Finanzkrise im Kontext der Postmoderne


Magisterarbeit, 2010

101 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

A. Finanzkrise als Ausdruck postmoderner Geisteshaltung
1. Kombination der Elemente
1.1 Das Ende der Geschichte
1.2 Derivate und Finanzprodukte
2. Spiel und Spieltrieb
2.1 homo ludens
2.2 Finanzjongleure und ihr Lebensstil
3. Hyperrealität
3.1 System der festen Wechselkurse und seine Auflösung
3.2 Freies Flottieren der Zeichen
4. Fazit

B. Lyotard: Das postmoderne Wissen
1. Metaerzählungen
1.1 Legitimierung des Wissens
1.2 Delegitimierung
2. Informationsgesellschaft
2.1 Datenbankwissen
2.2 Dialektik der Aufklärung
3. Manipulationstechniken des Finanzwesens
3.1 Zitronenhandel
3.2 Verführung zum Konsum
4. Fazit

C. Foucault: Die Ordnung des Diskurses
1. Analyse der Grenzen
1.1 Das Postmoderne in Foucaults Denken
1.2 Ausschließungsmechanismen als Grenzziehungen
2. Deutschland AG
2.1 Große Finanzunternehmen in der Unternehmensverflechtung
2.2 Entstehungsbedingungen und Auflösung der Deutschland AG
3. Postmoderner Kapitalismus
3.1 Machtwirkungen rund um die Deutschland AG
3.2 Multinationale Unternehmen im postmodernen Finanzsystem
4. Fazit

D. Postkrise und das vermeintliche Ende der Postmoderne
1. Anything goes – nicht mehr!
1.1 Versuch einer internationalen Regulierung
1.2 Finanzmarktreform in den USA
2. Kolonialisierung der Kultur
2.1 Kultur und Ökonomie
2.2 System und Lebenswelt
3. Anything goes – noch immer!
3.1 Einschränkung der Kommunikation
3.2 Kontinuität verantwortungslosen Handelns
4. Fazit

Zusammenfassung

Literaturliste

Einleitung

Postmoderne ist ein Begriff, der nur schwer zu definieren ist, was vor allem dem Umstand geschuldet ist, dass er in sich widersprüchlich ist. Wie ist es möglich, drängt sich die Frage auf, in einer Nachmoderne zu leben, wie es der Begriff suggeriert, und davon zu sprechen, wenn doch die Gegenwart immer als Moderne empfunden wird. Was die Postmoderne ist, das heißt, was sich hinter diesem Phänomen verbirgt, ist ebenfalls nicht eindeutig, da es kein einheitliches Programm gibt. Was existiert, ist eine große Zahl an Theoretikern, die sich entweder direkt mit dem Phänomen Postmoderne beschäftigt haben oder deren Denken als postmodern bezeichnet wird. Während jene das Projekt Moderne kritisiert und als gescheitert bezeichnet haben, arbeiteten diese Gedanken sowie Konzepte aus, in denen sich Schlagwörter wiederfinden, die allgemein mit der Postmoderne in Zusammenhang gebracht werden. In der Tat ist die Reihe der Schlagwörter, durch die ein erster Eindruck gewonnen werden kann, was es mit der Postmoderne auf sich hat, unheimlich lang, sodass auch hier eine Beschränkung auf die wichtigsten von ihnen geboten scheint. Das Standford Encyclopedia of Philosophie bezeichnet Postmoderne bzw. Postmodernismus, wie das gleiche Phänomen – allerdings nicht als Epoche, sondern als moderne Strömung[1] - bisweilen genannt wird, „as a set of critical, strategic and rhetorical practices employing concepts such as difference, repetition, the trace, the simulacrum, and hyperreality to destabilize other concepts such as presence, identity, historical progress, epistemic certainty, and the univocity of meaning”[2], womit Postmoderne im Grunde genommen anhand von Schlagwörtern zu definieren versucht wird. Der Brockhaus bezeichnet die postmoderne Tendenz als Repluralisierung der Gestaltungsmittel, die der von Vertretern der Postmoderne empfundenen Einschränkung der Moderne entgegengestellt wird.[3] Pluralismus ist eines der wichtigsten Merkmale der Postmoderne, wie aus vielen Lexika und theoretischen Arbeiten hervorgeht. Im Brockhaus ist von „neuem Pluralismus“[4] die Rede, neu deswegen, weil dieser Pluralismus nun Beliebigkeit aufweist und aus diesem Grund dem gesellschaftlichen Zustand angemessen ist als der Pluralismus, der noch für die Moderne typisch ist. Ähnlich fällt die Definition Wolfgang Welschs aus, wo Postmoderne als „Verfassung radikaler Pluralität“[5] bezeichnet wird. „Das Charakteristische postmoderner Pluralität gegenüber früherer ist“, schreibt Welsch, „daß sie nicht bloß ein Binnenphänomen innerhalb eines Gesamthorizonts darstellt, sondern noch jeden solchen Horizont bzw. Rahmen oder Boden tangiert. Sie schlägt auf eine Vielheit der Horizonte durch, bewirkt eine Unterschiedlichkeit der Rahmenvorstellungen, verfügt eine Diversität des jeweiligen Bodens. Sie geht an die Substanz, weil an die Wurzeln. Daher wird sie hier als ‚radikale Pluralität“ bezeichnet.“[6] Die Antwort darauf, warum die Pluralität radikal ist, fällt ziemlich unbefriedigend aus, weil Welsch in abstrakten Begriffen spricht, die nicht für Aufklärung sorgen. Um welchen Horizont, welchen Rahmen und welchen Boden es geht, die von der Pluralität berührt werden, das wird genauso wenig erläutert, wie um welche Wurzeln es sich handelt, an die die Pluralität geht und damit radikal wird. Was die Pluralität bewirkt, wenn sie an die Wurzeln geht, bleibt ebenfalls unverständlich. Klar wird nur, dass die Pluralität offensichtlich eine Potenzierung erfährt und dass es zu einer Ausdifferenzierung der Bereiche kommt, in denen Pluralität wirksam wird, auch wenn es unbekannt bleibt, um welche Bereiche es sich handelt. Das deckt sich mit der Definition des Brockhaus, welcher in der Verabschiedung einer einschränkenden Einheitsperspektive ein Kulturphänomen der Postmoderne sieht.[7] Und auch aus dem Wikipedia-Artikel zur Postmoderne wird die Moderne derart charakterisiert, dass in ihr ein totalitäres Prinzip vorherrscht, während die Postmoderne eine große Zahl an Perspektiven ermöglicht, die nebeneinander bestehen und gleichberechtigt sind.[8] Die Auflösung des Ganzen, des Totalen bzw. Totalitären ist ein weiteres wichtiges Moment der Postmoderne, welches freilich mit dem der Pluralität Hand in Hand geht. In einem Interview mit dem Art-Magazin am 3. Februar 2009, in dem es um seine Ausstellung „Altermoderne“ in der Londoner Tate Britain geht, bezeichnet der französische Theoretiker und Künstler Nicolas Bourriaud die „Idee des Multikulturellen“[9] als das zentrale Thema der Postmoderne. Daran wird deutlich, dass auch in der Kunst, wo sich die Epochenbezeichnung Postmoderne stark etabliert hat, die Idee der Pluralität vorherrschend ist. Auch das Prinzip der Auflösung des Ganzen findet in Bourriauds Worten Anklang, wenn er die Gegenwartskünstler kritisiert, sie sprächen im Zeitalter der Globalisierung von einer Loslösung räumlicher Verbindungen.[10]

Erwähnung finden muss, dass Bourriaud die Position bezieht, die Epoche der Postmoderne sei vorüber, wie es letztendlich seine Ausstellung „Altermoderne“ suggerieren will. Deshalb scheint es in der Tat paradox zu sein, im Zeitalter der Globalisierung von einer Loslösung räumlicher Verbindungen zu sprechen, die seiner Meinung für die Großzahl der Gegenwartskunst charakteristisch ist. Wird doch die Globalisierung von der Idee gestützt, dass die Welt zu einem Dorf geworden ist, weil räumliche Grenzen durch moderne Kommunikationsmedien überwunden werden können. Alles scheint doch irgendwie miteinander verwoben zu sein, und die weltweite Verflechtung erfasst nahezu alle Bereiche. An dieser Stelle fragt es sich, ob die Finanzkrise, die doch in dieser Arbeit in den Kontext der Postmoderne eingebunden werden soll, tatsächlich den Augenblick darstellt, in dem die Postmoderne überwunden zu sein scheint, wie es Bourriaud glaubt. Denn die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers hat schwere Folgen für das internationale Finanzsystem gehabt, welches kurz vor dem Kollaps stand. Die Finanzkrise hat gezeigt, wie groß die internationale Verflechtung der verschiedenen Bereiche ist und dass diesbezüglich von einer Auflösung des Ganzen keineswegs die Rede sein kann.

