Der Flughafen Oberpfaffenhofen

Der Einfluss des Flughafens auf die Entwicklung der umliegenden Gemeinden


Examensarbeit, 2008

84 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

1. Die Nachbargemeinden des Flughafens Oberpfaffenhofen
1.1 Die Gemeinde Gilching
1.2 Die Gemeinde Weßling
1.3 Oberpfaffenhofen

2. Voraussetzungen für den Bau des Flughafens Oberpfaffenhofen
2.1 Rüstungsplanungen im Dritten Reich
2.2 Aufbau der Luftwaffe
2.3 Standortfaktoren für Oberpfaffenhofen

3. Geschichte des Flughafens Oberpfaffenhofen
3.1 Die Gründung des Werks
3.2 Der Flughafen im Dritten Reich
3.3 Der Flughafen unter amerikanischer Besatzung
3.4 Dornierwerk wird amerikanische Manöverbasis
3.5 Nach der Rückgabe an Dornier bis heute

4. Die Beziehungen zwischen dem Flughafen Oberpfaffenhofen und den umliegenden Gemeinden
4.1 Der Flughafen als Arbeitgeber
4.2 Auswirkungen auf die Sozialstruktur der Gemeinden
4.2.1 Der Zuzug von Arbeitern
4.2.2 Bereiche mit erkennbaren Veränderungen
4.3 Wohnungsbau und Baulandentwicklung
4.3.1 Der Bau der Dorniersiedlung
4.3.2 Entwicklung der Miet- und Grundstückspreise in der Gemeinde Gilching
4.4. Beeinflussung der Bevölkerung in den Gemeinden durch die amerikanische Präsenz
4.4.1 Beschlagnahmung der Gilchinger Dorniersiedlung
4.4.2 Wirbel um Erweiterungsflächen in Weßling

5. Der geplante Ausbau des Flughafens Oberpfaffenhofen
5.1 Änderungen der Nutzungsregelung für den Flughafen
5.2 EDMO beantragt den Ausbau des Flughafens
5.3 Der Planfeststellungsbeschluss
5.4 Das Landesentwicklungsprogramm
5.5 Antrag der EDMO auf Ergänzung der luftrechtlichen Genehmigung
5.5.1 Reaktionen seitens der Bevölkerung auf den Antrag
5.5.2 Reaktionen seitens der Politiker auf den Antrag
5.6 Satzung der Bürgerinitiative Fluglärm Gilching e.V

6. Die Flughäfen Fürstenfeldbruck und Jesenwang und deren Auswirkungen auf ihre Nachbargemeinden
6.1 Der Flughafen Fürstenfeldbruck
6.1.1 Truppenreduzierung der Bundeswehr und daraus resultierende Probleme für die Stadt und den Landkreis Fürstenfeldbruck
6.2 Der Flughafen Jesenwang
6.2.1 Bürgervereinigung gegen den Fluglärm

7. Stellenwert des Flughafens Oberpfaffenhofen für den High-Tech Standort Bayern
7.1 Bedeutung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR)

8. Zusammenfassung

9. Anhang

10. Quellen und Literatur

11. Bildquellenverzeichnis

Einleitung:

Als Einwohner der Gemeinde Gilching ist es unvorstellbar nicht mit der Problematik um den angestrebten Ausbau des Flughafens Oberpfaffenhofen und den möglichen daraus resultierenden Folgen für die Region konfrontiert zu werden. Beinahe täglich erscheinen darüber Artikel in den örtlichen Tageszeitungen. Flugblätter und Plakate weisen auf Informationsveranstaltungen und Podiumsdiskussionen über die Zukunft des Flughafens Oberpfaffenhofen hin. Viele befürchten, dass der Flughafenausbau die Lebensqualität in unserer Gemeinde verschlechtern wird. Die Tatsache aber, dass der Flughafen bereits seit seiner Gründung im Jahr 1936 Einfluss auf die ihn umgebenden Gemeinden ausübt, wird oft übersehen. Darum versuche ich in der folgenden Arbeit darzustellen, welche Bedeutung der Flughafen Oberpfaffenhofen für die umliegenden Gemeinden Gilching und Weßling hatte und welchen Einfluss er auf die Entwicklung dieser Gemeinden nahm. In Hinblick auf den geplanten Ausbau des Flughafens werden auch zukünftige Entwicklungen und Auswirkungen, teils in der Prognose, angesprochen.

Eine bereits erschienene Arbeit in Bezug auf diese Fragestellungen sucht man vergeblich. Der Flughafen Oberpfaffenhofen spielt in der bisherigen Forschung nur insofern eine Rolle, soweit technische Aspekte der Luft- und Raumfahrt behandelt werden. Aus diesem Grund beschränkt sich die von mir herangezogene Literatur zur Fragestellung auf die Ortschroniken der Gemeinde Gilching „Wie es in Gilching war“ von Rudolf Schicht und „Ailtoahing + Arnisesriet“ von Peter John, sowie seitens der Gemeinde Weßling auf die Ortschronik „Weßling, Oberpfaffenhofen, Hochstadt“ von Hans Lampl. Die Literatur zum Flughafen selbst ist mit der von der Firma Dornier herausgegebenen „Dornier Post. Zahlen und Fakten.“ und der zum 50-jährigen Bestehen des Flughafens Oberpfaffenhofen erschienenen Broschüre „Werksflugplatz Oberpfaffenhofen seit 50 Jahren in Betrieb“ von Werner Kleebauer, bereits ausgeschöpft. Eine Vielzahl von Publikationen findet sich hingegen zu dem am Anfang meiner Arbeit behandelten Punkt der Rüstungsplanungen im Dritten Reich. Stellvertretend sei hierzu die Arbeit von Jürgen Stelzner „Arbeitsbeschaffung und Wiederaufrüstung 1933-1936“ genannt.

