere Umfeld (vor allem die Massenmedien), sowie die Charaktereigenschaften der betreffenden Person selbst.6Gerade aus der Tatsache heraus, dass Kinder und Jugendliche so vielen Einflussfaktoren ausgesetzt sind, macht die schulische Sexualaufklärung unabdingbar. Fände diese nicht statt, würden sich viele Schüler mit ihren Gefühlen und ihrer natürlichen Neugier allein gelassen fühlen.

Obwohl bzw. gerade weil Sexualerziehung von enormer Wichtigkeit ist, ist das Unterrichten mit großem Aufwand, eventuellen Schwierigkeiten und vor allem sorgfältiger Vorbereitung verbunden. Hier geht es über das biologische Faktenwissen hinaus. Die unterrichtende Lehrperson muss sich vollkommen auf die Schüler einlassen und in der Lage sein, auch ihr unangenehme Fragen zu beantworten. So kann selbst der Lehrer oder die Lehrerin etwas bei diesem Lernprozess über sich erfahren.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich sowohl mit den oben genannten äußeren Einflussfaktoren als auch mit didaktischen und methodischen Hinweisen und Anregungen, wie Sexualerziehung in der Schule aussehen könnte, um Kindern und Jugendlichen die Chance zu geben Fragen zu stellen und ihr natürliches Interesse die eigene Sexualität betreffend zu stillen. Für manche Schüler ist die Schule sogar die einzige Möglichkeit sich diesbezüglich auszutauschen.

Im folgenden Kapitel wird die Themenwahl für diese Examensarbeit begründet. Anschließend wird in den theoretischen Vorüberlegungen versucht den Begriff ÄSexualerziehung“ zu definieren und geklärt, wer die verantwortlichen Instanzen sind. Im Zusammenhang mit Sexualerziehung soll die Umwelt von Kindern und Jugendlichen als Einflussfaktor bestimmt werden. Dazu gehört, dass diese zunächst definiert und anschließend in einzelne Teilbereiche gegliedert werden. Das darauf folgende Kapitel stellt mögliche Auswirkungen der Massenmedien auf Kinder und Jugendliche vor. Es soll jedoch nicht nur auf die Konsequenzen aufmerksam gemacht werden. Vielmehr finden sich hier auch Hinweise, wie Medien in der Schule eingesetzt werden können, um Schüler kritischer bezüglich dem zu machen, was ihnen im Alltag begegnet.

Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Schulsituation selbst. So werden zunächst der Rahmenplan und mögliche Ausgangsbedingungen, wie die schulische Institution und die häusliche Situation vorgestellt, um die Voraussetzungen zu klären, die für eine erfolgreiche Sexualerziehung benötigt werden. Anschließend wird der Blick auf die Schüler, die Gesellschaft sowie auf das Fach selbst gerichtet. Hier soll die Rolle der einzelnen Beteiligten geklärt werden. Das achte Kapitel besteht aus didaktisch-methodischen Überlegungen und begründet, inwiefern eine Zusammenarbeit mit den Eltern der Schüler und außerschulischen Organisationen für den Unterricht förderlich ist. Die Lernziele der Sexualerziehung werden darauf folgend erläutert. In der Schlussbetrachtung werden die bisherigen Kapitel zusammengefasst, woraufhin das Literatur- und Medienverzeichnis mit dem Anhang den Abschluss der vorliegenden Arbeit bilden.

2. Begründung der Themenwahl

Wenn Jungen in den großen Pausen den Mädchen hinterher rennen, um sie zu ärgern, diese sich beim Lehrer beschweren, jedoch trotzdem in ihrer Nähe bleiben, so ist das etwas alltägliches. Zu Beginn der Grundschulzeit finden Mädchen Jungen doof und umgekehrt. Diese Meinung ändert sich meistens im Laufe der darauf folgenden vier Jahre.

Oft begegnen Grundschüler gerade auf dem Schulhof neuen Begriffen. Stolz präsentieren sie ihre neu erlernten Ausdrücke, die sie entweder im Fernsehen oder von anderen Kindern aufgeschnappt haben.

