Suzanne Prou: "Die Schöne" ("Le Pré aux narcisses")

Zeitgenössische Frauenliteratur Frankreichs


Wissenschaftliche Studie, 2010

21 Seiten


Leseprobe

1. Suzanne Prou

Suzanne Prou wurde 1920 in Grimaud (Département Var) geboren. Als Offizierstochter hat sie bereits in ihrer Kindheit und Jugend viel von der Welt gesehen, z.B. Algerien und Indochina. In Marseille hat sie ihre Schulzeit beendet, in Aix-en-Provence Literatur studiert. Nach kurzer Lehrtätigkeit und anschließender Heirat ist sie mit ihrem Mann nach Paris gezogen, wo sie heute noch [1990] im 15. Arrondissement wohnt, das sie in „La petite boutique“ beschrieben hat.

Suzanne Prou ist erst relativ spät eine professionelle Schriftstellerin geworden: Mit 46 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Les Patapharis“, dem dann Jahr für Jahr weitere Werke folgten, darunter Erzählungen oder andere epische Texte, die in der Provence spielen, aber auch Szenen aus dem Provinzleben und aus den Orten ihrer erdachten oder verwirklichten Reisen. Daneben gehören Kinderbücher zu ihrem Werk, schließlich (auto-)biographische Schriften, ein ausgesprochener Kriminalroman und die Studie „Mauriac et la jeune fille“. Übersetzt liegen bisher nur vier ihrer Romane vor: „Die Terrasse der Bernardinis“ (Langen/Müller 1976); „Edmée im Spiegel“ (Nymphenburger 1978); „Die Schöne“ – gemeint ist „Le Pré aux narcisses“ – (Hoffmann und Campe 1984) und „Die Freunde des Monsieur Paul“ (Hoffmann und Campe 1986). Durch die Darstellung und Interpretation ihrer Erzählung „La Dépêche“[i], durch die Textedition dieses Werkes als Schulausgabe[ii] und durch zwei Interviews[iii] ist Suzanne Prou dem deutschen Fachpublikum bereits vorgestellt worden, so dass hier auf weitere Angaben zu Person und Werk verzichtet werden kann.

