„Ich sah ich hörte“ - Das Gedicht in der Werkstatt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wo beginnt moderne Lyrik?

3 Merkmale der modernen Lyrik

4 Walter Höllerer zu “Ich sah ich hörte”

5 Notizen zu Struktur und Aufbau

6 Schlußbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang
Anhang 1: Drei weitere Deutungsmodelle
Anhang 2: “Ich sah ich hörte” (mit Zeilennumerierung)

1 Einleitung

Nur wenige Lyriker gewähren uns das Vergnügen, einen so tiefen Einblick in die Entstehung und die Analyse ihrer Arbeit zu nehmen, wie es Walter Höllerer mit seinem Gedicht „Ich sah ich hörte“ getan hat. Namhafte Kollegen, wie Bachmann, Celan und Eich, lehnten eine derartige Transparenz ab.[1] Dabei geht es selbstverständlich nicht darum, problematische lyrische Texte einem ungeduldigen Leser in anderen, einfacheren Worten vorzukauen, sondern allenfalls um eine Geste auf eine intendierte Deutungsrichtung.

Ein Grund für Höllerers Offenlegung mag eine gewisse Konsequenz sein, angedenk seiner vielbeachteten, anregenden und richtungs-weisenden theoretischen Schriften über die Dichtkunst, als Lyriker selbst einmal in den Spiegel seiner Theorie zu schauen. Eine Theorie im übrigen, die auf Dogmatismus verzichtet und sich dank Höllerers Weitsicht als ausdrücklich an ihre Zeit gebunden betrachtet.

Die Interpretation eines seiner eigenen Gedichte hängt aber sicherlich auch mit seiner Vorstellung von einer vermittelnden Funktion der Lyrik zusammen. Ich denke, daß die Worte von James Rolleston ganz in seinem Sinne wären:

“Das dem Gedicht unterliegende Geheimnis ist unantastbar; aber gerade deshalb soll man alles Mögliche über Struktur und Entstehung des Gedichts auseinanderlegen, damit das unreduzierbare Geheimnis klar an den Tag kommt und in die Welt zurückzuwirken vermag.”[2]

Zunächst versuche ich in dieser Arbeit aufzuzeigen, wo die Wurzeln der modernen Lyrik zu finden sind. Dazu werde ich kurz einige Ansätze aus der einschlägigen Literatur vorstellen. Daran anschließend sollen die Merkmale der modernen Lyrik untersucht werden. Es handelt sich auch hier um ein Zusammentragen verschiedener Ansichten. Eine einheitliche Systematik mit „allgemeinen Beurteilungsmaßstäben“ gibt es zum Leidwesen von Lohmann nicht, wegen der „in der Literaturwissenschaft nicht selten vertretenen Auffassung von der prinzipiellen Theorieunfähigkeit (besonders) der Lyrik.“[3] Dagegen hält Killy die Unsystematik einer Poetik „ihrem Gegenstand [am] angemessensten.“[4]

Nach diesen mehr grundlegenden Ausführungen folgen Höllerers Darlegung der Entstehungsgeschichte sowie ausführliche Kommentare zu seinem Gedicht „Ich sah ich hörte“. Hier geht er auch auf den Vorwurf der Unverständlichkeit ein, der moderner Lyrik häufig angelastet wird, und unterzieht sein Gedicht einem entsprechenden Test.

Eigene Betrachtungen über Struktur und Aufbau richten den Blick auf interessante Einzelaspekte und versuchen, die Untersuchung von “Ich sah ich hörte” abzurunden.

Abgeschlossen wird die Arbeit mit einem kurzen Blick auf die Wirkung des Dichters und des Theoretikers Walter Höllerer.