Dies sind zwei Beispiele dafür, dass es wichtig ist, Kinder darüber aufzuklären, woher dieses neu entdeckte Interesse und ihr starkes Bedürfnis nach Anerkennung kommen. Grundschüler werden aufmerksam auf Dinge, die Erwachsenen unangenehm sind. Sie Äverfügen über gute Antennen, mit denen sie die unbewussten Probleme, Ängste, Irritationen der Erwachsenen erfühlen.“7. Dementsprechend stellen sie Fragen und wollen den Grund dafür wissen, warum einige Erwachsene über bestimmte Themen nicht gerne sprechen. Da sich die Neugier und das Interesse von Kindern bezüglich ÄErwachsenenthemen“ unterschiedlich schnell entwickeln, ist es wichtig Kinder Hilfestellung anzubieten. Es mag Eltern geben, die Angst haben ihre Kinder könnten zu früh sexuell aktiv werden, indem sie bereits früh aufgeklärt werden. Aber gerade Unwissenheit schützt nicht vor Fehlern. Vielleicht würde es Kinder und Jugendliche geben, die die Dinge, die sie hören und (vielleicht im Fernsehen) sehen, ausprobieren ohne zu wissen, was sie da eigentlich tun. Werden sie aufgeklärt, können sie selbst entscheiden, was für sie richtig und falsch ist. Außerdem ist Sexualerziehung mehr als Geschlechtsverkehr. Es geht darum Schülern zu zeigen, dass Sexualität viel mit Liebe, Zärtlichkeit und Gefühlen zu tun hat. Des Weiteren ist es eine Chance für Kinder und Jugendliche, sofern es sich um einen guten Unterricht handelt, ihre Fragen beantwortet zu bekommen, die sie sich an anderer Stelle eventuell nicht trauen zu stellen.

Das Thema der Examensarbeit wurde gewählt, um auf mögliche Missstände aufmerksam zu machen und um zu betonen, inwiefern eine gute und erfolgreiche sexuelle Aufklärung nötig ist. Die Arbeit soll Sexualerziehung als etwas Positives darstellen und versuchen dessen negativ behaftetes Bild zu entschärfen, in der] Hoffnung, dass Lehrer zukünftig ungehemmter und selbstbewusster mit dem Thema der Sexualerziehung umgehen und dieses verteidigen.

3. Theoretische Vorüberlegungen

3.1 Definition Sexualerziehung

Im Jahre 1968 fand die Kultusministerkonferenz (KMK) statt, in deren Beschluss festgelegt wurde, in welchem Rahmen Sexualerziehung in der Schule gelehrt werden darf bzw. wer für die Aufklärung von Kindern und Jugendlichen verantwortlich ist. Zunächst bestimmte die KMK den Begriff der Sexualerziehung und definierte diesen wie folgt: ÄSexualerziehung als Erziehung zu verantwortlichem geschlechtlichen Verhalten ist Teil der Gesamterziehung. Sie ist notwendig, um die individual- und sozialethischen Aufgaben der Erziehung zu erfüllen.“8.

Um festzustellen, ob sich seit 1968 die Vorstellung von Sexualerziehung geändert hat, sollen an dieser Stelle weitere Definitionen vorgestellt werden. Zumal mehrere Betrachtungsweisen angebracht sind, um sich einen Gesamteindruck verschaffen zu können. So definiert beispielsweise die Biologie Sexualerziehung anders als die pädagogische Seite. ÄUrsprünglich ist Sexualität ein biologisches Phänomen, das bei Pflanzen, Tieren und beim Menschen die zweielterliche Fortpflanzung und damit Variabilität und Individualität in der Nachkommenschaft ermöglicht.“9Betrachtet man nun aber die pädagogische Seite der Sexualität, so wird diese, wie folgt, definiert: ÄSexualerziehung ist jene Form der (sexuellen) Sozialisation, die international, d.h. geplant und pädagogisch begründet vorgeht…“10. Wenn von Sozialisation gesprochen wird, ist in diesem Sinn die Rede von den Faktoren, die Kinder und Jugendliche Äim Sinne einer sozialen Anpassung beeinfluss[en]“.11Dabei werden Ägrundlegende körperliche und seelische Veränderungen, die mit dem Erwachsenwerden zusammenhängen“12 thematisiert und Ävon denjenigen Bezugspersonen geleistet, die reflektiert und zielbewusst Einfluss auf ein Kind nehmen.“13.

