Doping im Spiegel aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und Interventionsmaßnahmen


Examensarbeit, 2010
88 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungen

1. Einleitung

2. Leistungssport und beeinflussende Faktoren
2.1 Prinzipien des Leistungssports
2.2 Der Leistungssport und seine Umfeldakteure
2.3 Nutzenverschränkungen

3. Doping in Sport und Gesellschaft
3.1 Doping im Leistungssport
3.2 Doping im Breitensport
3.3 Doping in der Gesellschaft bzw. im nicht-sportlichen Kontext

4. Exkurs: Gendoping
4.1 Medizinische Hintergründe
4.2 Ansatzpunkte für Gendoping
4.3 Nachweisbarkeit des Gendopings

5. Die Entwicklung der internationalen Anti-Doping-Politik
5.1 Die Ursprünge der Anti-Doping-Politik in den Jahren 1960-1980
5.2 Die internationale Harmonisierung der Anti-Doping-Politik
5.3 Die Anti-Doping-Politik seit Einführung der World Anti-Doping Agency (WADA)

6. Interventionsmaßnahmen
6.1 Aktuelle Maßnahmen und deren Mängel
6.2 Alternative Anti-Doping-Maßnahmen
6.3 Die Freigabe von Doping
6.4 Schlussfolgerungen

7. Fazit

Literatur

Abbildungen

Abbildung 1: Das Doping-Dilemma

1. Einleitung

Alle vier Jahre kehrt sie zurück, die größte Sportveranstaltung der Welt - Olympia. Aus- tragungsort der Olympischen Winterspiele 2010 ist Vancouver, Kanada. Der Sport mit seinen hervorragenden Möglichkeiten, sich körperlich zu betätigen und sich mit anderen zu messen, macht einen großen Teil meines Lebens aus. Neben der aktiven Ausübung ver- folge ich leidenschaftlich gern sportliche Großveranstaltungen im Fernsehen und, wenn möglich, auch live. Bei mir und auch bei vielen anderen Menschen löst der Sport allein beim Zuschauen eine faszinierende Spannung aus, so auch bei Olympia. Dennoch wurde die Vorfreude auf dieses Ereignis von negativen Schlagzeilen überschattet. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verweigerte 30 Athleten die Teilnahme an den Winterspielen, weil sie im Vorfeld positiv auf Dopingsubstanzen getestet wurden.[1] ‚Nun gut…‘, denke ich mir, ‚zum Glück haben sie die erwischt. Die Spiele können beginnen.‘ Am Donnerstag, letzter Woche, hatte es mich gepackt, das Fieber. Bis 4 Uhr morgens schaute ich Olympia; es war einfach zu spannend. Super-Kombination der Damen, Gold für Maria Riesch (GER). Curling der Damen, Deutschland gegen Kanada, die Gastgeber haben gewonnen. Danach Snowboard Halfpipe der Damen. Gefolgt von Eishockey - Schweiz gegen Kanada - ein Duell wie David gegen Goliath. Beinahe hätte der Teamgeist der Schweizer die herausragenden Individualisten der Eishockeynation Kanada besiegt. Anschließend Skeleton - noch nie gesehen, aber atemberaubend - mit 145 Km/h bäuchlings, kopfüber durch den Bobkanal und Deutschland vorn dabei.

Zwischendurch erfolgte die Bekanntgabe, dass beim Biathlon Einzelrennen der Damen eine Läuferin aus Kasachstan die Silbermedaille holte. Der Moderator sagte: „Diese Frau hatte niemand auf der Rechnung." Und schon war er wieder da, der Gedanke: ‚Die hat doch gedopt, aber wie konnte sie nur durch die Dopingkontrolle kommen? Hatte sie viel- leicht schon dieses neue Gendoping praktiziert?‘ Natürlich hatte die Sportlerin es nicht verdient, dass ich sie ohne jeglichen Grund beschuldigte. Wahrscheinlich bin ich durch das Thema dieser Arbeit übersensibilisiert. Dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erweh- ren, dass Doping zum Sport gehört wie der Mond zur Nacht. Er ist nicht immer zu sehen, aber trotzdem immer da. Bereits zu Beginn meiner Arbeit habe ich nach Zeitungsberichten zum Thema Doping gesucht. Die hohe Anzahl der gefundenen Artikel bestätigte meine Vermutung, dass Doping im Sport allgegenwärtig ist. Diese Verzahnung bestätigt auch der Soziologe Eugen König mit seiner Formulierung: „wer von Doping sprechen will, darf über den Sport nicht schweigen.“[2] Dass sich der Zwang zum Doping im Sport jedoch nicht automatisch ergibt, wird deutlich, wenn man den Sinn des Sports und dessen immanente Werte betrachtet.

Dieser Sinn des Sports liegt in der willkürlichen Überwindung selbst gewählter, künstlich geschaffener Hindernisse. Das Erklimmen einer Felswand beispielsweise hat im Sport nicht den eigentlichen Sinn, am Ende oben zu stehen, sondern, aus eigener Kraft den Auf- stieg zu schaffen. Genauso wenig hat der 400m-Lauf (eine Stadionrunde) das Ziel, am Ende wieder da anzukommen, wo man gestartet war[3]. Der Sinn ist damit künstlich er- zeugt.[4] Dabei setzt der Sport bewusst eine biologische Ungleichheit unter Menschen vor- aus, als Grundlage für die Austragung des sportlichen Wettbewerbs. Er zielt in seinen Handlungsergebnissen nicht auf die Herstellung von Gleichheit, sondern auf die Fest- stellung von Ungleichheit. Sport ist der Versuch, die unterschiedlichen mitgebrachten Vor- aussetzungen der Athleten so weit wie möglich durch den Einsatz sportlich legitimer Mittel (zum Beispiel Willensstärke und Trainingsmethoden) wettzumachen, so dass im Rahmen formell durch Ablaufregeln gewährleisteter Chancengleichheit ein spannend verlaufender Wettkampf zustande kommen kann.[5]

Die Welt Anti-Doping Agentur (WADA) definiert zudem weitere Werte, die den Sport kennzeichnen. Dazu gehören Ethik, Fairness, Ehrlichkeit, Gesundheit, Spaß, Freude, Teamgeist, Mut, Anerkennung von Regeln und Gesetzen und Respekt gegenüber der eigenen Person sowie gegenüber anderen Teilnehmern.[6] Demzufolge kann Doping nicht in der Natur des Sports liegen. Dies bestätigt auch die WADA, wenn sie schreibt: „Doping steht im grundlegenden Widerspruch zum Geist des Sports.“[7] Es stellt sich deshalb die Frage, warum dennoch gedopt wird. Mit Bette/Schimank (2006: 7) lässt sich konstatieren, dass „Doping überall dort stattfindet, wo dem sportlichen Sieg eine existentielle Bedeutung zuge- schrieben wird, wo leistungsindividualistische Sportleridentitäten durch Erfolge abgestützt, Karrieren beschleunigt oder verlängert werden sollen und wo es physische und psychische Grenzen zu überschreiten und die Dopingmaßnahmen der Konkurrenten durch eigene Devianz zu kompensieren gilt.“

