"Lasst uns spielen vor Gott ..." - Liturgie und Leiblichkeit


Essay, 2010

16 Seiten


Leseprobe

INHALT

Ein Wort zuvor

1 Liturgie als kommunikative Zeichenhandlung
Der Mensch ist wesenhaft durch seine Leiblichkeit geprägt
Gottes Heilshandeln spricht den Menschen in seiner Leiblichkeit an
Liturgie ist an sinnlich erfahrbare Zeichen gebunden

2 Liturgie als Spiel menschlicher Freiheit
Leiblichkeit ist Ort der Gottesbegegnung
Spiel, Feier und Tanz sind Ausdruck der menschlichen Freiheit
Im Spielen feiert der Mensch die ihm geschenkte Liebe

3 Plädoyer für eine leibhaftige Liturgie mit allen Sinnen

Ein Wort zuvor

„It’s a celebration“ stand als Motto über dem zwanzigsten Weltjugendtag, der 2005 in Köln stattfand.

Der folgende Beitrag versucht, aus zwei Richtungen zu skizzieren, warum christliche Liturgie notwendigerweise leibbezogen ist. Der erste Zugang begreift Liturgie als kommunikative Zeichenhandlung im dialogischen Heilsgeschehen zwischen Gott und Mensch [1]. Der zweite Zugang betont den Charakter der Liturgie als Spiel und Feier [2].

Beide Perspektiven zusammengenommen, zeigen, dass eine leibhaftige Liturgie, die alle Sinne des Menschen anspricht, nicht vom eigentlichen Geschehen wegführt, sondern vielmehr der Antwort des Menschen auf die Heilszusage Gottes einen ganzmenschlichen Ausdruck zu verleihen vermag [3].

1 Liturgie als kommunikative Zeichenhandlung

Der Mensch ist wesenhaft durch seine Leiblichkeit geprägt

Der Mensch erfährt sich als leib-seelische Einheit in und durch seine intersubjektiven, in der Leiblichkeit erschlossenen Bedingungen. Dieser ursprünglichen Befindlichkeit, in welche der Mensch immer schon eingelassen ist, kann er nicht entfliehen; gleichzeitig vollzieht und bejaht er diese seine Leiblichkeit immer schon, wenn er sich selbst bestimmt und sich in der ihm aufgegeben Freiheit verwirklicht.

Der Leib ist das Realsymbol für den Menschen und seinen Weltbezug. Auf der einen Seite ist der Leib Teil der Welt; mit ihm steht der Mensch in der Welt, gibt seiner selbst Ausdruck und tritt so in Kontakt, in Austausch, in ein Gegenüber mit seiner Umgebung und seinen Mitmenschen. Gleichzeitig ist der Mensch im Leib aber auch bei sich selbst, nimmt durch ihn Eindrücke auf, empfängt Reize, rezipiert seine Umwelt oder fühlt sich dieser ausgeliefert.

Dieser Ambiguität von Leib-Haben und Leib-Sein, von Exzentrizität und leiblicher Zentralität, von Ausdrücken und Empfangen, von Aktivitäts- und Passivitätserfahrung kann der Mensch nicht entfliehen.

Im Leib verwirklicht sich der Mensch, dieser ist für ihn das Medium seiner Kommunikation. Dem Menschen kommt nur zu Bewusstsein, was ihm leiblich widerfährt. Jedes Verstehen beginnt daher im wahrsten Sinne des Wortes mit dem „Be-Greifen“.

Auf der anderen Seite ist für andere nur wahrnehmbar, was der Mensch – bewusst oder unbewusst – auch leibhaftig ausdrückt. Der Mensch kann von daher auch nur unter sinnenhaft erfahrbaren – verbalen wie nonverbalen – Symbolen und Zeichen kommunizieren.

Gottes Heilshandeln spricht den Menschen in seiner Leib­lichkeit an

Auch das Heilshandeln Gottes begegnet dem Menschen leibhaft ver­mittelt. Besonders deutlich wird dies in Jesus Christus: Er ist das „Ur­sakra­­ment“, der Ausdruck der Anwesenheit Gottes in der Welt schlechthin. Aber auch Jesus selbst hat das Heil wiederum an sichtbare Zeichen gebunden, beispielsweise das gemeinsame Mahl mit seinen Jüngern.

Jesus, das eigentliche Mysterium des Heilshandelns Gottes, wirkt in der Gemeinschaft derer fort, die sich von ihm rufen lassen und sich in seinem Namen versammeln. Hier wird die Heilszuwendung Gottes immer wieder von neuem gegenwärtig, sichtbar und aktual wirksam. Zu recht wird daher die Kirche auch als „Grund-“ oder „Wurzelsakrament“ bezeichnet.

Die Feier des Glaubens ist ein kommunikatives Geschehen: Jedes sazerdotale – priesterlich-sakramentale – Tun verwirklicht sich dialogisch: von Gott her zum Menschen hin und vom Menschen her zu Gott hin.

In diesem dialogischen Geschehen – Aktualisierung des zwischen Gott und Mensch bestehen­den Bundes – kommt dem katabatisch-soterischen Aspekt eine existentielle Priorität vor dem anabatisch-latreutischen Aspekt zu: Es ist Gott, der sich zuerst dem Menschen zuwendet und diesen anruft – in der Schöpfung, in der gemeinsamen Heilsgeschichte wie auch in der persönlichen Lebensgeschichte eines jeden Einzelnen.