Ganz im Gegensatz zur sehr mageren Behandlung der Fragestellung in der Forschungsliteratur, ist die Quellenlage für die in der vorliegenden Arbeit behandelten Aspekte mehr als ausreichend. Die in die Arbeit eingeflossenen Erkenntnisse beziehen

sich auf Unterlagen zahlreicher Archive. Mit dem Archiv der EDMO, dem Archiv der EADS, dem Archiv der Gemeinde Gilching, dem Archiv des Luftamts München und dem Staatsarchiv München sind an dieser Stelle nur die, für die Fragestellung der Arbeit, wichtigsten genannt. Besonders angewiesen war ich auf die Zuhilfenahme der Zeitungen Starnberger Merkur, Süddeutsche Zeitung, Kreisbote und Parsberg Echo. Deren über die letzten Jahre hinweg erschienene Artikel in Bezug auf den Flughafen Oberpfaffenhofen einen großen Fundus an Informationen darstellen. Auch die Internetseiten der auf dem Flughafengelände in Oberpfaffenhofen angesiedelten Unternehmen, die Internetseiten betreffend den Flughafen Jesenwang und die Internetseiten der Bürgerinitiativen wurden von mir herangezogen. Die mit in die Arbeit eingeflossenen mündlichen Kommentare von Rudolf Schicht, Thomas Hindelang und Dieter Belschner können in ihrem Wahrheitsgehalt, auf Grund des Fehlens schriftlicher Quellen, nicht überprüft werden.

Am Anfang der Arbeit werden zunächst die behandelten Gemeinden Gilching und Weßling vorgestellt. Die geschichtliche Entwicklung, sowie die charakteristischen Eigenheiten der Gemeinden werden thematisiert. Punkt zwei der Arbeit behandelt die entscheidenden Voraussetzungen für den Bau des Flughafens in Oberpfaffenhofen. Daran anschließend erfolgt ein Überblick über die Geschichte des Flughafens Oberpfaffenhofen. In einem Zeitraum von über 70 Jahren, von der Gründung des Werks bis heute, werden in diesem Abschnitt die jeweiligen Besitzer des Geländes und deren Nutzung des Flughafens behandelt. Die Punkte vier und fünf bilden gemeinsam den Hauptteil der vorliegenden Arbeit. In mehreren Unterpunkten werden zunächst die Beziehungen zwischen dem Flughafen Oberpfaffenhofen und den umliegenden Gemeinden in der Vergangenheit untersucht. Dabei werden Bereiche angesprochen, in denen der Flughafen nachweislich Einfluss auf die Entwicklung der Gemeinden nahm. In Punkt fünf hingegen werden der geplante Ausbau des Flughafens, die dazu bereits vorgenommenen Schritte des Betreibers und der Bayerischen Staatsregierung, die Auswirkungen des Ausbaus in der Prognose und die Reaktionen darauf seitens der Bevölkerung, besonders die Aktivitäten der Bürgerinitiativen, behandelt. Die letzten beiden Punkte der Arbeit dienen dazu, die untersuchte Fragestellung aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Hierzu werden in Punkt sechs die Flughäfen Fürstenfeldbruck und Jesenwang hinsichtlich ihrer Nutzung und der Art und Weise wie

sie Einfluss auf ihre Nachbargemeinden nehmen, untersucht. Die dort vorgefundenen Probleme aber auch Lösungen könnten auch für die Beziehungen zwischen den Gemeinden Gilching und Weßling und dem Flughafen Oberpfaffenhofen von Bedeutung sein. Im siebten Punkt der vorliegenden Arbeit wird der immer wieder vorgebrachte Stellenwert des Flughafens Oberpfaffenhofen für den High-Tech Standort Bayern untersucht und bewertet. Für die umliegenden Gemeinden ist dies insofern von Bedeutung, da sich Oberpfaffenhofen in dieser Hinsicht in ein Objekt von nationalen, sogar internationalen Interesse wandelt. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse und einem Ausblick auf die wahrscheinliche zukünftige Entwicklung des Flughafens Oberpfaffenhofen.

1. Die Nachbargemeinden des Flughafens Oberpfaffenhofen

Der Flughafen Oberpfaffenhofen befindet sich im nördlichsten Teil des Landkreises Starnberg. Die Gemeinde Gilching grenzt im Nordosten, die Gemeinde Weßling im Südwesten direkt an das Flughafengelände an. Der Flughafen steht zum größten Teil auf dem Gebiet der Gemeinde Weßling bzw. dem Ortsteil Oberpfaffenhofen und trägt deshalb auch den Namen Flughafen Oberpfaffenhofen. Weitere Teile der Flächen gehören den Gemeinden Gilching, Krailling und Gauting. Zu den letzt genannten Gemeinden Krailling und Gauting gehören nur geringe Teile des Flughafengeländes, zumeist Wald- und Ackerflächen, während die Gemeinde Gilching und die Gemeinde Weßling mit ihrem bebauten Gebiet direkt an den Flughafen angrenzen. Darum wird sich diese Arbeit auch nur auf die Beziehungen zwischen dem Flughafen und den Gemeinden Gilching und Weßling beschäftigen.

1.1 Die Gemeinde Gilching

Gilching liegt geographisch auf 48 Grad und 7 Minuten nördlicher Breite und 11 Grad und 18 Minuten östlicher Länge. Der Mittelpunkt des bebauten Gebietes befindet sich in etwa auf Höhe des Bahnhofes Gilching-Argelsried. Es wird angenommen, dass das Gebiet der heutigen Gemeinde Gilching bereits um 2000 v. Chr. besiedelt war. Spätneolithische Höckergräber am Gilchinger Steinberg belegen dies. Um 450 v. Chr. wanderte der keltische Stamm der Cattenaten in das Gebiet ein und gründete das etwa 1 km nordwestlich von Gilching gelegene Ambre, das heutige Schöngeising. Im Jahr 15 v. Chr. gelangten die römischen Legionen unter Tiberius über die Alpen und errichteten die Provinz Raetien. Zeugen der römischen Besiedlung sind eine römische Siedlung im Ortsteil St. Gilgen und zwei römische Gutshöfe nahe Steinlach im Norden Gilchings. Als die germanisch-bajuwarischen Nachfolger der Römer den Gilchinger Raum besiedelten, benannten sie ihren Ort nach ihrem Sippenältesten Giltico Kitoahinga ( = bei den Leuten

des Giltico). Der Name wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte von Kiltoahinga zu Kiltrahing, Gulching, Guiching bis zum heutigen Gilching. Erstmals urkundlich erwähnt

und dadurch schriftlich nachweisbar ist der Ort Gilching in einer Schenkungsurkunde des Klosters Schlehdorf aus dem Jahr 804 n. Chr.[1]

