Wahrnehmung und Gestaltpsychologie als Grundlage der Prototypentheorie


Hausarbeit, 2010

15 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. ‚Wahrnehmung’, ‚Gestalt’ und ‚Kategorisierung’ als zentrale Begriffe der Prototypentheorie
2.1 Der Wahrnehmungsbegriff
2.2 Farbwahrnehmung und ‚Farbkonstanz’
2.3 Die Definition der Gestalt
2.4 Massstäbe der Kategorisierung
2.4.1 Die klassische Kategorisierung nach Aristoteles
2.4.2 Kategorisierung nach Rosch
2.5 Eleanor Roschs Basic-Level-Model

3. Zusammenfassung

4. Bibliographie

1. Einleitung

Die Prototypentheorie ist kein autonomes Konstrukt, welches von Sprachwissen- schaftlern allein zum Zweck der Kategorisierung von Wörtern, Wortarten und Begriffen generiert wurde. Das Thema der Kategorisierung taucht bereits in der griechischen Antike bei Aristoteles auf und wurde im Laufe der Jahrhunderte vielfach beleuchtet und von verschiedenen Disziplinen aufgegriffen, modifiziert und durch neue Bedingungen definiert. Ein Zitat des Linguisten George Lakoff dürfte die Notwendigkeit und Natürlichkeit des kognitiven Kategorisierungsprozesses am ehesten verdeutlichen:

There is nothing more basic than categorization to our thought, perception, action, and speech. Every time we see something as a kind of thing, for example, a tree, we are categorizing. Whenever we reason about kinds of things chairs, nations, illnesses, emotions, any kind of thing at all - we are employing categories. Whenever we intentionally perform any kind of action, say something as mundane as writing with a pencil, hammering with a hammer, or ironing clothes, we are using categories. […] And any time we either produce or understand any utterance of any reasonable length, we are employing dozens if not hundreds of categories: categories of speech sounds, of words, of phrases and clauses, as well as conceptual categories. (Lakoff 1987, 5f)

Vor Allem die Wahrnehmungs- und Gestaltpsychologie haben das Konzept der Kategorisierung um die Theorie des perzeptionsabhängigen Prototypen im letzten Jahrhundert erweitert und herausgearbeitet wie sich ein Prototyp vom anderen durch dessen spezifische Gestalt unterscheidet. Dafür wurden die klassischen Kategorisierungsschemata herangezogen, überprüft und oftmals neu definiert. Im Bereich der Sprachwissenschaft hat Eleanor Rosch in den 70er Jahren neue Definitionen zur Kategorisierung von Prototypen erarbeitet.

In dieser Arbeit möchte ich den historischen Verlauf der Kategorisierung nachzeichnen und die verschiedenen Einflussfaktoren skizzieren, welche zur Gestaltung der Protoypentheorie beigetragen haben. Dabei möchte ich Eleanor Rosch zu einem späteren Zeitpunkt zwei eigene Kapitel (2.4.2 und 2.5) widmen, um ihren Ansatz zu verdeutlichen.

Zunächst aber werde ich auf die Begriffe der Wahrnehmung im Allgemeinen und der Gestalt eingehen, ehe ich mich der Thematik der Kategorisierung zuwende und schließlich zur Prototypentheorie gelange. Im folgenden Kapitel soll nun das Konzept der Perzeption oder Wahrnehmung kurz vorgestellt werden.

2. ‚Wahrnehmung’, ‚Gestalt’ und ‚Kategorisierung’ als zentrale Begriffe der Prototypentheorie

2.1 Der Wahrnehmungsbegriff

Der Begriffsdefinition der Wahrnehmung selbst und die Disziplin der Wahrnehmungspsychologie entstammt philosophischen Betrachtungen Ende des 20. Jahrhunderts.

