Otto Normalverbraucher

Über die Dinge des Alltags und ihren Gebrauch


Hausarbeit, 2005
14 Seiten, Note: 1,0

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Otto ist wie du und ich: er ist Normalverbraucher. Er iftt und trinkt, wenn er Hun-ger und Durst hat. Er schlaft, wenn er mude ist und er wohnt in einer Wohnung. Er putzt sich die Zahne, nimmt regelmaftig eine Dusche und manchmal auch ein Bad. Gesundheit und korperliche Verfassung sind normal, uber auftergewohn- liche Leiden und Gebrechen ist nichts bekannt. Otto kleidet sich angemessen, dem Wetter entsprechend. Er verfugt uber ein durchschnittliches Einkommen, das er sich mit regelmaftiger Ar-beit verdient und das er vorschriftsmaftig versteu- ert. Des weiteren hat Otto naturlich ganz gewohnliche, weil menschliche Bedurf- nisse: nach sozialen Kontakten, nach Liebe und Zuneigung, Unterhaltung und Bildung. Otto ist ein freier Mensch - in dem Sinne, daft er tun und lassen kann, was er will und die Unantastbarkeit seiner Wurde gesetzlich geschutzt ist. Ob er jedoch zufrieden ist mit seinem Leben, ob er Ziele hat oder geheime Wunsche, ist nicht zu ermitteln und soll fur die weiteren Ausfuhrungen nicht von Belang sein.

Otto lebt in einem Land, das es mit der Zeit zu einigem Wohlstand, wenn nicht gar Reichtum gebracht hat. Er besitzt alles, was er zum Leben braucht und des- halb alles, um seine Bedurfnisse zu befriedigen: Zum Schlafen besitzt hat er eine Decke, um wieder aufzuwachen einen Wecker. Zum Essen setzt er sich an einen Tisch und auf einen Stuhl. Um sich beim Essen die Hande nicht schmutzig zu machen, benutzt er Besteck. Um schmutziges Besteck wieder sauber zu be- kommen, hat er ein Waschbecken mit Wasserhahn, Burste und Schwamm und Spulmittel und Lappen. Zum Abtrocknen nimmt er ein Geschirrtuch oder stellt den Abwasch auf ein Abtropfgestell.

Es sind viele Dinge, die Otto zum Leben braucht, und viele Dinge, die er zum Leben hat. Denn nahezu jede Tatigkeit, die Otto ausfuhrt, um seine Bedurfnisse zu befriedigen, bedarf ihrerseits vieler Dinge.

Uber das Ausuben einer Tatigkeit werden die einzelnen Gegenstande im Ge- brauch zu einem Sachkomplex verbunden, in dem sie sich gegenseitig zur Be- din-gung werden: Efttisch und Kuchenstuhl, Messer und Gabel, Tasse und Teller bilden eine Vernetzung, die durch die Tatigkeit des Essens geknupft wird. Der einer bestimmten Tatigkeit zugehorige Sachkomplex kann dabei beliebig weit gefaftt werden. Vielleicht handelt es sich bei dem Essen um ein Sonntagsfruh- stuck mit Kaffee, Brotchen und Spiegelei. Otto Normalverbraucher wird den Kaf- fe in einer Kaffeemaschine kochen, die Brotchen mit einem Fruhstucksmesser schneiden, das Spiegelei in einer Pfanne auf einem Herd braten und sich zum Essen an einen Tisch setzen. Der mit dem Ausuben einer Tatigkeit sich abzeich- nende Sachkomplex erscheint dabei zunachst individuell und abhangig von der jeweiligen Tatigkeit und der Art und Weise, in der sie ausgefuhrt wird. Die Sach- komplexe entstehen dabei unmittelbar im Moment des Ausubens der Tatigkeit. Die Tatigkeit selber ist abhangig von den jeweiligen Lebensgewohnheiten, die Lebensgewohnheiten wiederum sind mitunter abhangig von der Sozialisation. Doch lassen sich bestimmte Vernetzungsmuster erkennen, die fur einen definier- ten Sozialisationstypus bezeichnend sind.

Daraus ergeben sich Schnittmengen der Dinge des taglichen Gebrauchs, die fur einen bestimmten Kulturkreis eine gewisse Allgemeingultigkeit besitzen. Es sind diejenigen Gegenstande, die in nahezu jedem Haushalt vorzufinden sind.

Jeder deutsche Bundesburger verfugt durchschnittlich uber etwa 10.000 Ge-genstande[1], die sich zu Sachkomplexen zusammenfassen lassen. Viele der Ge-genstande sind Dinge des taglichen Gebrauchs, andere werden selten oder nie benutzt. Die Dinge haben einen nur praktischen oder einen rein ideellen Wert. Der jeweilige Gebrauchswert der Gegenstande erscheint dabei als Interpretati- onsleistung des Benutzers.

Der Besitz entsteht durch die Bedurftigkeit des Menschen, der Gebrauchswert der Gegenstande dient zur Befriedigung der Bedurfnisse. Die menschlichen Be-durfnisse, die eine Nachfrage an Gutern erzeugen, werden oft gleichzeitig sowohl individuell als auch gesellschaftlich von den Gutern selbst erzeugt. Das Produkt schafft oft erst das Bedurfnis, zu dessen Befriedigung es eigentlich erworben wurde[2].