Andererseits deutet Bourriaud auf – vor allem politische - Problemlösungsansätze hin, die unter dem Begriff „andere Globalisierung“ zusammengefasst werden und nicht vereinheitlichend bzw. totalisierend sein wollen.[11] Hier wird der Versuch unternommen, Abstand zum starken Globalisierungsmodell zu nehmen und die weitverzweigte Verflechtung aufzulockern. Bourriaud verwendet die Metapher des Archipel, das sich aus vielen Elementen zusammensetze. Diese könnten zwar gruppiert, jedoch nicht vereinheitlicht werden.[12] Eine gewisse Tendenz zur Auflösung des Ganzen und Pluralisierung scheint es somit immer noch zu geben – auch im Zeitalter der Globalisierung.

Wenn Pluralität also ein Schlagwort ist, welches immer wieder anklingt, wenn von der Postmoderne die Rede ist, und Pluralität vor allem eine Pluralität von „Lebensweisen und Handlungsformen, Denktypen und Sozialkonzeptionen“[13] ist, dann lässt sich das intuitiv schnell mit der Finanzkrise in Verbindung bringen. Denn während die Lebensweise der Protagonisten der Finanzkrise eher dekadent ist und Assoziationen an das Kasinomilieu wachruft, müssen die Leidtragenden trotzt jahrelanger zuverlässiger Arbeit finanzielle Einbußen erleiden, sich mit Kurzarbeit zufrieden geben oder im schlimmsten Fall die Arbeitslosigkeit auf sich nehmen. Während sie nach dem Prinzip der Verantwortung handeln, gehen den Handlungsformen der Banker mit Zockermentalität jegliche moralische Vorstellungen ab. Noch vor dem Ausbruch der Finanzkrise sind Unterschiede in der Lebensweise festzustellen, denn während die einen über ihre Verhältnisse lebten, sich Immobilien kauften und bis zum Exzess konsumierten, investierten andere in Wertpapiere, die sich später als toxisch erwiesen. Während die einen faule Finanzprodukte schmiedeten und Boni kassierten, machten andere die Augen zu, berieten unwissende, uninformierte Kunden und rieten ihnen zum Erwerb toxischer Wertpapiere, obwohl es ihnen klar war, um welch unheilbringende Finanzprodukte es sich handelte. Kaum ein Tag vergeht, dass in den Medien nicht über die Finanzkrise oder über die Folgen derselben berichtet wird. In der Tat wurde eine Lawine losgelöst, sodass nun manche EU-Länder vor dem Bankrott stehen und auch noch der Euro in eine Krise mündet, nicht zu reden von der Realwirtschaft, die permanent in Mitleidenschaft gezogen wird. Doch wie ist es zur Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen? Was ist da eigentlich schief gelaufen? Was ist die Ursache? Um diese Fragen zu beantworten, wird man an der Pluralität nicht vorbeikommen und somit erneut an die Postmoderne denken. Nicht eine, sondern mehrere Ursachen hat die Finanzkrise.

Bekanntlich nahm die Finanzkrise in den USA ihren Lauf und breitete sich über die ganze Welt aus. Das hat freilich einen Grund, denn die Amerikaner sind dafür bekannt, über die eigenen Verhältnisse zu leben. Genau das wurde in den Jahren vor der Finanzkrise getan, wie allein an der Sparquote bewiesen werden kann. In seiner übersichtlichen Zusammenfassung der Finanzkrise mit dem Titel „Kasino Kapitalismus“, in die aktuelle Zahlen und Tendenzen eingegangen sind, sagt Hans-Werner Sinn, dass die Sparquote der amerikanischen Privathaushalte im Jahr 2005 ihren Tiefstand erreicht und bei 0,4 % gelegen habe.[14] Erschreckend wirkt diese Zahl dann, wenn ihr zum Beispiel die Sparquote Deutschlands entgegengesetzt wird, welche in den letzten Jahren durchschnittlich bei 10,8 % liegt. Die Amerikaner konsumierten munter drauflos, sodass das Einkommen nicht in gleichem Maß ansteigen konnte. Wenn wundert es daher, dass die Handelsbilanz ein Defizit aufwies, schließlich müssen Waren, um sie konsumieren zu können, auch importiert werden. In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung stellt die Handelsbilanz eine Größe dar, aus der das Verhältnis von Warenimporten und Warenexporten eines Landes hervorgeht. Importiert ein Land mehr Waren als es exportiert, wie es die USA getan haben, dann schafft es mehr Geld außer Landes als dass es Geld einnimmt. Was das bedeutet, liegt auf der Hand. Wenn aus dem Land immer mehr Geld fließt, dann bleibt irgendwann keins mehr da, um weiter konsumieren zu können. Damit der Konsum weiter aufrechterhalten werden kann, bedarf es der Kapitalimporte, von denen die USA in den Jahren vor der Finanzkrise stark lebten. Über Jahre wurden in einem immer stärkeren Maße Wertpapiere emittiert, die schließlich nicht nur Industrie-, sondern auch Entwicklungsländer mit Sparneigung erwarben und somit den Amerikanern die finanziellen Mittel bereitstellten, um weiter konsumieren zu können. Nicht nur die Menge der Wertpapiere brachte den Weltkapitalmarkt in Unordnung, sondern auch deren Qualität, denn in dieser Hinsicht wurden regelrecht akrobatische Kunststücke vollführt.

Triebfeder des Konsums war der Immobilienerwerb, der damit einherging, dass die Preissteigerungsrate immer stärker anstieg und im Jahr 2006 bei 190 % lag.[15] Da die Preise für Wohnimmobilien stiegen, wollten sich alle in Sicherheit wähnen und schnell Häuser erwerben, bevor diese noch teurer werden würden. Eine solche Immobilienblase, die exorbitant aufgebläht war, musste platzen, was auch geschah, als die Preiskurve nach unten sank. Tausende von Hausbesitzern waren überschuldet, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Schulden würden abbezahlen können, war niedrig. Hinzu kommt, dass ihre Häuser permanent an Wert verloren, was die Überschuldung noch anheizte. Leidtragende waren die Bankinstitute, welche die Kredite vergeben hatten und nun nicht an ihr Geld kamen. Die Kreditausfälle führten zu Ausfällen der amerikanischen immobilienbesicherten Wertpapiere, in die Länder mit einem Exportüberschuss investiert hatten. Genau diese Länder waren es, aus denen die USA Kapital importierte, um den immensen Konsum aufrecht zu erhalten. Jetzt wirkte sich der amerikanische Konsum nicht nur für die Amerikaner selbst verhängnisvoll aus, sondern auch für die Gläubigerländer, denen ihr Geld versagt wurde. Aus der Immobilienkrise entstand eine Finanzkrise, die immer weiter ihre Runden zog und schließlich die Realwirtschaft erreichte, denn mit Sinken der Preise gingen auch die Bauaufträge zurück, da die Baukosten nicht mehr in einem angemessenen Verhältnis zu den Immobilienkosten standen.

Damit in Zusammenhang steht das Massensterben der Banken, zu welchem es seit September 2008 kam. In ihren Händen halten Banken in der Regel Wertpapiere und Beteiligungen, aber auch Kreditforderungen, sodass deren Eigenkapital schrumpft, wenn es zu Kreditausfällen kommt und wenn die Wertpapiere an Marktwert verlieren, weil sie sich als faul erweisen. Kommt es zu einer starken Reduktion des Eigenkapitals, dann ist im schlimmsten Fall der Konkurs die Folge. Nicht ganz so tragisch, aber immer noch verheerend ist der finanzielle Kräfteverfall einer Bank, die dadurch von anderen Banken abhängig wird. Banken leihen sich gegenseitig Geld, in der Annahme, dass das andere Bankinstitut liquide genug ist und die Kredite zurückzahlen kann. Als aber eine der großen amerikanischen Investmentbanken, die Lehman Brothers, überraschend Konkurs anmeldete, intensivierte sich das gegenseitige Misstrauen der Banken, weil keine von ihnen wusste, ob die anderen tatsächlich solvent waren. Die logische Folge davon war der Zusammenbruch des Interbankenhandels, und die Finanzkrise erfuhr einen neuen Schub.

