Edward Bonds "Orpheus behind the wire": Zwischen Mythos und Neuzeit


Seminararbeit, 2009
24 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mythos des Orpheus und seiner Eurydike

3. „Orpheus behind the wire“
3.1 Inhaltszusammenfassung
3.2 Bedeutung des Titels
3.3 Form und Struktur
3.4 Interpretation
3.4.1 What was Hell like?
3.4.2 The Point to be Noted
3.4.3 You Who Survived
3.4.4 It was Changed
3.4.5 Orpheus

4. Fazit

5. Abbildungsverzeichnis

l. Einleitung

In einem Aufsatz über den Orpheus in der antiken Tradition schrieb Marcus Deufert: „Die Faszination, die Orpheus auf die Dichter der Neuzeit ausgeübt hat, gründet sich jedoch weniger auf seine Taten bei der Argonautenfahrt [...], sondern vor allem auf seinen Gang in die Unterwelt, den er aus Liebe zu seiner verstorbenen Gattin wagt.“[1]

Der Mythos des Orpheus hatte seine Blütezeit bereits im sechsten Jahrhundert v. Chr. und dennoch beschäftigen sich Autoren selbst in unserer Zeit, der sogenannten Neuzeit, noch mit der Geschichte des Orpheus und lassen ihn nach all den Jahrhunderten noch eine Rolle spielen. Einer dieser Autoren, die sich im 20. und 21. mit dem Mythos des Orpheus und seiner Eurydike Abb.1 befassten und ihn unter Anderem veränderten, war der am 18. Juli 1934 in London geborene, englische Dramatiker, Edward BondAbb.[2].

Bond zählt zu den bedeutendsten Vertretern des politischen Dramas in England und arbeitet häufig mit Schockeffekten und Darstellung von Grausamkeiten in Theaterstücken. Er schrieb bis zum heutigen Tage Dichtungen, Dramen, wirkte bei dem Schreiben eines Drehbuchs mit und er schrieb zusammen mit dem Komponisten Hans Werner Henze als Librettist Stücke, wie beispielsweise „Orpheus behind the wire“[3], mit dem ich mich in meiner Hausarbeit auseinandersetzen werde.

Ich habe mich in meiner Hausarbeit für dieses Gedicht entschieden, weil es bereits beim ersten Lesen mein Interesse weckte, und um herauszufinden, wie Bond Orpheus in seiner Dichtung darstellt, ob er dem Mythos treu bleibt, oder ob er Orpheus seiner Zeit angepasst und ihn und seine Geschichte verändert hat, sodass man von einem „Orpheus der Neuzeit“ sprechen könnte. Wie viel bleibt von dem uns bekannten Orpheus übrig?

Ich werde in meiner Hausarbeit eine Interpretation von „Orpheus behind the wire“ im Wortlaut anfertigen. Für die Übersichtlichkeit meiner Arbeit werde ich die wichtigsten Punkte in Abschnitte gliedern, die durch Überschriften gekennzeichnet sind. Außerdem habe ich für die Interpretation die Verse durchnummeriert. Die Primär- und Sekundärliteratur, die ich hierfür verwendet habe, befindet sich am Schluss meiner Hausarbeit, hinter dem Abbildungsverzeichnis.

2. Der Mythos des Orpheus und seiner Eurydike

Um den ersten Schritt meiner Hausarbeit zu meistern, und das Nachvollziehen meiner Arbeit zu gewährleisten, werde ich zunächst auf den Mythos des Orpheus eingehen und diesen kurz erläutern.

Orpheus, der Sänger, „war ein Sohn des thrakischen Königs und Flußgottes Öagros und der Muse Kalliope.“[4] Kurz nachdem er seine geliebte Eurydike ehelichte, starb diese an einem giftigen Natternbiss. Der Verlust seiner Ehefrau schmerzte ihn so sehr, dass er sein Leben ohne sie nicht weiterführen konnte und ebenso wenig wollte. „Der Wesenskern des Orpheus ist die Macht seiner Musik“[5] und mit dieser Kraft und deren Auswirkung auf seine Umgebung, gelang es ihm, in den Abgrund des Reiches der Schatten hinabzusteigen, „um das finstere Königspaar zur Rückgabe Eurydikes zu bewegen.“[6]

Mit der Hilfe seines Gesangs und dem Spiel seiner Lyra erreichte er, dass der Gott Hades in seinen Bann gezogen wurde, und bewegte ihn dazu, ihm eine Chance zu geben, seine Geliebte durch das Bestehen einer Aufgabe zurückzubekommen und sie wieder mit ins Reich der Lebenden nehmen zu können. Unter der Bedingung, dass er sich auf dem Weg in die Oberwelt nicht nach seiner Eurydike umsehen durfte, die stumm hinter ihm gehen musste, schritten sie durch die Unterwelt.

