Juden in Deutschland nach 1945


Seminararbeit, 2009

27 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Auswanderung und Rückwanderung der jüdischen Bevölkerung

3. Rechtslage der Juden in Deutschland

4. Die jüdischen Gemeinden

5. Leben und Akzeptanz der jüdischen Bevölkerung

6. Antisemitismus und die Suche nach einem jüdischen Staat

7. Die psychologischen Folgen des Holocausts

Bibliographie

1. Einleitung

Die Geschichte der Juden, deren Verfolgung und deren Suche nach einem eigenen Staat ist lang. Sowohl im Mittelalter, als auch in der frühen und späten Neuzeit wurden Juden in den unterschiedlichsten Ländern hingerichtet, verfolgt, ausgebeutet oder ausgegrenzt. Die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 in Deutschland stellen die Spitze dieser menschenverachtenden Ereignisse dar. Unter dem nationalsozialistischen Regime Adolf Hitlers und der NSDAP wurden die in Deutschland lebenden Juden ausgegrenzt und verfolgt. Innerhalb dieser zwölf Jahre wurden sieben Millionen Menschen jüdischer Herkunft ermordet. Hunderttausende Juden, die den Holocaust überlebten, erlitten große körperliche oder psychische Schäden. Etwa vier Millionen Menschen gelang es, während der nationalsozialistischen Regierungszeit aus Deutschland zu fliehen und in Frankreich, Tschechien oder Polen ein neues Leben zu beginnen.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Geschehnissen nach dem Holocaust ab 1945. Sie zeigt auf, was mit den überlebenden Juden passiert ist, wie sie behandelt wurden und wo sie ihre Zukunft verbracht haben. Die Arbeit zeigt auf, in welche Staaten die deutschen Juden auswanderten und erklärt die Beweggründe hierfür. In diesem Zusammenhang werden Statistiken eingeflochten, die die Entwicklung der jüdischen Bürgeranzahl in der BRD sowie die der DDR aufzeigen und die Werte der 50er Jahre mit denen der folgenden Jahrzehnte bis hin zur heutigen Situation vergleichen. Darüber hinaus wird der Fokus auch auf die Frage nach der religiösen Akzeptanz gelegt. Die Frage, ob die Judenausgrenzung im Jahr 1945 ihr Ende gefunden hat oder ob sie auch darüber hinaus in Deutschland oder in anderen Staaten eine Fortsetzung fand, wird thematisiert. Auch das Leben derjenigen, die trotz der prägenden Geschehnisse in Deutschland geblieben sind, wird analysiert. Die Lebensperspektive dieser Menschen wird herausgearbeitet und mit denen der ausgewanderten Juden verglichen. Auch der psychologische Aspekt der jüdischen Vergangenheitsbewältigung und der damit verknüpften Frage, ob es den jüdischen Bürgern seelisch überhaupt noch möglich war, in Deutschland zu bleiben, wird in dieser Arbeit berücksichtigt. Die Rechtslage des jüdischen Lebens in Deutschland, Schadensersatzansprüche jüdischer Bürger, die Bildung von jüdischen Gemeinden und Organisationen in Deutschland, die jüdische Staatensuche sowie die Wanderbewegung zurück nach Deutschland werden zudem thematisiert.

Diese Arbeit bedient sich zahlreicher Literatur, die auch den neusten Forschungsstand einbindet. Das Thema stand in der Geschichtswissenschaft besonders häufig im Fokus, sodass es besonders viel Literatur und Forschungsmaterial aufweist. Diese Arbeit analysiert zahlreiche Forschungen beziehungsweise Literatur zu diesem Thema und vergleicht diese miteinander.

