Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie - Ein Überblick


Rezension / Literaturbericht, 2011
6 Seiten

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Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie.

Von Natalie Romanov

„Der Besuch der alten Dame ist eine Geschichte, die sich irgendwo in Mitteleuropa in einer kleinen Stadt ereignet, geschrieben von einem, der sich von diesen Leuten durchaus nicht distanziert, und der nicht so sicher ist, ob er anders handeln würde“, so definiert der Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt sein groteskes Theaterstück, das ihm schließlich 1956 die finanzielle Unabhängigkeit brachte.

Dabei ist die Handlung des Stücks denkbar einfach: Die Milliardärin Claire Zachanassian- „zweiundsechzig, aufgedonnert, unmöglich, aber gerade darum wieder eine Dame von Welt, mit einer seltsamen Grazie, trotz allem Grotesken“ [S.22/1-3f]- kehrt in ihren Geburtsort Güllen zurück. Die dortige Bürgerschaft knüpft alle monetären Hoffnungen an diesen Besuch, da die Stadt gänzlich verschuldet ist, „dahinvegetiert, krepiert“ [S.14/18-19ff]. Die alte Dame ist bereit, der Stadt eine Milliarde zu schenken, verlangt jedoch dafür Gerechtigkeit: Claire will, dass sie einen ihrer Mitbürger, Alfred Ill, umbringen. Doch trotz der Behauptung „Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt“ [S.50/4-5f], nötigt die ansteigende Gier die Bürger der Stadt Güllen dazu, genau dies zu tun.

Was die alte Dame übrigens nur erwartet hat! Mit ihrer kurzen, befehlsgewohnten Art und Weise zu sprechen, sagt sie, die Entrüstung der Güllener auf ihren Vorschlag erwidernd: „Ich warte.“ [S.50/7f] und demonstriert dem Leser die Macht, die sie über jegliches Wesen auf der Welt zu haben scheint. „[…] wie eine griechische Schicksalsgöttin. Sollte Klotho heißen, nicht Claire, der traut man noch zu, dass sie Lebensfäden spinnt“ [S.34/8-10ff], eine Ansicht, die nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist, wenn man bedenkt, was Dürrenmatt alles getan hat, um diese Gestalt endgültig aus dem normalen Leben zu entfernen: Es wäre hier z.B. das künstliche Bein und die künstliche Hand zu nennen, die von einem Flugzeugabsturz herrühren, den sie als einzige überlebt hat. „Bin nicht umzubringen“ [S.40/5f] und damit ist es klar, dass Dürrenmatt mit seiner Figur „etwas Unabänderliches, Starres, ohne Entwicklung mehr“ geschaffen hat, das im Stück lediglich die Aufgabe eines Katalysators übernimmt. Denn die eigentliche Handlung des Stücks betrifft die Güllener und Alfred Ill, „dem verschmierten Krämer“, der in seiner Jugend die Zachanassian schwanger sitzen gelassen hat. „Ein alter Sünder“ [S.56/11f] oder doch der tragische Held, der am Ende ein sittliches Bewusstsein entwickelt und seinen Mitbewohnern mit Würde entgegentritt? „Ihr müsst nun meine Richter sein. Ich unterwerfe mich eurem Urteil, wie es nun auch ausfalle. Für mich ist es Gerechtigkeit, was es für euch ist, weiß ich nicht“ [S.109/4-7ff].

Überraschend ist jedoch, dass Dürrenmatt die „geldgierigen Lügner der Stadt Güllen“, wie man sich als Leser denkt, als Helden auftreten lässt: Der Bürgermeister, der Polizist, der Lehrer, der Pfarrer- kurz: die wichtigen Charaktere, die die Gemeinde bilden- sind „nicht böse, nur schwach wie alle“. Stehen sie alle zuerst auf Ills Seite, so finden sie langsam einen Weg, mit ausgefeilter Sprachtechnik, die Situation so zu drehen, dass sie keine andere Wahl haben, als ihn zu töten: „BÜRGERMEISTER: Es wäre doch nun eigentlich Ihre Pflicht, mit Ihrem Leben Schluss zu machen, als Ehrenmann die Konsequenzen zu ziehen, finden Sie nicht? Schon aus Gemeinschaftsgefühl, aus Liebe zur Vaterstadt. Sie sehen ja unsere bittere Not, das Elend, die hungrigen Kinder…“ [S.108/16-21ff] Aber es ist nicht nur der Bürgermeister, sondern auch der Pfarrer, der der Versuchung eine Milliarde geschenkt zu bekommen nicht widerstehen kann: „ILL: Auch Sie, Pfarrer! […] PFARRER: Flieh! Wir sind schwach, Christen und Heiden. Flieh, die Glocke dröhnt in Güllen, die Glocke des Verrats.“ [S.76/1-3ff] Obwohl Dürrenmatt jegliche politische oder religiöse Fixierung ablehnt, hat er doch die Kirche, die doch das „Zentrum der Moral“ bildet, in ein gänzlich schlechtes Licht gestellt, während der Lehrer, der den Humanismus verkörpert, am längsten gegen die überhand nehmende Korruption kämpft. „LEHRER: Lassen Sie den unheilvollen Gedanken der Rache fallen, Frau Zachanassian, treiben Sie uns nicht zum Äußersten, helfen Sie armen, schwachen, aber rechtschaffenen Leuten, ein etwas würdigeres Leben zu führen, ringen Sie sich zur reinen Menschlichkeit durch!“ [S.90-91/26-30ff] Am Ende ist es aber genau dieser überzeugte Humanist, der die pompöse Rede hält, in der er den zukünftigen Tod Ills rechtfertigt: „Es geht nicht um Geld- es geht nicht um Wohlstand, […], es geht darum, ob wir Gerechtigkeit verwirklichen wollen, und nicht nur sie, sondern auch all die Ideale...“ [S.121/18-22f]

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Details

Titel
Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie - Ein Überblick
Hochschule
BG/BRG Perchtoldsdorf
Autor
Jahr
2011
Seiten
6
Katalognummer
V166979
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
friedrich, dürrenmatt, besuch, dame, eine, komödie
Arbeit zitieren
Bsc Natalie Romanov (Autor), 2011, Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie - Ein Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166979

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