Diese Tatsache, dass Doping im Sport weit verbreitet ist, erreichte bereits 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom einen tragischen Höhepunkt. Der dänische Radprofi Knut Jensen starb wegen der Einnahme von Amphetaminen und Ronicol. Dieses Ereignis und weitere Dopingfälle veranlassten das IOC, unter Präsident Avery Brundage, zur Zusam- menarbeit mit dem Internationalen Verband für Sportmedizin, um Doping wirksam zu bekämpfen[8]. Die damalige politische Brisanz des Themas wird daran deutlich, dass der Europarat diesbezüglich eine Expertenkommission einsetzte, die im Frühjahr 1963 die erste juristische Dopingdefinition verabschiedete.[9] Sie definierte Doping als: „die Verabreichung oder der Gebrauch körperfremder Substanzen in jeder Form und physiolo- gischer Substanzen in abnormaler Menge und auf abnormalem Weg an gesunde Menschen mit dem einzigen Ziel der künstlichen und unfairen Steigerung der Leistung für den Wettkampf. Außerdem müssen physiologische Maßnahmen zur Leistungssteigerung des Sportlers als Doping angesehen werden.“[10]

Zudem veröffentlichte der Europarat eine erste Dopingliste mit verbotenen Substanzen.

Nichtsdestotrotz ließ diese Definition einen großen Interpretationsspielraum offen, da bei- spielsweise Begriffe wie „abnormale Menge“ und „psychologische Maßnahmen“ nicht näher bestimmt wurden.[11] Der Vorsitzende der Britischen Gesellschaft für Sportmedizin, Sir Arthur Porrit, drückte 1965 das Dilemma so aus: „Doping zu definieren, ist sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, und dennoch weiß jeder, der Leistungssport betreibt oder der Dopingmittel verabreicht, was es bedeutet.“[12] Ungeachtet dieser Schwierigkeiten formulierte das IOC 1967 eine Dopingdefinition[13] und ergänzte diese ebenfalls um eine Negativliste verbotener Substanzen und Methoden, welche laufend aktualisiert und den pharmakologischen Entwicklungen angepasst wurde. Damit verfolgte das IOC eine Anti- Doping-Strategie, die auf folgende Prinzipien beruhte: Schutz der Gesundheit der Athleten, die Verteidigung der medizinischen und sportlichen Ethik sowie die Wahrung der Chancengleichheit der Athleten im Wettbewerb.[14] Damit war der Kampf gegen Doping offiziell eröffnet.

Dieser Kampf dauert bis heute an. Darum stellt sich die Frage, ob die Entwicklungen in der Anti-Doping-Politik in die richtige Richtung gegangen sind, oder ob der Kampf gegen Doping grundlegend reformiert werden muss.

Dieser Frage soll in der vorliegenden Arbeit mit dem Titel Doping im Spiegel aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und Interventionsma ß nahmen nachgegangen werden. Das Thema der Arbeit ergibt sich aus der Tatsache, dass Doping über den Sport hinaus bereits in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen zu finden ist. Gleichzeitig beeinflussen einige dieser Teilbereiche das Dopingverhalten im Sport. Da Doping hauptsächlich im Leistungssport[15] verbreitet ist, werden zu Beginn der Arbeit die Prinzipien des Leistungs- sports herausgearbeitet, um zu überprüfen, welche Einflussfaktoren auf diesen Teilbereich des Sports wirken. Damit soll herausgefunden werden, ob die systemischen Grundvoraus- setzungen des Leistungssports und eventuelle Umfeldakteure Einfluss auf die Dopingnei- gung der Athleten haben. Dabei beziehe ich mich auf die Literatur von Bette/Schimank (2006), die sich mit diesem Thema sehr differenziert auseinandergesetzt haben.

Anschließend erfolgt die Darstellung der aktuellen Entwicklungen von Doping im sport- lichen und nichtsportlichen Kontext. Wie hat sich das Dopingproblem im Leistungs- und Breitensport entwickelt und welche Phänomene treten im nichtsportlichen beziehungs- weise gesellschaftlichen Bereich auf, die einem Doping nahe kommen? Eine umfassende Analyse haben sieben Wissenschaftler mit einem Memorandum[16] vorgelegt, weshalb sie hier Erwähnung finden. Hirndoping und Enhancement sind dabei die zu nennenden Schlagworte.

Welche Möglichkeiten und gleichzeitig auch Schwierigkeiten die medizinischen Fort schritte im Bezug auf das Dopingproblem haben, zeigen die aktuellen Entwicklungen im Bereich der molekularbiologischen und genetischen Forschung. Diese Forschungsergeb- nisse finden unter dem Begriff Gendoping Eingang in den Sport. Neben den medizinischen Hintergründen wird in diesem Kapitel auch auf die Ansatzpunkte für Gendoping sowie auf eventuelle Nachweismethoden eingegangen. Hierbei soll untersucht werden, inwieweit die momentanen Mittel und Maßnahmen im Anti-Doping-Kampf auf diese aktuellen Entwicklungen eingestellt sind.

Wenn Doping nach 50 Jahren Anti-Doping-Politik immer noch hochaktuell ist, stellt sich die Frage, wie die institutionellen und organisatorischen Entwicklungen in diesen Jahren verlaufen sind. Dies ist Inhalt des fünften Kapitels. An dieser Stelle bleibt zu prüfen, ob die Institutionen den Herausforderungen des Dopingproblems gerecht werden können. Haben sie das entsprechende Durchsetzungsvermögen, und die finanziellen Mittel oder mangelt es den Verbänden und Funktionären gar an Interesse, diesem Problem auf den Grund zu gehen?

Aufgrund der Tatsache, dass immer wieder Dopingvergehen an die Öffentlichkeit gelangen, soll im sechsten Kapitel herausgefunden werden, ob die momentanen Maß- nahmen und Regelungen in der Anti-Doping-Politik zielführend sind. Alternative Vorschläge, die das aktuelle Vorgehen ergänzen oder das System gänzlich reformieren würden, diskutieren unter anderem Franke/Ludwig (2007), Pirnat (2008) und Bette/Schimank (2006), deren Ansätze ich vorstelle. Zusätzlich wird auch eine mögliche Dopingfreigabe als sinnvoller Lösungsansatz geprüft.