Das Dorf Gilching war bis zum Bau der Eisenbahnlinie München-Herrsching im Jahr 1903 ein unscheinbares Bauerndörfchen, mit etwa 600 Einwohnern. Zum Dorf gehörten bereits die Ortschaft St. Gilgen, die Weiler Rottenried und Steinlach und die Einöden Wiesmath und Kosthof. Im Jahr 1978 kamen im Zuge der kommunalen Gebietsreform, die bis dato selbstständigen Gemeinden Argelsried und Geisenbrunn hinzu. Durch den Zuzug von Facharbeitern des im Jahr 1936 gebauten Flughafens Oberpfaffenhofen stiegen die Einwohnerzahlen Gilchings erstmals überdurchschnittlich an. Nach dem Krieg kam es auf Grund des Zuzuges ausgebombter Städter, Vertriebener aus den Ostgebieten und Arbeitnehmern, die auf dem von der amerikanischen Luftwaffe besetzten Flughafen Oberpfaffenhofen Beschäftigung fanden, zu einem rapiden Anstieg der Einwohnerzahlen. Durch das Bestreben vieler Städter ein Häuschen im Grünen zu haben, steigt die Einwohnerzahl bis heute an. Die Gemeinde Gilching hat momentan 18.255 Einwohner und ist damit, von den Einwohnerzahlen her betrachtet, die zweitgrößte Gemeinde des Landkreises Starnberg.[2]

Der Charakter der Gemeinde Gilching änderte sich in den letzten 50 Jahren von einem stark landwirtschaftlich geprägten Dorf zu einer fast schon städtischen Atmosphäre, die sich aber dennoch einen großen Teil ihrer Ursprünglichkeit bewahrt hat. Auf Grund seiner Lage bietet Gilching die Möglichkeit die Erholung in der Natur des Fünfseenlandes mit den Vorteilen der Nähe zum etwa 20 km entfernten München zu verbinden. Dank des direkten Anschlusses an die Autobahn A6 München-Lindau, sowie an das Münchner S-Bahnnetz, verfügt Gilching über eine sehr gute Verkehrsanbindung. Durch den Bau des neuen Industriegebietes Süd verfügt Gilching über zwei Industriegebiete in denen zahlreiche klein- und mittelständische Unternehmen angesiedelt sind. Entlang der Römerstraße, der Sonnenstraße und des Starnberger Wegs

befinden sich zahlreiche Betriebe des Einzelhandels. Im Jahr 2005 entstand das neue Gilchinger Ortszentrum am Marktplatz, das sowohl Gaststädten und Geschäfte beherbergt, als auch das neue kulturelle Zentrum der Gemeinde darstellt. Zudem verfügt Gilching über die höchste Ärzte-, Kindergarten- und Schuldichte in Bayern.[3]

1.2 Die Gemeinde Weßling

Die Gemeinde Weßling liegt geographisch auf 48 Grad und 5 Minuten nördlicher Breite und 11 Grad und 15 Minuten östlicher Länge. Bekannt ist, dass sich um etwa 500 v. Chr. die erste keltische Siedlung am Ufer des Weßlinger Sees befand. Im Mittelalter gehörte Weßling zunächst zur Grafschaft der Andechser. Nach dem Aussterben des Geschlechts der Andechser im Jahr 1248 gelangte Weßling in den Besitz der Grafen von Seefeld. Im Jahr 1848 erfolgte die Auflösung der Hofmarken und die Seefelder Grafen verloren ihre Ansprüche auf die Ortschaft Weßling. Wohl bereits im Mittelalter gehörten die Siedlungen Grünsink, Mischenried und Weichselbaum zum Ort. Die ehemals eigenständigen Ortschaften Oberpfaffenhofen und Hochstadt kamen 1972 als neue Ortsteile hinzu. Das Zentrum des Ortes bildete stets der Weßlinger See, der kleinste der fünf Seen des Fünfseenlandes. Auch die heutige Bebauung zieht sich wie ein Kreis um ihn herum. Wie in der Nachbargemeinde Gilching, so bedeutete auch für Weßling die Errichtung der Bahnverbindung München-Herrsching einen bedeutenden Einschnitt in die Entwicklung des Ortes. Das ebenfalls landwirtschaftlich geprägte Weßling wurde schnell von Sommerfrischlern aus München entdeckt und es entstanden einige Villen und Wochenendhäuschen am Ufer des Sees. Zahlreiche Künstler leben und lebten in der Gemeinde, unter anderem Pierre-Auguste Renoir, weshalb sich Weßling bis heute den Ruf als Künstlerdorf bewahrt.[4]

Der Bau des Flughafens in Oberpfaffenhofen hatte für die Gemeinde Weßling ähnliche Auswirkungen wie für Gilching. Die Einwohnerzahlen stiegen, wenn auch nicht so rapide wie in Gilching, in die Höhe. Auch die weitere Entwicklung der Einwohnerzahlen zeigt, dass zwar Zuzüge zu verzeichnen sind, jedoch in einem weitaus geringeren Umfang als in Gilching. Die heutige Einwohnerzahl der Gemeinde Weßling beläuft sich zusammen mit den Ortsteilen Oberpfaffenhofen und Hochstadt auf 5.143 Einwohner.[5] Ursache dafür ist eine andere generelle Entwicklung der Gemeinde Weßling. Der entscheidende wirtschaftliche Faktor Weßlings war und ist der Tourismus und Fremdenverkehr. Handwerkliche Betriebe, Dienstleistungsgewerbe und Einzelhandel findet man in Weßling, im Vergleich zu anderen Gemeinden dieser Größe, nur selten. Industrie ist in Weßling, abgesehen vom Flughafen Oberpfaffenhofen und der

DLR, erst seit dem Bau des Industriegebietes nördlich von Oberpfaffenhofen im Jahr 2004 vorhanden. Hingegen gibt es in der Gemeinde eine Vielzahl von Gaststädten, Cafes, Hotels, Pensionen und sogar zwei Kunstgalerien. Dahingehend ist es nachvollziehbar, dass sich die Gemeinde Weßling einem geplanten Ausbau des Flughafens Oberpfaffenhofen und einer daraus resultierenden verstärkten Lärmbelästigung energischer entgegenstellt, als die Gemeinde Gilching.

