Die Oppositionsbewegung in der DDR - grün und alternativ?


Hausarbeit, 1999
25 Seiten, Note: 1

Leseprobe

1. Einleitung

Im Herbst 1989 wurde in der DDR das Regime der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) friedlich gestürzt. Anteil daran hatten nicht nur die zahlreichen Demonstranten, die auf die Straße gingen, um Freiheit und Demokratie zu fordern. Möglich waren diese Demonstrationen erst geworden, weil sich viele Menschen in Oppositionsgruppen zusammengeschlossen und so den Boden für die friedliche Revolution bereitet hatten.

In welchem politischen Lager war die DDR-Opposition nun zu Hause ? War sie grün und alternativ ? War eine Fusion mit den westdeutschen Grünen die logische Konsquenz, nachdem sich abzeichnete, daß es auf Dauer keine zwei deutschen Staaten geben würde ? Das sind die Fragen, mit denen sich die vorliegende Hausarbeit beschäftigt.

Die Ursprünge der außerkirchlichen Oppositionsgruppen lagen in den Umwelt- und Friedensgruppen der evangelischen Kirche. In diesen Gruppen wurde unter kirchlichem Schutz bereits jahrelang Oppositionsarbeit betrieben. In wieweit diese geistigen Wurzeln die Arbeit der außerkirchlichen Opposition später beeinflußt haben, soll zunächst behandelt werden.

Anschließend widmet sich die Arbeit drei Vereinigungen, die sich in der zweiten Hälfte des Jahres 1989 mit dem Ziel gegründet hatten, die SED-Vorherr-schaft zu beenden: 1. Das Neue Forum war die wohl bedeutenste Bürgerbewegung der Wende-Zeit mit dem größten Mobilisierungseffekt. 2. Im Demokratischen Aufbruch gab es nach gut zwei Monaten eine politische Richtungsänderung - weg von eher links-orientierten Forderungen hin zum Bekenntnis zu konservativen Werten. 3. Die Grüne Partei wurde in Konkurrenz zu anderen Oppositionsgruppen gegründet, um Themen zu besetzen, die in den Augen der Gründer von anderen vernachlässigt wurden.

Um die Frage nach dem politischen Lager beantworten zu können, sollen die Ziele dieser drei Vereinigungen mit den Grundsätzen der Grünen in der Bundesrepublik verglichen werden: Basisdemokratie, Umweltschutz, Pazifismus und Emanzipation. Außerdem soll der Frage nachgegangen werden, in welchem politischen Lager sich die Aktivisten selbst sahen.

2. Ursprünge der Oppositionsbewegung von 1989

2.1 Friedensbewegung

In der evangelischen Kirche der DDR gestattete die SED seit den sechziger Jahren einen Freiraum, im dem kritische Gedanken Platz hatten. „Aus diesem Geist erwuchsen Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre die Anfänge der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR. In weiteren Wellen folgte die Gründung zahlreicher ökologischer Initiativen, Frauengruppen und Dritte-Welt-Gruppen.“[1]

Am 1. September 1978 wurde in den Polytechnischen Oberschulen für die Jahrgänge neun und zehn die Wehrerziehung als obligatorisches Unterrichtsfach eingeführt.[2] Die Wehrerziehung an sich war zwar nicht neu, doch vorher lag sie in den Händen der DDR-Jugendorganisationen Pioniere und FDJ, so daß es möglich war, sich der Teilnahme zu entziehen. Seit 1979 entwickelte sich als Reaktion auf diese weitere Militarisierung der Gesellschaft eine starke Friedensbewegung. Die Friedensfrage bot eine gute Legitimation des politischen Einspruchs, wobei die Utopie „Frieden = Sozialismus“ nicht abgelehnt wurde, aber mit den Mitteln der SED als unerreichbar betrachtet wurde.[3] Bis 1986 formierten sich mehrere Spielarten friedenspolitischer Optionen heraus, die bis 1989 Bestand hatten. „Die zivilisationskritischen Utopisten, die praktischen religiösen Pazifisten, die an den Menschenrechten orientierten Demokraten und die Träger des Programms der Blockfreiheit mit deutschlandpolitischen Implikationen ermöglichten es auf ihre Weise, die Freiheitsidee als Bestandteil der Friedensarbeit zu integrieren und den Status der systemimmanenten Opposition bis an die Grenze systemsprengender Theorie und Praxis auszuweiten.“[4]

Da in den Kirchen weder polizeiliche Voranmeldung nötig noch staatliche Einflußnahmen auf die Inhalte der Veranstaltungen möglich waren, fanden in den Gotteshäusern seit Beginn der achtziger Jahre regelmäßig Veranstaltungen der Opposition statt: Zu Auftritten von Liedermachern, Diskussionen, Lesungen, Blues- und Umwelt-Messen, Informationsandachten oder Mahnwachen kamen teilweise so viele Leute, daß das Fassungsvermögen der Kirchen weit überschritten wurde.