Sucht man heute im psychologischen Wörterbuch von Dorsch nach einer Definition des Wahrnehmungsbegriffes, so findet man dies: Wahrnehmung (=W.), Perzeption [engl. perception ], Vorgang und Ergebnis der Reizverarbeitung. Das Ergebnis ist ein Abbild objektiv-realer Umwelt und der eigenen Person (Innenwelt). [...] Prozesse und Ergebnisse sowie Modelle und Theorien der W. sind Gegenstände der Wahrnehmungspsychologie. Der Begriff Wahrnehmung ist unscharf definiert. (Dorsch 2009, 1082)

Wie so oft im Bereich der Psychologie, fällt auch hier vor allem der letzte Satz ins Auge, der darauf verweist, dass leider keine klare Definition möglich ist. Kein Wunder bei einem so komplexen Vorgang wie dem des Wahrnehmens, bei dem so viele Reize, Rezeptoren und neuronale Verknüpfungen beteiligt sind. Auf das Problem der Unschärfe komme ich im Kapitel 2.4.2 noch einmal ausführlich zu sprechen.

Wie dieser Prozess der Wahrnehmung (perceptual process) einigermaßen vereinfacht dargestellt werden kann, sieht man in folgendem Schema:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Goldstein 2008, 4)

Die Reihenfolge der einzelnen Begrifflichkeiten darf nicht als linear vorausgesetzt werden und beweist die Komplexität eines solchen Prozesses wie dem der Wahrnehmung. Wenn ein Mensch ein Objekt wahrnimmt, so filtert er1 bereits aus allen verfügbaren und potentiellen wahrnehmbaren Reizen, diejenigen heraus die er genauer betrachten (hier greift schon der Begriff der Handlung) möchte. Welche Stimuli seine genauere Betrachtung hervorrufen wurde bereits vorher durch die Instanzen Wissen und Erkennen bestimmt. Während das Wissen - welches ausserhalb steht und die Wahrnehmung beeinflusst - abgleicht, ob dieses Objekt bereits jemals irgendwo wahrgenommen wurde oder eine Vorkenntnis darüber existiert, sucht das Erkennen in seinem schier unerschöpflichen Archiv nach Kategorisierungs- und Zuordnungsmöglichkeiten. Das Ergebnis dieses Zusammenspiels der Instanzen ist dann bestenfalls Neugier, weil das Objekt an sich eben ‚neu’ und unbekannt ist oder weil irgendetwas an diesem Objekt so noch nicht betrachtet wurde. In beiden Fällen folgt die Handlung des genaueren Betrachtens. Der Rest besteht aus biochemischen Prozessen, auf die ich hier nur noch kurz eingehen möchte. Der verfügbare Stimulus wird an die entsprechenden Rezeptoren weitergegeben, die elektronische Energie wird transformiert (Transduktion), neuronal verarbeitet und anschließend in der Festplatte des Wissens gespeichert (vgl. Goldstein 2008, 4-6).

Welche Faszination dieser Wahrnehmungsprozess selbst auf um Sachlichkeit bemühte Wissenschaftler ausübt, wird bei Metzger deutlich:

Dem Menschen, der unbefangen um sich schaut, kommen seine eigenen Augen wie eine Art Fenster vor. Öffnet er die Vorhänge, die Lider, so ‚ist’ da draußen die sichtbare Welt der Dinge und der anderen Wesen. […] Eines Tages wird klar, daß nicht nur die blendende und schmerzende Sonne, sondern auch jedes harmlose und unauff ä llige Ding auf die Augen ‚ einwirkt ’, und daß überhaupt kein Sehen möglich ist ohne diese geheimnisvollen Vorg ä nge, die auch aus den größten Entfernungen von der Oberfl ä che aus bis in die Augen des Betrachters hineingelangen. (Metzger 1975, 15) Hauptaugenmerk der Erforschung der Perzeptionsprozesse waren oftmals Farben und Formen. Während sich im letzten Fall aus den Betrachtungen zur Form die Theorien und Gesetze zur Gestalt und ihrer Wahrnehmung entwickelten, auf die ich in Kapitel 2.3 explizit eingehen werde, konzentrierte sich die Wissenschaft im ersten Fall mit den Vorgängen der Farbwahrnehmung, womit sich das nächste Kapitel befassen wird.

