"Gefährdetes Leben" - Sozialisation aus postfeministischer Sicht auf der Grundlage von Judith Butler


Diplomarbeit, 2010
80 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Sozialisation
Sozialisation- Versuch einer Definition
Sozialisationsforschung im historischen Kontext
Moderne Forschungsansätze

Sozialisation aus postfeministischer Sicht
Über Judith Butler
Zum Sozialisationsbegriff nach Butler

Der 11.September und die Folgen
Faktische Darstellung der Geschehnisse
Amerikanische Reaktion
Erschütterung der ‚Ersten Welt‘
Entmenschlichung
Souveränität und Gouvernementalität
Gefangene im rechtsfreien Raum
Handelnde mit Verantwortung

„Überwachen und Strafen“
Überwachen und Strafen nach Foucault
Guantanamo- ein „besonderes“ Gefängnis
Entstehung
Geographische und rechtlich-politische Lage

Überwachen und Strafen in Guantanamo
Folter statt Resozialisierung
Regeln und Verstöße
Persönliche Kontakte
Hygiene
Religionsausübung
Nahrung
Medizinische Versorgung
Physische Folter
Psychische Folter
Verhörmethoden
Sexuelle Gewalt
Schlafentzug
Isolationshaft
Die Genfer Konventionen
Genfer Konventionen versus Guantanamo

Unbegrenzte Haft und gefährdetes Leben

Wunsch und Vision

Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Guantanamo. Kaum ein anderes Wort ist so negativ besetzt und steht klarer für den Entzug von Menschenrechten und die Missachtung der Menschenwürde im modernen 21. Jahrhundert. Kaum ein anderer Ort ist enger verknüpft mit der Ausschließung „nicht lebenswerter Leben“, angeblich gerechtfertigt im Namen einer nationalen Sicherheit. Und kaum eine andere Zeitspanne als die des Bestehens des Internierungslagers ist trauriger für die Demokratie, von der man optimistisch annahm, sie basiere auf international geltendem Rechten und Humanität.

Guantanamo hat deutlich gezeigt, dass Ausnahmezustände immer noch Möglichkeiten der Legitimation beinhalten, mit denen die Würde des Menschen ihre Unantastbarkeit verliert und sie in eine Vogelfreiheit im rechtsfreien Raum verwandelt. Und Guantanamo hat auch gezeigt, dass am falschen Ort zur falschen Zeit zu sein und in ein bestimmtes Raster zu passen bedeuten kann, alles zu verlieren, Würde, Menschsein und ein lebenswertes Leben.

Doch obwohl von journalistischer Seite weltweit viel publiziert, von administrativer Seite viel erwidert worden ist, bleibt die Erfahrung der Gefangenen „merkwürdig unterrepräsentiert“ (Willemsen, S.7). Bezugnehmend auf diese Tatsache setzt sich die vorliegende Arbeit mit dem subjektiven Erleben der Inhaftierten selbst auseinander und versucht darzustellen, welche Auswirkungen die Internierung für die Sozialisation eines Menschen haben kann. Indem faktische Tatbestände und subjektive Erfahrungen der Gefangenen gleichermaßen miteinbezogen werden, soll eine komplexe Vorstellung von dem geschaffen werden, was Guantanamo für ein Menschenleben bedeutet, das die durch die USA verübte willkürliche Gewalt erleben und erleiden musste. Gleichzeitig soll diese Arbeit auch von gesellschaftlicher und machtstruktureller Seite her aufzeigen, wodurch sich die Anschläge vom 11.September 2001 und die durchaus als radikal zu bezeichnende Reaktion der US-Regierung bedingen, und wie letzteres durch die USA ihre Legitimation fand. Zudem will die vorliegende Arbeit als Anstoß dienen, sich mit der sozialen Verfasstheit des eigenen Körpers, den ihn umgebenen Machtstrukturen und der Körper anderer als konstruierte Feindbilder kritisch auseinanderzusetzen. Sie möchte außerdem, ganz im Butler‘schen Sinne, für die Gefährdetheit des Lebens sensibilisieren und den meist namenlosen (ehemaligen) Inhaftierten ein Gesicht und eine Stimme geben. Was diese Arbeit nicht möchte, ist, die Verabscheuungswürdigkeit von terroristischen Anschlägen zu bagatellisieren. Vielmehr geht es darum, weder durch Staaten verübten Gewalt- oder Gegengewaltakten, noch menschenunwürdiger Behandlung und Missachtung der Menschenrechte einen Rechtfertigungsraum zu geben.

Damit ergeben sich auch für die pädagogische Praxis, besonders in Beratungsfeldern für Migranten und andere Minderheiten, wichtige Aspekte. Gewalt wird dabei deutlich als eine Machtinstanz, die die Gesellschaft durchzieht und sich auf vielfältige, teils diffuse Weise ausdrücken kann, um Menschen negativ zu kategorisieren und ihnen Handlungsspielräume abzuerkennen. Personenbezogene Aspekte wie die ethnische Herkunft, das Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung und der Bildungsabschluss dürfen dabei nicht zu performativen Festschreibungen von Stereotypen und sozialen Diskriminierungen werden, sondern sollen durch eine betonende Wertschätzung die Heterogenität von Gruppen, wie Angestellte oder Sprachkursteilnehmer, als Chance verstehen. Diese besteht in der gesteigerten Problemlösungsfähigkeit durch Voneinander-lernen, einer konstruktiven Nutzung von sozialer Vielfalt anstelle einer Abgrenzung voneinander. Diese Chancengleichheit wird unter dem Begriff des „Diversity Management“ bereits in vielen Institutionen gelebt und weiterentwickelt und bildet menschlich wie von Seiten der Produktivität eine Effizienzsteigerung in einer sich global verändernden Welt und wirkt Diskriminierungstendenzen entgegen.

