Die Liebesbeziehung als Ressource zur Kompensation von Unsicherheit


Hausarbeit, 2010

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzzusammenfassung

1 Einleitung

2 Unsicherheit in der postmodernen Gesellschaft
2.1 Verschiedene Aspekte postmoderner Unsicherheit
2.2 Unsicherheit als Stressor

3 Die Liebesbeziehung als Ressource zur Bewältigung von Unsicherheit
3.1 Emotionale Unterstützung durch den Partner
3.2 Konkrete Unterstützung durch den Partner

4 Die Unsicherheit der Sicherheit − das Paradoxon der Liebe
4.1 Unsicherheit als Bedrohung der Liebesbeziehung
4.2 Unsicherheit als Notwendigkeit der Liebesbeziehung

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Kurzzusammenfassung

In der individualisierten postmodernen Gesellschaft, welche von Ungewissheit und Kontingenz geprägt ist, sieht sich der Einzelne mit einer Reihe von Unsicherheiten und Verantwortlichkeiten konfrontiert, welche häufig stresserzeugend auf ihn einwirken und die zu bewältigen oftmals eine große Herausforderung darstellt. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Liebesbeziehung in ihrer möglichen Funktion als Ressource zur Bewältigung typischer postmoderner Unsicherheiten zu untersuchen und festzustellen, inwiefern sie als zuverlässige Kraftquelle herangezogen werden kann.

Als wesentliche Stressoren des postmodernen Lebensalltags werden zum einen die unvorhersehbaren Veränderungen im Umfeld des Menschen identifiziert, zum anderen liegt ein Quell der Unsicherheit in allen zu treffenden Entscheidungen, die ihm ein hohes Maß an Eigenverantwortung bei nur geringen Orientierungsmöglichkeiten abverlangen. Zur Kompensation dieser Unsicherheiten kann der Mensch die Liebesbeziehung einerseits als Fluchtweg nutzen, was kurzfristig von den ursprünglichen Stressoren ablenkt, jedoch langfristig gesehen, da auf unguten Voraussetzungen fußend, selbst neue Unsicherheit erzeugt. Andererseits kann er, wenn eine Beziehung mit echter Bindung entsteht, aus dieser sowohl emotionale wie auch konkrete Unterstützung durch den Partner gewinnen, selbst wenn sich diese aufgrund ihrer eigenen Unbestimmtheit immer nur auf die Gegenwart, jedoch nie auf die Zukunft beziehen kann. Die Besonderheit der in diesem Fall als gesunde Beziehung zu bezeichnenden Partnerschaft liegt in der Bedingung, dass sie zur Absicherung ihrer eigenen Stabilität selbst nicht ganz frei von jeglicher Unsicherheit sein darf. Wird dieser Aspekt berücksichtigt und akzeptiert, so kann die Liebesbeziehung durchaus auch langfristig als Ressource zur Stressbewältigung genutzt werden, wenn gleichzeitig nicht auf das Ausbilden und Einsetzen eigener innerer Ressourcen verzichtet wird.

1 Einleitung

Technischer Fortschritt, rasantes Wachstum und vor allem die damit einhergehende Individualisierung haben in den vergangenen Jahrzehnten die Struktur westlicher Gesellschaften maßgeblich verändert und durchziehen sämtliche Lebensbereiche:

„Wir leben in einer Welt allgemeiner Flexibilität, unter Bedingungen akuter und auswegloser Unsicherheit, die alle Aspekte des individuellen Lebens durchdringt − die Sicherung des Lebensunterhalts ebenso wie die Suche nach Partnern, sei es in Liebesbeziehungen oder bei der Durchsetzung gemeinsamer Interessen, die Parameter professioneller und kultureller Identitäten und die Art und Weise der Selbstpräsentation in der Öffentlichkeit ebenso wie das Regime von Gesundheit und Fitneß, die orientierungsrelevanten Werte ebenso wie die Art der Orientierung an diesen Werten“ (Bauman 2003: 160).