2 Wo beginnt moderne Lyrik?

In seinem Aufsatz „Nach der Menschheitsdämmerung“[5] wirft Höllerer die Frage auf, ob der Vorwurf der Unverständlichkeit und Disharmonie in der modernen Lyrik zu Recht besteht. Der Leser sehe allzu oft seine Erwartungshaltung an das Gedicht nicht erfüllt und fühle sich vor den Kopf gestoßen. Nichts Schmückendes, Unterhaltendes liefert ihm das Gedicht mehr; am Ende bleibt statt einer Erklärung gar Beunruhigung zurück.

Neu sei diese Entwicklung jedoch nicht, meint Höllerer in obigem, Mitte der 60er Jahre erschienenen, Aufsatz. Die Wurzeln reichen zurück über die Expressionisten bis zur Mitte des 19. Jh., zu Whitman und Baudelaire, deren Hauptwerke “Leaves of grass” und “Fleurs du mal” in den Jahren 1855 und 1857 erschienen (nach meinen eigenen Recherchen. Leonhard legt beide Daten auf 1855[6], Höllerer auf 1856 bzw. 1857[7] ). Beide erneuerten die Dichtersprache durch eine bewußte Musikalisierung und die ontologische Behandlung der Worte. Nicht Schönheit, sondern Wahrheit war das Ziel ihrer Darstellung.

“Beide stürzten die konventionelle Hierarchie der darstellungswürdigen Gegenstände und bezogen die realistisch erlebte moderne Umwelt des beginnenden Industrie- und Massenzeitalters in ihre Bildersprache ein.”[8]

Die Frage des Anfangspunkts der modernen Lyrik läßt jedoch, wie so oft, verschiedene Meinungen zu. Friedrich[9] setzt den Beginn ebenfalls bei Baudelaire an, von da weiter über Mallarmé und Valéry. Dafür wird er jedoch von Theobaldy[10] hart kritisiert, der ihm vorwirft, eine dogmatische Entwicklungslinie der Lyrik zu entwerfen, und dabei wesentliche Autoren, wie Brecht, Auden, Majakowski, um nur einige zu nennen, unbeachtet zu lassen.

Maier geht in seinem Band “Das moderne Gedicht”[11] noch einen Schritt weiter zurück. Auch er erkennt zunächste die Entwicklung des modernen Gedichts aus dem Expressionismus (ab 1912), dem Dadaismus (ab 1916) und dem Surrealismus (ab 1924). Dazu bemerkt er allerdings, daß sich die Lyrik seiner Tage kaum durch Formprinzipien von den genannten -ismen unterscheide, sondern “allenfalls durch gesteigerte Intensität”.[12]

Schon der Expressionismus kannte die “Zertrümmerung des Spiegels”, die Flucht aus der Wirklichkeit, die Auflösung des Ichs im Kosmos, die Absurdität der Verfremdung [...] Die Expressionisten und Surrealisten begründeten die Stile der Zerstückelung und der Abstraktion, sie entdeckten Gestaltungsmittel, mit deren Hilfe die “vierte Dimension” und die groteske Alogik sagbar wurden.”[13]

In der Entdeckung dieser neuen Sprachmittel sieht Maier jedoch lediglich eine Fortführung jener Mittel, deren Entwicklung über das bürgerliche 19. Jh. hinausgeht. Seiner Meinung nach wird der Grundstein für das eigentlich Neue der zeitgenössischen Lyrik bereits in der Romantik gelegt. “Was wir mit Romantik zu benennen gewohnt sind, ist – verschleiert nur und verborgen – Vor-Moderne.”[14]

“Die Romantik ist die Vollendung der idealistischen Weltschau und zugleich der Beginn der modernen Welterfahrung. Innerhalb der Romantik vollzieht sich die Geburt der Moderne.”

[...]