Bei der Thematisierung von Sexualität wird prinzipiell zwischen ÄSexualerziehung“ und ÄSexualunterricht“ unterschieden. Wie das Wort bereits erahnen lässt, geht es bei der Sexualerziehung um die Äkontinuierliche, intendierte Einflussnahme auf die Entwicklung sexueller Motivationen, Ausdrucks- und Verhaltensformen sowie von Einstellungs- und Sinnaspekten der Sexualität von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“14. Der Sexualunterricht fungiert wiederum als reine Wissensvermittlung. So werden beispielsweise lediglich die in der Pubertät geschehenen Veränderungen und Vorgänge erklärt.15 Zwar werden Schüler, basierend auf biologischem Faktenwissen, aufgeklärt, die emotionale Seite dieser Veränderungen wird jedoch außen vorgelassen. Eine reine Wissensvermittlung reicht allerdings nicht aus, da gerade die Veränderungen, die Heranwachsende durchlaufen, Angst machen können. Schüler brauchen Bezugspersonen, die ihnen Antworten liefern, wenn ihnen kein anderer zuhört bzw. sie sich nicht trauen ihre Eltern zu fragen. Es ist daher von enormer Bedeutung den negativen Gefühlen entgegen zu wirken, indem eine Lehrperson auch die emotionale Seite der in der Pubertät geschehenen Vorgänge anspricht. An diesem Punkt wirkt die Sexualerziehung. Da es sich um eine gezielte Einflussnahme handelt, die vor allem die gefühlsbetonte Seite betrachtet, bietet es sich an, diese fächerübergreifend zu unterrichten. Außerdem findet ÄErziehung“ im schulischen Sinne nicht bloß in einem Fach statt, sondern ganzheitlich in der gesamten Schule. Da es sehr viele, auch umfangreiche, Definitionen zur Thematik gibt, die die verschiedenen Aspekte der Sexualität aufgreifen, beinhaltet die Folgende alle, so dass man zusammenfassend sagen kann, dass Sexualerziehung die Äkontinuierliche Einflussnahme durch gelenkte Lernprozesse auf die Entwicklung menschlicher Sexualität [ist]. Im Mittelpunkt des erzieherischen, d.h. zielorientierten Handelns stehen die Einstellungen und Verhaltensweisen, Gefühle, Einsichten [und Kenntnisse] des Zu-Erziehenden. mit Sexualerziehung bezeichnet man also das gesamte Feld der geplanten Förderung der Sexualität eines Menschen auf allen Altersstufen, das sich als einen Teilbereich der gesamterzieherischen Bemühungen begreift: Familie, Ersatzfamilie, Kindertagesstätte, Kindergarten, Schule u.a.“16.

3.2 Verantwortliche Instanzen

Da Sexualerziehung nicht mit einem bestimmten Alter abgeschlossen ist, sondern es sich um einen langjährigen Prozess handelt, sind nicht nur die direkten Bezugspersonen maßgeblich an diesem beteiligt. Zwar haben Eltern großen Einfluss auf das Verhalten ihrer Kinder bezüglich ihrer Sexualität, jedoch sind diese im sexualerzieherischen Sinn lediglich eine Instanz von vielen. So beeinflussen Freunde, Schule sowie die Medien, in all ihren Facetten, die Einstellung eines Menschen in erheblichem Maße, wie die folgende Abbildung verdeutlicht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. Bezugspunkte menschlicher Sexualität17)

In diesem Kapitel sollen drei verantwortliche Instanzen näher beleuchtet werden: Eltern, Schule und insbesondere die Lehrperson, die Sexualerziehung unterrichtet und unmittelbar mit der sexuellen Neugier und den Interessen der Schüler in Berührung kommt.