1.3 Oberpfaffenhofen

Der Ort Oberpfaffenhofen liegt etwa 1 km nördlich der Gemeinde Weßling und wurde 1972 in die Gemeinde Weßling eingemeindet. Vor dem Bau des Flughafens im Jahr 1936 bestand der Ort lediglich aus sechs Höfen, einer Kirche und einem Wirtshaus und zählte 42 Einwohner.[6] Es hat fast den Anschein, dass sich seit dem Bau des Flughafens, der den Namen des Ortes so bekannt werden lies, in Oberpfaffenhofen bis heute nicht viel verändert hat. Zwar ist die Einwohnerzahl auf momentan 211 Personen gestiegen, der Ort ist aber bis heute ein sehr idyllisches landwirtschaftlich geprägtes Bauerndorf.[7] Es erscheint schon paradox, dass dieses Bauerndorf der Namensgeber für einen Standort ist, den man weltweit mit High-Tech assoziiert und von dem aus die europäischen Weltraummissionen gesteuert werden.

2. Voraussetzungen für den Bau des Flughafens Oberpfaffenhofen

Im Jahr 1935 entschieden die Rüstungsstrategen der Reichsluftwaffe, dass in Oberpfaffenhofen durch die Firma Dornier ein Werk zur Produktion von Kampfflugzeugen entstehen sollte. Warum man dieses Werk benötigte und weshalb es ausgerechnet in Oberpfaffenhofen errichtet wurde, wird in den folgenden Punkten veranschaulicht.

2.1 Rüstungsplanungen im Dritten Reich

Als Folge des verlorenen Krieges wurde Deutschland gezwungen seine Streitkräfte quantitativ und qualitativ herab zu setzten. Durch den Versailler Vertrag wurden alle Einzelheiten geregelt die eine Demobilisierung, die Auslieferung von Kriegsmaterial und die noch erlaubte Ausstattung an Bewaffnung, Munition und Ausrüstung betrafen.[8] Schon bevor Deutschland am 8. September 1926 Mitglied des Völkerbundes geworden war, zielten seine außenpolitischen Aktivitäten darauf ab eine Gleichheit des militärischen Rüstungsstandes mit den anderen Ländern zu erreichen. Das bedeutete entweder einen Nachvollzug der Abrüstung Deutschlands durch die anderen Staaten oder – unter Hinweis auf Artikel 16 der Völkerbundsatzung, der ein gemeinsames Vorgehen gegen feindliche Staaten vorsah – Angleichung der deutschen Rüstung an die des Auslandes. Da der Weg einer Sicherheits- und Verständigungspolitik Deutschland näher an die Siegermächte brachte und der Einzug Deutschlands in den Völkerbund ein beiderseitiges Begehren wurde, konnte diese Forderung der Vertragsrevision nicht mehr ohne weiteres abgetan werden.[9] In der Genfer Fünf-Mächte-Vereinbarung vom 11. Dezember 1932 zur Gleichberechtigungs- und Abrüstungsfrage wurde die deutsche Gleichberechtigung als Grundsatz für weitere Abrüstungsverhandlungen anerkannt. Reichskanzler Heinrich Brüning war fest entschlossen die Verhandlungen bei Verweigerung der prinzipiellen Anerkennung zu verlassen und als Alternative die Aufrüstung Deutschlands zu veranlassen. Hitler schlug genau diese Alternative am

14. Oktober 1933 ein und beschloss, die Abrüstungskonferenz zu verlassen. Gleichzeitig beschloss die Reichsregierung den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund am 19. Oktober 1933. Hitler sah im Verhalten der anderen Staaten eine Verletzung der Vereinbarungen und konnte das Fehlschlagen der Abrüstungsbemühungen zum Anlass nehmen, auf seine Art die geforderte Gleichberechtigung zu verwirklichen.[10]

In den sogenannten Vierjahresplänen wurde der Auf- und Ausbau der Rüstungswirtschaft geregelt. Zunächst erfolgte eine Umstellung und Umstrukturierung bereits bestehender Betriebe auf die Produktion von Rüstungsgütern. So wurden beispielsweise Unternehmen wie MAN, BMW und Zündapp, die in der Zivilproduktion tätig waren, dazu veranlasst sich intensiv der Rüstungsfertigung zuzuwenden. Auch die Firma Dornier gehört in diese Gruppe der bereits bestehenden Unternehmen und hatte nun ihre Zielsetzung hauptsächlich auf die Produktion von Kriegsflugzeugen zu richten. In einem zweiten Schritt entstanden neue Unternehmen, die sich ausschließlich mit der Produktion von Rüstungsgütern beschäftigten. So zum Beispiel die Messerschmitt AG, die zum führenden Flugzeughersteller des Reiches wurde.[11]

Neben den Rüstungsplanungen vollzog sich eine Erweiterung der Truppenstärke. Die bereits bestehende und im Vertrag von Versailles zugestandene Truppenstärke von 100.000 Mann wurde nach dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund deutlich angehoben. Betrug die Heeresstärke am 1.10.1932, also zu dem Zeitpunkt an dem sich Deutschland noch an die Genfer Fünf-Mächte-Vereinbarungen hielt, noch 100.000 Mann, so wuchs ihre Stärke bereits bis zum 1.10.1934 auf 240.000 Mann an. Am 16. März 1935 wurden der Aufbau einer deutschen Wehrmacht und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht verkündet.[12]