Die Grundlage der vorliegenden Arbeit bietet Judith Butlers Werk „Gefährdetes Leben“, welches auf das verschärfte politische Klima der USA nach den Anschlägen reagiert, und sich nicht nur mit der rechtlich-politischen, sondern auch mit der menschlichen Dimension der komplizierten Verwicklung von Gewalt, Trauer und Politik auseinandersetzt.

Im Folgenden wird zunächst zur Einführung in die Thematik der Versuch unternommen, den vielfältigen Begriff der Sozialisation einer Definition zu unterziehen, ihn in seinem historischen Kontext zu betrachten und modernen Forschungsansätzen gegenüber zu stellen. Im Vergleich dazu wird Sozialisation auf Grundlage von Judith Butler aus postfeministischer Sicht beleuchtet und ein allgemeiner Überblick über ihr Theoriekonzept gegeben.

Um einen für diese Arbeit elementaren und umfassenden Eindruck über die faktischen Geschehnisse um die Anschläge am 11.September 2001 zu erwirken, werden diese im Folgenden beschrieben. Der Fokus wird im Weiteren zuerst auf der Regierung und Gesellschaft der USA liegen, um rechtlich-politisch und aus Butler‘scher Sicht nachzuvollziehen, warum die Anschläge als ultimative Kriegserklärung gedeutet wurden, was die Erfahrung der eigenen Verletzlichkeit, Trauer und Wut für Amerika als Weltmacht bedeuteten und was die militärische Reaktion eines Krieges zur schnellstmöglichen Wiederherstellung des Erste-Welt-Herrschaftsgefüges und die inszenierte Legitimation des rechtsfreien Raumes Guantanamo bedingt haben. Die Methoden der Entmenschlichung und Derealisierung werden dazu als sozialisierende Mittel der Rechtfertigungsstrategie der wiedereingeführten souveränen Macht in das Gesellschaftssystem der Gouvernementalität näher beleuchtet. Im Weiteren wird unter den Begrifflichkeiten der kollektiven und individuellen Verantwortung und aus persönlichkeits-psychologischer Sicht die konkrete ausführende Gewaltinstanz betrachtet und erläutert, kurz: wie Menschen zu Folterern werden.

In Anlehnung an Foucault und als Einstieg in die konkrete Thematik um Guantanamo als einem Ort der unbegrenzten Haft, der Demütigung und Folter wird dann die geschichtliche Entwicklung und Durchsetzung der Einsperrung im Strafvollzug und ihre institutionell eingesetzten Machtstrukturen einer näheren Betrachtung unterzogen, die nicht nur in Bezug auf die besondere geographische und rechtlich-politische Lage Guantanamos aussagekräftige Gemeinsamkeiten und Abweichungen aufzeigt, sondern auch in Bezug auf die Konstitution des Subjekts „Gefangener“. Dem Internierungslager auf Kuba wird sich hier ebenfalls beschreibend genähert, um es dann mit dem modernen Strafsystem zu vergleichen und daraus Schlüsse über die Ziele der entarteten Inhaftierung zu ziehen. Dabei wird die Rechtsfreiheit Guantanamos durch Erfahrungsberichte ehemaliger Insassen in Bezug auf die alltägliche Behandlung, körperliche und seelische Folter und im Abgleich mit den Genfer Konventionen verdeutlicht.

Die Bedeutung der Gefährdung des Lebens und der unbegrenzten Haft wird nun unter Bezugnahme auf alle zuvor beschriebenen Aspekte aus sozialisations-theoretischer Sicht auf Grundlage von Judith Butler dargestellt und Besonderheiten für die sich veränderte Konstitution des Subjekts Mensch herausgearbeitet. Ein wichtiger Fokus liegt dabei auf der Sozialisationsinstanz Religion.

Vor dem Schlussteil, in dem ich meine persönliche Sichtweise aufzeige, wird die visionäre Komponente der Butler‘schen Theorie abschließend dargestellt.