2. Themen und Formen

Suzanne Prous Werk ist vor allem durch ihre Kindheit und Jugend und durch die Orte bestimmt, an denen sie lange Zeit gelebt hat. Die Erlebnisse der Kindheit, die erste Liebe der Jugendlichen und die Erinnerungen der mittleren und ältern Generation bilden zentrale Themen ihrer Romane. Dabei dominieren als literarische Figuren das Mädchen und die Frau; sehr gerne zeigt Suzanne Prou dies auch durch die jeweils gewählte Romanperspektive. Neben den Personen spielt der genius loci in ihrem Werk eine große Rolle. Suzanne Prou hat ein sehr inniges Verhältnis zur Natur und zur Landschaft. Wenn sie auch den (Groß-)Stadtroman kennt, so bevorzugt sie es doch, das Geschehen ihrer fiktiven Welt im Dorf, auf dem Land, in der Provinz ablaufen zu lassen. Verschiedene Titel deuten dies an: „Les Demoiselles sous les ébéniers“; „L’Eté jaune“; „Méchamment les oiseaux“; „La Terrasse des Bernardini“; „Les Femmes de la pluie“; „Le Voyage aux Seychelles“; „Jeanne l’hiver“; „Le Cygne de Fanny“; „Le Pré aux narcisses»; «La petite Tonkinoise». Suzanne Prous Vorliebe für Natur und Landschaft zeigt sich in den zahlreichen Porträts ihrer Protagonisten und in ihrer Vorliebe vor allem für die Blumen ihrer Heimat, für ihre Farben und Düfte. Ausführliche Beschreibungen (der Narzissenwiese) und Schilderungen (eines Unwetters, eines Brandes und der Weinernte) wie z.B. in „Le Pré aux narcisses“ werden von sparsamen Federstrichen abgelöst, die aber gerade dadurch ein ebenso deutliches Licht auf eine Person oder ein Ereignis werfen können: Das ausführlich dargestellte Hochzeitsmahl kontrastiert mit der knappen Schilderung der standesamtlichen und der kirchlichen Trauung von Marie und Gilles; die detaillierte Beschreibung des Zimmers, das Isabelle bekommt, erhält durch die kurzen Hinweise zur Unterkunft ihres Bruders nur noch größeres Gewicht. Bei Suzanne Prou herrscht die Kunst der Symbolik und Metaphorik (besonders: die Symbolik bestimmter Blumen!), der Evokation und Allusion, der Antizipation und Retrospektive vor. Ihre besten – meist ihre kürzeren (!) – Romane und Erzählungen wie z.B. „La Dépêche“ müssen immer wieder auf dem Hintergrund des Ausgesparten, des Ungesagten interpretiert werden. Dabei zeigt sich, dass Suzanne Prou „ewige Fragen“ – wie sie in einem Interview sagt – stellt, nämlich nach Liebe und Hass, nach Langeweile und Einsamkeit, nach Angst und Tod. Suzanne Prou ist vom französischen Romanschaffen vor allem seit Flaubert beeinflusst. Zu ihren Vorbildern zählen Proust und Mauriac, Colette und Nathalie Sarraute. Der moderne amerikanische Roman hat sie ebenso sehr geprägt wie natürlich der nouveau roman. So findet sich in ihrem Werk einmal mehr eine traditionelle, zum andern aber gerade auch eine modernere Erzählform, bei der es weniger um das Ereignis und die Handlung als um die Art und Weise der Darstellung geht, wie sie es in vollendeter Form in „La Dépêche“ gezeigt hat. Die prismenhaft veränderte Wirklichkeit in der romanesken Fiktion ist es, was Suzanne Prou mit ihrer schriftstellerischen Arbeit anstrebt. Daher ist sie fast aus-schließlich an Beschreibung und Darstellung in der ersten oder dritten Person (Singular), in der indirekten Rede oder im inneren Monolog interessiert – direkte Rede und Dialoge sind bei ihr nur selten anzutreffen. Wenn diese die Welt wie in einem Spiegel erscheinen lassen, so sucht Suzanne Prou eine Schreibweise, bei der das Licht der außerliterarischen Wirklichkeit wie durch eine Linse fällt und damit gebrochen wird.

Über Suzanne Prous Romanschaffen könnte ein Zitat aus ihrem mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten – und auch verfilmten – Roman „La Terrasse des Bernardini“ stehen: „Il n’existe pas de vérité. L’une et l’autre interprétation des faits (…) peut se soutenir. Il est probable, même, que les deux sont justes, tant les sentiments des humains sont mêlés, tant leurs mobiles secrets leur demeurent à eux-mêmes souvent cachés.»[iv]

3. «Le Pré aux narcisses» - kurze Inhaltsangabe

In der Nähe des provenzalischen Dorfes Suviane – das an Lacoste oder auch Oppède erinnert, ohne mit dem einen oder anderen identisch zu sein - wird eines Tages die Leiche eines jungen Mädchens entdeckt. Es steht bald fest, dass die schöne Unbekannte vergewaltigt und ermordet worden ist. Dieses außergewöhnliche Geschehen ist Anlass für mannigfaltige Spekulationen der verschiedenen Dorfbewohner. Als nach der von den örtlichen Behörden angeordneten kirchlichen Bestattung der „Schönen“ – wie sie nun allgemein genannt wird - etwa ein Viertel Jahr später eine unbekannte Familie sich in Suviane ein Hotel sucht, regt dies die inzwischen beruhigten Gemüter erneut an. Schnell spricht sich herum, dass es sich hierbei um die engsten Angehörigen der Toten handelt, die der Vermissten aufgrund einer Zeitungsanzeige auf die Spur gekommen sind. Durch entsprechende Kontakte der Familie der etwa 15jährigen Erzählerin erfährt der Leser einiges über das Vorleben der Schönen, deren wirklicher Name Adrienne ist. Ihre jüngere Schwester Isabelle gleicht der toten Adrienne so sehr, dass Arnaud, der Zwillingsbruder der Erzählerin, spontan seine ursprüngliche Zuneigung zu Adrienne nun auf Isabelle überträgt und konzentriert. Durch den vorübergehenden Aufenthalt Isabelles und ihres Bruders Francis im Haus der Erzählerin ergeben sich für Arnaud und Isabelle Möglichkeiten der Vertiefung ihrer Jugendliebe. Die tote Adrienne scheint vergessen.

Parallel zu dieser Handlung verläuft die Geschichte von Marie, der älteren Schwester von Arnaud und der Erzählerin. Sie hat – obwohl immer kränklich und äußerlich wenig attraktiv – in dem jungen Tierarzt Gilles aus dem Nachbarort Rouvier einen Verlobten gefunden, der sie bald zum Traualtar führen möchte.

Als das Ende der Sommerferien naht, bittet Isabelle die Erzählerin, die insgeheim an ihren Bruder Arnaud gerichteten Briefe diesem weiterzureichen, um so die Korrespondenz der Verliebten zu ermöglichen und fortzuführen. Darüber hinaus bietet sich um Aller-heiligen – also anlässlich der traditionellen schulischen Kurzferien, „Brücktage“ genannt - für Arnaud und Isabelle die Chance des Wiedersehens in einem Hotel in Marseille, was den strengen Eltern mit Hilfe der Erzählerin verheimlicht wird. Inzwischen beginnen die Vorbereitungen für die Hochzeit der älteren Schwester Marie. Die Trauung findet in den Weihnachtsferien statt, so dass nicht nur die Erzählerin und Arnaud, die in einer anderen Stadt das Gymnasium – mit angeschlossenem Internat – besuchen, sondern auf Wunsch von Arnaud auch Isabelle an den Feierlichkeiten teilnehmen kann.

In den Osterferien sind Arnaud und seine Schwester wieder zu Hause in Suviane. Sie erfahren dort von ihrer Mutter, dass sie die Entwicklung ihrer nun verheirateten Tochter Marie mit Sorge begleitet. Nachdem die beiden Jugendlichen sich selbst bei Marie ein Bild von ihr verschafft haben, vermögen sie ihre Mutter zwar zu beruhigen, aber der Schein trügt: Am Morgen des Ostersamstags findet sie ihre völlig verstörte Tochter vor der Terrassentür liegen. Maries Bericht zufolge hat sie in einem Wandschrank die Handtasche und den Personalausweis der ermordeten Adrienne gefunden. Ihr blieb nur noch die Flucht über die Narzissenwiese zu ihrem Elternhaus. Abends erscheint der Polizeimeister, der lakonisch Gilles’ Selbstmord mitteilt.

Der Roman schließt mit der Erwartung, dass Marie von nun an immer in ihrem Elternhaus bleiben wird und mit der Information, dass die Jugend-liebe zwischen Arnaud und Isabelle bald beendet ist. Dadurch stellt sich das frühere, sehr innige Verhältnis zwischen Arnaud und seiner Schwester wieder ein, die – als Ich-Erzählerin – ihren Bericht in einer sehr glücklichen Verfassung abschließt.

4. Die drei Einheiten: Aspekte der Erzählstruktur

Wie z.B. in „La Dépêche“, so scheint sich Suzanne Prou auch in „Le Pré aux narcisses“ an der klassischen Lehre der drei Einheiten – ursprünglich für das Theater entwickelt, dessen Darstellungs-möglichkeiten und Zuschauererwartungen ganz andere als beim Roman sind – zu orientieren.

4.1. Die Einheit der Zeit

Text- und Handlungsstrukturierung erfolgen durch den chronologischen – und als solchen auch explizit festgehaltenen – Fortschritt der erzählten Zeit, der durch entsprechende zeitliche Angaben markiert ist: durch die Hinweise auf die vier Jahreszeiten, auf die christlichen Feste wie Ostern und Weihnachten (zusätzlich: Mariä Himmelfahrt und Allerheiligen) und auf den Rhythmus von Schul- und unterrichtsfreier (d.h. Ferien-)Zeit. Die 22 typographisch abgesetzten Kapitel des Romans lassen sich unter dem Aspekt der Zeit wie folgt gliedern:

Kap. 1 u. 2: außerhalb der erzählten Zeit, da Einführung allgemeiner Art
Kap. 2: Überblick über Jahreskreis mit drei Höhepunkten: Oster-, Weihnachts- und Sommerferien
Kap. 3: Woche vor Palmsonntag
Kap. 3, 4 u. 5: Osterferien
Kap. 6: Ende des 3. Trimesters
Kap. 6: 1. Teil des Abiturs
Kap. 7: Sommerferien (bis Kap. 14)
Kap. 8: August
Kap. 9 u. 10: Sommerferien (Forts.)
Kap. 11: 15. August
Kap.12: Nach dem 15. August
Kap. 13: Sommerferien (Forts.)
Kap.14: Nach dem 15.September; „rentrée“ (= Beginn des neuen Schuljahres)
Kap. 14: Allerheiligen-Ferien
Kap. 15: Ende des 1. Trimesters; Beginn der Weihnachtsferien
Kap. 16-19: Weihnachtsferien
Kap. 19: u.a.: 1. Januar; Ende der Weihnachtsferien
Kap. 20: 2. Trimester; Beginn der Osterferien
Kap. 20: Karfreitag
Kap. 21: Karsamstag
Kap. 22: 3. Trimester; Ende der Osterferien

Diese Gliederung erlaubt es einerseits, von der Eindimensionalität, Linearität und Unumkehrbarkeit der Zeit zu reden; andererseits lässt Suzanne Prou wohl nicht zufällig ihr Romangeschehen durch alle Jahreszeiten laufen, wobei Anfang und Ende jeweils in die Osterferien, die Zeit der Narzissenblüte, fallen. Liegt es hier nicht nahe – auch unter inhaltlicher Perspektive -, mehr an eine zyklische Struktur zu denken: von Ostern zu Ostern; von der Angst Adriennes zur Angst Maries; vom Tod Adriennes bis zum Selbstmord Gilles’; vom ursprünglichen Glück der in der heilen Welt aufgewachsenen Erzählerin zum wieder-gefundenen Glück in einer Welt, deren Wunden zu verheilen beginnen?

4.2 Die Einheit des Ortes

Die Einheit des Ortes wird durch die Konzentration der Handlung auf die beiden benachbarten – wenn auch verfeindeten – Dörfer Suviane und Rouvier hergestellt und durchgehalten. Dieses Prinzip wird, ohne negative Wirkung für den Einheitsgedanken, durch Hinweise auf das Internatsleben in der benachbarten Großstadt und auf zwei Badeausflüge durchbrochen. Während die Ich-Erzählerin sich nur an diesen Orten aufhält, liegt mit der Erwähnung des Treffens von Arnaud und Isabelle in Marseille – im übrigen auch der Herkunftsort von Isabelles Familie – kein Verzicht auf die Konzentration des Geschehens an einem einzigen Ort vor. Wenn Suviane und – sekundär – Rouvier die Orte der Haupthandlung sind, dann müsste dies noch weiter präzisiert werden: Denn Suzanne Prou schildert und beschreibt dabei u.a. das häusliche Interieur der Familie der Erzählerin und ihres zukünftigen Schwagers Gilles, die beiden Ortschaften selbst (Straße, Plätze, Geschäfte, Restaurants, Hotels, Kirchen usw.), den Friedhof, die Narzissenwiese, den Wald (Waldbrand!) und die Weinberge (Ernte!).

4.3 Die Einheit der Handlung

Die Lektüre des Inhalts mag beim Leser den Eindruck erweckt haben, als ob es sich in „Le Pré aux narcisses“ um verschiedene Handlungen bzw. um eine zeitliche Parallelität von Haupt- und Nebenhandlungen handelte. Aber Suzanne Prou zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, die Fäden der Handlung bzw. die beiden nur scheinbar getrennten Handlungsstränge spätestens immer dann zusammenzuführen, wenn sie sich zu verselbständigen drohen: die eine – Belle/Adrienne und die Geschichte der Aufklärung des Mordes – stellt das Prinzip ‚Tod’ dar, die andere – Marie und ihre zukünftige Heirat mit Gilles – (zuerst einmal) das Prinzip ‚Leben’. Aber auch Belle/Adrienne verkörperte einmal das Prinzip ‚Leben’, und am Ende des zweiten Handlungsstrangs steht erneut der Tod dar. Beide Handlungselemente sind also aufeinander bezogen.

Noch deutlicher wird dies erkennbar durch ihre Verbindung über die drei Hauptpersonen Isabelle, Arnaud und seine Schwester, die Ich-Erzählerin. Die Personenkonstellation des Romans wird in der folgenden schematischen Übersicht deutlich:

Es gibt eine doppelte Verbindung zwischen beiden Familien, aber beide Verbindungen sind nur temporär und von höchst unterschiedlicher Natur:

Arnaud und Isabelle eint das Band der (Jugend)-Liebe; Gilles und Adrienne verbindet der Tod: So wie durch Adriennes Tod am Anfang des Textes eine Verbindung zu Gilles, dem Mörder, hergestellt wird, so wird sie durch Gilles’ Selbstmord am Ende der Handlung wieder gelöst. Am Schluss ist jede Familie wieder auf sich gestellt.

5. Die Erzählerin und ihr Bericht

5.1 Die Ich-Erzählerin

„Le Pré aux narcisses“ wird von Arnauds Zwillingsschwester in der Ich-Form erzählt. In dieser Rolle stellt sie – das stumme „e“ des Partizips „né“ verweist sofort auf eine weibliche Person! - sich bereits im ersten Satz des Romans vor: „Je suis née à Suiviane.“[v] Der Leser muss sich von Anfang an bewusst sein, dass sie immer eine doppelte Funktion einnimmt: sie ist Erzählerin und handelnde Person zugleich. Da sie nicht mehr viel mit dem klassischen Erzähler des großen europäischen Romans gemeinsam hat, erfahren wir in der Regel nur Dinge, die sie selbst erlebt hat oder allenfalls die ihr berichtet worden sind. Wir halten uns meist nur an Orten auf, an denen sie persönlich anwesend ist. Da Suzanne Prou auf Dialoge verzichtet, sehen wir die kleine Provence-Welt der Erzählerin und ihrer Jugend nur – quasi monoperspektivisch – durch ihre Brille. Wie in einem ‚journal intime’ müssen wir nolens volens jeweils ihre Auswahl der Fakten, ihre Gefühle und Bewertungen zuerst einmal annehmen, um dann – eventuell – einigermaßen objektiv andere Personen sehen zu lernen und beurteilen zu können.

5.2 Die Erzählerin und ihre Familie

Konstituierend für den Roman und gleichsam Voraussetzung zum Verständnis der seelischen Entwicklung der etwa 15jährigen Ich-Erzählerin ist ihr Verhältnis zu ihrem Bruder Arnaud. Es ist interessant zu beobachten, wie Suzanne Prou den Bruder der Ich-Erzählerin literarisch einführt: Sie stellt zu Beginn des ersten Kapitels Aspekte der Landschaft vor, in der die Romanhandlung ablaufen wird. Dabei spielt die Narzissenwiese, die im französischen Originaltitel des Romans erscheint, bereits eine zentrale Rolle. Diese Blumen strömen einen starken, fast betäubenden Geruch aus. „Elle faisait dire autrefois à nos parents, quand nous rapportions de grosses bottes de narcisses, mon frère et moi: (…)» (8). Ihr Bruder Arnaud wird von der Erzählerin primär als der Begleiter ihrer Streifzüge durch Feld und Flur, als bester Kamerad gesehen, während er bereits im folgenden Kapitel auch als ebenbürtiger geistiger Partner vorgestellt wird, mit dem sie gemeinsam Verse aus Victor Hugos „La Légende des siècles“ auswendig lernt. Da sie beide in einem Internat in der benachbarten größeren Stadt – Suviane und Rouvier dürften Dörfer sein, die allenfalls über eine Grundschule verfügen – ihre Schulzeit verbringen, ergeben sich allein durch diesen äußeren Umstand viel mehr Berührungspunkte als zu anderen Mitgliedern der Familie oder zu gleichaltrigen Jugendlichen des Heimatdorfes, das sie oft nur zu den Feiertagen oder in den Ferien aufsuchen können. Wir müssen uns das ‚Paar’ Arnaud und seine Schwester wie eine kleine verschworene Gemeinschaft vorstellen, die sich nach außen abkapselt. Dies wird um so deutlicher, je intensiver die Erzählerin auf ihr Verhältnis zur größeren Schwester Marie zu sprechen kommt. Auch sie wird bereits zu Anfang des Romans vorgestellt, und zwar in dem oben zitierten Zusammenhang der stark riechenden Narzissen. Der oben nicht zitierte Vorwurf der Eltern gegenüber Arnaud und seiner Zwillingsschwester lautet nämlich: „Sortez ces fleurs d’ici tout de suite, vous savez bien que Marie a facilement la migraine.“ (8) Marie wird nun als die um fünf Jahre ältere, aber kränkliche und wenig ansehnliche Schwester eingeführt, die ganz andere Neigungen und Interessen als ihre jüngere Schwester und auch Arnaud hat – wahrscheinlich auch einen anderen Bildungshintergrund -, so dass es zwischen den drei Geschwistern kaum gemeinsame Berührungspunkte gibt. Folgt man der Erzählerin, so hielten sie und ihr Bruder ihre Schwester Marie für eine andere Sorte Mensch, so dass es einen Abgrund zwischen ihnen und ihr gab. „Sans doute eussions-nous été jaloux de Marie si nous n’avions été tous deux indestructiblement unis, et si nous n’avions trouvé l’un dans l’autre la tendresse dont nous avions besoin.» (14).

[...]


[i] Klaus Bahners/Franz-Rudolf Weller, Zeitgenössische Frauenliteratur Frankreichs. Suzanne Prou: La Dépêche, Die Neueren Sprachen 84 (1985), S. 483-500; dies., Suzanne Prou: La Dépêche. Frankfurt: Diesterweg 1988 (Materialien und didaktische Analysen zum Verständnis der französischen Literatur).

[ii] Suzanne Prou: La Dépêche. Texte intégral présenté et annoté par Klaus Bahners et Franz-Rudolf Weller. Frankfurt: Diesterweg 1985 (Diesterwegs neusprachliche Bibliothek. Französische Abteilung – Neue Serie).

[iii] En guise de préface: Entretien avec Suzanne Prou. (Propos recueillis le 24 octobre 1984) [ z.T. veröffentlicht in: La Dépêche 1985, S. 3-15], vollständig veröffentlicht in dem in Anm. 1 genannten Materialienband, S. 73-88; J’écris n’importe où, n’importe quand. Berliner «rencontre-débat» am 25. Oktober 1984, veröffentlicht in Lendemains. Zeitschrift für Frankreichforschung und Französisch-studium 9 (1984), Heft 36, S. 130-144.

[iv] Suzanne Prou: La Terrasse des Bernardini, Paris: Calman-Lévy 1973, S. 154.

[v] Suzanne Prou: Le Pré aux narcisses, Paris 1983 (livre de poche 5922), S. 7. Eine vollständige Schulausgabe des Textes hat Klaus Bahners 1990 im Diesterweg-Verlag (Best.-Nr. 4939) herausgegeben.

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Details

Titel
Suzanne Prou: "Die Schöne" ("Le Pré aux narcisses")
Untertitel
Zeitgenössische Frauenliteratur Frankreichs
Veranstaltung
-
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V167161
ISBN (eBook)
9783640835683
ISBN (Buch)
9783640835867
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Verfasser präsentiert eine der schönsten Erzählungen von Suzanne Prou, die rd. 30 Romane, Erzählungen, Kinderbücher u.dgl. verfaßt hat. Nach einer Einführung in Leben und Werk referiert der Verf. den Romaninhalt und analysiert die klassische Struktur dieser Ich-Erzählung. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die junge Erzählerin, ihr Verhältnis zu dem unerhörten Ereignis in ihrem Provence-Dorf, die Porträtierung der Hauptpersonen und die Analyse der kollektiven Mentalität. Der Verfasser geht der Frage nach Schuld und Sühne nach und ordnet das Ganze in traditionelle Mythen und Motive ein.
Schlagworte
suzanne, prou, schöne, zeitgenössische, frauenliteratur, frankreichs
Arbeit zitieren
Klaus Bahners (Autor), 2010, Suzanne Prou: "Die Schöne" ("Le Pré aux narcisses"), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167161

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