“Auffällig ist der fast nahtlose Übergang von der Romantik zur Moderne trotz der langen zeitlichen Unterbrechung. [...] Im Expressionismus und Surrealismus trat der Geist der Entgrenzung, der Abstrahierung, der Zerstückelung und der Zertrümmerung, der bei den Romantikern unter den Gespinsten von Traum und Märchen geschlummert hatte und den späterhin der bürgerliche Realismus überdeckte, unverhüllt zutage.”[15],[16]

Selbst über diesen frühen Anfangspunkt der modernen Dichtung geht Leonhard noch hinaus. Er ist der Meinung, daß gewisse Elemente eines modernen Stils bereits weitaus früher angelegt sind.

“[...] es sind Funde des Expressionismus dabei, andere Funde des Impressionismus, wieder andere aus dem Symbolismus, nicht unwesentliche Fäden hatte die Romantik erstmalig angezettelt, oder das Barock, schließlich das hohe Mittelalter.”[17]

Weiter als bis zu Dante will aber auch Leonhard nicht hinausgehen, da es zuvor “das lyrische Gedicht, wenn wir darunter den unmittelbaren Ausdruck persönlichen Erlebens verstehen, also Ich-Form und Innigkeit” nicht gegeben habe.[18]

3 Merkmale der modernen Lyrik

Auf welchen Zeitpunkt man die Entstehung des modernen Gedichts auch verlegen will, der Einfluß Baudelaires ist jedenfalls unübersehbar. In seiner Lyrik hielt das Erschreckende und Häßliche Einzug in das Gedicht, die Disharmonie, die, wie Höllerer zitierte, mitverantwortlich dafür sein soll, einen entspannten Zugang zur Poesie zu verstellen.

Friedrich, der in diesem Zusammenhang von einer Faszination durch Dunkelheit, Wortzauber und Geheimnishaftigkeit der Gedichte spricht, definiert die Disharmonie folgendermaßen:

„Man darf dieses Zusammentreten von Unverständlichkeit und Fazination eine Dissonanz nennen. Denn es erzeugt eine mehr nach der Unruhe als nach der Ruhe hinstrebende Spannung. Dissonantische Spannung ist ein Ziel moderner Künste überhaupt.“[19]

Disharmonie oder Dissonanz ist danach voll beabsichtigter Bestandteil des modernen Gedichts. Doch wie kommt das Verlangen nach einem solchen Ziel überhaupt zustande? Wieso, fragt Höllerer, liefern uns die Dichter keine geschlossenen Synthesen mehr?

Die Antwort darauf ist in dem fingierten “Brief” von Hugo von Hofmannsthal zu finden. Hier wird zum ersten Mal deutlich gemacht, daß es nicht der Mensch ist, der die Ganzheit herstellt oder nach Belieben zerstückelt, sondern daß es die Welt ist, die sich entzieht und zerfällt. Das Deformieren, Zerstückeln, Abstrahieren und Entwirklichen ist also kein willentlicher Neubeginn, den Künstler wie Franz Marc noch sahen, sondern das Anzeichen einer Krise.

“Mein Fall ist, in Kürze dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen.”[20]

Den fehlenden Zusammenhang der Welt erleben in der Folgezeit und in ähnlicher Weise auch Rilkes “Malte”: “Seltsam, alles, was sich bezog, so lose im Raum flattern zu sehen”, Trakl: “Es ist ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht ...”, und Benn: “Nichts wird stofflich-psychologisch mehr verflochten, alles angeschlagen, nichts durchgeführt. Alles bleibt offen. Antisynthetik.”[21]

Diese Einsichten spiegeln sich nach und nach in der Dichtkunst wider. Das Ich tritt zurück, bis hin zur völligen Auflösung, anstelle des Homogenen tritt das Disparate, die Bilder stehen nicht mehr in einem lückenlosen Zusammenhang, die Sprache wird härter, abgeklärt, bis schließlich das syntaktische Gefüge selbst der Zerstückelung zum Opfer fällt. Hier wird klar, daß das Verständnis des unvorbereiteten Lesers beim Konsumieren eines modernen Gedichts auf eine harte Probe gestellt sein wird.

„... so kann in der Lyrik das autonome Bewegungsgefüge der Sprache, das Bedürfnis nach sinnfreien Klangfolgen und Intensitätskurven bewirken, daß das Gedicht überhaupt nicht mehr von seinen Aussageinhalten her zu verstehen ist. Denn sein eigentlicher Gehalt liegt in der Dramatik der äußeren wie inneren Formkräfte. Da ein derartiges Gedicht immerhin noch Sprache ist, aber Sprache ohne mitteilbaren Gegenstand, hat es die dissonantische Folge, daß es den, der es vernimmt, zugleicht lockt und verstört.“[22]

Die inneren wie äußeren Formkräfte der modernen Lyrik stellen sich Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre wie folgt dar:[23]

1. Auflockerung und Auflösung des Versmaßes (ab dem 19. Jh.); Wegfall des Reims.
2. Auflockerung bis Auflösung des logischen Sinnzusammenhanges, Einführung der Zeit als “vierte Dimension”, d.h. Zerlegung simultaner Ereignisse in ein Nebeneinander und dadurch Aufhebung der Zeit.
3. “Hermetismus”, Auflockerung bis Auflösung der Ichbezogenheit, negativ ausgedrückt Identitäts- und Kontaktverlust, positiv Aufhebung des Gegensatzes von Objekt und Subjekt, Ineinanderklingen aller Gegensätze.

[...]


[1] Oelmann, U.M.: Deutsche poetologische Lyrik nach 1945, S. I (Einleitung), Fußnote 1.

[2] Rolleston, J.: Die deutsche Lyrik 1945-1975, S. 93.

[3] Homann, R.: Theorie der Lyrik, S. 19f.

[4] Killy, W.: Elemente der Lyrik, S. 154.

[5] Höllerer, W.: Nach der Menschheitsdämmerung, in: Zurufe, Widerspiele, S. 35.

[6] Leonhard, K.: Moderne Lyrik, S. 56.

[7] Höllerer, W.: Nach der Menschheitsdämmerung, in: Zurufe, Widerspiele, S. 36.

[8] Leonhard, K.: Moderne Lyrik, S. 57.

[9] Friedrich, H.: Die Struktur der modernen Lyrik, S. 35.

[10] Theobaldy, J.: Anmerkungen zum Ende der hermetischen Lyrik, in: Veränderung der Lyrik, S. 16.

[11] Maier, R.N.: Das moderne Gedicht, Düsseldorf, 1959.

[12] ebda., S. 8.

[13] Maier, R.N.: Das moderne Gedicht, S. 8.

[14] ebda., S. 9.

[15] ebda., S. 20f.

[16] Anm. d. Verf.: Allerdings ist es befremdlich, daß weder Baudelaire noch Whitman in Maiers Werk Erwähnung finden.

[17] Leonhard, K.: Moderne Lyrik, S. 53.

[18] Leonhard, K.: Moderne Lyrik, S. 53.

[19] Friedrich, H.: Die Strukturen der modernen Lyrik, S. 15.

[20] zitiert nach Maier, R.N.: Das moderne Gedicht, S. 31.

[21] Zitiert nach Maier, R.N.: Das moderne Gedicht, S. 32.

[22] Friedrich, H.: Die Strukturen der modernen Lyrik, S. 18.

[23] Ich folge hier im wesentlichen der Darstellung von Leonhard, K.: Moderne Lyrik, S. 43-52.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
„Ich sah ich hörte“ - Das Gedicht in der Werkstatt
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Germanistik)
Veranstaltung
Lyrik nach 1945
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
29
Katalognummer
V166025
ISBN (eBook)
9783640817993
ISBN (Buch)
9783640821327
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walter Höllerer, Lyrik, Ich sah ich hörte
Arbeit zitieren
Thomas Wörther (Autor:in), 2006, „Ich sah ich hörte“ - Das Gedicht in der Werkstatt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166025

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