Einer der Gründe für die Entstehung der Finanzkrise liegt auch in dem risikoreichen Verhalten der Banken, welches mit den Regeln der Haftungsbeschränkung einhergeht. Aktiengesellschaften, als welche sich der größte Teil der Banken versteht, sind Kapitalgesellschaften, deren Grundkapital bzw. das Eigenkapital in Aktien zerlegt ist. Was nun die Haftungsregeln anbelangt, so gilt die Regel, dass die Gesellschafter, das heißt die Aktionäre, mit ihren Einlagen haften, jedoch nicht mit ihrem Privatvermögen. Haftungsbeschränkungen dieser Art hatten für die Volkswirtschaft gravierende Folgen, denn sie schufen Anreize, hochriskante Geschäftsmodelle zu entwickeln, die die Aktionäre von ihren Vorständen tatsächlich forderten. Vor der Krise war es für große Investmentbanken typisch, bei Finanzgeschäften das Anlagekapital unter 5 % zu halten, während der Rest durch Fremdkapital gedeckt wurde.[16] Unter solchen Voraussetzungen ist es besonders attraktiv, ein hohes Risiko einzugehen, weil bei Erfolg die Eigenkapitalrendite immens hoch ist, während sich die Verluste bei Misserfolg lediglich auf die 5 % Eigenkapital beschränken. Für den Rest des Anlagevermögens haften die Gläubiger oder der Staat. Genau das geschah, als die überschuldeten Haushalte ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten und es zu Kreditausfällen in Mengen kam. Zwar mussten die Banken Konkurs anmelden, doch war ihr Schaden, den sie selber durch ein besonders risikoreiches Vorgehen verursacht hatten, im Gegensatz zum Schaden der Gläubiger und Steuerzahler relativ gering.

Die Anreizstrukturen, hohes Risiko einzugehen und alles andere als verantwortungsbewusst zu handeln, werden zudem durch Haftungsbeschränkungen erweitert, von denen in Amerika nicht nur Aktiengesellschaften, sondern auch natürliche Personen profitieren. Anders als in Deutschland werden in den USA in der Regel sogenannte regressfreie Kredite vergeben, wenn es um Fremdfinanzierungen von Immobilien geht. Typisches Merkmal eines regressfreien Kredits ist, dass der Schuldner nur mit dem erworbenen Objekt haftet, nicht aber mit seinem restlichen Vermögen noch mit seinem Arbeitseinkommen. Hinzu kommt, dass solche regressfreien Kredite in der Regel an einen Eigenkapitalanteil von 20 % gekoppelt sind, was ungeheuer wenig ist.[17] Als dann gegen Ende der Immobilienblase sogar eine Vollfinanzierung der Häuser ermöglicht wurde, waren die Weichen für ein progressives Risikoverhalten gelegt. Nicht wenige kamen auf die Idee, mit Immobilien zu spekulieren und damit ein Vermögen zu verdienen. Wie bereits erwähnt, stiegen die Immobilienpreise bis 2006 dramatisch an, weshalb sich viele Spekulanten in dieser Zeit in Sicherheit wähnten. Würden die Preise nach oben gehen, dann könnten sie die Immobilie verkaufen und die Differenz nach Abzug der Kreditschulden in die eigene Tasche stecken. Also nahmen sie Kredite auf und erwarben sich nicht selten nicht nur ein, sondern mehrere Häuser. Als dann die Immobilienblase platzte, die Preise in den Keller sanken und es zur Überschuldung vieler privater Haushalte kam, hatten die erfolglosen Spekulanten die Haftungsbeschränkungen im Rücken. Sie mussten nur die Schlüssel der überschuldeten und mittlerweile weniger wertvollen Objekte an die Gläubiger übergeben und konnten so leben wie zuvor. Auf diese Weise mussten unzählig viele Gläubigerbanken Verluste hinnehmen, deren Auswirkungen auf die Banken- und schließlich die Finanzkrise nicht zu unterschätzen sind.

Schuld hat aber auch die amerikanische Politik, vor allem die Regierung unter Clinton, welche mittels Gesetze die Banken provozierte, mittels Tricks sich aus der Verantwortung zu stehlen. Verübeln kann man es ihnen nicht, denn sie waren durch Gesetze gezwungen, sogenannte Subprime-Kredite zu vergeben, Kredite, welche auf Kunden mit niedriger Bonität abzielen. Es ist verständlich, dass die Banken Befürchtungen hegten, auf den Krediten sitzen zu bleiben, waren doch die Aussichten angesichts solch finanzschwacher Kunden nicht unbedingt rosig. Folglich wurde der Versuch unternommen, das Risiko durch Verbriefung der Hypothekenkredite zu umgehen. In den Jahren unmittelbar vor der Krise wurden ca. 80 % bis 90 % der Kreditforderungen in sogenannte MBS-Wertpapiere umgewandelt und auf dem Finanzmarkt untergebracht.[18] Dass gerade aus Deutschland die stärkste Gruppe der Abnehmer stammt, liegt an der irritierenden Bezeichnung der dubiosen Wertpapiere. MBS steht für mortgage-backed securities, was auf Deutsch mit hypothekengesicherte Wertpapiere übersetzt werden kann und den Eindruck entstehen lässt, es handelte sich um Hypothekenpfandbriefe deutscher Provenienz.[19] Das ist aber nicht der Fall, weil sich diese von den MBS-Wertpapieren dadurch unterscheiden, dass Ansprüche lediglich gegen die Immobilie bestehen und nicht in erster Linie gegen die Bank und schließlich gegen die Hypothekenschuldner, wie es für Hypothekenpfandbriefe typisch ist. Gehen Bank und Hypothekenschuldner pleite, was in Massen geschah, dann bleibt dem Besitzer des Wertpapiers nur noch die Immobilie. Nun kann man sich schnell ein Bild davon machen, wie groß der Schaden war, als die Immobilienpreise stark nach unten gingen.

Ein ums andere Mal ist das Verhalten der Akteure dadurch gekennzeichnet, dass mögliche Verluste eines hochriskanten Geschäfts auf andere abgewälzt werden. Tendenzen dieser Art zeichnen sich in der Entstehungsphase der Finanzkrise ab und verschaffen einen Eindruck davon, wie leichtsinnig, unmoralisch, manipulativ und vor allem egoistisch die Protagonisten der Finanzkrise agierten. Ihre Handlungen fußten alle auf ein und demselben Motiv, nämlich eine große Rendite zu erzielen, ohne große Risiken auf sich zu nehmen. Über die Risiken hingegen, denen sie Unbeteiligte aussetzten, schauten sie einfach hinweg. In dem Fehlverhalten dieser Protagonisten lassen sich jede Menge Gründe für die Entstehung der Finanzkrise finden, deren Zahl noch größer wird, wenn man ins Detail geht.

Eine Pluralität der Gründe für den Ausbruch der Finanzkrise als postmodern zu bezeichnen, wäre aber überaus trivial, da es sich von selbst versteht, dass ein Phänomen mehrere Ursachen haben kann. Zwar ist das nicht immer so, doch ist es nicht völlig abwegig, dass mehrere Kausalketten zu einem großen Ereignis führen. Und dass die Lebensweisen der Leidtragenden und der Protagonisten der Finanzkrise ebenfalls verschieden sind, ist ebenfalls nichts Außergewöhnliches, schon gar nicht etwas Postmodernes. Interessant wird es jedoch, wenn das ins Blickfeld genommen wird, was das Finanzsystem zusammenhält: das Geld. Hier ist eine extreme Potenzierung nicht zu übersehen.