In den KMK-Empfehlungen von 1968 ist schriftlich festgehalten worden, dass Sexualerziehung vorrangig die Aufgabe der Eltern ist.18Diese haben in erster Linie den Erziehungsauftrag und sind dafür verantwortlich, dass ihre Kinder zu verantwortungsbewussten und selbstständigen Individuen heranwachsen. Jedoch sorgt das Thema der Sexualität für unterschiedliche Meinungen.

Fest steht jedoch, dass Kinder bezüglich der Sexualität von zu Hause beeinflusst werden. Die Reaktionen der Eltern auf sexuelle Fragen sind prägend und können die Heranwachsenden positiv darin bestärken ihrer Neugier zu folgen oder aber auch negativ beeinflussen, indem ihnen verboten wird darüber zu sprechen. Für die einen Eltern mag es kein Problem sein über Sexualität zu sprechen. Manche mögen ihre Kinder sogar dazu ermutigen, darüber zu diskutieren.

Auf der anderen Seite gibt es allerdings auch Haushalte, in denen das Sprechen über Sexualität tabu ist. Einige Eltern mögen sich nicht trauen ihre Kinder aufzuklären, aus Angst, sie könnten falsche Informationen vermitteln. Andere mögen aber auch generell Hemmungen haben, da sie vielleicht selbst nicht von ihren Eltern aufgeklärt wurden. So sind manche vielleicht froh, die Aufklärung der Schule überlassen zu können oder fühlen sich auf der anderen Seite eventuell auch in ihrem Erziehungsauftrag eingeschränkt. Fakt ist jedoch, dass Ä[die] Schule […] auf Grund ihres Bildungs- und Erziehungsauftrages verpflichtet [ist], bei [der Sexualerziehung] mitzuwirken.“19. Wäre dies nicht der Fall, würden sich die Schüler und Schülerinnen höchstwahrscheinlich mit ihren Fragen und Erlebnissen allein gelassen fühlen. Tagtäglich begegnen sie anderen Kindern und Jugendlichen, die ihre neu erlernten Ausdrücke, die sie irgendwo aufgegriffen haben, weitergeben ohne zu wissen, was sie eigentlich bedeuten. Gerade an dieser Stelle muss die Schule die Möglichkeit bieten, sie Äaufzufangen“ und ihnen zu erklären, was es mit ihren neu gewonnen Informationen auf sich hat. Findet beispielsweise ein Vorfall statt, der unmittelbar mit dem Thema der Sexualität zu tun hat, kann dieser sofort in der Schule besprochen und erläutert werden. Lehrpersonen wissen, wie der Alltag einer Schule abläuft, wohingegen Eltern es nur vermuten können. Daher sind es auch die Lehrpersonen, die die Alltäglichkeiten besser erklären können.

ÄSexualerziehung [hat] in der Schule andere Voraussetzungen und Formen als im Elternhaus […], obwohl sie das gleiche Ziel anstrebt.“20

Die Institution Schule hat sich zur Aufgabe gemacht ÄKlarheit und Ordnung in die vielfältigen Eindrücke vom Zusammenleben der Geschlechter und in die vielfältigen Bilder von sexueller Lust [zu] bringen.“21. Sie muss dementsprechend für Personal sorgen, welches sich in der Lage sieht und über genügend Erfahrung verfügt, die Verantwortung in der Sexualerziehung zu übernehmen.

Doch genauso wie es Eltern geben mag, die Hemmungen haben ihre Kinder aufzuklären, so mag es auch einige Lehrer oder Lehrerinnen geben, die Vorbehalte gegen Sexualerziehung haben bzw. sich nicht im Stande sehen diese zu unterrichten. Allerdings ist verwunderlich, dass in manchen Bundesländern Sexualerziehung für alle Lehrpersonen verpflichtend ist22, wenn dieses Unterrichtsfach doch Hemmungen und Zwänge abbauen soll.

