Internetmobbing – ein Thema für die Schule?

Möglichkeiten und Grenzen von Prävention und Intervention


Examensarbeit, 2010

94 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung
1.1) Zur Motivation über das Thema „Internetmobbing“ zu forschen
1.2) Ziel der Examensarbeit
1.3) Aufbau

2) Theorieteil
2.1 Grundlegende Begriffe
2.2) Aktueller Stand International
2.2.1) Die erste Erwähnung von Mobbing durch die Neuen Medien
2.2.2) Gesetze und Erlasse
2.2.3) Wissenschaftliche Studien und Fachliteratur
2.2.4) Medien und Internet
2.2.5) Organisationen und Kampagnen gegen Cybermobbing
2.3) Aktueller Stand National
2.3.1) Die KIM- und JIM-Studien
2.3.2) Wissenschaftliche Studien und Fachliteratur
2.3.3) Ratgeber und vorhandene Präventionskampagnen
2.3.4) Umgang der Medien mit dem Thema Cybermobbing
2.3.5) Alltag an den Schulen
2.3.6) Die aktuelle Rechtssituation
2.4) Zusammenfassung

3) Empirischer Teil
3.1) Expertenbefragung
3.1.1) Befragte Experten
3.2) Durchführung der Interviews
3.3) Auswertungsverfahren

4) Ergebnisteil
4.1) Definition von und Erfahrungen mit Internetmobbing
4.1.1) Vorherrschende Teilbereiche bei Internetmobbing
4.1.2) Anzahl der Vorfälle
4.1.3) Anonymität und Kräfteungleichgewicht
4.1.4) Verbindung zu Schulmobbing
4.1.5) Öffentlichkeit, Geschwindigkeit, Dauerhaftigkeit
4.1.6) Genutzte Plattformen
4.1.7) Zwischenfazit
4.2) Prävention aus Sicht der Experten
4.3) Intervention aus Sicht der Experten
4.4) Zusammenfassung der Expertenansichten

5) Vergleich der Aussagen und Diskussion
5.1) Definition
5.2) Möglichkeiten und Grenzen von Prävention und Intervention
5.3) Fazit

6) Resümee und Lösungsansätze

Literatur

Anhang

1) Einleitung

1.1) Zur Motivation über das Thema „Internetmobbing“ zu forschen

Immer mehr Lehrer haben im Schulalltag mit dem Problem zu tun, dass Schüler nicht nur auf dem Schulhof, sondern auch nachmittags gemobbt werden. Dieses Mobbing findet aber nicht auf dem Heimweg oder in der Stadt, dem Spielplatz oder in Jugendtreffs statt, sondern im Internet. Die zunehmende Medialisierung Deutschlands betrifft Jugendliche, Eltern und die Schule.

Durch meine Arbeit an verschiedenen Schulen sowie durch eigenes, seit mehr als einem Jahrzehnt bestehendes, Interesse an dem Medium Internet, hat sich das Thema für diese Examensarbeit über die letzten Jahre herauskristallisiert.

Viele Kinder und Jugendliche sind mit dem Web 2.0 als selbstverständliche Einrichtung in ihrem Privatleben aufgewachsen und integrieren dieses daher ohne weitere Umstände in die zwischenmenschliche Kommunikation mit ihren Altersgenossen, Familienmitgliedern und Freunden.

Die Tatsache, dass sich viele Lehrer hingegen noch nicht im Internet aufhalten und in den Schulen oft keine oder meist nur wenig Medienerziehung geleistet wird, zeigt, dass zwi­schen der aktuellen Jugend und denen, die ihnen zeigen sollen, wie sie später in der Welt zurechtkommen, ein großes Informationsloch klafft. Auch Eltern setzen sich oftmals nicht mit dem auseinander, was ihre Kinder im Internet tun. Eine Folge dessen ist, dass Inter­netmobbing zu einem täglichen Phänomen geworden ist, dem Eltern und Lehrer hilf- und machtlos gegenüberstehen.

Diese scheinbare Hilflosigkeit ist meine Motivation über das Thema Internetmobbing zu schreiben, da ich der Ansicht bin, dass es viele Teilaspekte des Internetmobbings gibt, an denen gearbeitet werden könnte, wenn Lehrer wie Eltern mehr Wissen über die Materie des Internets, sowie der Prävention und Intervention von Mobbing im Internet besäßen.

1.2) Ziel der Examensarbeit

Ziel dieser Examensarbeit ist es auf der einen Seite über die bereits bestehenden Präventi- ons- und Interventionsmöglichkeiten gegen Internetmobbing zu berichten und auf der an­deren Seite durch qualitative empirische Forschung in Form von Experteninterviews den tatsächlichen Stand der Prävention und Intervention an Schulen gegenüberzustellen.

Da das Thema Internetmobbing international und inzwischen auch national unter dem Überbegriff „Cybermobbing“ bzw. „Cyberbullying“ zusammen mit Mobbing über SMS, MMS und „Happy Slapping“ (wörtlich übersetzt „Fröhliches Schlagen“, hierbei werden Personen tätlich angegriffen und die Täter oder Zuschauer filmen dies mit dem Mobiltele­fon, um es später an ihre Freunde zu verschicken), also Handymobbing, gefasst wird, wer­de ich im Folgenden einige Einschränkungen machen:

Diese Examensarbeit handelt vom Mobbing im Internet.] Sie erhebt keinen Anspruch da­rauf, Handymobbing mit einzubeziehen. Der Grund dafür ist, dass die Entwicklungen von Mobiltelefonen und ihren Funktionen weitaus schneller vorangeht, als die des Internets und daher davon auszugehen ist, dass sich bestimmte Vorgehensweisen von Tätern, die Mobbing über das Mobiltelefon über SMS oder MMS betreiben, ändern werden.

Eine dieser rasanten Weiterentwicklungen betrifft die Tatsache, dass immer mehr Mobilte­lefone die Möglichkeit aufweisen, über sie im Internet surfen zu können; dies verleiht ih­nen den gleichen Status, wie ihn Laptops und Computer haben.

Der dritte Punkt ist, dass die wenigsten Jugendlichen mit dem Mobiltelefon aufgenomme­ne Videos ins Internet stellen, diese werden meistens über die Drahtlosverbindung Blue­tooth ausgetauscht. Dieser private Austausch unterscheidet sich von dem öffentlichen Bloßstellen im Internet insoweit, dass die Zuschauer sich nicht an übergeordnete Zuständi­ge wenden können, um etwas gegen das von ihnen erhaltene Video zu unternehmen. Sie würden sich des Regelbruchs schuldig machen und hätten mit einer Strafe von Seiten der Schule zu rechnen.