Durch diesen Umstand wird nicht nur das alltägliche Leben und Handeln der Menschen beeinflusst, sondern im selben Zuge haben auch ihr Empfinden und Denken, ihre Sorgen und ihre Wünsche einen Wandel durchlaufen. Mit der immer stärker beobachtbaren Auflösung traditionaler Bindungsmuster und institutioneller Handlungsvorgaben ergibt sich einerseits eine völlig neue Dimension der Verantwortlichkeit für den Einzelnen, welche ihn mit Unsicherheit bezogen auf sein selbstgesteuertes Handeln und Verhalten belädt. Andererseits kommen Unsicherheiten aus der unmittelbaren und mittelbaren Mitwelt hinzu, die sich aus der wachsenden Ungewissheit um die Verlässlichkeit relevanter Lebensumstände wie Arbeitsplatzsicherheit, zwischenmenschlicher Beziehungen und Umwelteinflüsse ergeben. Die entsprechende Unbestimmtheit, welche unsere hochkomplexe Gesellschaft bis in die hintersten Ecken und Enden durchzieht, geht mit einer steigenden Anzahl psychischer Erkrankungen − allen voran die Depression − einher, die in enger Korrelation zu Empfindungen wie Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und sozialer Zersplitterung gesehen wird (vgl. Walker 2008: 135). Damit stellt die auf das Individuum heruntergebrochene Unsicherheit einen bedeutenden Stressor unserer Zeit dar, den zu entschärfen jeder Einzelne nach eigenem Bedarf und Vermögen für sich selbst in die Hand nehmen muss.

Eine mögliche Ressource für die Bekämpfung von Unsicherheit bietet die feste Bindung an einen Partner im Rahmen einer Liebesbeziehung. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es zu untersuchen, inwiefern eine Liebesbeziehung, welche selbst all den Unsicherheiten der postmodernen Gesellschaft unterworfen ist, tatsächlich als verlässliche Ressource zum Kompensieren von Unsicherheit dienen kann.

Hierzu wird im ersten Schritt skizziert, welchen Aspekten der Unsicherheit der Mensch in der Postmoderne ausgesetzt ist und wie diese als Stressoren auf ihn einwirken beziehungsweise seine Psyche beeinflussen (Kapitel 2). Im nächsten Schritt wird beleuchtet, in welcher Form die Liebesbeziehung als Ressource der Stressbewältigung dienen und damit eine sicherheitsstiftende Funktion einnehmen kann (Kapitel 3). Anschließend wird das Paradoxon der Liebe − kurz: die These, nach welcher Sicherheit in der Liebe ohne ein gewisses Maß an Unsicherheit nicht möglich ist − vorgestellt (Kapitel 4), um auf dieser Basis fußend die Frage nach der faktischen Verlässlichkeit der Ressource „Liebesbeziehung“ zu erörtern und eine Aussage zu treffen, ob die Liebesbeziehung ein probates Mittel zur Bekämpfung innerer Unsicherheit in der Postmoderne ist (Kapitel 5).

2 Unsicherheit in der postmodernen Gesellschaft

Als ein die Moderne überschreitender Bestandteil derselben ist die Postmoderne ein Zeitalter, in welchem die Gesellschaft nicht mehr länger in der Lage ist, Ordnung zu garantieren und in welcher alle Ordnungen stattdessen von Ambivalenzen infiltriert und unterhöhlt werden (vgl. Junge 2006: 79). Diese Ambivalenzen bringen sowohl Aspekte der Unsicherheit wie auch Ungewissheit für den Einzelnen mit sich, welche sich aus psychologischer Sicht folgendermaßen beschreiben und differenzieren lassen: „We use the term ‚ambiguity’ to refer to lack of clarity of meaning in the environmental display, and the term ‚uncertainty’ to refer to a person’s mental confusion about its meaning“ (Folkman et al. 1979: 276). Aus dieser Definition wird deutlich, dass der Terminus der Unbestimmtheit sich auf die Verhältnisse einer spezifischen Umwelt bezieht, während der Ausdruck der Unsicherheit auf Verwirrung in Hinblick auf Vorgänge und Eindrücke in der menschlichen Psyche abzielt. Beide Gesichtspunkte sind nicht voneinander trennbar, sondern gehen in Abhängigkeit von der Konstitution des Einzelnen in relativem Maße miteinander einher.

Die Unbestimmtheit, die durch die Kontingenz sowie die stetige Möglichkeit der unerwarteten Wandlung und Veränderung lebensbestimmender Umstände für das Individuum in der heutigen Zeit entsteht, kann in mehrfacher Weise einen bedrohlichen Charakter besitzen: Zum einen ist das alltägliche Leben permanent von Unsicherheit durchzogen, da Weniges bis gar nichts − von der individuellen beruflichen und familiären Situation über den Freundes- und Bekanntenkreis bis hin zu globalen Aspekten wie politischer Sicherheit und ökologischen Strukturen − als dauerhaft sicher und vorhersagbar antizipiert werden kann. Zum anderen kann im Falle einer tatsächlich eintretenden unvorhergesehenen Entwicklung der Lebensumstände, beispielsweise durch Arbeitsplatzverlust oder Zerbrechen der Ehe, Unsicherheit bezogen auf die jeweils einzusetzenden regulativen zukunftsgerichteten Maßnahmen entstehen. Im folgenden Abschnitt wird näher beschrieben, wodurch genau diese Unsicherheiten aus soziologischer Perspektive gekennzeichnet sind und welche Bedeutung sie für das Individuum haben, um anschließend darauf einzugehen, inwiefern sie aus psychologischer Sicht einen Stressor für die menschliche Gefühlswelt darstellen.

2.1 Verschiedene Aspekte postmoderner Unsicherheit

Per definitionem sprechen wir dann von sozialem Wandel, „wenn sich die Strukturen der Gesellschaft, ihre Institutionen oder zentralen Werte verändern“ (Abels 2007: 332). Dass sich die Lebensumstände in den vergangenen Jahrzehnten mit zunehmender Individualisierung deutlich gewandelt haben steht außer Frage, ebenso wie unumstritten ist, dass damit eine Freisetzung der Individuen aus gewohnten Traditionen und Verpflichtungen, sozialen Bindungen und Rahmenvorgaben einhergegangen ist1. Stimmen, welche die neu gewonnene Freiheit aus gesellschaftswissenschaftlicher Sicht kritisch beurteilen, reichen von ihrer Bezeichnung als eine Mischung aus Chancen und Risiken (vgl. Beck 1986: 116, 207) bis hin zum Fluch der Verantwortung für das Individuum und der Betonung, dass die vorherrschende Form der Freiheit durchaus nicht ein Garant für Glück sein müsse (vgl. Bauman 2003: 27 ff.).

Ulrich Beck (1994) sieht mit dem Wandel sozialer Strukturen und Werte der vergangenen Jahrzehnte, dem Aufbrechen von Selbstgestaltungsmöglichkeiten in den sozialen Beziehungen und den daraus resultierenden individualisierten Existenzformen, den Menschen in ein Labyrinth der Verunsicherung hineingeraten und beschreibt mit seiner Theorie der Zweiten Moderne eine Gesellschaft der Gegenwart, die sich in einem offenen Übergangs- stadium zwischen Bruch und Kontinuität der traditionalen Klassengesellschaft befindet, wodurch eine Reihe neuer charakteristischer Strukturen und Gefahren entstehen (vgl. S. 55 ff.). Dieser Zustand kann gewissermaßen als eine von außen einwirkende Unsicherheit interpretiert werden, der der Mensch ausgesetzt ist und welche er in Eigenregie kompensieren muss.

Auch Zygmunt Bauman (1995) betrachtet das Individuum der Postmoderne aufgrund der fehlenden koordinierenden und zielsetzenden Führung eines von außen vorgegebenen gesellschaftlichen Bezugsrahmens in Hinblick auf sein alltägliches Handeln und Wirken als weitgehend autonom (vgl. S. 225 ff.). Dieser Gedanke ist jedoch nicht derart zu verstehen, dass jegliche Ordnung vollkommen abhanden gekommen wäre, sondern muss umgedacht werden von einer statischen, fixen Struktur in einen andauernden, immer wieder neu erforderlichen Akt des Ordnens im Sinne eines ständigen Prozesses „des Relationierens von Interessen, Bedürfnissen und Beziehungen, ohne dass eine längerfristige Stabilität erreicht wird“ (vgl. Junge 2006: 110). Die Erfüllung dieser Aufgabe in Bezug auf die Selbst- konstitution liegt gänzlich in den Händen des Einzelnen, der stetig darauf zu achten hat, dass seine selbstgemachte Identität stabil genug ist, um von anderen akzeptiert zu werden, und gleichzeitig flexibel genug, um bei zukünftig erwarteten wechselnden Bedingungen nicht zu behindern (vgl. Bauman 2003: 63). Durch diesen Tatbestand entsteht praktisch zusätzlich zu der von außen kommenden Ungewissheit ein Gefühl der inneren Unsicherheit in Bezug auf das individuelle Selbstbild des Einzelnen und die Richtigkeit eigenverantwortlich getroffener Entscheidungen. Aus Sicht des Sozialpsychologen Erich Fromm (1983) hat die Freisetzung des Individuums in der Postmoderne somit im Rahmen ihrer dialektischen Tendenz zweierlei Wirkung auf den Menschen: „Er wird unabhängiger, er verläßt sich mehr auf sich selbst und wird kritischer; er wird aber andererseits auch isolierter, einsamer und stärker von Angst erfüllt“ (S. 95). Dieses Gefühl, hat es sich erst einmal entwickelt oder etabliert, stellt für den Menschen eine besondere psychische Herausforderung dar.

2.2 Unsicherheit als Stressor

Die Unsicherheit, welche mit der aus individueller wie auch gesellschaftlicher Freiheit in Bezug stehenden Ungewissheit der Postmoderne einhergeht, beeinflusst den Menschen emotional, kognitiv und damit schließlich auch handlungsweisend. Unsicherheit wirkt dabei oftmals als Stressor auf das Individuum ein. Unabhängig davon, von welcher Definition des Begriffs Stressor man ausgeht − im weitesten Sinne und über die verschiedenen sich mit dem Thema beschäftigenden psychologischen Ansätze hinweg, hat Stress immer etwas mit der Beziehung zwischen Organismus und Umwelt zu tun (vgl. Nitsch 1981: 29). Richard Lazarus (1977), ein amerikanischer Psychologe und Stressforscher, beschreibt Stressoren als „demands that tax or exceed the resources of the system or, to put it in a slightly different way, demands to which there are no readily available or automatic adaptive responses“ (S. 109). Da Anforderungen als Bezugsmoment meist als etwas dem Menschen Äußeres auftreten, können Stresssituationen in Anlehnung an diese Definition auch beschrieben werden als Sachlagen, in denen ein Anpassungsproblem auftaucht, welches dem Menschen abverlangt, einen gefährde- ten Anpassungszustand zu verteidigen, sich an neue Umweltgegebenheiten anzupassen oder sein eigenes Leben gegen Widerstände zu gestalten (vgl. Nitsch 1981: 40).

In Bezug zu der dieser Arbeit zugrunde liegenden Fragestellung sollen zwei stresserzeugende Stimuli postmoderner Lebensumstände hervorgehoben werden: Zum einen kann ein subjektives Gefühl der Unsicherheit durch unterschiedlichste Faktoren ausgelöst werden, die innerhalb des Menschen entstehen und sich direkt auf sein emotionales Empfinden auswirken. Einer dieser Faktoren ist Unsicherheit bezogen auf das eigene Selbst. Durch die Vielfalt an Perspektiven, welche dadurch entstehen, dass der Mensch nunmehr viele Wertvorstellungen und Meinungen in sich vereint, sowie durch die Vielzahl an Beziehungen, in die er mit seinen Mitmenschen tritt, wird laut Gergen (1990) das Selbst als Entität ersetzt durch das Selbst als Konstruktion und Knotenpunkt und damit auch die objektive Wahrheit zu einer Sache des momentanen Standpunkts und der sozialen Aushandlungsprozesse (vgl. 192 ff.).

[...]


1 Dies soll nicht heißen, dass nicht gleichzeitig neue Rahmenvorgaben entstanden sind, jedoch bestehen hierüber in der gesellschaftswissenschaftlichen Theorie unterschiedliche Ansichten, die für den Ausgangsgegenstand der vorliegenden Arbeit − der Freisetzung der Individuen und der damit einhergehenden Unsicherheit − nicht primär relevant sind.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Liebesbeziehung als Ressource zur Kompensation von Unsicherheit
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V164335
ISBN (eBook)
9783640792092
ISBN (Buch)
9783640791187
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unsicherheit, Liebesbeziehung, Stressbewältigung
Arbeit zitieren
Jasmin Dittmar (Autor), 2010, Die Liebesbeziehung als Ressource zur Kompensation von Unsicherheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164335

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