2.2 Farbwahrnehmung und ‚Farbkonstanz’

Die Wahrnehmung von Farben spielt für den Menschen seit jeher eine essentielle Rolle, was sich auch heute noch problemlos anhand von Alltagsbeispielen belegen lässt. Schließlich wählt ein Konsument während des Einkaufs z.B. eine Banane nach ihrer ‚Gelbhaftigkeit’ und damit nach ihrem Reifegrad aus. Ebenso hat der zivilisierte Mensch bereits im Kleinkindalter gelernt, dass eine rote Ampel zum Stehenbleiben auffordert. Durch Farben werden also Signale ausgesandt, die beim Empfänger bestimmte Reaktionen hervorrufen. Dadurch wird deutlich, dass der Empfänger entweder durch ‚try and error’ oder durch Imitation zuvor gelernt hat, Objekte aufgrund ihrer Farbe zu erkennen und zu unterscheiden, was wiederum zur Kategorisierung beiträgt (vgl. Goldstein 2008, 156).

Welche Farben dabei zur Unterscheidung grundlegend notwendig sind haben Maler bereits vor Jahrhunderten erarbeitet, denn die Farbenlehre mit ihren Komplementär- farben Rot, Gelb und Blau ist so alt wie die Malerei selbst. Aus diesen drei Farbelementen lassen sich meist beliebig viele Farbvariationen zusammen stellen. Die Wahrnehmungsforscher haben die Komplementärfarben um die Farbe Grün erweitert und diese vier zu den Grundfarben erklärt und aufgrund eines Versuchs bestätigt: In diesem Versuch werden Personen verschiedene Farben vorgelegt, welche sie beschreiben sollen. Solange die Versuchspersonen zur Beschreibung auf die vier Grundfarben zurückgreifen dürfen gelingt ihnen die Zuordnung problemlos, aber nicht sobald sie eine der vier weglassen müssen (vgl. Goldstein 2008, 157).

Wieso aber kann man Farben überhaupt wahrnehmen? Eine Antwort darauf haben die Naturwissenschaftler schon bald gefunden als sie festellten, dass „Lichtstrahlen […] nicht selbst farbig [sind], sondern je nach Wellenlänge […] im Menschen bestimmte Farben ‚erweckt’ [werden]“ (Metzger 1975, 16).

Jeder Gegenstand besitzt also die Fähigkeit „Licht von bestimmten Wellenlängen besser als solches von anderen zurückzuwerfen“ (Lorenz 1959, 23). Selbst, wenn sich das Licht der Umgebung ändert, nimmt das Gehirn den Gegenstand in seiner immer gleichen Farbe wahr, wie dies schon Lorenz zum Thema der Farbkonstanz genauer beschrieben hatte:

Ich sehe die Platte meines Schreibtisches in immer gleicher, hellbrauner Farbe, gleichgültig, ob ich sie im bläulichen Morgenlicht, im stark rötlichen Licht des späten Nachmittags oder im gelben Licht der elektrischen Glühbirne betrachte. Tatsächlich reflektiert die Platte unter diesen verschiedenen Umständen jedesmal sehr verschiedene Wellenlängen, davon teilt mir meine Wahrnehmung aber merkwürdigerweise nichts, oder nur sehr wenig, mit. (Lorenz 1959, 23)

[...]


1 Wenn ich hierbei von einem Er spreche, so sei auch die weibliche Gattung der Spezies Mensch mit eingeschlossen.

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Details

Titel
Wahrnehmung und Gestaltpsychologie als Grundlage der Prototypentheorie
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2.0
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V164354
ISBN (eBook)
9783640792320
ISBN (Buch)
9783640792382
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahrnehmung, Gestaltpsychologie, Grundlage, Prototypentheorie
Arbeit zitieren
Giuseppe Stein (Autor), 2010, Wahrnehmung und Gestaltpsychologie als Grundlage der Prototypentheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164354

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