Sobald sich dieses Video aber im Internet, beispielsweise auf einem Videoportal, befindet, ist dies möglich. Auch die Tatsache, dass der Täter es online gestellt hat, macht einen Un­terschied: So ist ein auf ein Videoportal oder in ein soziales Netzwerk geladenes Video In­ternetmobbing und kein Mobbing per Mobiltelefon mehr - Handymobbing endet dort, wo die Datei das Mobiltelefon verlässt und auf einen Computer gespielt wird, um sie dann über Email, IM (Instant Messenger) und Chat zu verschicken oder auf einem generischen Portal hochzuladen.

Diese Arbeit erhebt aus diesen Gründen keinen Anspruch darauf, Lösungsvorschläge für das Mobbing durch SMS/MMS oder privaten Bluetooth-Videoaustausch durch Schüler aufzuzeigen.

Obwohl diese Unterscheidung in der vorliegenden Arbeit gemacht werden wird, werden im Theorieteil die Fachtermini der entsprechenden Studien genutzt. So werden die Begriffe „Cybermobbing“ und „Cyberbullying“ durchaus Vorkommen, sie werden sich aber auf den Anteil des Internetmobbings beziehen, auch aus dem Grund, weil die Öffentlichkeit unter beiden Begriffen oft dasselbe versteht und wissenschaftliche Arbeiten durch die Öffent­lichkeit beeinflusst werden. In vielen Arbeiten wird so das Thema „Cybermobbing“ mit dem des Internetmobbings gleichgesetzt. Zeitweise wird es, um die ganze Breite einer wis­senschaftlichen Untersuchung darzulegen, außerdem nötig sein, Handymobbing mit einzu­beziehen. Dies wird aber nur der Vollständigkeit halber geschehen und im Ergebnisteil kein gesonderte Aufmerksamkeit bekommen.

1.3) Aufbau

Diese Arbeit in drei Teilbereiche gegliedert: Den Theorieteil, den empirischen Teil sowie den Ergebnisteil.

Im Theorieteil werden die für das Verständnis der Arbeit notwendigen Begriffe erklärt. Es wird der aktuelle internationale Forschungsstand aufgezeigt sowie die rechtliche Einord­nung und der Umgang der Medien und der Öffentlichkeit mit dem Thema „Internetmob­bing“.

Anschließend wird der nationale Stand der Fachwissenschaft dargelegt. Nachfolgend wird bereits existierende Ratgeberliteratur zum Thema Prävention und Intervention eingebun­den, wie auch der Umgang der deutschen Medien mit dem Thema Internetmobbing. Ab­schließend wird die aktuelle Situation an deutschen Schulen dargelegt sowie der momenta­ne Rechtstand.

Im empirischen Teils der Arbeit wird zu allererst die Methode des Experteninterviews vor­gestellt, um dann auf die näheren Umstände der empirischen Arbeit einzugehen. Es folgen die Auswertung der Interviews sowie ein kurzer Abgleich zwischen Theorie und Empirie und ein Fazit.

Im Ergebnisteil wird weiter auf die Ergebnisse des Abgleichs zwischen Theorie und Empi­rie eingegangen. Als Konsequenz werden Lösungsvorschläge zur aktuellen Situation der Prävention und Intervention sowie deren Grenzen aufgezeigt.

Es folgt ein Resümee, in dem das Gesamtergebnis der Arbeit kurz zusammengefasst wird.

Zu Gunsten besserer Lesbarkeit wird in dieser Arbeit das Maskulinum genutzt, wenn von Schülern und Schülerinnen sowie von Lehrern und Lehrerinnen die Rede ist.

2) Theorieteil

2.1 Grundlegende Begriffe

Um sich näher mit dem Thema Internetmobbing auseinandersetzen zu können, ist es eine grundlegende Notwendigkeit, bestimmte Begriffe und deren Bedeutungen zu kennen.

Bei diesen Begriffen handelt es sich einerseits um Fachbegriffe, welche sich bereits in der Forschung um das Thema Cybermobbing etabliert haben und der Fallbeschreibung bzw. Bewertung dienen, und andererseits um Worte, welche dem Nutzer, der aktiv am Internet teilnimmt, bekannt sind, aber im täglichen Leben selten fallen.

Ich werde im Folgenden näher auf die wichtigsten Begriffe eingehen, um so eine Grundlage für das weitere Lesen der Arbeit zu schaffen.

Cyberspace: Bei dem Begriff Cyberspace handelt es sich um einen von William Gibson eingeführten Begriff, welchen er in seinem Roman „Neuromancer“ (1984) zur Beschreibung des von Computern generierten, virtuellen Raumes nutzt. Der Begriff besteht aus zwei Teilen, der erste Teil Cyber leitet sich von dem griechischen Begriff Kybernetike ab und bedeutet so viel wie Kunst des Steuermanns (vgl. Fawzi 2009, 17). Der zweite Teil Space bezieht sich im Englischen ursprünglich auf den Weltraum. Hier wird er in Zusammenspiel mit Cyber zum virtuell erschaffenen Raum, der im Zusammenhang mit sozialen Vorgängen steht (vgl. Döring 2003, 48).

Cybermobbing: Beschreibt psychisches Mobbing durch neue Technologien in Form von Mobiltelefonen und Internet. Cybermobbing kann im Internet über Foren, Chats, Gästebucheinträge, Videos oder hochgeladenes Bildmaterial stattfinden, ebenso auch über Email und Instant Messenger (vgl. „SCHAU HIN“ 2010, 1). Ein Alternativbegriff im deutschen Sprachgebrauch ist Cyberbullying. Es existieren verschiedene Ausprägungen dieses Mobbings, die ursprünglich aus dem englischen Sprachgebrauch stammen und hier ebenfalls übernommen werden sollen:

1. Flaming: Flaming bedeutet hier Beleidigen oder Beschimpfen. Flaming kommt aufgrund der öffentlichen Vorgehensweise des Täters dem Trolling am nächsten, ist aber im Gegensatz zum Trolling gegen eine Person gerichtet. Im allgemeinen Jugendsprachgebrauch bedeutet „jemanden anflamen“ oder „rumflamen“, derzeit, jemanden provozierend „von der Seite anzumachen“; genauso ist dieses Vorgehen auch im Internet, meist in Chats, wieder zu finden. Hieraus können sich Flamewars (Beschimpfungsduelle) entwickeln, bei denen sich die Jugendlichen so lange gegenseitig beschimpfen, bis ein „Sieger“ hervorgeht. Flamewars können in manchen Fällen sogar zu realen Treffen der verfeindeten Gruppen oder Personen führen, bei denen dann es dann zu Handgreiflichkeiten kommen kann. Hier ist dann ein Punkt erreicht worden, an dem der reine Schriftverkehr nicht mehr ausgereicht hat, um den Gegner zu „besiegen“. Gerade hier bieten Jugendliche mit Migrationshintergrund Angriffspunkte für potentielle Täter, da ihr öffentliches Profil in Social Networks oft auch auf ihre ethnische Herkunft aufmerksam macht. Meistens können solche Flamewars durch frühzeitiges Blockieren oder Löschen der betreffenden User verhindert werden (vgl. Grimm 2008, 229, 246-251).

