Versuch der Erklärung von Kindesmisshandlung anhand der Stresstheorie


Seminararbeit, 2010

22 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Kindesmisshandlung
1.1 Definition und Formen der Kindesmisshandlung
1.2 Ursachen und “Auslöser“
1.3 Folgen des erlebten Missbrauchs
1.3.1 Die kurzfristigen Folgen
1.3.2 Die langfristigen Folgen

2 Theoretischer Ansatz
2.1 Die Stresstheorie
2.1.1 Die Stressoren und ihre kategoriale Einteilung
2.1.2 Die Stresskonzepte
2.1.2.1 Der Life-Event-Ansatz
2.1.2.2 Das psychologische Stresskonzept nach Lazarus
2.1.2.3 Das soziologische Stresskonzept
2.1.3 Die Stress-Coping-Strategien
2.1.3.1 Die Klassifikation von Copingstrategien
2.2 Stress und Gesundheit
2.2.1 Stress und physische Gesundheit
2.2.2 Stress und psychische Gesundheit

3. Herstellung von Bezügen zwischen Theorie und Kindesmisshandlung

4. Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Thema Kindesmissbrauch ist in vielen öffentlichen Bereichen gegenwärtig. Die Nachrichten berichten von Kindern, die zu Hause verhungert sind, die missbraucht und geschlagen werden und verweisen zielgerichtet und mit Erleichterung auf den Täter. Die Täter, das sind in den meisten Fällen Erziehungsberechtigte und Verwandte. Bei Sexualdelikten kann die Täterspannbreite weiter gefasst werden, häufig zählen hierzu auch Freunde der Eltern, Lehrer, Geistliche oder Außenstehende. Aber wie lässt sich das schändliche Phänomen erklären? Studien haben sich damit intensiver auseinander gesetzt und konnten unter anderem bestimmte Risikofaktoren ausmachen, die ein Potential für den Kindesmissbrauch schaffen. Der sozioökologische Status der Familie ist ein zentraler Faktor, der den Kindesmissbrauch fördert.[1] Dieser Faktor ist nur einer von vielen und sie lassen sich nicht singulär betrachten, sondern greifen gegenseitig ineinander und in andere Aspekte ein.

Diese Hausarbeit bezieht sich aber nicht nur auf den Bereich des Kindesmissbrauchs, sondern legt ihren Schwerpunkt ebenso auf die Stresstheorie. Wie lassen sich diese beiden Bereiche kombinieren? Es lässt sich die These aufstellen, dass diese Zweige in einem engen Zusammenhang stehen. Dieser soll im Laufe der Arbeit deutlich werden.

Darüber hinaus soll die Komponente „Gesundheit“ in diesen Zusammenhang einbezogen werden, da sich im Nachhinein zeigen wird, dass sie eigentlich ein Teil des Kerns dieses Phänomens ist.

1. Kindesmisshandlung

1.1 Definition und Formen der Kindesmisshandlung

Es ist äußerst schwierig eine allgemein gültige und gleichzeitig präzise Definition für den Begriff Missbrauch zu bestimmen. Das liegt daran, dass die verwendeten Begriffe dazu wiederum definiert werden müssten, damit vom gleichen Handlungshergang ausgegangen werden kann. Desweiteren zeigen sich die Definitionsprobleme auch in Hinblick auf den interkulturellen und multiethischen Vergleich. Es geht dabei darum, dass die Kindererziehung im gesellschaftlichen und geschichtlichen Kontext betrachtet werden muss.[2] Grundlegend lässt sich aber festhalten, dass es „[…] eine nicht zufällige, gewaltsame psychische und/oder physische Beeinträchtigung und Vernachlässigung des Kindes durch Eltern/Erziehungsberechtigte oder Dritte, die das Kind schädigt, verletzt, in seiner Entwicklung hemmt oder zu Tode bringt“[3] ist. Kindesmisshandlungen werden meistens nach „körperlicher Misshandlung, Vernachlässigung, seelischer Gewalt sowie sexuellem Missbrauch“[4] unterschieden.

Es gibt zahlreiche Studien die sich darauf konzentrieren, breite und detailierte Informationen zu sammeln, um dann Aussagen darüber treffen zu können, wie viele Kinder und Jugendliche missbraucht werden und wie ihnen geholfen werden kann. Engfer stellte mit seinen Ergebnissen fest, dass etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Kinder in Deutschland von ihren Eltern körperlich bestraft werden. Nach einer Studie von Pfeiffer und Wetzels werden etwa 70- 80% aller Kinder Opfer psychischer Gewalt, die durch ihre Eltern verursacht wird. Die Zahl der vernachlässigten Kinder liegt zwischen mindestens 50.000 und 250.000 bzw. 500.000. Diese Ergebnisse wurden so erhoben, dass sie ein ausführliches Bild über die Intensität der Misshandlungen aufzeigen können. Das soll hier aber nicht näher erläutert werden. Desweiteren ist anzumerken, dass es auch eine hohe Dunkelrate gibt und es deshalb unmöglich ist genauere Zahlen zu bestimmen.[5]

1.2 Ursachen und “Auslöser“

Nun wurde zwar erläutert, was unter dem Begriff Kindesmisshandlung zu verstehen ist, aber wie kommt es zu solchen Übergriffen bzw. wie werden sie “ausgelöst“?

Einen konkreten Auslöser für Misshandlungstaten gibt es in diesem Sinne nicht. Misshandlungen sollten eher individuell, situationsbezogen und im gesamten Kontext betrachtet werden. Kindesmisshandlung wurde historisch betrachtet auch durch viele Faktoren begünstigt und legitimiert. Beispielsweise durch die Erziehungsziele und –praktiken die in einem Land herrschten, aber auch durch die gesellschaftlichen, sozialpolitischen und rechtlichen Rahmenbedingungen.[6] Es lässt sich aber Aussagen, dass Misshandlungsübergriffe überwiegend im familiären Umfeld geschehen.

Mit Hilfe vieler Studien und durch die Vernetzung der verschiedenen Institutionen konnten bestimmte Risikofaktoren ermittelt werden. Der sozioökonomische Status der Familie ist der wichtigste Risikofaktor. Kindesmisshandlung kann zwar in jeder Einkommensklasse stattfinden, die Tendenz geht allerdings dahin, dass eine erhöhte Misshandlungsrate bei Eltern mit einer gering qualifizierten Bildung vorhanden ist. Das geringe Einkommen führt meistens zu beengten oder unzureichenden Wohnverhältnissen. Ein weiterer Faktor kann darin liegen, dass sich die Eltern selbst noch in der Adoleszenz befinden und eventuell noch keine berufliche Ausbildung abgeschlossen haben. Wenn die Versorgungsverantwortung auch noch auf einer Person lastet, dann kann dies zu psychischen Problemen führen. Von diesem Aspekt ist meistens die Kindesmutter betroffen, die viel Engagement in die Versorgung und Erziehung des Kindes einsetzt, allerdings auf wenig Unterstützung zurückgreifen kann. Sie versucht den Erwartungen nachzukommen und erhält häufig wenig oder keine Anerkennung ihrer Tätigkeiten.[7]

Eine knappe Ressourcenverfügung, um Belastungen oder größere Probleme zu lösen, ist ebenfalls ein Risikofaktor. Viele misshandelnde und vernachlässigende Eltern haben ein begrenztes Ressourcenrepertoire und ebenso Schwierigkeiten diese geschickt und gezielt einzusetzen. Außerdem fällt es ihnen schwer ihr soziales Verhalten so abzustimmen, dass es sich an den Bedürfnissen des Kindes orientiert. Überwiegend lässt sich dies dadurch erklären, dass sie selbst keine Elternvorbilder hatten, an denen sie sich positiv orientieren konnten.[8] Nach der Bindungstheorie „[…] integriert ein Kind die Erfahrung mit dem elterlichen Erziehungsverhalten in einem inneren Arbeitsmodell, das z.B. das Ausmaß und die Angemessenheit der elterlichen Reaktionen auf seine Bedürfnisse und Signale repräsentiert.“[9] Zeitgleich entwickelt es ein Modell von sich selbst. Kinder die misshandelt wurden, sehen im Elternteil eine Person die distanziert, uneinfühlsam und für sie nicht verfügbar ist. Deshalb ist das Selbstkonzept der Kinder ebenfalls negativ geprägt, weil sie sich wertlos fühlen und unfähig sind eine Bindung zum Elternteil aufzubauen und aufrechtzuhalten. Diese Emotionen werden auf nachfolgende Beziehungen übertragen und bestimmen auch das spätere Verhältnis zum eigenen Kind. Das kognitiv-emotionale Abbild, welches sie durch ihre Eltern erlernt haben, wird dann an ihre Kinder weiter gereicht. Damit soll auch ausgedrückt werden, dass nicht die Gewalt in dem Sinne weiter gegeben wird, sondern die Grundstrukturen ihres Verhaltens.[10] Jedoch ist es so, dass nicht alle misshandelten Eltern selbst zu solchen erlernten Handlungen greifen. Das soll aber an späterer Stelle näher erläutert werden.[11]

Diese Faktoren erzeugen bei den Erziehungsberechtigten Stress der wiederum kompensiert werden muss. Dies kann auf positive und negative Weise geschehen, im schlechtesten Fall kann dies zum Alkohol- und Drogenmissbrauch und/ oder zur Kindesmisshandlung führen. Einige Studien sind auch zu der Erkenntnis gelangt, dass Kinder, die physisch benachteiligt sind ein höheres Missbrauchsrisiko aufweisen. Das wird dadurch erklärt, dass diese Eltern die Kindesversorgung als sehr belastend empfinden und sie dadurch gehemmt werden, fürsorglich und liebevoll mit dem Kind umzugehen.[12]

Zusammenfassend lässt sich aussagen, dass die Zugehörigkeit zur unteren Gesellschaftsschicht einen hohen Risikofaktor darstellt. Dieser Status signalisiert von selbst, dass Menschen in dieser Schicht häufig psychisch, physisch, finanziell und sozial benachteiligt sind. Kindesmisshandlung ist aber dennoch kein Automatismus in dieser Schichtzugehörigkeit. Dies sind lediglich tatsächliche Risiken, die aber trotzdem abwendbar sind.

1.3 Folgen des erlebten Missbrauchs

Kindesmissbrauch ist ein weitgefasster Begriff, worunter Handlungen und Unterlassungen verstanden werden, die gewaltsame, psychische und physische Entwicklungsbeeinträchtigungen beim Kind hervorrufen. Diese Handlungen hinterlassen bei ihm emotionale und seelische Verletzungen, die auch als Folgen benannt werden. Dabei wird unterschieden zwischen Folgen die unmittelbar oder mittelfristig nach dem Misshandlungsbeginn auftreten (Kurzzeitfolgen) und Folgen die langanhaltend sind oder erst später auftreten (Langzeitfolgen).[13] „Die Art und Schwere der Folgen sind von der Form und Schwere der Kindesmisshandlung […], vom Kontext (z.B. Beziehungsqualität des Elternpaars, Armut), von Bewältigungsprozessen (z.B. persönlichen Ressourcen, soziale Unterstützung) und vom Entwicklungsstadium der Kinder (Säuglings-, Kleinkind-, Kindes- und Schulalter) bzw. Adoleszenten abhängig.“[14] Jedes Kind geht anders mit dem Missbrauch um, weshalb davon auszugehen ist, dass zum einen nicht jedes Kind die gleichen Symptome aufweist und zum anderen sie in ihrer Intensität von Fall zu Fall variieren. Außerdem können mehrere Symptome auftreten, weil das Kind eventuell verschiedene Misshandlungsformen erlebt (hat).[15]

1.3.1 Die kurzfristigen Folgen

„Kurzzeitfolgen lassen sich in zwei Breitbandfaktoren gruppieren, die als internalisierende Reaktionsformen (z.B. Depression, Angst, Rückzugsverhalten, schulischer Misserfolg, psychosomatische Beschwerden) oder externalisierende Reaktionsformen (z.B. offene Aggression gegen andere Personen oder Eigentum) bezeichnet werden.“[16] Es gibt auch einige Kurzzeitfolgen die spezifisch nur bei bestimmten Kindesmisshandlungsformen auftreten. Ein Beispiel hierfür wäre bei physischer Misshandlung, dass das Kind Organschäden, Verbrennungen und Quetschungen aufweist. Bei sexuellen Übergriffen hat das Kind häufig Verletzungen im genitalen, analen und oralen Bereich. Zu den Kurzzeitfolgen gehören auch Verhaltensauffälligkeiten, wobei sie auch durch problematische Ereignisse ausgelöst werden können. Diese Ereignisse und der Missbrauch können sich aber auch gegenseitig beeinflussen und verstärken somit die Auffälligkeiten und Symptome des Kindes.[17]

[...]


[1] Vgl. Donnelly, 2002, S.866

[2] Vgl. Korbin, 2002, S.49

[3] Blum-Maurice zit.n. Deegener, 2005, S.37

[4] Deegener, 2005, S.37

[5] Vgl. Deegener, 2005, S.42ff.

[6] Vgl. Bender; Lösel, 2000, S.52

[7] Vgl. Bender; Lösel, 2000, S.52f.

[8] Vgl. Donnelly, 2002, S.866f.

[9] Morton; Braun zit. n. Bender; Lösel, 2005, S.324

[10] Vgl. Bender; Lösel, 2005, S.324

[11] Vgl. Donnelly, 2002, S.866f.

[12] Vgl. Donnelly, 2002, S.867f.

[13] Vgl. Moggi, 2005, S.94

[14] Moggi, 2005, S.94f.

[15] Vgl. Moggi, 2005, S.94f.

[16] Moggi, 2005, S. 95f.

[17] Vgl. Moggi, 2005, S.95f.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Versuch der Erklärung von Kindesmisshandlung anhand der Stresstheorie
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen  (Fachbereich Sozialwesen)
Veranstaltung
„Psychologische Theorien und Konzepte“
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V166477
ISBN (eBook)
9783640825929
ISBN (Buch)
9783640825851
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
versuch, erklärung, kindesmisshandlung, stresstheorie
Arbeit zitieren
Agnes Tluczikont (Autor), 2010, Versuch der Erklärung von Kindesmisshandlung anhand der Stresstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166477

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