Doch seit dem Verlust seiner Frau vergingen mehrere Jahre, in denen er sie vermisste, sie nicht sehen oder berühren durfte. Seine Sehnsucht und seine unendliche Liebe zu ihr wurden ihm deshalb zum Verhängnis, da er sich, aus Angst sie würde sich nicht mehr hinter ihm befinden und ihm nach oben folgen, nach ihr umsah. Als Strafe dafür musste sie zurück in die Unterwelt gehen und so verlor er sie, wegen eines Blickes zu seiner sehnsüchtigen Geliebten, dafür auf Ewigkeiten.[7]

3. „Orpheus behind the wire“

3.1 Inhaltszusammenfassung

Bei dem vorliegendem Werk handelt es sich um einen Gedichtzyklus, der aus fünf Teilen besteht, die in römischen Zahlen gekennzeichnet sind und in denen mehrere Erzählstränge auftreten.

In „I What was Hell like?” schildert ein Ich- Erzähler von seinen Erlebnissen in der, von ihm definierten, Hölle und seiner Machtlosigkeit dort, resultierend aus seinem unfreiwilligem Schweigen. „II The Point to be Noted“ ist auktorial erzählt und berichtet zum ersten Mal von Orpheus und seiner Eurydike. Sie müssen getrennt zu einem unbekannten Ort fahren und werden beide dort zu unterschiedlichen Zeiten ermordet.

„III You Who Survived“ befasst sich mit einem lyrischen Du, einem Dichter, der die Zeiten der Mörder überlebte und seinem Leben dennoch ein Ende setzte. Im vorletzten, viertel Teil „IV It was Changed“ taucht erneut ein lyrisches Ich auf, der, alt wie er nun ist, in der Natur sitzt, über seine Kindheit und sein gegenwärtiges Leben resümiert und über seine Leidenschaft zur Musik spricht, die nicht, wie alle anderen es behaupten, Bestien bezwingen kann. Das Ich spricht zum Schluss zu einem lyrischen Du und sagt, dass er, ebenso wie das Du, eine Eurydike verlor.

Der letzte Teil „V Orpheus“ befasst sich mit Orpheus, seiner Last der Welt, seiner Macht und seinen Auswirkungen auf seine Umwelt.

3.2. Bedeutung des Titels

Bevor sich der Leser mit dem Inhalt von Edward Bonds Gedichtzyklus „Orpheus behind the wire“ auseinandersetzt, kann er sich Gedanken darüber machen, worum sich die Thematik der Dichtung drehen könnte. In der deutschen Übersetzung von Hans Werner Henze heißt das Gedicht „Orpheus hinter dem Stacheldraht“[8], obwohl der Begriff wire im Deutschen lediglich mit Draht und nicht mit Stacheldraht übersetzt werden kann.

Die Wörter Orpheus und wire bilden im Titel eine Opposition. Während sich die Erstassoziation bei Orpheus auf den Mythos bezieht, entstehen bei dem Begriff wire Impressionen über eine neuere Zeit, als die des Orpheus. Bei dem Vergleich der deutschen Übersetzung mit seinem Original, besteht ein signifikanter Unterschied beider Titel bei den Begriffen Stacheldraht und wire.

Warum sich Heinze in seiner Übersetzung für das Wort Stacheldraht und nicht für Draht entschied, kann dadurch erklärt werden, dass Stacheldraht aus geflochtenem Draht besteht[9] und seine Übersetzung nicht frei und ohne weitere Intensionen geschah. Dieses einzelne Wort lässt, im Gegensatz zu dem oberflächlichen Begriff des Drahtes, beim Leser intensivere Impressionen und Vorstellungen über die Dichtung entstehen. Man kann demzufolge sagen, dass die Wahl der Übersetzung von Henze eine gute und durchdachte war, denn der Begriff lässt nicht nur mehr philosophieren, sondern treibt er damit den Inhalt des Gedichtzyklus‘ in eine gezielte Richtung voran.

