Sprachliche Entwicklungen im ostmitteldeutschen Raum als mögliche Grundlage der neuhochdeutschen Schriftsprache

Theodor Frings’ Theorie und ihre Folgen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Meißner Deutsch als mögliche Grundlage der neuhoch- deutschen Schriftsprache
2.1. Zur Bedeutung der ostmitteldeutschen Besiedlungsgeschichte
2.2. Die Entstehung der kolonialen Ausgleichssprache
2.3. Die Entstehung einer Geschäfts- und Verkehrssprache
2.4. Die Bedeutung Luthers
2.5. Zwischenfazit

3 Kritik der neueren Forschung

4 Neuere Forschungsansätze

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die umstrittene Frage nach dem Ursprung der neuhochdeutschen Schriftsprache beschäftigt die Germanisten seit vielen Jahren. Über die Entstehung des Neuhochdeutschen wurden im Laufe der Jahre zahlreiche Theorien aufgestellt.

Besonders interessant erscheinen in diesem Zusammenhang die völlig konträren Entstehungstheorien von Konrad Burdach und Theodor Frings.

Burdachs Theorie, in der dieser sich vor allem auf die deutschen Kanzleien beruft, galt über längere Zeit unanfechtbar. Widerlegt wurde sie erstmals von Theodor Frings, welcher der Theorie Burdachs eine völlig andere Betrachtungsweise entgegenstellte.

Theodor Frings wurde 1886 als Sohn eines Buchbinders in Dülken bei Krefeld geboren. Er promovierte 1911 in Marburg und habilitierte 1915 an der Universität in Bonn. Ab 1927 war er als Professor für Germanistik an der Universität Leipzig angestellt. Zu seinen Verdiensten gehört unter anderem der Entwurf eines komplett neuen Bildes vom Werdegang der neuhochdeutschen Schriftsprache. „Zu einer von Frings’ Grundkonzeptionen gehört die Auffassung, daß Sprachgeschichte Menschheitsgeschichte im tiefsten Sinne des Wortes sei.“[1] Seine dialektgeographischen Untersuchungen zeigen deutlich, dass charakterisierende Eigenschaften der modernen deutschen Schriftsprache Gemeinsamkeiten mit der Meißner Mundart aufweisen. Der Ursprung der Schriftsprache liege demzufolge nicht in der Schriftlichkeit, sondern fundiere vielmehr auf mündlicher Ebene. Frings’ Theorie wurde in den Jahren nach ihrer Veröffentlichung stark kritisiert, doch leistet sie in der komplexen Frage nach dem Ursprung der neuhochdeutschen Schriftsprache einen unumstößlich wichtigen Beitrag, auf den man sich in den Folgejahren noch häufig berief.

Die folgenden Darstellungen dienen dazu, die wichtigsten Punkte von Frings’ Theorie sowie seine dialektgeographische Beweisführung aufzuzeigen. Das Hauptaugenmerk liegt auf der kritischen Betrachtung seiner Thesen und deren Gegenüberstellungen zu neueren Forschungsansätzen. Wir konzentrieren uns diesbezüglich auf die Arbeiten von Werner Besch und Mirra Guchmann, da jenen anhand der gegen Frings geäußerten Kritikpunkte interessante Gegenentwürfe zu dessen Theorie gelungen sind.

2 Das Meißner Deutsch als mögliche Grundlage der neuhoch- deutschen Schriftsprache

Im Gegensatz zu Burdach, der den Ursprung für die neuhochdeutsche Schriftsprache vor allem in den deutschen Kanzleien und somit in der Schriftlichkeit sah, vertrat Frings die Ansicht, dass sich diese zuallererst in den ostmitteldeutschen Mundarten begründe. In seiner Argumentation beruft er sich vor allem auf Mundartenkarten des ostmitteldeutschen Raumes, anhand derer er Lautregeln ableitet. Aus seinen Untersuchungen schlussfolgert er, dass die ostmitteldeutschen Mundarten und deren Vermischung die Grundlage für die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache bilden. Van der Elst hält Frings’ wichtigste Ausgangspunkte fest, welche die Grundlage seiner Theorie bilden: Dazu gehören:

1. Die besondere Besiedlungsgeschichte des Ostmitteldeutschen […]
2. […] [D]ie Entstehung einer kolonialen Ausgleichssprache […]
3. Die Entstehung einer Geschäfts- und Verkehrssprache […]
4. Der ostmitteldeutsche Raum war die sprachliche Heimat Martin Luthers.[2]

In unseren folgenden Ausführungen wollen wir besonders die genannten Punkte fokussieren, um die Annahme Frings’ nachvollziehbar zu gestalten.