Heutzutage gibt es zahlreiche Anleitungen und Materialien, die das Unterrichten erheblich erleichtern. Auch wenn es einer Lehrperson unangenehm sein sollte Sexualerziehung zu unterrichten, so sollte es jedoch auch in ihrem Sinne sein die Schüler mit ihren Gedanken und Erlebnissen nicht allein zu lassen. Gerade in der heutigen Zeit begegnen wir immer wieder sexuellen Anspielungen, sei es auf Plakaten in der Stadt, in der Werbung, auf den Titelblättern von Zeitschriften oder im Internet. Ein Lehrer oder eine Lehrerin sollte seine eventuelle Pflicht Sexualerziehung zu unterrichten daher eher als Chance sehen. Mit dem Wissen, dass Kinder und Jugendliche der Gesellschaft und dem Medienkonsum ausgesetzt sind, hat die Lehrkraft die Möglichkeit daraus etwas Positives zu machen, indem sie gemeinsam dieses Thema mit den Schülern bearbeitet. Auf Grund des oft doch recht straffen Zeitplans im Rahmenplan, wird in der Sexualerziehung Zeit für die Fragen der Kinder und Jugendlichen eingeräumt. So bekommen nicht nur die Schüler die Möglichkeit ihr Wissen durch das sich gegenseitige Austauschen zu erweitern. Auch die Lehrkraft erfährt dadurch mehr von den Schülern selbst und ist vielleicht sogar in der Lage von ihnen zu lernen. Allerdings ist nicht nur der Austausch unter den Schülern von Bedeutung. Gerade der Erfahrungsaustausch unter den Kollegen23, die sich ebenfalls mit dem heiklen Thema auseinandersetzen müssen, kann die Lehrkraft in ihrem Selbstbewusstsein bezüglich des Unterrichtsfaches stärken.

In ihrer Funktion als Vorbild bzw. Modell24, muss sie sich von Anfang an klare Ziele setzen, da sie großen Einfluss auf Kinder und ihren Schulalltag hat. Ganz besonders muss sie darauf achten inwiefern sie ihre eigene Meinung dar legt. ÄWertungen und Urteile der Lehrerin oder des Lehrers müssen sehr behutsam erfolgen und als solche gekennzeichnet werden […]“25, denn ÄKinder sind nicht zu kritischer Distanz fähig“26. Hinzu kommt, dass ein Indoktrinationsverbots27herrscht, welches verbietet Schüler von subjektiven Meinungen zu überzeugen. Daher ist es auch ratsam Fragen bezüglich des Privatlebens der Lehrperson zu umgehen.28

Wie bereits angedeutet, handelt es sich bei der Sexualerziehung nicht ausschließlich um reine Informationsvermittlung, sondern auch um Sensibilisierung. Gerade bei heiklen Themen wie Sexualität benötigt die Lehrkraft ein feines Gespür für die Schüler sowie Äein besonderes Verantwortungsbewusstsein und Taktgefühl“29. Jedes Kind entwickelt sich zu seinen eigenen Bedingungen. Um diese Entwicklung nicht zu gefährden bzw. sie zu unterstützen, sollte die Lehrkraft als Ansprechpartner30fungieren und den Schülern anbieten auch außerhalb des Klassenraumes für weitere Fragen offen zu sein. Es bietet sich ebenfalls an, eine männliche Bezugsperson zur Verfügung zu stellen, da einige Jungen Hemmungen haben könnten, sich mit ihren Fragen an eine weibliche Lehrperson zu wenden. Des Weiteren ist der Lehrer oder die Lehrerin dafür verantwortlich ein angenehmes und vertrauensvolles Klassenklima zu schaffen. Ist weder Toleranz noch Respekt unter den Mitschülern vorhanden, wird kaum ein effektives Lernen stattfinden können, da die grundlegenden Voraussetzungen für eine erfolgreiche Sexualerziehung nicht gewährleistet sind. Dazu zählt auch, dass die Autoritätsperson damit rechnen muss, dass gerade Grundschulkinder schlagfertig und unberechenbar sind.31Bemerken Schüler, dass der Lehrkraft etwas unangenehm ist, werden sie dies nicht automatisch beenden, im Gegenteil. Kinder probieren sich aus. Sie testen ihre Grenzen und versuchen durch verbale Äußerungen Reaktionen hervor zu rufen. Damit solch eine Situation der Lehrkraft nicht aus der Hand gleitet, muss sie vorbereitet sein und jederzeit mit dem Unerwarteten rechnen. Sie muss Schülern Grenzen setzen, ihnen jedoch auch die Möglichkeit geben sich außerplanmäßig mitzuteilen.

