Eine umfassende Analyse der gesundheitlichen Situation von Grundschulkindern soll Aufschluss über aktuelle Herausforderungen und Bedarfe geben. Auf dieser Grundlage werden praxistaugliche Handlungsansätze zur Gesundheitsförderung und Prävention entwickelt und aufgezeigt, die sowohl den schulischen Alltag berücksichtigen als auch nachhaltig umsetzbar sind.
Als Grundlage dieser Ausarbeitung muss zunächst das ausgewählte Setting betrachtet werden. Dabei wird insbesondere die Ausgangssituation von Schüler/innen an deutschen Grundschulen betrachtet. Aus dieser Analyse sollen im Anschluss Handlungsansätze herausgearbeitet werden, welche der Gesundheitsförderung der Zielgruppe im Setting dienen.
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1 Analyse der gesundheitlichen Situation im Setting
2 Vorstellung eines Modellprojekts
3 Bewertung des Modellprojekts
4 Literaturverzeichnis
5 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
1 Analyse der gesundheitlichen Situation im Setting
Als Grundlage dieser Ausarbeitung muss zunächst das ausgewählte Setting betrachtet werden. Dabei wird insbesondere die Ausgangssituation von Schüler_innen an deutschen Grundschulen betrachtet. Aus dieser Analyse sollen im Anschluss Handlungsansätze herausgearbeitet werden, welche der Gesundheitsförderung der Zielgruppe im Setting dienen.
1.1 Gesundheitsbezogenen Datenlage im Setting der Grundschule
Im Folgenden soll die gesundheitliche Situation von Kindern im Grundschulalter und im Setting der Grundschule untersucht und dargelegt werden. Es folgt ein Überblick über die zentralen Gesundheitsprobleme der Schulkinder in Deutschland.
1.1.1 Zentrale Gesundheitsprobleme und Analyse der Datenlage
Das Thema der Gesundheitslage von Schulkindern wird in mehreren Studien und Berichten untersucht. Eine Studie, welche über Stichprobenbefragungen von Kindern und Jugendlichen arbeitet ist die KIGGS-Studie (Mauz et al., 2017, S. 2). Ein zentrales Gesundheitsproblem, welches sich aus den Ergebnissen dieser Studie ergibt, ist Übergewicht beziehungsweise Adipositas. Bei Kindern im Grundschulalter ergibt sich eine Prävalenz für Übergewicht von 14,9% bei Mädchen und 16,1% bei Jungen. Zwar ist das Aufkommen von Übergewicht steigend mit dem zunehmenden Alter, jedoch lässt sich auch im Grundschulalter bereits eine eindeutige Tendenz erkennen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die Studie auch in Bezug auf Adipositas. Hier ist das Aufkommen deutlich geringer als bei Übergewicht (4,7% bei Mädchen und 6,8% bei Jungen), doch die Zunahme mit steigendem Alter macht auch hier den Handlungsbedarf deutlich (Bartig et al., 2018, S. 18). Auffällig ist zudem die Korrelation zwischen Übergewicht/Adipositas und dem sozialen Status der Kinder. „Teilnehmende mit niedrigem sozioökonomischen Status (SES) sind deutlich häufiger von Übergewicht und Adipositas betroffen als Heranwachsende der hohen Statusgruppe“ (Bartig et al., 2018, S. 19). Bei Kindern zwischen 3 und 17 Jahren sind 27% der Mädchen Übergewichtig und 24,2% der Jungen, bei Kindern mit hohem SES gerade einmal 6,5% der Mädchen und 8,9% der Jungen (S.18). Die Prävalenz für Adipositas ist zwar insgesamt deutlich geringer, trotzdem zeichen sich auch hier deutliche Unterschiede je nach SES ab (S.19). 