Der Sudan: Zwischen Bürgerkrieg, umfassendem Frieden und Sezession des Südens

Weak state, failing state, oder gescheitertes nation building? - Eine Fallstudie zum Phänomen Sudan


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
33 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Personenverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse nach Schneckener
2.1 Sicherheit
2.1.1 Gewaltmonopol und Gewaltakteure
2.1.2 Kriminalität
2.1.3 Äußere Konflikte
2.1.4 Bürgerkrieg und Terrorismus
2.2 Wohlfahrt
2.2.1 Infrastruktur und Bildung
2.2.2 Armut
2.2.3 Volkswirtschaftliche Faktoren
2.3 Legitimität
2.3.1 Politische Partizipationsmöglichkeiten
2.3.2 Rechtsstaatlichkeit
2.3.3 Stabilität
2.3.4 Sezessionsbestreben und der umfassende Friede

3. Einordnung in die Kategorien von Staatszerfall
3.1 Der Sudan: zwischen failing und weak state
3.2 oder gescheitertem nation building ?

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang 1: Historischer Überblick seit der Unabhängigkeit des Sudan

Anhang 2: Karten des Sudan

Anhang 3: Volksgruppen im Südsudan

Anhang 4: Einteilung des Staatszerfalls nach Schneckener

Anhang 5: Aufgezeichnete Zwischenfälle 1992-2007

Anhang 6: Karte der wichtigsten Gewaltakteure im Sudan

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Es ist grundsätzlich zu hinterfragen, ob der Sudan in seiner jetzigen Form [im Jahr 2004] mittelfristig die Voraussetzung für eine stabile und dauerhafte Staatlichkeit besitzt. Denn die zunehmenden ökonomischen und politischen Widersprüche zwischen Zentrum und Peripherien, sowie die kulturellen Unterschiede insbesondere zwischen Nord und Süd bedrohen das ohnehin schwache Staatswesen.“[1]

Zu dieser Analyse gelangten Belal und Öhm 2004, zu einem Zeitpunkt als die Darfur-Krise ausgebrochen war. Der Sudan ist in der Tat seit seiner Unabhängigkeit von der englisch-ägyptischen Herrschaft im Januar 1956 nahezu durchgehend von innerstaatlichen Konflikten heimgesucht worden. Ursache dieser Antagonismen und Spannungen sind keineswegs – wie lange Zeit von westlichen Experten formuliert – nur auf Nord-Süd-Differenzen zwischen arabisch geprägten Eliten aus dem Niltal und diversen schwarzafrikanischen, meist christlichen Volksgruppen aus dem Südsudan zu reduzieren. „Dass diese Perspektive Konflikte innerhalb des Südens und insbesondere auch innerhalb des Nordens ausblendete, wurde für die internationale Gemeinschaft jedoch 2003 mit Ausbruch der Rebellion im (nord-) westsudanesischen Darfur unübersehbar.“[2] Nichtdestotrotz handelt es sich bei der heutigen Republik Sudan um einen Einzelfall in Afrika: Sie ist weder durch europäischen Kolonialismus, noch aus eigener Kraft heraus entstanden[3]. Die Republik Sudan „ist das Produkt des Kolonialismus der ottomanischen Ägypter.“[4] Darüber hinaus verkörpert dieses Land eine Brücken-[5] - oder besser - eine Pufferfunktion zwischen dem arabisch-islamischen Norden und dem afrikanisch-traditionell und christlich geprägten Süden des Kontinents.

Schon vor der Unabhängigkeit brach im August 1955 ein Bürgerkrieg zwischen Khartum und Juba[6] aus, der erst durch das Friedensabkommen von Addis-Abeba 1972 (kurzzeitig) geschlichtet werden konnte. Zu dieser Zeit waren die Ursachen für die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Tat noch hauptsächlich auf die Unterdrückung des Südens durch den islamischen Norden zurückzuführen.[7] Eine arabische Minderheit um die Hauptstadt Khartum herum nutzte „staatliche Macht und Ressourcen auf Kosten anderer Bevölkerungsgruppen“[8]. Desweiteren wurden aktiv Maßnahmen zur Arabisierung und Islamisierung des überwiegend christlichen Südens unternommen.[9] Bis zum Friedensabkommen von Addis Abeba 1972 kostete der Bürgerkrieg über eine Million Menschen das Leben.[10] Der Schlichtungsvertrag gewährleistete dem Süden eine Autonomieregierung. 1983 wurde jedoch unter Oberst Muhammad an-Numairi, dem neuen Staatsoberhaupt seit 1969, die Autonomieregierung abgeschafft, die Scharia und Islamisierungs- sowie Arabisierungsbestrebungen wieder aufgenommen. Dies führte zur Gründung der Sudan People Liberation Movement/Army (SPLM/A)[11] mit dem Ziel der Schaffung eines „neuen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systems im Sudan“[12], sowie zum zweiten Bürgerkrieg der offiziell bis 2005 anhielt.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, der Frage nachzugehen, ob und inwiefern von vorhandener, effektiver Staatlichkeit des Sudan gesprochen werden kann.[13]

In der wissenschaftlichen Literatur besteht generell Konsens darüber, dass Staatszerfall seit dem Ende des Ost-West-Konflikts ein häufiges anzutreffendes Phänomen ist.[14] Jedoch werden divergierende Definitionen und damit einhergehende differente Messbarkeitskriterien angewandt. Der Begriff Staat an sich wird unterschiedlich definiert[15], was eine Operationalisierung des Zerfalls von Staaten – oder genauer der Formen fragiler Staatlichkeit[16] - und dessen Vergleich erheblich erschwert.

2. Analyse nach Schneckener

Für die vorliegende Arbeit wurde das Analyseraster von Schneckener[17] ausgewählt. Der Grund hierfür liegt in der längsschnittartigen Analyse, die neben dem ‚klassischen‘ Gewaltmonopol auch wohlfahrtsstaatliche, infrastrukturelle Dienstleistungen wie Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen mit einbezieht. Auch öffentlich-rechtlich verfasste Medien können als „Elemente staatlicher Ordnung aufgefaßt werden“[18]. Darüber hinaus fließt in das Analyseraster auch der Grad an politischer Legitimität, wie freie Wahlen oder das Einhalten der Menschenrechte, mit ein. Um den Verlustgrad der staatlichen Steuerungsfähigkeit zu analysieren, werden die drei Funktionen moderner Staatlichkeit näher betrachtet. Diese sind – so Schneckener – Sicherheit, Wohlfahrt und Legitimität.[19] Zusammen bilden sie „den Kernbereich moderner Staatlichkeit.“[20]

2.1 Sicherheit

Da der Sudan – wie oben beschrieben - seit seiner Unabhängigkeit der Schauplatz von zwei lang andauernden Bürgerkriegen[21] war, gewinnt der Sicherheitsaspekt und insbesondere die Frage nach dem Gewaltmonopol respektive Gewaltoligopol an Bedeutung. Desweiteren soll auf exogene Konflikte und sicherheitspolitische Faktoren hingewiesen werden, die Einfluss auf die endogene Sicherheitsarchitektur haben. Abschließend wird der Bürgerkrieg und dessen Beilegung betrachtet.

2.1.1 Gewaltmonopol und Gewaltakteure

Da aus der regulären sudanesischen Armee oft das Staatsoberhaupt hervorging, ist das Militär – so Makinda – die „post potent political force in Sudan.“[22] Wegen ihrer Rolle als Gewaltakteur verfügt die Armee auch über politische Macht: Offiziere übten auf verschiedene (zivile) Regierungen Druck aus, um den Interessen des Militärs nachzukommen. So erhielt Mahdi beispielsweise am 20. Februar 1989 ein Memorandum, in dem das Ende der pro-lybischen Haltung der Regierung und eine Minderung des Einflusses der islamischen Fundamentalisten gefordert wurden. Mahdi stand mit dem Rücken zur Wand und musste eine neue Regierung bilden.[23] Die Streitkräfte stellten jedoch keineswegs eine homogene Truppe mit einheitlichem Korpsgeist dar[24]: Islamische Fundamentalisten haben die sudanesische Armee unterwandert[25] und ebenso den Konflikt mit dem christlich geprägten Südsudan mit Leichtigkeit für ihre Zwecke nutzen und instrumentalisieren können. Das absolute Gewaltmonopolgebiet des Militärs beschränkt sich auf einige Bundesstaaten im Zentrum des Sudan.

Neben diesem staatlichen, gibt es im Sudan jedoch auch eine Reihe parastaatlicher Akteure. Im Folgenden sollen die wichtigsten aufgezeigt werden.

Wie oben erwähnt kam es schon vor der Unabhängigkeit zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Khartum und südsudanesischen Guerillabewegungen. Seit der Aufhebung der Autonomieregierung 1983 dominiert die ursprünglich marxistisch ausgerichtete SPLA[26] die diversen (teil-)autonomen Guerillaströme im Süden des Landes. Insbesondere nach der Entdeckung von Erdölvorkommen in Südkordofan und Upper Nile[27] und deren industrieller Ausbeutung in den 1990er Jahren gewann die SPLA an Zuwachs und übertraf die ethnisch-tribale Anya Nya II[28] an Truppenstärke. Die SPLA war bis zum Friedensabkommen 2005 „trotz mehrerer Spaltungen, der wichtigste parastaatliche Akteur im Südsudan.“[29] Die Gründe für Lagerkriege und damit einhergehende Aufspaltungen sind ethnischen- und machtpolitischen Ursprungs. So kam es im August 1991 zu einem tiefgründigen Riss innerhalb der SPLA: Riek Mashar, ein SPLA-Anführer aus der Volksgruppe der Nuer, spaltete sich von der durch die Dinka dominierten SPLA um John Garang[30] ab. Der durch Mashar gegründete autonome Arm wird auch als Nasir-Gruppe bezeichnet. Diese Spaltung führte zu weiteren und die einzelnen Gruppierungen bekämpften sich auch untereinander. Mit dem Friedensabkommen von 2005 stellte die SPLA die Kämpfe mit Regierungstruppen offiziell ein.