2. Harassment: Belästigen oder auch Schikanieren. Hierbei handelt es sich um sich wiederholende zielgerichtete Attacken gegen einen User. Diese Attacken können entweder von dem User bekannten oder unbekannten Personen stammen. Hierbei ist zwischen Sexual Harassment und Harassment zu unterscheiden. Bei ersterem handelt es sich um sexuelle Belästigung über beispielsweise Chats. Hierbei werden vor allem weibliche Jugendliche dazu aufgefordert, Nacktaufnahmen an den Täter zu senden, oder es wird der Versuch des CS (Cybersex) unternommen. Hierunter fällt auch die Aufforderung, dem Täter bei Selbstbefriedigung über eine Webcam zuzuschauen oder sich für ihn davor auszuziehen (vgl. Grimm 2008, 229, 253-255).

3. Denigration: Das Verbreiten von Gerüchten sowie das Anschwärzen einer Person. Denigration ist oft eine Folge vom Scheitern von Freundschaften oder entsteht aus Neid. Hier werden Texte, Fotos oder Videos genutzt, um eine Person bloßzustellen oder zu schädigen, indem diese einen schlechten Ruf bei ihrer Umwelt bekommt. Dies muss aber nicht immer der Fall sein; oftmals werden Fotos oder Videos, auf denen Personen die beispielsweise betrunken sind, ohne Berücksichtigung der Persönlichkeitsrechte oder Rechte am eigenen Bild, aus „Spaß“ online gestellt. Hierbei wird von den Jugendlichen unterschieden, welche Personen das Foto/Video im Internet hochgeladen hat und wie die Reaktionen im Freundeskreis auf das Foto/Video sind sowie der Punkt, ob es noch andere Fotos mit gleichem oder ähnlichem Inhalt im Freundes- oder Bekanntenkreis gibt und welcher Personenkreis die Fotos einsehen kann. Des Weiteren ist es ebenfalls wichtig, ob der Person im Vorfeld bekannt war, dass dieses Foto/Video hochgeladen werden soll, d.h., ob man sie im Vorfeld um Erlaubnis gefragt oder über das Vorhaben des Hochladens informiert hat. Dies gibt der Person die Möglichkeit, zu intervenieren oder im Nachhinein um Löschung des Fotos durch den Provider (Betreiber der Webseite) zu bitten, wenn sie Angst um ihren Ruf bei Intervention haben sollte. Es folgt daraus der Schluss, dass Jugendliche diese Form von Mobbing am drastischsten und verletzendsten empfinden, wenn sie nicht über die Existenz der Aufnahme im Internet informiert wurden und die Aufnahmen außerdem heimlich oder unfreiwillig entstanden sind. Ist dies nicht gegeben, empfinden die Jugendlichen die Aufnahmen meistens nicht als Denigration, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie erstmals negative Reaktionen darauf erleben. Die langfristigen Auswirkungen, die diese Form von Internetmobbing hat, sind schwerer, als viele Jugendliche annehmen, da inzwischen auch Unternehmen ihre potentiellen Mitarbeiter über Suchmaschinen zu finden versuchen. Diesen Vorgang nennt man googeln (vgl. Grimm 2008, 229-244).

4. Impersonation: Eine falsche Identität annehmen. Dies kann entweder durch das Erfinden einer neuen Identität geschehen oder aber durch „Identitätsdiebstahl“. Im zweiten Fall ist es oft so, dass jemand ein persönliches Passwort herausgefunden hat. Von diesem Teilbereich sind nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer betroffen, so gibt es Fälle, bei denen Schüler so genannte Fakeaccounts (falsche Internetprofile) ihrer Lehrer im Internet erstellt haben, um über diese zu kommunizieren (vgl. Grimm 2008, 229, 263).

5. Outing and Trickery: Bloßstellung und Betrug einer Person durch eine oder mehrere andere Personen. Dieser Bereich des Internetmobbings reicht von relativ harmlosen Scherzen bis hin zur bösartigen Täuschung einer Person. Der Grund, wieso viele Jugendliche diese Art von Mobbing im Internet betreiben, ist der, dass sie entweder eine Bestätigung für ein vermutetes romantisches oder sexuelles Interesse bei ihrem Gegenüber (dem Opfer) suchen, oder aber auf diesem Wege Geheimnisse einer Person herausfinden wollen, um diese dann später gegen sie zu verwenden. Diese Art des Mobbings ist oft - zum Schutz der eigenen Identität - mit Impersonation verbunden. Oftmals sind es Jugendliche, die ihre Freunde auf diesem Weg irreführen wollen. Hier wird die falsche Identität und somit der Betrug aufgelöst, wenn die Situation eine gewisse Grenze zu überschreiten droht. Oft spielt auch Neugierde eine Rolle (vgl. Grimm 2008, 229, 261-262). Es kann in Zusammenhang mit Impersonation aber auch der Fall Vorkommen, dass ein relativ unbeliebter Jugendlicher sich eine Identität aufbaut, um so eine virtuelle Freundschaft zu einem beliebten Gruppenmitglied aufzubauen.

6. Exclusion: Die bewusste und gewollte Ausgrenzung einer Person aus einer Gruppe (vgl. Grimm 2008, 229, ). Exclusion kann entweder durch verschiedene der bereits genannten Methoden des Mobbings herbeigeführt werden, oder durch simple Nichtbeachtung der betroffenen Person. Exclusion kann auch durch den Ausschluss oder das Blockieren des Nutzers aus einem bestimmten Channel (Chatraum) auf einem Server entstehen, wenn diese Sperre nicht zeitnah wieder aufgehoben wird. Oftmals wird diese Methode zur Strafung von Nichtachtung der Netiquette (Etikette für gewünschte und unerwünschte Verhaltensweisen in einem Forum oder Chat) angewandt und aber nach einer Entschuldigung wieder aufgehoben. Solche Blockings (blockieren des Betretens eines Chatraums) werden von den zuständigen Mods (=Moderatoren) oder Admins (=Administratoren) vorgenommen. Bei diesen Zuständigen handelt es sich um Personen, die entweder vom Betreiber eingesetzt wurden oder die selber Betreiber der Seite sind.