2. Leistungssport und beeinflussende Faktoren

2.1 Prinzipien des Leistungssports

Der Sport, der keinen Zweck außerhalb seiner selbst verfolgt, ist in vielerlei Hinsicht instrumentalisierbar und dient damit anderen gesellschaftlichen Teilbereichen als attrak- tives Projektionsfeld für Leistungserwartungen. So entdeckte das Erziehungssystem die pädagogische Nutzbarkeit des Sports als Mittel der Charakterbildung und als Lernfeld für wichtige soziale Kompetenzen. Für das Gesundheitssystem wurde der Sport zur Um- setzung präventiver und rehabilitativer Maßnahmen bedeutsam. Von den pädagogischen und körperertüchtigenden Effekten des Sporttreibens profitierte das Militär und die Politik machte sich schließlich die sozialintegrative Wirkung sportlichen Handelns zunutze. Um sich nun von diesen lebensweltlichen Bezügen abzugrenzen, und als stabile gesellschaft- liche Sinnsphäre bestehen zu können, brauchte der Leistungssport einen eigenständigen Code. Andere Teilbereiche konnten sich bereits erfolgreich durch eigene Leitorien- tierungen etablieren. Beispielhaft sind hier das Rechtssystem mit seinem Code von Recht und Unrecht oder die Wissenschaft mit ihrem Code von Wahrheit und Unwahrheit zu nennen. Der Leistungssport fand daher seinen Code in Sieg und Niederlage. Jede Position dieser paarweisen Logik findet seinen Sinn nicht in sich selbst, sondern nur als Verneinung des jeweils anderen Wertes. Einen Sieg anzustreben, ohne die Möglichkeit einer Niederlage einzukalkulieren, hätte keinen Sinn. Über Wahrheit zu sprechen, ohne Unwahrheit als Gegenpol mitzudenken, wäre wissenschaftlich unlogisch. Wer sein Han- deln an codegestützten Regeln ausrichtet, muss sich nicht weiter rechtfertigen. Auf einem Sportplatz muss man nicht erklären, warum man um die Bahn läuft und sich ins Schwitzen bringt. In einer Bank wäre es schon seltsam, wenn einer plötzlich mit einem intensiven Körpertraining beginnt.[17]

Teilsystemische Ausdifferenzierung des Leistungssports

Im Hochleistungssport erhält der Siegescode seinen Höhepunkt. Es geht nicht mehr nur um Geselligkeit, Fitness oder Fairness, sondern allein ums Siegen. Dieses Streben prägt so- wohl die Athleten als auch die sie betreuenden und organisierenden Akteure (Trainer, Funktionäre, Mediziner). Der Athlet ist stets bemüht, den Gegner zu besiegen und die eigene Niederlage zu vermeiden. Der Siegescode bringt die Sportler über ihr Handeln in ein Konkurrenzverhalten zueinander und gibt dem sportlichen Erfolg einen außergewöhn- lichen Knappheitsstatus[18]. Diese Kombination, dass nicht alle gewinnen können, aber im- mer mehr Aktive gewinnen wollen, macht den Reiz sportlicher Wettkämpfe aus und sorgt für das, was nicht nur der Handelnde, sondern auch der Zuschauer zu erleben bekommt - Spannung. Fiele die Trennung zwischen Gewinner und Verlierer weg, weil alle Teilnehmer Gewinner sein könnten, wäre der Wettkampfsport schlichtweg langweilig.[19]

Durch seinen Siegescode schafft der Spitzensport eine eigene, leicht nachvollziehbare und gegenüber anderen gesellschaftlichen Handlungsvorgaben erfrischend andere Welt, in der außer der selbsterbrachten Leistung nichts anerkannt wird. Sie ist das zentrale Kriterium des Spitzensports, das darüber entscheidet, wer mitmachen und wer bleiben darf. Es ist somit nicht verwunderlich, dass der Leistungsaspekt sich in der Selbstbeschreibung des Systems auffällig niedergeschlagen hat - Leistungssport. Gleichsam den anderen Teilsys- temen hat werden in ihm zwei Ebenen (Codierung und Programmierung) der Verhaltens- steuerung ausgeprägt und voneinander getrennt. Während der Code von Sieg und Nieder- lage die Bedingungen absteckt, unter denen die Akteure maßgeblich operieren, ordnet die Programmebene das richtige Verhalten zu. Diese geforderten Verhaltensweisen spiegeln sich als Normen im Regelwerk nieder. Sie legen fest, ob Männer oder Frauen mitmachen können, Jugendliche oder Erwachsene, ob etwas fair oder unfair, regelkonform oder nicht regelkonform ist usw. Der Schiedsrichter besitzt in dem Moment des Wettkampfes das

Monopol auf diese Regelauslegung und den Regeleinsatz und soll als unparteiischer Dritter über den Wettkampf als geregelten sozialen Konflikt wachen und auf Regeltreue achten.[20]

Diese Regeln bestimmen das Handeln der Sportler und ziehen Grenzen in zweierlei Hin- sicht. Nach innen wird das große Persönlichkeits- und Motivpotential der beteiligten Ak- teure kontrolliert. Das heißt, die Sportler müssen ihre Affekte disziplinieren und können überschüssige Handlungsmöglichkeiten nicht einfach ausleben. Nach außen hin bilden die Sportregeln eine Schwelle gegenüber den Verlockungen und Möglichkeiten der Umwelt.

So bewirkte zum Beispiel die Amateurregel bis 1981, dass Profisportler nicht an Olympischen Spielen teilnehmen dürften. Auch das Dopingverbot gehört zu diesen regelgeleiteten Ein- und Ausgrenzungen. Es bestimmt, welche Verfahren und Mittel im Hinblick auf den Körper nicht angewendet werden dürfen. Diese normativen Erwartungen werden durch einen Wertehimmel gestützt, der die Achtung für den Sieger und den Verlierer beinhaltet, sofern sie sich an die Spielregeln halten. Für die Missachtung der Regeln hingegen wird mit moralischer Entrüstung und sozialer Ächtung reagiert, was nicht selten einen Medaillenentzug, die Aberkennung von Rekorden, das Streichen von Sieger- und Rekordlisten, den Spießrutenlauf vor buhenden Zuschauern und Mitathleten oder den Entzug der Starterlaubnis und damit sozusagen ein Berufsverbot zur Folge hat.[21]