Sexualerziehung will mehr als bloß vermitteln. Vermutlich gibt es, neben dem Religionsunterricht, kein weiteres Fach, bei dem die Meinungen so sehr auseinander gehen. Daher ist es von Vorteil und eine dringende Notwendigkeit sich mit allen an diesem Erziehungsprozess Beteiligten auszutauschen, um gemeinsame Ziele sowie mögliche Probleme zu besprechen, die während der Aufklärungsphase erreicht werden sollen bzw. entstehen könnten.

4. Umwelt als Einflussfaktor im Zusammenhang mit Sexualerziehung

4.1 Definition „Umwelt“

Zwar sind die Eltern sowie die Schule aktiv am Erziehungsprozess eines Kindes beteiligt, jedoch gibt es weitere Faktoren, die das tägliche Leben beeinflussen. Diese werden in dieser Arbeit als Umwelt bezeichnet. An dieser Stelle soll der Umweltbegriff jedoch genauer definiert werden.

Je jünger Kinder sind, desto abhängiger sind sie von ihren Bezugspersonen. Mit zunehmendem Alter werden sie allerdings selbstständiger und unabhängig, es findet der sogenannte Ablöseprozess32statt. Während dieses Prozesses werden Freunde als Ansprechpartner bevorzugt und die bisherigen Informationsquellen durch Medien ersetzt. Das heißt jedoch nicht, dass Eltern nicht mehr gebraucht werden. Kinder und Jugendliche tauschen sich lediglich vorrangig mit ihren Freunden aus und suchen Antworten auf eventuelle Fragen in den Medien, da sich die Interessen von Kindern und Jugendlichen sich im Laufe der Zeit wandeln. Sie konzentrieren sich auf Dinge, von denen sie ausgehen, ihre Eltern würden sie nicht verstehen, denn Heranwachsende kennen ihre Eltern nur in der Funktion als Erziehende. Vermutlich bedenken Kinder und Jugendliche nicht, dass ihre Eltern selbst einmal Kinder waren. Stattdessen wenden sie sich an Personen in ihrem Umfeld, die über einen ähnlichen Hintergrund verfügen und mit denen sie Äsich auf gleicher Erfahrungsbasis über Gefühle“33austauschen können. Studien haben gezeigt, dass Medien eine nicht weniger bedeutende Rolle im Leben von Kindern und Jugendlichen spielt. Im Gegenteil, sie gewinnen immer mehr an Bedeutung. Zeitschriften dienen als Quelle für das Füllen von Wissenslücken und die Schauspieler einer Seifenoper zeigen, wie man sich am Besten in bestimmten Situationen verhält.34Dass sowohl sexuelle Botschaften in Zeitschriften als auch sexuelle Darstellungsweisen im Fernsehen den Begriff der Sexualität eher verschleiern und ein falsches Bild diesbezüglich vermitteln, steht außer Frage. Umso wichtiger ist es daher der Frage nach zu gehen, wo Heranwachsende Antworten auf ihre Fragen suchen, um festzustellen und gemeinsam zu klären, wo der Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion liegt.

Die vorliegende Arbeit meint mit dem Umweltbegriff daher auch immer gleichzeitig die unmittelbare Umgebung von Kindern und Jugendlichen.