7. Cyberstalking: Eine Person wird durch eine andere fortwährend (sexuell) belästigt und verfolgt (vgl. Grimm 2008, 229). Cyberstalking und Stalking (Heranpirschen) stehen in engem Kontakt zueinander. Hier werden die für klassisches Stalking vorhandenen Verhaltensweisen auf das Internet übertragen. Cyberstalking ist eng mit den anderen Internetmobbinggattungen verbunden, so werden auch hier beispielsweise Lügen oder Gerüchte über öffentliche Kanäle gestreut, die Intimsphäre des Opfers durch Offenlegung von Geheimnissen oder Ansichten verraten, diskreditierende Fotos oder Videos veröffentlicht, die Identität des Opfers zu Anmeldung bei bestimmten Webseiten oder zur Bestellung von Waren gestohlen (vgl. Computerbetrug.de - Sicherheit im Netz. „ Cyber-Stalking - Psychoterror per Internet“). Der grundlegende Unterschied zu beispielsweise klassischer Impersonation liegt hierbei darin, dass es sich bei dem Täter um jemanden handelt, der bewusst jener Person, deren Identität er annimmt, aus persönlichen Gründen nachstellt oder schaden will. Hier handelt es sich nicht um einen vermeintlich harmlosen Scherz oder den vorsätzlichen Betrug einer dritten Person mit Hilfe dieser fiktiven oder gestohlenen Identität.

8. Cyberthreats: Direkte oder indirekte Androhung von Gewalt. Die Folge dieser Gewaltandrohungen sind oft Unsicherheit und Angst von Seiten des Opfers (vgl. Grimm 2008, 229, 253). Cyberthreats implizieren nicht nur Androhungen von (körperlicher) Gewalt gegen den User selber, sondern auch Gewalt gegen ihm Nahestehende, bis hin zu Morddrohungen.

Chat: Eine interaktive Kommunikationsmöglichkeit, meist in eine Website implementiert, welche es den verschiedenen Usern des Internets möglich macht, sich miteinander zu verständigen. Chats haben oft bestimmte Themen welche sich auf die Website beziehen in die sie eingebettet sind. Öffentliche Chats werden von Moderatoren beaufsichtigt oder geleitet. Ihnen gegenüber stehen die Instant Messenger, bei denen eine private Kommunikation stattfindet.

Forum: Das Forum ist eine Diskussionsplattform für Internetnutzer. Foren stehen meist unter einem bestimmten Thema und sind in vielen Fällen, wie Chats, in eine Website implementiert. Dies ist vor allem bei Social Networks der Fall. Foren werden ebenfalls zumeist von Moderatoren beaufsichtigt; wie auch im Chat muss hier eine vom Betreiber festgelegte Netiquette eingehalten werden.

Instant Messenger (IM): Programme, welche unabhängig von Webseiten die Möglichkeit der P2P (Peer-to-Peer/Eins-zu-Eins)-Kommunikation anbieten. Verbreitet sind heute vor allem IMs wie ICQ, AOL-IM und MSN sowie Skype. Skype bietet neben dem P2P-Chat außerdem die Möglichkeit, einen so genannten Videochat zu starten. Hier findet die Kommunikation nicht mehr nur über das reine Schreiben statt, sondern auch über Bild- und Tonübertragung durch Webcams und Mikrofon. Alle IMs bieten dem User zudem die Möglichkeit, Dateien direkt aus dem Programm zu verschicken und anzunehmen.

Internetmobbing: Bezieht sich im Gegensatz zum Cybermobbing nur auf das Medium Internet und die dort implizierten Kommunikationsmöglichkeiten. In dieser Arbeit geht es um genau den Teilbereich des Cybermobbings.

Nickname: Ein Spitzname, den sich User für eine Plattform auf der sie agieren möchten, aussuchen. Oft können verschiedene Nicknames nur einmal genutzt werden: Sobald eine Person einen Nickname registriert hat, ist dieser an sie vergeben, bis sie ihn wieder löscht. Dies ist vor allem bei Communitys mit festem Profil der Fall. Eine Ausnahme bilden soziale Netzwerke wie das SchülerVZ und StudiVZ. Das Konzept hinter diesen Plattformen ist, dass der User seinen realen Namen angibt. Da diesen Namen aber mehrere Personen haben können, wird hier keine Sperrung für andere vorgenommen, nachdem sich jemand mit dem Namen angemeldet hat. Dies wirkt sich auch auf beliebte Nicknames aus, so sind im StudiVZ 250 Personen verzeichnet, die „Jane Doe“ heißen, und über 300 User, die sich „John Doe“ nennen. Diese Namen stehen im englischsprachigen Raum für Platzhalter, wie sie in Deutschland „Max Mustermann“ bzw. „Erika Mustermann“ darstellen. Im Chat kann ein Nickname beispielsweise über bestimmte Vorlieben (I_Love_Icecream), die Herkunft (HamburgerJung), Gesinnungen (-Punk4Ever-) oder das Alter (Wiki-1981) und das Geschlecht (MiriamMaus oder Knutschkugel_w) Aufschluss geben. In Kontaktchats ohne regionale Begrenzung ist es durchaus üblich das Alter, Geschlecht und ein weiteres Detail anzugeben. So könnte hinter Katzenliebe_89_w eine weibliche Katzenliebhaberin, die im Jahr 1989 geboren ist, stecken.

Offline/Online: Offline ist einerseits die Bezeichnung für Aktivitäten außerhalb des Internets - man sagt: „etwas offline tun“ - und andererseits die Bezeichnung für die allgemeine Abwesenheit des Users im Internet; „er/sie ist offline“. Online bezeichnet Tätigkeiten, wie Anwesenheit in einem Chat und im Internet.

Real Life: Auch mit RL abgekürzt, ist eine Bezeichnung aus dem Internet für die nicht­virtuelle Welt der User. Diese Welt impliziert nicht-virtuelle Hobbys, Arbeit, Schule sowie zwischenmenschliche Beziehungen, die vollständig oder teilweise offline stattfinden. Real Life steht im Gegensatz zur Virtual Reality, der VR, die die sozialen Kontakte und Vorgänge im Internet beschreibt.

Social Network: Bekannte soziale Netzwerke für Deutschland sind meinVZ, schülerVZ und studiVZ. International ist neben MySpace vor allem Facebook das verbreitetste Netzwerk für Kommunikation. Jugendliche im englischsprachigen Raum nutzen oft auch das soziale Netzwerk Bebo. In diesen Netzwerken gibt es die Möglichkeit, ein Profil zur Selbstdarstellung zu erstellen und dadurch mit anderen Personen in Kontakt zu treten. In den meisten Social Networks gibt es inzwischen die Möglichkeit, Profile nur noch für bestimmte Personengruppen einsehbar zu gestalten und bei Missbrauchsverdacht Fakeaccounts dem Betreiber zu melden.