In der Geschichte des Geldes, will man sie holzschnittartig im Schnelldurchlauf erzählen, entwickelt sich das Geld derart, dass die Rolle des Tauschmittels zunächst das Vieh, wie aus pecunia, dem lateinischen Ausdruck für Geld, hervorgeht, später aber Gold und Silber übernehmen. Anders als Vieh können Gold oder Silber geteilt werden, ohne an Wert zu verlieren, was diese Stoffe zum idealen Tauschmittel macht. Viel wichtiger ist jedoch, dass diese Edelmetalle einen Wert in sich tragen, weil die Menschen in ihnen eine Besonderheit sehen.[20] Einer erneuten Vereinfachung halber werden später Banknoten als Tauschmittel eingeführt, die, und das ist das Besondere daran, von Gold und Silber, das heißt von realen Werten gedeckt werden. Mit der Ausgabe der Banknote, so ist die ursprüngliche Idee, gibt die Bank das Versprechen, Gold oder Silber - bzw. Münzen aus diesen Stoffen - gegen Vorlage einer Banknote auszuhändigen. Die Banknote repräsentiert somit einen realen Wert, der tatsächlich existiert, und zwar in dem Safe der Bank. Bis 1914 funktioniert die Golddeckung, wie Dirk Müller in seinem aktuellen Buch „Crashkurs“ beschreibt, nahezu fabelhaft, doch mit Beginn des Ersten Weltkriegs ändert sich das Finanzsystem.[21] Mit dem Krieg steigen die Ausgaben, sodass immense Summen an Geld benötigt werden. Um Geld zu schaffen, wird ein Trick angewendet, der an einen Betrug erinnert. Ausgehend von der Annahme, dass nicht alle ihre Banknoten gegen Gold oder Silber gleichzeitig eintauschen, werden mehr Banknoten gedruckt, als sie tatsächlich von den Edelmetallen gedeckt werden. Hier beginnt eine Abkoppelung des Geldes von realen Werten, die nochmals eine Steigerung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfährt. Die Rolle der Banknoten haben jetzt Zahlen auf sämtlichen Konten übernommen, welche wiederum Banknoten repräsentieren. Und tatsächlich kursieren lediglich 10 % des existierenden Geldes als Banknoten, der Rest befindet sich auf elektronischen Datenbanken, sodass Finanztransaktionen immer mehr mittels Zahlen durchgeführt werden. Zahlen aber lassen sich um einiges leichter, vor allem aber schneller potenzieren. Wenn Paul 10.000 Euro zur Bank trägt und sie auf sein Konto legt, Adam aber von dieser Bank einen Kredit von 10.000 Euro erhält, indem dieses Geld auf dessen Konto verbucht wird, kommt es zu einer Geldschöpfung.[22] Aus 10.000 Euro sind 20.000 Euro geworden, obwohl diese 20.000 Euro nur von 10.000 Euro in Banknoten gedeckt werden. Im Laufe des 20. Jahrhunderts, das allgemein als Umbruchzeit und somit als Postmoderne bezeichnet wird, kommt es in der Tat zu einer Pluralisierung des Geldes, zwar nicht in qualitativer, jedoch in quantitativer Hinsicht. Hier kann mit Welsch tatsächlich von einer radikalen Pluralität gesprochen werden, radikal deswegen, weil sie an die Wurzel des Problems geht: Da zu Beginn der 70er Jahre die Golddeckung des Dollars aufgehoben worden war[23], wird jetzt ein mit Wert beladener Gegenstand, ein Computer beispielsweise oder ein Schrank, gegen Geld, ein Abstraktum, getauscht, hinter dem kein Wert steht. Das Weltwirtschaftssystem funktioniert, wie Dirk Müller betont, weil dem Papier Vertrauen entgegengebracht wird.[24] Heute, muss dann gesagt werden, funktioniert es nur deswegen, weil den Zahlen vertraut wird. Dass aber das Vertrauen auf der Kippe stand, das hat die Finanzkrise bewiesen.

Die ungeheuer große Bedeutung der Datenbanken, auf denen sich heutzutage das Geld in Form von Zahlen, das heißt mathematischen Zeichen, befindet, spiegelt die Hypothese Jean-François Lyotards wider, der den Terminus Postmoderne geprägt hat. In seiner epochemachenden Arbeit „Das postmoderne Wissen“, wo er auf Wunsch der Regierung von Québec die „Lage des Wissens in den höchstentwickelten Gesellschaften“[25] beschreibt, herrscht der Fingerzeig auf die technologische Transformation vor, zu der es im 20. Jahrhundert gekommen ist. Er selbst hat den Begriff Postmoderne aus der amerikanischen Soziologie entliehen, wo er ein Zeitalter bezeichnet, in die postindustrielle Gesellschaften eintreten. Dieses Zeitalter wird, so die These in der amerikanischen Soziologie der späten 60er Jahre, durch einen technologischen Wandel eingeleitet, was für Lyotard mit immensen Auswirkungen für das Wissen verbunden ist. Hat sich das Wissen in der Moderne durch die Schriftkultur entwickelt, was dem Medium des Buchs, vor allem aber dem Buchdruck zu verdanken ist, so muss es im postmodernen Zeitalter in „Informationsquantitäten“[26] übersetzt werden, weshalb postmodernes Wissen, wie Hans-Joachim Lenger sagt, als „Datenbankwissen“[27] aufzufassen ist.

Neben Pluralität und Totalitätsauflösung sind auch Kombinierbarkeit als auch das Spiel Elemente des Phänomens, welches allgemein hin mit der Postmoderne in Zusammenhang gebracht wird. Im Modus der Kombinierbarkeit steht vor allen Dingen die Tradition, mit welcher in der Moderne ein Bruch vollzogen wird. Anders sieht das postmoderne Denken aus, welches traditionelle Elemente wieder aufnimmt, allerdings nicht „imitativ, sondern transformativ“[28]. Das ist insbesondere in der postmodernen Architektur der Fall, wo Stilmerkmale vergangener Epochen mit modernen Elementen durchsetzt und kombiniert werden, wo Barock und Klassizismus, Bauhaus und Surrealismus im Zeichen der Beliebigkeit eine Liaison eingehen.[29] In der Literatur kommen Zitat und Montage in Mode, sodass Sätze, Phrasen und Begriffe aus ihren Zusammenhängen gerissen und in neue eingefügt werden. Gleiches passiert mit dem Begriff „anything goes“, der den Trend der Beliebigkeit programmatisch beleuchtet und ebenfalls zu dem Sortiment postmoderner Schlagwörter gerechnet wird, obwohl ihn der Wirtschaftstheoretiker Paul Feyerabend in seiner anarchistischen Erkenntnistheorie verwendete, die mit der Postmoderne rein gar nichts gemein hat.[30] Unter dem Motto „Alles geht“ beginnt das freie Spiel der Kombination und Variation, und es entsteht der Eindruck, dass durch dieses ungehemmte, losgelöste, vor allem aber unreglementierte Spiel jeglicher Realitätssinn sowie Verantwortung abhanden kommen. Hans-Joachim Lenger spricht in diesem Zusammenhang vom freien Spiel der Zeichen, die sich immer wieder von ihren Funktionen lösen und immer mehr auf sich selbst beziehen.[31] Beliebigkeit und die Lust zum Spiel paaren sich, und das „anything goes“ schafft Freiheiten, die ins Extreme führen.

Diese Arbeit geht von den genannten Schlagwörtern und Elementen der Postmoderne aus als auch von den Gedanken Lyotards, die der französische Philosoph in „Das postmoderne Wissen“ formuliert hat, und beschäftigt sich mit zwei Fragestellungen: 1.) Inwiefern ist die Entwicklung des Finanzsystems bis zur Krise postmodern? 2.) Kann mit Ausbruch der Finanzkrise vom Ende des Zeitgeistes gesprochen werden, der den Namen Postmoderne trägt? Postmoderne wird jedoch nicht als Epoche noch als Strömung aufgefasst, sondern im Sinne Dunja Larises als „Geisteszustand“[32] bzw. Geisteshaltung.

Bei der Recherchearbeit hat sich herausgestellt, dass es noch kein einschlägiges Werk gibt, in dem das Verhältnis von Finanzkrise und Postmoderne den Themenschwerpunkt bildet. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Finanzkrise ein noch zu junges Phänomen ist, um sich mit ihr in einem umfassenden Maße interdisziplinär zu beschäftigen. Gleichwohl gibt es Ansätze, wie Bourriauds Ausstellung in der Londoner Tate Britain beweist. Auch Hans-Joachim Lengers Abhandlung „Woher weht der Zeitgeist. Was bleibt von der ‚Postmoderne’?“, der diese Arbeit viele Impulse verdankt, beschäftigt sich mit dem Verhältnis dieser beiden Phänomene, wobei Lenger versucht, das Ende der Postmodernemode anhand der Finanzkrise zu belegen.