Sozialisation

Sozialisation- Versuch einer Definition

Der aus dem lateinischen stammende Begriff der Sozialisation (von sociare: verbinden) hat viele Bedeutungen. Die wohl verbreitetste Definition bezeichnet nach Geulen und Hurrelmann Sozialisation als den „Prozeß der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt“, in die er hineingeboren wird. Dabei sind die Vorgänge des Mitglied-Werdens in einer Gesellschaft und „die Frage, wie der Mensch sich zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet“ zentrale Sachverhalte (vgl. Geulen/Hurrelmann 1980, S.51). Das Fachlexikon der Psychologie beschreibt Sozialisation detailreicher als einen „lebenslangen individuellen Lernprozess, in welchem sich das menschliche Individuum zur Persönlichkeit entwickelt, indem es sich in seiner Lebenstätigkeit die gesellschaftlich geschaffenen materiellen und ideellen Werte in individueller Form als Wissen, Können und Werte nicht nur aneignet, sondern sie auch bereichert“ (vgl. Clauß, Erhardt, Kulka, Lompscher, Rösler & Timpe 1995, S. 431 ff). Diese, wie auch weitere Ansätze der Sozialisationsforschung stimmen darüber ein, dass es sich bei Sozialisation um einen Entwicklungsprozess handelt, in dessen Verlauf sich die Persönlichkeit eines Menschen durch sämtliche äußere physische und soziale Einflüsse ausprägt, er relativ dauerhafte Verhaltensweisen erwirbt und zum individuell handlungsfähigen Bestandteil einer Gruppe oder Gesellschaft wird. Anders als in der klassischen Sozialisationsforschung hat sich die Forschung mittlerweile stark ausdifferenziert und bezieht sich nicht mehr nur auf die Entwicklungsbedingungen in Kindheit und Jugend, sondern auf die gesamte Lebensspanne. Auch die materiellen Bedingungen der Umwelt spielen eine wichtige Rolle, da auch sie gesellschaftlich beeinflusst sind und damit als Bedingungen des Sozialisationsprozesses Bedeutung erlangen können (vgl. Tillmann 1994, S.11).

Sozialisationsforschung im historischen Kontext

Bereits seit der Antike bestehen einzelne gesellschaftstheoretische Ideen, die sich mit der Entwicklung des Menschen und dem Einfluss der Umwelt beschäftigen.

Erste wirkliche Ansätze der Sozialisationsforschung aber sind erst im 19. Jahrhundert ersichtlich, beispielsweise 1845 bei Friedrich Engels, der die „Lage der arbeitenden Klasse in England“ in Bezug auf die Auswirkungen der gesellschaftlich- ökonomischen Verhältnisse auf die körperlichen und psychischen Befindlichkeiten der Menschen untersuchte (vgl. Veith 2002, S.2). ‚Sozialisation‘ als konkreter Begriff tauchte erst Mitte des 19. Jahrhunderts erstmalig bei Auguste Comte (1798-1857) auf, dann beispielsweise bei E.A. Ross, der 1896 Sozialisation als gesellschaftliche Aufgabe, die „Gefühle und Wünsche der Individuen so zu formen, daß sie den Bedürfnissen der Gruppe entsprechen“ (zitiert nach Geulen 1991, S. 22) beschrieb. Zu dieser Zeit fand die Soziologie auch ihre Abgrenzung als eigenständige Wissenschaft. Große Bedeutung auch noch für die heutige Sozialisationsforschung haben die Untersuchungsergebnisse des französischen Soziologen Emile Durkheim (1858- 1917), welcher den Begriff des „kollektiven Bewusstseins“ prägte, den Normen und Zwangsmechanismen einer Gesellschaft, welche das Individuum in sich aufnehmen und verinnerlichen muss, um gesellschaftsfähig zu werden und gleichzeitig die Gesellschaft aufrecht zu erhalten (vgl. Tillmann 2002, S.35). Damit beschrieb Durkheim den auch heute noch geltenden Zusammenhang von gesellschaftlichen Strukturen und Normen, die auf den Einzelnen wirken und ihn prägen. Weitere entscheidende Beeinflussung fand die Sozialisationsforschung durch die psychologisch- soziologischen Arbeiten von Freud, Pawlow, Watson und Piaget: Bei Freud (1856-1939) sind übermäßige soziale Zwänge in der Familie während der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes für eine Beeinträchtigung der Triebentwicklung verantwortlich (vgl. Hügli/Lübcke 2005, S.219), die Behavioristen Pawlow (1849-1936) und Watson (1878-1950) dagegen verzichteten gänzlich auf die Beschreibung von innerpsychologischen Vorgängen und sahen das Gehirn als ‚black box‘ auf das ein Reiz trifft, auf den der Mensch mit einer habituierten Reaktion antwortet (vgl. ebd., S. 86). Jean Piaget (1896-1980) beschreibt Persönlichkeitsentwicklung als Interaktion des Subjekts mit seiner Umwelt, als Assimilation und Akkommodation von kognitiven Strukturen (vgl. Klix). In Abgrenzung an die eben vorgestellten psychologischen Ansätze entwickelten sich auch im soziologischen Feld verschiedenste Grundkonzepte: Als Begründer der deutschen Soziologie gelten dabei unter anderem Max Weber (1864-1920) und Georg Simmel (1858-1918). Nach Weber ist es die Aufgabe der Soziologie, nicht einfach Regelmäßigkeiten des Handelns festzustellen, sondern zu fragen, welche Werte dem Handeln zugrunde liegen, durch Zuhilfenahme von Modellen rationalem menschlichen Handelns, den sogenannten Idealtypen (vgl. Hügli/Lübcke 2005, S.664). Im Mittelpunkt von Simmels ‚Lebensphilosophie‘ stehen die Spannungen zwischen dem Leben selbst und der Kultur, in welchem sich das Leben manifestiert. Dabei wirken Institutionen und Gegenstände, obwohl vom Menschen selbst erschaffen, als Zwänge auf ihn zurück, die kulturelle Welt verdinglicht und entfremdet sich dem Menschen (vgl. ebd., S.577). In den 40er Jahren dann versuchte Talcott Parsons (1902-1979) unter Integration klassischer Ansätze aus der Soziologie und der Psychologie mit seiner Theorie nicht mehr die Veränderungen des gesellschaftlichen Gesamtsystems zu erklären, sondern dessen Stabilität in Zusammenhang mit jedwedem gesellschaftlichen Einzelproblem durch Rollenlernen (vgl. Tillmann 1994, S.36). Georg Herbert Mead (1863-1931) dagegen entwickelte kein gesamtgesellschaftliches Konzept, sondern beschäftigte sich mit dem Zusammenhang von Identitätsbildung durch Sprache und kommunikativem Handeln (vgl. ebd., S.37). Ebenfalls wichtig für die Weiterentwicklung der Sozialisations-forschung und daher zu nennen ist neben der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule von Theodor W. Adorno (1903-1969) und Max Horkheimer (1895-1973), das an Freud angelehnte Theoriekonzept Erik H. Eriksons (1902-1994), welches die psychosozialen Phasen der Ichentwicklung durch den Einfluss der Umwelt auf das Erwachsenenalter ausdehnt.