Anspruchsinflationierung

Durch die wiederkehrenden Wettkampfhandlungen und den damit verbundenem Code von Sieg und Niederlage kann der Spitzensport seine autonome Sinnwelt, eine „Welt in der Welt“ (Franke 1997: 14), stabilisieren. Dabei gibt es kein vorgeschriebenes Leistungsniveau und auch keine Grenzen. Wie in der Wissenschaft, in der jede Antwort eine neue Frage aufwirft, setzt auch im Sport jeder Rekord das Bestreben frei, diesen zu überbieten. Was Wahrheit für die Wissenschaft und Bildung für die Erziehung, stellt für den Spitzensport Leistung dar. Das Bekannte Schneller, Höher, Stärker, die stetige Verbesserung des Bestehenden wird zur Daueraufgabe des Handelns. Wie ausgeprägt dieser Steigerungsimperativ ist, wird im Wettkampfsport vor allem durch die Fixierung auf die Messbarkeit von Leistung deutlich. Der Leistungssport muss scheinbar eine trennscharfe Differenzierung zwischen den Athleten vornehmen, sonst würde dem selbstauferlegten Siegescode der Boden entzogen. Das hat zur Folge, dass bei Schwimmwettbewerben der Sieger anhand einer hundertstel oder tausendstel Sekunde ermittelt wird, obwohl Schwimmbäder nie so exakt und gleich gebaut werden können.[22]

Die Grenzenlosigkeit des Leistungssports ergibt sich aus zwei Triebkräften heraus. Zum einen wirkt das Überbietungsmotiv, wenn ein Athlet das knappe Gut des sportlichen Sieges zu seinen Gunsten verbuchen möchte und davon auszugehen ist, dass der Gegner das gleiche Anliegen hat. Die fortwährende Konkurrenz wird somit ins Unendliche angetrieben, da jeder Wettbewerber den eigenen Aufwand permanent erhöhen muss, um die eigenen Siegchancen zu maximieren.[23] Der Wille zum Erfolg ist nicht nur auf den nächsten Wettkampf ausgelegt, sondern ein auf Dauer stattfindendes Konkurrenzhandeln, in dem die gleichen Gegner immer wieder aufeinander treffen.

Zum anderen ergibt sich die innere Grenzenlosigkeit des Leistungssports aus der in vielen Sportarten möglichen zeit- und ortsübergreifenden Vergleichbarkeit sportlicher Leistungen. Sprinter, Weitspringer oder Schwimmer können durch ihre gemessene Leistung in eine Rangordnung gebracht werden. Jeder Rekord markiert dabei nicht nur einen erreichten Leistungsstand, sondern formuliert gleichzeitig die Forderung nach Überbietung. „Der Rekord […] verkörpert in Reinkultur das »Prinzip der Höchstleistung«“ (Bette/Schimank 2006: 51). Das Motiv, nicht nur zu gewinnen, sondern gleichzeitig eine existierende Rekordmarke zu überbieten, drängt auf eine unbegrenzte lineare Steigerung. Und wenn Disziplinen ihre Leistungen nicht in Gramm, Zentimeter oder Sekunden angeben können, werden Meisterschaften, Pokalwettbewerbe etc. installiert, so dass sich die Mannschaften eben damit profilieren und absetzen können, indem sie angeben, wann und wie oft sie Deutscher Meister geworden sind. Zu guter Letzt bilden die Sportjournalisten das von außen wirkende Gedächtnis, in dem die Leistungen abgespeichert und abrufbar sind. Als Kommentatoren der meist schweigend ablaufenden Sportwettkämpfe, tragen sie im besonderen Maße dazu bei, dass der Spitzensport seine innere Unendlichkeit nicht vergisst.[24]

Der Soziologe Peter Becker (1987: 30) charakterisiert das so:

„Eine permanent bilanzierende Berichterstattung über geschossene und nicht geschossene Tore, über gelaufene Zeiten und gesprungene Höhen, die zur jeweils vorangegangenen Saison oder zum letzten Wettkampf in Beziehung gesetzt werden, vermittelt die zentrale Bedeutung von Fortschritt und auch Rückschritt - mit klaren Präferenzen für den Fortschritt. Mit der Ausdifferenzierung der Bestenliste in regionale, nationale, internationale, individuelle, zeitlich begrenzte usw. Versionen wird künstlich ein Klima geschaffen, in dem ohne Unterbrechung Bestmarken produziert werden.“

Damit wird verdeutlicht, mit welcher Schrankenlosigkeit der Siegescode behaftet ist. Ob dieser inneren Unendlichkeit des Wollens auch ein entsprechendes Können gegenüber steht, soll im folgenden Teilabschnitt geprüft werden.[25]

Körperliche Leistungsgrenzen und kompensatorische Verwissenschaftlichung In der modernen Gesellschaft stellt der Leistungssport ein besonderes Teilsystem dar, weil er die physisch-organischen Fähigkeiten seiner Akteure für seine Sinnbezüge einsetzt. Der Athletenkörper stellt die Materialitätsbasis dar und wird dem Siegescode gnadenlos unterworfen. Eine einfache und lückenhafte Hinwendung zum Körper durch Training, reicht dafür nicht mehr aus, sondern es bedarf der dauerhaften, systematischen, durchrationalisierten und von Experten in spezifischen Situationen vollzogenen Einwirkung auf den Körper. Ziel ist, den Erfolg im Wettkampf durch Leistungssteigerung zu erreichen. Die zunehmende Leistungsdichte unter den Topathleten erhöht zudem den Druck und den Aufwand, der betrieben werden muss, um kleinere Leistungsverbesserungen zu erreichen. Dies kann schnell zu einer Überstrapazierung des Körpers führen. Durch die Ligenbildung auf nationaler und internationaler Ebene und der Globalisierung der Wettkampfaustragung ist zudem der Athletenkörper Ansprüchen und Notwendigkeiten ausgesetzt, denen er immer weniger entsprechen kann. Wenn beispielsweise die Gestaltung des Wettkampfkalenders des Athleten keine Zeit für Regeneration, Erholung und für den Wiederaufbau seiner körperlichen Leistungsfähigkeit lässt, dann ist der Zeitpunkt, an dem der Körper und die Psyche des Athleten nicht mehr mitmachen, absehbar.[26]