Trolling: Trolling findet in den meisten Fällen in Foren statt, in seltenen Fällen kann man dieses Phänomen jedoch auch in Chats finden. Im Gegensatz zum Internetmobbing ist Trolling nicht gegen bestimmte Personen gerichtet. Trolls (Trolle) geben lediglich provozierende Kommentare von sich, um auf sich aufmerksam zu machen oder andere zu verärgern: „There are three reasons why people troll newsgroups: People post such messages to get attention, to disrupt newsgroups, and simply to make trouble.“ (Urban75, 2010).

Trolling kann sich im Laufe der Zeit, wenn bestimmte User immer wieder die vom Troll gewünschte Reaktion zeigen, zu Internetmobbing entwickeln. In diesem Fall werden dann Beiträge im Forum erstellt, welche sich gegen den einzelnen User richten oder Kommentare im Chat abgegeben, von denen der Troll weiß, dass sie einen bestimmten User verletzen oder provozieren. Dieses Vorgehen des Täters fällt in der Regel in den Mobbingbereich des Flaming, es kann aber auch in andere Typen des Mobbings umschlagen.

User: Gebräuchliche Beschreibung für einen Internetnutzer. Der Begriff User wird beispielsweise in Zusammenhang mit Plattformen, Chats oder interaktiven Nutzungsmöglichkeiten im Internet verwendet.

Videoportal: Bei einem Videoportal handelt es sich um eine Plattform, auf der ein Nutzer persönliche Videos hochladen kann. Eines der weltweit führenden Videoportale ist YouTube. Neben YouTube existieren auch noch MyVideo und einige andere kleinere Videoportale im Internet. Auf diesen Portalen ist es möglich, schnell und einfach selbst erstellte Videos vom Heimcomputer ins Internet zu stellen. Oft ist eine Anmeldung im Vorfeld erforderlich, dies ist aber nicht immer der Fall.

Web 2.0: Das Web 2.0 stellt die aktuelle Internetsituation dar und ist das Ergebnis der über die Jahre andauernden Weiterentwicklung von der Informationsquelle Internet zum interaktiven Web. Dieses „Mitmach-Web“ zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es für jeden möglich ist, eigene Inhalte in Bild, Ton, Videos sowie andere Dateiformate ohne technische Vorkenntnisse schnell und einfach online zu stellen. Diese Daten sind dann weltweit im Internet zugänglich (vgl. Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes 2008, 14).

2.2) Aktueller Stand International

Ich werde im Folgenden auf die erste Erwähnung von internetgestütztem Mobbing, damals noch als Rufmord bezeichnet, eingehen. Danach werde ich die bisherigen Gesetzesänderungen sowie die Rechtslage verschiedener Länder nennen. Der Fokus wird hier auf der englischsprachigen Welt mit besonderem Augenmerk auf Nordamerika liegen. Hiernach werde ich die wichtigsten bisher erfolgten Studien und Forschungsansätze aufzählen und mich zuletzt auf den Umgang der Medien mit dem Thema des elektronischen Mobbings auseinandersetzen. Zum Ende dieses Teilabschnittes werde ich außerdem noch auf die öffentlichen Reaktionen von beispielsweise Jugendorganisationen auf Cyberbullying eingehen.

2.2.1) Die erste Erwähnung von Mobbing durch die Neuen Medien

Das Thema Internetmobbing ist im internationalen Kontext bereits länger ein Diskussionsgegenstand als in Deutschland. Eine der ersten Veröffentlichungen, unter anderem über die Gefahren des Rufmordes im Internet, ist die Studie „The Cyberspace is not a ,No Law Land„“ von Michael Racicot et al. im Jahr 1997:

„But, as with any such powerful “invention” (we would be tempted to describe the Internet as a “movement” rather than an invention), there comes some challenges. The Internet is a formidable tool for people to knowingly or unknowingly violate the rights of others. These violations include copyright and trade-mark infringements, attacks on the reputation or privacy of others, communication of hate propaganda and distribution of obscene material including child pornography.“ (Racicot 1997, 26-27)

In der Studie wird angemerkt, dass in Kanada bis zu dem Zeitpunkt bestehende Gesetze über „hate propaganda“ (vgl. Racicot 1997, 88) noch nicht auf das Internet angewendet wurden. Man müsse sich also auf die traditionellen Fälle beziehen, um dann Vergleiche zum Internet ziehen zu können (vgl. ebd.).

2.2.2) Gesetze und Erlasse

In den letzten Jahren haben mehrere Länder Gesetze gegen Cyberbullying erhoben. In den USA existieren aktuell in den Staaten Arkansas, Idaho, Iowa, New Jersey, Oregon, New York, Missouri, Rhode Island und Vermont Gesetze gegen das Mobbing durch elektronische Kommunikationsmittel wie Mobiltelefon und Computer. Die Gesetze fallen qualitativ unterschiedlich aus, weshalb ich im Folgenden näher auf sie eingehen möchte.

Idaho erhob im Jahr 2006 als erster Staat der USA ein Gesetz, welches es Schulangestellten erlaubte, Schüler für das Verbreiten von Hassnachrichten gegen Mitschüler über Telefon und Internet vom Schulunterricht zu suspendieren.

Arkansas und New Jersey folgten 2007, wobei es in New Jersey im Vorfeld bereits strenge Gesetze gegen klassisches Mobbing gab. Die entsprechenden Gesetze wurden lediglich um den Punkt der elektronischen Kommunikation erweitert. Beide Staaten inkludierten die Möglichkeit der Strafung durch Schulangestellte, auch für den Fall, dass das Mobbing nicht auf dem Schulhof stattgefunden hat.

Der Staat Iowa hat ein Gesetz erlassen, welches Schulen dazu zwingt, Pläne gegen Cybermobbing zu erstellen und im Falle eines Verstoßes die Bestrafung der Täter einzuleiten.

In Oregon wurde gesetzlich anerkannt, dass auch diese neuartige Form des Mobbings negative Einflüsse auf das Lern- und Arbeitsverhalten von Schülern hat und damit gegen die Wissensvermittlung arbeitet.

Während in New York ein Programm zur Unterstützung von Polizei und Schulangestellten eingeführt wurde, um die Umstände und Folgen von Cyberbullying besser einschätzen und nach dem Gesetz verhandeln zu können, wird in Rhode Island ein Gesetzestext diskutiert, nach welchem die Täter für ihre Tat vom Familiengericht nach Jugendstrafgesetz verurteilt werden können.