Was die Finanzkrise im Einzelnen anbelangt, so ist die Literatur mittlerweile stark angewachsen, wobei der Themenschwerpunkt unterschiedlich gelegt wird. Hervorzuheben ist die Arbeit von Hans-Werner Sinn, der in „Kasino Kapitalismus“ die Gründe für den Ausbruch der Finanzkrise herausarbeitet. Die Stärke dieser Arbeit liegt vor allen Dingen in der Detailtreue, denn Sinn versucht den Ausbruch der Finanzkrise aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und nennt verschiedene Gründe, die alle dazu beigetragen haben, dass es zu einem solchen Fiasko gekommen ist. Nicht ganz so detailliert, aber – weil für den Laien geschrieben – leicht verständlich ist Dirk Müllers „Crashkurs“, ein Buch, in dem die Schwächen des Finanzsystems unter dem Aspekt der Geldentwicklung beleuchtet werden. Müller zeigt, dass es zur Finanzkrise unter anderem deswegen gekommen ist, weil die Geldpolitik versagt und die Vervielfältigung des Geldes zu enormen Problemen geführt hat. Auf eine andere Art und Weise geht Ulrich Schäfer in „Der Crash des Kapitalismus“ heran, indem er in einer Kapitalismuskritik die Finanzkrise als logische Folge der Kapitalismusentwicklung brandmarkt. Aus historischer Perspektive wird die jüngste Finanzkrise in Wolfgang Eichborns und Dirk Soltes „Das Kartenhaus Weltfinanzsystem“ betrachtet, wobei Eichborn und Solte auf die vorherigen, wenn auch in den Medien nicht derart ins Rampenlicht geschobenen Krisen eingehen und die Defekte des Weltfinanzsystems anhand des Wechselverhältnisses von Boom und Krise ausfindig machen wollen.

Auch mit dem Phänomen der Postmoderne finden gegenwärtig Auseinandersetzungen statt, wobei sich gezeigt hat, dass Wolfgang Welschs „Unsere postmoderne Moderne“ noch immer ein Standardwerk darstellt. Ein philosophisches Werk, in dem die Postmoderne im Mittelpunkt steht, ist „Postmodernes Rauschen“ von Thomas Gimesi und Werner Hanselitsch. Die Autoren gehen auf die gängigen Konzepte zur Postmoderne ein und beschäftigen sich mit den Schwierigkeiten, die die Postmoderne denjenigen bereitet, die von dem Übergang von der Moderne zur Postmoderne nichts wissen wollen. Anknüpfend an Lyotards These vom Ende der großen Erzählungen, versucht Beat Wyss in „Nach den großen Erzählungen“ die Entwicklung in den Geisteswissenschaften seit der 68er-Protestbewegung nachzuzeichnen, wobei es zu zeigen gilt, wie die Bildung allmählich dem Zerfall entgegenläuft.

Besonders in den verschiedenen Kunstgattungen wird noch viel von der Postmoderne gesprochen, wobei das spielerische Element hervorgehoben wird. Das passiert zum Beispiel in Renata Plaices „Spielformen der Literatur“, wo die Autorin sich dem Phänomen des Spiels widmet und sich bemüht, dessen Funktion in der Literatur herauszuarbeiten.

Mit dem Thema der vorliegenden Arbeit kreuzen sich die Werke von David Harvey und Frederic Jameson, die allgemein zu den „postmodernen Marxisten“ gezählt werden. Zwar liegt es weit zurück, als „The Condition of Postmodernity” und „Postmodernism or, The Cultural Logic of Late Capitalism” geschrieben worden sind, doch sind diese beiden Werke noch immer aktuell. In ihnen wird veranschaulicht, inwiefern der Spätkapitalismus gegenwärtigen Typs mit der postmodernen Kultur in einem Zusammenhang steht. Sowohl Harvey als auch Jameson sehen in dem gegenwärtigen Kapitalismus samt seiner Charakteristika den Grund für die postmoderne Kultur, die von der Verwertungslogik durchdrungen ist. In eine ähnliche Richtung geht Dunja Larise, deren Werk „Mythos Kultur“ diese Arbeit ebenfalls viel verdankt. Larise stellt die postmoderne Kultur unter Ideologieverdacht, weil sie in ihr ein Instrument der neoliberalen Produktionsweise sieht, mit dem die Gesellschaft entpolitisiert werden soll.

Hans-Joachim Lenger, in dessen bereits genannter Arbeit die Postmoderne als eine Mode betrachtet wird, die langsam ihre Attraktivität verliert, ist für diese Arbeit deswegen so bedeutend, weil er die Haupteigenschaften der Postmoderne in prägnanter Form nennt und zeigt, wie sie zum Tragen kommen. Ob diese Eigenschaften auch das Finanzsystem am Vorabend der Finanzkrise aufweist, wird im ersten Teil der Arbeit untersucht. In dem zweiten großen Kapitel findet eine Auseinandersetzung mit Lyotard und dessen These vom Ende der großen Erzählungen statt, wobei es darum gehen wird, durch Analyse der Praktiken und der Vorgehensweise im Finanzwesen zu prüfen, ob Lyotard zugestimmt werden kann. Die Entwicklung des Finanzwesens in Deutschland wird im dritten Teil eine große Rolle spielen. Mit Foucault sollen die Rahmenbedingungen für Entstehung und Auflösung der Deutschland AG analysiert werden, um schließlich zu zeigen, dass das deutsche Finanzsystem seit den neunziger Jahren postmodern wird. Beschäftigen sich die ersten drei Kapitel mit der Frage, ob das Finanzsystem vor Ausbruch der Krise als postmodern charakterisiert werden kann, so findet im letzten Kapitel eine Auseinandersetzung mit Lengers These vom durch die Finanzkrise eingeleiteten Ende der Postmoderne statt. Hierbei soll Habermas’ Konzept der kommunikativen Rationalität mit Jamesons Analyse des Spätkapitalismus verbunden werden, um zu klären, ob nach der Finanzkrise in dem Finanzwesen tatsächlich ein Rückgang der postmodernen Geisteshaltung zu beobachten ist.

A. Finanzkrise als Ausdruck postmoderner Geisteshaltung

1. Kombination der Elemente

1.1 Das Ende der Geschichte

Die Postmoderne vereinigt viele Parolen unter sich, und eine davon ist die vom „Ende der Geschichte“. Es habe mal eine Geschichte gegeben, so besagt sie, doch nun sei sie vorbei. Was an kulturellen Formen und Zeichen habe hervorgebracht werden können, sei im Laufe der Geschichte hervorgebracht worden, doch nun sei nichts mehr Neues zu erwarten. Stattdessen würde nichts mehr anderes übrig bleiben, als diese Formen und Zeichen miteinander zu kombinieren und die verschiedensten Konstellationen hervorzubringen.[33] In der Einleitung wurde bereits erwähnt, dass in der postmodernen Architektur mit verschiedenen Stilmerkmalen gespielt wird, welche die seltsamsten Verbindungen eingehen. Darin spiegelt sich die Parole vom „Ende der Geschichte“ wider, welche sich auf das Finanzsystem übertragen lässt. Der Fortschrittsglaube, an dem die Moderne festhält, scheint mit dem Ausbruch der Finanzkrise an sein Ende gekommen zu sein. Als die ersten Banken in den USA und dann in Europa zusammenbrechen, reden nicht wenige vom bevorstehenden Zusammenbruch des Finanzsystems, der bis heute ausgeblieben ist, jedoch kommen kann. Ulrich Schäfer spricht sogar von einem Zusammenbruch des Kapitalismus, der zu erwarten sei.[34] Viele fühlten sich im Zuge der Finanzkrise angeregt, darüber nachzudenken, ob das Finanzsystem noch auf einem stabilen Fundament ruht. So sicher war man sich diesbezüglich nicht. In der Tat entsteht, wenn man das Finanzwesen und dessen Geschichte betrachtet, der Verdacht, dass es nichts mehr Neues hervorbringt, sondern sich im Kombinationsspiel verliert. Das gilt vor allem für die Finanzprodukte, bei deren Gestaltung sich die Banker aus dem bereits Vorhandenen reichlich bedienen.