2.2 Aufbau der Luftwaffe

Artikel 198 des Versailler Vertrages schrieb vor, dass Deutschland keinerlei Luftstreitkräfte als Teil seines Heereswesens besitzen durfte. Das bedeutete, dass Heer und Marine zwar über Flugzeuge verfügen durften, allerdings nur zu Transport- und Aufklärungszwecken. Eine selbstständige Luftwaffe, welche zu Kriegszwecken eingesetzt werden konnte, durfte nicht unterhalten werden. Genau das sahen aber die Planungen der Reichsregierung im Juni 1933 vor. Bis zum Herbst 1935 sollten sechs Jagdstaffeln und neun Bomberverbände, im Ganzen rund 600 Flugzeuge, einsatzfähig sein. Wegen der in keiner Weise ausreichenden personellen und materiellen Rüstungssituation, musste dieses Programm aus Kostengründen zunächst abgebrochen werden. Nach dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund am 19. Oktober 1933 änderte sich diese Situation. Bereits am 15. November 1933 konnte der Chef des Wehrmachtsamtes im Reichsverteidigungsministerium, Michael von Reichenau, auf Grund des geänderten Haushaltsplanes der Reichsregierung eine neue Planung vorlegen, die bis zum 30. September 1935 die Beschaffung von 4021 Flugzeugen, darunter knapp die Hälfte Kampfflugzeuge, vorsah. Bis zum März 1935 wurden die Planungen geheim gehalten, d.h. die Ausbildung der Piloten und die Fertigstellung der Maschinen in den Rüstungsbetrieben mussten im Verborgenen stattfinden. Erst mit der Zusammenlegung der geheimen Fliegertruppe von Reichsheer und Marine und der Enttarnung am 12. März 1935, bekannte sich die Reichsregierung offiziell dazu eine separate Luftwaffe aufgestellt zu haben. Die zum dritten Wehrmachtsteil ernannte Luftwaffe bestand zu diesem Zeitpunkt bereits aus 900 Offizieren und 10.000 Unteroffizieren und Mannschaften. Die der Luftwaffe zugeordnete Flakartillerie umfasste 200 Offiziere und 7.000 Unteroffiziere und Mannschaften. Der Bestand an Frontflugzeugen erreichte im Herbst 1935 rund 1.800 Maschinen, womit das Planziel etwa erreicht und die erste Planungsphase abgeschlossen war. Bis zum 1. April 1936 wurde diese Zahl, in der zweiten Planungsphase, auf 2680 Flugzeuge aufgestockt. Hitler verfügte somit innerhalb von zweieinhalb Jahren über eine schlagkräftige Luftwaffe.[13]

2.3 Standortfaktoren für Oberpfaffenhofen

Die Landschaft im nördlichen Teil des Landkreises Starnberg ist von der Riß-Eiszeit geprägt. Die Gletscher schoben sich bis in das Gebiet der Gemeinde Gilching und hinterließen dort mit dem Germannsberg, dem Steinberg, dem Parsberg und dem Ölberg eine Endmoränenlandschaft. Auf den Böden im Gebiet zwischen den Endmoränen und nördlich des Starnberger Sees, ließ der Gletscher eine zwischen 15 und 50 Metern dicke Kiesschicht zurück. Diese geologische Eigenschaft war zusammen mit einer großen, relativ ebenen Fläche zwischen Gilching und Oberpfaffenhofen eine der Voraussetzungen für den Bau des Dornierwerkes, da sie sich für den Bau von Start- und Landebahnen eines Flughafens geradezu anbot. Diese Fläche war zudem wegen ihrer Kiesböden für eine landwirtschaftliche Nutzung wenig interessant und nicht bebaut.[14]

Der zweite und entscheidende Faktor war, dass die damaligen Planer ihre neuen Rüstungsunternehmen an einer Stelle in Deutschland errichteten, die ihnen im Kriegsfall relativ geschützt und sicher vor feindlichen Angriffen zu sein schien. Bayern, besonders Oberbayern, eignete sich dazu besonders, da hier keine Grenze zu einem möglichen Kriegsgegner vorhanden ist. Die zahlreichen Rüstungsbetriebe und die für die Versorgung der Truppen im Kriegsfall wichtigen Standorte, wie etwa das Benzinreservelager der Wehrmacht in Krailling, verdeutlichen das.

Ein weiterer für den Standort Oberpfaffenhofen sprechender Aspekt, war die Anbindung an das bereits vorhandene Schienennetz München-Herrsching. Mittels der Bahn konnten schnell und problemlos Flugzeugteile aus dem ebenfalls neu gebauten Dornierwerk in Neuaubing zur Endmontage nach Oberpfaffenhofen gebracht werden. Auch die benötigten Arbeiter konnten zunächst noch in den Gemeinden entlang der Bahnlinie untergebracht werden, was die Kosten für den Bau von Unterkünften zunächst ersparte. Erst 1938 sah man sich auf Grund der immer zunehmenderen Zahl von Arbeitern dazu veranlasst, in Gilching die sogenannte Dorniersiedlung zu bauen.[15]

3.Geschichte des Flughafens Oberpfaffenhofen

Das Jahr 2006 war nicht nur eines der turbulentesten Jahre in Hinblick auf die zukünftige Entwicklung und Nutzung des Flughafens Oberpfaffenhofen, man feierte zudem das mittlerweile 70-jährige Bestehen des Werkes. Somit gilt Oberpfaffenhofen als der älteste, am selben Standort gelegene Flughafen Bayerns.