Der Körper ist neben der existenziellen Bedeutung für den einzelnen Athleten auch ein Bezugspunkt, auf den sich soziale Erwartungen richten. Wenn ein leistungsstarker Spieler sich vor einem wichtigen Wettkampf verletzt, kann das für den Verein enorme finanzielle Konsequenzen haben. Ein Körper der krank ist, stört und muss schnell wieder fit gemacht werden, oder er wird aussortiert. Ein Körper, der den sachlichen Anforderungen der jeweiligen Sportart nicht entspricht (zum Beispiel Körpergröße im Basketball) oder die schnelle Abfolge von Wettkämpfen nicht aushält, „hat im Leistungssport keine Anwesenheitsrechte“ (Bette/Schimank 2006: 54). Gleiches gilt für die Psyche des Athleten. Diese muss robust genug sein, um nicht unter den permanenten Stresssituationen von Training und Wettkampf zu kollabieren. Die Psyche darf die körperliche Leistungsfähigkeit nicht nur nicht behindern, sie muss auch leistungsunterstützend ausgelegt sein, um sie zum Beispiel durch Motivationstraining in dieser Hinsicht zu optimieren. Der Spitzensport ist heutzutage nicht nur ein hartes Geschäft gegenüber den Mitkonkurrenten, sondern auch gegenüber dem eigenen Körper.[27]

Der Athlet muss abwägen, inwieweit er seine Gesundheit riskieren kann, um das letzte aus seinem Körper herauszuholen, ohne dabei durch Überbeanspruchung krank zu werden. Damit begibt er sich in die Gefahr, alle Investitionen in die eigene Karriere aufgrund physischer und psychischer Blockaden von einem Tag auf den anderen abschreiben zu müssen. Der Anspruch gegenüber dem Körper wird im Leistungssport ins Unermessliche getrieben, weil das Perfektionsideal in diesem gesellschaftlichen Teilsystem keine Stopregeln kennt. Im Gegensatz zur unendlichen Steigerbarkeit des Sportcodes weist die körperliche Materialitätsbasis jedoch Grenzen des Wachstums auf. Seit den sechziger Jahren versucht daher die Wissenschaft, diese Kluft zu reduzieren und für die Konkurrenzsituation der eigenen Athleten im internationalen Sportgeschehen zu optimieren. Dies wird beispielsweise daran deutlich, dass bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom der deutschen Mannschaft nur ein Arzt zur Verfügung stand. Bei den Spielen 1992 in Barcelona waren es hingegen schon 21 Ärzte und 32 Physiotherapeuten. Der Athlet trainiert heutzutage in einem hochgradig verwissenschaftlichen Kontext.[28]

Athleten, Trainer und Sportfunktionäre wollen immer bessere Sportgeräte, Trainingsmethoden, Ernährungsweisen, Spielstrategien und -techniken. Dadurch verbinden sich das Streben des Sports nach neuen Siegen und das Streben der Wissenschaft nach immer neuen Erkenntnissen. Die Naturwissenschaften haben durch ihre Technologisierung erstaunliche Leistungssteigerungen im Spitzensport bewirkt und die internationale leistungssportliche Konkurrenz fördert diese Verwissenschaftlichung immer weiter. Sobald ein Land einen wissenschaftlichen Vorteil erlangt, sehen sich alle anderen Länder darin genötigt nachzuziehen, oder selbst in die Offensive zu gehen. Am Ende steht der wissenschaftlich durchleuchtete Athlet, der aber unentwegt auf ähnlich wissenschaftlich hochgerüstete Konkurrenten trifft. Zwischen dem Sportcode und der Materialitätsbasis besteht demnach ein Spannungsverhältnis, mit dem die Akteure des Spitzensports einzeln aber auch gemeinschaftlich irgendwie umgehen müssen.[29]

2.2 Der Leistungssport und seine Umfeldakteure

Nachdem der Siegescode des Leistungssports beschrieben und die inneren und äußeren Ansprüche an die Athleten dargelegt wurden, erfolgt nun der Blick auf die externen Einflussfaktoren des Leistungssport zu, um zu überprüfen, inwieweit Medien, Politik und Wirtschaft in Abhängigkeit zum Leistungssport stehen.

Leistungssport in den Massenmedien[30]

Das Publikumsinteresse am Leistungssport hat in den letzten hundert Jahren exponentiell zugenommen. Mehr Freizeit und ein höheres Einkommen haben immer mehr Menschen ein größeres Sportinteresse ermöglicht. Hinzu kommt die Berichterstattung der Massenmedien über Sportereignisse. Die gedruckte Schrift, das Radio, das Fernsehen und schließlich das Internet erweiterten diese Kommunikationsmöglichkeiten jeweils um ganz neue Dimensionen. Ohne diese Entwicklung und der Möglichkeit die Ereignisse des Leistungssports auch außerhalb der Stadien einem größeren Publikum zugänglich zu machen, gäbe es den Leistungssport in seiner heutigen Gestalt sicher nicht.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gab es in England Zeitschriften, die sich den über wiegend breitensportlichen Ereignissen widmeten. Der erste eigenständige Sportteil einer Tageszeitung wurde 1895 in den USA eingerichtet. Eine Radioreportage von Baseball- und Football-Spielen wurde 1925 erstmals live gesendet. In Deutschland wurden zu den Olympischen Spielen 1936 öffentliche Fernsehstuben eingerichtet, in denen die Wett- kämpfe live mitverfolgt werden konnten. In den USA fand die erste Fernsehübertragung drei Jahre später statt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten eine deutlich verbesserte Bildqualität und rasch ein- geführte zusätzliche technische Möglichkeiten wie Nahaufnahmen, Zeitlupe, mitfahrende Kameras, und Wiederholungen dafür, dass sich immer mehr Haushalte Fernsehgeräte anschafften. Dies führte zum Durchbruch der Fernsehberichterstattung über Sportereignisse, und sorgte dafür, dass in den Vereinigten Staaten Ende der vierziger Jahre, in west- europäischen Ländern Mitte der fünfziger Jahre die höchsten Einschaltquoten erzielt wurden. Daraufhin spezialisierten sich mehrere nationale aber auch internationale Privatfernsehsender auf die Sportberichterstattung.[31]

Woher kommt das wechselseitige Interesse der Akteure des Leistungssports und der Massenmedien füreinander? Berichte in den Medien zielen generell auf das Spannende, Außergewöhnliche, Konfliktträchtige ab. Das alles ist bei sportlichen Wettkämpfen gegeben. Für das Publikum besitzen Sportereignisse nicht nur eine große Spannung oder ästhetische Qualitäten, sie geben auch gute Gesprächsthemen ab, tragen zur kollektiven und biographischen Identitätsfindung bei[32] und nebenbei stößt das Alltagsleben sportlicher Berühmtheiten auf große Neugier. Das Interesse der Massenmedien an der Bericht- erstattung über Sportereignisse ist daher groß.