2.1. Zur Bedeutung der ostmitteldeutschen Besiedlungsgeschichte

Die Besiedlung des ostmitteldeutschen Gebietes durch deutschsprachige Kolonisten fand erst zu Beginn des zehnten Jahrhunderts seinen Anfang und erreichte Ende des elften Jahrhunderts seinen Höhepunkt. Zuvor war das Gebiet weitläufig von Slawen besiedelt gewesen, die nach und nach von den Deutschen integriert wurden. Van der Elst bezeichnet drei verschiedene Besiedlungsstufen: Die Ausbaukolonisation wurde vom Adel organisiert, um die eigenen Landesgrenzen zu erweitern. Friedrich I. erwarb einen Großteil des Gebietes zwischen Elster, Pleiße und Mulde durch Auftragskolonisation, indem er Gebiete tauschte oder kaufte beziehungsweise erbte. Schließlich ließen Markgrafen, Adlige und Bischöfe bäuerliche Siedler ihres Altlandes in die neuen Besitztümer übersiedeln, um ihre politische sowie wirtschaftliche Macht auszubauen. Diese Bewegung bezeichnet Van der Elst als Aufrufkolonisation.[3]

Frings geht von insgesamt drei Siedlerströmen aus: einer niederdeutschen Linie Magdeburg- Leipzig, einer mitteldeutschen Erfurt-Leipzig-Brenzlau und schließlich einer oberdeutsch-mainfränkischen Linie Bamberg-Meißen-Dresden.[4] Er nimmt an, dass „[d]ie drei genannten Siedlungsströme […] sich im obersächsischen Raum getroffen und wenigstens teilweise vermischt [hätten], so daß sich aus gegenseitiger Überlagerung und Durchdringung eine neue sprachliche Einheit ergeben konnte.“[5] Angesichts dieser Ausgangslage entstanden so genannte „Staffellandschaften“[6].

Davon ausgehend, dass das Altland dialektal und politisch extrem zersplittert war, nimmt Frings an, dass dort ein kulturelles Zentrum fehlte, welches Ausgangspunkt für die sprachliche Einigung hätte sein können. Das weiträumige, „traditionslose“ östliche Neuland bot demnach einen zentralen sprachlichen Schmelztiegel, in dem eine Mischungs- und Ausgleichsprache entstehen konnte.[7]

2.2. Die Entstehung der kolonialen Ausgleichssprache

Frings folgert anhand der vollzogenen Sprachverflechtungen weiter, dass sich im ostmitteldeutschen Gebiet und besonders um die Mark Meißen herum, eine koloniale Ausgleichssprache gebildet habe. Für diese Entwicklung seien, so Frings, nicht zuletzt politische Aspekte maßgeblich:

Für den Osten und darüber hinaus für die Geschichte der deutschen Sprache war es […] von entscheidender Bedeutung, daß der Raum, in dem sich diese Durchschnittssprache [≙ Ausgleichssprache] bildete, gleichzeitig zum politischen Kräftefeld wuchs. […] Mit der einheitlichen politischen Füllung des obersächsisch-thüringischen Raumes […] war der kolonialen meißnischen Durchschnittssprache seit dem 13. Jahrhundert ein weites mitteldeutsches Entwicklungsfeld gesetzt.[8]