Der genannte kurze Überblick über die verschiedenen Entwicklungsströme der Sozialisationsforschung ist sicherlich nicht vollständig, soll aber zeigen, aus welcher Vielschichtigkeit sich die moderne Forschung entwickelt hat. Die beschriebenen Theoriekonzepte, wenn auch zum Teil überholt, sind die Basis und richtungsweisend für die heutige Sozialisationsforschung, in der sie vielfache Ergänzungen und Umbrüche erfahren haben, die meist an gesellschaftliche Ereignisse wie beispielsweise die Frauen- und Studentenbewegung geknüpft waren und dazu führten, den Fokus der Forschung immer neu auszurichten. Besonders Ansätze zum Zusammenhang zwischen Sozialisation und Geschlecht finden seit den 1970er Jahren großes Forschungsinteresse, einerseits in der Erforschung geschlechtsspezifischer, also typischer Sozialisationsverläufe, andererseits in der nachhaltigen Kritik solcher Ansätze durch dekonstruktivistische Theoriekonzepte.

Moderne Forschungsansätze

„Geschlecht ist nicht nur eine biologische, sondern zugleich eine fundamentale soziale Kategorie- kein anderes menschliches Merkmal hat so grundsätzliche Auswirkungen auf Erleben und Verhalten, auf gesellschaftliche Chancen und soziale Erwartungen. Und: Bei anderen sozialen Zugehörigkeiten (Nationalität, Schicht, Berufsgruppe, etc.) besteht die prinzipielle Möglichkeit, sie im Laufe des Lebens zu wechseln, die Geschlechtszugehörigkeit ist hingegen (wie die Hautfarbe) lebenslang festgelegt- sie ist gleichsam unentrinnbar“ (Tillmann 1994, S. 41).

Die große Bedeutung der Geschlechtszugehörigkeit hat dazu geführt, dass sich die Forschung seit längerem mit der Frage beschäftigt, wie Geschlechterrollen erworben und wie geschlechtstypische Verhaltensweisen angeeignet werden (vgl. ebd., S. 41). In modernen Forschungsansätzen wird dabei oft davon ausgegangen, dass das biologische Geschlecht unveränderlich gegeben ist. Die verschiedenen Ansätze gehen aber in den Annahmen auseinander, ob die Sozialisation einen am Geschlecht orientierten, also immer ähnlichen, typischen Verlauf nimmt oder lediglich durch gesellschaftliche Zuschreibungen entsteht. Im Folgenden sollen dazu einige moderne Sozialisationskonzepte überblickartig vorgestellt werden:

Helga Bilden stellt die „zeitgenössischen Tendenzen zur Re-Biologisierung“ in Frage, wie aber auch diejenigen, welche Geschlecht insgesamt für irrelevant halten (vgl. Bilden 2006, S.47). Für sie sind kategoriale Unterscheidungen nach Geschlecht vielmehr einfach wichtig, weil sie Ergebnisse historischer Prozesse in einer Gesellschaft sind, die eine Hierarchisierung zwischen den Geschlechtern bewirkt und damit bis heute wirken. Sozialisation wird dabei von ihr prozesshaft verstanden, als Konzept eines lebenslangen Werdens und Gewordenseins in Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Lebensbedingungen und dient zur Reflexion dieser Vorgänge. Aus dieser Reflexion ergibt sich Geschlecht in der Gesellschaft als zentrale soziale Kategorie, die jede Interaktion zwar mit variierender Relevanz prägt, doch aber lediglich eine Zweigeschlechtlichkeit zulässt, obwohl diese isolierte Betrachtung von Geschlecht vor dem Hintergrund einer sich verändernden Gesellschaft nicht ausreichend erscheint. Bilden schlägt daher vor, Sozialisation nicht als geschlechtstypisch zu betrachten, sondern als geschlechts bezogen, in einer gegebenen, aber sich verändernden Geschlechterordnung. Dabei betont sie besonders in Bezug auf die fortschreitende ethnische Vielfältigkeit und Globalisierung in Gesellschaften die daraus resultierenden Mischkulturen, deren Lebensentwürfe und sexuellen Orientierungen offener werden und über die binäre Geschlechterordnung hinausgehen (vgl. ebd., S.53). Die sich verändernde Situation von Zweigeschlechtlichkeit hat aber noch nicht zu einer Geschlechterdemokratisierung geführt, sondern bleibt weitestgehend in ihren Kategorien bestehen durch den Wunsch und das Bedürfnis des Menschen nach Kohärenz und Kontinuität. Umso wichtiger erscheint es, dass die Veränderlichkeit der Gesellschaft in die Diskussion über Geschlecht und Sozialisation miteinbezogen werden muss, da Individuierung in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen stattfindet und nicht ohne sie (vgl. ebd., S.56). Die Globalisierung hat dabei nicht nur positive Seiten, sondern festigt auf ökonomischer Ebene die Geschlechterhierarchie. Für Bilden bedarf es einem transnationalen Blick auf gesellschaftliche, biographische und ethnographische Prozesse und verschiedene Zugänge und Konzepte, um sich verändernde Sozialisationsprozesse in nach Geschlecht strukturierten Gesellschaften zu untersuchen.