Seit 1980 organisierten der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR und die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der DDR[5] jährlich unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ sogenannte Friedensdekaden, von denen sich die DDR-Führung durchaus bedroht fühlte: Zum Abschluß der ersten Friedensdekade vom 9. bis 19. November 1980 läuteten alle evangelischen Kirchenglocken des Landes; prompt verordnete die SED eine landesweite Sirenenprobe zur selben Zeit. „Die Friedensdekade ... entwickelte sich aufgrund des staatlichen Vorgehens zum vielbeachteten Politikum.“[6]

Angesichts des oppositionellen Politikverständnisses wird klar, warum: Während die politische Führung der DDR die wachsende militärische Bedrohung allein dem Westen anlastete, sah die unabhängige Friedensbewegung die Gründe zum einen in der Einbindung der deutschen Staaten in die NATO bzw. in den Warschauer Pakt, zum anderen in den innenpolitischen Verhältnissen. In seinem Aufsatz „Das Trauma der Bedrohung“ schreibt Hans-Jochen Tschiche, Leiter der Evangelischen Akademie in Magdeburg:

„Der Weltfriede wird nicht ohne eine außerordentliche moralische Anstrengung zu erreichen sein, aber er beginnt in der Humanisierung und Demokratisierung der innenpolitischen Verhältnisse. (...) Der Friede unter den Völkern wird nur dann möglich sein, wenn die Vertreter der Macht auf allen Ebenen sich der demokratischen Kontrolle aussetzen und die Kontrolle und die Durchsichtigkeit nicht als leeres Ritual zelebrieren.“[7]

Außerkirchliche Oppositionsgruppen, die sich 1989/90 formierten, übernahmen Forderungen, die die unabhängige Friedensbewegung der DDR in ihren Grundzügen formuliert hatte: Demokratie Jetzt beispielsweise schreibt in ihren Programmaussagen: „Die Abrüstung in Ost und West und die weitgehende Entmilitarisierung der beiden deutschen Staaten müssen energisch vorangetrieben werden. Es ist auf die baldige Auflösung der beiden Blöcke hinzuwirken ...“[8] Die Initiative Frieden und Menschenrechte forderte „nicht den Austritt der DDR aus dem Warschauer Pakt, sondern die Auflösung der Militärblöcke überhaupt“ und die „vollständige Entmilitarisierung.“[9] Das Neue Forum sah die Möglichkeit für das Ende des Kalten Krieges und den Übergang zu einer europäischen Friedensordnung durch eine Entmilitarisierung der beiden deutschen Staaten und eine Auflösung der Militärblöcke.[10]

Trotz der zum Teil kommunistischen Wurzeln der West-Grünen waren die Alternativen der Bundesrepublik die einzige Partei, die seit Anfang der achtziger Jahre intensiven Kontakt zur DDR-Opposition pflegte. Ihnen kamen die politischen Zielvorstellungen der ökologisch und pazifistisch orientierten Gruppen in der DDR am nächsten.[11] Sie verhalfen der unabhängigen Friedensbewegung der DDR zu größerer Öffentlichkeitswirksamkeit, versorgten sie mit Informationen und zeigten sich während zahlreicher Besuche in der DDR solidarisch mit der Opposition.