Welche Ideen und Gedanken verbindet man mit Stacheldraht? Stacheldraht lässt an Kriege erinnern, in denen Draht sowie Stacheldraht in Netzen zur Abwehr von Soldaten und Zivilisten platziert wurde. Außerdem lässt es an die Mauern von Konzentrationslagern erinnern, die aus Hochstrom- StacheldrahtAbb3 bestanden, damit man diese Mauern nicht überwinden konnte.

Jeder Gedanke über Stacheldraht lässt Eindrücke von dunklen Zeiten entstehen, von Schmerz, wenn man in Kontakt mit Stacheldraht gerät, von Kriegen, in denen Stacheldraht benutzt wurde, zur Abwehr und zum eigenen Schutz und von Gefahr und Gewalt, dass Menschen sich hinter einer Mauer mit Stacheldraht vor Gefahren schützten oder hinter ihr gefangen waren. Wenn man die Entstehungszeit von „Orpheus behind the wire“ betrachtet, lässt es außerdem auch an die Mauer in Berlin erinnern, die zu der Zeit der Entstehung der Gedichte noch stand. Zusammenfassend ist demzufolge zu sagen, dass die ersten Gedanken über „Orpheus behind the wire“ den mythologischen Orpheus der Antike mit einem Gegenstand, dem (Stachel-) Draht, aus der Neuzeit verbinden. Der Titel „Orpheus behind the wire“ könnte darauf schließen, dass der oder ein Orpheus hinter einem wire gefangen ist und sich nicht befreien kann. Ist Orpheus ein Gefangener? Gibt es Anzeichen dafür, dass er sich in einem Konzentrationslager befindet? Wird er sich befreien können? Ist es der Orpheus, den man aus dem Mythos kennt, oder ist es ein Mann unserer Zeit, der nur den gleichen Namen trägt? Kollidieren in dieser Dichtung zwei Zeiten, zwei Welten aufeinander?

3.3 Form und Struktur

Das in den Jahren 1981 bis 1983[10] entstandene Werk „Orpheus behind the wire“ ist ein Gedichtzyklus, bestehend aus fünf kleinen Gedichten, die jeweils durch römische Zahlen und Überschriften gekennzeichnet sind, wie es bereits zu Beginn der Gedichtsammlung deutlich wird, in dem es heißt „I What was Hell like?“. Die Gedichte stehen hierbei nicht für sich selbst und bilden nur gemeinsam eine Einheit.

Durch die Nummerierungen der Gedichte ist dem Leser die Reihenfolge des Lesens vorgegeben. So kann er beispielsweise nicht mit dem Gedicht „II The Point to be Noted“ beginnen und mit einem anderen enden. Erst durch das Einhalten der Reihenfolge beim Lesen kann man den Inhalt vollständig verstehen und nachvollziehen, was die Intension des Autors ist.

Die Wörter am Anfang jedes Verses beginnen großgeschrieben, obgleich mit ihnen ein neuer Satz beginnt oder dieser in dem Vers weitergeführt wird. Deutlich wird es insbesondere in den Versen eins bis drei des zweiten Gedichts „It was not permitted / That Orpheus and Eurydike / Rode in the same carriage“, in denen sich der Satz sogar über mehrere Verse zieht. Auffällig ist ebenso, dass Bond in seiner Dichtung die Regeln der Groß- und Kleinschreibung in den Überschriften vollkommen ignoriert. Wie man hier sehen kann „It was Changed“ schreibt er zwar den Anfang der Überschrift groß, aber das Verb Changed ebenso, obwohl es kleingeschrieben werden müsste. Durch das Großschreiben des Wortes Changed wird es in den Vordergrund gerückt und gewinnt an Bedeutung. Ein weiteres wichtiges Beispiel ist die erste Überschrift des Gedichtzyklus „What was Hell like?“ Durch das Großschreiben des Wortes Hell wird dieses vordergründig betont und gibt einen Hinweis darauf, worum sich in diesem kleinen Gedicht die Thematik bezieht.

