Nur wenige Lyriker gewähren uns das Vergnügen, einen so tiefen Einblick in die Entstehung und die Analyse ihrer Arbeit zu nehmen, wie es Walter Höllerer mit seinem Gedicht „Ich sah ich hörte“ getan hat. Namhafte Kollegen, wie Bachmann, Celan und Eich, lehnten eine derartige Transparenz ab. Dabei geht es selbstverständlich nicht darum, problematische lyrische Texte einem ungeduldigen Leser in anderen, einfacheren Worten vorzukauen, sondern allenfalls um eine Geste auf eine intendierte Deutungsrichtung.
Ein Grund für Höllerers Offenlegung mag eine gewisse Konsequenz sein, angedenk seiner vielbeachteten, anregenden und richtungs-weisenden theoretischen Schriften über die Dichtkunst, als Lyriker selbst einmal in den Spiegel seiner Theorie zu schauen. Eine Theorie im übrigen, die auf Dogmatismus verzichtet und sich dank Höllerers Weitsicht als ausdrücklich an ihre Zeit gebunden betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wo beginnt moderne Lyrik?
3 Merkmale der modernen Lyrik
4 Walter Höllerer zu „Ich sah ich hörte“
5 Notizen zu Struktur und Aufbau
6 Schlußbetrachtung
7 Literaturverzeichnis
8 Anhang
Anhang 1: Drei weitere Deutungsmodelle
Anhang 2: „Ich sah ich hörte“ (mit Zeilennumerierung)
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gedicht „Ich sah ich hörte“ von Walter Höllerer im Kontext der modernen Lyrik nach 1945. Ziel ist es, den Entstehungsprozess des Gedichts als „langes Gedicht“ zu beleuchten und dabei aufzuzeigen, wie Höllerer das komplexe Verhältnis zwischen dem privaten Ich und dem öffentlichen Bewusstsein sowie die Spannung zwischen statischen und dynamischen Elementen in der Dichtung verarbeitet. Dabei wird die Frage geklärt, inwieweit die bewusste Offenlegung der Entstehungsgeschichte durch den Autor selbst als poetologische Strategie zu verstehen ist.
- Analyse der Wurzeln und Merkmale der modernen Lyrik
- Untersuchung des poetologischen Ansatzes von Walter Höllerer
- Strukturelle und inhaltliche Exegese des Gedichts „Ich sah ich hörte“
- Vergleich zwischen Autor-Intentionalität und Leser-Rezeption
- Diskussion über die Funktion des „langen Gedichts“ als Medium gesellschaftlicher Mitteilung
Auszug aus dem Buch
4 Walter Höllerer zu „Ich sah ich hörte“
Mit dem Problem der Unverständlicheit mußten sich, so Höllerer, die zeitgenössischen Dichter schon immer auseinandersetzen. Auch gestandene Versschmiede wie Klopstock, Novalis, Goethe und Hölderlin mußten sich diesem Problem stellen. Der Grund hierfür ist nach Höllerer darin zu suchen, daß ein Gedicht sich stets an der Grenze bewegt zu dem, was im gegenwärtigen Moment gerade noch mit der Sprache ausgedrückt werden kann, oder anders gesagt, durch „das listige Verhältnis der poetischen Sprache zum allgemein vorhandenen Sprechen und zur Erfahrungswelt“. An diesem Ort, “wo es noch nichts zu definieren gibt”, “wo die Sprache an die Grenze des gerade noch Auszudrückenden gerät”, ist idealerweise auch die Metapher angesiedelt.
Wenn sich nun aber die Gedichtsprache von der Kommunikation des alltäglichen Lebens zu weit entfernt, wird ihre Sinnfälligkeit nicht mehr nachvollzogen werden können, das Gedicht wirkt befremdlich. Seine Wirkung hängt also mit dem Grad der Entfernung des Gedichts von der gewohnten Sprechweise ab.
Hieraus ergibt sich ein neues Problem: Wie kann Wahrheit ausgedrückt werden, die nur am Rande des gerade noch Sagbaren faßbar wird, wenn, um allgemein verständlich zu sein, auf gegebene Sprachkonventionen zurückgegriffen werden muß? Das „direkt nicht Formulierbare“ ist nur dann nachvollziehbar, wenn der Leser „diesem Erlebnisvorgang nahesteht“, also der neuen „Erlebnis-Voraussetzung“, die aus der Einsicht einer Zersplitterung einer ehemals zusammenhängenden Wirklichkeit entsteht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik ein und begründet das Interesse an Walter Höllerers Offenlegung der Entstehungsgeschichte seines Gedichts „Ich sah ich hörte“.