4.2 Familie

Die Familie ist eine Institution, in der deren Kinder zu selbstständigen Erwachsenen erzogen werden. Die Eltern sind als direkte Bezugspersonen dafür verantwortlich, dass die Heranwachsenden alles Nötige erhalten, um später als Erwachsene ein eigenständiges Leben in der Gesellschaft führen zu können. Dazu zählen nicht nur die Grundbedürfnisse, die ein Mensch braucht, um zu überleben, sondern auch Werte und Normen. Die Familie Äist [,] gekennzeichnet durch Intimität und Privatsphäre, Merkmal der Emotionalität und der asymmetrischen Grundstruktur der Kommunikation zwischen Eltern und Kind.“35. Da Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen auf die Familie zurück zu führen sind, lässt sich erkennen, welche Rolle Sexualität im Elternhaus eines Kindes oder Jugendlichen spielt. Diese beginnt bereits mit der Geburt. Schon von da an herrschen bestimmte Rollenverteilungen bzw. -klischees, sowohl innerhalb der Familie als auch in der Gesellschaft. So wird ein Junge beispielsweise anders erzogen als ein Mädchen. Es werden automatisch Ansprüche und Erwartungshaltungen gestellt, die sich dementsprechend auf die Erziehung eines Kindes auswirken.36

Ein weiterer Aspekt betrifft den Umgang der Eltern mit anderen. Eltern dienen als direkte Vorbilder. Sie zeigen auf, wie man in einer Gemeinschaft lebt, dadurch erfahren sie, wie man psychisch und physisch miteinander umgeht. Dieses Verhalten hat bestimmte Erscheinungsformen. Kinder machen sich diese zu Eigen und verinnerlichen es als ihr Leitbild für spätere Beziehungen.

[...]


1Milhoffer (2000), S. 26

2Vgl. http://www.nibis.de/nli1/gesund/gf_schule/erlasse/konferenz/sexual/index.html

3Vgl. Grob (2003), S. 86

4Vgl. Kluge (2006)

5Vgl. Grob (2003), S. 83

6Ebd., S. 84

7Marquardt-Mau (2000), S. 27

8 http://www.nibis.de/nli1/gesund/gf_schule/erlasse/konferenz/sexual/index.html

9Eschenhagen, S. 109

10Ebd., S. 110

11Etschenberg, S. 22

12Ebd., S. 74

13Eschenhagen, S. 110

14Sielert, S. 15

15Vgl. Eschenhagen, S. 116

16Kluge (1998), S. 17

17Kluge (1995), S. 20

18Vgl. http://www.nibis.de/nli1/gesund/gf_schule/erlasse/konferenz/sexual/index.html

19Ebd.

20Ebd.

21Etschenberg (2000), S. 12

22Vgl. Eschenhagen/ Kattmann/ Rodi (2008), S. 119

23Vgl. Ebd.

24Vgl. Etschenberg (2000), S. 23

25Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, S. 18

26Etschenberg (2000), S. 34

27Vgl. Staeck (2009), S. 337

28Vgl. Etschenberg (2000), S. 34

29Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, S. 18

30Vgl. Marquardt-Mau (2000), S. 29

31Vgl. Krick (1998), S. 102

32Vgl. Milhoffer (2000), S. 123

33Ebd., S. 128

34Vgl. Ebd., S. 129

35Kluge (1998), S. 138

36Vgl. Etschenberg (2000), S. 21

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Wie die Umwelt Kinder und Jugendlichen Sexualität "lehrt" und wie es in der Schule "richtig" geht
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
62
Katalognummer
V160348
ISBN (eBook)
9783640742349
ISBN (Buch)
9783640742660
Dateigröße
1972 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität, Sexualerziehung, Sexualkunde, Sexualerziehung in der Grundschule
Arbeit zitieren
Marni Rudolph (Autor), 2010, Wie die Umwelt Kinder und Jugendlichen Sexualität "lehrt" und wie es in der Schule "richtig" geht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160348

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wie die Umwelt Kinder und Jugendlichen Sexualität "lehrt" und wie es in der Schule "richtig" geht



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden