Medienkultur und Bourdieus Feldtheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Medienkultur

3. Pierre Bourdieu und seine Theorie des Kräftefelds
3.a. Pierre Bordieu
3.b. Bourdieus Feldtheorie
3.c. Die Begriffe des Habitus und des Kapitals
3.d. Eigenheiten des Kräftefelds

4. Über das Fernsehen - der Zusammenhang von Medienkultur und dem Feldbegriff Bourdieus
4.a. Das Monopol einiger TV-Sender auf die Themenauswahl
4.b. Das ausschließlich ihrer Position im Feld entsprechende Handeln der Journalisten
4.c. Der schädliche Einfluss des Fernsehens auf andere Felder

5. Bourdieus Medientheorien veranschaulicht an einigen Beispielen
5.a. Bourdieus Feldtheorie veranschaulicht am Beispiel von Madonnas Kinderbuch
5.b. Bourdieus Fernsehkritik übertragen auf die deutsche Medienlandschaft

6. Kritik an Bourdieus Sichtweise

7. Zusammenfassung

8. Quellenangaben:

1. Einleitung

Audiovisuelle Medien, also z.B. vor allem das Fernsehen und das Internet, aber auch einfachere Medien, wie z.B. Bücher, Zeitschriften und der Hörfunk, haben in ihrer Gesamtheit in den letzten Jahrzehnten vor allem in den westlichen Gesellschaften einen enormen Bedeutungszuwachs erlebt und beeinflussen in nicht zu unterschätzender Weise das alltägliche Denken und Handeln eines Großteils der Menschheit. Der Begriff der Medienkultur bezeichnet, beispielsweise neben der Mediengeschichte, der Medienökonomie, dem Medienrecht oder der Medienästhetik, ein Teilgebiet der Medienwissenschaft, das sich mit dem Einfluss der Medien auf unsere Gesellschaft, unsere Kultur und auf die durch sie resultierenden Veränderungen beschäftigt (Faulstich 1994:7-8). Dabei ist Interdisziplinarität, also Überschneidungen mit anderen Wissenschaftsgebieten, wie z.B. der Rechtswissenschaft, der Kommunikationswissenschaft, der Wirtschaftswissenschaft oder der Literaturwissenschaft, nicht selten. Medien sind schließlich ein Abbild einer Gesellschaft, in der sich mitunter die gleichen Probleme wie in der Realität widerspiegeln. Auch der, neben dem der Medienkultur, zweite maßgebende Begriff in dieser Seminararbeit, der der Feldtheorie, stammt ursprünglich aus einem anderen Wissenschaftsfeld, nämlich dem der Soziologie. Der Begriff des Feldes wurde von dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu geprägt und beschreibt eine abstrakte, theoretische Grundlage für menschliche Verhaltensmuster, die mit Konkurrenzbeziehungen und Machtverhältnissen zu tun haben. Beide Begriffe, der der Medienkultur und der des Feldes, sollen in dieser Seminararbeit ausführlich erklärt werden, um dann auf das Verhältnis der beiden Begriffe zueinander einzugehen.

2. Medienkultur

Unter dem Wort Kultur versteht man in der Regel die Gesamtheit der typischen Lebensformen größerer Menschengruppen einschließlich ihrer geistigen Aktivitäten und die Gesamtheit ihres menschlichen Wirkens. Jede Kultur hat ihre Besonderheiten und ihre eigenen, für sie typischen Orientierungen. Diese Orientierungen beeinflussen das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller ihrer Mitglieder und definieren ihre Identität und Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Die Cultural Studies, also der englischsprachige, auch in Deutschland häufig verwendete Begriff für Kulturstudien, untersucht diese Lebensformen größerer Menschengruppen und ihre Veränderungen und Einflüsse auf andere kulturelle Bereiche. Es ist nicht überraschend, dass den Medien dabei in den letzten Jahrzehnten eine enorm wichtige Rolle zukommt und die Begriffe Medienkultur und Kultur in vielen Fällen schon synonym verwendet werden können (Faulstich 1994:96). Die zentrale These dieser Definition ist also: „Kultur ist in wesentlichen Teilen heute Fernseh- und Medienkultur, das heißt, das Fernsehen und die Medien sind zentrale Bestandteile heutiger Kultur“ (Faulstich 1994:98). Auch wenn diese Definition als holistisch kritisiert werden kann (Faulstich 1994:98), so soll sie dennoch in dieser Seminararbeit verwendet werden.

Um es mit einem einfachen Beispiel zu veranschaulichen: Angenommen man betrachtet alle Einwohner z.B. Deutschlands als eine Kultur (wobei das eine relativ abstrakte Vorstellung ist und man „die deutsche Kultur“ natürlich nicht so einfach von allem anderen abgrenzen kann), dann kommt der deutschen Fernsehlandschaft bei der Entwicklung und Beeinflussung von Orientierungen und der Prägung vom allgemeinen Werten und Denken eine tragende Funktion zu. Eine Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreis wird unter anderem auch dadurch definiert, dass Begriffe wie z.B. „Tagesschau“, „Tatort“, „Stefan Raab“ oder „Sat 1“ dem Großteil der Mitglieder der deutschen Kultur bekannt und geläufig sind, während sie in anderen Kulturkreisen kaum oder keine Assoziationen hervorrufen. Ähnlich könnte man auch den Einfluss von Medien auf andere Kulturen, beispielsweise auf die Hip-Hop-Kultur oder die Jugendkultur im Allgemeinen, veranschaulichen. Folglich sind Medien, wie z.B. die Fernsehlandschaft Institutionen, die Orientierungen für eine Kultur liefern, andererseits wiederum aber natürlich auch von der Kultur selbst geprägt werden. An Medien lassen sich kulturelle Entwicklungen also hervorragend analysieren, denn die Medien- und TV-Forschung liefert hervorragende Möglichkeiten dazu. Folglich bezieht sich ein Großteil der Untersuchungen im Feld der Cultural Studies auf Medien, und die Begriffe Medienkultur und Kultur werden in zunehmendem Maße identisch, obwohl man nicht vergessen sollte, dass es durchaus noch einen Unterschied gibt.

Abgesehen von dieser Definition von Medienkultur gibt es auch andere Auffassungen des Begriffs. So zählt Werner Faulstich in seinem Buch Grundwissen Medien fünf von einander unterscheidbare, etwas komplexere, enger gefasste Konzepte von Medienkultur auf. Auch wenn diese Konzepte sich gegenseitig zu großen Teilen widersprechen und auch nicht als Definition von Medienkultur in dieser Seminararbeit verwendet werden sollen, so soll doch eine davon hier kurz erwähnt werden, da sie, ähnlich wie Bourdieus Theorien, die in den nächsten Kapiteln behandelt werden, einem sehr kritischen Ansatz folgt. Diese Auffassung von Medienkultur besagt, dass der Begriff an sich widersprüchlich ist, und wird beispielsweise in Neil Postmans berühmtem Buch Wir amüsieren uns zu Tode vertreten. Gemeint ist also, dass wahre Kultur nur „Hochkultur“ sein kann, und alles, was in elektronischen Medien gezeigt wird, eine Gefahr für die wahre, anspruchsvolle Kultur darstellt. Natürlich ist dieser Kulturbegriff hier ein anderer als der in dieser Seminararbeit zu Beginn dieses Kapitels beschriebene. Der in dieser Seminararbeit verwendete Kulturbegriff bezieht sich auf die Gesamtheit der Lebensformen einer Menschengruppe, also sowohl auf die so genannte „Populärkultur“, als auch auf die so genannte „Hochkultur“, als auch auf die Gesamtheit des menschlichen Wirkens.

Andere von Werner Faulstich in seinem Buch Grundwissen Medien erörterte Auffassungen von Medienkultur grenzen den Begriff noch sehr viel weiter ab und beziehen sich beispielsweise nur auf die reine Vermittlung von Kultur oder die regionalen und nationalen Unterschiede in der Nutzung von Medien.

3. Pierre Bourdieu und seine Theorie des Kräftefelds

3.a. Pierre Bordieu

Pierre Bourdieu (1930-2002) trat zum ersten Mal gegen Ende der 1950er Jahre mit ethnografischen Veröffentlichungen zur Soziologie der sich unter dem Einfluss der Kolonialisierung wandelnden algerischen Gesellschaft wissenschaftlich in Erscheinung. Geboren in dem kleinen französischen Dorf Denguin der Provinz Béarn des französischen Départements Pyrenées Atlantiques als Sohn eines Briefträgers, wurde Bourdieu schon früh auf soziale Ungerechtigkeiten aufmerksam. Ab dem Jahr 1948 besuchte Bourdieu eine Schule in Paris, wo ihm seine Stigmatisierung aufgrund seiner Herkunft aus der Provinz und einfachen Verhältnissen bewusst wurde (Jurt 2003:23). In Paris wurde Bourdieu im Jahr 1951, als einer der besten Schüler Frankreichs, unter ihnen auch der berühmte französische Philosoph Jacques Derrida, an die Elitehochschule Ecole Normale Supérieure aufgenommen. Im Jahr 1954 schloss er dort sein Studium mit der Agrégation in Philosophie ab und ging dann wieder in die französische Provinz, um an einem Gymnasium zu unterrichten. Ein Jahr später, 1955, wurde Bourdieu zum Militärdienst nach Algerien einberufen. Betroffen über die kollektive Schuld der Franzosen am Elend und der Gewalt des Kolonialismus, begann Bourdieu über die algerische Gesellschaft zu schreiben. Seine erste Veröffentlichung zu dem Thema trug den Titel Sociologie de l’Algérie und war nur ein kleines Bändchen. Bourdieu blieb nach dem Ende seiner Militärdienstzeit in Algerien und wurde wissenschaftlicher Assistent für Philosophie an der Universität von Algier. Obwohl Bourdieus Fachgebiet die Philosophie war, verfasste Bourdieu nun bis zur Mitte der sechziger Jahre sozio-ethnologische Untersuchungen über die algerische Gesellschaftszusammensetzung. Zentraler Gegenstand von Bourdieus Theorie war nicht mehr „die“ Gesellschaft des totalisierenden, philosophischen Denkens, sondern Teilbereiche davon (Jurt 1995:75). Zurück in Frankreich unterrichtete Bourdieu in Lille und wandte seine in Algerien gesammelten Erkenntnisse über Ungerechtigkeiten von gesellschaftlichen Systemen auch auf Frankreich und insbesondere auf die französische Provinz im zentralistischen Frankreich an. 1969 übernahm Bourdieu das Centre de Sociologie an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. Endgültig den Durchbruch zum berühmten Wissenschaftler schaffte Bourdieu im Jahr 1979 mit seinem Hauptwerk Les distictions (deutsch: Die feinen Unterschiede), das eine umfassende Sozialstrukturanalyse der Gegenwart lieferte. 1981 wurde Bourdieu auf den Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France berufen, 1992 erschien eine große Untersuchung zur Genese und Struktur des literarischen Feldes (eine genaue Erklärung des Feldbegriffs folgt im nächsten Kapitel) unter dem Titel Les règles de l’art, in dem er seine Feldtheorie ausführlich ausdifferenzierte. Im Jahr 1993 erschien Bourdieus Buch Das Elend der Welt, in dem sich auf über tausend Seiten anonymisierte Interviews von Menschen fanden, die durch soziale Ungerechtigkeiten benachteiligt waren. Das Buch ließ also die Wortlosen zu Wort kommen und richtete sich nicht nur an ein wissenschaftliches Fachpublikum, sondern an die gesamte Gesellschaft, so dass über 120 000 Exemplare verkauft wurden und es Bourdieu auch in der breiten Masse populär werden ließ. Seinen soziologischen Studien entsprechend, versuchte Bourdieu mit allen Mitteln die in Frankreich entstehende „Staatsaristokratie“, die den Kontakt mit dem Volk verloren hat, zu bekämpfen. Mit streikenden Bahnarbeitern solidarisierte sich Bourdieu im Jahr 1995, mit der Arbeitslosenbewegung im Jahr 1998. Im Jahr 1996 hielt Bourdieu eine Vorlesung unter dem Titel Sur la télévison (deutsch: Über das Fernsehen), in der er die Übermacht des Fernsehens kritisierte, wobei seine Rede ironischerweise selbst im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Die gedruckte Ausgabe der Rede verkaufte sich über 150 000 Mal. Im Januar 2002 erlag Bourdieu unerwartet schnell einem Krebsleiden (Fröhlich 2009 1-8).

3.b. Bourdieus Feldtheorie

Einige der wichtigsten von Pierre Bourdieu geprägten Begriffe sind der des Feldes, des Habitus und des Kapitals. Diese Begriffe sollen nun in diesem Abschnitt ausführlich erklärt werden.

Das Feld (frz. le champ) ist, wie bereits erwähnt, ein abstrakter Begriff für einen strukturierten, gesellschaftlichen Raum und einen Bereich sozialer Kämpfe. Trotz der sozialen Auseinandersetzungen haben die Akteure (frz. agents) aber auch gleiche fundamentale Interessen (Jurt 1995:85). Es ist ein Kräftefeld, in dem es Herrscher und Beherrschte gibt. Es gibt konstante, ständige Ungleichheitsbeziehungen in diesem Raum, und es ist auch eine Arena, in der um Veränderung oder Erhaltung dieses Kräftefeldes gekämpft wird (Bourdieu 1999:57). Der Begriff, der ursprünglich aus der Physik stammt und die Theorie des Magnetismus erklärt, wurde zuerst vom deutschstämmigen Amerikaner Kurt Lewin (1890-1947) auf die Sozialwissenschaften übertragen. Bourdieu entdeckte den Begriff um 1970 für sich, bezog sich dabei aber eher auf den Religionssoziologen Gaston Bachelard als auf Lewin (Fröhlich 2009:99).

Für Bourdieu lässt sich die gesamte Gesellschaft nicht mit einer einzigen Struktur erklären. Stattdessen muss sie in einzelne, voneinander relativ unabhängige Felder aufgelöst werden. In diesen Feldern werden soziale Kämpfe zwischen den Akteuren ausgetragen. Bourdieu veranschaulicht diese Theorie gerne am Beispiel von Spielen, beziehungsweise Mannschaftssportarten wie Fußball. Wie jedes Spiel seine eigenen Spielregeln hat, so hat auch jedes Feld seine eigene Logik, seine eigenen Einsätze und seine eigenen Ziele, und alle Beteiligten müssen an diese Werte glauben. Beispielsweise muss bei einem Fußballspiel von allen Beteiligten akzeptiert werden, dass es spielentscheidend ist, ob der Ball im Tor landet. Diesen Glauben bezeichnet Bourdieu als Illusio, da die feldspezifischen Einsätze von außen mitunter als unsinnig, also illusorisch erscheinen können. Darüber hinaus gibt es laut Bourdieu in einem Feld verschiedene Arten von Macht. Mit der Macht ist dabei eine soziale Ungleichheit gemeint. Die Spielenden verfügen über Kapital und Habitus (diese Begriffe werden später in diesem Kapitel erläutert), wodurch die Grundlagen für die Handlungsressourcen der Spielenden definiert werden. Alle Akteure haben eine bestimmte soziale Position in der Struktur des Feldes, das sie in unterschiedlicher Weise dazu befähigt, auf das Feld Einfluss zu nehmen und ihre Interessen geltend zu machen (Fröhlich 2009:100).

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Medienkultur und Bourdieus Feldtheorie
Hochschule
Universität Bayreuth  (Medienwissenschaft)
Veranstaltung
HS Medienkultur
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V163939
ISBN (eBook)
9783640792719
ISBN (Buch)
9783640792856
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medienkultur, Bourdieus, Feldtheorie
Arbeit zitieren
B.A: Uwe Mehlbaum (Autor), 2010, Medienkultur und Bourdieus Feldtheorie , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163939

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