2. Auswanderung und Rückwanderung der jüdischen Bevölkerung

Die Vorgehensweise mit den überlebenden deutschen Juden sowie denen, die nach Deutschland verschleppt worden waren, wurde von den Alliierten bereits während des Zweiten Weltkriegs geplant. Im Jahr 1944 wurde beschlossen, diese Menschen aus Deutschland heraus zu bringen und in andere Länder umzusiedeln. Die Auswanderung wurde den deutschen Juden also auferlegt, sodass sie durch die Siegermächte die Möglichkeit bekamen, Deutschland zu verlassen, aber keinesfalls dazu gezwungen wurden. Mit dieser Auswanderungsmaßnahme war verbunden, dass andere europäische Länder verpflichtet waren, deutsche Juden aufzunehmen. Die überlebenden Juden wurden von den Alliierten als „displaced persons“, zu Deutsch „entwurzelte Personen“, bezeichnet. Insgesamt überlebten rund 15.000 deutsche Juden, die sich bis zuletzt in Deutschland aufhielten, die NS-Zeit.[1] Diese überstanden Gefangenschaften in Konzentrationslager, hielten sich versteckt oder lebten als Ehepartner von nichtjüdischen Deutschen. Etwa 400.000 Juden waren zuvor ins Ausland geflüchtet und hatten Deutschland zwischen den Jahren 1938 und 1945 verlassen.[2] Von diesen kehrte nach dem Jahr 1945 nur eine geringe Zahl nach Deutschland zurück. Diese wenigen Rückkehrer waren in den allermeisten Fällen wiedergekommen, weil sie soziale Verbindungen in Deutschland hatten und von der Sehnsucht nach Verwandten und Freunden geleitet wurden.

Eine große Anzahl von Juden, nämlich rund 200.000, kamen in den Jahren 1945 bis 1948 von Osteuropa nach Deutschland.[3] Diese flüchteten vor Antisemitismus und osteuropäischen Judenpogromen, von denen trotz der Beendigung der deutschen Judenverfolgung vor allem in Russland und Polen zahlreiche existierten, sodass Juden auch nach dem deutschen Holocaust keinesfalls überall in Europa sicher leben konnten. „Der traditionelle Antisemitismus, genährt durch die jüngste Vernichtungswelle, sowie die Befürchtung, die überlebenden Juden würden ihr Eigentum zurückfordern, führte in den Jahren 1945 bis 1947 zu regelrechten Pogromen, in denen über 1.000 Juden ihr Leben lassen mussten; mehr als in dem Jahrzehnt vor Kriegsbeginn.“[4] Allein in Kielce wurden im Juni 1946 bei einem Pogrom innerhalb weniger Tage 47 Juden ermordet.[5] Die osteuropäischen Flüchtlinge waren aufgrund dieser Ereignisse aus Konzentrationslagern oder Zwangsarbeit geflohen. Die jüdische Fluchtorganisation Brichah hatte die Juden aus der Gefangenschaft befreit und zumeist in die amerikanische Besatzungszone nach Bayern umgesiedelt, wo rund 184.000 osteuropäische Juden unterkamen. In die britische Besatzungszone wurden zirka 15.000 Juden gebracht; in die französische etwa 1.000.[6]

Diese Flüchtlinge galten als „displaced persons“ und standen unter dem Schutz der amerikanischen Armee. Sie lebten in riesigen Lagern, die mit Stacheldraht umzäunt und bewacht wurden, um diese Menschen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besaßen, kontrollieren zu können. „Die großen Lager in Bergen-Belsen, Föhrenwald, Landsberg, Berlin und so weiter waren in den Jahren bis 1950 die eigentlichen Zentren jüdischen Lebens und Überlebens auf deutschem Boden.[7] Die jüdischen Gemeinden lagen versteckt und wurden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. „In ihrer Zurückgezogenheit lagen die jüdischen Gemeinden in der Tat außerhalb des öffentlichen Interesses.“[8] Der Aufenthalt dieser Flüchtlinge in Deutschland sollte nur übergangsweise geschehen und bis zur Gründung des Staates Israel zeitlich begrenzt sein. Die Aussiedlung der osteuropäischen Juden nach Deutschland war im Jahr 1945 die einzige Möglichkeit, da die Einreise nach Palästina illegal war und weil auch die USA aufgrund ihrer geringen Immigrationsbereitschaft nicht dazu bereit war, Juden aufzunehmen. Aufgrund der rund 200.000 osteuropäischen Juden in Deutschland, gründeten sich in den ersten Nachkriegsjahren auch einige soziale und politische jüdische Organisationen in Deutschland, die die Interessen der Flüchtlinge zunehmend vertraten. Somit bestand die weitaus größte Zahl der in Deutschland zwischen den Jahren 1945 und 1948 lebenden Juden aus Osteuropäern.

Deutsche Juden, die die NS-Zeit überlebt hatten oder nach Deutschland zurückgekehrt waren, gab es nur wenige, nämlich zirka 50.000. Die Zahl setzt sich aus den rund 15.000 Juden, die ununterbrochen in Deutschland geblieben waren, und etwa 35.000 Juden, die während der NS-Zeit ins Ausland geflohen waren, zusammen.[9] Die nach dem Jahr 1945 zurückkehrenden Juden kamen wieder, weil in anderen, vor allem osteuropäischen Ländern ebenfalls zunehmende antisemitische Stimmung herrschte, aus politischen Gründen oder weil sie in Deutschland ein Unternehmen oder Besitz hatten. Unter diesen Rückkehrern waren auch zahlreiche Prominente und Künstler, die während des Holocausts ins Ausland geflohen waren. Der Komponist Hanns Eisler, die Philosophen Theodor Adorno, Max Horkheimer und Ernst Bloch oder die Schriftsteller Anna Seghers und Stefan Heym sind Beispiele für jüdische Rückkehrer nach Deutschland. Die meisten jüdischen Prominenten kehrten in den Westen Deutschlands zurück. Jüdischen Gemeinden traten sie in der Regel jedoch nicht bei. Insgesamt lebten zwischen den Jahren 1945 und 1948 also rund 250.000 Juden, davon die weitaus meisten übergangsweise, in Deutschland. Im Jahr 1948 wurde der Staat Israel gegründet. Damit war die Übergangszeit der rund 200.000 osteuropäischen Juden beendet, die nun nach Israel gebracht wurden. Für die bürokratische Abwicklung der Auswanderung der Juden von Deutschland nach Israel wurde das Büro „Jewish Agency“ ins Leben gerufen. Nicht nur die osteuropäischen, sondern auch die deutschen Juden nutzten vielfach die Möglichkeit, nach Israel auszuwandern. Bereits nach wenigen Wochen waren rund 20.000 deutsche Juden emigriert. Bis zum Jahr 1950, als die „Jewish Agency“ schloss, waren zirka 40.000 deutsche Juden nach Israel ausgewandert, sodass lediglich rund 10.000 Juden weiterhin in Deutschland blieben.[10] Diese hatten sich in Deutschland entweder eine gewinnbringende Existenz aufgebaut, hatten Reichtum erlangt, hatten einen deutschen Partner geheiratet oder waren zu schwach, um die strapaziöse Reise nach Israel auf sich zu nehmen. Im Jahr 1953 schloss schließlich auch das israelische Konsulat in München, das genau wie die „Jewish Agency“ für die Auswanderung der Juden zuständig war.

Die rund 10.000 verbliebenen Juden lebten in jüdischen Gemeinden. Aufgrund ihres hohen Durchschnittalters ging man damals davon aus, dass die Zahl an Juden in Deutschland weiter zurückgehen würde und dass sich die jüdischen Gemeinden im Laufe der Jahre komplett auflösen würden, was bereits nach weniger als zehn Jahren auch der Fall war. Die meisten Juden, die in Deutschland geblieben sind, galten als heimatlose Ausländer und blieben staatenlos. Der Staat Israel pflegte mit Deutschland keinerlei diplomatische Beziehungen und empfand große Abneigung gegenüber diesem Land. Israel mied Deutschland und beschloss, dass es keinerlei Dialoge geben dürfe. Unter diese Maßnahme fiel auch, dass niemand, der im Besitz eines israelischen Passes war, nach Deutschland einreisen durfte. Jeder Pass war mit dem Vermerk „not valid for travel to or in Germany“ ausgestattet, woran sich die deutschen Behörden ausnahmslos richten mussten.

Bis zur deutschen Wiedervereinigung waren es seit dem Jahr 1945 nie mehr als 30.000 Juden, die insgesamt in beiden deutschen Staaten lebten, wenn man die kurzzeitige Aufnahme von rund 200.000 osteuropäischen Juden außen vor lässt. Ab dem Jahr 1990 stieg die Zahl der Juden in Deutschland erstmals über 30.000 an, da im Zuge der Auflösung der Sowjetunion viele russische Juden ins Ausland immigrierten.[11] Mehr als eine Million Juden verließen die Sowjetunion beziehungsweise ihre Nachfolgestaaten in den darauf folgenden zehn Jahren. Bis zum Jahr 1998 wanderten rund 45.000 russische Juden nach Deutschland aus. Nach Israel emigrierten etwa 800.000 russische Juden und zirka 400.000 Juden siedelten in die USA um.[12] Auch nach dem Jahr 1998 kamen weitere Juden von Osteuropa nach Deutschland, sodass inzwischen rund 100.000 Juden in Deutschland leben. Der größte Teil von ihnen ist in den vergangenen 18 Jahren aus osteuropäischen Staaten emigriert. Diese Entwicklung zeigt, dass die meisten Juden keine Abscheu oder Hass mehr zu Deutschland empfinden. Bei diesen Einwanderern handelt es sich um die zweite oder dritte Generation nach dem Holocaust, sodass diese nicht mehr direkt vom Antisemitismus betroffen waren und die Wunden der Vergangenheit also weitestgehend geheilt zu sein scheinen.

3. Rechtslage der Juden in Deutschland

Im Zuge des neuen Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, das am 23. Mai 1949 in Kraft trat, erhielten die in Deutschland lebenden Juden ihr Bürgerrecht, das ihnen in der Zeit des Nationalsozialismus seit dem Jahr 1933 abgesprochen worden war, zurück. Die Vertreibung durch die Nationalsozialisten, die durch ein Ausbürgerungsgesetz rechtlich festgelegt worden war, wurde somit zurückgenommen. Dies wurde im Gesetzesartikel 116 festgesetzt, der folgendermaßen lautete: „Frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassistischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge sind auf Antrag wieder einzubürgern. Sie gelten als nicht ausgebürgert, sofern sie nach dem 8. Mai 1945 ihren Wohnsitz in Deutschland genommen haben und nicht einen entgegen gesetzten Willen zum Ausdruck gebracht haben“.[13] Die Ausbürgerung von jüdischen Deutschen wurde also rückgängig gemacht, sofern sie zwischen den Jahren 1945 und 1949 einen deutschen Wohnsitz aufweisen konnten und damit einverstanden waren, einen deutschen Pass zu erhalten.

Allerdings machten nur sehr wenige vertriebene Juden von dieser Gesetzesänderung Gebrauch, da sie überwiegend Deutschland verließen. Das Recht der deutschen Staatsbürgerschaft konnte jedoch auch auf die Kinder und Enkel der vertriebenen Juden übertragen werden. Aus diesem Grund kehrten später zahlreiche Nachkommen nach Deutschland zurück, um die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Da sie auch auf im Ausland lebende Nachkommen übertragbar war, stieg auch die Zahl der außerhalb Deutschlands lebenden Juden mit deutschem Pass im Laufe der Jahre enorm an. Vor allem in den vergangenen Jahren, insbesondere ab 2002, ist ein deutlicher Anstieg dieser Zahl festzustellen. Im Jahr 2005 lebten in Israel rund 60.000 Juden mit deutschem Pass, die also die deutsche Staatsbürgerschaft in Anspruch genommen haben.[14]

4. Die jüdischen Gemeinden

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden in Westdeutschland zahlreiche jüdische Gemeinden. Diese wurden in Landesverbänden zusammengefasst. Die Gemeinden riefen diverse jüdische Institutionen ins Leben. Dabei handelte es sich um soziale Einrichtungen für bedürftige Juden wie Altenheime, Pflegeheime, Krankenhäuser, Übernachtungsmöglichkeiten sowie Essensausgaben. „This community is a corporate body of Jews recognized by the German government and regulated as a quasi-governmental agency.“[15] Die jüdischen Nachkriegsgemeinden waren Provisorien und sollten nach wenigen Jahren wieder aufgelöst werden. Sie waren karikativ aktiv und sollten in Deutschland lebenden Juden helfend zur Seite stehen. Abgesehen von den jüdischen Gemeinden gab es in Deutschland nach dem Jahr 1945 kaum noch Juden. Vereinzelte Juden, die außerhalb dieser Gemeinden lebten, wohnten in Städten. Das Landjudentum, die überwiegend im Hunsrücker Raum sesshaft geworden waren, gab es nicht mehr.[16] Neben den jüdischen Gemeinden existierten ab dem Jahr 1945 auch weitere jüdische Hilfsorganisationen wie beispielsweise die JRSO. Diese Institutionen erhielten sämtliches Privatvermögen von verstorbenen deutschen Juden, die keine Erben hinterließen sowie das von aufgelösten jüdischen Organisationen in Deutschland.

Durch die Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 16. Mai 1949 erwuchs das Bedürfnis einer überregionalen, alle jüdischen Organisationen zusammenfassende Institution. Daher wurde im Jahr 1950 durch die Abgeordneten der jüdischen Gemeinden und Landesverbände der Zentralrat der Juden gegründet. Diese Dachorganisation bildete einen Interessenverbund aller jüdischen Gemeinden und deren rund 15.000 Mitglieder.[17] Trotz der Gründung des Zentralrats dauerte es acht Jahre lang, bis die jüdischen Gemeinden von jüdischen Weltorganisationen anerkannt wurden. Erst im Jahr 1953 war dies durch den Besuch eines Vertreters des Jüdischen Weltkongresses namens Nahum Goldmann der Fall. Im Zuge dieser späten Anerkennung wurde den jüdischen Gemeinden ab dem Jahr 1953 der Besitz von Synagogen und Gemeindehäusern erlaubt sowie eine finanzielle Unterstützung bewilligt, was am 10. September 1952 durch das „Luxemburger Abkommen“ zwischen Deutschland und Israel besiegelt wurde, bei dem eine Wiedergutmachungsregelung festgelegt wurde.[18] Nichts desto trotz wurden die in Deutschland lebenden Juden auch nach dem Jahr 1953 von Israel nicht als vollwertige Juden angesehen. Die jüdischen Institutionen in Israel und den USA mieden die deutschen Juden nach wie vor und sahen sie nicht als Teil der jüdischen Glaubensgemeinschaft, der Diaspora, an, weil sie deren Verbleib in Deutschland ablehnten und nicht akzeptieren wollten.

Die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder schrumpfte in den Folgejahren erheblich, sodass die jüdischen Gemeinden im Jahr 1961 nur noch zirka 1.500 Juden aufwiesen.[19] Die Gründe hierfür lagen an der Überalterung und dem damit verbundenen Bevölkerungsschwund, an Auswanderungen nach Israel sowie am Austritt aus den jüdischen Gemeinden, um bessere Chancen auf einen sozialen Aufstieg zu erlangen. Junge Juden wanderten fast ausnahmslos nach Israel aus, sodass die Überalterung der in Deutschland gebliebenen Juden immer mehr voran schritt. Ein finanzieller Grunderwerb war den jüdischen Gemeindemitgliedern zugesichert, sodass sie in der Regel nicht in Armut leben mussten. Allerdings war die finanzielle Hilfe in Höhe von monatlich 154 DM für Männer und 146 DM für Frauen äußerst niedrig.[20] Hinzu kamen bei finanzieller Not die Zahlung der Miete sowie eine kleine Rente für Erwerbsunfähige. Durch die Überalterung und aufgrund des hohen Anteils an Kranken und körperlich Geschädigten war nach 1950 nur ein Drittel der Juden in Deutschland erwerbstätig.[21]