3.1 Die Gründung des Werks

Die Geschichte des Flughafens begann 1935 mit dem Kauf eines ca. 145 ha großen Gebietes in der Nähe des Dorfes Oberpfaffenhofen durch die in Friedrichshafen am Bodensee ansässige Firma Dornier. Die Rüstungsstrategen der Reichsluftwaffe entschieden, dass Dornier ein neues Werk für den Bau der neu entworfenen Do17 Bomber im Süden von München errichten sollte. Am 1.7.1936 genehmigte das Luftamt München als zuständige Instanz den Antrag auf den Bau des Flughafens samt dem dazugehörenden Produktionswerk für die Do17. Dies war allerdings nur noch ein formeller Akt, da die Entscheidung zum Bau des Werkes, sowie der Kauf der dazu benötigten Flächen, bereits zuvor vollzogen waren. Grundsteinlegung feierte man am 16.7.1936. Es entstanden während der ersten Bauphase eine Montagehalle, eine Flugzeughalle, Verwaltungsgebäude, der Anschluss an das Schienennetz München-Herrsching, das werkseigene Feuerwehrhaus und natürlich eine Start- und Landebahn. Am 12.11.1936 wurde ebenfalls durch das Luftamt München die Eröffnung des vollen und uneingeschränkten Flugbetriebs für die Dornier GmbH in Oberpfaffenhofen bekannt gegeben (Abb. 12). In der darauffolgenden zweiten Bauphase bis September 1937 erweiterte man den Flughafen. Neben einer Flugzeugreparaturwerft und einer weiteren Montagehalle, entstanden eine eigene Brunnenanlage, sowie der Bahnhof Weichselbaum vor den Toren des Werks.[16] Im Oktober 1937 siedelte sich die Forschungseinrichtung Flugfunk Forschungsinstitut Oberpfaffenhofen (FFO) im westlichen Teil des Werksgeländes an. Die FFO war eine juristisch selbstständige Forschungseinrichtung, die mit dem Dornierwerk, bis auf eine vereinbarte gemeinsame Nutzung der Start- und Landebahn, nichts zu tun hatte.[17]

3.2 Der Flughafen im Dritten Reich

Zu den Aufgaben des Werkes Oberpfaffenhofen gehörte neben dem Bau des erstmals im spanischen Bürgerkrieg bei der Bombardierung der nordspanischen Stadt Guernica am 7.4.1937 durch die Legion Kondor erprobten Bombers Do17 (Abb. 2), die Wartung und Reparatur der Flugzeuge vom Typ Do17, Do215 und Do217. Es wurden auch Flugzeuge anderen Typs repariert und gewartet, aber nur wenn die für diese Flugzeuge zuständigen Flughäfen überfüllt, für die Reparatur zu weit entfernt oder, wie es in den letzten Kriegsjahren der Fall war, zerstört waren. Im Dezember 1943 wurden in Oberpfaffenhofen Vorbereitungen zum Bau der mit Zug- und Druckpropeller ausgestatteten Do335 (Abb. 3), dem damals schnellsten und modernsten Jagdflugzeug der Welt, getroffen. Dieses Kampfflugzeug konnte jedoch bis zum Ende des Krieges nicht mehr in Serie produziert werden und wurde auch niemals im Krieg eingesetzt.

Auch wenn das Werk kein eigentlicher Militärflughafen war, von dem aus Kriegseinsätze geflogen werden konnten, so war seine militärische Bedeutung nicht zu unterschätzen. Zwischen den Jahren 1937 und 1945 wurden in Oberpfaffenhofen 2617 Kriegsflugzeuge der Firma Dornier gebaut. Die Zahl der zur Wartung und Reparatur in Oberpfaffenhofen stationierten Flugzeuge ist nicht bekannt. Im Jahr 1943, als der Flughafen seine Blüte erreichte, waren etwa 2400 Arbeiter auf dem Gelände beschäftigt.[18]

Diese Zahlen verdeutlichen, dass das Werk in Oberpfaffenhofen zu den bedeutenderen Rüstungsbetrieben des Dritten Reiches zählte. Dementsprechend stellte der Flughafen auch ein interessantes Ziel für angreifende amerikanische Bomberverbände dar. Um den Flughafen vor einem Luftangriff zu schützen, verfügte der Flughafen ab dem Jahr 1942 über drei eigene Verteidigungsstellungen. Die Flugabwehrgeschütze waren nördlich auf dem Gebiet der Gemeinde Gilching und nordöstlich, nahe Geisenbrunn, errichtet worden, da man einen Angriff am ehesten aus diesen Richtungen erwartete (Abb. 9). Auf dem Gilchinger Ölberg hatte man zusätzlich eine Scheinwerferbatterie eingerichtet um feindliche Flugzeuge früher und besser sichten zu können.[19] Rudolf Schicht, ehemaliger Direktor der Gilchinger Grundschule und heute

zuständig für das Archiv der Gemeinde Gilching, versichert, dass der momentane Pabst Kardinal Ratzinger zur Einheit gehörte, die eines der Flakgeschütze um den Flughafen bediente.

Am 18.3.1942 flogen amerikanische Verbände einen ersten Angriff auf den Flughafen. Dabei waren ihre Bombenladungen teils für das Dornier Werk, teils für das in Krailling liegende Benzinreservelager der Wehrmacht bestimmt. Keines der beiden Angriffsziele wurde jedoch schwerwiegend getroffen. Nun bombardierten amerikanische Flugzeuge immer wieder in kleineren Gruppen den Flughafen, ebenfalls ohne schwereren Schaden anzurichten. Über zwei Jahre lang blieb der Flughafen so vor größeren Schäden verschont. Am 8.6.1944 jedoch flogen die Amerikaner einen Großangriff auf das Werk. Insgesamt 136 B-17 Bomber der 8. US Luftflotte tauchten am Himmel auf und warfen etwa 3500 Spreng- und Brandbomben auf den Flughafen ab. In Gilching wurden sechs Häuser und zwei Bauernhöfe getroffen, in Oberpfaffenhofen ging ein Hof in Flamen auf. Der Flughafen selbst wurde so schwer getroffen, dass der Flug- und Montagebetrieb für über zwei Monate ausgesetzt werden musste (Abb. 10).[20]

Auch auf dem Flughafen Oberpfaffenhofen wurden Kriegsgefangene zur Arbeit eingesetzt. Eine große Anzahl der früheren Arbeiter des Werkes wurden als Soldaten an die Front gerufen oder auf andere Flughäfen, von denen aus Kriegseinsätze geflogen wurden, verteilt. Ab 1942 mussten in Oberpfaffenhofen insgesamt 142 russische Gefangene vor allem schwere Transportarbeiten verrichten. Sie waren in fünf Baracken untergebracht und wurden Tag und Nacht bewacht. Im Vergleich zu anderen Zwangsarbeitern wurden die Arbeiter für das Dornier Werk ausreichend verpflegt und den Umständen entsprechend gut behandelt. Einige Tage vor der Übernahme des Werkes durch die Amerikaner wurden sie freigelassen.[21]

3.3 Der Flughafen unter amerikanischer Besatzung

Die 11. Infanteriedivision marschierte am 30. April 1945, um 9 Uhr morgens, von Alling her kommend in Gilching ein.[22] Die Amerikaner ließen eine kleine Gruppe in Gilching zurück und besetzten den Flughafen. Dieser wurde bereits zwei Wochen vor der Ankunft der Amerikaner aufgegeben und war bis auf eine Hand voll zurückgebliebener Arbeiter verlassen.[23] Einige Tage später landeten in Oberpfaffenhofen die ersten amerikanischen Flugzeuge und lösten die 11. Infanteriedivision dort ab. Somit wurde aus dem Werk der Dornier Metallbau GmbH die US Air Base Oberpfaffenhofen.