Das bis 1916 unabhängige Sultanat Darfur beheimatet ebenfalls Gewaltakteure. Auch in dieser Gegend, die sich aus den Bundesstaaten Gharb Darfur, Schamal Darfur und Dschanub Darfur zusammensetzt, kann kein einheitlicher, monopolistischer Gewaltakteur ausgemacht werden. Hier trafen seit dem 14. Jahrhundert[31] arabische Nomaden auf sesshafte afrikanische Gesellschaften um den Gebel Marra[32]. „Neben der Rivalität um Wasser und Land existierte auch ein ökonomischer und gesellschaftlicher Austausch.“[33] In den 1980er und 1990er Jahren weicht dieses meist friedliche Nebeneinander kämpferischen Auseinandersetzungen. Schmidinger führ dies auf drei Gründe zurück: (i) auf politische, (ii) auf ökonomische und (iii) auf ökologische.

[...]


[1] Belal, Öhm 2004, S. 2.

[2] Berg 2008, S. 28.

[3] Sogenannte home-grown countries, wie beispielsweise Äthiopien.

[4] Prunier, Gisselquist 2003, S. 101.

[5] Vgl. Lees, Brooks 1977, S. 7.

[6] Stadt im Südsudan. Vgl. dazu Anhang 2.

[7] Vgl. Biel 2007, S. 35.

[8] Biel 2007, S. 35.

[9] Vgl. Biel 2007, S. 35.

[10] Vgl. Ebd.

[11] Vgl. Makinda 1992, S. 38–39.

[12] Biel 2007, S. 36.

[13] Wobei es zu beachten gilt, dass eine Analyse und eine damit einhergehende Klassifizierung immer nur eine Momentaufnahme widerspiegelt. Staatlichkeit verfügt hingegen über einen prozessualen Charakter, sodass ein failing state zu einem failed state werden kann. Eine lineare Entwicklung ist jedoch nicht zwingend, da exogene, wie auch endogene Faktoren die Prozesshaftigkeit beeinflussen.

[14] Vgl. Tetzlaff, S. 38.

[15] Eine Vielzahl an Staatstheorien ist vorzufinden: So beispielsweise die soziologische Staatstheorie nach Max Weber, die den Staats über seine exklusiv zur Verfügung stehenden Mittel definiert, die völkerrechtliche Definition die sich auf Georg Jellinek beruft, oder aber die funktionalistische Theorie, die den Staat als Prozess und nicht als Akteur sieht. Vgl. dazu z.B. Lambach 2002 S. 12 ff.

[16] Vgl. Schneckener 2003, S. 11.

[17] Vgl. Schneckener 2003, S. 12 ff. und Schneckener 2004, S. 10 ff. Vgl. dazu auch Anhang 4.

[18] Schneckener 2004, S. 10.

[19] Vgl. Schneckener 2004, S. 12.

[20] Schneckener 2004, S. 12.

[21] Der erste von 1955 bis 1972, der zweite von 1983 bis 2005. Letzterer kostete 2,9 Millionen Menschen das Leben. Vgl. Biel 2007, S. 35 f.

[22] Makinda 1992, S. 42.

[23] Vgl. Makinda 1992, S. 42.

[24] Vgl. Ebd.

[25] Vgl. o. V. 2010c, S. 9.

[26] Vgl. Schmidinger 2006, S. 195.

[27] Vgl. Schmidinger 2006, S. 195 f.

[28] Vgl. Ebd.

[29] Schmidinger 2006, S.196.

[30] Vgl. Makinda 1992, S. 46 f. Vgl. Dazu auch Anhang 3. John Garang kam 2005 durch einen Hubschrauberabsturz ums Leben. Der offizielle Grund hierfür war schlechtes Wetter. Salva Kiir Mayardit löste Garang an der Spitze der SPLM ab.

[31] Vgl. Schmidinger 2006, S. 198.

[32] Gebel: arabisch für Berg, Gebirge.

[33] Schmidinger 2006, S. 198.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Der Sudan: Zwischen Bürgerkrieg, umfassendem Frieden und Sezession des Südens
Untertitel
Weak state, failing state, oder gescheitertes nation building? - Eine Fallstudie zum Phänomen Sudan
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
HS Staatszerfall
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
33
Katalognummer
V165284
ISBN (eBook)
9783640809615
ISBN (Buch)
9783640809516
Dateigröße
1342 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sudan, zwischen, bürgerkrieg, frieden, sezession, südens, weak, eine, fallstudie, phänomen, fragile Staatlichkeit, Staatszerfall, failed state, failing state, Südsudan, Analyse, Friedenssicherung
Arbeit zitieren
Jean A. Charar (Autor), 2010, Der Sudan: Zwischen Bürgerkrieg, umfassendem Frieden und Sezession des Südens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165284

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