Der nicht zu vernachlässigende Einfluss der Wettiner habe dazu beigetragen, „[…] eine einheitliche sprachliche Großfläche […]“[9] zu bilden. So gelang es den Wettinern im Laufe der Jahrzehnte, das Gebiet der Mark nach Süden zu erweitern und ihre Macht zu stärken. In der Mitte des 14. Jahrhunderts gehörten unter anderem die Landgrafschaft Thüringen und Sachsen sowie das Burggrafentum Altenburg zum wettinischen Territorium. Außerdem erhielten sie die Rechte über die Städte Altenburg, Chemnitz und Zwickau. „Der wachsende Staat der Wettiner, seine politische und kulturelle Kraft wird Mittelpunkt und mittelbar oder unmittelbar Träger und Former des weiten ostmitteldeutschen Raumes […].“[10] Dieser Machtstaat sei natürlich nicht gegenüber äußeren Einflüssen immun. Insbesondere die Handelsverbindungen zum Süden nehmen nach Frings’ Ansicht Einfluss auf die Sprachentwicklung im Machtgebiet der Wettiner.

Festzuhalten bleibt, dass Frings in seiner Theorie von einem Primat der Mündlichkeit ausgeht; was bedeutet, dass sich aus dem Dialektkontakt, welcher durch das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Siedlerströme herbeigeführt wird, zunächst eine mündliche, bäuerliche Ausgleichssprache gebildet hat, welche den Grundstein für die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache legt.

2.3. Die Entstehung einer Geschäfts- und Verkehrssprache

Die koloniale Ausgleichssprache sei, wie Frings behauptet, „Voraussetzung und erste Grundlage der mündlichen Verkehrssprache und der schriftlichen Geschäftssprache des folgenden, ausgehenden Mittelalters.“[11] Diese sei nun Angelegenheit „der Herren und der Städte, der Gebildeten und der mehr oder weniger gebildeten Schreiber.“[12] Mit der Entstehung der Geschäftssprache werde also der Übergang von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit vollzogen. Hiefür sei, wie Van der Elst wiedergibt, „eine Auswahl aus mitteldeutschem und oberdeutschem Sprachgut getroffen [worden] […]“[13], welche angeblich den Grundstein für die neuhochdeutsche Schriftsprache legt. Frings erachtet Meißen als die ideale Umgebung für einen „Ausgleich[] zwischen Süden, Mitte und Norden, danach die Entwicklung, Festigung und Weitung auf geschlossener staatlicher Fläche […].“[14] Als „bedeutsame Kulturachse“[15] eigne sich die Mark Meißen am besten für die sprachliche Einigung. So sei es schließlich auch zur Vermischung mundartlicher Merkmale des Meißnischen und neuer, durch den Handel bedingter Einflüsse aus dem Süden gekommen. Mögliche nördliche Einflüsse wurden somit ausgeschlossen. Anhand der Mundartenkarten machte Frings Eigenschaften des Meißnischen aus, die auch der neuhochdeutschen Hochsprache angehörig sind. Dazu gehören:

[…] die südlich hochdeutschen Pronomina mit –r und –ch, mir mich, dir dich, er, wir, euch; die Bildungen mein liebes Kind und Stückchen, gebrannt und nur, gehen, stehn, i und u in Bruder und lieb, die Diphtonge in Haus und Zeit, die ks- Aussprache in sechs, Ochsen, wachsen, das Endungs -e, z.B. im Dativ Hause, die volle Vorsilbe oder Endung in bestellt, gestohlen, gebrochen, liebes.[16]

Diese ursprünglich mundartlichen Phänomene seien, so Frings, zum Teil später in die Schriftsprache eingegangen. So fand die spätmittelalterliche Verkehrs- und Geschäftssprache bald „Eingang in die Kanzleien, Literatur und frühe Prosa.“[17]

Aus der Geschäfts- und Verkehrssprache des ausgehenden Mittelalters sei schließlich eine obersächsische Umgangssprache entstanden, die eng mit erstgenannter verknüpft sei und ebenfalls auf den Mundarten basiere. Kriegesmann fasst die von Frings angenommenen Entwicklungsetappen folgendermaßen zusammen: „Koloniale Ausgleichs-, spätmittelalterliche Verkehrs- und Geschäftssprache und obersächsische Umgangssprache sind die von Frings entworfenen, chronologisch aufeinander folgenden, sich überlagernden Entwicklungsstufen einer überlandschaftlichen Verkehrssprache“[18].

