Die Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf die politische Bildung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Finanzmarktkrise
2.1. Hintergründe
2.2. Auswirkungen auf die Lebenswelten Jugendlicher

3. Kerncurricula für das Fach Politik/Wirtschaft
3.1. Niedersachsen
3.2. Hessen
3.3. Zusammenfassung

4. Finanzmarktkrise und Politische Bildung
4.1. Die Finanzmarktkrise im Politikunterricht
4.2. Inhaltliche und methodische Überlegungen
4.3. Exemplarischer Unterrichtsentwurf
4.4. Abschließende Betrachtung

5. Resümee

6. Quellenverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Die Turbulenzen des Finanzmarktes haben die Weltwirtschaft seit 2008 fest im Griff. Das Platzen der Immobilienblase in den USA zeigte schnell seine globalen Auswirkungen und zog viele Branchen mit in die Krise. Die Unsicherheiten von Staat und Banken breiteten sich auch auf den Privatmann aus, der seine angelegten Ersparnisse nicht mehr gesichert sah. Darüber hinaus waren Arbeitsplätze und soziale Absicherungen gefährdet. Das staatliche Eingreifen in den Finanzmarkt war nötig, um dessen völligen Zusammenbruch zu verhindern: Dazu war der Einsatz von Steuergeldern unerlässlich. Die Finanzmarktkrise wurde also eine Angelegenheit für jedermann. Vor allem junge Erwachsene und Jugendliche trafen die Unsicherheiten, die die Krise mit sich brachte. Vor diesem Hintergrund ist es besonders erforderlich, die Finanzmarktkrise - deren Auswirkungen auch noch in vielen Jahren zu spüren sein werden - in den Schulunterricht mit einzubeziehen. Zusammengefasst stellt sich demnach die Frage: Welche Auswirkungen hat die Finanzmarktkrise auf die Politische Bildung?

Um diesem Komplex auf den Grund zu gehen, soll im zweiten Kapitel zunächst ein kurzer Überblick über die Finanzmarktkrise geschaffen werden, um dann deren Auswirkungen auf das Lebensgefühl Jugendlicher näher zu erläutern. Für diese theoretische Herangehensweise dienen die Ausarbeitungen von Beck/Wienert (2009) und Jahnke (2008). Die Auswirkungen der Krise auf das Lebensgefühl junger Erwachsener und Jugendlicher werden in einer Studie der IG-Metall von 2009 und dem SPIEGEL-Artikel „Die Krisenprofis“, der ebenfalls 2009 erschienen ist, dargestellt. Darüber hinaus wird die Shell-Studie „Jugend 2006“ in die Ausführungen eingebunden, um herauszufinden, wie sich das Bewusstsein über das eigene Leben und den Staat sowie die Zukunftserwartungen Jugendlicher kurz vor der Krise ausdrückten.

Um einen Bezug zur Politischen Bildung herzustellen, folgt im dritten Kapitel eine inhaltliche Zusammenfassung der Kerncurricula für das Fach Politik-Wirtschaft in Niedersachsen und Hessen. Zur Eingrenzung des Themenkomplexes bleibt diese Ausführung auf die gymnasiale Oberstufe beschränkt. Es wird darlegt, welche ganzheitlichen Ziele die Kerncurricula dem Fach Politik-Wirtschaft zuschreiben und inwiefern sich das Thema „Finanzmarktkrise“ in die Lehrpläne einbeziehen lässt.

Eine Konkretisierung der Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf die Politische Bildung wird schließlich in Kapitel vier vorgenommen. Es wird also der Frage nachgegangen: Auf welche Weise kann die Finanzmarktkrise konkret im Politikunterricht der gymnasialen Oberstufe umgesetzt werden? Zur theoretischen Untermauerung dessen werden die Ausarbeitung zur Politik-Didaktik von Sibylle Reinhardt (2002) sowie Siegfried Schieles Aufsatz (2002) zu den Möglichkeiten der Politischen Bildung im 21. Jahrhundert zurate gezogen. Nach inhaltlichen und methodischen Überlegungen wird dann ein exemplarischer Unterrichtsentwurf vorgestellt, der eine Möglichkeit der Umsetzung des Themas „Finanzmarktkrise“ im Politikunterricht aufzeigt. Insgesamt wird in dieser Hausarbeit somit ein Bogen des sehr abstrakten Politikums der Finanzmarktkrise zur Lebenswelt Jugendlicher gezogen und als Grundlage für den Politikunterricht verwendet.

