John Rawls „Der Vorrang des Rechten und die Idee des Guten“ - ein Überblick


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Grenzen der Ideen des Guten durch politische Konzeption

3. Die Idee des Guten als das Rationale

4. Die Idee der Grundgüter

5. Die Idee zulässiger umfassender Konzeptionen des Guten

6. Die Idee der politischen Tugenden

7. Die Idee des Gutes einer wohlgeordneten Gesellschaft

8. Fazit

9. Literatur

1. Einleitung

John Rawls entwirft 1971 in seinem Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“[1] ein Konzept, das – im Gegensatz zum Utilitarismus – nicht das größtmöglichste Glück der Mehrheit, sondern die gerechte Verteilung der Freiheiten und Chancen zur Verwirklichung eines eigenen Lebensplans des Einzelnen vorsieht.

In diesem Konzept folgt Rawls der Tradition der Kontraktualisten Immanuel Kant, John Locke, Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau. Rawls Aufbau des Urzustandes ist im Wesentlichen vergleichbar mit diesen klassischen Vertragstheorien. Gravierende Unterschiede bestehen jedoch in Rawls Gerechtigkeitsprinzipen, die einerseits ein System gleicher Grundfreiheiten und Chancengleichheit – die so genannten Grundgüter – vorsehen, die die Basis einer stabilen Gesellschaft bilden sollen, und andererseits im zweiten Grundsatz, dem Differenzprinzip. Dieses Prinzip bezieht sich auf die Verteilung des Eigentums, das nun nicht nur geschützt werden soll, wie es die vorangegangenen Theorien verlangen, sondern es soll zusätzlich einen Ausgleich sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheiten zu Gunsten der Schwächeren schaffen.[2]

Diese Gerechtigkeitsprinzipien werden im Urzustand von Personen entwickelt, die sich unter dem Schleier des Nichtwissens befinden, das heißt, dass sie nicht wissen in welcher gesellschaftlichen Position sie sich tatsächlich befinden, entwickelt. Rawls geht davon aus, dass diese Personen, nämlich die Bürger einer Gesellschaft, die die Grundstruktur bilden, dementsprechend nach dem Maximin-Prinzip entscheiden, welche Grundprinzipien für sie gerecht sind und so zu den bereits genannten zwei Gerechtigkeitsprinzipien kommen.

Sowohl Rawls Modell des Urzustandes als auch die Gerechtigkeitsprinzipien, vor allem aber das Differenzprinzip, haben heftige Diskussionen und Kritik ausgelöst. Um dieser Kritik gerecht zu werden hat John Rawls sein Konzept mehrfach überarbeitet und erläutert, um ihr entgegen zu treten.

In seinem Werk „Politischer Liberalismus“[3] (1993) konzipiert er seine Grundidee unter Berücksichtigung der einzelnen Kritikpunkte und der Frage nach einer stabilen Gesellschaft, die trotz freier und gleicher Bürger in Bezug auf ihre religiösen, moralischen und philosophischen Lehren pluralistisch bleiben, neu.

Ein besonderes Augenmerk soll auf die Verknüpfung der Gerechtigkeit mit der Idee des Guten in der 5. Vorlesung „Der Vorrang des Rechten und die Ideen des Guten“ gelegt werden. Hier stellt Rawls nochmals heraus, dass die Gerechtigkeit als Fairness eine zentrale Rolle spielt und die Idee des Guten dahinter zurücktritt.[4] Die Annahme, dass eine politisch liberale Gerechtigkeitskonzeption ohne eine Idee des Guten auskommt, weist Rawls zurück, da er der Auffassung ist, dass sich beide, das Rechte und das Gute nämlich, ergänzen.[5] In seiner Theorie soll nun das Rechte die Grenze ziehen und das Gute das Ziel setzen.[6]

Durch diese Verknüpfung eröffnen sich einige Fragen, die Rawls erläutert und zu beantworten versucht. Eine zentrale Frage ist die, wie die Idee des Guten, ohne dabei „in Bezug auf diese oder jene umfassende Lehre Wahrheitsansprüche zu erheben“[7], benutzt werden kann, obwohl sie mit dem politischen Liberalismus nicht vereinbar ist. Eine weitere ist die, wie in einer gerechten und guten Gesellschaft Lebensweisen, „die es uneingeschränkt wert sind, dass die Bürger ihnen die Treue halten“[8], nicht nur zugelassen, sondern unterstützt werden. Die Schwierigkeit besteht offenbar darin, dass „die Konzeption der Gerechtigkeit als Fairness selbst […] sich nicht auf den Standpunkt einer umfassenderen Anschauung stellen“[9] kann, um eben diese Grenzen für bestimmte umfassende Lehren zu ziehen.

Es soll nun geklärt werden, ob es seiner Konzeption der Gerechtigkeit als Fairness vereinbar ist, wenn Rawls die Idee des Guten in die politische Ebene dieser Theorie einbezieht.

Dazu soll dargestellt werden, welche Grenzen Rawls den Ideen des Guten in seiner politischen Gerechtigkeitskonzeption setzt. Sind umfassende Konzeptionen des Guten innerhalb dieser Gerechtigkeitskonzeption möglich und zulässig? Gibt es politische Tugenden und was bedeuten sie? Wie wirken sich diese Ideen auf die wohlgeordnete politische Gesellschaft aus?

Zur weiteren Klärung dieser Fragen sollen dann die fünf Ideen des Guten, besonders die der Grundgüter, skizziert und erläutert werden. Anschließend soll gezeigt werden ob und welche Kritikpunkte weiterhin bestehen und ob Rawls´ Argumentation in sich schlüssig ist.

2. Grenzen der Ideen des Guten durch politische Konzeption

Um die Frage zu klären, wie eine politische Gerechtigkeitskonzeption der Idee des Guten Grenzen setzt, also „mit welchen Einschränkungen diese für den politischen Liberalismus möglich ist“[10], ist es unerlässlich zunächst „die Unterscheidung zwischen einer politischen Gerechtigkeitskonzeption und einer umfassenden religiösen, philosophischen oder moralischen Lehre“[11] vorzunehmen. Rawls hat drei wesentliche Kriterien, anhand derer er diese Unterscheidung aufzeigen will.

Das erste Merkmal ist das einer moralischen Konzeption der Gerechtigkeit, die sich auf einen bestimmten Gegenstand bezieht, „nämlich […] die Grundstruktur eines demokratischen Verfassungsstaates“[12]. Mit der Grundstruktur eines demokratischen Verfassungsstaates beschreibt Rawls den Gegenstand dieses Merkmals. Er bezeichnet ihn als die Grundstruktur einer Gesellschaft, welche sich durch „deren wichtigste politische, soziale und wirtschaftliche Institutionen und die Art und Weise, in der sie sich zu einem einheitlichen, Generationen übergreifenden System sozialer Kooperation zusammenfügen“[13] definiert.

Das zweite Merkmal besteht darin, dass die Zustimmung zu eben dieser Gerechtigkeitskonzeption „nicht die Zustimmung zu einer besonderen umfassenden religiösen, philosophischen oder moralischen Lehre voraussetzt“[14], sondern die politische Konzeption wird in „verschiedene vernünftige umfassende Lehren, die in der von ihr geordneten Gesellschaft Bestand haben“[15] integriert und von ihnen unterstützt. „Eine politische Gerechtigkeitskonzeption wird als eine freistehende Auffassung präsentiert.“[16]

Das letzte Merkmal bezieht sich auf die „grundlegenden intuitiven Ideen, von denen angenommen wird, dass sie implizit zur öffentlichen politischen Kultur einer demokratischen Gesellschaft gehören“[17]. Laut Rawls gehören diese intuitiven Ideen zur „„Hintergrundkultur“ einer Zivilgesellschaft“[18] und resultieren aus einer „Tradition des demokratischen Denkens, deren Inhalt zumindest dem gebildeten common sense der Bürger im allgemeinen vertraut und verständlich ist“[19]. Diese soziale Kultur ist die Basis zur Verwirklichung der politischen Ideen unter anderem durch die „politischen Institutionen einer verfassungsmäßigen Ordnung und die öffentlichen Traditionen ihrer Interpretation“[20].

Die Unterscheidung durch diese Kriterien bezieht sich demnach vor allem auf den Geltungsbereich. Rawls differenziert weiter zwischen einer allgemeinen Konzeption, die so bezeichnet wird, „wenn sie auf einen weiten Bereich von Gegenständen (im Grenzfall auf alle Gegenstände) Anwendung findet“[21], und einer umfassenden, die so bezeichnet wird, „wenn sie Vorstellungen darüber, was im menschlichen Leben Wert hat, Ideale der Tugend und des Charakters einer Persönlichkeit und ähnliches mehr enthält, wodurch unser Handeln (im Grenzfall unser Leben als ganzes) geprägt wird“[22]. Religiöse und philosophische Lehren sind laut Rawls meistens allgemein und umfassend, selbst wenn sie nur teilweise umfassend sind, so überschreiten sie die Grenze des politischen und schließen nicht-politische Tugenden und Werte ein.[23]

Einerseits soll die Konzeption der Gerechtigkeit nun „die wichtigsten Institutionen des politischen und sozialen Lebens“[24] garantieren, die zur Verwirklichung eines individuellen Lebensplans – innerhalb der durch die Konzeption gesetzten Grenzen – hilfreich sind, und andererseits muss sie „verschiedene Ideen des Guten in Anspruch nehmen können“[25].

Die Einschränkung dieser Ideen besteht im Wesentlichen darin, dass sie politische Ideen sein müssen. Sie müssen also, wenn sie zu einer vernünftigen Konzeption gehören, „von freien und gleichen Bürgern geteilt werden oder geteilt werden können“[26] und sie dürfen „nicht irgendeine besondere vollständige (oder teilweise) umfassende Lehre voraussetzen“[27]. Dies wird durch den Vorrang des Rechten deutlich, was konkret bedeutet, dass „umfassende Konzeptionen des Guten nur dann zulässig sind und in der Gesellschaft verwirklicht werden dürfen, wenn sie der politischen Gerechtigkeitskonzeption entsprechen, das heißt, wenn sie deren Gerechtigkeitsgrundsätze nicht verletzen“[28].

[...]


[1] Rawls, John, Eine Theorie der Gerechtigkeit, aus dem Amerik. von H. Vetter, Frankfurt a. M. 1979.

[2] Kersting, Wolfgang, John Rawls zur Einführung, Hamburg 2004, S. 62.

[3] Rawls, John, Politischer Liberalismus, aus dem Amerik. von W. Hinsch, Frankfurt a. M. 2003.

[4] Rawls, John, Politischer Liberalismus, aus dem Amerik. von W. Hinsch, Frankfurt a. M. 2003, S. 266.

[5] Ebd., S. 266.

[6] Ebd., S. 267.

[7] Ebd., S. 266.

[8] Ebd., S. 266, 267.

[9] Ebd., S. 267.

[10] Ebd., S. 268.

[11] Ebd., S. 267.

[12] Ebd., S. 267.

[13] Ebd., S. 76.

[14] Ebd., S. 267.

[15] Ebd., S. 78.

[16] Ebd., S. 77.

[17] Ebd., S. 267, 268.

[18] Ebd., S. 79.

[19] Ebd., S. 79.

[20] Ebd., S. 79.

[21] Ebd., S. 268.

[22] Ebd., S. 268.

[23] Ebd., S. 268.

[24] Ebd., S. 268.

[25] Ebd., S. 268.

[26] Ebd., S. 269.

[27] Ebd., S. 269.

[28] Ebd., S. 269.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
John Rawls „Der Vorrang des Rechten und die Idee des Guten“ - ein Überblick
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Politischer Liberalismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V166914
ISBN (eBook)
9783640829316
ISBN (Buch)
9783640829385
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John Rawls, Idee des Guten, Politischer Liberalismus, Gerechtigkeitsprinzip, Maximin-Prinzip, Differenzprinzip, Vorrang des Rechten, Gerechtigkeit als Fairness
Arbeit zitieren
Rita Hering (Autor), 2009, John Rawls „Der Vorrang des Rechten und die Idee des Guten“ - ein Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166914

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