2 Wo beginnt moderne Lyrik?: Dieses Kapitel diskutiert verschiedene literaturwissenschaftliche Ansätze zur zeitlichen und inhaltlichen Verortung des Beginns der modernen Lyrik.
3 Merkmale der modernen Lyrik: Hier werden zentrale ästhetische Merkmale moderner Dichtung wie Dissonanz, Auflösung der Ichbezogenheit und Sprachskepsis detailliert dargestellt.
4 Walter Höllerer zu „Ich sah ich hörte“: Der Autor erläutert Höllerers Absicht, durch die Offenlegung der Entstehungsgeschichte des Gedichts ein „schwebendes Modell“ der Wirklichkeit zu schaffen.
5 Notizen zu Struktur und Aufbau: Dieses Kapitel analysiert die formale Gestaltung, den narrativen Charakter und die Schlüsselstellen des Gedichts vor dem Hintergrund von Höllerers „Thesen zum langen Gedicht“.
6 Schlußbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Bewertung von Höllerers Rolle als Dichter und Theoretiker sowie der Wirksamkeit seines Konzepts für das „lange Gedicht“.
7 Literaturverzeichnis: Umfassendes Verzeichnis der verwendeten Quellen.
8 Anhang: Der Anhang enthält die Ergebnisse eines eigenen Rezeptionsversuchs sowie den Text des Gedichts „Ich sah ich hörte“ mit Zeilennumerierung.
Schlüsselwörter
Walter Höllerer, moderne Lyrik, Ich sah ich hörte, langes Gedicht, Hermetismus, Dissonanz, Sprachlogik, Wirklichkeit, Wahrnehmung, Entstehungsgeschichte, Schlüsselstelle, Literaturtheorie, Moderne, Lyrikanalyse, Poetologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Gedicht „Ich sah ich hörte“ von Walter Höllerer und analysiert dieses als Beispiel für moderne Lyrik, die versucht, die Lücke zwischen Dichtung und alltäglicher Kommunikation zu schließen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition moderner Lyrik, die Rolle der Wahrnehmung im Dichtungsprozess, die Auseinandersetzung mit dem Hermetismus und die Konzeption des sogenannten „langen Gedichts“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu zeigen, wie Höllerer durch die Offenlegung seiner biographischen Hintergründe und Entstehungsprozesse ein komplexes Deutungsmodell schafft, das dem Leser eine aktive Teilhabe am Verständnis des Gedichts ermöglicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse der einschlägigen poetologischen Schriften Höllerers und führender Lyriktheoretiker sowie einer eigenen hermeneutischen Interpretation des Gedichts unter Einbeziehung empirischer Test-Rezeptionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung zur modernen Lyrik, eine Analyse von Höllerers poetologischem Selbstverständnis und eine detaillierte strukturelle und sprachliche Untersuchung des Gedichtes „Ich sah ich hörte“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Dissonanz“, „Verwandlung“, „Schlüsselstelle“, „langes Gedicht“ und „subjektive Deutung“ charakterisiert.
Inwiefern beeinflusst Höllerers „Theorie der Lyrik“ das Verständnis des Gedichts?
Höllerers Theorie betont, dass das Gedicht als „schwebendes Modell“ fungieren soll, das nicht fest fixiert werden kann, sondern den Leser zur Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung auffordert.
Welche Funktion hat die „Schlüsselstelle“ im Gedicht?
Die von Höllerer benannte „Schlüsselstelle“ – im Gedicht „Blieb ich / Noch“ – dient als ordnendes Element, das den Schnittpunkt widerstreitender Erfahrungen (geschützt/ungeschützt, bewegt/unbewegt) bündelt und dem Gedicht Zusammenhang verleiht.
Wie unterscheidet sich die Rezeption der Testpersonen von der des Autors?
Während Höllerers eigene Testpersonen in seinem Aufsatz bereits vorgeprägte Deutungen liefern, zeigen die im Anhang dokumentierten Rezeptionen der Bekannten des Autors eine größere Offenheit und subjektive Varianz in der Interpretation.
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- Thomas Wörther (Author), 2006, „Ich sah ich hörte“ - Das Gedicht in der Werkstatt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166025