Der Zuschauer erlebt zudem das sportliche Geschehen in zeitlicher Hinsicht kompakter, da zahlreiche Leerzeiten durch Wiederholungen, Interviews und Kommentare überbrückt werden. Der Beobachter im Stadion hingegen, muss diese Leerzeiten über sich ergehen lassen. Darüber hinaus erlaubt der Leistungssport immer wieder, über Neuheiten zu berichten. Nicht nur tagtäglich, sondern stündlich fallen berichtenswerte[33] Ereignisse an.[34] Dabei muss der Blick nicht global ausgerichtet sein, bedenkt man nur die unzähligen Fuß- ballligen in Deutschland, deren Mannschaften von der Kreisliga über die Oberliga und Regionalliga bis hin zur ersten Bundesliga täglich neuen Stoff für die Lokal- oder Tages- zeitungen liefern. Und wenn es nur ein einfacher Bericht darüber ist, dass ein Spieler verspätet zum Training erschien und dafür eine Strafe zahlen musste.[35]

Diese über das Publikumsinteresse vermittelte Abhängigkeit zwischen Massenmedien und Leistungssport war beiden Akteuren zu Beginn keineswegs bewusst. Auf der einen Seite konnten die Massenmedien den Mitwirkenden des Leistungssports mehr Publicity durch Werbung für Sportereignisse verschaffen, auf der anderen Seite konnte es potentielle Besucher von Stadien fernhalten, wenn Massenmedien live berichteten. So wurde beobachtet, dass im englischen Fußball in der Saison 1948/49 noch 41 Mio. Zuschauer die Liga-Spiele in den Stadien besuchten; 1960/61 gerade 28 Mio., 1982/83 nur noch 18 Mio., also weniger als die Hälfte derer, die etwa 30 Jahre vorher gekommen waren. Diese Ent- wicklung führte dazu, dass das Publikum vor Ort immer unwichtiger als Einnahmequelle wurde, dafür aber selbst ein Teil der Show für das Fernsehpublikum wurde. Neben den begleitenden Äußerungen des Fernsehreporters, liefern die Zuschauer nun einen zweiten Kommentar ab - den emotionalen.

Um diese Einnahmeverluste aus den Stadien auszugleichen, erkannten die Akteure des Leistungssports, dass sie die Übertragungsrechte finanziell vermarkten können. 1954 schätzte sich der Welt-Fußballverband noch glücklich, dass mehrere nationale Fernseh- sender die Fußballweltmeisterschaft in Bern übertragen hatten. Aus heutiger Perspektive eine sonderbare Vorstellung. Die Fernsehgesellschaften zahlen immer höhere Summen, um live über bestimmte Sportereignisse berichten zu können.[36] So bekam der Welt-Fußball- verband (FIFA[37]) 1982 mehr als 100 Mio. DM (etwa 50 Mio. Euro) für die Radio- und Fernsehrechte bei der Fußballweltmeisterschaft in Spanien, nachdem er diese 1954 noch verschenkt hatte. Für die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland erhielt die FIFA etwa 260 Mio. Euro[38] und bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking sollen 1,7 Mrd. Dollar (1,2 Mrd. Euro) eingespielt worden sein, allein der amerikanische Fernsehsender NBC zahlte 900 Mio. Dollar[39].

In der Zahlungsbereitschaft der Massenmedien[40] drückt sich die Abhängigkeit vom Leistungssport aus. Wurden anfangs nur ein paar Stunden gesendet, bieten einige Sender nahezu rund um die Uhr ein Programm. Zugleich sind immer mehr Sender entstanden, die um die Aufmerksamkeit der Zuschauer konkurrieren. Solange sie damit jedoch Werbe- einnahmen einspielen können, werden sie weiterhin über den Leistungssport berichten. Umgekehrt hat sich der Leistungssport immer abhängiger von den Geldflüssen seitens der Massenmedien gemacht. Dieser kann seine Ausrichtung an der Leitdifferenz von Sieg und Niederlage nur in dem Maße ausbauen, wie er finanzielle Ressourcen aus anderen gesell- schaftlichen Teilsystemen erhält. Dazu zählen neben den Massenmedien, die eine Vermittlerrolle einnehmen, auch die Wirtschaft und die Politik, welche im Folgenden nähere Betrachtung finden.[41]

Wirtschaftliche und politische Instrumentalisierung sportlicher Leistungen Der Leistungssport ist nicht nur von den Zuschauern in den Stadien und den Massenmedien abhängig, sondern auch von Unternehmen und staatlichen Instanzen. Dies wird anhand zunehmender Geldzuweisungen von diesen Seiten deutlich. Die wirtschaftlichen und politischen Akteure versprechen sich vom Publikumsinteresse am Sport eine Begleitaufmerksamkeit für ihre eigenen Belange.

Für Unternehmen ist der Leistungssport in sachlicher Hinsicht ein relativ preiswerter Werbeträger, im Vergleich zu anderen Anzeigenkampagnen oder Werbespots im Rahmen regulärer Werbezeiten bei Fernsehsendern. Die Sichtbarkeit bei Werbespots, die unmittelbar vor oder nach beliebten Sportsendungen oder in Unterbrechungen, zum Beispiel von Tennisspielen, gesendet werden, ist zudem sehr hoch.

In sozialer Hinsicht spricht Werbung durch Leistungssport bestimmte Zielgruppen an, die durch andere Werbeträger nicht so einfach erreicht werden können, aber wichtige Käufer- potentiale darstellen. Dies sind vor allem Männer im jüngeren und mittleren Alter. In zeitlicher Hinsicht hat Werbung durch Sportler oder während Sportereignissen den Vorteil, dass sie nur kurzfristig und unregelmäßig ins Zentrum der Aufmerksamkeit des Zuschauers rückt. Der Zeitungsleser wirft kaum noch einen Blick auf die Werbespalten und der Fernsehzuschauer nutzt die Werbung, um umzuschalten oder andere Dinge zu erledigen. Gerade weil die Werbebotschaften keinem zeitlichen Rhythmus folgen und Werbung am Athleten (zum Beispiel auf Trikots) meistens nur kurzfristig auftaucht, ist der Zuschauer dieser Art von Werbung beinahe hilflos ausgeliefert.[42]

