Verschiedene Ebenen einer philosophischen Debatte


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kuhns und Poppers Ansichten. Gestalt switch
2.1 Kritik

3. Falsifikationismus
3.1 Exkurs: Rätsel vs. Problem
3.2 Exkurs: Wissenschaftlicher Rahmen
3.3 Kritik

4. Normalwissenschaft
4.1 Kritik

5. Eristik

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

Gibt es Kontroversen, die in einer höchst kulturvollen Atmosphäre verlaufen? Es gibt sie tatsachlich: Philosophische Kontroversen. Eine von vielen fand auf einem Gebiet statt, das so alt wie die Wissenschaft selbst ist: Wissenschaftstheorie[1]. „[D]ie Wissenschaftstheorie [hat] gerade in den letzten anderthalb Jahrzenten eine Phase heftiger Diskussionen und in ihrem Gefolge auch tiefgreifende Wandlungen durchgemacht.“[2]

Die Diskussion begann in dem Jahr 1962 mit der Veröffentlichung eines Werkes von Thomas S. Kuhn – mit dem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“. Krüger schrieb dazu:

„Für die Erforschung der Wissenschaft, insbesondere auch die Wissenschaftsphilosophie, markiert das Werk Thomas Kuhn einen wichtigen Einschnitt: vor-Kuhnsche und nach-Kuhnsche Wissenschaftsbetrachtung erweisen sich im Gesamtgepräge nach Zielsetzung, Thematik und Methoden als zunehmend deutlicher unterschiedene Unternehmungen.“[3]

Die sich bis heute ziehende Debatte hat viele anerkannte Denker dazu gebracht ihre früheren Ansichten und Theorien mit der „nach-Kuhnschen Wissenschaftsbetrachtung“ zu konfrontieren. Einer von ihnen war Sir Karl Raimund Popper.

In meiner hier vorliegenden Arbeit werde ich versuchen die beiden Stellungen, von Kuhn und Popper, zu der wissenschaftlichen Entwicklung darzustellen und sie miteinander zu vergleichen. Meine Aufmerksamkeit werde ich nur auf die Aspekte beider Theorien fokussieren, die im Rahmen des Symposiums „Kritik und Erkenntnisfortschritt“[4] und in der darauf folgende Abhandlung[5] von wesentlicher Bedeutung für das Verständnis beider Ansichten sind. Wo es möglich sein wird, werde ich Bemerkungen anderer Kritiker einführen, die die Gegenüberstellung entweder kommentiert oder in gewisser Weiße zu entscheiden versucht haben. Dabei werde ich versuchen hervorzuheben, dass die Diskussion auf mehreren Ebenen geführt worden ist. Zu unterscheiden sind: eine theoretische, eine begriffliche, eine Verständnis, eine sprachliche und eine intentionale Ebene.

2. Kuhns und Poppers Ansichten. Gestalt switch

Erste Bemerkung Kuhns in dem Beitrag „Logik der Forschung oder Psychologie der wissenschaftlichen Arbeit?“ zu der Gegenüberstellung seiner Ansichten und der von Popper war: „Beinahe immer, wenn wir uns explizit denselben Problemen zuwenden, sind Sir Karls und meine Ansichten über Wissenschaft so gut wie identisch.“[6] Beide[7]:

- sehen ein, dass der Erwerb wissenschaftlicher Kenntnisse in einem dynamischen Prozess verläuft;
- sind nicht an der logischen Struktur des Ergebnisses der wissenschaftlichen Forschung interessiert;
- betrachten Tatsachen und dem Geist des aktuellen wissenschaftlichen Lebens und der Geschichte als Legitime Daten;
- verfügen über eine Quelle der gemeinsamen Daten, aus der sie meistens dieselben Konklusionen ziehen;
- finden, dass der Fortschritt der Wissenschaft nicht durch Akkumulation, sondern durch den revolutionären Prozess sich vollzieht (eine alte Theorie wird durch eine neue, mit ihr unvereinbare ersetz);
- unterstreichen die Rolle der älteren Theorie, die durch Logik, Experimente oder Beobachtung auf solche Probe gestellt wird, die sie nicht bestehen kann;
- sind gegenüber jenen Bestrebungen, die eine neutrale Beobachtungssprache zustande bringen möchten, skeptisch.