2. Finanzmarktkrise

2008 hat sich die Finanzmarktkrise in rasender Geschwindigkeit über den gesamten Globus ausgeweitet. Und nicht nur der Finanzsektor wurde in Mitleidenschaft gezogen: Insolvenzen und Abschreibungen waren in vielen Branchen zu verzeichnen. Um den Ablauf der Krise nachzuvollziehen, folgt eine Erläuterung der Hintergründe, bevor die Auswirkungen auf die Lebenswelten Jugendlicher thematisiert werden.

2.1. Hintergründe

Die US-amerikanische Notenbank Federal Reserve ist als Vorreiter der Krise zu bezeichnen. Sie hat in den letzten Jahrzehnten eine Politik extremer Niedrigzinsen betrieben, ohne Berücksichtigung von Börsenturbulenzen nach dem Kollaps der sog.

Dotcom-Blase im Jahre 2000 oder einer schwachen Konjunktur wie nach dem 11. September 2001 (vgl. Beck/Wienert 2009, S. 7). Infolge dessen beschafften sich Geschäftsbanken einen großen Anteil an Fremdkapital zu geringen Konditionen, um ihre Kreditvergabe auszuweiten und somit der amerikanischen Wirtschaft zu einem „kreditfinanzierten Boom“ (ebd., S. 9) zu verhelfen. Darüber hinaus wurden eigentlich konservative Investoren wie Versicherer oder Versorgungswerke durch diese Niedrigzinsen der US-Notenbank dazu gezwungen, sich nach „höherverzinslichen Alternativen“ (ebd., S. 7) umzusehen, was sie zu unsicheren Finanzprodukten drängte und die „Spekulation[en] mit immer neuen Kunstprodukten“ (Jahnke 2008, S. 7) in Gang brachte.

Während die Notenbanken mit ihren niedrigen Zinsen den Krisenverlauf antrieben, unterstützten Regierungen durch Regulierungen und Manipulationen der Bankengeschäfte die negativen Entwicklungen auf dem Finanzmarkt. Zum einen wurde die Bankenregulierung vernachlässigt, weil sie weit ab vom Verständnis des Wählers lag und somit wenig attraktiv für Wahlkämpfe erschien. Zum anderen fand eine Manipulation des Finanzmarktes durch die Regierungen insofern statt als vor allem in den USA billige Eigenheime und niedrige Zinsen in die politischen Programme aufgenommen wurden. Um diese Wahlversprechen einzuhalten, wurden den Banken z. B. staatliche Garantien und Steuerzuschüsse zugesprochen, was die Banken wiederum in ihrem Vorhaben, riskante Kredite zu vergeben, unterstützte und zu einer wachsenden Staatsverschuldung führte.

Auf diese Wiese wurden die USA „zum weitaus größten Schuldnerland der Welt“ (ebd., S. 5). Steigende Importe und sinkende Exporte ließen die Güterpreise in den USA fallen, aber Vermögenspreise wie solche für Immobilien stiegen ins scheinbar Unermessliche: „In der Spätphase dieses Booms vergaben die Banken immer freizügiger Immobilien-Kredite auch an sehr schlechte Schuldner […]“ (Beck/Wienert 2009, S. 10). Diese sog. Subprime- Kredite wurden durch die Häuser, die mit ihnen finanziert wurden, gesichert. Aufgrund der stetig steigenden Immobilienpreise schien dieses Vorgehen sicher - jedoch nur solange die Immobilienpreise wirklich anstiegen. Außerdem wurde das Kreditrisiko mithilfe neuer Finanzprodukte auf Investoren verlagert, die die Kredite in ihre Bilanz aufnahmen und somit die Bank entlasteten.