Der Leistungssport wird zudem auch mit Werthaltungen assoziiert, die in unserer Gesell- schaft überaus positiv besetzt sind. Das sind unter anderem Individualität, Dynamik, Jugendlichkeit, Lebensbejahung, Zielstrebigkeit, Askesebereitschaft und Leistungswille. Auf diese Weise wirbt ein Unternehmen nicht nur für seine Produkte, sondern auch für „generelle Sozialtugenden des kapitalistischen Wirtschaftssystems“ (Bette/Schimank 2006: 103). Ob diese Werbung wirklich positive Effekte auf die Bekanntheit und das Image eines betreffenden Produktes auslösen kann, konnte wissenschaftlich bisher allerdings kaum belegt werden. Der Leistungssport profitiert deshalb geradezu von der Intransparenz der Wirkungszusammenhänge. Sollte sich eindeutig herausstellen, dass dieser Werbeeinsatz wenig oder gar negative Auswirkungen hat, käme diese Quelle finanzieller Mittel sicher schnell zum Versiegen. So aber werden die Wirkungserwartungen zusätzlich angeheizt, indem sich die Konkurrenten mit Werbemaßnahmen zu überbieten versuchen, was eine Eskalation des Finanzeinsatzes zur Folge hat. Schließlich will sich kein Verantwortlicher am Ende vorwerfen lassen, dass Umsatzrückgänge auf mangelnde Werbemaßnahmen zurückzuführen seien.[43]

Auf staatlicher Seite lässt sich feststellen, dass leistungssportliche Erfolge sowohl national als auch international als symbolisches Mittel genutzt werden. Der Leistungssport trägt als Medium zur Schaffung einer nationalen Identität, eines Wir-Gefühls, bei. Die Menschen können sich ungeachtet ihrer sonstigen Unterschiede und Uneinigkeiten mit denselben nationalen Helden[44] identifizieren, die stellvertretend für die eigene Nation gegen andere Nationen antreten. Weiterhin kann die Faszination durch Sportereignisse und sportliche Erfolge der eigenen Nation bewirken, dass die Gesellschaftsmitglieder von ihren indivi duellen Alltagssorgen abgelenkt werden[45]. Insbesondere in wirtschaftlichen Krisenzeiten können sportliche Erfolge der eigenen Athleten sehr positive Beiträge zur Stabilisierung innenpolitischer Verhältnisse liefern.

Diese innenpolitische Instrumentalisierung findet immer in solchen Ländern verstärkt statt, die von innen oder von außen einem besonderen Legitimationsdruck ausgesetzt sind. So versuchte das nationalsozialistische Regime bei der Olympiade 1936 in Berlin durch einen internationalen Imagegewinn auch seine Akzeptanz bei der eigenen Bevölkerung zu festi- gen. Nach dem zweiten Weltkrieg begannen die sozialistischen Länder den Leistungssport gezielt für innen- und außenpolitische Zwecke einzusetzen. Die UdSSR setzte einheitsstiftende Rituale des Leistungssports dazu ein, um die versteckten Konflikte des Vielvölkerstaates klein zu halten. Die DDR wollte vor allem die jüngere Generation zur Identifikation mit der künstlich geschaffenen Nation - und insofern immer auch mit der Einheitspartei (SED) - bewegen. Später setzte man die internationalen Erfolge dazu ein, auf eine politische Anerkennung als eigenständiger deutscher Staat neben der Bundes- republik hinzuarbeiten[46]

Der Leistungssport übernahm stellvertretend die Konflikte für die Politik beziehungsweise das Militär. Besonders deutlich wird das an den Konkurrenzbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, sowie zwischen der DDR und der Bundes- republik Deutschland. Der Leistungssport profitierte im hohen Maße vom Kalten Krieg. Durch die internationalen Erfolge ostdeutscher Sportler konnten der westdeutsche Leistungssport enorme Steigerungsraten der ihm von staatlicher Seite bereitgestellten Ressourcen verzeichnen. Aber auch ohne besondere Erfolge kann der Leistungssport bessere diplomatische Beziehungen fördern. Ein gutes Beispiel dafür war die sogenannte „Pingpong-Diplomatie“ der Volksrepublik China, die durch Einladung von Tischtennis- Teams aus den USA und Großbritannien während der siebziger Jahre die Beziehungen verbessern sollte. Der diplomatische Vorteil an solchen, über sportlichen Begegnungen geknüpften Beziehungen, ist die Unverbindlichkeit. Sollten sie keine außenpolitischen Verbesserungen bewirken, kann jede Seite bestreiten, es beabsichtigt zu haben, ohne einen Imageverlust zu erleiden. Ebenso ist es möglich, bei guten Sportkontakten deren Aufkündigung als deutlich sichtbare Sanktion zu benutzen. So waren der Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 durch viele westliche Staaten als Protest gegen den Einmarsch in Afghanistan zu verstehen; und der darauffolgende Boykott der Olympischen Spiele in Los Angeles durch die Sowjetunion als Retourkutsche einzuordnen. Somit bleibt festzuhalten, dass der Leistungssport durchaus als Ersatzdiplomatie fungieren kann, die bestrebt ist, eine kriegerische Auseinandersetzung zu verhindern.[47]

2.3 Nutzenverschränkungen

Wie in den vorigen zwei Kapiteln herausgearbeitet wurde, ist leistungssportliches Handeln auf vielfältige Weise mit anderen gesellschaftlichen Bereichen verknüpft, wobei jedes Teilsystem seine eigenen Interessen verfolgt. Der Sportler interessiert sich für Siege, das Unternehmen will lukrative Investitionen, die Politiker haben den Ausbau ihrer eigenen Machtpositionen vor Augen und die Massenmedien interessieren sich für den Neuigkeits- wert ihrer Berichterstattung, um Einschaltquoten und Auflagen zu erhöhen. Dem- entsprechend haben alle Bereiche etwas völlig anderes im Sinn, wenn sie miteinander über ein und dasselbe sportliche Ereignis kommunizieren. Bette/Schimank (2006: 112) sprechen von einem „generellen Orientierungsdissens“, der es dennoch ermöglicht zu einem „spezi- fischen Interessenkonsens“ in Gestalt von Nutzenverschränkungen zu gelangen. Haben alle Seiten die jeweils anderen Orientierungen erkannt, kann jeder die eigenen Absichten so in den Interessenhorizont des anderen projizieren. Der Sportler kann aus Sicht des Unterneh- mens als Werbemittel erscheinen, womit sein Handeln rein wirtschaftlich unter Investi- tionsgesichtspunkten beurteilt wird. Für den Sportler sind die Werbeeinnahmen Mittel zum Lebensunterhalt und zur Finanzierung dessen, was für die Steigerung seiner sportlichen Leistungsfähigkeit benötigt wird, um seinem Ziel, dem sportlichen Erfolg, zu folgen. Wie das Beispiel zeigt, bleibt der generelle Orientierungsdissens (Werbemittel/Siegescode) erhalten, ohne dass dies einem spezifischen Interessenkonsens (Investition/Förderung) zwischen Sportler und Unternehmen im Wege steht.[48]

[...]