In Vermont existiert bereits seit längerer Zeit ein striktes Gesetz gegen Cybermobbing, welches um eine Strafe von 500 US$ für Internetgewalt erweitert wurde. Es ist außerdem ein Gesetz in Diskussion, welches den Schulen mehr Rechte zur Sanktionierung von Tätern verleihen soll, falls eine Gefahr für Gesundheit, Sicherheit oder Lernkonstitution des Opfers gegeben ist (vgl. CyberBully Alert 2008).

Kalifornien setzte im August 2008 ein Gesetz in Kraft, welches traditionelles Mobbing und Cybermobbing gleichstellte, allerdings unter der Bedingung, dass dieses Mobbing in der Schule, auf dem Weg in die Schule bzw. auf dem Heimweg, in der Mittagspause (auch wenn diese daheim verbracht wird) sowie während Schulveranstaltungen stattfindet. Im letzten Punkt sind externe Veranstaltungen sowie der Weg dorthin und zurück inbegriffen. Es war im Vorfeld mehrfach zu Problemen aufgrund von Unklarheit der Grenzen und Zuständigkeitsbereiche gekommen, welche man nun vermeiden wollte (vgl. Carvin 2008).

Diese Gesetze traten allesamt in Kraft, nachdem der Fall Megan Meier im Jahr 2006 weltweit für Aufsehen gesorgt hatte. Megan hatte mit einem vermeintlichen Jungen, welcher sich Josh Evans nannte, über längere Zeit im Netzwerk MySpace per Email kommuniziert. Irgendwann schlugen die vorher freundlichen Emails des Jungen in Beschimpfungen und Verurteilungen um, woraufhin Megan Selbstmord beging. Es stellte sich im Laufe der späteren Ermittlungen heraus, dass es sich bei dem Jungen um eine ehemalige Freundin von Megan und deren Mutter handelte (vgl. Patalong 2007).

Dieser Fall wurde im Internet selbst aber auch in Fachbüchern und in den Nachrichten ausführlich thematisiert. Dennoch gehen die Schilderungen weiterer Details stark auseinander. Die Mutter der ehemaligen Freundin Megans wurde nach dem Computer Fraud and Abuse Act verurteilt (vgl. Scepticlawer 2010), da es in Missouri damals noch kein Gesetz gegen Cybermobbing gab.

Als Reaktion auf den Tod von Megan und die folgende Gerichtsverhandlung rief Gouverneur Matt Blunt die „Internet Harassment Task Force“ ins Leben (vgl. Hickman 2007), welche das Gesetz des Bundesstaates nach verbesserungswürdigen Stellen durchsuchte und für Gesetzesverschärfungen betreffend Cybermobbing sorgte (vgl. CyberBully Alert 2008).

In Kanada ist Internetmobbing wie folgt eingeordnet:

„Under the Criminal Code of Canada, it is a crime to communicate repeatedly with someone if your communication causes them to fear for their own safety or the safety of others. It is also a crime to publish a “defamatory libel“, writing something that is designed to insult a person or likely to hurt a person’s reputation by exposing him or her to hatred, contempt or ridicule. A cyberbully may also be violating the Canadian Human Rights Act, if he or she spreads hate or discrimination based on race, national or ethnic origin, colour, religion, age, sex, sexual orientation, marital status, family status or disability“. (Belsey 2004, 2)

Zusammenfassend bedeutet dies, dass eine Person, die die Intention, einer anderen Person mit Hilfe der neuen Medien zu schaden, in die Realität umsetzt, sich strafbar macht und strafrechtlich verfolgt und verurteilt werden kann.

Die internationale Gesetzeslage ist derzeit ausbaufähig: In den meisten Ländern existiert kein Gesetz, welches sich speziell auf Cyberbullying/Cybermobbing bezieht.

Ein Beispiel für einen aktuellen Fall, auf den bereits bestehende Gesetze angewandt wurden, ist der des 19-jährigen Anthony Stancl, welcher sich im sozialen Netzwerk Facebook als weiblicher Nutzer ausgab, um so an Nacktfotos seiner Klassenkameraden heranzukommen. Diese Fotos nutzte er im Folgenden, um seine Opfer zum Geschlechtsverkehr mit ihm zu zwingen. Diese Erpressung mit Zuhilfenahme des Internets wurde vom Gericht in Wisconsin mit 15 Jahren Gefängnis geahndet (vgl. Beth 2010).

2.2.3) Wissenschaftliche Studien und Fachliteratur

Das internationale wissenschaftliche Interesse am Thema Cybermobbing wurde erst relativ spät geweckt, so beschreibt zwar schon Erling Roland 2002 in einer Studie das Phänomen, da diese Studie allerdings nie in englischer Sprache erschienen ist, wurde sie auch nie im internationalen Kontext bekannt. Erst auf dem American Psychological Association­Treffen im August 2005 wurde eine Untersuchung präsentiert, welche sich mit dem Thema Cyberbullying auseinandersetzte. Im gleichen Jahr wurden auch Studien zu den Folgen von Cyberbullying sowie die ersten Ratgeber mit praktischen Hinweisen zum Umgang mit dem Phänomen veröffentlicht. Bis auf eine Studie, welche in Schweden durchgeführt wurde, beschränken sich alle auf den englischsprachigen Raum (vgl. Riebel 2008, 46).

Im Jahr 2007, parallel zu Studien in Deutschland, veröffentlichte das PEW Internet & American Life Project eine 2006 von Amanda Lenhart durchgeführte Studie, die sich mit Internetgewalt auseinander setzte. Zum Zweck der Erhebung wurden insgesamt 935 Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren sowie deren Eltern interviewt. Des Weiteren wurden Gruppeninterviews geführt. 886 der Jugendlichen wurden telefonisch, 49 im Gruppengespräch interviewt (vgl. Lenhart 2007, 7f.).

Das Ergebnis der Studie war, dass 32% der befragten Teenager bereits Erfahrung mit Internetgewalt gemacht hatten. 41% der Mädchen im Alter von 15-17 Jahren gaben an, bereits Opfer von Internetmobbing geworden zu sein, bei 29% der Jungen im gleichen Alter war dies der Fall (vgl. ebd.). Dies deckt sich mit einer Studie des National Crime Prevention Council, wonach vier von zehn Jugendlichen von Übergriffen im Internet berichten (vgl. Surdin 2009).

Die unter den Mädchen am häufigsten genannte Methode des Mobbings waren private Nachrichten (Email, Instant Messenger oder Chat), die in einen öffentlichen Raum weitergeleitet wurden (17%), die zweithäufigste Methode war die des Gerüchts über eine Person; diese hatte 16% der Befragten betroffen. Je älter die Mädchen waren, desto höher war auch die Anzahl der Betroffenen (vgl. Lenhart 2007, 3f.).