Hierbei muss man jedoch zwischen der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik unterscheiden. Aufgrund der erheblichen politischen Unterschiede konnten die Juden in Westdeutschland wesentlich besser und finanziell abgesicherter leben als in Ostdeutschland, was dazu führte, dass die Zahl der in Westdeutschland lebenden Juden deutlich höher lag. In der DDR erhielten jüdische Gemeindemitglieder lediglich eine geringe Staatspension, um überleben zu können; sie standen im Hinblick auf die allgemeine Wertschätzung jedoch deutlich im Schatten der nicht-jüdischen Bevölkerung. Diese Verhältnisse sorgten dafür, dass nach dem Jahr 1950 die meisten Juden aus der DDR flohen. „Dass die Massenflucht jüdischer Bürger aber speziell durch die antijüdische Propaganda und die Repressalien seit Herbst 1952 ausgelöst wurde, ist unverkennbar. Aus Panik und Angst vor erneuter Verfolgung flohen selbst viele Juden […] nach Westberlin beziehungsweise Westdeutschland.“[22] Im Gegensatz zur DDR war in der BRD das so genannte Wiedergutmachungsgesetz erlassen worden. Dieses Gesetz besagte, dass jeder in Westdeutschland lebende Jude eine Entschädigung bekommen konnte.[23] Hingegen weigerte sich die DDR Wiedergutmachungszahlungen zu leisten, da sie sich als eigener, vergangenheitsloser Staat ansah, der nicht für den Holocaust verantwortlich gewesen sei und deshalb auch keine Mitschuld trage. Diese Ansicht behielt die DDR auch in den folgenden vier Jahrzehnten bei und legte erst kurz vor der Auflösung im April 1990 nach der Wahl einer demokratischen Volkskammer ein offenes Bekenntnis zur Mitverantwortung am Holocaust ab.

[...]


[1] Vgl. Brumlik, Jüdisches Leben, S. 18

[2] Vgl. Brumlik, Jüdisches Leben, S. 18

[3] Vgl. Brumlik, Jüdisches Leben, S. 17

[4] Brenner, S. 25

[5] Vgl. Brenner, S. 25

[6] Vgl. Brenner, S. 26

[7] Vgl. Brumlik, Jüdisches Leben, S. 17

[8] Alte Synagoge, S. 16

[9] Vgl. Brumlik, Jüdisches Leben, S. 18

[10] Vgl. Schoeps, S. 97

[11] Vgl. Brenner, S. 26

[12] Vgl. Schoeps, S. 97

[13] Brenner, S. 26

[14] Vgl. Brenner, S. 26

[15] Cohn, S. 1

[16] Vgl. Brumlik, Zuhause, S. 137

[17] Vgl. Brenner, S. 27

[18] Vgl. Bundeszentrale, S. 87

[19] Vgl. Brenner, S. 27

[20] Vgl. Strathmann, S. 157

[21] Vgl. Engelmann, S. 50

[22] Offenberg, S. 91

[23] Vgl. Brumlik, Jüdisches Leben, S. 121

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Juden in Deutschland nach 1945
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
27
Katalognummer
V165851
ISBN (eBook)
9783656086604
ISBN (Buch)
9783656087663
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
juden, deutschland
Arbeit zitieren
Master of Arts Christian Werth (Autor), 2009, Juden in Deutschland nach 1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165851

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