Die Querela Pacis des Erasmus von Rotterdam – der Pazifismus in seiner Entstehung und politisch-historischen Auswirkung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einführung

2.1) Die Entstehung und Widmung
2.2) Politisches Umfeld und historische Situation
2.3) Verbreitung und Wirken des pazifistischen Gedankens

3) Nachbetrachtung

4) Bibliographie

1) Einführung

Die nachfolgende Abhandlung befasst sich mit der von Erasmus von Rotterdam 1517 hervorgebrachten Klage des Friedens, im Lateinischen Querela oder auch Querimonia Pacis, sowie der Entstehung des pazifistischen Gedankens. In der damaligen Zeit, das heißt zur sich vollziehenden Epochenwende vom Mittelalter zur Neuzeit, ist Erasmus auf Grund der komplizierten politischen Situation, die oftmals zu Kriegen eskaliert, nicht die einzige Person, die sich mit dem Thema Frieden auseinander setzt. „Dennoch sollte - außerhalb der wissenschaftlichen Welt - eigentlich nur einem einzigen Autor und Wortführer des Friedens von damals ein Fortleben bis heute beschieden sein: dem Schriftsteller Erasmus von Rotterdam“1. Der wahrscheinlich am 27. oder 28. Oktober 1469 geborene2 Holländer tritt allerdings auch schon vor seiner Klage des Friedens mit ähnlichen Schriften für den Frieden ein. Bereits 1503 beschreitet er mit seinem Enchiridion militis christiani erstmals den Weg zum Friedensmahner. Im Lob der Torheit von 1509 verurteilt Erasmus dann die Fürsten für ihre übermäßige Kriegslust. 1514 kritisiert er als anonymer Autor der Schrift Dialogus Iulius exclusus e coelis den verstorbenen Papst Julius II. für sein unchristliches Leben als Kriegsherr. Im selben Jahr schreibt Erasmus auch den als Vorläufer der Querela geltenden Brief an den Abt von St. Bertin in St. Omer, Anton von Bergen, in dem er seinen Antikriegsgedanken Ausdruck verleiht. In einer Neuauflage seiner Adagia erscheint dann 1515 die Antikriegsschrift Dulce bellum inexpertis, in der Erasmus die kommende Herrschergeneration vor den ihnen noch unbekannten Schrecken des Krieges warnen will. Im Zuge dieses Vorhabens und in der Eigenschaft als theologischer Berater des jungen Prinzen Karl, dem späteren Kaiser Karl V, verfasst er 1516 für diesen die Institutio Principis Christiani. In ihr fordert Erasmus den späteren Herrscher eines Reiches, in dem die Sonne nicht untergeht, auf, lieber den Anspruch auf ein bestimmtes Territorium aufzugeben, als deswegen Krieg zu führen. 1517 fertigt Erasmus von Rotterdam im Hinblick auf das anstehende Friedensbündnis von Cambrai seine Querela an, die die vergangenen Schrecken verdammen und die hoffnungsvolle Zukunft preisen soll.

In welcher politischen Situation des erasmischen Umfelds entsteht diese für den heutigen Pazifismus wichtige Schrift? Welche Bedeutung hat sie für die Zeitgenossen des Erasmus und wie bestreitet sie ihren Weg durch die folgenden Jahrhunderte bis in die Gegenwart? Diese Fragen sollen in den nun nachfolgenden Kapiteln behandelt und beantwortet werden.

2.1) Die Entstehung und Widmung

Ähnlich wie die Institutio steht auch die Anfertigung der Querela in engem Zusammenhang mit der Tätigkeit des Erasmus als Ratgeber am Hof des jungen Karl. Durch den Kanzler von Brabant, Jean le Sauvage, bekommt er 1515 den Titel eines Rates des Erzherzogs, 1516 wird er dann offiziell zum Rat ernannt. Lohn dieses Ehrentitels, denn mehr stellt er eigentlich nicht dar, ist eine unregelmäßig gezahlte jährliche Pension von 200 Gulden. Doch Erasmus erfasst die einmalige Chance und schreibt für den späteren Herrscher Karl V und seinen jüngeren Bruder Ferdinand die Institutio. Ist dieser Fürstenerziehung noch eher ein persönlicher Zweck, nämlich, neben vielen anderen, die Anleitung der beiden Habsburger zu mehr Friedenswillen, zuzuordnen, so entsteht die Querela aus politischen und diplomatischen Gründen heraus: „Es ist durchaus begreiflich, dass Erasmus mit seiner Schrift sogar bewusst dem Interesse jener Partei am Habsburgischen Hofe gedient hat, die den Frieden mit Frankreich erhalten wollte.“3

Im Vorfeld der sich anbahnenden Verständigung der noch jungen, nun nachfolgenden Regenten Heinrich VIII von England, Franz I von Frankreich, Karl V als zukünftiger Kaiser und auch dem aktuellen Papst Leo X sollte Erasmus dem friedliebenden Kanzler Le Sauvage helfen, den Parteien durch eine entsprechende Schrift ein Bündnis zu empfehlen. Doch die genauere politische Situation vor und nach dem geplanten Treffen in Cambrai soll später ausführlich beleuchtet werden. Dem Wunsch seines de facto Vorgesetzten entsprechend, beginnt Erasmus gegen Mitte des Jahres 1516 mit der Arbeit an der Klage des Friedens. Bei seinem nun folgenden Schaffen befindet sich Erasmus stets im nahen Umfeld der diplomatischen Verhandlungen. Nicht nur durch Le Sauvage und dessen kongenialen Partner und Erzieher des jungen Karl Guillaume Chièvres, sondern auch durch seinen englischen Freund und Diplomaten Tunstall wird er fortwährend über den Stand der Dinge unterrichtet. So erfährt er denn auch den vorläufigen Termin des Treffens zu Cambrai: 2. Februar 1517. Im Umfeld dieses Ereignisses soll die Querela dann auch erscheinen.

Wie weit aber ist Erasmus mit seiner Schrift? Nach Otto Herding4 läßt sich diese Frage nur durch Hypothesen beantworten. In der Einleitung zu seiner Ausgabe der Querela Pacis in den Gesamtwerken des Erasmus nennt Otto Herding verschiedene Anhaltspunkte. Mit Sicherheit ist mittlerweile ein Vollendungsdatum der Querela vor dem 30. Mai 1517 anzunehmen. In einem dementsprechend datierten Brief an seinen englischen Freund Thomas Morus berichtet Erasmus von der Absendung verschiedener Schriften, darunter auch die Klage des Friedens, an den Druckmeister Johannes Froben in Basel. Dort nämlich soll die Querela in einem Band mit der Utopia des Morus erscheinen. Allerdings setzt dieser 30. Mai nur den äußersten Zeitraum fest. „Wie lange vorher? Schon am 20. Januar von Brüssel aus und wieder am 11. März aus Antwerpen schickt er sich an, eine Sendung nach Basel fertig zu machen. Ob eine von ihnen oder gar beide mit den schließlich am 30. Mai abgeschickten Werken identisch sind, lässt sich nicht ausmachen.“5 Auf Grund eines Briefes des Erasmus an Bartolini vom 10. März 1517 befindet sich die Arbeit an der Klage des Friedens zu diesem Zeitpunkt zumindest an der Stelle der Frankreich-Preisung. Die Crux besteht allerdings in der Tatsache, dass die Schrift natürlich auch bereits fertig sein kann. Otto Herding hat denn auch ein kurzes, aber schlüssiges Fazit gezogen: „In Summa: wahrscheinlicher Beginn der Arbeit nach Mitte August 1516; Beendigung vermutlich Frühjahr (März/Mai) 1517.“6

Bleibt noch die Frage nach der Widmung der Querela Pacis zu klären. Noch vor Erscheinen der ersten Druckausgabe, schickt Erasmus am 5. Oktober 1517 eine handgeschriebene Kopie des Textes nach Utrecht: zu Bischof Philipp von Burgund. Der Bruder von David von Burgund, eben jenem vormaligen Bischof von Utrecht, der Erasmus die Priesterweihe verlieh, stammt einem burgundischem Adelsgeschlecht ab, wächst am Hofe Kaiser Maximilians auf und übernimmt später „politische Aufgaben als Admiral von Flandern und Gouverneur von Geldern.“7 Zu Beginn des Jahres 1517 wird Philipp dann aus dem Laienstand zum Bischof erhoben. Ist allein schon diese Position durch ihren Einfluss auf die niederländische Politik für den angestrebten Ausgleich der sich befehdenden Herrscher wichtig, so darf doch ein Blick auf den Vater Philipps nicht fehlen. Bei diesem handelt es sich um keinen geringeren als Herzog Philipp, seit 1419 auch Herr über die Niederlande. Und genau wie sein Vater, so war auch sein Bruder David zeitlebens ein Freund des Friedens. Erasmus ermahnt daher auch Philipp in seiner Widmung, gemäß dem Tun seiner Anverwandten zu handeln und dem Frieden einen Weg zu ebnen. Als bis 1543 unüberwindbares Hindernis erweist sich dabei der Streit um das Herzogtum Geldern, das seit 1473 durch die Eroberung Karls des Kühnen zu Burgund gehört, auf das Karl V allerdings Erbansprüche besitzt. „Lobend erwähnt[e] Erasmus, dass sich Philipp von Burgund nur ungern vom Herzog Karl für dieses Amt hat[te] gewinnen lassen, was die Hoffnung für beste Eignung gibt“.8 Eben dieser Philipp wird später wiederholt und ebenso vergebens versuchen, Erasmus für ein öffentliches Amt zu gewinnen. Doch „ein Friedensfürst zu werden, sei auch diesem nicht vergönnt gewesen“9, genau wie seinem Vater Herzog Philipp und seinem Bruder und Amtsvorgänger David von Burgund.

[...]


1 Otto Herding: „Erasmus - Frieden und Krieg“ S. 13, In: Erasmus und Europa, hrsg. von August Buck, Wiesbaden 1988

2 Johan Huizinga: „Erasmus“ S. 11, Base]l 1951

3 Wim Blockmans „Die politische Theorie des Erasmus und die Praxis seiner Zeit“ S. 58, In: „Erasmus von Rotterdam - Die Aktualität seines Denkens“ hrsg. von Weiland/Blockmans/Frijhoff, Hamburg 1988

4 „Erasmi Opera Omnia IV-2“ S.10, hrsg. von Otto Herding, Amsterdam/Oxford 1977

5 ebd. S. 10

6 ebd. S. 11

7 „Die Klage des Friedens“ Erasmus von Rotterdam, S. 22, hrsg. von Brigitte Hannemann, Zürich 1998

8 ebd. S. 22

9 „Erasmi Opera Omnia“ S. 7, a.a.O.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Querela Pacis des Erasmus von Rotterdam – der Pazifismus in seiner Entstehung und politisch-historischen Auswirkung
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Erasmus von Rotterdam
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
20
Katalognummer
V167331
ISBN (eBook)
9783640838103
ISBN (Buch)
9783640838646
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erasmus von Rotterdam, Humanismus, Querela Pacis, Literatur, Pazifismus, Theologie, Religion, Politik, Europa, Frühe Neuzeit
Arbeit zitieren
Magister Artium Andre Hoffmann (Autor), 2000, Die Querela Pacis des Erasmus von Rotterdam – der Pazifismus in seiner Entstehung und politisch-historischen Auswirkung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167331

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