Otto Normalverbraucher ist also umgeben von einer ungeheuren Vielzahl an Dingen, die er braucht oder zu brauchen scheint. Wirkliche Notwendigkeit und scheinbarer Bedarf sind dabei schwer voneinander zu trennen. Die Dinge erful- len ihren Zweck nicht allein in ihrer praktischen Verwendung: Sie sind Zeichen, Symbol, Identifikationsmedium und Individualisierungswerkzeug. Von den Wis- senschaften wird dabei die Bedeutung des Konsums fur den Menschen unter- schiedlich interpretiert: als Zeichen gesellschaftlicher Differenzierung, als Aus- druck niemals vollstandig zu befriedigender Bedurfnisse oder als System der Kommunikation. Der Umfang des Konsums und damit die Anforderungen an den Konsumenten nehmen dabei bestandig zu. Jedes Einzelne der vielen Dinge, die wir besitzen, bedarf einer Vielzahl von personlichen Leistungen, die erbracht werden mussen. Jedem Kauf geht eine Kaufentscheidung voraus. Die Grundla- ge, auf der diese Entscheidung getroffen werden mu&, hat sich der Konsument mehr oder weniger muhsam zu schaffen. Das Warenangebot ist unubersichtlich und die Fulle der angebotenen Waren kaum zu erfassen. Ist der Kunde zum Be- sitzer oder Nutzer geworden, muft er sich den Gegenstand aneignen. Vielleicht braucht er zum Verstandnis einzelner Funktionen eine Bedienungsanleitung oder muft sich mit den Besonderheiten des Produktes vertraut machen. Jeder neue Gegenstand wird sich dabei in das bereits gegebene Lebensumfeld des Besit- zers einfugen lassen und durch die Benutzung im Netz der bereits vorhandenen Dinge seinen Platz erhalten.

Je mehr Dinge Otto besitzt, desto dichter ist das Netz, das sich im Gebrauch der Dinge um ihn knupft. Im Gebrauch verandert das Produkt den Benutzer, wie sich auch das Produkt durch die Nutzung verandert. Aneignungsprozeft und Uberfor- mungsprozeft sind dabei unweigerlich mit der Nutzung verbunden.

Aneignung, Uberformung. Beide Begriffe bedurfen in ihrer Verwendung einer einleitenden Erlauterung. Der Begriff der Aneignung ist zunachst in zwei wissen- schaftlichen Disziplinen gelaufig: der Rechtswissenschaft und der Padagogik. In der Rechtswissenschaft meint der Begriff die Legitimation zum Sachbesitz durch Kauf, Schenkung, Fund oder die Inbesitznahme herrenloser Guter. In der Pada-gogik wird Aneignung im Zusammenhang mit dem Lernen verwendet, zum Bei- spiel von Sprachen oder Texten. Hier ist die psychologische Dimension des Be- griffs von Bedeutung: ein Schauspieler, der sich eine Rolle aneignet, lernt nicht allein den Text. Vielmehr macht er sich den Charakter, den er auf der Buhne zu verkorpern hat, zu eigen. Der sich hier vollziehende Prozeft wirkt dabei beidsei- tig: Im Schauspieler, der den darzustellenden Charakter zu verinnerlichen hat; Im Charakter selbst, der durch die kunstlerische Interpretation des Schauspielers seine Pragung erhalt. Subjekt und Objekt stehen in einer unmittelbaren Wechsel- beziehung zueinander.

Um den Begriff der Aneignung nun zum naheren Verstandnis der materiellen Kultur auf den Kontext der Gebrauchsguter zu ubertragen, ist eine definitorische Erweiterung vonnoten. Der Kunstpadagoge Gert Selle hat dazu eine auf den Umgang des Menschen mit den Dingen seines Alltags bezogene Beschreibung formuliert, auf den sich die folgenden Erlauterungen beziehen[3]. Der Aneignungs-prozeft beginnt demnach moglicherweise lange bevor sich die eigentliche Aneig-nung im juristischen oder padagogischen Sinne vollzogen hat mit dem Ersehnen des Besitzes einer Sache. Das Objekt der Begierde kann zum Beispiel ein Auto sein. Der Mensch also, der sich ein Auto wunscht, macht sich dieses schon zu eigen, indem er den Besitz in seiner Vorstellung zur Realitat werden laftt. Der wunschende Mensch bleibt vom Bild dieser Fiktion selbstverstandlich nicht un- beeinfluftt. Er wird einen Teil seines Lebens nach diesem Wunschbild ausrichten, sei es, daft er monatlich eine bestimmte Summe seines Verdienstes dafur zur Seite legt. Vielleicht nimmt er einen Kredit auf, um schlieftlich das Wunschbild ge- gen die Tatsache des Besitzes einzutauschen. Nun wird er sich zunachst mit den technischen Besonderheiten vertraut machen: er wird lernen, mit dem Auto um- zugehen. Womoglich wird er einzelne Funktionen verandern und austauschen. Den Zigarettenanzunder gegen eine Freisprechanlage fur das Mobiltelefon, die Speichenfelgen gegen Chromfelgenden, die Modellbezeichnung an der Heck- klappe gegen einen Aufkleber des bevorzugten Sportclubs. Otto Normalverbrau- cher wird seinen Besitz nach seinen als personlich empfundenen Bedurfnissen uberformen.

[...]


[1] Dagmar Steffen (Hg.): Welche Dinge braucht der Mensch, Giessen 1995

[2] vgl. Wolfgang Fritz Haug: Kritik der Warenasthetik, Frankfurt a.M. 1971

[3] Gert Selle: Siebensachen, Frankfurt a.M./ New York, 1997

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Otto Normalverbraucher
Untertitel
Über die Dinge des Alltags und ihren Gebrauch
Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Hamburg  (Design)
Veranstaltung
Designtheorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V163331
ISBN (Buch)
9783640776634
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Design, Produktdesign, Aneignung, Überformung, Gebrauchsprozess, Abnutzung, Gebrauchsspur, Material und Oberfläche
Arbeit zitieren
Christopher Doering (Autor), 2005, Otto Normalverbraucher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163331

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