Die Amerikaner waren zunächst mit der Beseitigung der Kriegsschäden und der nicht detonierten Bomben auf dem Gelände beschäftigt. Die zerstörten Produktionshallen für die Do17 Bomber wurden abgerissen. An deren Stelle wurden neue Reparatur- und Abstellhallen gebaut und der Flughafen so zur reinen Reparaturwerft umfunktioniert.[24] Mit dem Wechsel der Besitzer änderten sich auch die Aufgaben des Flughafens. War der Flughafen zu Zeiten des Dritten Reiches sowohl Produktionswerk als auch Reparaturwerft, so diente er den amerikanischen Besatzern ausschließlich zur Wartung der US Maschinen. Die Flugzeuge vom Typ Douglas, C-39 Dakota und P-47 Thunderbolts wurden in Oberpfaffenhofen überholt, um sie in die USA zurückzuführen oder sie zu verkaufen (Abb. 11). Einige wenige Modelle wurden ausgeschlachtet und stückweise verkauft. Wie viele amerikanische Maschinen unter diesen Voraussetzungen nach Oberpfaffenhofen kamen ist nicht bekannt.[25]

Während der amerikanischen Besetzung des Flughafens hatte das Werk keine strategische oder militärische Bedeutung. Der Krieg war vorüber und der Flughafen diente nur noch als Zwischenstation nicht mehr gebrauchter oder veralteter Flugzeuge. Es war auch nicht nötig eine eigene, kampfbereite Fliegerstaffel dort zu unterhalten, da man mit dem Flughafen Fürstenfeldbruck einen großen Militärflughafen in unmittelbarer Nähe besaß. „Nicht einmal als Wartungsstation für die amerikanischen Maschinen war das Werk in Oberpfaffenhofen von Bedeutung, denn es existierten in Deutschland und vor allem in Frankreich eine große Anzahl solcher Flughäfen, die auf die selbe Weise

wie Oberpfaffenhofen, als Sprungbrett der amerikanischen Flugzeuge in die USA oder in andere Länder, genutzt wurden.“[26]

Mit dem Kriegsende endet auch die Forschungsarbeit des FFO in Oberpfaffenhofen. Die einrückenden amerikanischen Soldaten übernahmen das unversehrt gebliebene Gebäude. Die Bibliothek des Instituts, sowie Geräte, Maschinen, etc. wurden in die USA überführt. Erst im Jahr 1958 nimmt das ehemalige FFO, bereits kurz nach dem Krieg in Deutsche Vereinigung für Luftfahrtforschung (DVL) umbenannt, die Arbeit in Oberpfaffenhofen wieder auf.[27]

Die Nutzung des Flughafens änderte sich schlagartig im Juni 1948 mit dem Beginn der Berliner Luftbrücke. Mit der Abriegelung der drei westlichen Sektoren Berlins durch die Sowjetunion am 4. Juni 1948, begann die erste Berlinkrise. Um den aggressiven Schritt der Sowjetunion nicht tatenlos hinnehmen zu müssen, entschied man sich für eine Versorgung der Berliner durch die Luft. Die Luftbrücke war geboren. Fast ein ganzes Jahr lang, bis zum 12. Mai 1949, versorgten amerikanische Maschinen, im Volksmund „Rosinenbomber“ genannt, Berlin aus der Luft. Dazu waren über 277.000 Flüge notwendig.[28] Die dazu benötigten Flugzeuge mussten natürlich auch gewartet und repariert werden und der Flughafen Oberpfaffenhofen, bzw. die US Air Base Oberpfaffenhofen, war mit der noch vorhandenen großen Reparaturwerft dazu bestens geeignet. So kamen die „Rosinenbomber“ nach Oberpfaffenhofen zur Wartung. „Es waren so viele, dass zeitweise zehn und mehr Maschinen gleichzeitig ihre Warteschleifen über Gilching zogen, um auf dem Flughafen zu landen“[29] Über 2.500 Arbeiter, mehr als zu Kriegszeiten, waren nun auf dem Gelände des Flughafens beschäftigt.

Mit dem Ende der Luftbrücke hatten die Amerikaner für das Werk keinerlei Verwendung mehr. Die Rückführung der Maschinen in die USA war ebenfalls schon abgeschlossen und darum eine weitere Nutzung des Flughafens nicht mehr nötig. So entschloss sich die amerikanische Militärverwaltung zum Abzug aus Oberpfaffenhofen bis zum September 1949. Die Montagehallen wurden soweit es ging ausgeschlachtet, und alles, was noch irgendwie genutzt werden konnte, auf den Militärflughafen nach Fürstenfeldbruck oder in die USA gebracht.

