Weil er gleichermaßen an die Teilung wie an die Wiedervereinigung einer Gesellschaft erinnern will, ersetzt der 3. Oktober seit 1990 den 17. Juni als deutschen Nationalfeiertag. Tatsächlich reichen die langfristigen Folgen der Teilung weit über den Niedergang der DDR hinaus. Bezeichnend genug ist, dass auch 20 Jahre nach dem Mauerfall ein Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten ausreichend Anlass bietet, um über die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit des Begriffs „Unrechtsstaat“ im Zusammenhang mit der DDR zu debattieren.
Wie totalitär war die DDR demzufolge? Durchwanderte der Einfluss von SED und Stasi alle Bereiche des Lebens? Eine Einstufung als totalitär setzt die Erfüllung dieses Kriteriums voraus. Dass die SED totalitäre Ansprüche hatte, ist unumstritten. Sie machte keinen Hehl daraus, dass ihr angepeiltes Ziel die Entbürgerlichung der Gesellschaft war, die nach marxistischer Logik determiniert aus dem Klassenkampf resultieren würde. Während in der Bundesrepublik ein Generationenwandel offensichtlich mit einem Wertewandel einherging, der seine Höhepunkte in den siebziger Jahren feierte, setzte die SED alles daran, einen Mentalitätswandel nach kommunistischen Standards durchzusetzen. Die vorliegende Arbeit will untersuchen, welcher Instrumente sich die Einheitspartei dabei behalf, und ob und inwiefern es der SED gelungen ist, Lebensstile und Mentalitäten in der ostdeutschen Gesellschaft zu steuern. Weil sich der gewünschte Wertewandel „von oben“ auf das Bürgertum spezifizierte, legt auch die vorliegende Arbeit ihr Hauptaugenmerk auf diese Gesellschaftsschicht. Anhand der Darstellung der Situation des Bürgertums in der DDR soll präsentiert werden, wie weit die Suggestion im SED-Staat reichte. Analysiert werden soll auch die Frage nach den Möglichkeiten des Widerstands gegen die oktroyierte Ideologie. Aus diesem Grund widmet sich die Arbeit in einem Kapitel dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 und untersucht die Frage nach bürgerlicher Beteiligung an dem Protest. Als empirische Grundlage für die Analyse dienen die Kernmilieus der ostdeutschen Bürgerlichkeit, nämlich die bürgerlichen Parteien sowie die protestantische Kirche. Dem voran geht eine knappe theoretische Einordnung der Bourgoisie in die soziologische Einteilung von sozialen Klassen und Schichten.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Hauptteil
1. Die Situation des Bürgertums nach 1945
1.1 Das Bürgertum im sozialen Bewusstsein
1.2 Charakteristika des Bürgertums
2. Das Prinzip „Arbeiter- und Bauernstaat“ und die Lage der Bürgerlichen in der SBZ und der frühen DDR
2.1 Die bürgerlichen Parteien
2.1.1 Die DDR-CDU
2.1.2 Die LDP
2.2 Die Blockpolitik
3. Der 17. Juni 1953 und die Träger des Volksaufstands
3.1 Die Akteure am 17. Juni 1953
3.2 Wertewandel von unten?
4. Die DDR als Nischengesellschaft: Bürgerliches Kernmilieu protestantische Kirche
III Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob es der SED gelang, die ostdeutsche Gesellschaft durch eine gezielte „Entbürgerlichung“ nach kommunistischen Standards umzuformen, und analysiert hierbei insbesondere das Verhalten des bürgerlichen Kernmilieus, repräsentiert durch bürgerliche Parteien und die protestantische Kirche.
- Analyse der Strategien der SED zur Unterbindung bürgerlicher Lebensstile.
- Untersuchung der Rolle bürgerlicher Parteien (CDU, LDP) im frühen DDR-Parteiensystem.
- Bewertung des Einflusses der protestantischen Kirche als Rückzugsort bürgerlicher Traditionen.
- Erforschung von Widerstandspotenzialen und bürgerlicher Beteiligung am 17. Juni 1953.
- Gegenüberstellung von staatlich verordnetem Wertewandel und gesellschaftlicher Realität.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Die DDR-CDU
Obwohl sich die Ost-CDU auch in der SBZ bei ihrer öffentlichen Gründung am 26. Juni 1945 als nichtmarxistische Partei definierte, kann man sie mit Blick auf ihr Nachkriegs-Wahlprogramm nicht als wirtschaftsliberale Partei bezeichnen. In ihrem Gründungsaufruf in Berlin sahen sich die Initiatoren der Partei einem „Trümmerhaufen sittlicher und materieller Werte“ gegenüber und richteten die Plakate zur Mitgliederwerbung ausdrücklich an die Arbeiterschaft. Selbst die Formulierungen, in Du-Form gehalten, erinnern eher an ein sozialistisches denn an ein klassisch konservatives Parteiprogramm.
„Wir stehen vor dem Anfang einer Zeitenwende! Das bürgerlich-kapitalistische Zeitalter ist vorbei! Dem Sozialismus gehört die Zukunft! Doch wahrer Sozialismus heißt nicht Kollektivismus, verantwortungsbewusster Sozialismus nicht Vermassung! Arbeiter! Bist Du für eine sinnvoll gelenkte Planwirtschaft? Bist Du für einen gerechten Ausgleich der Kriegslasten? Bist Du für eine soziale Preis- und Lohnpolitik? Dann kämpfe mit uns für einen Sozialismus aus christlicher Verantwortung, für vollste Freiheit der Persönlichkeit, für echte demokratische Selbstverwaltung!“
Dieser Auszug aus einer Mitgliederwerbung der Berliner CDU aus dem Jahr 1946 veranschaulicht die Nachfrage nach sozialer Sicherheit und materiellen Werten besonders im zerstörten Berlin. Allein an der öffentlich programmatischen Darstellung der CDU lässt sich kein elementarer Widerstand gegen die sozialistischen Ambitionen der Besatzungsmacht erkennen. Vielmehr erscheint sie als zwar anti-kommunistische, aber ebenso anti-bürgerliche Alternative zur wiedergegründeten KPD. Als gewissermaßen links-konservative Partei rundete die frühe Ost-CDU das Parteiensystem der DDR keineswegs nach rechts ab. Sie wollte ausdrücklich Volkspartei sein und bot einem exklusiven Bürgertum deshalb nicht unbedingt ein Forum zur politischen Entfaltung.
Zusammenfassung der Kapitel
Die Situation des Bürgertums nach 1945: Dieses Kapitel erörtert die historische Ausgangslage des Bürgertums in der unmittelbaren Nachkriegszeit, das sich sowohl intern als auch extern in einer Krise befand.
Das Prinzip „Arbeiter- und Bauernstaat“ und die Lage der Bürgerlichen in der SBZ und der frühen DDR: Es wird analysiert, wie die sowjetischen Besatzer und die SED die bürgerlichen Parteien systematisch in ihre Blockpolitik integrierten und deren politischen Handlungsspielraum beschnitten.
Die bürgerlichen Parteien: Dieser Abschnitt untersucht die Rolle und das Programm von DDR-CDU und LDP und bewertet, inwieweit diese Parteien dem bürgerlichen Kernmilieu als politische Vertretung dienten oder durch das Regime instrumentalisiert wurden.
Die Blockpolitik: Das Kapitel beleuchtet den Zusammenschluss der Parteien zur „Einheitsfront“ und den damit verbundenen Zwang zur Kooperation unter der Aufsicht der SMAD.
Der 17. Juni 1953 und die Träger des Volksaufstands: Hier wird die Beteiligung des bürgerlichen Milieus an den Protesten untersucht und die Frage erörtert, ob der Aufstand als reiner Arbeiteraufstand oder als gesamtgesellschaftliches Ereignis zu werten ist.
Die Akteure am 17. Juni 1953: Die Analyse fokussiert sich auf die streikenden Belegschaften der Großbetriebe und deren Forderungen nach Freiheit und demokratischer Mitbestimmung.
Wertewandel von unten?: Es wird diskutiert, warum der Versuch eines staatlich verordneten Wertewandels „von oben“ scheiterte und wie sich gesellschaftlicher Widerstand in der Privatsphäre formierte.
Die DDR als Nischengesellschaft: Bürgerliches Kernmilieu protestantische Kirche: Dieses Kapitel analysiert die protestantische Kirche als Rückzugsort bürgerlicher Traditionen und bewertet die Gratwanderung zwischen institutionellem Selbsterhalt und Anpassung an den sozialistischen Staat.
Schlüsselwörter
DDR, SED, Bürgertum, Entbürgerlichung, Arbeiter- und Bauernstaat, Blockpolitik, 17. Juni 1953, protestantische Kirche, Sozialstruktur, DDR-CDU, LDP, Widerstand, Nischengesellschaft, Wertewandel, totalitärer Machtanspruch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Umgang der SED mit dem Bürgertum in der DDR zwischen 1945 und 1961 und geht der Frage nach, ob der Versuch einer vollständigen Entbürgerlichung der Gesellschaft erfolgreich war.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Struktur der DDR, die Rolle bürgerlicher Parteien im Parteienblock, der Einfluss der protestantischen Kirche sowie die Analyse von Protesten wie dem 17. Juni 1953.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu ergründen, ob und wie die SED Lebensstile und Mentalitäten in der ostdeutschen Gesellschaft steuern konnte und welche Rolle bürgerliche Milieus dabei einnahmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historisch-soziologischen Analyse, wobei auf bestehende Literatur, Dokumente der Parteigeschichte und Archivforschungen zur Entnazifizierung und Blockpolitik zurückgegriffen wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Situation des Bürgertums nach 1945, die Struktur der bürgerlichen Parteien, den Einfluss der SMAD auf die Politik sowie die Rolle der Kirche und oppositioneller Strömungen im Kontext des SED-Regimes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Schlüsselbegriffe sind Entbürgerlichung, DDR-Gesellschaft, bürgerliches Kernmilieu, Blockparteien, Arbeiter- und Bauernstaat und gesellschaftlicher Wandel.
Warum spielt die protestantische Kirche eine zentrale Rolle für die Analyse?
Die protestantische Kirche diente in der DDR oft als geschützter Raum für den Erhalt bürgerlicher Werte, obwohl sie sich gleichzeitig mit dem schwierigen Spagat zwischen systemkritischem Widerstand und staatlicher Kooperation auseinandersetzen musste.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit über den Erfolg des SED-Projekts?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die SED zwar die Bürgerlichkeit aus der Öffentlichkeit verdrängen konnte, aber an ihrem sozialen Anspruch scheiterte, da bürgerliche Werte und Forderungen nach Freiheit auch in der Arbeiterschaft und im Privaten fortbestanden.
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- Isabelle Daniel (Author), 2009, Das Projekt „Arbeiter- und Bauernstaat“ – Gelang der SED die Entbürgerlichung der DDR-Gesellschaft? Ein Porträt der ostdeutschen Sozialstruktur 1945-1961, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164486