„Ende der Geschichte“ geht als Begriff auf den Politikwissenschaftler Francis Fukuyama zurück, der ihn in seinem gleichnamigen Artikel, später dann auch gleichnamigen Buch einführte und dadurch viel Kritik auf sich zog. Auf die vielen Reaktionen hin, die der Artikel hervorgerufen hat, versucht das Buch die Irrtümer und Missverständnisse durch eine Definition von Geschichte zu beseitigen. Geschichte, schreibt Fukuyama, sei für ihn keineswegs ein Auftreten von Ereignissen, sondern ein einziger, kohärenter, evolutionärer Prozess mit teleologischer Ausrichtung.[35]

Einen solchen einzigen, kohärenten, evolutionären Prozess sichtet man auch, wenn die Geschichte des Finanzsystems bzw. des Geldes, welches das regulative Moment eines Finanzsystems ist, betrachtet wird. Geld hat, wie Bernhard Laum in seinem großen Werk „Heiliges Geld“ schreibt, seinen Ursprung in der sakralen Sphäre und ist durch den Opferkult entstanden. Erst später werden die im Kult ausgebildeten Normen auf das profane Leben übertragen. Warum das Rind im antiken Griechenland als Tauschmittel bzw. als „Wertmesser“[36] fungiert, kann nicht verstanden werden, wenn nicht der Hinweis auf den Opferkult erfolgt. In primitiven Gesellschaften gehen die Menschen ein regelrechtes Tauschverhältnis mit Gott ein, von dem sie sich abhängig fühlen. Da der primitive Mensch noch keine Einsicht in die kausale Notwendigkeit hat, glaubt er, auf Gott Einflussnehmen zu können. Um von Krankheiten, Naturkatastrophen und anderem Unheil verschont zu bleiben, bringt er seinem Gott ein Opfer und ist somit gezwungen, dies zu wiederholen, um nicht in Misskredit zu geraten.[37] Anfangs werden Menschen geopfert, doch dann setzt die Opferlist ein, sodass auf Tiere, Rinder eben, zurückgegriffen wird. Vor allem der Staat opfert Rinder, während der Privatmann vornehmlich kleine Tiere schlachtet.[38] Als dann später diese Normen in das profane Leben übertragen werden, was durch die Institution des Priesters geschieht, der die Opfer durchführt und dafür als Gegenleistung Opfertiere erhält, kommt es zum profanen Tausch. Das viele Fleisch, welches sich beim Priester ansammelt, verdirbt, wenn es nicht gegen andere Güter getauscht wird. Rind wird somit zum Wertmesser dieser Güter, indem sie einen Wert in Rindeinheiten erhalten.

Interessant ist jedoch eine andere Sache, nämlich welche Früchte die Opferlist trägt. Werden anfangs noch Menschen, später dann Tiere geopfert, so überlegt man sich schließlich, das Tier durch eine Nachahmung zu ersetzen. Es werden regelrechte Attrappen geopfert, die keine Substanz haben, sondern einem Tier lediglich ähnlich sehen. Im Laufe der Geschichte kommt es letztendlich dazu, dass Ikonen mit einem Bild des jeweiligen Gottes im Tempel aufgestellt werden, die das Opfer lediglich symbolisieren.[39] Deswegen tragen die Münzen, die zu einem späteren Zeitpunkt auf dem profanen Markt als Tauschmittel fungieren, Abbildungen der jeweiligen Götter. Der Tausch mit dem Gott wird nur noch durch eine Münze symbolisiert, welche nun legitimerweise auf dem profanen Markt getauscht werden kann. Daran wird deutlich, dass Geld eine immer abstraktere Form annimmt und den substanziellen Wert lediglich symbolisiert. Der Mensch arbeitet mit Tricks, um im Tauschverhältnis einen Vorteil für sich herauszuschlagen. Denn warum soll er tatsächlich ein Rind opfern, wenn eine Nachahmung oder ein Symbol, welches an das Opfer erinnert, völlig ausreichend sind.

Auch in den späteren Jahrhunderten wird die Opferlist tatkräftig praktiziert, denn noch haben die Münzen einen materiellen Wert, weil sie aus edlen Stoffen wie Gold oder Silber bestehen. Für diese Stoffe können schließlich auch unedle Materialien eingesetzt werden, die weniger wert sind, aber als Tauschmittel taugen, weil sie den Wert, der dahinter steckt, repräsentieren können. Der kohärente, evolutionäre Prozess der Substanzberaubung ist nicht zu übersehen, sodass das Material, aus dem das Geld besteht, immer wertloser wird. Eine Steigerung erfährt das Ganz, als Geld schließlich eine Papierform erhält. Dass es dazu kommt, ist ebenfalls praktischen Zwecken geschuldet, weil die Tauschenden, das heißt die Händler, darin einen Vorteil für sich sehen. Als die Kreuzritteroden der Templer anfangen, Gold und Silber zu horten, geben sie Händlern für den eingezahlten Betrag einen Kreditbrief, damit diese bei ihren Reisen nicht schwere Säcke mit Münzen zu transportieren brauchen und stattdessen den Kreditbrief vorlegen können.[40] Der Kreditbrief ist als ein Versprechen zu verstehen, ein Versprechen, dass für dieses Stück Papier der eingetragene Betrag in Gold ausgezahlt wird. Im Laufe der Zeit kommt es aber zu einem Verzicht der physischen Übergabe der Münzen, weil die Händler sie wieder gegen einen Kreditbrief eintauschen müssten. Viel praktischer ist es daher, einfach den Kreditbrief von einem Händler zum anderen weiterzureichen.

Ähnliches passiert im Amerika des 19. Jahrhunderts, wo die Notenbanken gegen Dollarmünzen, die genau 24 Gramm Silber enthalten, Banknoten ausgeben.[41] Die List schlägt wieder zu, als man zu der Erkenntnis kommt, dass nicht alle Besitzer der Banknoten diese gleichzeitig einlösen. Folglich entscheidet sich der Staat dazu, mehr Banknoten zu drucken, als sie tatsächlich von Dollarmünzen gedeckt werden. Hier zeichnet sich im Grunde genommen das gleiche Muster ab: anstatt die Dollarmünzen – bzw. das richtige Opfertier – aus den Händen zu geben, wird etwas weniger Wertvolles ausgehändigt, welches die Dollarmünze bzw. das Opfertier repräsentiert. Die Symbolisierung erreicht jedoch einen noch viel höheren Abstraktionsgrad, als Banken Institutionen und natürlichen Personen die Möglichkeit geben, ihre Banknoten bei ihnen zu lagern, um sie nicht zu Hause zu horten. Was vorher mit Gold und Silber, wird jetzt mit den Banknoten gemacht, und das Geld wird jetzt durch Zahlen symbolisiert, die sich für den Zahlungsverkehr in einer schnellen Welt wunderbar eignen. Wie die Händler zu Zeiten der Kreuzritter braucht heutzutage keiner Geld mit sich zu nehmen, sondern kann eine EC-Karte vorlegen, mittels derer Geld in Form von Zahlen von einem Konto auf das andere wandert. Es ist schwer, sich vorzustellen, was die nächste evolutionäre Stufe sein könnte, denn die Zahl ist bereits das abstrakteste Zeichen, abstrakter als eine Ikone, als eine Münze oder als eine Banknote. Ein Ende der Geschichte des Geldes scheint gekommen zu sein, denn um die Zahlen zu repräsentieren, müsste ein noch abstrakteres Symbol geschaffen werden. Stattdessen wird erneut zum Kreditbrief gegriffen, der in der modernen Variante Wertpapier heißt. Auch das Wertpapier ist ein Versprechen, dass auf die Zahlen, die auf einem Konto gebucht sind, zu einem bestimmten Zeitpunkt zugegriffen werden kann, wobei sich der Betrag zu diesem Zeitpunkt vergrößert haben muss. Das Wertpapier wird dann gegen die Nutzung des Geldes in Zahlenform getauscht, was analog zum Tausch des Kreditbriefs gegen das Gold ist. Erneut wird mit dem Versprechen gearbeitet, erneut wird das Papier zum Repräsentanten des Geldes, aber diesmal nicht zum Repräsentanten der Gold- bzw. Silbermünzen, sondern der Zahlen, womit alte Formen mit modernen kombiniert werden. Und der Wertpapierhandel ist nichts anderes als der Verkehr der Kreditbriefe bzw. der Banknoten, welche erst gar nicht eingelöst werden, sondern von einem Wertpapierhändler zum anderen wandern.

1.2 Derivate und Finanzprodukte

Was für die Kohärenz der Geschichte des Geldes sorgt, ist das Versprechen, weil es immer das von den jeweiligen Materialen und Stoffen Artikulierte ist. Insofern ist das Versprechen als das evolutionäre Moment zu verstehen: Die Ikone mit Abbild des Gottes verspricht, dass geopfert wird; Münzen und Banknoten geben das Versprechen ab, dass dafür Gold erhältlich ist; die Zahl auf einem Konto garantiert wiederum den Erhalt von Münzen und Banknoten, wenn vom Konto Geld abgehoben wird; und das Wertpapier artikuliert das Versprechen, auf Zahlen zugreifen zu können, die auf einem Konto verbucht sind. Vom Ende der Geschichte des Geldes im Sinne Fukuyamas könnte deswegen gesprochen werden, weil sich gezeigt hat, dass das Versprechen in vielen Fällen nicht eingehalten wurde. Banken, die im Besitz von Schuldverschreibungen waren, konnten auf einmal auf ihr Geld in Zahlenform nicht mehr zugreifen, weil nämlich diejenigen Banken, die Kredite aufgenommen hatten, insolvent wurden. Letztendlich ist es der Mangel an Vertrauen hinsichtlich des Versprechens, welcher das Finanzsystem ins Wanken gebracht und für eine nie dagewesene Krise gesorgt hat. Ob sich das Vertrauen wieder aufbäumen wird, bleibt abzuwarten, doch es ist nicht zu leugnen, dass im Zuge der Krise das Versprechen im Finanzsystem einen herben Schlag erlitten und an Glaubwürdigkeit verloren hat.