In einer qualitativen Studie mit dem Titel Students ’Perspectives on Cyber Bullying, welche im Jahr 2007 in den USA durchgeführt wurde, wird deutlich, wieso viele Eltern und aber vor allem Lehrpersonal nicht angesprochen werden, wenn ein Schüler Probleme mit Cyberbullying hat. Die 148 interviewten Middleschool-Schüler stimmten überein, dass ein hoher Anteil der diffamierenden Nachrichten, welche in der Schulzeit einträfen, über das Mobiltelefon käme. Da dieses aber während der Schulzeit ausgeschaltet sein muss, fürchten die Schüler die Strafe für das eingeschaltete Mobiltelefon mehr, als dass sie den Nutzen für die Problemlösung mit der Lehrkraft sehen, weswegen sie lieber nichts sagen. Ähnlich verhält es sich mit den internetfähigen Computern der Schule. Diese haben zwar Sperren für bestimmte Webseiten wie MySpace, diese Sperren können aber durch die Schüler ohne große Umstände umgangen werden. Auch hier wird die Strafe für das unerlaubte Verhalten mehr gefürchtet, als die potentielle Unterstützung durch die Lehrkraft positiv gewertet wird. Im Falle eines Hilfegesuchs an die Eltern fürchteten die Schüler, dass ihnen daheim Restriktionen für die Benutzung des Internets auferlegt würden (vgl. Agatston et al. 2007, S. 59f).

In Zusammenhang mit der oben aufgeführten Studie wurde ebenfalls im Jahr 2007 eine Studie mit dem Namen „Electronic Bullying Among Middle School Students“ durchgeführt. Im Rahmen dieser quantitativen Studie mit 3,767 Teilnehmerinnen aus sechs verschiedenen Middleschools wurde das Verhalten und Erleben von Schüler im Zusammenhang mit elektronischem Bullying erhoben. Zu diesem Zweck wurden die Schüler in vier Gruppen unterteilt: Opfer, Täter, Täter/Opfer und Nicht Betroffene (vgl. Kowalski; Limber, S. 24). Die Ergebnisse der Studie zeigten auf, dass die Schüler in den letzten zwei Monaten vor der Befragung am häufigsten durch IM-Nachrichten belästigt worden waren, gefolgt von Chat und Emails. Im Gegenzug bestätigten die Täter, diese Methoden entsprechend häufig benutzt zu haben (vgl. ebd. 25). Opfer wie auch Täter/Opfer wurden zum größten Teil von Tätern aus der Schule belästigt. Mehr als die Hälfte der Täter/Opfer und ein wenig mehr als ein Viertel der Opfer gab an, von jemandem aus dem eigenen Freundeskreis gemobbt worden zu sein. Interessant ist, dass 12% bzw. 16% der betroffenen Personen von einem Geschwisterkind gemobbt wurden und 48% nichts über die Identität des Täters wusste.

Die Täter hingegen gaben an, dass sie in erster Linie jemanden aus der Schule, dann einen Freund und in letzter Linie einen Unbekannten mobben würden. Insgesamt ergab die Studie, dass 11% der Schüler in den letzten zwei Monaten elektronisches Mobbing erlebt hatten; 4% der Schüler waren Opfer und 7% Täter/Opfer (vgl. ebd. 26). Die Studie stellte fest, dass Cyberbullying einen bestimmten Reiz auf sozial verunsicherte Jugendliche ausüben kann, da diese sich hinter einer erdachten oder gestohlenen Identität verbergen können, um Nachrichten zu senden, die sie im direkten Kontakt nicht vermitteln würden. Hinzu käme die Tatsache, dass TäterInnen sich durch die elektronisch übertragene Kommunikation mit ihren Opfern einreden können, dass sie es nicht verletzen würden. Diese Anonymität kann aber auf Seiten des Opfers zur größer Angst führen, als wenn es den Täter/die Täterin kennen würde, da es a) nicht weiß, ob es sich um ein Individuum oder eine Gruppe handelt und b) jeder hinter dem Mobbing-Angriff stecken kann (vgl. ebd. 27f). Die Studie zieht das Fazit, dass elektronisches Bullying ein großes Problem darstellt, an dem gearbeitet werden muss. Des Weiteren bestätigt sich die im Vorhinein in der genannten Studie aufgestellte These, dass Mädchen mehr Cybermobbing betreiben als Jungen im gleichen Alter. Es wird außerdem unterstrichen, dass Cyberbullying im Gegensatz zu traditionellem Bullying ein unbegrenztes Publikum hat, was die Schwere der Tat verstärkt (vgl. ebd. 29).

2.2.4) Medien und Internet

Die internationalen Medien und das Internet selbst - durch Foren, Blogeinträge und Newsgroups - machten bereits weit vor den ersten Forschungsansätzen auf das Problem aufmerksam. Der erste auffindbare Bericht geht ins Jahr 2002 zurück. Hier berichtet die BBC-News Website über eine immer höhere Anzahl von Jugendlichen, die in Großbritannien über ihr Mobiltelefon und das Internet gemobbt wird (vgl. BBC NEWS 2002, „Youngsters targeted by digital bullies“).

Im gleichen Jahr erstellte ein 14-jähriger kanadischer Jugendlicher ein Video von sich, in dem er eine Star-Wars-Szene nachstellt. Dieses Video gelangte durch Freunde des Jungen auf das Videoportal YouTube. Seitdem ist dieses Video im Internet als „Star Wars Kid“- Video bekannt und gehört zu den beliebtesten Videos YouTubes. Versuche, das Video aus dem Internet zu entfernen, scheiterten.

Im Jahr 2003 beging ein 13-jähriger Amerikaner so genannten Bullycide (Selbstmord ausgelöst durch Bullying). Er wurde von seinen Mitschülern online und offline gemobbt. Auch dieser Fall ging durch die Presse.

Einer der jüngsten Todesfälle ist der von Alexis Pilkington, welche Ende März 2010 in ihrem Zimmer tot aufgefunden wurde. Das herausstechendste Merkmal an diesem Fall ist, dass die Täter auch noch nach dem Tod des Opfers weitere Hassnachrichten an ihr Online­Profil sendeten und sie verunglimpften (vgl. Beth 2010).

Der weltweit bekannteste Fall ist aber der weiter oben bereits erwähnte Fall von Megan Meier, welche im Jahr 2006 Selbstmord beging. Erst diese Geschichte hat durch ihre Dramatik und die Tatsache, dass ein Erwachsener als Haupttäter involviert war, für ein Echo in den Medien gesorgt, welches auch in Deutschland ankam.