[1] O. V.: IOC schließt 30 mutmaßliche Doping-Sünder aus. Quelle: http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,677171,00.html vom 11.02.2010. Zugriff am 28.02.2010.

[2] Eugen König, zitiert in: Bette/Schimank (2006, S. 30).

[3] Vgl. Franke, E. (1997, S. 14 f.).

[4] Vgl. Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) Austria - Prävention: http://www.nada.at/de/menu_2/praevention/warum-ist-doping-verboten.../marketshow-eigenwelt-des-sports. Zugriff am 28.02.2010.

[5] Vgl. Güldenpfennig (2004, S. 312 f.).

[6] Vgl. WADA (2009a, S. 8).

[7] Vgl. WADA (2009a, S. 8).

[8] „Das Doping keinesfalls geächtet war, wird daran deutlich, dass Jensen posthum eine Goldmedaille verliehen bekam.“ (Krauß, 2000: 13).

[9] Vgl. Daumann (2008, S. 25).

[10] Europarat, zitiert in: Pirnat (2008, S. 9).

[11] Vgl. Krauß (2000, S. 18).

[12] Sir Arthur Porrit, zitiert in: Hoberman (1994, S. 122).

[13] „Doping is the use of substances made of prohibited active ingredient groups and the utilization of prohibited methods. A list follows.“ IOC, zitiert in: Pirnat (2008, S. 10).

[14] Vgl. Pirnat (2008, S. 10).

[15] Der Begriff Leistungssport ist in dieser Arbeit gleichzusetzen mit Wettkampfsport, Spitzensport und Hochleistungssport. Es findet keine besondere Differenzierung statt.

[16] Galert et al. (2009).

[17] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 36 ff.).

[18] Gewinnen kann immer nur einer, und in der Öffentlichkeit ist der Zweitplatzierte nicht der zweite Gewinner, sondern oftmals der erste Verlierer. (Anm. d. Verf.).

[19] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 38 ff.).

[20] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 44 f.).

[21] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 46).

[22] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 47 ff.). Darum hatte LENK (2007: 52 ff) dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) schon 1975 seine Thesen zur Situation (Harmonisierung) des Hochleistungssports vorgetragen. These 16 bezog sich hierbei auf ein neues partnerschaftliches Modell sportlicher Leistungen. Eklatant ungerechte Leistungsbeurteilungen sollten durch sporttechnisch gerechte Bewertungen ersetzt werden. Gleiche Leistungen (z.B. Gewichtheben) sollten als solche gezählt und nicht durch künstliche Zusatzbestimmungen (Anzahl der Versuche) zu einer Ungleichheit umgemünzt werden.

[23] Bette/Schimank (2006, S. 50) ziehen hier den Vergleich zu dem aus der militärischen Rüstungsspirale bekannten Mechanismus der zunehmenden und eigendynamischen Eskalation des Ressourceneinsatzes.

[24] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 49 ff.).

[25] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 52).

[26] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 52 f.).

[27] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 54 f.).

[28] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 55 ff.).

[29] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 57 ff.).

[30] „Massenmedien sind Kommunikationsmittel, die durch technische Vervielfältigung und Verbreitung mittels Schrift, Bild und Ton Inhalte an eine unbestimmte […] Zahl von Menschen vermitteln und somit öffentlich an ein anonymes, räumlich verstreutes Publikum weitergeben.“ Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Massenmedien. Zugriff am: 28.02.2010.

[31] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 90 ff.).

[32] Vgl. Wernecken/Bacher (2006, S. 214f.): „Wenn es um die gesellschaftlichen Funktionen und Wirkungen der Fußball-WM 2006 geht, ist realistisch zu sagen, dass primär Identifikation spürbar und relevant sein dürfte […] die mediale Aufbereitung […] wird diese Funktion begleiten und lebendig halten, wahrscheinlich sogar erheblich fördern.“

[33] Dieser Begriff ist in Bezug auf das folgende Beispiel relativ zu sehen. (Anm. d. Verf.).

[34] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 91 f.).

[35] Vgl. Deutsche Presse Agentur: Zé Roberto nicht bei HSV-Training - Geldstrafe. Erschienen am 03. Januar 2010. Zugriff unter http://www.ftd.de/sport/fussball/1bundesliga/news/:ze-roberto-nicht-bei-hsv-training- geldstrafe/50055748.html. Abfragedatum: 28.02.2010.

[36] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 93 ff.).

[37] FIFA = Féderation Internationale de Football Association.

[38] Vgl. FIFA-Finanzbericht (2006, S. 82). http://de.fifa.com/mm/document/affederation/administration/51/ 52/65/2006_fifa_ar_de_1768.pdf. Abfragedatum: 28.02.2010.

[39] Vgl. Hein (2008). Die Olympia-Profiteure. http://www.faz.net/s/Rub1B056D555B52446DBAD5068DAA8500BA/Doc~EE89B32D262C443B1B212F A529B183FEB~ATpl~Ecommon~Scontent.html. Abfragedatum: 28.02.2010.

[40] Hier im Speziellen: des Fernsehens. Anm. d. Verf.

[41] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 97 ff.).

[42] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 100 f.).

[43] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 103 f.).

[44] „Ein Held […] ist eine […] Person mit besonders herausragenden Fähigkeiten oder Eigenschaften, die sie zu besonders hervorragenden Leistungen, sog. Heldentaten, treibt.“ Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Held. Zugriff am: 28.02.2010.

[45] So hat die Bundesregierung „Im Schatten der Fußball-WM […] Gesetze verabschiedet, die keinen Jubel auslösen.“ Vom 14.07.2006. Quelle: http://www.cornelia-pieper.de/blog/archives/17-Im-Schatten-der- Fussball-WM-hat-die-Regierung-in-Berlin-Gesetze-verabschiedet,-die-keinen-Jubel-ausloesen.html. Zugriff am: 28.02.2010.

[46] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 105 ff.).

[47] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 107 ff.).

[48] Vgl. Bette/Schimank (2006, S. 111 f.).

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Doping im Spiegel aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und Interventionsmaßnahmen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sportwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
88
Katalognummer
V160491
ISBN (eBook)
9783640745562
ISBN (Buch)
9783640745654
Dateigröße
843 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gendoping, Neuroenhancement, Enhancement, Dopingfreigabe, WADA, Leistungssport, Olympia
Arbeit zitieren
Oliver Snelinski (Autor), 2010, Doping im Spiegel aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und Interventionsmaßnahmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160491

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