Carol Hagemann-White dagegen vertritt eine eher postfeministische Sicht auf den Zusammenhang von Geschlecht und Sozialisation und sieht auch schon die körperliche Zweigeschlechtlichkeit als kulturelle Zuschreibung, nicht nur die soziale. Dies begründet sie aufgrund ihrer Sichtung des Forschungsstandes damit, dass sich Jungen und Mädchen eigentlich nicht gravierend unterscheiden (vgl. Hagemann-White 2006, S.72), beziehungsweise Männer wie Frauen heutzutage die Chance haben, sich gleichermaßen zu individualisieren und selbst zu verwirklichen, dies allerdings bezogen auf die Geschlechterkategorien unterschiedlich wahrgenommen wird. Damit haben „alle sozialen Zuschreibungen an weibliche Positionen und Rollen ihre Verbindlichkeit verloren“ (vgl. ebd., S.83), die Basiskategorie „biologisches Geschlecht“ ist aber erhalten geblieben und sogar erstarkt, um einer Prüfung von Gleich- und Ungleichbehandlungen nicht die Grundlage und den konkreten Bezug zu entziehen. Die Geschlechtszugehörigkeit erhält also in unserer Kultur einen symbolischen Charakter und muss dargestellt werden, um sich denkbar, erfahrbar und geschlechtlich interpretierbar zu machen. Dies geschieht nach Hagemann-White durch kulturelle Gestaltungskraft, wobei Sozialisation durchaus bedeuten kann, sich mit mehreren sozialen Umgebungen auseinanderzusetzen, wie sie am Beispiel der multikulturellen Gesellschaft deutlich macht.

Hanns-Martin Trautner widmet sich den Vorstellungen über geschlechts-angemessenes Rollenverhalten und dessen Konsequenzen aus Entwicklungs-psychologischer Sicht, um herauszufinden, wie biologisch weibliche und männliche Individuen psychologisch zu maskulinen und femininen Persönlichkeiten werden (vgl. Trautner 2006, S. 105). Dabei geht er von einer unveränderlichen biologischen Fundierung aus, die durch die chromosomalen Differenzen hormonelle und morphologische Unterschiede bewirkt (vgl. ebd., S.106), die durch Kultur eine soziale Definition als männlich oder weiblich erlangen und mit denen sich das Individuum sozialisiert. Eine Veränderlichkeit schreibt Trautner lediglich den vier Komponenten zu, die die Ausgestaltung der individuellen Merkmale und Fähigkeiten beinhaltet: Konzepte, Identität, Präferenzen und Verhalten. Auf dem unver-änderlichen Hintergrund einer Zweigeschlechtlichkeit können sich durch die Komponenten feminine und maskuline Verhaltensweisen und Eigenschaften bei beiden biologischen Geschlechtern ausdifferenzieren (vgl. ebd., S.108). Die Bedeutsamkeit der sozialen Kategorie einer binären Geschlechterordnung ergibt sich für Trautner aus dem Wunsch des Menschen nach Kontinuität und Kohärenz der ihn umgebenden Kategorien, die er bei anderen erwartet und unterstützt. Der Grad der Geschlechtstypisierung basiert dabei immer aufs Neue auf dem situativen Geschlechtsbezug und der Geschlechterverteilung maskuliner und femininer Eigenschaften der beteiligten Personen (vgl. ebd., S.109). Im Gegensatz zu Bilden und Hagemann-White geht Trautner also von einem Ansatz aus, der die Dichotomie männlich/weiblich als biologisch und sozial gegeben behandelt und sich lediglich mit der Ausdifferenzierung femininer und maskuliner Verhaltensweisen auf der Basis geschlechtsbezogener Rollenerwartungen auseinandersetzt.