2.4. Die Bedeutung Luthers

Frings stützt sich in seiner Argumentation auch auf Martin Luther, der seiner Ansicht nach die Kanzleisprache Meißens praktiziert. Luthers allgemeines Ansehen und seine viel gerühmte Sprache hätten dazu beigetragen, dass sich die neue Sprache mehr und mehr verbreitet. „Ein übersehbarer Weg führt von der Sprache der Siedler zur Sprache der Schreiber, zu Luther und zur neuhochdeutschen Schriftsprache.“[19] Demnach liege die Luthersprache in der von Frings proklamierten Ausgleichssprache begründet.

Seine Behauptung basiert wesentlich auf Luthers Ausspruch von 1532:

Ich habe keine gewisse, sonderliche, eigene Sprache im deutschen, sondern brauche der gemeinen deutschen sprache, das mich beide, Ober- und Niederländer verstehen mögen. Ich rede nach der sechsischen cantzley, welcher nachfolgen alle fürsten und könige in Deutschland. Darumb ists auch die gemeinste deutsche sprache […][20]

Luthers Bibelübersetzung habe unter anderem dazu beigetragen, die neuhochdeutsche Schriftsprache zu fördern und das dialektal extrem untergliederte deutsche Sprachgebiet letztlich zu einen.[21]

Die Luthersprache jedoch sei nicht selbst das Vorbild, vielmehr benenne Luther im oben genannten Zitat deren Herkunft. Er selbst habe bereits bestehende Entwicklungstendenzen weitergeführt und somit zur Herausbildung überregionaler Normen beigetragen.[22]

„Martin Luther fasst als einzelner das zusammen, was die Siedlung, der Staat des Neulandes und Leipzig, die überragende Stadt des Neulandes vorbereitet haben.“[23]

[...]


[1] Schieb, Gabrielle über Theodor Frings: http://www.dbnl.org/tekst/_jaa003197101_01/_jaa003197101_01_0006.htm, Zugriff am 27.12.2009, 15:36 Uhr.

[2] Vgl.: Van der Elst 1987, S. 42.

[3] Vgl.: Ebd. S. 44.

[4] Vgl.: Schützeichel: „ Zur Entstehung des neuhochdeutschen Schriftsprache“, S. 240.

[5] Ebd. S. 241.

[6] Van der Elst, S. 46.

[7] Frings 1957, S. 47.

[8] Frings 1936, S: 17.

[9] Ebd. S: 18.

[10] Ebd. S. 4.

[11] Frings: „Einiges Grundsätzliches über den Weg zur deutschen Schriftsprache“, S. 226.

[12] Ebd.

[13] Van der Elst, S. 50.

[14] Frings 1936, S. 21.

[15] Ebd.

[16] Ebd., S. 21f.

[17] Kriegesmann 1990, S: 133.

[18] Ebd.

[19] Frings: „Einiges Grundsätzliches über den Weg zur deutschen Schriftsprache“, S. 227.

[20] Penzl 1984, S: 22.

[21] Besch: „Die Entstehung und Ausformung der neuhochdeutschen Schriftsprache/ Standardsprache“, S.1790.

[22] Hartwig/ Wegera 2005, S. 91.

[23] Frings 1957, S. 44.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Entwicklungen im ostmitteldeutschen Raum als mögliche Grundlage der neuhochdeutschen Schriftsprache
Untertitel
Theodor Frings’ Theorie und ihre Folgen
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V162723
ISBN (eBook)
9783640765911
ISBN (Buch)
9783640766215
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachliche, Entwicklungen, Raum, Grundlage, Schriftsprache, Theodor, Frings’, Theorie, Folgen
Arbeit zitieren
Susann Schrödter (Autor), 2010, Sprachliche Entwicklungen im ostmitteldeutschen Raum als mögliche Grundlage der neuhochdeutschen Schriftsprache , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162723

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