Ein weiterer Akteur im Vorfeld der Finanzmarktkrise waren die Entwickler neuer Finanzprodukte. Sie versprachen den Geschäftsbanken, ihren scheinbar unlösbaren Konflikt zwischen Rendite und Sicherheit durch Verbriefung und Strukturierung zu lösen. Die Geschäftsbanken befanden sich nämlich in dem Dilemma, dass sie entweder große Sicherheit gewährten, dafür aber geringe Renditen registrierten oder eine Insolvenzgefahr durch riskante Geldgeschäfte eingingen, dafür aber hohen Renditen verzeichneten. Die Vorgehensweise der neuen Finanzprodukte machte eine Verbriefung nicht handelbarer Kredite hin zu Wertpapieren möglich, sodass sie handelbar wurden. Diese Wertpapierportfolios strukturierte man dann nach Risikoklassen - in Tranchen - und Rating-Agenturen bewerteten sie neu. Je nach Risikoklasse konnten Anteile an diesem Wertpapierportfolio zu unterschiedlichen Konditionen schließlich an institutionelle Investoren wie Investmentfonds verkauft werden. Auf diese Weise kamen [z]u den traditionellen und schlecht beaufsichtigten Banken […] an Spielern im Casino der Finanzmärkte vor allem Hedgefonds und Private Equity Unternehmen hinzu, also Kapitalsammelstellen, die keinerlei Aufsicht unterliegen. (Jahnke 2008, S. 9)

Das Risiko von Kreditausfällen und Illiquidität lastete somit nicht mehr allein auf den Geschäftsbanken, sondern wurde auf viele überwiegend unbeaufsichtigte Unternehmen verteilt. Das System wurde folglich immer undurchsichtiger. Das Verfahren ermöglichte den Geschäftsbanken hohe Renditen einzuholen, indem die Kredite durch die Verbriefung und Strukturierung liquide gemacht wurden. Gleichzeitig war ihre Sicherheit gewährleistet, weil das Kreditrisiko auf andere Investoren übertragen wurde. Kredite konnten sorglos vergeben werden, solange diese neu entwickelten Finanzprodukte dem Markt standhielten. Allerdings fielen die Immobilienpreise seit 2006 und ließen das riskante Kreditvergabeverfahren in sich zusammenfallen, denn die mit der Zeit immer häufiger vergebenen Subprime-Kredite waren nun wertlos (vgl. Beck/Wienert 2009, S. 10). Weil kein Investor mehr das Risiko der verbrieften Wertpapiere aufnehmen wollte, brach der „Markt für diese Papiere […] zusammen; die Praxis der Auslagerung der Kredite funktionierte nicht mehr […], ihr Wert viel ins Bodenlose“ (ebd.). Zum eigenen Schutz sank die Bereitschaft der Banken, sich gegenseitig Kredite zu gewähren und Wertpapiere abzukaufen. Der zuvor weltweit betriebene Handel mit eben solchen Papieren weitete die Krise in kürzester Zeit global aus, „der Abschwung der Realwirtschaft erfasste alle wichtigen Wirtschaftsregionen gleichzeitig“ (ebd., S. 11). Durch das nun erwachte Risikobewusstsein und den betriebenen Protektionismus wurden Banken und Unternehmen auf der ganzen Welt beinahe zur gleichen Zeit illiquide, die Gesamtnachfrage und die Produktion fielen ab, hohe Arbeitslosigkeit drohte und schließlich mussten vielen Großfinanzierer wie die Hypo Real Estate und Lehman Brothers Insolvenz anmelden.