8,1% der Mädchen mit niedrigem SES sind adipös und 11,4% der Jungen. Mädchen mit hohem SES zeigen eine Prävalenz für Adipositas von gerade einmal 2% und Jungen 2,6%. Die Prävention von Übergewicht und Adipositas ist ein wichtiges Thema, denn gerade Kinder mit Übergewicht weisen im Vergleich zu Gleichaltrigen mit normalem Körpergewicht ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf, darunter ein erhöhter Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen und Störungen des Glukosestoffwechsels. Außerdem weisen Kinder mit Übergewicht eine höhere Wahrscheinlichkeit auf, im Erwachsenenalter an Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck zu erkranken. Zusätzlich reduziert Adipositas und Übergewicht die Lebensqualität und erhöht das Risiko gemobbt zu werden (Bartig et al., 2018, S. 16). Gründe für Übergewicht und Adipositas sind vielfältig. Darunter unter anderem ungesunde Ernährungsgewohnheiten, Bewegungsmangel, sozioökonomische Faktoren oder auch das Modellverhalten der Eltern (BMBF, 2024). Im Folgenden sollen die wichtigsten Faktoren genauer dargelegt werden. In der KIGGS Studie wurden unter anderem auch Daten zum Bewegungsverhalten von Kindern erhoben. Als Zielwert für optimale Bewegungsauslastung wurden die Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gewählt. Diese entsprechen bei Kindern zwischen 5 und 17 Jahren ca. 60 Minuten moderate bis intensive Aktivität pro Tag und zwei bis drei Einheiten Muskel und Knochen stärkende Aktivität pro Woche (WHO, 2010, S. 20). Grundsätzlich erreichen Mädchen im Grundschulalter (22,4%) die Bewegungsempfehlung seltener als Jungen (29,4%). Mit steigendem Alter erreichen sowohl Mädchen als auch Jungen die Empfehlung immer seltener. Mädchen weisen mit 11,1% häufiger ein geringes Maß an körperlicher Aktivität auf als Jungen (7,0%) im selben Alter. Auch in Bezug auf Bewegungsverhalten zeigt sich die Auswirkung des sozioökonomischen Status von Kindern. Kinder mit niedrigem sozioökonomischen Status zeigen eine deutlich höhere Prävalenz geringer körperlicher Aktivität als Kinder mit höherem sozioökonomischen Status (Bartig et al., 2018, S. 26-28). Insbesondere bei den Mädchen zeigt sich, ein Unterschied zwischen den beiden Erhebungen der KiGGS Welle 1 (2009-2012) und KiGGS Welle 2 (2014-2017). In Welle 1 erreichen 40,7% der Mädchen zwischen drei und zehn Jahren die WHO-Empfehlungen, während in Welle 2 nur noch 32,6% die Bewegungsempfehlungen erreichen. Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor ist Ernährung von Kindern. In der KiGGS-Studie wurde insbesondere der Konsum von zuckerhaltigen Getränken untersucht. Die Erhebung kam zu folgendem Ergebnis: 14,5 % der Mädchen und 15,3 % der Jungen im Grundschulalter trinken ein- bis dreimal täglich zuckerhaltige Getränke (Bartig et al., 2018, S. 34). Es wird deutlich, dass besonders Jungen mehr gesüßte Getränke konsumieren als Mädchen, genauso wie Kinder eines niedrigeren soziökonomischen Status. Positiv zu bewerten ist der Rückgang des Konsums von Welle 1 zu Welle 2. Obwohl der Konsum immer noch als hoch eingestuft wird scheinen präventive Maßnahmen, wie die Verbesserung des Trinkwasserangebots in Schulen zu diesem Rückgang beigetragen zu haben (Bartig et al., 2018, S.36). Genauer betrachtet wird das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in der EsKiMo-Studie. Sie stellte unter anderem heraus, dass das Ernährungsverhalten von Grundschulkindern in Deutschland zum Teil positive, aber auch viele verbesserungswürdige Aspekte aufweist. Es wird deutlich, dass Kinder zwischen sechs und elf Jahren zu wenig Obst und Gemüse verzehren. Lediglich 1 % der Mädchen und 2 % der Jungen erreichen die Empfehlung von 230-440 Gramm Gemüse pro Tag. Die Empfehlungen für Obstverzehr von 210-410 Gramm täglich werden von 10 % der Mädchen und 8 % der Jungen erreicht (Mensink et al., 2021, S.44-45). Dahingegen wird der empfohlene Verzehr von „geduldeten Lebensmitteln“, wie Süßigkeiten, salzigen Snacks oder Gebäck häufig überschritten. 