Barbara Rendtorff wiederum sieht die sich gegenüberstehenden modernen Ansätze einer Determination von Geschlecht durch die Biologie auf der einen und Geschlecht als einer gesellschaftlich konstruierten Tatsache auf der anderen Seite kritisch gegenüber, sieht sie sogar als völlig falsche Alternativen (vgl. Rendtorff 2006, S.100). Für sie bilden drei Ebenen durch Zusammenwirkung die Basis dafür, dass sich Differenzen zwischen Menschen und Unterschiede zwischen zwei Geschlechtern wandeln und sich sozialisatorisch-wiederholend verfestigen. Die erste Ebene bildet dabei der individuelle geschlechtliche Körper, der „sexuiert“ wird (ebd., S.98), in dem durch stark voneinander abweichende Bezeichnungspraxen der Geschlechtsteile (zum Beispiel „Penis“ für den Jungen und „untenrum“ für das Mädchen) von Kindheit an die biologische Unterschiedlichkeit und Hierarchisierung gefördert wird. Auf der zweiten Ebene sieht Rendtorff den „imaginären Gesellschaftskörper“, der die auf der ersten Ebene voneinander getrennten Geschlechter mit unterschiedlichen gesellschaftlichen „Aufgaben, Räumen und Handlungsräumen verknüpft“ (ebd., S.99). Die dritte Ebene bildet der „politische Körper“, der historisch als von Männern besetzter, öffentlicher Bereich konstatiert wurde, der weibliche Körper verschwand im Gegensatz dazu in der Privatheit des Hauses und der Kindererziehung, was ihm die Fähigkeit im Sinne eines kollektiven Interesses zu handeln, aberkannte. Nach Rendtorff wird der weibliche Mensch also von Anfang an der Männlichkeit untergeordnet, eine Orientierung an mit dem männlichen verknüpften Körperaspekten könnte den Status der Frau erhöhen, setzt aber gleichzeitig ihre Weiblichkeit ein weiteres Mal herab.

Aus den vorgestellten unterschiedlichen Konzepten geht zweierlei hervor: Zum einen die Vielfalt an unterschiedlichen disziplinären Kontexten, die sich mit dem Zusammenhang von Sozialisation und Geschlecht beschäftigen und auf verschiedenen Menschenbildern fußen. Zum anderen die darauf basierende Vielfalt in den Begrifflichkeiten (zum Beispiel „geschlechtsbezogen“, „geschlechts-angemessen“, „Geschlechtstypisierung“). Beides verdeutlicht den nicht vorhandenen einheitlichen wissenschaftlichen Konsens in der Sozialisationsforschung. Gleichzeitig zeigt dies auch den prozesshaften Charakter der modernen Forschung auf, den wissenschaftlichen Suchprozess, der noch keinen Abschluss gefunden hat und sich in der von ständigen Veränderungen geprägten Gesellschaft immer weiterentwickeln und ausdifferenzieren kann und muss.

Sozialisation aus postfeministischer Sicht

Über Judith Butler

Judith Butler, geboren 1956 in Cleveland, ist US-amerikanische Philosophin und Philologin und gegenwärtig Professorin für Rhetorik, Komparatistik und Gender Studies an der University of California in Berkeley. Zu Butlers bekanntesten und wichtigsten Werken gehören unter anderem„Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity“(1990), „Bodies that matter. On the Discursive Limits of >Sex<” (1993), “Excitable Speech. A Politics of the Performative” (1997) und “Precarious Life. The Politics of Mourning and Violence” (2004).

In Weiterentwicklung des Egalitätsfeminismus von Simone de Beauvoir und in Anlehnung unter anderem an Foucault und Derrida liegt der Schwerpunkt in Judith Butlers Arbeiten in der Erforschung des Zusammenhangs von Macht, Geschlecht, Sexualität und Identität und der Dekonstruktion von Identitätskategorien. In Anlehnung an John Austins Begriff der Performativität nämlich sieht Butler die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ als Produkte einer Wiederholung von Handlungen und materialisierende Sprechakten, die den biologischen Unterschieden bestimmte feste Verhaltensweisen zusprechen und diese damit voraus und in Kraft setzen, obgleich diese Zweigeschlechtlichkeit nicht natürlich gegeben ist (vgl. Bublitz 2002, S.21). Butler nimmt also eine radikal konstruktivistische, postfeministische Position ein, in dem sie Körper als „vollständig von kulturellen Diskursen und von der Macht durchdrungene Materie“ (ebd., S.10) sieht. Dabei werden Butlers postfeministische Ansätze besonders von feministischer Seite aus stark kritisiert, da sie dem Feminismus sein „Subjekt“ nehme, nämlich die Kategorie „Frau“. Eben dies beschreibt aber das Ziel von Butlers Arbeiten: als natürlich angenommene Geschlechtsgemeinsamkeiten sollen einem weiten Verständnis davon weichen, dass Differenzen zwischen den Menschen außerhalb ihrer Geschlechts-kategorien bestehen und dass es soviele Identitäten gibt, wie es Menschen gibt.

Zum Sozialisationsbegriff nach Butler

Der Begriff der Geschlechtersozialisation spielt in der Butler‘schen Sozialisationstheorie wie auch in anderen bereits beschriebenen Konzepten eine große Rolle: Anders als in den meisten Konzepten findet der Begriff der geschlechtsspezifischen Sozialisation und der geschlechts typischen Unterschiede bei Butler allerdings nachhaltige Kritik, da für sie die Frage nach den geschlechtsanhängigen Bedingungen der Sozialisation die Dichotomie „männlich/weiblich“ bereits als feststehenden Ausgangspunkt voraussetzt, anstatt sie als Resultat von gesellschaftlichen Verhältnissen im historischen Kontext zu betrachten, die der ebenfalls gesellschaftlich konzipierten biologischen Zweigeschlechtlichkeit angehaftet sind (vgl. Bilden/Dausien 2006,S.8). Wie oben erwähnt, werden Geschlechtskategorien und die damit verbundenen unterstellten Vorannahmen während der Sozialisation eines Menschen wiederholt und damit gefestigt, und dies sobald das biologische Geschlecht eines Menschen „feststeht“, also oft noch vor der Geburt. Butler ruft dazu auf, die historisch und gesellschaftlich konstruierten Kategorien der Zweigeschlechtlichkeit als solche aufzudecken und die performativen Denkmuster zu dekonstruieren.

Generell lässt sich sagen, dass Sozialisation für Judith Butler den Prozess im Leben eines Menschen bedeutet, in dem an ihn von seiner sozialen Umwelt bestimmte, mit seinem biologischen Geschlecht verknüpfte Erwartungen gestellt werden, die sich durch Wiederholung von Handlungen und Sprechakten unbewusst einprägen, dadurch als natürlich gegeben angesehen und so gelebt und weiter wiederholt werden. „Als Körper, der von Anfang an der Welt der anderen anvertraut ist, trägt er ihren Abdruck, wird im Schmelztiegel des sozialen Lebens geformt“ (Butler 2005, S. 43).Damit wird der Mensch anhand seines biologischen Geschlechts, aber auch zum Beispiel aufgrund bestimmter ethnischer Merkmale von Beginn an von anderen beurteilt und behandelt, er existiert nie unabhängig von seiner kulturellen Form. Die prägende Ver- und Gebundenheit an andere, welche noch vor der eigentlichen Individuation, aufgrund körperlicher Erfordernisse (vgl. ebd., S. 48) beginnt, macht uns zu den sozial verfassten Körpern, die wir sind und die wir auch mit voranschreitender Sozialisation und Individuation bleiben; der Mensch kann nicht sein ohne andere Menschen.

Dabei konstituiert sich das biologische Geschlecht, an dem sich die sozialen Kategorien orientieren, als „reglementierendes Ideal“, ist also durch strenge Vorschriften, Ausschließungen und Grenzen geregelt und lässt keine Zwischen-formen zu (vgl. Bublitz 2002, S.9). Erst durch diesen Vorgang, in dem sich die Idealvorstellung, wie ein weiblicher oder männlicher Mensch sein muss als etwas Naturgegebenes materialisiert, erhält das Subjekt dann seine vollständig von kulturellen Diskursen erzeugte soziale Existenz. Der Körper verkörpert damit die in seiner Gesellschaft geltenden Normen und Regeln, ist vollständig politisch besetzt und hält das an die Kategorien gebundene Machtspiel, nämlich dass die Biologie die Voraussetzung für gesellschaftliche und politische Prozesse schafft, aufrecht. Dabei ist für Butler der biologische wie soziale Körper weder unveränderlich noch natürlich, sondern nimmt durch seine kulturelle Sozialisation in Form von performativen, also durch ständige Wiederholungen Wirkungen produzierenden Sprechakten und Handlungen, lediglich die ihm zugeschriebene Gestalt an, die durch die Materialisierung natürlich wirken. Dies geschieht diskursiv, in dem der Körper durch kulturell gesetzte (Geschlechts-) Zeichen markiert wird, worauf dann Akte der Verkörperung folgen (vgl. ebd., S. 26).

Geschlecht ist also nichts naturgegebenes, keine natürliche Eigenschaft von Körpern, sondern eine historische Beziehung von sozial hervorgebrachten Subjekten, ohne feste Eigenschaften und je nach historischem Kontext veränderbar. Weder das biologische Geschlecht noch das soziale muss an stabile Faktoren gebunden sein und miteinander übereinstimmen, das bedeutet: es gibt mehr als nur männliche und weibliche Geschlechter und mehr als nur heterosexuelle Beziehungen. Die Vorstellungen von dem, was männlich oder weiblich ist, sind also konstruiert durch kulturelle Gewohnheiten entlang einer heterosexuellen Matrix, die in soziale Machtbeziehungen eingebettet sind (vgl. ebd., S. 67). Mit deren Dekonstruktion existiert auch keine determinierende Ordnung mehr, die sich entlang der Geschlechtergrenzen hierarchisieren und festmachen kann. Der Körper an sich bleibt dabei bestehen, gewinnt aber durch die Dekonstruktion von festen Denkkategorien eine Eigenständigkeit zurück, die ihm durch die geschlechtliche Determination aberkannt wurde.

Auch die Hautfarbe kann wie der Geschlechtskörper als Repräsentation vorgegebener gesellschaftlicher Normen angesehen werden, die beharrlich an feste Zuschreibungen geknüpft sind und nur dazu dienen, gesellschaftliche Macht-unterschiede zu markieren - besonders deutlich wird dies im historischen Kontext zwischen den Hautfarben schwarz und weiß. Für Judith Butler also ist der Mensch als Ganzes zu betrachten und nicht als die an ihm wiederholten Muster und Kategorien, die sich durch seine biologische Konstitution ergeben, er ist ein veränderliches Subjekt, dem lediglich ein kultureller und gesellschaftlicher Stempel während seiner Sozialisation aufgedrückt wurde.

Der 11.September und die Folgen

Faktische Darstellung der Geschehnisse

Selbstmordattentäter entführten am 11.September 2001 vier Verkehrsflugzeuge auf Inlandsflügen in den USA, lenkten zwei davon in die Türme des World Trade Centers in New York und eines in das Pentagon in Washington D.C., das vierte Flugzeug wurde in Pennsylvania zum Absturz gebracht. Bei diesem terroristischen Massenmord auf wichtige zivile und militärische Gebäude der USA starben mindestens 2900 Menschen, viele wurden zum Teil schwer verletzt.

Die Flugzeugentführer entstammten aus den Reihen der islamistische Terrororganisation al- Qaida unter Führung von Osama bin Laden, die die Planung der Anschläge später bestätigte.

Al-Qaida ist ein Ende der 1980er Jahre in Afghanistan gegründetes Netzwerk dschihadistischer[1] Gruppen, mit dem Ziel des muslimischen Befreiungskampfes der arabischen und islamischen Welt, um einen übernationalen islamischen Staat zu begründen (vgl. Steinberg 2009, S.1-2). Die USA wurden dabei neben Israel als Ziel interessant, um sie zum Rückzug aus Saudi-Arabien wie aus der Weltpolitik überhaupt und zur Einstellung ihrer Finanzhilfen an Ägypten zu zwingen. Dabei waren die Anschläge am 11. September 2001 nicht die ersten terroristischen Akte al-Qaidas gegen Militär und Zivilisten der USA, wohl aber die spektakulärsten.

Staatliche Unterstützung erhielten Osama bin Laden und seine al-Qaida durch die Taliban, eine ehemals von afghanischen Flüchtlingen in Pakistan gegründete Bewegung, die zu Beginn religiöse Bildungsnetzwerke und später eine schlagkräftige Miliz aufbauten und in den 1990er Jahren unter Mullah Omar Afghanistan eroberten. Die Taliban nun ermöglichten es al-Qaida, ihre Hauptquartiere und Trainingslager auf afghanischem Boden aufzubauen (vgl. ebd.).

Georg W. Bush leitete mit Bezug auf die Anschläge am 11. September im Oktober 2001 den Krieg in Afghanistan ein und später auch den Irakkrieg. In seiner Rede vom 20.09.2001 vor den beiden Kammern des Kongresses identifizierte Bush dabei al-Qaida als Verantwortliche für die Anschläge und vermutete deren Zentrale in Afghanistan. Gleichzeitig kündigte Bush einen „Krieg gegen den Terror“ an und erließ am 25.10.2001 den USA PATRIOT ACT, ein „Gesetz zur Stärkung und Einigung Amerikas durch Bereitstellung geeigneter Werkzeuge, um Terrorismus aufzuhalten und zu blockieren“, um die Ermittlungen der Bundesbehörden (FBI) zu erleichtern (vgl. 3sat).

Weniger als einen Monat nach den Anschlägen, am 07.10.2001, begannen die USA ihre Kampfhandlungen gegen Afghanistan, wobei sie mit Hilfe der Nordallianz, einer gegen die Taliban gerichteten innerafghanischen Oppositionsgruppe, Stellungen der Taliban angriffen und innerhalb kürzester Zeit die (Provinz-)Hauptstädte Kabul, Kandahar und Kunduz einnahmen.

Dabei wurden über 1000 Verdächtige aus der angeblichen Umgebung der Taliban festgenommen, in Internierungslagern innerhalb Afghanistans und besonders auf dem ehemaligen US-Marinestützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba inhaftiert. Durch die Kategorisierung der Anschläge als Kriegserklärung, den Ausruf eines nationalen Ausnahmezustandes und der Bezeichnung aller Internierter als Terroristen schuf sich die US-Regierung die offizielle Rechtsgrundlage, sich über die Genfer Konventionen hinwegzusetzen und den Gefangenen damit ihren Status als Kriegsinternierte mit dem Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren und menschenwürdige Behandlung abzuerkennen.

Aktuell vollzieht sich, wenn auch wesentlich langsamer als vom ‚neuen‘, derzeit amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama, versprochen, die Schließung des Gefangenenlagers auf Guantanamo. Die Gefangenen erhalten im Zuge ihrer zurückerlangten Rechte als Kriegsgefangene ordentliche Gerichtsverfahren, aus denen bis jetzt wenige Verurteilungen und viele Freilassungen aufgrund nachgewiesener Unschuld resultierten. Unklar ist weiterhin der künftige Verbleib einiger Insassen, die zwar nachgewiesen unschuldig sind, wegen drohender Verfolgung aber nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren können und nun auf die Aufnahme durch anderer Staaten, auch Deutschland, warten.

[...]


[1] Dschihad, auch Jihad: zulässige Formen des Krieges zur Erweiterung des islamischen Herrschaftsbereichs oder dessen Verteidigung, Grundgebot des islamischen Glaubens

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Details

Titel
"Gefährdetes Leben" - Sozialisation aus postfeministischer Sicht auf der Grundlage von Judith Butler
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institutu für Erziehungswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
80
Katalognummer
V162003
ISBN (eBook)
9783640763221
ISBN (Buch)
9783640763566
Dateigröße
728 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialisation, Postfeminismus, Judith Butler, Guantanamo, Amerika, Folter, George W. Bush, Barack Obama, Gefährdetes Leben, Gefängnissozialisation
Arbeit zitieren
Anja Göllner (Autor), 2010, "Gefährdetes Leben" - Sozialisation aus postfeministischer Sicht auf der Grundlage von Judith Butler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162003

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