In seinem Gedicht verwendete Bond nur teilweise Interpunktion. Wie in dem vierten Vers „We call you do not look up or answer“ des dritten Gedichts deutlich wird, benutzte er in der gesamten Dichtung „Orpheus behind the wire“ nur Fragezeichen, an einer Stelle einen Doppelpunkt und verzichtete vollständig auf Punkte, Kommas oder Ausrufezeichen.

Durch das Auslassen von Punkten treten die Fragen deutlich in den Vordergrund. Die auftretenden Fragen gewinnen daher an Signifikanz und regen zum Dachdenken an. Ebenso erweckt das Fehlen von Punkten und Kommas die Aufmerksamkeit des Lesers, da er dadurch gezwungen ist, sich mit dem Gedicht näher zu befassen und es nicht nur zu lesen. Er muss sich Gedanken machen, wann ein Satz endet und wie die Betonung der Sätze ist, da es keine Kommas gibt, die dem Leser dabei helfen könnten.

Seine Sprache ist einfach und seine Sätze sind gezielt und kurz. Er verwendet zwar rhetorische Bilder, jedoch sind sie, im Vergleich zu manch anderen Gedichten, nur an wenigen Stellen aufzufinden. Er platzierte vorwiegend Metaphern und Personifikationen, wie beispielsweise „Wild stole it and took it away“ (I, 7) oder „Over a frozen wave of wire“ (II, 7). Außerdem lässt sich in keinem der zahlreichen Verse weder ein Reim noch ein gleichmäßiger Rhythmus finden. Die Strophen weisen zwar keinen ähnlichen Strophen- und Versaufbau auf, haben allerdings denselben Grundaufbau des Gedichtes, bestehend aus einer Überschrift, Strophen und Versen und sind allesamt reim- und metrumlos.

3.4 Interpretation

3.4.1 What was Hell like?

Bereits zu Beginn von „Orpheus behind the wire“ wird dem Leser eine Fragestellung in Form der ersten Überschrift dargeboten. „What was Hell like?“, heißt diese und weckt sofort das Interesse des Lesers. Dieser Abschnitt des Gedichtzyklus‘ besteht aus drei kurzen Strophen, die aus insgesamt zwölf Versen bestehen. Die Anzahl der Verse in den Strophen ist unregelmäßig, so besteht die letzte Strophe beispielsweise nur aus zwei Versen.

Auffällig hierbei ist, dass bereits in den ersten fünf Versen drei Fragen gestellt werden, die sich das lyrische Ich selbst stellt und nicht dem Leser, um zu begreifen, was ihm wiederfahren ist. Die Fragen beantwortet er sich selbst, vermutlich, weil sonst Niemand in der Lage wäre, diese Fragen zu beantworten. So lautet seine erste Frage im ersten Vers, ebenso wie in der Überschrift: „What was hell like?“ Seine Antwort darauf ist im zweiten Vers zu finden, indem es heißt „I’d never seen such a place“. An dieser Stelle tritt das lyrische Ich zum ersten Mal auf und weist darauf hin, dass die Hölle, von der im ersten Vers die Rede ist, der Ort ist, an dem er sich einst befand und den er unmittelbar erlebt hatte. Das ,I‘ stellt sich die Frage danach, wie man diesen Ort beschreiben kann, wie es dort war, um es anderen Menschen, wie beispielsweise dem Leser deutlich zu machen und um sich selbst das Erlebte zu reflektieren und bewusst zu machen.

[...]


[1] Storch (2006:266).

[2] Vgl. Storch (2006:13).

[3] Vgl. URL: http://lexikon.meyers.de/wissen/Edward+Bond+(Personen)

[4] Schwab (1977:523).

[5] Ziegler (1979:352).

[6] Schwab (1977: 524)

[7] Vgl. Schwab (1977:524).

[8] Vgl. Henze (2006:24).

[9] Vgl. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Stacheldraht

[10] Vgl. Henze (2006:25).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Edward Bonds "Orpheus behind the wire": Zwischen Mythos und Neuzeit
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V163185
ISBN (eBook)
9783640773183
ISBN (Buch)
9783640773206
Dateigröße
1373 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mythos, Orpheus, Eurydike, Edward Bond, Interpretation, Gedicht, Neuzeit
Arbeit zitieren
Susanne Hahn (Autor), 2009, Edward Bonds "Orpheus behind the wire": Zwischen Mythos und Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163185

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