80% der Mädchen und 83% der Jungen im Grundschulalter überschritten die Vorgaben um das 1,5-fache (Mensink et al., 2021, S. 50-53). Frühstück und Mittagessen gehören für die meisten Kinder zum Alltag, sind jedoch häufig nicht ausgewogen, da sie beispielsweise stark zuckerhaltige Cerealien oder Fertigprodukte enthalten (Mensink et al., 2021). In Bezug auf die Schulverpflegung gaben 86,6% der Kinder und Jugendlichen an, in der Schule eine warme Mahlzeit zu bekommen. Kinder im Grundschulalter nehmen dieses Angebot laut Mensink, mit 31,1% am häufigsten in Anspruch (S.90). Das Ernährungsverhalten wird zudem stark durch sozioökonomische Unterschiede beeinflusst. Kinder aus finanziell benachteiligten Familien greifen häufiger zu Fast Food und konsumieren seltener frische Lebensmittel, auch nehmen Kindern mit niedrigem sozioökonomischem Status seltener das Angebot der Schulverpflegung in Anspruch. Ein weiterer Einflussfaktor, ist die Mediennutzung von Grundschulkindern. Die sogenannte KIM-Studie untersucht das Medienverhalten von Kindern zwischen 6 und 13 Jahren. Kinder wachsen immer mehr in einer von Medien und technischen Geräten geprägten Umwelt auf. Gerade die Nutzung von Smart-TVs, Streaming-Diensten und Tablets ist seit 2020 deutlich gestiegen. 44% der Kinder zwischen sechs und 13 Jahren besitzen ein eigenes Smartphone, die Häufigkeit steigt mit höherem Alter: „6-7 Jahre: 9 %, 8-9 Jahre: 27 %, 10-11 Jahre: 58 %,12-13 Jahre: 81 %“(Feierabend et al., 2023, S. 4-6). Es ergibt sich bei den meisten Geräten kein signifikanter Unterscheid zwischen Mädchen und Jungen, die einzige Ausnahme bildet die feste Spielkonsole, diese besitzen deutlich mehr Jungen als Mädchen (Feierabend et al., 2023, S. 6). In der Freizeit dominieren unter anderem Aktivitäten wie Fernsehen und digitale Spiele. 85% der Kinder gehen diesen Freizeitaktivitäten mindestens einmal pro Woche nach. Dabei fällt auf: „Mädchen zeigen höhere Affinität zu kreativen und sozialen Tätigkeiten, Jungen zu sportlichen Aktivitäten und digitalen Spielen“ (Feierabend et al., 2023, S. 10). Das Internet nutzen 38% der 6- und 7- Jährigen und 59% der 8- und 9- Jährigen. In der Grundschule werden sehr selten digitale Medien verwendet, trotzdem ergibt sich ein großer Förderungs- und Handlungsbedarf für Lehrer_innen und Eltern besonders in Bezug auf Medienkompetenz (Feierabend et al., 2023, S.80-83). Im Durchschnitt verbringen Kinder zwischen 6 und 7 Jahren 133 Minuten vor einem Bildschirm obwohl maximal 60 Minuten pro Tag empfohlen werden (Uhrig, 2024).
1.1.2 Bedeutung der Grundschule als Setting für die Gesundheitsförderung
Die Grundschule kann als sehr bedeutsames Setting der Gesundheitsförderung betrachtet werden, dies liegt zum einen daran, dass sie sehr viele Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen, kulturellen oder religiösen Herkunft erreichen kann. Auf diese Weise ist es möglich, eine breite Ansprache von Schüler_innen anzubieten, die zur Chancengleichheit und zum Ausgleich sozioökonomischer Unterschiede beiträgt (Dadaczynski et al., 2022, S. 737-740). Zudem ist die Grundschule ein besonders passendes Ort für die Förderung der Gesundheit, da nicht nur Schüler_innen einbezogen werden können sondern auch Lehrer_innen und Eltern. Themen könne auf verschiedenen Ebenen und Kontexten betrachtet und ausgearbeitet werden und somit auch zu einer Veränderung der Rahmenbedingungen für alle Beteiligten beitragen (Dadaczynski et al., 2022, S. 739-740). Ein weiterer Faktor, welcher das Setting Schule in seiner Bedeutung unterstreicht, ist die Annahme, dass das Kindes- und Jugendalter besonders wichtig für Gesundheitsförderung ist. In diesem Zeitraum werden entscheidende Grundlagen für das Gesundheitsverhalten im Erwachsenenalter gelegt werden (Kaluza und Lohaus, 2006). Gesundheitsbezogene Verhaltensweisen lassen sich hier demnach sehr gut etablieren und führen zu langfristigen Veränderungen.