2.2 Umweltbewegung

Etwa parallel zur Entstehung der Umweltbewegung im Westen formierte sich auch die Ökologiebewegung der DDR – im Gegensatz zu den Gesinnungsgenossen in der Bundesrepublik konnte sie aber wiederum nur im geschützten Raum der evangelischen Kirche aktiv werden, denn durch die Geheimhaltung der Umweltdaten durch die SED hätte eine unabhängige Umweltbewegung automatisch zum Konflikt führen müssen. „Die stark zivilisationkritischen Implikationen der Umweltbewegung waren mit der marxistisch geprägten Fortschrittsideologie nicht vereinbar.“[12]

Deutlich ist der Zusammenhang zwischen der Verschärfung der Umweltsituation in der DDR zu Beginn der achtziger Jahre und der Zunahme der ökologischen Initiativen bis 1983. Außerdem nahmen sich viele Friedensgruppen des Umweltthemas seit 1984 an. Die Grenzen zwischen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen waren häufig fließend. „Hauptangriffspunkte (waren) ... die Geheimhaltung von Umweltdaten, die fehlenden Möglichkeiten der Beteiligung am Umweltschutz, die extensiven Produktionsmethoden und die Wachstumsideologie, die in keinem Verhältnis zu den realen Möglichkeiten der DDR-Wirtschaft stand“[13]. Gleichzeitig gab es in den Umweltgruppen eine deutliche Verbindung der Umweltfrage mit der Forderung nach Demokratisierung und gesellschaftlicher Partizipation.

„Mit dem Unfall im Kernreaktor von Tschernobyl am 26. April 1986 erschienen die Umweltbewegten nun vielen DDR-Bürgern nicht mehr als exotische Sonderlinge. (...) Der starke zivilisationskritische Ansatz vieler Oppositioneller hatte angesichts einer solchen Katastrophe im angeblichen Musterland des Fortschritts einen rationalen Hintergrund bekommen.“[14] Die Umweltgruppen nutzten den verstärkten Rückhalt in der Bevölkerung zu zahlreichen Eingaben, Beschwerden, Protesten und Aktionen gegen die Informations- und Energiepolitik des Politbüros. Und während die Atomkraft bisher nur selten Gegenstand von Protesten war, entwickelte sich nun eine richtige Anti-Atomkraft-Bewegung.

Um dem steigenden Informationsbedürfnis der Oppositionsgruppen Rechnung zu tragen, wurde am 2. September 1986 in den Kellerräumen der Berliner Zionskirchengemeinde die Umweltbibliothek (UB) eröffnet. Während andere Umweltbibliotheken im Land nur regionale Bedeutung erlangten, wurde die Umweltbibliothek in der Zionsgemeinde für das ganze Land wichtig, obwohl sie anfangs Schwierigkeiten hatte, von der oppositionellen Szene anerkannt zu werden. Vor allem mit Hilfe der Grünen im Westen wurde zahlreiche Fachliteratur angeschafft, hinzu kamen bald von den Mitgliedern der Umweltbibliothek organisierte Veranstaltungen zu ökologischen Themen und die Herausgabe der Samisdat-Zeitschrift Umweltblätter. Außerdem wurden in den Kellerräumen einige Ausgaben der illegalen Zeitschrift Grenzfall gedruckt, für die die Initiative Frieden und Menschenrechte verantwortlich zeichnete.

[...]


[1] Neubert, Ehrhart: Die Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, 2. durchgesehene und erweiterte Auflage, Berlin 1998. S. 149.

[2] Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971 – 1989, Bonn 1998, S. 257.

[3] Neubert, Ehrhart: a.a.O., S. 366.

[4] Ebd, 552f.

[5] Organisation der Freikirchen.

[6] Wolle, Stefan: a.a.O., S. 261.

[7] Zitiert nach Neubert, Ehrhart: a.a.O., S. 375.

[8] Zitiert nach Musiolek, Berndt u. Carola Wuttke (Hg.): Parteien und politische Bewegungen im letzten Jahr der DDR (Oktober 1989 bis April 1990), Berlin 1991, S. 214.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. ebd. S. 215.

[11] Vgl. Wolle, Stefan: a.a.O., S. 272.

[12] Neubert, Ehrhart: a.a.O., S. 446.

[13] Ebd. S. 586.

[14] Ebd. S. 626.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Oppositionsbewegung in der DDR - grün und alternativ?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Fachbereich Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Grüne und alternative Parteien im internationalen Vergleich
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
25
Katalognummer
V1623
ISBN (eBook)
9783638110075
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Oppositionsbewegung, Grüne, Parteien, Vergleich
Arbeit zitieren
Rauke Grimm (Autor), 1999, Die Oppositionsbewegung in der DDR - grün und alternativ?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1623

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