Um einen völligen Zusammenbruch des Finanzmarktens zu vermeiden, erschien eine staatliche Unterstützung zur Sanierung der Banken unerlässlich, was heftige Debatten auslöste und einen weiteren Schritt im Teufelskreis der Finanzmarktkrise darstellte. Jahnke fasst zusammen, [d]ass nun die Bankensysteme mit Steuer- und Notenbankgeldern in gigantischer Höhe gestützt werden müssen, während für die eigentlichen staatlichen Aufgaben, wie Gesundheit, Bildung, Verkehr, Armutsbekämpfung und Energieversorgung, immer weniger Mittel zur Verfügung stehen, ist dann das nächste Drama in dieser Kette. (Jahnke 2008, S. 27)

Insgesamt stellt sich die Finanzmarktkrise also als Krise dar, die sich weder regional noch branchenspezifisch verorten lässt. Vielmehr beinhaltet sie viele weitere Aspekte, weil die eigentlichen staatlichen Angelegenheiten von den weitgreifenden Aufgaben zur Krisenbewältigung überschattet werden. Auf diese Weise wurden immer mehr BürgerInnen in den Krisensog hineingezogen, auch diejenigen die bis dato nicht in den

Finanzmarkt involviert waren. Die besonders starke Betroffenheit für junge Menschen soll im folgenden Kapitel näher beschrieben werden.

2.2. Auswirkungen auf die Lebenswelten Jugendlicher

Schon im Jahre 2006 hat eine Studie der Deutschen Shell zur Lebenswelt Jugendlicher festgestellt, dass vor allem „Leistungsbereitschaft, Engagement und eine Orientierung an den konkreten und nahe liegenden Problemen […] die Grundhaltung dieser Generation [prägen]“ (Deutsche Shell et al. 2006, S. 1), sie aber durch den stetig wachsenden Druck, der auf ihr lastet, eine sehr pragmatische Generation darstellt. Anstatt also ihre Zeit mit der Festhaltung bestimmter Ideologien zu verbringen, hat das Denken und Handeln dieser Generation eher sachliche Bezüge. Trotzdem oder wohlmöglich gerade deshalb stellt die Politik „für die Mehrheit der Jugendlichen […] keinen eindeutigen Bezugspunkt mehr dar, an dem man sich orientiert, persönliche Identität gewinnt oder sich auch selber darstellen kann“ (ebd., S. 5). Vielmehr geht die Politik schon zwei Jahre vor der Krise an der jungen Generation vorbei, sodass sie nicht die Möglichkeit sieht, aktiv und gestalterisch am politischen Leben teilhaben zu können. Darüber hinaus haben Jugendliche im Jahre 2006 eine besorgte Sicht auf die Globalisierung mit ihren „möglichen problematischen Konsequenzen“ (ebd., S. 11). Die Androhung einer weltweiten Krisesituation ist schon vor dem konkreten Ausbruch der Finanzmarktkrise prägend für das unsichere Weltbild Jugendlicher.

Aus diesem Grund ist auch die Schlussfolgerung von Oehmke et al. nachzuvollziehen. Sie beschreiben, dass die heutige Jugend kein Generationengefühl mehr verbindet, das Gemeinsamkeiten und Sicherheit hervorruft - wie etwa bei der revolutionären 68er- Generation. Stattdessen versuchen viele Einzelne auf dem unsicheren Arbeitsmarkt und in der differenzierten Gesellschaft Fuß zu fassen. Diese Unsicherheiten sind nicht nur im Bezug auf den Arbeitsplatz, sondern auch auf die Lebensverhältnisse insgesamt zu spüren: „Das Lebensgefühl der Unsicherheit nimmt jetzt, in der Krise, noch zu. Dieses Gefühl ist es, was diese Generation noch verbindet, doch es verbindet sie nicht.“ (Oehmke et al. 2009, S. 49) Statt gemeinsam für eine bessere Zukunft einzutreten, ist jeder mit seiner individuellen Lebensgestaltung befasst. Folglich beschäftigen sich Jugendliche kaum aktiv mit politischen Problemen, weil sie nicht wissen, „warum sie sich mit Dingen beschäftigen sollen, die offensichtlich mit ihrem Leben nichts zu tun haben“ (ebd., S. 53).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf die politische Bildung
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Politische Wissenschaften)
Veranstaltung
Globalisierung, Finanzkrise und Politische Bildung
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V161528
ISBN (eBook)
9783640751990
ISBN (Buch)
9783640752454
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Auswirkungen, Finanzmarktkrise, Bildung
Arbeit zitieren
B.A. Julia Krüger (Autor), 2010, Die Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf die politische Bildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161528

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