1.2 Ableitung von Handlungsansätzen
1.2.1 Handlungsansätze Priorität 1 „Strategien und Konzepte zur Verringerung des Bewegungsmangels von Grundschulkindern“
Wie bereits in Kapitel 1.1.1 aufgeführt, ist der Bewegungsmangel von Grundschulkindern in Deutschland ein großes gesundheitliches Problem. Besonders stark sind die Auswirkungen von Bewegungsmangel auf die Entstehung von Übergewicht und Adipositas. Die Bewegungsempfelungen der WHO (60 Minuten moderate bis intensive Aktivität) werden von den wenigsten Kindern im Alter von 6 bis 11 Jahren erreicht. Grundschulmädchen (22,4 %) erreichen diese Empfehlung noch seltener als Jungen (29,4 %). Dieser Handlungsansatz wurde als höchstes priorisiert, da die Schule in diesem Fall nicht nur verhaltensändernd wirken kann, sondern häufig selbst verhaltensauslösend wirkt. Grundschulbesuche führen häufig zu langem Sitzen ohne Unterbrechungen (Huber und Köppel 2017, S. 101-106), wodurch das Setting selbst zum Teil des Problems wird.
1.2.2 Handlungsansätze Priorität 2 „Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten von Grundschulkindern“
In Kapitel 1.1.1 wurde die EsKiMo-Studie bereits ausführlich erläutert. Trotzdem ist nochmals zu betonen, wie sich die Ernährungssituation von Grundschulkindern auf das Aufkommen von Übergewicht und Adipositas auswirkt. Nur 1 % der Mädchen und 2 % der Jungen erreichen die Gemüseempfehlung von 230–440 Gramm täglich, und lediglich 10 % der Mädchen sowie 8 % der Jungen erfüllen die Obstempfehlung von 210–410 Gramm. Gleichzeitig überschreiten 80 % der Mädchen und 83 % der Jungen den empfohlenen Verzehr von Süßigkeiten und salzigen Snacks um das 1,5-fache. Übergewicht bei Kindern kann große Auswirkungen auf ihrem aktuellen Gesundheitszustand, sowie ihren zukünftigen Gesundheitszustand haben. Aus diesem Grund ist der Einfluss der Ernährung nicht ausser Acht zu lassen. Aktuell nutzen nur wenige Kinder das Angebot der Schulspeisung, hier ergibt sich sowohl in der Qualität der Nahrung als auch bei der Inanspruchnahme ein großes Potenzial im Setting Schule.
1.2.3 Handlungsansätze Priorität 3 „Verbesserung der Medienkompetenz von Grundschulkindern
Das Medienverhalten von Kindern zwischen sechs und 13 Jahren und zeigt, dass Medien und technische Geräte eine immer größere Rolle spielen. Die Nutzung von Smart-TVs, Streaming-Diensten und Tablets ist seit 2020 deutlich gestiegen, und 44 % der Kinder besitzen ein eigenes Smartphone, wobei der Anteil mit zunehmendem Alter steigt. Die täglich empfohlene Bildschirmzeit von 60 Minuten wird im Durchschnitt um 73 Minuten am Tag überschritten. Der Grundschule kommt laut Herzig eine wichtige Aufgabe zu. Hier sollte in einem konzeptionellen Rahmen Medienbildung etabliert werden (Herzig, 2020, S. 80-84). Dennoch priorisiere ich persönlich die Verbesserung der Medienkompetenz nur auf dritter Stelle, da für mich das Gesundheitsproblem „Übergewicht und Adipositas“ und dessen Auslöser an übergeordneter Stelle stehen.
- Arbeit zitieren
- Julia Lenz (Autor:in), 2025, Analyse der gesundheitlichen Situation von Grundschulkindern in der Grundschule sowie Identifizierung praxistauglicher Handlungsansätze zur Gesundheitsförderung und Prävention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1612551