Vom Ende der Geschichte des Geldes kann aber auch noch unter einem anderen Aspekt gesprochen werden, unter dem, dass die Evolution des Versprechens zum Stillstand gekommen ist. Allein der Rückgriff auf das Papier, welches einen Wert verbrieft, deutet an, dass in Bezug auf das Finanzsystem im Lichte der Postmoderne nichts Neues mehr zu erwarten ist. Im vorherigen Abschnitt wurde vereinfacht dargestellt, dass ein Wertpapier eine Geldsumme in Zahlenform verbrieft, doch das ist noch lange nicht alles, denn es stehen auch andere Werte dahinter. Es kann neben Geld eine Immobilie sein, Gold, Silber, ein anderes Wertpapier oder eine Kombination derselben. Die Kombinationsmöglichkeiten sind in dieser Hinsicht vielfältig, wobei sowohl Altes, zum Beispiel Gold, als auch Neues, Wertpapiere jeglicher Art, kombiniert werden. Das erinnert an die postmoderne Architektur, zu der sich Parallelen ziehen lassen. Insofern ist auch im Finanzsystem ein postmoderner Geist zu finden.

Zum anderen kommt es mit dem Wertpapier zu einer Potenzierung ganz im Sinne der postmodernen Pluralität, denn es entstehen unendlich viele Arten von Wertpapieren. Aktien, das Sparbuch, der Lagerschein, Anleihen oder der Hypothekenbrief sind Wertpapiere, aber auch Obligationen, der Genusschein, der Grundschuldbrief sowie Wechsel, Konnossement oder der Ladeschein. Obwohl die Liste noch lange nicht komplett ist, gibt sie einen Eindruck davon, welche Formen das Wertpapier und mit ihm das Versprechen, welches es verkörpert, angenommen hat. Die Einheit des Versprechens, das in der Moderne lediglich auf der Golddeckung fußt, löst sich allmählich auf, sodass es zu mehreren Versprechen kommt, die nebeneinander gegeben werden und im Zeichen der Postmoderne für sich Gültigkeit beanspruchen können.

Was hingegen die Kombinationsfreude im Finanzsystem anbelangt, so kann dieser postmoderne Zug anhand von Wertpapieren gezeigt werden, die durch Derivate entstehen. Als Derivate werden Finanzinstrumente verstanden, deren Werte als auch Preise von Preisen und Werten anderer Handelsgüter abgeleitet werden.[42] Das können sowohl Rohstoffe, Referenzgrößen, aber auch Wertpapiere sein. Derivate sind immer Verträge, in denen sich die Vertragsparteien auf Wertausgleichszahlungen in der Zukunft einigen. Im Zuge der Finanzkrise ist oftmals das Credit Default Swap erwähnt worden, welches ein Kreditderivat darstellt, an dem gezeigt werden kann, dass das Finanzsystem kurz vor Ausbruch der Krise höchst postmodern ist.

Mit einem Credit Default Swap geht die Erlaubnis einher, Handel mit Ausfallrisiken von Krediten zu treiben. Das CDF, wie das Kreditderivat bezeichnet wird, ist also ein Vertrag, der einen Bezug auf den Referenzschuldner nimmt. Bei einem Hypothekendarlehen beispielsweise ist der Referenzschuldner der Darlehensnehmer, welcher für den Darlehensgeber, eine Hypothekenbank, ein gewisses Risiko darstellt. In der Einleitung ist bereits darauf eingegangen worden, dass die Banken in den USA gezwungen waren, Hypothekenkredite auch an Kunden mit niedriger Bonität zu vergeben, und diesem Risiko durch Verbriefung zu entkommen suchten. Aus Hypothekenschuldverschreibungen wurden somit hypothekengesicherte Wertpapiere, die sogenannten MBS-Wertpapiere, abgeleitet. Unter deren Käufern befanden sich zum größten Teil international tätige Geschäfts- und Investmentbanken, welche sich der mangelnden Bonität der Referenzschuldner bewusst waren und deshalb zur gleichen Methode griffen, indem sie daraus wieder neue Wertpapiere ableiteten.[43] Dieser Vorgang wurde schließlich mehrmals wiederholt, sodass die Pluralisierung des Versprechens am Vorabend der Finanzkrise zu ihrer vollen Entfaltung kommt: Ein Wertpapier, verspricht, dass ein anderes Wertpapier verspricht, dass ein anderes Wertpapier verspricht usw. Am Ende der langen Kette steht schließlich das Versprechen, dass das Hypothekendarlehen in einer bestimmten Zeit zurückgezahlt wird.

Auch die verkettete Verbriefungstechnik ist postmodern, denn es wurden Zweckgesellschaften gegründet, die an Töpfe erinnern, in welche sämtliche MBS-Papiere hineingeworfen wurden, wobei sich darunter Papiere der guten als auch der schlechten Sorte befanden.[44] Verbrieft wurde schließlich der Inhalt, der aus einem Sammelsurium an den verschiedensten Wertpapieren bestand. Denn aus MBS-Papieren wurden letztendlich die hochkomplexen CDO-Papiere, die collaterized debt obligations, welche im Deutschen besicherte Schuldverschreibungen heißen.[45] Während sich die Zusammensetzung der MBS-Papiere lediglich auf Hypothekenforderungen beschränkt, vereinigen CDO-Papiere die verschiedensten Typen von Finanzprodukten unter sich. Somit kann eine Parallele zur Intertextualität und Montagetechnik in der postmodernen Literatur gezogen werden, mit der so manche Schriftsteller ganze Romane gefüllt haben.[46] Doch wie ein Roman nicht ohne eine Struktur auskommt, wurden auch die Ansprüche gegen die Zweckgesellschaften strukturiert, und zwar nach verschiedenen Risikoklassen. Die Ansprüche gegen die mit verschiedenem Risiko belasteten Wertpapiere wurden schließlich an Banken verkauft, wobei sich durch die Strukturierung eine bessere Bewertung der schlechten Wertpapiere erreichen ließ, sodass auch diese immer wieder weiterverkauft wurden. Das Beispiel zeigt, wie am Vorabend der Finanzkrise Wertpapiere hemmungslos und in komplexer Weise miteinander kombiniert werden. Alte Wertpapiere sind durch Ableitungen in den neuen präsent, Altes vermischt sich mit Neuem, ganz im Sinne der Postmoderne, sodass sich der Ausspruch vom „anything goes“ zu bewahrheiten scheint.

2. Spiel und Spieltrieb

2.1 homo ludens

Der postmodernen Kombinationsfreude wohnt eine spielerische Leichtigkeit inne, es wird experimentiert, gebastelt, ausprobiert und variiert. Wie ein kleines Kind aus einem Arsenal an Legosteinen schöpft, um immer wieder neue Gebäude und Figuren zu errichten, bedienen sich auch postmoderne Architekten oder Schriftsteller aus der Geschichte und spielen mit schon existierenden Formen und Stilmerkmalen. Angesichts der Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten ist ein großer Spielraum gegeben, sodass im Grunde genommen unaufhörlich experimentiert werden kann. In der Tat ist das Spiel eines der wesentlichen Schlagworte, die für die Postmoderne stehen. Gefördert wird das Spiel von dem postmodernen Grundsatz, dass in Künsten wie der Architektur, der bildenden Kunst, der Literatur oder dem Film alles, was der Mensch hervorbringen kann, geschaffen ist, sodass dem Innovationsstreben der Moderne ein Abbruch geleistet werden muss.[47]

Dass das menschliche Wesen ein homo ludens, also ein spielender Mensch ist, und das Spiel zu den Grundkategorien des menschlichen Handelns zählt, erläutert Johan Huizinga in seinem Werk „Homo Ludens“. Das Buch stellt ein anthropologisches Konzept vor, welches auf der These beruht, dass der Mensch durch das Spiel Kultur schafft. Beim Vergleich dieser These mit dem postmodernen Grundsatz vom Abbruch des modernen Innovationsstrebens, kommt es zum Widerspruch, denn der postmoderne Mensch spielt, weil er keine Möglichkeiten mehr sieht, Kultur zu schaffen. Anstatt Kultur zu schaffen, spielt er viel eher mit ihr selbst, indem er sie umgestaltet und variiert, wenn auch nicht nach vorne bringt, wie es das Fortschrittsstreben der Moderne will. Dennoch bleibt der postmoderne Mensch ein homo ludens, da der Drang zum Spiel auch zu seinen Wesenszügen gehört, auch wenn die teleologische Ausrichtung ein umgekehrtes Vorzeichen trägt. Weil das Kulturschaffen als Zweck obsolet wird, stellt nun das Spiel selbst den Zweck dar, sodass es zu einer Potenzierung des Spiels ganz im Sinne des postmodernen Zeitgeistes kommt.