Die Medien spielen, wie diese Beispiele zeigen, im Umgang mit Internetmobbing eine große Rolle. Erst durch die Bekanntmachung des Falls Megan wurden in den USA Gesetzesänderungen angestrebt und auch die Forschung wurde erst durch die in der Presse bekannt gewordenen Fälle auf das Problem aufmerksam. Dies liegt mitunter daran, dass es sich beim Cyberbullying bzw. Cybermobbing noch um ein sehr junges Phänomen handelt, welches sich erst mit dem Einzug des Internets in die privaten Haushalte der Industriestaaten entwickelt hat.

2.2.5) Organisationen und Kampagnen gegen Cybermobbing

Die Medienwirksamkeit des Themas „Internetmobbing“ haben auch Organisationen entdeckt, die Lösungen für das Problem erarbeiten wollen. Aktuelle internationale Maßnahmen gegen Internetmobbing sind beispielsweise „klicksafe“ - eine von der EU ins Leben gerufene Aktion gegen Gewalt im Internet - und eine Kampagne der National Crime Prevention Council (NCPC) gegen Cyberbullying in Zusammenarbeit mit Sony (vgl. National Crime Prevention Council,JAHR). klicksafe nutzt das Fernsehen und macht durch provokative Werbung auf das Problem Internetmobbing aufmerksam. Ich werde im späteren Verlauf noch einmal auf klicksafe zurückkommen.

In Großbritannien wird auf Plakaten und teilweise auch auf (interaktiven) Werbetafeln für die im Rahmen des Act Against Bullying existierende Cyberkind Campaign geworben. Diese seit 2005 existierende Kampagne setzt sich für mehr Zivilcourage und gemäßigte Umgangsformen im Internet ein und ruft Schüler dazu auf, durch freundliches und unterstützendes Verhalten Teil des UK Kindness Movement zu werden.

Die Kampagne bietet Schüler die Möglichkeit, in ihren Schulen Informationsveranstaltungen zu organisieren oder auch ein Online Volunteer zu werden und damit dann für anonyme Fragen von Opfern zur Verfügung zu stehen (vgl. Act Against Bullying 2010). Der Erfolg dieser Bewegung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eine Reaktion auf den Umstand, dass laut der Anti-Bullying Alliance bereits jeder fünfte Schüler schon einmal Cybermobbingopfer wurde (vgl. Stepanek 2006). Neben der Unterstützung der Cyberkind Campaign hat die ABA außerdem eine Broschüre mit dem Namen „Keep an Eye on it“ zur Elternunterstützung herausgegeben, worin Eltern Informationen und Hilfe zu den Themen Mobbing und Cybermobbing finden. Diese Broschüre ist, wie die meisten Materialien von Organisationen gegen Internet- und Handygewalt, kostenlos auf der Webseite als PDF herunterzuladen oder auf dem Postweg zu bestellen (vgl. teachernet 2009).

Ich möchte hier nicht weiter auf die staatlichen Maßnahmen der verschiedenen Länder eingehen, da sich diese oftmals mit Charity-Organisationen verbunden haben und die Anzahl der vom Staat unterstützen Organisationen den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. Eine Übersicht über einige staatliche Maßnahmen der USA und Großbritannien ist auf der englischsprachigen Wikipedia-Website zu finden, welche sich nach Überprüfung auf Richtigkeit als zuverlässig erweist (29.04.2010).

Oftmals werden auch private Internetseiten ins Leben gerufen, über welche Betroffene Hilfe in Form eines Forums oder einer Mailingliste finden, in dem man sich mit anderen Betroffenen austauscht und praktische Tipps, wie beispielsweise Kontaktadressen zu Organisationen, erhalten kann. Hinzu kommen Aktionen von weit bekannten Internet­Videoportalen. So hat sich das Videoportal YouTube im Jahr 2007 dazu entschieden, dem Mobbing durch Videos auf seiner Plattform Einhalt zu gebieten und zusammen mit der Charity-Organisation Beatbullying in Großbritannien einen Kanal mit gleichnamigem Titel eröffnet (vgl. BBC NEWS 2007, „YouTube tackles bullying online“).

Jugendorganisationen beschäftigen sich ebenfalls mit dem Thema Cyberbullying. Die Boy Scouts of America haben Bullying und Cyberbullying in ihr Handbuch aufgenommen, während die Girl Scouts of the USA Training für sichereren und medienkompetenteren Umgang im Internet und mit dem Computer erhalten. Dies wurde als nötig erachtet, um die Mädchen einerseits besser vor den Gefahren im Internet schützen zu können, aber auch, um zu verhindern, dass sie selber zu Tätern werden (vgl. Menzer 2008 ).

Bereits seit 1997 bestehen Foren wie das „Mobbing.net“-Forum, die Informationen zum Umgang mit dem Internet zum Thema Mobbing diskutieren. Dort konnten Hilfesuchende schon weit vor den ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Mobbing im Internet qualifizierte Hilfe erhalten.

2.3) Aktueller Stand National

Das Thema Cybermobbing - und infolge dessen auch Internetmobbing - ist in der deutschsprachigen Fachliteratur ein noch junges Thema und folglich unzureichend erforschtes Fachgebiet. Studien gibt es im deutschen Raum kaum; selbst die JIM-Studie setzt sich erst seit 2008 im Rahmen ihrer Untersuchungen damit auseinander. Wie auch den internationalen Kontext betreffend, muss man in Deutschland beim Thema Mobbing im Internet zwischen dem Stand der Fachliteratur, dem der Medien/Internet/Ratgeber sowie der Alltagsrealität in Schulen unterscheiden.

Hierzu werde ich zunächst auf den aktuellen Stand der Fachliteratur eingehen und die bisher erfolgten Studien näher beleuchten; die Ergebnisse der JIM- und KIM-Studien werden im Vorhinein getrennt von den anderen Studien analysiert betrachtet, da diese grundlegende Annahmen zum Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen beinhalten. Hiernach werde ich mich mit den Reaktionen der Medien und Internet auseinandersetzen und zuletzt die Realität an den Schulen zusammenfassen sowie die aktuelle Rechtslage wiedergeben.

Im Zusammenhang mit den Ratgebern werde ich auch auf die bereits existenten Präventionsmaterialien (besonders hervorgehoben sei hier das von der EU geförderte Programm klicksafe) eingehen. Dies ist in diesem Zusammenhang sinnvoll, da anwendbare Bezüge auf die Realität in den Schulen hergestellt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Internetmobbing – ein Thema für die Schule?
Untertitel
Möglichkeiten und Grenzen von Prävention und Intervention
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
94
Katalognummer
V162494
ISBN (eBook)
9783640772292
ISBN (Buch)
9783640772728
Dateigröße
1416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internetmobbing, Cybermobbing, Mobbing, Internet
Arbeit zitieren
Sarah-Alena Bade (Autor:in), 2010, Internetmobbing – ein Thema für die Schule?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162494

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