Der jüngsten Entwicklung der Begrifflichkeiten zum Trotz ist die gender-Frage (d.h. die Frage nach der gesellschaftlichen und kulturellen Wahrnehmung und Stellung des Geschlechts) nicht neu, ebenso stellt die Auseinandersetzung der Theologie mit ihr kein Novum dar. Thematisiert wurde sie unter anderem auch in der Weimarer Zeit, mit der man auch Karl Barth assoziiert. Der 1886 geborene Schweizer gilt bis heute als eine der bedeutendsten Figuren der evangelischen Theologie- und Kirchengeschichte der Neuzeit. Alljährlich treffen sich zu seinem Gedenken in Basel, Barths Geburtsort, von ihm geprägte Theologen, auch Barthianer genannt, um über seine tiefsinnigen Werke, allen voran seine schier unglaublich umfassende Kirchliche Dogmatik, zu diskutieren. So ziemlich jeder evangelische Theologiestudent der heutigen Zeit wird sich zwangsläufig mehrmals in seinem Studium mit Barths Schriftauslegungen auseinandersetzen müssen. Dies nicht ohne Grund, denn Barth hat die moderne evangelische Theologie geprägt wie wohl kein Zweiter.
Diese Arbeit soll also die Auseinandersetzung Karl Barths mit der ethischen Frauen- bzw. gender-Frage insbesondere während der Weimarer Zeit systematisch erschließen. Dabei gilt es selbstredend auch, den biographischen Hintergrund Barths im Auge zu behalten. Diesbezüglich spielt nicht zuletzt der Name Charlotte von Kirschbaum eine Rolle, die ihm während dieser Zeit als Assistentin (und mehr) zur Seite stand.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Barths frühe Anschauungen zur Ethik der Geschlechter
II.1. Kontext
II.2. Grundsätzliches Verhältnis der Geschlechter
II.3. Bedeutung der Ehe
III. Anknüpfungspunkte in Karl Barths Biographie
III.1 Seine jungen Jahren
III.2. Sein Verhältnis zu Charlotte von Kirschbaum
IV. Resümee: Vergleich der theologischen Aussagen Barths mit seiner eigenen Biographie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die Auseinandersetzung Karl Barths mit der ethischen Frauen- bzw. Gender-Frage während der Weimarer Zeit systematisch zu erschließen und dabei den biographischen Hintergrund des Theologen kritisch zu beleuchten.
- Theologische Grundlagen der Geschlechterethik bei Karl Barth
- Die Bedeutung der Ehe als göttliche Ordnung
- Biographische Einflüsse auf Barths Werk
- Das Verhältnis zu Charlotte von Kirschbaum und dessen Auswirkungen
- Spannungsfeld zwischen theoretischer Dogmatik und privater Lebensrealität
Auszug aus dem Buch
II.2. Grundsätzliches Verhältnis der Geschlechter
Barth beginnt seine Ausführungen zum Verhältnis der Geschlechter mit der Feststellung, dass die Menschen in einem “Doppelkreis” leben, nämlich dem der “Geschlechtlichkeit”. “Wir leben nicht nur als Menschen, sondern wir leben als Mann oder als Frau. Aber wir müssen sofort ergänzen: Wir leben als Mann und Frau.”9 Damit will Barth zum Ausdruck bringen, dass Mann und Frau von Anfang an füreinander bestimmt wurden, d.h. aufeinander bezogen sind.