3.4 Das Dornierwerk wird amerikanische Manöverbasis

Bereits vor dem Abzug der Amerikaner stellte sich die Frage nach der weiteren Nutzung des Geländes. Die im Werk beschäftigten einheimischen Arbeiter und Angestellten wurden von den Amerikanern entlassen. Um nun die Arbeitslosenrate nicht schlagartig explodieren zu lassen, suchte man nach einer Alternative wie es mit dem Werksgelände weitergehen könnte. Auf Grund der Potsdamer Konferenz war deutschen Firmen nach dem Krieg der Bau von Flugzeugen, besonders natürlich von Kriegsflugzeugen, verboten. So schied die abermalige Nutzung als Produktionsstandort für Flugzeuge durch die Firma Dornier aus.[30] Auch hatte Dornier sein Interessengebiet nach dem Krieg verlagert und beschäftigte sich in Friedrichshafen mit dem Bau von maschinellen Webstühlen. Die Vorschläge zur Nutzung des Geländes waren sehr vielfältig. Sie reichten vom Bau einer Schokoladenfabrik bis hin zum Bau eines Kieswerkes. Auch der Bau einer neuen Siedlung war im Gespräch. Alle Überlegungen der Gemeinden und des Landratsamtes Starnberg scheiterten daran, dass man sich mit der Firma Dornier, die nach wie vor Eigentümer des Areals war, nicht über einen für alle Seiten akzeptablen Kaufpreis einigen konnte. Dornier wollte zum gebotenen Preis nicht verkaufen, die Gemeinden hingegen ihr Angebot nicht erhöhen, da sie befürchteten die Amerikaner könnten eines Tages abermals Verwendung für das Flughafengelände finden. Das Ergebnis aller dieser Überlegungen war es letztendlich, dass der Flughafen zwischen den Jahren 1949 und 1955 stillgelegt wurde.[31] Dornier vermietete die Hallen auf dem Gelände an die Firma Deutschmann Lagerbetriebe, die nach dem Abzug der Amerikaner in Oberpfaffenhofen 10.000 Tonnen Getreide der Bundesvorratsstelle Starnberg und Besatzungsgut, Möbel, Kühlschränke, Teppiche, usw., im Wert von 4 Millionen DM eingelagert hatte.[32]

[...]


[1] Siehe: Homepage der Gemeinde Gilching: http.//www.gilching.de/ Stand: 12.8.2007

[2] Broschüre der Gemeinde Gilching 2007. Gilching stellt sich vor. S. 3-5.

[3] Broschüre der Gemeinde Gilching 2007: Gilching stellt sich vor. S. 7, 11.

[4] Porchert, Hans: Weßling, Oberpfaffenhofen, Hochstadt. S. 3,4.

[5] Information des Einwohnermeldeamtes der Gemeinde Weßling, Stand 5.September 2007.

[6] Porchert, Hans: Weßling, Oberpfaffenhofen, Hochstadt. S. 15.

[7] Vgl. Nr. 5.

[8] Teil V des Versailer Vertrages Artikel 159 bis 213 betreffend die Bestimmungen über Landheer, Seemacht

und Luftfahrt, in: Berber, Fritz: Das Diktat von Versailles. Entstehung, Inhalt, Zerfall. Band 2. S. 1045.

[9] Stelzner, Jürgen: Arbeitsbeschaffung und Wiederaufrüstung 1933-1936: Nationalsozialistische Be-

schäftigungspolitik und Aufbau der Wehr- und Rüstungswirtschaft. S. 172.

[10] Stelzner, Jürgen: Arbeitsbeschaffung und Wiederbewaffnung 1933-1936: Nationalsozialistische Be-

schäftigungspolitik und Aufbau der Wehr- und Rüstungswirtschaft. S. 175, 176.

[11] Hoffmann, Helmut: Bayern. Geschichte und Staat. Handbuch zur staatspolitischen Landeskunde. S.298.

[12] Stelzner, Jürgen: Arbeitsbeschaffung und Wiederbewaffnung 1933-1936: Nationalsozialistische Be-

schäftigungspolitik und Aufbau der Wehr- und Rüstungswirtschaft. S. 192.

[13] Boelcher, Willi: Deutschlands Rüstung im 2. Weltkrieg. S. 44,45.

[14] John, Peter: Ailtoahing + Arnisesriet. Landschafts- und Dorfgeschichte der Gemeinde Gilching. S. 6.

[15] Schicht, Rudolf: Wie es in Gilching war. S. 12-15.

[16] Werner Kleebauer: Werksflugplatz Oberpfaffenhofen seit 50 Jahren in Betrieb. S. 8-12.

[17] Die Geschichte des DLR-Standorts Oberpfaffenhofen, http://dlr.de/st_op/geschichte.html

Stand: 26.August 2007.

[18] Dornier Post. Zahlen und Fakten. S. 4

[19] Hans Lampl: Arnisesried und Geiselprunn. S. 66ff.

[20] Rudolf Schicht: Wie es in Gilching war. S. 84-87.

[21] Dornier Post. Zahlen und Fakten. S. 8.

[22] Peter John: Ailtoahing + Arnisesriet. Landschafts- und Dorfgeschichte der Gemeinde Gilching. S. 318.

[23] Rudolf Schicht: Wie es in Gilching war. S. 90.

[24] Werner Kleebauer: Werksflugplatz Oberpfaffenhofen seit 50 Jahren in Betrieb. S. 12.

[25] Werner Kleebauer. Werksflugplatz Oberpfaffenhofen 50 Jahre in Betrieb. S. 13.

[26] Zitat Thomas Hindelang, Presseabteilung der EDMO.

[27] Siehe Nr. 17.

[28] Dornier Post: Zahlen und Fakten. S. 21.

[29] Zitat Rudolf Schicht, Leiter des Gemeindearchivs Gilching.

[30] Dornier Post. Zahlen und Fakten. S. 23.

[31] Rudolf Schicht: Wie es in Gilching war. S. 129ff.

[32] Landratsamt Starnberg an die Regierung von Oberbayern, 12. April 1955. Akten des Landratsamtes Starnberg zur Nutzung des Dornierwerksgeländes. Staatsarchiv München LRA 28235.

Ende der Leseprobe aus 84 Seiten

Details

Titel
Der Flughafen Oberpfaffenhofen
Untertitel
Der Einfluss des Flughafens auf die Entwicklung der umliegenden Gemeinden
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,2
Autor
Jahr
2008
Seiten
84
Katalognummer
V162980
ISBN (eBook)
9783640951635
ISBN (Buch)
9783640951932
Dateigröße
7721 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Landesgeschichte, Infrastruktur, Flughafen, Oberpfaffenhofen
Arbeit zitieren
Markus Wagner (Autor:in), 2008, Der Flughafen Oberpfaffenhofen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162980

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