Eine Tendenz zum Spiel ist auch im gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftswesen zu beobachten, wo in den letzten Jahren Vokabeln und Ausrücke, die aus dem Sport, Spiel oder dem Kasinomilieu kommen, in den Fachjargon Einzug gefunden haben. Immer öfter ist vom „Zocken“, von „Zaubertricks“ von „Zahlenakrobatik“ oder von „Global Playern“ die Rede. Banken oder andere große Unternehmen sind „gut aufgestellt“ oder beweisen „Teamgeist“, sie gehen ein „Risiko“ ein und müssen die „Spielregeln“ beachten. Der DAX „gewinnt“ oder „verliert“ an Punkten, Börsianer werden zu „Finanzjongleuren“ und der Kapitalismus macht eine Entwicklung durch vom Raub- zum „Kasino-Kapitalismus“. Selbst André Kostolany, der als Spekulant jede Menge Erfahrungen gesammelt hat, vergleicht die Börse mit einem „Spielsaal“[48]. Kostolany sagt aber auch, dass ohne Spekulationen nicht große revolutionäre Industrien geschaffen worden wären, was sich mit Huizingas Modell vom homo ludens als kulturschaffendem Wesen deckt. Allerdings hat die Finanzkrise gezeigt, dass das spielhafte Spekulieren in der Finanzwelt auch zerstörerische Elemente hat und dass das Spiel, wenn es extreme Ausmaße erlangt, das ganze System zum erliegen bringen kann.

Dass es zu solch verheerenden Auswirkungen gekommen ist, liegt daran, dass die Protagonisten mangelndes Verantwortungsbewusstsein an den Tag gelegt hatten, woraus sich ableiten lässt, dass sie spielten. „Denn das Spiel ist unvernünftig“[49], sagt Huizinga. Wer Verantwortung übernimmt, der spielt nicht, sondern sieht dem Ernst des Lebens direkt ins Gesicht. Spiel und Ernst sind zunächst Opponenten, doch das Spiel kann auch, wie Huizinga betont, mit vollem Ernst betrieben werden, also ernsthaft sein, weshalb er sich für die Definition „Spiel ist Nichternst“[50] entscheidet. Diese Formel findet sich auch bei Peter Sloterdijk wieder, wenn er die postmoderne Kultur durch die Parole „mit dem Nichternstmachen ernst machen“[51] charakterisiert und sie anschließend als „take-it-easy-Kultur“[52] bezeichnet. Deshalb kann auch das Finanzwesen vor Ausbruch der Finanzkrise in der postmodernen Kultur verortet werden, denn die Protagonisten, das heißt Banker, Börsianer sowie Privatpersonen, die zu Spekulanten wurden, machten mit dem Nichternstmachen tatsächlich ernst. Der Grund dafür, dass sie den Ernst und die Verantwortung bei Seite schoben, liegt in dem Finanzsystem selbst verborgen und hängt nicht zuletzt mit den bereits angesprochenen Haftungsbeschränkungen zusammen.

[...]


[1] Bernd Goebel; Fernando Suárez Müller [Hrsg.]: Kritik der postmodernen Vernunft, Darmstadt 2007, S. 12.

[2] http://plato.stanford.edu/entries/postmodernism/.

[3] Brockhaus Philosophie, Leipzig / Mannheim 2004, S. 269.

[4] Ebd., S. 269.

[5] Wolfgang Welsch: Unsere postmoderne Moderne, Weinheim 1988, S. 4.

[6] Ebd., S. 4.

[7] Vgl. Brockhaus Philosophie, Leipzig / Mannheim 2004, S. 269.

[8] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Postmoderne.

[9] http://www.art-magazin.de/kunst/15026/nicolas_bourriaud_tate_triennale.

[10] Vgl. Ebd.

[11] Vgl. Ebd.

[12] Ebd.

[13] Wolfgang Welsch: Unsere postmoderne Moderne, Weinheim 1988, S. 5.

[14] Vgl. Hans-Werner Sinn: Kasino Kapitalismus, Berlin 2010, S. 44.

[15] Vgl. Ebd., S. 63.

[16] Vgl. Ebd., S. 115.

[17] Vgl. Ebd., S. 139 ff.

[18] Vgl. Ebd., S. 163.

[19] Vgl. Ebd., S. 164.

[20] Vgl. Dirk Müller: Crashkurs, München 2010, S. 48.

[21] Vgl. Ebd., S. 51.

[22] Vgl. Ebd., S. 68.

[23] Vgl. Hans-Joachim Lenger: Woher weht der Zeitgeist. Was bleibt von der Postmoderne?, http://umgebungsgedanken.momocat.de/wp-content/uploads/2010/05/woher-weht-der-zeitgeist.6444m.pdf, S. 4.

[24] Dirk Müller: Crashkurs, München 2010, S. 54.

[25] John- François Lyotard: Das postmoderne Wissen, Wien 1994, S. 13.

[26] Ebd., S. 23.

[27] Hans-Joachim Lenger: Woher weht der Zeitgeist. Was bleibt von der Postmoderne?, http://umgebungsgedanken.momocat.de/wp-content/uploads/2010/05/woher-weht-der-zeitgeist.6444m.pdf, S. 6.

[28] Wolfgang Welsch: Unsere postmoderne Moderne, Weinheim 1988, S. 104.

[29] Vgl. Hans-Joachim Lenger: Woher weht der Zeitgeist. Was bleibt von der Postmoderne?, http://umgebungsgedanken.momocat.de/wp-content/uploads/2010/05/woher-weht-der-zeitgeist.6444m.pdf, S. 2.

[30] Vgl. Ebd., S. 2 f.

[31] Vgl. Ebd., S. 2 f.

[32] Dunja Larise: Mythos Kultur, Wien 2009, S. 123.

[33] Vgl. Hans-Joachim Lenger: Woher weht der Zeitgeist. Was bleibt von der Postmoderne?, http://umgebungsgedanken.momocat.de/wp-content/uploads/2010/05/woher-weht-der-zeitgeist.6444m.pdf, S. 2.

[34] Ulrich Schäfer: Der Crash des Kapitalismus, Berlin 2009, S. 12.

[35] Vgl. Francis Fukuyama: The End of History and the Last Man, New York 1992, S. xii.

[36] Bernhard Laum: Heiliges Geld, Tübingen 1924, S. 14.

[37] Vgl. Ebd., S. 19 ff.

[38] Vgl. Ebd., S. 25.

[39] Vgl. Ebd., S. 81 ff.

[40] Vgl. Dirk Müller: Crashkurs, München 2010, 49.

[41] Vgl. Ebd., S. 50 f.

[42] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Derivat_%28Wirtschaft%29.

[43] Vgl. Hans-Werner Sinn: Kasino Kapitalismus, Berlin 2010, S. 168.

[44] Vgl. Ebd., S. 168.

[45] Vgl. Ebd., S. 169.

[46] Vgl. Thomas Köster: Postmoderne, http://www.cpw-online.de/lemmata/postmoderne.htm.

[47] Vgl. Ebd.

[48] André Kostolany: Geld und Börse, München 2000, S. 23.

[49] Johan Huizinga: Homo Ludens, Reinbek bei Hamburg 1997, S. 11.

[50] Ebd., S. 13.

[51] Peter Sloterdijk: Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt am Main 1988, S. 130.

[52] Ebd., S. 132.

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Finanzkrise im Kontext der Postmoderne
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
101
Katalognummer
V163449
ISBN (eBook)
9783640910366
ISBN (Buch)
9783640908721
Dateigröße
795 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Finanzkrise, Postmoderne, Lyotard, Habermas, Dialektik der Aufklärung, Foucault, Kommunikation, Kommunikationstheorie, Finanzmarkt, Wirtschaft, Adorno, Horkheimer, Zitronenhandel, Hyperrealität, homo ludens
Arbeit zitieren
Eugen Zentner (Autor), 2010, Finanzkrise im Kontext der Postmoderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163449

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