“Der Mann hat kein Eigenleben als solcher, sondern er ist Mann, indem er der Frau zugewendet ist. Und die Frau hat auch kein Eigenleben, sondern sie ist Frau, indem sie dem Manne zugewendet ist.”10
Gewissermaßen ist der Mensch also nur in seiner Polarität als Mann und Frau zu verstehen; erst beide Geschlechter ergeben zusammen den Menschen, der von Anfang an als Mann und Frau geschaffen ist. Barth macht sich lustig über vielfach unternommene Definitionen der Geschlechter, die entweder schwerpunktmäßig und traditionell männliche Tugenden in den Vordergrund stellen oder aber andererseits in der zu der Zeit neuen Frauenbewegung die Vorzüge des weiblichen Geschlechts überbetonen. Fast spöttisch fragt er:
“Was wissen wir denn vom Manne und von der Frau, als dass der Mann nicht Mensch wäre ohne die Frau, die Frau nicht ohne den Mann, dass beide nicht sich selbst gehören können, ohne eben damit einander zu gehören?”11
Aus Gen 2,18 leitet er sich im weiteren Verlauf dann doch eine genauere Bestimmung der Frau ab, indem er sie nämlich als “Gehilfin” versteht, getreu der Schrift, in der es heißt, “dass ihm [Anm.: dem Mann] nicht gut ist, allein zu sein, dass ihm kraft dieses Schöpferwortes eine Gehilfin geworden ist.”12
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Thematik der Gender-Frage in der Theologie und Hinführung zur Fragestellung der Arbeit unter Berücksichtigung Karl Barths.
II. Barths frühe Anschauungen zur Ethik der Geschlechter: Analyse von Barths theologischem Verständnis der Geschlechterpolarität und der Ehe als göttliche Ordnung.
III. Anknüpfungspunkte in Karl Barths Biographie: Untersuchung biographischer Faktoren, insbesondere der Jugend und der prägenden Beziehung zu Charlotte von Kirschbaum.
IV. Resümee: Vergleich der theologischen Aussagen Barths mit seiner eigenen Biographie: Kritische Reflexion des Spannungsfeldes zwischen Barths strenger theologischer Ethik und seiner persönlichen Lebenswirklichkeit.
Schlüsselwörter
Karl Barth, Weimarer Zeit, Gender, Geschlechterethik, Theologische Dogmatik, Ehe, Charlotte von Kirschbaum, Gehilfin, Lebensgemeinschaft, Kirchengeschichte, Biographischer Hintergrund, Protestantismus, Schöpfungsordnung, Ethik, Dreiecksbeziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Auseinandersetzung des Theologen Karl Barth mit der Ethik der Geschlechter, insbesondere im Kontext seiner Schriften während der Weimarer Zeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das theologische Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit, die Ehe als göttliche Ordnung sowie die biografische Prägung durch Barths enges Umfeld.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Barths theoretische Aussagen zur Gender-Frage systematisch zu erfassen und zu prüfen, inwieweit diese mit seinem tatsächlichen Lebenslauf und seinem privaten Umfeld korrespondieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kirchengeschichtlich orientierte Analyse, die theologische Quellentexte (insbesondere Barth, Ethik I und II) mit biographischen Daten vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Barths Verständnis der Geschlechterpolarität, die Bedeutung der Ehe sowie die Rolle Charlotte von Kirschbaums als seine Assistentin und theologisches Gegenüber.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Gender, Ehe, Schöpfungsordnung, Karl Barth, Biographie und Theologische Ethik.
Wie bewertet der Autor das Verhältnis zwischen Barth und Charlotte von Kirschbaum?
Der Autor ordnet das Verhältnis als eine für das Werk Barths essenzielle, jedoch auch spannungsgeladene Dreiecksbeziehung ein, die von engster theologischer Zusammenarbeit geprägt war.
Gibt es einen Widerspruch zwischen Barths Lehre und seinem Leben?
Die Arbeit arbeitet das Spannungsfeld heraus, dass Barth in seiner Theologie strikt die Ehe als unauflösbare Ordnung betonte, während seine private Lebensgestaltung mit seiner Ehefrau Nelly und Charlotte von Kirschbaum von Beobachtern als inkonsequent empfunden wurde.
- Arbeit zitieren
- Karsten Keuchler (Autor:in), 2007, Gender Ethics beim frühen Karl Barth in der Weimarer Zeit unter Berücksichtigung seiner Biographie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160984