Der Mensch findet sich in einem Verhältnis zu dem Gott vor, der sich bereits immer schon zu ihm in Beziehung gesetzt hat: in einem Verhältnis, zu dem sich der Mensch in der ihm von Gott geschenkten und aufgegebenen Freiheit – so oder so – verhalten kann. Erst der so von Gott angesprochene und begnadete Mensch vermag in Lob und Dank, Bitte und auch Klage darauf zu antworten: Feier des Glaubens ist Wort und Antwort zugleich.

Wenn Christen sich zur Liturgie versammeln, kommt schließlich noch ein dritter Aspekt ins Spiel: deren diabatisch-gemeinschaftlicher Feier­charakter. Dieser drückt sich in den Kommunikationsbeziehungen zwi­schen Gemeinde und Vorsteher (z. B. bei der Begrüßung) sowie der ein­zel­nen Glieder der Gemeinde untereinander (z. B. beim Friedensgruß) aus.

Liturgie ist an sinnlich erfahrbare Zeichen gebunden

Kommunikation ist für den Menschen, der wesenhaft durch seine Leiblichkeit geprägt ist, an sinnlich erfahrbare Zeichen und Symbole gebunden. Diese sind auch für die Liturgie konstitutiv. Denn nur durch Zeichen vermag der Mensch mit dem Heil in Berührung zu kommen. Nur auf bedingte, also symbolisch vermittelte Weise, kann er mangels seiner geschöpflichen Unfähigkeit zum Unbedingten das göttliche Heil ergreifen und sich aneignen. Im liturgischen Ritual wird der Körper zum symbolischen Aus­drucks- und Kommunikationsmedium, das Anwesen­heit und Gemein­schaft vermittelt. Deshalb kommt Körperhandlungen immer ein subjekt­über­greifender Charakter zu.

Liturgie ist dabei ein vielfältiger Kosmos aus verbalen und non­verbalen Ausdrucksformen: Lesung und Gebet, Zeichenhandlungen und Körper­haltungen, Tanz und Bewegung, Ort und Zeit der Feier, Gestik und Mi­mik, Musik und Stille, um nur einige Beispiele zu nennen. Die litur­gischen Zeichen wollen den ganzen Menschen ansprechen und mit all seinen Sinnen in die Feier einbeziehen. Adressat von Gottes Heilshandeln ist der wesenhaft durch seine Leiblichkeit bestimmte Mensch.

Liturgie, die sich an die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen gebunden weiß, sieht sich stets vor den Anspruch des Heute gestellt. Dadurch ist sie immer neu – unter Wahrung der unaufgebbaren Sinngestalt – zur kontextuellen Ausgestaltung ihrer Feierform auf­gerufen. Was uns mit den früheren Generationen der Glaubenden verbindet, ist die Erfüllung des Auftrages Jesu Christi: die Feier seines Paschamysteriums. Seinen Tod und seine Auferstehung zu verkünden und seine Liebe zu bezeugen, ist der Kern jeder christlichen Liturgie. Das in historisch und kulturell verständlichen Zeichen zu tun, heißt die Tradition wirklich wahren.

Der Aufruf „Liturgia semper reformanda“ öffnet daher das Tor, immer wieder neue Zeichen und Zeichenhandlungen zu entwickeln, die den Glauben und die Identität der gegenwärtig Glaubenden zum Ausdruck bringen können. Allerdings bleiben diese gebunden, an die grund­legenden und tradierten Strukturmerkmale liturgischen Handelns.

Denn nicht alle Zeichen in der Liturgie sind gleichrangig. Das grundlegende Zeichen ist die Gemeinde selbst, die sich zur Liturgie versammelt. Die Gemeinde ist als Ganze „Subjekt und Trägerin“ der Liturgie und stellt die erste Gegenwartsweise Christi in der liturgischen Feier dar: Liturgie ist ein dynamischer Prozess, der seinen Ausgangspunkt darin hat, dass die von Gott Gerufenen zusammen­kommen. Eine hervorragende Bedeutung kommt überdies dem Wort (vor allem in der Verkündigung und Ausdeutung des Gotteswortes sowie in Gesang und Gebet) und den sakramentalen Zeichenhandlungen zu.

Echte liturgische Zeichen sollen eine gemeinschaftliche Feier ermöglichen, wahrhaftig sein und das zum Ausdruck bringen, was in der Feier tatsächlich geschieht. Dabei stehen nicht so sehr einzelne Zeichen und Elemente im Vordergrund. Vielmehr kommt der gesamten Liturgie eine Zeichenhaftigkeit zu. Einer mystagogischen Liturgie, die durch ihre ganze Gestaltung vom Wesentlichen des Christseins erfüllt ist, kann es gelingen, bereits im rechten Feiern deutlich spürbar und erfahrbar zu machen, was gefeiert wird.

Dass eine solchen Liturgie nicht ohne das Ideal zu denken ist, dass die Feier des Glaubens und das Leben der Feiernden einander entsprechen sollten, bleibt ein steter Aufruf an die Gemeinde zur Umkehr und zur Selbstprüfung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"Lasst uns spielen vor Gott ..." - Liturgie und Leiblichkeit
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V162853
ISBN (eBook)
9783640771585
ISBN (Buch)
9783640771776
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liturgie, Leiblichkeit, Kommunikation, Spiel
Arbeit zitieren
Axel Bernd Kunze (Autor:in), 2010, "Lasst uns spielen vor Gott ..." - Liturgie und Leiblichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162853

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