Ein Rezipient, der zwar die Lektüre von Kuhn und Popper kennt, sie aber nicht aufmerksam und nicht mit kritischen Augen gelesen hat, würde Kuhns erster These wahrscheinlich zustimmen. Um dies zu vermeiden, versucht Kuhn zu klären, dass die gleichen Ansichten nur scheinbar[8] sind. In der Wirklichkeit sind es nur „dieselben Linien auf demselben Papier“[9]. Die Aussagen der beiden Autoren sind nur verbal gleichzustellen. Der grundsätzliche Unterschied ist in der Intention zu erkennen, die bei beiden prinzipiell verschieden ist. Kuhn schrieb dazu: „Und dennoch überzeugen mich Erfahrungen […], dass unsere Absichten oft völlig verschieden sind […].“[10] Um dieses Phänomen zu erklären, bedient sich Kuhn mit einer der gestaltpsychologischen Mitteln. Er führt den deutsch-englisches Ausdruck „Gestalt switch“[11] ein, der in besonderen Fällen ein „[…] Umschalten von der einen Art von Interpretation auf die andere“[12] bezeichnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Illustration Nr.1

Kuhn hat das auf die gemeinsamen Leser und Kritiker von ihm und Popper übertragen. „Darum sage ich, dass es ein `gestalt switch` ist, der uns voneinander trennt, und nicht einfach unterschiedliche Ansichten.“[13].

2.1 Kritik

Einige Teilnehmer der Debatte haben tatsachlich bewiesen, dass obwohl Kuhn und Popper an manchen Stellen auf den erstem Blick der selben Ansichten sind, sie trotzdem anders von den Rezipienten interpretiert werden. „Das gestaltpsychologische Modell der Erfahrung ist insofern richtig, als es die Theorienabhängigkeit der Erfahrung zeigt.“[14] Nichtsdestotrotz sind die Gründe entweder anders oder komplexer, um sie mit einem „Gestalt switch“ zu deuten. Ein Beispiel dafür ist eine Bemerkung von Toulmin. Sie ist ein Versuch, die Zweideutigkeit methodologisch zu erklären.

„[…] die Zweideutigkeit entstand nämlich dadurch, dass die Wissenschaftsphilosophie [vertreten durch Popper] sich vor allem dafür interessiert, welche Art von Überlegungen über die Auswahl der neuen Varianten entscheiden sollten, während die Soziologie und die Psychologie [vertreten durch Kuhn] der Wissenschaft sich mit jenen Überlegungen beschäftigen, die in Wirklichkeit bei der Wahl entscheidend waren.“[15]

Somit kann man explizit feststellen, dass die von Kuhn und Popper repräsentierten Ansichten, wenn nicht völlig, dann zumindest teilweise verschieden sind. In folgenden Kapiteln werde ich versuchen die wesentlichen Beispiele zu präsentieren.

[...]


[1] Vgl. Bayertz (1981): S.6.

[2] ebd.: S.1.

[3] Krüger (1977): S.7.

[4] Das Symposium fand am 13. Juli, in Rahmen des Internationalen Kolloquiums über Philosophie der Wissenschaft statt, das am Bedford Collage in Regent`s Park in London in den Tagen zwischen 11.-17. Juli 1965 veranstaltet wurde.

[5] Die Abhandlung ist in der Form einer Publikation unter dem gleichen Titel, wie das Symposium, von Imre Laktos und Alan Musgrave herausgegeben worden.

[6] Kuhn (1974): S.1.

[7] Vgl. ebd.: S.1-2.

[8] „Beachtenswert ist nicht so sehr jenes periphere Gebiet, auf dem unsere gelegentlichen und nebensachlichen Nicht-Übereinstimmungen sich isolieren ließen, sondern eher jene zentrale Region, wo wir derselben Ansicht zu sein scheinen.“ ebd.: S.3; (kursiv markiert durch den Autor dieser Arbeit)

[9] ebd.: S.3.

[10] ebd.: S.3.

[11] Wie es auf der Illustration Nr.1 zu sehen ist, kann dieselbe Zeichnung entweder als „Ente” oder als „Hase” interpretiert werden, je nach der persönlicher Wahrnehmung.

[12] ebd.: S.3.

[13] ebd.: S.3.

[14] Andersson (1988): S.121.

[15] Toulmin (1974): S.46.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Verschiedene Ebenen einer philosophischen Debatte
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Philosophische Kontroversen des letzten Jahrhunderts
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V161161
ISBN (eBook)
9783640746347
ISBN (Buch)
9783640746927
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verschiedene, Ebenen, Debatte
Arbeit zitieren
Michał Krus (Autor), 2009, Verschiedene Ebenen einer philosophischen Debatte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161161

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Verschiedene Ebenen einer philosophischen Debatte



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden