Die Geschichte des Römischen Reiches ist einer der zentralen Bereiche vor allem der Ge-schichtswissenschaft, jedoch wird dieses Thema auch in vielen anderen wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Disziplinen rezipiert. Für die Germanistik wird diese histori-sche Thematik u.a. relevant bei der Behandlung von Dramen mit historischen Stoffen. Friedrich Dürrenmatts Komödie „Romulus der Große“1 bedient sich dieser historischen Motive, indem es den letzten römischen Kaiser Romulus als Hauptfigur des Dramas agie-ren lässt. Aus dem letzten Tag des Römischen Reiches wird somit ein groteskes Zerrbild der Historie. Das Thema dieser Arbeit soll daher die Frage sein, inwiefern Dürrenmatt Geschichte in seinem Drama verarbeitet und welche Bedeutung Individuen für den Verlauf der Geschich-te haben. Dies veranlasst zu der These, dass Geschichte zu einer Abfolge von Gewaltzu-sammenhängen konstruiert wird, was sich einerseits im Handeln bzw. Nicht-Handeln der einzelnen Charaktere im Drama zeigt, aber auch in den zeithistorischen Anspielungen vor dem Hintergrund des 20. Jahrhunderts. Diese Gewaltzusammenhänge perpetuieren sich fortgehend und die einzelnen Individuen, ob Kaiser oder Kammerdiener, können den Ver-lauf der Geschichte in dieser spezifischen Geschichtsauffassung nicht beeinflussen. Im Folgenden sollen daher die spezifische Form der Komödie, wie sie in „Romulus der Große“ verwirklicht wird, sowie die verschiedenen Charaktere auf der Figuren- und auf der teils abweichenden Textebene analysiert werden. In einem weiteren Schritt wird Bezug genommen auf den vierten Akt als inhaltlichen Bruch, der die spezifische Konzeption von Geschichte deutlich markiert. Diese Konzeption geschieht auf einer textuellen Ebene, es soll jedoch auch versucht werden, Zusammenhänge zur konkreten Zeithistorie Dürrenmatts zu beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichte als „Komödie“
2.1 Geschichtsdrama und historisches Drama
2.2 Theaterkonzept Dürrenmatts
2.3 Realisierung der Komödie in „Romulus der Große“
3. Motivationen der zentralen Charaktere
3.1 Figurenebene
3.1.1 Romulus
3.1.2 Odoaker
3.1.3 Ämilian
3.2 Textebene
4. Der vierte Akt als inhaltlicher Wendepunkt
5. Konzeption von Geschichte
5.1 Verarbeitung der Antike
5.2 Zeithistorische Bezüge
5.3 Das Individuum und die Geschichte
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern Friedrich Dürrenmatt in seinem Drama "Romulus der Große" Geschichte verarbeitet und welche Bedeutung dem Individuum bei der Gestaltung historischer Prozesse zukommt. Dabei wird die These geprüft, dass Geschichte als eine vom Menschen nicht beeinflussbare Abfolge von Gewaltzusammenhängen konstruiert wird.
- Analyse der theatertheoretischen Konzeption der Komödie bei Dürrenmatt.
- Untersuchung der zentralen Charaktere Romulus, Odoaker und Ämilian als Repräsentanten unterschiedlicher Geschichtsauffassungen.
- Betrachtung des vierten Akts als inhaltlichen Wendepunkt des Dramas.
- Herausarbeitung der zeithistorischen Bezüge zum 20. Jahrhundert und zur Ideologiekritik.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Romulus
„Julia: Du bist Roms Verräter! Romulus: Nein, ich bin Roms Richter.“ (RG: 78)
Die Aussage des Kaisers erscheint mit einem Absolutheitsanspruch, der die Inaktivität Romulus‘ in dessen Augen rechtfertigt. Obschon der Kaiser sich in den 20 Jahren seiner Amtszeit untätig zeigt, die Staatsführung vernachlässigt und sich stattdessen mit seinen Hühnern beschäftigt, verfolgt er eine langfristig angelegte Strategie, wie er das Römische Reich zu Fall bringen kann. Diese Strategie verfolgt er ganz bewusst und scheut nicht, seine Untertanen auf die problematische Situation des Reiches aufmerksam zu machen. Dies tut er mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel an seinen Absichten lässt, wenngleich seine Familie und seine Bediensteten sich über das wahre Ausmaß seiner Absichten erst im dritten Akt bewusst werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Geschichtsdarstellung bei Dürrenmatt und Formulierung der zentralen Forschungsfrage zur Rolle des Individuums in der Geschichte.
2. Geschichte als „Komödie“: Erläuterung des Theaterkonzepts Dürrenmatts, das durch das Groteske und Absurde distanzierte Perspektiven auf historische Stoffe schafft.
3. Motivationen der zentralen Charaktere: Analyse der Figuren Romulus, Odoaker und Ämilian, deren unterschiedliche Handlungsweisen ihre spezifische Weltsicht widerspiegeln.
4. Der vierte Akt als inhaltlicher Wendepunkt: Betrachtung des Bruchs im linearen Handlungsverlauf, durch den die Bemühungen der Protagonisten als gescheitert entlarvt werden.
5. Konzeption von Geschichte: Untersuchung der Verarbeitung der Antike, zeithistorischer Anspielungen auf das 20. Jahrhundert und der grundsätzlichen Machtlosigkeit des Individuums gegenüber geschichtlichen Prozessen.
6. Fazit: Zusammenfassende Feststellung, dass die im Drama dargestellten Gewaltzusammenhänge und das Scheitern individueller Moralvorstellungen eine absage an geschichtsoptimistische Weltbilder darstellen.
Schlüsselwörter
Friedrich Dürrenmatt, Romulus der Große, Geschichtsdrama, Komödie, Groteske, Absurdes, Individuum, Geschichte, Macht, Geschichtsauffassung, Ideologiekritik, Gewaltzusammenhänge, Zeithistorische Bezüge, Politik, Antike.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung von Geschichte und die Wirksamkeit individuellen Handelns in Friedrich Dürrenmatts Drama "Romulus der Große".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die theatertheoretische Einordnung als Komödie, die Motivstruktur der Protagonisten und die kritische Auseinandersetzung mit historischen Kausalitäten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll analysiert werden, ob Individuen den Verlauf der Geschichte beeinflussen können oder ob diese zwangsläufig als eine Abfolge von Gewaltzusammenhängen verstanden werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse unter Einbeziehung theaterwissenschaftlicher Konzeptionen Dürrenmatts sowie zeithistorischer Kontexte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Figurencharakterisierung, die Auswertung der Komödienstruktur und eine Untersuchung der historischen sowie zeithistorischen Bezüge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Publikation?
Wichtige Begriffe sind unter anderem: Komödie, Geschichte, Dürrenmatt, Romulus, Macht, Gewaltzusammenhänge und Ideologiekritik.
Warum spielt die Hühnerzucht von Kaiser Romulus eine solch zentrale Rolle im Drama?
Die Hühnerzucht dient als groteske Inkongruität zu einem kaiserlichen Hof und symbolisiert Romulus' privaten Rückzug sowie sein Desinteresse an der staatlichen Machtausübung.
Inwiefern korrigiert der vierte Akt die Wahrnehmung des gesamten Dramas?
Der vierte Akt fungiert als inhaltlicher Bruch, in dem die Bemühungen von Romulus und Odoaker, Geschichte durch ihre persönlichen Vorstellungen zu lenken, als obsolet und sinnlos entlarvt werden.
- Quote paper
- Matthias Billen (Author), 2008, Geschichte als Gewaltzusammenhang in Friedrich Dürrenmatts 'Romulus der Große', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162170